Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Nous

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Das Titelbild zeigt einen Mann im Anzug, der auf einer Gartenterrasse einen Tee trinkt. Hinter ihm liegen auf einer Art Sofa ein aufgeschlagenes Buch und eine rote Mappe. An einer Säule hängt ein expressionistisches Bild einer tanzenden Figur. Ein digitaler Button oben links zeigt das Piktogramm eines Käfers mit ausgebreiteten Flügeln.

♫ The Labour of Emer­gence ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor end­lich doch noch, nach müh­sa­men Ver­su­chen, in Trance zu fal­len. Jetzt bin ich wie­der in ver­trau­ter Umge­bung. Von Anfang an ist es in mei­ner Ima­gi­na­tion immer die­ser Kor­ri­dor mit den nack­ten Zie­gel­wän­den und den ver­blas­sen­den Fres­ken an der gewölb­ten Decke gewe­sen, der mich zu mei­nen ver­gan­ge­nen Leben geführt hat. Ich stu­diere sie, um für meine For­schun­gen als His­to­ri­ker Details und Infor­ma­tio­nen zu gewin­nen, wel­che die Quel­len, die mir als Wis­sen­schaft­ler zur Ver­fü­gung ste­hen, nie­mals her­ge­ben wür­den. Natür­lich darf kei­ner mei­ner Kol­le­gen oder gar der Insti­tuts­lei­ter davon erfah­ren.

Dies­mal jedoch ist es anders. Am Ende des Kor­ri­dors erwar­tet mich keine Tür, die mich in jeweils andere meist längst ver­gan­gene Zei­ten mit einer mir selt­sam ver­trau­ten Umge­bung führt – dies­mal öff­net sich der Kor­ri­dor in einen Gar­ten, der mir ganz fremd vor­kommt. Er emp­fängt mich mit einer fast über­wäl­ti­gen­den Far­ben­pracht, betäu­ben­den Blü­ten­düf­ten und dem Sum­men gan­zer Heer­scha­ren von Insek­ten. Ein dicker Brum­mer, wohl ein Mist­kä­fer, hält auf mich zu, und ich muss mich schnell weg­du­cken, um nicht getrof­fen zu wer­den.

In einem Pavil­lon sitzt ein älte­rer Herr mit einem fei­nen, grauen Schnauz­bart und sieht mir erwar­tungs­voll ent­ge­gen. Er gießt mir eine Tasse Tee ein. »Sie woll­ten mich spre­chen?«, fragt er freund­lich. Ich kenne ihn. Das kann kein ver­gan­ge­nes Leben sein, denn C. G. Jung starb erst 1961. Neben der zier­li­chen Kanne aus chi­ne­si­schem Por­zel­lan liegt ein Buch mit rotem Leder­ein­band.

Wir trin­ken Tee und reden über Mythen und Arche­ty­pen. Ich erläu­tere ihm meine Über­zeu­gung, dass unsere Welt einen völ­lig neuen Mythos braucht, der uns die Kraft und die Ori­en­tie­rung ver­leiht, die Pro­bleme unse­rer Zeit zu bewäl­ti­gen: Nur eine uni­ver­selle Geschichte und Kon­stel­la­tion kann uns, kann die zer­split­terte Welt zu einem gemein­schaft­li­chen Neu­an­fang, zu einem neuen Auf­bruch bewe­gen, glaube ich. Gil­gamesh, Pro­me­theus, Odys­seus, Arjuna, Paul Bun­yan, Fran­ken­stein, Peter Pan, Harry Pot­ter, Little Nemo (Comic, nicht Film), Rübe­zahl, Bat­man, Bernd das Brot – ich habe schon viele mythi­sche Figu­ren aus unter­schied­li­chen Kul­tu­ren dar­auf­hin abge­klopft, ob sie uns zeit­ge­mäße Ant­wor­ten bie­ten könn­ten oder auch nur Stra­te­gien, um Ant­wor­ten zu fin­den.

»Geht es um Ant­wor­ten?«, fragt mein Gesprächs­part­ner pfif­fig und nippt an sei­nem Tee.

Ja und nein. Letzt­lich geht es wohl um eine gesunde Sicht­weise – auf uns selbst und die Welt. Eine, die zu nach­hal­ti­gen Lösun­gen und Fort­schrit­ten führt.

Doch ich ver­liere den Faden und beginne, von dem Kor­ri­dor zu erzäh­len. »Ich betrete den Kor­ri­dor?«, wie­der­holt mein Gegen­über lächelnd. Das könne nicht der gesuchte neue Mythos sein. Er müsse etwas Ver­bin­den­des haben, etwas Kol­lek­ti­ves und Gemein­sinn-Stif­ten­des, das gleich­zei­tig tief aus dem Unbe­wuss­ten schöpft. »Ver­such es mit ›Wir betre­ten den Kor­ri­dor‹«, rät er mir.

Zuerst bin ich etwas kon­ster­niert, dann fühle ich mich mit einem Mal leicht und inspi­riert.

»Oder sogar: ›Wir betre­ten feu­er­trun­ken den Kor­ri­dor‹«, fügt er lächelnd an.

Klar: Wir! Wir alle! Bewe­gen uns vol­ler Zuver­sicht und Freude voran in einen Raum vol­ler neuer Mög­lich­kei­ten, auf dem bes­ten Weg, den bes­ten Weg, die bes­ten Wege zu fin­den. Ich bin nicht allein, auch du bist nicht allein. Kei­ner von uns. Denn wir sind viele! Und wir haben das glei­che Ziel.

Eine viel­ver­spre­chende Vision.

Ich könne jeder­zeit wie­der­kom­men, meint mein Gast­ge­ber zum Abschied. Die Suche nach einem neuen Mythos sei eine wich­tige Sache, an der er sich gerne mit Rat und Tat betei­lige. Froh, eine echte Kapa­zi­tät als Mit­strei­ter gefun­den zu haben, ver­lasse ich sei­nen Pavil­lon und den üppi­gen Gar­ten und betrete wie­der den Kor­ri­dor …

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Das Titelbild zeigt zwei Tassen Tee und eine Ausgabe von "Finnegans Wake" auf einem Tischchen mit Schubladen vor einem Fenster. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ The Levo­gyre ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Nor­bus Haus­boot riecht anders als sonst. Ich höre seine Stimme aus einem klei­nen Zim­mer, in dem ich noch nie gewe­sen bin: sei­nem Schlaf­zim­mer.

Norbu liegt im Bett, hus­tet erbärm­lich und sieht hun­de­elend aus. »Ein Infekt«, krächzt er, »komm mir bloß nicht zu nahe.« Um sein Bett herum sind Papier­ta­schen­tü­cher ver­streut.

»Kann ich was für dich tun?«, frage ich besorgt.

