Ich betrete den Korridor endlich doch noch, nach mühsamen Versuchen, in Trance zu fallen. Jetzt bin ich wieder in vertrauter Umgebung. Von Anfang an ist es in meiner Imagination immer dieser Korridor mit den nackten Ziegelwänden und den verblassenden Fresken an der gewölbten Decke gewesen, der mich zu meinen vergangenen Leben geführt hat. Ich studiere sie, um für meine Forschungen als Historiker Details und Informationen zu gewinnen, welche die Quellen, die mir als Wissenschaftler zur Verfügung stehen, niemals hergeben würden. Natürlich darf keiner meiner Kollegen oder gar der Institutsleiter davon erfahren.
Diesmal jedoch ist es anders. Am Ende des Korridors erwartet mich keine Tür, die mich in jeweils andere meist längst vergangene Zeiten mit einer mir seltsam vertrauten Umgebung führt – diesmal öffnet sich der Korridor in einen Garten, der mir ganz fremd vorkommt. Er empfängt mich mit einer fast überwältigenden Farbenpracht, betäubenden Blütendüften und dem Summen ganzer Heerscharen von Insekten. Ein dicker Brummer, wohl ein Mistkäfer, hält auf mich zu, und ich muss mich schnell wegducken, um nicht getroffen zu werden.
In einem Pavillon sitzt ein älterer Herr mit einem feinen, grauen Schnauzbart und sieht mir erwartungsvoll entgegen. Er gießt mir eine Tasse Tee ein. »Sie wollten mich sprechen?«, fragt er freundlich. Ich kenne ihn. Das kann kein vergangenes Leben sein, denn C. G. Jung starb erst 1961. Neben der zierlichen Kanne aus chinesischem Porzellan liegt ein Buch mit rotem Ledereinband.
Wir trinken Tee und reden über Mythen und Archetypen. Ich erläutere ihm meine Überzeugung, dass unsere Welt einen völlig neuen Mythos braucht, der uns die Kraft und die Orientierung verleiht, die Probleme unserer Zeit zu bewältigen: Nur eine universelle Geschichte und Konstellation kann uns, kann die zersplitterte Welt zu einem gemeinschaftlichen Neuanfang, zu einem neuen Aufbruch bewegen, glaube ich. Gilgamesh, Prometheus, Odysseus, Arjuna, Paul Bunyan, Frankenstein, Peter Pan, Harry Potter, Little Nemo (Comic, nicht Film), Rübezahl, Batman, Bernd das Brot – ich habe schon viele mythische Figuren aus unterschiedlichen Kulturen daraufhin abgeklopft, ob sie uns zeitgemäße Antworten bieten könnten oder auch nur Strategien, um Antworten zu finden.
»Geht es um Antworten?«, fragt mein Gesprächspartner pfiffig und nippt an seinem Tee.
Ja und nein. Letztlich geht es wohl um eine gesunde Sichtweise – auf uns selbst und die Welt. Eine, die zu nachhaltigen Lösungen und Fortschritten führt.
Doch ich verliere den Faden und beginne, von dem Korridor zu erzählen. »Ich betrete den Korridor?«, wiederholt mein Gegenüber lächelnd. Das könne nicht der gesuchte neue Mythos sein. Er müsse etwas Verbindendes haben, etwas Kollektives und Gemeinsinn-Stiftendes, das gleichzeitig tief aus dem Unbewussten schöpft. »Versuch es mit ›Wir betreten den Korridor‹«, rät er mir.
Zuerst bin ich etwas konsterniert, dann fühle ich mich mit einem Mal leicht und inspiriert.
»Oder sogar: ›Wir betreten feuertrunken den Korridor‹«, fügt er lächelnd an.
Klar: Wir! Wir alle! Bewegen uns voller Zuversicht und Freude voran in einen Raum voller neuer Möglichkeiten, auf dem besten Weg, den besten Weg, die besten Wege zu finden. Ich bin nicht allein, auch du bist nicht allein. Keiner von uns. Denn wir sind viele! Und wir haben das gleiche Ziel.
Eine vielversprechende Vision.
Ich könne jederzeit wiederkommen, meint mein Gastgeber zum Abschied. Die Suche nach einem neuen Mythos sei eine wichtige Sache, an der er sich gerne mit Rat und Tat beteilige. Froh, eine echte Kapazität als Mitstreiter gefunden zu haben, verlasse ich seinen Pavillon und den üppigen Garten und betrete wieder den Korridor …
Ich betrete den Korridor. Norbus Hausboot riecht anders als sonst. Ich höre seine Stimme aus einem kleinen Zimmer, in dem ich noch nie gewesen bin: seinem Schlafzimmer.
Norbu liegt im Bett, hustet erbärmlich und sieht hundeelend aus. »Ein Infekt«, krächzt er, »komm mir bloß nicht zu nahe.« Um sein Bett herum sind Papiertaschentücher verstreut.
»Kann ich was für dich tun?«, frage ich besorgt.
»Nee«, sagt er, »hab alles da.«
Neugierig sehe ich mich um. In Norbus Schlafzimmer hatte ich immer seine Bibliothek vermutet, all die Bücher, die er im Laufe seines Lebens angesammelt haben muss. Tatsächlich sehe ich auf dem Regalbord über dem Bett nur ein einziges Buch. Norbu folgt meinem Blick.
»Finnegans Wake«, meint er, »Erstausgabe. Mehr brauch ich nicht.«
Ich nicke, aber vielleicht reicht das nicht, um herauszustellen, dass ich weiß, wovon er redet, und füge an: »Ja, ein Roman, der eine ganze Bibliothek ist. Joyce hat es irgendwie geschafft, das Leben, das Universum und den ganzen Rest da reinzupacken. Ein Buch, das quasi alles enthält. Mehr braucht man nicht.«
Norbu sieht mich ein wenig schräg an. »Also mir«, sagt er, »geht’s bei dem Buch hauptsächlich darum, dass ich nur ein, zwei Zeilen lesen muss, und ich falle sofort in tiefen Schlaf.«
»Aha«, sage ich, beiße mir auf die Lippen und ziehe meine Hand zurück, mit der ich das Buch nehmen und wahllos irgendwo aufschlagen wollte, um dann nach einem kurzen Blick hinein wissend zu nicken. Da hab ich wohl etwas danebengegriffen.
»Kein Buch kann den kompletten Kosmos umfassen, das ist romantisierender Schwachsinn.« Norbu muss husten und bittet mich, uns einen Tee zu machen. Ich grummle zwar ein wenig, weil ich mich weder gern runterbügeln noch zum Hausmädchen degradieren lasse, aber schließlich ist Norbu krank, und vermutlich meint er es nicht böse.
In der kleinen Küche finde ich Kamillentee, den ich aufbrühe und mit einem Stuhl als Tablett ins Schlafzimmer trage, um mich zu meinem kranken Freund setzen zu können. Ich gieße uns ein.
»Vielleicht im Sinne eines Hologramms«, sage ich. Während des Teekochens habe ich lange nach irgendwas gesucht, das ich Norbus Abfuhr entgegenhalten kann. »Es ist alles da, nur weniger detailreich.« Ich deute auf das Buch.
Norbu schüttelt den Kopf. Er rückt hoch, schiebt sich das Kissen in den Rücken und lehnt sich mit dem Oberkörper an die Holzwandung seines Hausboots. »Da landet man ganz schnell bei romantizistischen Weltvorstellungen. Früher war es die, Gott würde einem höchstpersönlich dabei zuhören, wenn man ihm seine Weihnachtswunschliste vorliest. Heute muss die Quantenphysik dafür herhalten, dass jeder selbst der Schöpfer seiner Wirklichkeit sein will.«
Norbu klingt beleidigt – so, als wolle er sich ganz oben für seine Erkältung beschweren. Und da nun mal nicht Gott an seinem Bett sitzt, sondern ich, bekomme eben ich die Breitseite ab.
Aber ich weiß mich zu wehren. »Hast nicht du selbst mal gesagt, das menschliche Bewusstsein sei der nächste unerforschte Kontinent? Und was ist mit Yogis, die sich tagelang begraben lassen und währenddessen offensichtlich ihre Atmung einstellen, oder mit buddhistischen Mönchen im Himalaja, die sich nackt in den Schnee legen und nur mit der Kraft ihres Geistes einen lebenden Radiator aus sich machen?«
Norbu nickt lächelnd, aber ich meine, dabei in seinen rotgeäderten Augen den Schalk blitzen zu sehen. »Ja, das möchten wir gern glauben: dass das möglich ist und dass der Geist die Materie beherrscht.« Er stellt seine dampfende Tasse neben den Joyce-Band auf das Regalbord. »Warum gibt es nur anekdotische Berichte darüber und keine handfesten Beweise? Denk doch mal nach: Wenn es möglich wäre, sich nur von Licht zu ernähren – wie Frau Jasmuheen oder das chinesische Bi Gu behaupten –, warum hat das die Evolution noch nicht genutzt? Außer bei den Pflanzen, meine ich. Aber die tanken bekanntlich kein Prana, sondern nutzen Chlorophyll.« Norbu muss wieder husten, hebt aber diesmal die Hand dabei, um mir zu signalisieren, dass er mit seinem Gedankengang noch nicht zu Ende ist und ich ihm nicht dazwischenreden soll. Folgsam warte ich ab.