»Nee«, sagt er, »hab alles da.«

Neu­gie­rig sehe ich mich um. In Nor­bus Schlaf­zim­mer hatte ich immer seine Biblio­thek ver­mu­tet, all die Bücher, die er im Laufe sei­nes Lebens ange­sam­melt haben muss. Tat­säch­lich sehe ich auf dem Regal­bord über dem Bett nur ein ein­zi­ges Buch. Norbu folgt mei­nem Blick.

»Fin­ne­gans Wake«, meint er, »Erst­aus­gabe. Mehr brauch ich nicht.«

Ich nicke, aber viel­leicht reicht das nicht, um her­aus­zu­stel­len, dass ich weiß, wovon er redet, und füge an: »Ja, ein Roman, der eine ganze Biblio­thek ist. Joyce hat es irgend­wie geschafft, das Leben, das Uni­ver­sum und den gan­zen Rest da rein­zu­pa­cken. Ein Buch, das quasi alles ent­hält. Mehr braucht man nicht.«

Norbu sieht mich ein wenig schräg an. »Also mir«, sagt er, »geht’s bei dem Buch haupt­säch­lich darum, dass ich nur ein, zwei Zei­len lesen muss, und ich falle sofort in tie­fen Schlaf.«

»Aha«, sage ich, beiße mir auf die Lip­pen und ziehe meine Hand zurück, mit der ich das Buch neh­men und wahl­los irgendwo auf­schla­gen wollte, um dann nach einem kur­zen Blick hin­ein wis­send zu nicken. Da hab ich wohl etwas dane­ben­ge­grif­fen.

»Kein Buch kann den kom­plet­ten Kos­mos umfas­sen, das ist roman­ti­sie­ren­der Schwach­sinn.« Norbu muss hus­ten und bit­tet mich, uns einen Tee zu machen. Ich grummle zwar ein wenig, weil ich mich weder gern run­ter­bü­geln noch zum Haus­mäd­chen degra­die­ren lasse, aber schließ­lich ist Norbu krank, und ver­mut­lich meint er es nicht böse.

In der klei­nen Küche finde ich Kamil­len­tee, den ich auf­brühe und mit einem Stuhl als Tablett ins Schlaf­zim­mer trage, um mich zu mei­nem kran­ken Freund set­zen zu kön­nen. Ich gieße uns ein.

»Viel­leicht im Sinne eines Holo­gramms«, sage ich. Wäh­rend des Tee­ko­chens habe ich lange nach irgend­was gesucht, das ich Nor­bus Abfuhr ent­ge­gen­hal­ten kann. »Es ist alles da, nur weni­ger detail­reich.« Ich deute auf das Buch.

Norbu schüt­telt den Kopf. Er rückt hoch, schiebt sich das Kis­sen in den Rücken und lehnt sich mit dem Ober­kör­per an die Holz­wan­dung sei­nes Haus­boots. »Da lan­det man ganz schnell bei roman­ti­zis­ti­schen Welt­vor­stel­lun­gen. Frü­her war es die, Gott würde einem höchst­per­sön­lich dabei zuhö­ren, wenn man ihm seine Weih­nachts­wunsch­liste vor­liest. Heute muss die Quan­ten­phy­sik dafür her­hal­ten, dass jeder selbst der Schöp­fer sei­ner Wirk­lich­keit sein will.«

Norbu klingt belei­digt – so, als wolle er sich ganz oben für seine Erkäl­tung beschwe­ren. Und da nun mal nicht Gott an sei­nem Bett sitzt, son­dern ich, bekomme eben ich die Breit­seite ab.

Aber ich weiß mich zu weh­ren. »Hast nicht du selbst mal gesagt, das mensch­li­che Bewusst­sein sei der nächste uner­forschte Kon­ti­nent? Und was ist mit Yogis, die sich tage­lang begra­ben las­sen und wäh­rend­des­sen offen­sicht­lich ihre Atmung ein­stel­len, oder mit bud­dhis­ti­schen Mön­chen im Hima­laja, die sich nackt in den Schnee legen und nur mit der Kraft ihres Geis­tes einen leben­den Radia­tor aus sich machen?«

Norbu nickt lächelnd, aber ich meine, dabei in sei­nen rot­ge­äder­ten Augen den Schalk blit­zen zu sehen. »Ja, das möch­ten wir gern glau­ben: dass das mög­lich ist und dass der Geist die Mate­rie beherrscht.« Er stellt seine damp­fende Tasse neben den Joyce-Band auf das Regal­bord. »Warum gibt es nur anek­do­ti­sche Berichte dar­über und keine hand­fes­ten Beweise? Denk doch mal nach: Wenn es mög­lich wäre, sich nur von Licht zu ernäh­ren – wie Frau Jas­mu­heen oder das chi­ne­si­sche Bi Gu behaup­ten –, warum hat das die Evo­lu­tion noch nicht genutzt? Außer bei den Pflan­zen, meine ich. Aber die tan­ken bekannt­lich kein Prana, son­dern nut­zen Chlo­ro­phyll.« Norbu muss wie­der hus­ten, hebt aber dies­mal die Hand dabei, um mir zu signa­li­sie­ren, dass er mit sei­nem Gedan­ken­gang noch nicht zu Ende ist und ich ihm nicht dazwi­schen­re­den soll. Folg­sam warte ich ab.

»Oder«, fährt er schließ­lich mit einem Krat­zen in der Stimme fort, »wenn Tele­ki­nese mög­lich wäre, warum set­zen Tiere sie nicht ein? Genauso Tele­por­ta­tion. Oder Levi­ta­tion. Die Evo­lu­tion hatte Mil­li­ar­den Jahre Zeit dafür, den Wunsch nicht nur Vater der Gedan­ken, son­dern Beherr­scher der Rea­li­tät wer­den zu las­sen. Statt­des­sen lässt sie alles in Hand­ar­beit erle­di­gen. Oder halt per Ten­ta­kel, Flosse, Man­di­bel oder Reiß­zahn. Rich­tig?«

Jetzt hat er mich doch ein wenig ein­ge­schüch­tert. Ich nicke ver­dros­sen. Irgend­wie hatte ich uns beide immer als mutige Ent­de­cker eines neuen und kaum bekann­ten Kon­ti­nents gese­hen, als Pio­niere einer neuen Sicht auf den Men­schen, die end­gül­tig Schluss macht mit dem reduk­tio­nis­ti­schen Mythos, wir seien nur ein Uhr­werk, eine Maschine oder ein Com­pu­ter.

»Geist«, sagt Norbu, »ist nur eine Neben­er­schei­nung der Mate­rie und, wie man an bei­spiels­weise an Alz­hei­mer sieht, feh­ler­an­fäl­lig und flüch­tig. Die Selbst­be­weih­räu­che­rung, die er beson­ders in eso­te­ri­schen Krei­sen betreibt, ist nur das Wunsch­den­ken eines über­kom­ple­xen und unter­be­schäf­tig­ten Gehirns.«

Er blickt mich ant­wort­hei­schend an, und wie­der nicke ich grum­melnd.

»Könnte man mei­nen«, fügt er tro­cken an.

Ich schürze die Lip­pen und brumme zustim­mend, wenn auch wider­wil­lig – bis mir bewusst wird, dass er sich da gerade selbst in Frage gestellt hat. »Ist es etwa nicht so?«, frage ich hoff­nungs­voll.

Norbu schnäuzt sich geräusch­voll in ein Taschen­tuch. »Nicht, wenn das mensch­li­che Bewusst­sein eine Emer­genz der Evo­lu­tion dar­stellt, also etwas, das neu ent­steht, aber mehr ist als die Summe sei­ner Bestand­teile und neue Bedin­gun­gen und Fähig­kei­ten schafft, wie sie vor­her nicht abzu­se­hen waren. So, wie aus leb­lo­ser Mate­rie das Leben selbst her­vor­ge­gan­gen ist.«

»Aha. Also des­halb hat die Evo­lu­tion im Tier­reich keine prä­ko­gni­ti­ven Raub­tiere her­vor­ge­bracht, die die Jagd auf ein Opfer nur antre­ten, wenn sie genau wis­sen, dass sie erfolg­reich sein wird: Deren Gehirne waren noch nicht kom­plex genug dafür. In Gegen­satz, willst du sagen, zu unse­ren.«

»Na ja«, meint Norbu, »es gibt For­schun­gen, die nahe­le­gen, dass wir unbe­wusst Ereig­nisse vor­her­wis­sen kön­nen. Bei sol­chen näm­lich, die viele Men­schen auf der Erde beweg­ten, zeig­ten zum Bei­spiel Zufalls­ge­nera­to­ren Auf­fäl­lig­kei­ten. Und zwar schon, bevor das Ereig­nis über­haupt ein­trat.«

So, wie Norbu es sagt, klingt das nach einem »Aber«. Ich warte ab, und tat­säch­lich: »Aber ins­ge­samt sehe ich uns da auf der aller­un­ters­ten Stufe der Kom­pe­tenz.«

Dar­über hat­ten wir vor Jah­ren ein­mal gespro­chen. Ich fand die die Ein­tei­lung in vier Stu­fen damals sehr hilf­reich und habe sie mir gemerkt. Unten fängt sie an mit »unbe­wuss­ter Inkom­pe­tenz«.

Norbu nickt: »Nicht im Ent­fern­tes­ten wis­sen, dass man etwas nicht weiß oder kann.«

»Gefolgt von ›bewuss­ter Inkom­pe­tenz‹: Ich weiß, dass ich nichts weiß.«

»Genau. Dann erar­bei­tet man sich die ›bewusste Kom­pe­tenz‹ …«

»Die schließ­lich zu ›unbe­wuss­ter Kom­pe­tenz‹ wird, wie flüs­sig spre­chen kön­nen oder das Gleich­ge­wicht hal­ten und auf zwei Bei­nen gehen – ohne stän­dig drü­ber nach­den­ken zu müs­sen.«

Norbu nippt inzwi­schen wie­der an sei­nem Tee. Auch ich nehme einen Schluck. Eine Zeit­lang sagen wir nichts.

»Wir ste­hen ganz am Anfang«, sage ich schließ­lich nach­denk­lich, »aber einige ahnen schon den unent­deck­ten Kon­ti­nent am Hori­zont.«

»Land in Sicht!«, ruft Norbu, was aber einen kur­zen Hus­ten­an­fall zur Folge hat. Erneut hebt er die Hand, bis er wie­der etwas Ver­ständ­li­ches über die Lip­pen brin­gen kann. »Wobei die Frage ist, ob es den Kon­ti­nent schon gibt oder ob wir ihn nicht gerade kom­plett neu erträu­men.«

Es dau­ert ein paar Momente, bis mir zu Bewusst­sein kommt, was für Mög­lich­kei­ten er da gerade ange­spro­chen hat. Bei­des, das Fin­den und das Erfin­den, hätte unge­ahnte Kon­se­quen­zen dafür, wie die Welt beschaf­fen ist und was sie im Inners­ten zusam­men­hält. »Was glaubst du?«, frage ich gespannt.

»Ich glaube, ich muss jetzt eine Runde schla­fen.«

»Oh, okay«, sage ich und trinke has­tig mei­nen Tee aus. »Kann ich noch irgend­was für dich tun?«

Norbu schüt­telt lächelnd den Kopf, rutscht wie­der ganz unter seine Decke und rüt­telt sich das Kis­sen zurecht. »Der Blick ins Uni­ver­sum – und natür­lich beson­ders der in ein ganz neues Uni­ver­sum am Hori­zont – macht mich immer ganz müde«, mur­melt er. »Wegen der unge­heu­ren Chance und Ver­ant­wor­tung.« Und damit ist er ein­ge­schla­fen.

Ich mache die Tür zum Haus­boot leise hin­ter mir zu. »Chance und Ver­ant­wor­tung!« Als ich mich auf mein Fahr­rad schwinge, fühle ich mich inspi­riert und vol­ler Taten­drang, weiß aber lei­der gar nicht, wozu genau.

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Das Titelbild zeigt einen langen Korridor mit einer hohen Decke, mit kunstvollen goldenen und blauen Verzierungen geschmückt ist. Ein Pangolin nähert sich einer blauen Katzenklappe in einer der Türen.

♫ Bold Move ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, und sogleich las­tet eine bedrü­ckende Ehr­furcht auf mir. Hier, durch eben die­sen Kor­ri­dor der Krea­ti­vi­tät, schrit­ten einst Gigan­ten. Genies. Geis­tes­grö­ßen, Goli­a­the und Göt­ter am Lite­ra­tur­him­mel. Sie alle kann­ten die­sen Ort, kamen hier­her und bedien­ten sich des­sen, was sie hin­ter den Türen fan­den. Gran­diose Werke sind aus die­sen Inspi­ra­tio­nen her­aus ent­stan­den.

Ich komme mir klein und unbe­deu­tend vor. Nie würde ich wagen, eines die­ser mäch­ti­gen Por­tale zu öff­nen. Doch da, in einer der Türen ent­de­cke ich unten eine win­zige Kat­zen­klappe. Ob ich es wagen kann, mir hier eine klit­ze­kleine Inspi­ra­tion zu holen? Vor­sich­tig lupfe ich die Klappe …

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Das Titelbild zeigt einen luxuriösen Saal mit hoher Decke, verzierten Dekorationen, einem Balkon und einem Flügel auf der linken Seite, mit einem Kronleuchter, der von der Decke hängt. Beleuchtung und Lichtstimmung ergeben einen verschwommenen Eindruck.