»Oder«, fährt er schließlich mit einem Kratzen in der Stimme fort, »wenn Telekinese möglich wäre, warum setzen Tiere sie nicht ein? Genauso Teleportation. Oder Levitation. Die Evolution hatte Milliarden Jahre Zeit dafür, den Wunsch nicht nur Vater der Gedanken, sondern Beherrscher der Realität werden zu lassen. Stattdessen lässt sie alles in Handarbeit erledigen. Oder halt per Tentakel, Flosse, Mandibel oder Reißzahn. Richtig?«
Jetzt hat er mich doch ein wenig eingeschüchtert. Ich nicke verdrossen. Irgendwie hatte ich uns beide immer als mutige Entdecker eines neuen und kaum bekannten Kontinents gesehen, als Pioniere einer neuen Sicht auf den Menschen, die endgültig Schluss macht mit dem reduktionistischen Mythos, wir seien nur ein Uhrwerk, eine Maschine oder ein Computer.
»Geist«, sagt Norbu, »ist nur eine Nebenerscheinung der Materie und, wie man an beispielsweise an Alzheimer sieht, fehleranfällig und flüchtig. Die Selbstbeweihräucherung, die er besonders in esoterischen Kreisen betreibt, ist nur das Wunschdenken eines überkomplexen und unterbeschäftigten Gehirns.«
Er blickt mich antwortheischend an, und wieder nicke ich grummelnd.
»Könnte man meinen«, fügt er trocken an.
Ich schürze die Lippen und brumme zustimmend, wenn auch widerwillig – bis mir bewusst wird, dass er sich da gerade selbst in Frage gestellt hat. »Ist es etwa nicht so?«, frage ich hoffnungsvoll.
Norbu schnäuzt sich geräuschvoll in ein Taschentuch. »Nicht, wenn das menschliche Bewusstsein eine Emergenz der Evolution darstellt, also etwas, das neu entsteht, aber mehr ist als die Summe seiner Bestandteile und neue Bedingungen und Fähigkeiten schafft, wie sie vorher nicht abzusehen waren. So, wie aus lebloser Materie das Leben selbst hervorgegangen ist.«
»Aha. Also deshalb hat die Evolution im Tierreich keine präkognitiven Raubtiere hervorgebracht, die die Jagd auf ein Opfer nur antreten, wenn sie genau wissen, dass sie erfolgreich sein wird: Deren Gehirne waren noch nicht komplex genug dafür. In Gegensatz, willst du sagen, zu unseren.«
»Na ja«, meint Norbu, »es gibt Forschungen, die nahelegen, dass wir unbewusst Ereignisse vorherwissen können. Bei solchen nämlich, die viele Menschen auf der Erde bewegten, zeigten zum Beispiel Zufallsgeneratoren Auffälligkeiten. Und zwar schon, bevor das Ereignis überhaupt eintrat.«
So, wie Norbu es sagt, klingt das nach einem »Aber«. Ich warte ab, und tatsächlich: »Aber insgesamt sehe ich uns da auf der alleruntersten Stufe der Kompetenz.«
Darüber hatten wir vor Jahren einmal gesprochen. Ich fand die die Einteilung in vier Stufen damals sehr hilfreich und habe sie mir gemerkt. Unten fängt sie an mit »unbewusster Inkompetenz«.
Norbu nickt: »Nicht im Entferntesten wissen, dass man etwas nicht weiß oder kann.«
»Gefolgt von ›bewusster Inkompetenz‹: Ich weiß, dass ich nichts weiß.«
»Genau. Dann erarbeitet man sich die ›bewusste Kompetenz‹ …«
»Die schließlich zu ›unbewusster Kompetenz‹ wird, wie flüssig sprechen können oder das Gleichgewicht halten und auf zwei Beinen gehen – ohne ständig drüber nachdenken zu müssen.«
Norbu nippt inzwischen wieder an seinem Tee. Auch ich nehme einen Schluck. Eine Zeitlang sagen wir nichts.