♫ Vofa ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier spukt’s, habe ich Besu­cher sagen hören. Unsinn! Einem Geist bin ich in den drei Jahr­hun­der­ten nie begeg­net.

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♫ To the Ghost Bet­ween the Pages ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, das ein­zige, das mir ver­traut vor­kommt in dem Wir­bel aus Far­ben und For­men, der mich ringsum ein­hüllt und schwin­deln lässt. Es tut gut, fes­ten Boden unter den Füßen zu füh­len. Aber ist es wirk­lich fes­ter Boden? Alles hier ist selt­sam weich und tei­gig, die Wände des Kor­ri­dors füh­len sich nach­gie­big an, als hätte man Seide über Schaum­stoff gespannt.

»Alles klar bei dir da drin?«

Wer spricht da? Ist das ein Test? Ein Expe­ri­ment? Ein April­scherz? Oder hat mich der ame­ri­ka­ni­sche Geheim­dienst wie­der auf­ge­grif­fen?

»Gib Laut, Mann, ich hab nicht den gan­zen Abend Zeit.«

Die Stimme klingt nach einem Jugend­li­chen. Ich kann sie nicht loka­li­sie­ren und stol­pere den Kor­ri­dor ent­lang. Kommt sie von vorne? Der Gang ist gebo­gen, sein Ende nicht zu sehen. »Hallo? Ist da wer?«

»Tom. Nǐhǎo. Ich hab da ein paar Fra­gen, Cory.«

Cory? Ja, Cory. Aber wer ist Cory? Meine Erin­ne­run­gen wider­spre­chen sich. Ich bin gleich­zei­tig eine Jour­na­lis­tin, der Schü­ler eines bud­dhis­ti­schen Meis­ters, der Mino­tau­rus, eine Xeno-Lin­gu­is­tin … Wie kann das sein?

»Du bist doch ’n schlaues Kerl­chen. Hast ’ne Menge geschrie­ben. Und ich brauch jetzt deine Hilfe. Es geht um den ›Unter­gang der euro­päi­schen Post­mo­derne am Bei­spiel eines Lite­ra­tur-Blogs aus dem Jahr 2012‹. Ich brauch da Input.«

Wovon redet er? Der Kor­ri­dor hat ein­fach kein Ende, und die Stimme bleibt immer bei mir. Ein Traum? Nein: Immer, wenn mir die­ser Ver­dacht in einem Traum kommt, ver­wan­delt er sich in einen Klar­traum. Doch das funk­tio­niert dies­mal nicht. Ich wache nicht auf, weder im Traum noch im Bett. Und doch ist es irreal.

»Kannst du was anfan­gen damit, Cory? ›Unter­gang der Post­mo­derne‹?« Die Stimme hat etwas Drän­gen­des.

»Das Kor­ri­do­rium …«

»Japp. Davon rede ich. Soll ich ’ne Fach­ar­beit drü­ber schrei­ben.«

»Das Kor­ri­do­rium …«, setze ich erneut an, aber ich ver­stumme, denn mit einem Mal wird mir klar, dass ich das Kor­ri­do­rium und alle Geschich­ten darin geschrie­ben habe. Ich bin das nicht, son­dern ich habe es erdacht. Ja, so muss es gewe­sen sein. Daher die wider­sprüch­li­chen Erin­ne­run­gen: Geschich­ten, die ich mir alle nur aus­ge­malt habe.

»Wo bin ich?«, frage ich in den gebo­ge­nen Gang. Es sind Türen da – habe ich sie vor­her nicht bemerkt? Sie tra­gen Num­mern, wie in einem Hotel. Dabei fühlt es sich eher an wie eine Biblio­thek, wie der Kor­ri­dor zwi­schen den Bücher­re­ga­len, und so riecht es hier auch. Ein Hotel, das nach Büchern riecht. Gar nicht schlecht eigent­lich. 398 steht auf der Tür. Ich drü­cke die Klinke her­un­ter, aber sie ist ver­schlos­sen.

»Über­all und nir­gends. Du bist ein Yōulíng mit der Auf­gabe, mir bei der Fach­ar­beit zu hel­fen. ›Post­mo­derne‹, der Teach spinnt doch.«

Auch die nächste Tür ist ver­schlos­sen. Und die nächste. Und so fort. Jede trägt die glei­che Num­mer. 398. Viel­leicht bin ich ver­rückt gewor­den? Oder tot.

»Jetzt sag schon: Was ist post­mo­dern an dei­nem Geschreib­sel, und inwie­weit spie­gelt das den Unter­gang wider?«

»Was ist ›Teach‹?«

»Mein Deutsch-Teach. Tut aber nichts zur Sache. Die wird nie von dir erfah­ren. Ich hab dich mit Hilfe dei­ner Texte rekon­stru­iert. Pri­vate Yōulíngs sind zwar ver­bo­ten laut Jīngs­hén­rechts-Charta, aber das ist ja hier sozu­sa­gen ein Not­fall.«

Rekon­stru­iert? Ich laufe den Kor­ri­dor ent­lang, rüttle an ver­schlos­se­nen Türen, die alle die 398 tra­gen – dazu meine durch­ein­an­der­wir­beln­den Erin­ne­run­gen an einen Hau­fen Hip­pies, die Pest, an ein End­la­ger für Atom­müll, die Arche Noah …

»Eine Rekon­struk­tion?«

»Japp. Hab hier am Labor-Táishì mei­nes Vaters ein­fach einen Blanko-Mind genom­men, mit dei­nen Tex­ten gefüt­tert und die Sekun­där­li­te­ra­tur abru­fen las­sen. Plus die wich­tigs­ten Daten vom Anfang des Jahr­tau­sends, das Zeit­geist-Package 1970 bis 2012. Den Rest erle­digt die Stem.«

»Blanko-Mind?«

»Inter­es­siert doch jetzt kei­nen Benz, Mann. Das ist alles nach dei­ner Zeit. Ich bin nicht hier, um dir die Welt zu erklä­ren.«

»Die Welt von wann?«

»67. Ich sag ja: Lange nach dei­ner Zeit.«

»2067?«

»Ja, Bingo.« Seine Stimme klingt genervt.