»Wir stehen ganz am Anfang«, sage ich schließlich nachdenklich, »aber einige ahnen schon den unentdeckten Kontinent am Horizont.«
»Land in Sicht!«, ruft Norbu, was aber einen kurzen Hustenanfall zur Folge hat. Erneut hebt er die Hand, bis er wieder etwas Verständliches über die Lippen bringen kann. »Wobei die Frage ist, ob es den Kontinent schon gibt oder ob wir ihn nicht gerade komplett neu erträumen.«
Es dauert ein paar Momente, bis mir zu Bewusstsein kommt, was für Möglichkeiten er da gerade angesprochen hat. Beides, das Finden und das Erfinden, hätte ungeahnte Konsequenzen dafür, wie die Welt beschaffen ist und was sie im Innersten zusammenhält. »Was glaubst du?«, frage ich gespannt.
»Ich glaube, ich muss jetzt eine Runde schlafen.«
»Oh, okay«, sage ich und trinke hastig meinen Tee aus. »Kann ich noch irgendwas für dich tun?«
Norbu schüttelt lächelnd den Kopf, rutscht wieder ganz unter seine Decke und rüttelt sich das Kissen zurecht. »Der Blick ins Universum – und natürlich besonders der in ein ganz neues Universum am Horizont – macht mich immer ganz müde«, murmelt er. »Wegen der ungeheuren Chance und Verantwortung.« Und damit ist er eingeschlafen.
Ich mache die Tür zum Hausboot leise hinter mir zu. »Chance und Verantwortung!« Als ich mich auf mein Fahrrad schwinge, fühle ich mich inspiriert und voller Tatendrang, weiß aber leider gar nicht, wozu genau.
Ich betrete den Korridor, und sogleich lastet eine bedrückende Ehrfurcht auf mir. Hier, durch eben diesen Korridor der Kreativität, schritten einst Giganten. Genies. Geistesgrößen, Goliathe und Götter am Literaturhimmel. Sie alle kannten diesen Ort, kamen hierher und bedienten sich dessen, was sie hinter den Türen fanden. Grandiose Werke sind aus diesen Inspirationen heraus entstanden.
Ich komme mir klein und unbedeutend vor. Nie würde ich wagen, eines dieser mächtigen Portale zu öffnen. Doch da, in einer der Türen entdecke ich unten eine winzige Katzenklappe. Ob ich es wagen kann, mir hier eine klitzekleine Inspiration zu holen? Vorsichtig lupfe ich die Klappe …
Ich betrete den Korridor, das einzige, das mir vertraut vorkommt in dem Wirbel aus Farben und Formen, der mich ringsum einhüllt und schwindeln lässt. Es tut gut, festen Boden unter den Füßen zu fühlen. Aber ist es wirklich fester Boden? Alles hier ist seltsam weich und teigig, die Wände des Korridors fühlen sich nachgiebig an, als hätte man Seide über Schaumstoff gespannt.
»Alles klar bei dir da drin?«
Wer spricht da? Ist das ein Test? Ein Experiment? Ein Aprilscherz? Oder hat mich der amerikanische Geheimdienst wieder aufgegriffen?
»Gib Laut, Mann, ich hab nicht den ganzen Abend Zeit.«
Die Stimme klingt nach einem Jugendlichen. Ich kann sie nicht lokalisieren und stolpere den Korridor entlang. Kommt sie von vorne? Der Gang ist gebogen, sein Ende nicht zu sehen. »Hallo? Ist da wer?«
»Tom. Nǐhǎo. Ich hab da ein paar Fragen, Cory.«
Cory? Ja, Cory. Aber wer ist Cory? Meine Erinnerungen widersprechen sich. Ich bin gleichzeitig eine Journalistin, der Schüler eines buddhistischen Meisters, der Minotaurus, eine Xeno-Linguistin … Wie kann das sein?
»Du bist doch ’n schlaues Kerlchen. Hast ’ne Menge geschrieben. Und ich brauch jetzt deine Hilfe. Es geht um den ›Untergang der europäischen Postmoderne am Beispiel eines Literatur-Blogs aus dem Jahr 2012‹. Ich brauch da Input.«
Wovon redet er? Der Korridor hat einfach kein Ende, und die Stimme bleibt immer bei mir. Ein Traum? Nein: Immer, wenn mir dieser Verdacht in einem Traum kommt, verwandelt er sich in einen Klartraum. Doch das funktioniert diesmal nicht. Ich wache nicht auf, weder im Traum noch im Bett. Und doch ist es irreal.
»Kannst du was anfangen damit, Cory? ›Untergang der Postmoderne‹?« Die Stimme hat etwas Drängendes.
»Das Korridorium …«
»Japp. Davon rede ich. Soll ich ’ne Facharbeit drüber schreiben.«
»Das Korridorium …«, setze ich erneut an, aber ich verstumme, denn mit einem Mal wird mir klar, dass ich das Korridorium und alle Geschichten darin geschrieben habe. Ich bin das nicht, sondern ich habe es erdacht. Ja, so muss es gewesen sein. Daher die widersprüchlichen Erinnerungen: Geschichten, die ich mir alle nur ausgemalt habe.
»Wo bin ich?«, frage ich in den gebogenen Gang. Es sind Türen da – habe ich sie vorher nicht bemerkt? Sie tragen Nummern, wie in einem Hotel. Dabei fühlt es sich eher an wie eine Bibliothek, wie der Korridor zwischen den Bücherregalen, und so riecht es hier auch. Ein Hotel, das nach Büchern riecht. Gar nicht schlecht eigentlich. 398 steht auf der Tür. Ich drücke die Klinke herunter, aber sie ist verschlossen.
»Überall und nirgends. Du bist ein Yōulíng mit der Aufgabe, mir bei der Facharbeit zu helfen. ›Postmoderne‹, der Teach spinnt doch.«
Auch die nächste Tür ist verschlossen. Und die nächste. Und so fort. Jede trägt die gleiche Nummer. 398. Vielleicht bin ich verrückt geworden? Oder tot.
»Jetzt sag schon: Was ist postmodern an deinem Geschreibsel, und inwieweit spiegelt das den Untergang wider?«
»Was ist ›Teach‹?«
»Mein Deutsch-Teach. Tut aber nichts zur Sache. Die wird nie von dir erfahren. Ich hab dich mit Hilfe deiner Texte rekonstruiert. Private Yōulíngs sind zwar verboten laut Jīngshénrechts-Charta, aber das ist ja hier sozusagen ein Notfall.«
Rekonstruiert? Ich laufe den Korridor entlang, rüttle an verschlossenen Türen, die alle die 398 tragen – dazu meine durcheinanderwirbelnden Erinnerungen an einen Haufen Hippies, die Pest, an ein Endlager für Atommüll, die Arche Noah …
»Eine Rekonstruktion?«
»Japp. Hab hier am Labor-Táishì meines Vaters einfach einen Blanko-Mind genommen, mit deinen Texten gefüttert und die Sekundärliteratur abrufen lassen. Plus die wichtigsten Daten vom Anfang des Jahrtausends, das Zeitgeist-Package 1970 bis 2012. Den Rest erledigt die Stem.«
»Blanko-Mind?«
»Interessiert doch jetzt keinen Benz, Mann. Das ist alles nach deiner Zeit. Ich bin nicht hier, um dir die Welt zu erklären.«
»Die Welt von wann?«
»67. Ich sag ja: Lange nach deiner Zeit.«
»2067?«
»Ja, Bingo.« Seine Stimme klingt genervt.
2067. Wie kann das sein? Tatsächlich erinnere ich mich dunkel, gestorben zu sein. Der Tunnel ins Licht. Oder nein, das Schwert im Rücken. Doch das sind wohl auch nur Geschichten, Geschichten, anhand derer ich rekonstruiert wurde. Deshalb kann ich nur wissen, was in den Texten steht – und nichts von meinem Tod, dem des Autors, dessen Rekonstruktion ich bin. Seine – oder ihre – Storys allerdings sind widersprüchlich. Es muss Absicht sein, dass sie sich nicht festlegen. Wie soll ich wissen, wer ich bin, nicht einmal ob Mann oder Frau oder ob überhaupt ein menschliches Wesen, wenn genau das gerade das Suchspiel war, das Rätsel? Wenn alles pluridimensional daherkommt und fraktal zersplittert? Aber nein, löst sich nicht am Ende des Blogs überraschend alles auf, und es wird klar, wer Cory ist und was es mit all den Geschichten auf sich hat?!