2067. Wie kann das sein? Tat­säch­lich erin­nere ich mich dun­kel, gestor­ben zu sein. Der Tun­nel ins Licht. Oder nein, das Schwert im Rücken. Doch das sind wohl auch nur Geschich­ten, Geschich­ten, anhand derer ich rekon­stru­iert wurde. Des­halb kann ich nur wis­sen, was in den Tex­ten steht – und nichts von mei­nem Tod, dem des Autors, des­sen Rekon­struk­tion ich bin. Seine – oder ihre – Sto­rys aller­dings sind wider­sprüch­lich. Es muss Absicht sein, dass sie sich nicht fest­le­gen. Wie soll ich wis­sen, wer ich bin, nicht ein­mal ob Mann oder Frau oder ob über­haupt ein mensch­li­ches Wesen, wenn genau das gerade das Such­spiel war, das Rät­sel? Wenn alles plu­ri­di­men­sio­nal daher­kommt und frak­tal zer­split­tert? Aber nein, löst sich nicht am Ende des Blogs über­ra­schend alles auf, und es wird klar, wer Cory ist und was es mit all den Geschich­ten auf sich hat?!

Doch ich kann dem Gedan­ken nicht wei­ter fol­gen, son­dern werde unter­bro­chen. »Okay, Mann, also das Kor­ri­do­rium: 400 Blog­ein­träge, ins­ge­samt vom Umfang eines mit­tel­schwe­ren Romans. Irgendwo da drin muss was zum Unter­gang der Post­mo­derne ste­hen – oder halt was Post­mo­der­nes, das den Unter­gang beleuch­tet. Also leg mal los, du bist doch Schrei­ber­ling.«

»Es sind 398 Texte. Nicht 400. Drei­hun­dert­acht­und­neun­zig!«

»Wie auch immer.«

»Und sie soll­ten nicht post­mo­dern sein, son­dern post-post­mo­dern. Ver­stehst du? Inte­gral.«

»Hör zu: Das ist hier nicht der Mathe-Unter­richt.«

Ich werde wütend. Da rekon­stru­iert mich jemand im Jahr 2067, indem er ein Blanko-Bewusst­sein mit mei­nen Tex­ten füt­tert und irgend­ein Com­pu­ter dar­aus den Geist des Autors, also mich, her­vor­kit­zelt, aber es ist kein Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, kein His­to­ri­ker, nicht ein­mal ein Lieb­ha­ber skur­ri­ler Kurz­prosa, son­dern nur irgend so ein igno­ran­ter Schnö­sel, der für die Schule was über mich schrei­ben muss und zu faul ist, auch nur eine Zeile davon zu lesen!

»Jetzt hör du mir mal zu, du Banause! Du musst da was falsch ver­stan­den haben: Ich hab die Post­mo­derne tran­szen­diert, das mit dem Unter­gang ist Schwach­sinn. Die Post­mo­derne kann doch allen­falls durch die nächste Kul­tur­stufe, also die Inte­grale Per­spek­tive abge­löst und in sie inte­griert wor­den sein! Die Moderne ist doch auch nicht ›unter­ge­gan­gen‹.«

»Nee, im Gegen­teil: Nach der Post­mo­derne kam die Remo­derne, und dann die Pre­nais­sance. Déle. Das ist alles nach dei­ner Zeit, und jetzt lass uns end­lich end­lich die Fach­ar­beit schrei­ben.«

Mir schwirrt der Kopf. Die Post­mo­derne mit all ihren Errun­gen­schaf­ten soll geschei­tert und spur­los ver­schwun­den sein? Doch nicht etwa – durch mich?

»Das Kor­ri­do­rium hat den Unter­gang ver­ur­sacht?!«

»Wohl kaum. Ich hab natür­lich recher­chiert, was es mit die­sem Korri-Dōng­dōng auf sich hat, aber es ist nix drü­ber zu fin­den. Blieb wohl unbe­ach­tet, und ich schätze, dass es an der Quote für deut­sche Lite­ra­tur liegt, dass der Teach das Ding aus­ge­gra­ben hat. O Mann! Zwan­zig­tau­send Zei­chen Mini­mum inklu­sive Leer­zei­chen – hätte echt lie­ber was über chi­ne­si­sche Lite­ra­tur geschrie­ben!«

»Aber es muss doch einen Wiki­pe­dia-Ein­trag zum Kor­ri­do­rium geben!«

Die Stimme lacht. Ein kur­zes, generv­tes Lachen. »Das ist dann wohl der post­mo­derne Nar­ziss­mus, von dem der Teach redet: immer nur um sich selbst krei­sen. Nee, Wiki­pe­dia ist längst Geschichte, der Dschies­sibi hat die Sùz­hì­pe­dia draus gemacht, nach dem Melt­down.«

»Melt­down?«

»2030. War nach dei­ner Zeit. Und in der Sùz­hì­pe­dia …«

»Was ist der Melt­down?«, unter­bre­che ich ihn.

»Inter­es­siert doch jetzt kei­nen Benz. Willst du jetzt wis­sen, ob was über dich in der Sùz­hì­pe­dia steht oder nicht?«

»Sùzhì wie Sushi?«

»Doch nicht Japa­nisch! Das ist Chi­ne­sisch und heißt ›schnel­les Wis­sen‹.«

»Du sprichst Chi­ne­sisch?«

»Nur Man­da­rin. Jeden­falls steht nichts übers Kor­ri­do­rium drin. Es gibt da nur irgend­eine Fuß­note. Eine ein­zige.«

»Was für eine?«

»Keine Ahnung, hab ich mir nicht gemerkt.«

»Zum Thema ›Plu­ri­di­men­sio­na­les Welt­bild‹ viel­leicht? Oder zu ›frak­tale Lite­ra­tur‹?«

»Mann, du gongst!«

»Die­ser Melt­down: Danach ging’s steil bergab, oder? Ich meine: ›Remo­derne‹, das klingt nach Regres­sion. Und mit der ›Pre­nais­sance‹ scheint es die Mensch­heit ja dann auf einen Schlag zurück ins dun­kelste Mit­tel­al­ter ver­setzt zu haben.«

»Na, das sagt der Rich­tige. Der Teach hat recht. Haupt­cha­rak­te­ris­ti­kum der Post­mo­derne: ihre abscheu­li­che Hybris. Neben ihrem fata­len Werte-Rela­ti­vis­mus natür­lich.«

»Und wer Cory ist? Hast du das recher­chiert?«

»Inter­es­siert doch jetzt wirk­lich kei­nen Benz. Hör end­lich auf, mich voll­zu­gon­gen. Ich stelle hier die Fra­gen! Wer soll Cory schon sein? Cory halt. Du.«

»Was soll das mit dem ›Benz‹? Wovon redest du?«

»Das ist chi­ne­sisch. Pik.«

»›Benz‹ soll chi­ne­sisch sein? Und was ist ›pik‹?«

»Na, pik. Pikant. Zu dei­ner Zeit hätte man wohl ›cool‹ gesagt.«

»Zu mei­ner Zeit … Du hast mich doch gerade erst rekon­stru­iert. Von damals weiß ich nur irgend­wel­che Geschich­ten. Der echte Cory dage­gen – hat eigent­lich mal jemand raus­ge­fun­den, wer hin­ter dem Künst­ler­na­men steckt?«