Doch ich kann dem Gedanken nicht weiter folgen, sondern werde unterbrochen. »Okay, Mann, also das Korridorium: 400 Blogeinträge, insgesamt vom Umfang eines mittelschweren Romans. Irgendwo da drin muss was zum Untergang der Postmoderne stehen – oder halt was Postmodernes, das den Untergang beleuchtet. Also leg mal los, du bist doch Schreiberling.«
»Es sind 398 Texte. Nicht 400. Dreihundertachtundneunzig!«
»Wie auch immer.«
»Und sie sollten nicht postmodern sein, sondern post-postmodern. Verstehst du? Integral.«
»Hör zu: Das ist hier nicht der Mathe-Unterricht.«
Ich werde wütend. Da rekonstruiert mich jemand im Jahr 2067, indem er ein Blanko-Bewusstsein mit meinen Texten füttert und irgendein Computer daraus den Geist des Autors, also mich, hervorkitzelt, aber es ist kein Literaturwissenschaftler, kein Historiker, nicht einmal ein Liebhaber skurriler Kurzprosa, sondern nur irgend so ein ignoranter Schnösel, der für die Schule was über mich schreiben muss und zu faul ist, auch nur eine Zeile davon zu lesen!
»Jetzt hör du mir mal zu, du Banause! Du musst da was falsch verstanden haben: Ich hab die Postmoderne transzendiert, das mit dem Untergang ist Schwachsinn. Die Postmoderne kann doch allenfalls durch die nächste Kulturstufe, also die Integrale Perspektive abgelöst und in sie integriert worden sein! Die Moderne ist doch auch nicht ›untergegangen‹.«
»Nee, im Gegenteil: Nach der Postmoderne kam die Remoderne, und dann die Prenaissance. Déle. Das ist alles nach deiner Zeit, und jetzt lass uns endlich endlich die Facharbeit schreiben.«
Mir schwirrt der Kopf. Die Postmoderne mit all ihren Errungenschaften soll gescheitert und spurlos verschwunden sein? Doch nicht etwa – durch mich?
»Das Korridorium hat den Untergang verursacht?!«
»Wohl kaum. Ich hab natürlich recherchiert, was es mit diesem Korri-Dōngdōng auf sich hat, aber es ist nix drüber zu finden. Blieb wohl unbeachtet, und ich schätze, dass es an der Quote für deutsche Literatur liegt, dass der Teach das Ding ausgegraben hat. O Mann! Zwanzigtausend Zeichen Minimum inklusive Leerzeichen – hätte echt lieber was über chinesische Literatur geschrieben!«
»Aber es muss doch einen Wikipedia-Eintrag zum Korridorium geben!«
Die Stimme lacht. Ein kurzes, genervtes Lachen. »Das ist dann wohl der postmoderne Narzissmus, von dem der Teach redet: immer nur um sich selbst kreisen. Nee, Wikipedia ist längst Geschichte, der Dschiessibi hat die Sùzhìpedia draus gemacht, nach dem Meltdown.«
»Meltdown?«
»2030. War nach deiner Zeit. Und in der Sùzhìpedia …«
»Was ist der Meltdown?«, unterbreche ich ihn.
»Interessiert doch jetzt keinen Benz. Willst du jetzt wissen, ob was über dich in der Sùzhìpedia steht oder nicht?«
»Sùzhì wie Sushi?«
»Doch nicht Japanisch! Das ist Chinesisch und heißt ›schnelles Wissen‹.«
»Du sprichst Chinesisch?«
»Nur Mandarin. Jedenfalls steht nichts übers Korridorium drin. Es gibt da nur irgendeine Fußnote. Eine einzige.«
»Dieser Meltdown: Danach ging’s steil bergab, oder? Ich meine: ›Remoderne‹, das klingt nach Regression. Und mit der ›Prenaissance‹ scheint es die Menschheit ja dann auf einen Schlag zurück ins dunkelste Mittelalter versetzt zu haben.«
»Na, das sagt der Richtige. Der Teach hat recht. Hauptcharakteristikum der Postmoderne: ihre abscheuliche Hybris. Neben ihrem fatalen Werte-Relativismus natürlich.«
»Und wer Cory ist? Hast du das recherchiert?«
»Interessiert doch jetzt wirklich keinen Benz. Hör endlich auf, mich vollzugongen. Ich stelle hier die Fragen! Wer soll Cory schon sein? Cory halt. Du.«
»Was soll das mit dem ›Benz‹? Wovon redest du?«
»Das ist chinesisch. Pik.«
»›Benz‹ soll chinesisch sein? Und was ist ›pik‹?«
»Na, pik. Pikant. Zu deiner Zeit hätte man wohl ›cool‹ gesagt.«
»Zu meiner Zeit … Du hast mich doch gerade erst rekonstruiert. Von damals weiß ich nur irgendwelche Geschichten. Der echte Cory dagegen – hat eigentlich mal jemand rausgefunden, wer hinter dem Künstlernamen steckt?«
»Was gibt’s da rauszufinden? Ist halt irgend so ein postmodernes Versteckspiel. Du musst doch wissen, wer du bist.«
Ich kann mich an eine Preisverleihung erinnern. War es nicht sogar der Literatur-Nobelpreis? Offenbar nur eine der Geschichten. Ich kann meinen Erinnerungen nicht trauen. Wenn ich doch nur in Ruhe über mich nachdenken könnte! Und wie ich hier herauskomme aus dem endlosen Korridor … Ich stelle fest, dass mir das Herz pocht und ich nach Luft ringe. Es kommt mir vor, als hätte ich einen Marathonlauf hinter mir. Oder bin ich einfach nur wütend? Ich bin mir nicht sicher – auch nicht, ob ich überhaupt einen Puls habe oder atme. Ich bin nur eine Simulation, zusammengesetzt aus Worten. Können die mit der Methode alle wieder zurückholen? Joyce, Homer, Kafka, Goethe?