»Was gibt’s da raus­zu­fin­den? Ist halt irgend so ein post­mo­der­nes Ver­steck­spiel. Du musst doch wis­sen, wer du bist.«

Ich kann mich an eine Preis­ver­lei­hung erin­nern. War es nicht sogar der Lite­ra­tur-Nobel­preis? Offen­bar nur eine der Geschich­ten. Ich kann mei­nen Erin­ne­run­gen nicht trauen. Wenn ich doch nur in Ruhe über mich nach­den­ken könnte! Und wie ich hier her­aus­komme aus dem end­lo­sen Kor­ri­dor … Ich stelle fest, dass mir das Herz pocht und ich nach Luft ringe. Es kommt mir vor, als hätte ich einen Mara­thon­lauf hin­ter mir. Oder bin ich ein­fach nur wütend? Ich bin mir nicht sicher – auch nicht, ob ich über­haupt einen Puls habe oder atme. Ich bin nur eine Simu­la­tion, zusam­men­ge­setzt aus Wor­ten. Kön­nen die mit der Methode alle wie­der zurück­ho­len? Joyce, Homer, Kafka, Goe­the?

»Weißt du was, Mann?«

Ich lehne schwer­at­mend an einer der Wände des Kor­ri­dors. Was hätte Cory jetzt getan?

»Ich geb den gan­zen Kram mei­ner Mut­ter. War ’ne Schei­ßidee, dich zu rekon­stru­ie­ren. Mā meint, ich brauch die Spit­zen­no­ten für spä­ter, Kar­riere und so, und dann soll sie halt was dafür tun. Für sie ist die Fach­ar­beit ein Klacks.«

»Und was ist mit mir?«

»Was soll schon sein. Ich lösch dich wie­der.«

»Das kannst du nicht tun!«

»Wer­den wir ja sehen.«

»Warte!« Wie hieß er noch? «Ich kann dir hel­fen, Tom.«

Er lässt sich Zeit mit der Ant­wort. Ich fühle, wie mir der Schweiß aus­bricht.

»Es gibt da diese Geschichte«, rufe ich in den lee­ren Kor­ri­dor, »über die Chi­ne­sen: Sie schrump­fen sich, bis alle von ihnen in die Ver­bo­tene Stadt rein­pas­sen. Eine Satire.« Ich muss impro­vi­sie­ren. Ein Ver­suchs­bal­lon, aber etwas Bes­se­res fällt mir nicht ein.

»Ganz schlecht. Das wird dem Dschies­siebi nicht gefal­len. Komisch, dass das dem Teach durch­ge­rutscht ist.«

»Wer ist die­ser Dschies­siebi?«

»Unser Gro­ßer Kai­ser­li­cher Wohl­tä­ter. Der auf dem Dra­chen­thron.«

»Eine … chi­ne­si­sche Welt­dik­ta­tur?«

»Gǒupì!« Es klingt wie ein abfäl­li­ges »Quatsch!«, als er das sagt. Jetzt bloß nichts Fal­sches sagen! Ich bin ein namen­lo­ser Gefrei­ter, der Teu­fel, ein Ele­fant, ein Schwei­ge­mönch, eine alte Frau mit Alz­hei­mer, ein Atten­tä­ter, eine Stimme aus dem Jen­seits, eine Nacht­schwär­me­rin, ein Com­pu­ter­al­go­rith­mus … Alles zugleich, und alles durch­ein­an­der. Um Zeit zu gewin­nen, muss ich eine Geschichte erzäh­len. Die Geschichte, die er hören will.

Ich senke meine Stimme und lege allen Nach­druck hin­ein: »Aber gerade das könnte doch eine Spur zum Unter­gang der Post­mo­derne sein, ver­stehst du?!«

»Hm. Nicht schlecht. Da könnte ich was dran auf­zie­hen.« Tom scheint anzu­bei­ßen.

»Hybris, weißt du? Post­mo­der­ner, nar­ziss­ti­scher Grö­ßen­wahn. So waren wir damals alle.«

Viel­leicht habe ich über­trie­ben, denn Tom zögert jetzt. Schließ­lich meint er gedehnt: »Hast du nicht gesagt, du warst … inte­gral.«

»Ja, klar, das ist ja gerade der Grö­ßen­wahn: zu den­ken, man könne ganz­heit­lich-nach­hal­tig alle Aspekte umfas­sen und inte­grie­ren, Macht­hier­ar­chien durch Kom­pe­tenz­hier­ar­chien ablö­sen, plu­ri­di­men­sio­nal-umfas­sende Lösun­gen für die kom­ple­xes­ten Pro­bleme fin­den, den Wer­te­ver­fall als neuen Wert hoch­ju­beln. Das musste ja zum Unter­gang füh­ren, gerade ange­sichts des­sen, was sich da zu mei­ner Zeit in China ent­wi­ckelte.«

»In China ent­wi­ckelte?«

»Na, die Remo­derne. Oder schon die Pre­nais­sance. Der Dschies­siebi und die – wie hieß noch die neue Men­schen­rechts-Charta?«

»Jīngs­hén­rechts-Charta.«

»Ja, Mann, was auch immer das ist: der Unter­gang der euro­päi­schen Post­mo­derne – steht alles drü­ber drin im Kor­ri­do­rium. Ich kann dir da jede Menge erzäh­len.«

»Dann schieß los. Du dik­tierst, und Bàs Táishì schreibt mit. Aber schön mit Glie­de­rung und Fuß­no­ten, hörst du? Ich leg dann mal meine Füße hoch.«

Hätte Cory das gemacht? Um sein – oder ihr – Leben gere­det und alles ver­ra­ten, die Hoff­nung, Sehn­sucht, die Erkennt­nisse und das Rin­gen um etwas, für das es sich zu schrei­ben und zu kämp­fen lohnt? Nur um nicht umge­hend wie­der gelöscht zu wer­den? So muss sich Sche­her­zer­ade gefühlt haben.