»Weißt du was, Mann?«
Ich lehne schweratmend an einer der Wände des Korridors. Was hätte Cory jetzt getan?
»Ich geb den ganzen Kram meiner Mutter. War ’ne Scheißidee, dich zu rekonstruieren. Mā meint, ich brauch die Spitzennoten für später, Karriere und so, und dann soll sie halt was dafür tun. Für sie ist die Facharbeit ein Klacks.«
»Und was ist mit mir?«
»Was soll schon sein. Ich lösch dich wieder.«
»Das kannst du nicht tun!«
»Werden wir ja sehen.«
»Warte!« Wie hieß er noch? «Ich kann dir helfen, Tom.«
Er lässt sich Zeit mit der Antwort. Ich fühle, wie mir der Schweiß ausbricht.
»Es gibt da diese Geschichte«, rufe ich in den leeren Korridor, »über die Chinesen: Sie schrumpfen sich, bis alle von ihnen in die Verbotene Stadt reinpassen. Eine Satire.« Ich muss improvisieren. Ein Versuchsballon, aber etwas Besseres fällt mir nicht ein.
»Ganz schlecht. Das wird dem Dschiessiebi nicht gefallen. Komisch, dass das dem Teach durchgerutscht ist.«
»Wer ist dieser Dschiessiebi?«
»Unser Großer Kaiserlicher Wohltäter. Der auf dem Drachenthron.«
Ich senke meine Stimme und lege allen Nachdruck hinein: »Aber gerade das könnte doch eine Spur zum Untergang der Postmoderne sein, verstehst du?!«
»Hm. Nicht schlecht. Da könnte ich was dran aufziehen.« Tom scheint anzubeißen.
»Hybris, weißt du? Postmoderner, narzisstischer Größenwahn. So waren wir damals alle.«
Vielleicht habe ich übertrieben, denn Tom zögert jetzt. Schließlich meint er gedehnt: »Hast du nicht gesagt, du warst … integral.«
»Ja, klar, das ist ja gerade der Größenwahn: zu denken, man könne ganzheitlich-nachhaltig alle Aspekte umfassen und integrieren, Machthierarchien durch Kompetenzhierarchien ablösen, pluridimensional-umfassende Lösungen für die komplexesten Probleme finden, den Werteverfall als neuen Wert hochjubeln. Das musste ja zum Untergang führen, gerade angesichts dessen, was sich da zu meiner Zeit in China entwickelte.«
»In China entwickelte?«
»Na, die Remoderne. Oder schon die Prenaissance. Der Dschiessiebi und die – wie hieß noch die neue Menschenrechts-Charta?«
»Jīngshénrechts-Charta.«
»Ja, Mann, was auch immer das ist: der Untergang der europäischen Postmoderne – steht alles drüber drin im Korridorium. Ich kann dir da jede Menge erzählen.«
»Dann schieß los. Du diktierst, und Bàs Táishì schreibt mit. Aber schön mit Gliederung und Fußnoten, hörst du? Ich leg dann mal meine Füße hoch.«
Hätte Cory das gemacht? Um sein – oder ihr – Leben geredet und alles verraten, die Hoffnung, Sehnsucht, die Erkenntnisse und das Ringen um etwas, für das es sich zu schreiben und zu kämpfen lohnt? Nur um nicht umgehend wieder gelöscht zu werden? So muss sich Scheherzerade gefühlt haben.