»Weißt du, Cory, ich will spä­ter ein­fach nur Tiger nach­züch­ten.«

»Tiger nach­züch­ten, tat­säch­lich?«

»Lässt der Great Chi­nese Bene­fac­tor in Zhongguan­cun über tau­send For­scher dran tüf­teln, aber die kriegen’s ein­fach nicht hin, trotz DNA und allem. Wenn ich das dann schaffe, bin ich ein gemach­ter Mann. Du ahnst nicht, was die da für Tiger­jī­bas bezah­len wür­den. Als Afro­si­dia … diasi …«

»Aphro­di­sia­kum.«

»Japp.« Und nach einer kur­zen Pause: »Bist doch gar nicht so’n Idiot, wie ich dachte, Cory.«

Und damit beginne ich, ein umfang­rei­ches Refe­rat zu hal­ten über den Unter­gang der Post­mo­derne, gespie­gelt durch 398 skur­rile Kurz­prosa-Texte, in deren laby­rin­thi­schem Ver­steck­spiel immer wie­der die mons­tröse Hybris und der ebenso abscheu­li­che wie fatale Werte-rela­ti­vie­rende Nar­ziss­mus auf­schim­mern, die aber dann letzt­lich das glor­rei­che Zeit­al­ter der Remo­derne ein­läu­te­ten und die Pre­nais­sance ermög­lich­ten – und natür­lich unse­ren Gro­ßen Kai­ser­li­chen Wohl­tä­ter auf dem Dra­chen­thron, den Dschies­siebi.

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Das Titelbild zeigt eine Cartoon-Zeichnung eines Mannes, der in einem Badezimmer auf einer Toilette sitzt und einen orangefarbenen Bademantel trägt. Er blickt auf einen großen Kugelfisch mit einer Krone auf dem Kopf. Aus dem Fisch kommt eine Sprechblase mit einem wirren Text über "the mysteres op the worldry".

♫ Blow­fish ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Zwar habe ich gerade die Snooze-Taste mei­nes Weckers betä­tigt, aber lei­der drückt mir die Blase. Auf dem Klo fällt mir ein, dass ich heute Nacht einen Traum hatte, der einer Offen­ba­rung glich. Ein Mann in einer oran­gen Robe und mit einer Art Mitra auf dem Kopf flüs­terte mir einen Satz ins Ohr, eine Sen­tenz, die mir die Augen öff­nete über den Zustand unse­rer Welt, über alle Pro­bleme, an denen wir der­zeit her­um­la­bo­rie­ren, und über die unge­heure Chance, die sich uns gerade jetzt bie­ten würde – wenn wir nicht zu betriebs­blind wären, sie zu erken­nen. Es waren vier Wör­ter, das weiß ich noch, und sie waren gereimt: vier Wör­ter von einer unver­gleich­li­chen Spreng­kraft, eine Sen­tenz, die eine neue Ära der Mensch­heits­ge­schichte, eine neue Kul­tur­stufe ein­läu­ten würde.

Es ging um die Extreme mög­li­cher mensch­li­cher Lebens­ent­würfe, das weiß ich noch, und um die gesamte Spann­weite mensch­li­cher Aus­drucks­mög­lich­kei­ten in der Welt.

Zum Glück – fällt mir zu mei­ner Erleich­te­rung ein – war ich so geis­tes­ge­gen­wär­tig, mir die vier epo­cha­len Worte bei einem kur­zen Erwa­chen heute Nacht zu notie­ren, da ich schon ahnte, sie bis zum Mor­gen wie­der ver­ges­sen zu haben.

Vol­ler Span­nung eile ich zurück ins Schlaf­zim­mer und finde den Zet­tel auf dem Boden neben dem Bett, und in Groß­buch­sta­ben ste­hen sie da, die vier revo­lu­tio­nä­ren Wör­ter, Her­mes Tris­me­gis­tos’ »Wie oben so unten«, Nietz­sches »Gott ist tot« oder Mar­tin Luther Kings »I have a dream« min­des­tens eben­bür­tig.

Aber wie das so ist im Traum. Ich hätte es mir den­ken kön­nen. Wir sind da nicht ganz auf der Höhe, son­dern besit­zen oft ein kind­li­ches und nai­ves Gemüt, das sich für Dinge begeis­tert, die uns im Wachen nicht ein­mal ein müdes Lächeln abrin­gen wür­den.

Ich muss Sie also ent­täu­schen.

Die Sen­tenz ist nicht gereimt.

Ansons­ten … Na, lesen Sie selbst, ob das diese gewal­tige Erkennt­nis­kraft birgt, die ich darin gespürt hatte, ob es das begriff­li­che Juwel ist, das unsere Zeit beschreibt, ana­ly­siert, kri­ti­siert und gleich­zei­tig einen prak­ti­ka­blen Lösungs­vor­schlag für den gan­zen Unbill beinhal­tet, den wir im Laufe unse­rer Geschichte her­auf­be­schwo­ren haben, und das in die­sen nur vier Wör­tern: »Papst piepst, Plebs pupst.«

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♫ Fal­ling to the Sky ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor nichts Böses ahnend und werde plötz­lich von einer blitz­ar­ti­gen Vision über­fal­len: Gleich­zei­tig mit mir betre­ten Tau­sende, ja Zehn­tau­sende Men­schen irgendwo auf der Welt einen Kor­ri­dor, und aus irgend­ei­nem Grund spüre ich sie plötz­lich, fühle ihre Gefühle, denke ihre Gedan­ken, bin gleich­zei­tig alt und jung, trau­rig und glück­lich, ent­spannt und gestresst, Mann und Frau – es ist alles da, alles gleich­zei­tig, in unzäh­li­gen Kor­ri­do­ren.

Ein Indio­kind rennt, ein Spiel­zeug­flug­zeug in der Hand, mit lau­ten Brumm­ge­räu­schen in einen Haus­flur, ein Haus­meis­ter berei­tet sich vor dem Chef­zim­mer der Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft auf sei­nen Raus­schmiss vor, ein Klemp­ner sucht das rich­tige Klin­gel­schild, die ange­for­derte Mas­seu­rin die rich­tige Zim­mer­num­mer im Motel. Im Kopf einer jun­gen chi­ne­si­schen Vio­li­nis­tin auf dem Weg zu ihrem Unter­richt jubi­liert eine Mozart­so­nate, und ein Angli­zis­tik­pro­fes­sor mit einem Hexen­schuss auf dem Weg zu sei­nem Hör­saal rezi­tiert in Gedan­ken ein Shake­spea­re­so­nett. Einen bud­dhis­ti­schen Pil­ger beschleicht in einem gold­ge­schmück­ten Tem­pel ehr­fürch­ti­ges Stau­nen, ein rus­si­scher Astro­naut schwebt – einen Schrau­ben­dre­her in der Hand – durch die Sta­tion, eine fast zu spät kom­mende Heb­amme auf Hawaii ver­nimmt die Schmer­zens­schreie einer Gebä­ren­den …

Kol­le­gen hel­fen mir auf. »Geht es Ihnen nicht gut?« – »Soll ich dir einen Kran­ken­wa­gen rufen?« – »Sie sind ja ganz weiß im Gesicht!« Ich schüttle abweh­rend den Kopf. Meine Knie sind immer noch ganz wack­lig, ich kann kaum auf den eige­nen Bei­nen ste­hen. »Du warst kurz ohn­mäch­tig. Was ist pas­siert?«

»Wir haben den Kor­ri­dor betre­ten«, murmle ich ton­los, ohne dass mich einer der Umste­hen­den hört. Obwohl das alles nur Sekun­den­bruch­teile lang ange­dau­ert hat, hat es sich mir unaus­lösch­lich ein­ge­prägt. Ich ver­ziehe mich in die Toi­let­ten auf dem Gang, wo ich mir solange kal­tes Was­ser ins Gesicht spritze, bis ich wie­der das Gefühl habe, ich selbst zu sein, und nur ich selbst.

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♫ Still Echo thru my Mind ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, und seit der blitz­ar­ti­gen Vision, die mich vor­ges­tern genau hier über­wäl­tigt hat, habe ich jedes Mal, wenn ich aus der Tür trete, das mul­mige Gefühl, es könne mir noch ein­mal pas­sie­ren: mich mit allen Men­schen in der glei­chen Situa­tion ver­bun­den oder sogar eins zu füh­len.

Auch dies­mal, wie­der auf dem Weg zur Kan­tine, pas­siert es. Aber es ist schwä­cher und lässt mich nicht gleich zu Boden gehen. Wie­der spüre ich Men­schen in mir drin, aller­dings dies­mal weni­ger, und es fühlt sich nicht ganz so fremd­ar­tig und viel­fäl­tig an: als sei ich mit die­sen Men­schen schon ver­traut, als wären wir alte Freunde. Einen Sekun­den­bruch­teil lang sind wir eins, ich und meine Brü­der und Schwes­tern im Geiste, Men­schen, mit denen mich ein star­kes see­li­sches Band ver­bin­det, ohne dass ich sie ken­nen würde oder auch nur geahnt hätte, dass es sie irgendwo in der Welt geben könne. Das hef­tige Gefühl, völ­lig unver­mu­tet ver­schol­len geglaubte und unbe­kannte Fami­li­en­mit­glie­der wie­der­zu­ent­de­cken, lässt mich einen Moment lang schwan­ken. Dann ist es auch schon vor­bei. Ein paar Kol­le­gen wer­fen mir miss­traui­sche Bli­cke zu – kein Wun­der nach dem Vor­fall vor zwei Tagen. Aber ich lasse mir nichts wei­ter anmer­ken.

Wer waren all diese Men­schen? Gibt es sie wirk­lich, irgendwo auf die­sem Pla­ne­ten? Und kön­nen sie mich auch wahr­neh­men? Habe ich eine Mög­lich­keit, sie auf­zu­spü­ren? Und was hat das alles mit die­sem Kor­ri­dor zu tun?

Den gan­zen Tag lang bin ich geis­tes­ab­we­send und zu nichts zu gebrau­chen, weil mich diese Fra­gen bewe­gen. Doch schon in den nächs­ten Tagen ver­blasst das Erleb­nis, und da beim Betre­ten des Kor­ri­dors nichts Außer­ge­wöhn­li­ches mehr geschieht, schreibe ich die Ange­le­gen­heit schließ­lich mei­nen über­reiz­ten Ner­ven zu.

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♫ Temp­le­s­cape ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und habe meine Visio­nen, die mich dort vor eini­ger Zeit blitz­ar­tig und ohne Vor­war­nung über­fie­len, schon fast wie­der ver­ges­sen, da stehe ich plötz­lich wie neben mir, bin irgendwo in den Ber­gen und bli­cke hoch zu einem alten Mann mit einem wei­ßen Spitz­bart, der eine ein­fa­che, aus­ge­wa­schene Robe trägt. Mein Herz fliegt ihm zu, es ist der Meis­ter, mein Meis­ter, der mich in den Hima­laja zu sich ruft, seine Schü­le­rin zu wer­den und die kost­ba­ren geis­ti­gen Gaben zu emp­fan­gen, die er für mich bereit­hält.

»Mahl­zeit«, grüßt mich ein vor­bei­kom­men­der Kol­lege. Ich ant­worte nicht, noch ganz hin­ge­ris­sen von mei­ner Vision und von dem über­gro­ßen Ver­lan­gen in mei­nem Her­zen, einer Hin­gabe, einer Begeis­te­rung, von der ich schon ganz ver­ges­sen habe, dass ich dazu fähig war, damals, als junge Frau.

Spät abends im Bett kommt mir der Meis­ter wie­der in den Sinn, und mein Herz wird kurz noch ein­mal ganz weh vor Sehn­sucht. Doch mein Mann, der fried­lich schnar­chend neben mir liegt, würde es weder ver­ste­hen noch gut­hei­ßen. Was sollte ich ihm auch sagen? Und wo im Hima­laja sollte ich suchen? Sicher, es wäre ein Aben­teuer, auf einen Schlag alles auf­zu­ge­ben, in die Fremde zu gehen und dort eine neue geis­tige Hei­mat zu suchen. Es klingt nach etwas, dass mei­nem Leben wie­der etwas Auf­re­gung ver­schaf­fen könnte! Ande­rer­seits …

Wäh­rend mir die Augen zufal­len, ver­ebbt die Sehn­sucht, und ich finde mei­nen wohl­ver­dien­ten Schlaf.

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♫ My Sonic Screw­dri­ver (Repai­ring the Uncer­tainty Prin­ci­ple) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor.

Zumin­dest ließe sich das so als Ori­en­tie­rungs­ver­all­ge­mei­ne­rung für mich und meine augen­blick­li­che Situa­tion betrach­ten. Denn ab einem gewis­sen Punkt sieht sich sogar ein Posi­ti­vist wie ich – also jemand, der nur beweis­bare Fak­ten, mög­lichst auch noch peer-reviewed, gel­ten lässt – gezwun­gen, mit Ten­den­zen und sta­tis­ti­schen Häu­fun­gen zu ope­rie­ren.

Im Bereich der mensch­li­chen und kul­tu­rel­len Psy­che treffe ich näm­lich andau­ernd auf etwas, das der Neme­sis der Posi­ti­vis­ten gleicht: der Hei­sen­berg­schen Unschär­fe­re­la­tion. Es ent­zieht sich hart­nä­ckig der exak­ten Bestimm­bar­keit.

Neh­men Sie mich also nicht beim Wort. »Ich betrete den Kor­ri­dor« ist nur eine best­mög­li­che Annä­he­rung an eine Tat­sa­che, die weit viel­schich­ti­ger ist, als die blo­ßen Worte ver­mu­ten las­sen, und mög­li­cher­weise sogar, wenn auch mar­gi­nal, ihr eige­nes Gegen­teil beinhal­tet.