»Weißt du, Cory, ich will später einfach nur Tiger nachzüchten.«
»Tiger nachzüchten, tatsächlich?«
»Lässt der Great Chinese Benefactor in Zhongguancun über tausend Forscher dran tüfteln, aber die kriegen’s einfach nicht hin, trotz DNA und allem. Wenn ich das dann schaffe, bin ich ein gemachter Mann. Du ahnst nicht, was die da für Tigerjības bezahlen würden. Als Afrosidia … diasi …«
»Aphrodisiakum.«
»Japp.« Und nach einer kurzen Pause: »Bist doch gar nicht so’n Idiot, wie ich dachte, Cory.«
Und damit beginne ich, ein umfangreiches Referat zu halten über den Untergang der Postmoderne, gespiegelt durch 398 skurrile Kurzprosa-Texte, in deren labyrinthischem Versteckspiel immer wieder die monströse Hybris und der ebenso abscheuliche wie fatale Werte-relativierende Narzissmus aufschimmern, die aber dann letztlich das glorreiche Zeitalter der Remoderne einläuteten und die Prenaissance ermöglichten – und natürlich unseren Großen Kaiserlichen Wohltäter auf dem Drachenthron, den Dschiessiebi.
Ich betrete den Korridor. Zwar habe ich gerade die Snooze-Taste meines Weckers betätigt, aber leider drückt mir die Blase. Auf dem Klo fällt mir ein, dass ich heute Nacht einen Traum hatte, der einer Offenbarung glich. Ein Mann in einer orangen Robe und mit einer Art Mitra auf dem Kopf flüsterte mir einen Satz ins Ohr, eine Sentenz, die mir die Augen öffnete über den Zustand unserer Welt, über alle Probleme, an denen wir derzeit herumlaborieren, und über die ungeheure Chance, die sich uns gerade jetzt bieten würde – wenn wir nicht zu betriebsblind wären, sie zu erkennen. Es waren vier Wörter, das weiß ich noch, und sie waren gereimt: vier Wörter von einer unvergleichlichen Sprengkraft, eine Sentenz, die eine neue Ära der Menschheitsgeschichte, eine neue Kulturstufe einläuten würde.
Es ging um die Extreme möglicher menschlicher Lebensentwürfe, das weiß ich noch, und um die gesamte Spannweite menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten in der Welt.
Zum Glück – fällt mir zu meiner Erleichterung ein – war ich so geistesgegenwärtig, mir die vier epochalen Worte bei einem kurzen Erwachen heute Nacht zu notieren, da ich schon ahnte, sie bis zum Morgen wieder vergessen zu haben.
Voller Spannung eile ich zurück ins Schlafzimmer und finde den Zettel auf dem Boden neben dem Bett, und in Großbuchstaben stehen sie da, die vier revolutionären Wörter, Hermes Trismegistos’ »Wie oben so unten«, Nietzsches »Gott ist tot« oder Martin Luther Kings »I have a dream« mindestens ebenbürtig.
Aber wie das so ist im Traum. Ich hätte es mir denken können. Wir sind da nicht ganz auf der Höhe, sondern besitzen oft ein kindliches und naives Gemüt, das sich für Dinge begeistert, die uns im Wachen nicht einmal ein müdes Lächeln abringen würden.
Ich muss Sie also enttäuschen.
Die Sentenz ist nicht gereimt.
Ansonsten … Na, lesen Sie selbst, ob das diese gewaltige Erkenntniskraft birgt, die ich darin gespürt hatte, ob es das begriffliche Juwel ist, das unsere Zeit beschreibt, analysiert, kritisiert und gleichzeitig einen praktikablen Lösungsvorschlag für den ganzen Unbill beinhaltet, den wir im Laufe unserer Geschichte heraufbeschworen haben, und das in diesen nur vier Wörtern: »Papst piepst, Plebs pupst.«
Ich betrete den Korridor nichts Böses ahnend und werde plötzlich von einer blitzartigen Vision überfallen: Gleichzeitig mit mir betreten Tausende, ja Zehntausende Menschen irgendwo auf der Welt einen Korridor, und aus irgendeinem Grund spüre ich sie plötzlich, fühle ihre Gefühle, denke ihre Gedanken, bin gleichzeitig alt und jung, traurig und glücklich, entspannt und gestresst, Mann und Frau – es ist alles da, alles gleichzeitig, in unzähligen Korridoren.
Ein Indiokind rennt, ein Spielzeugflugzeug in der Hand, mit lauten Brummgeräuschen in einen Hausflur, ein Hausmeister bereitet sich vor dem Chefzimmer der Wohnungsbaugesellschaft auf seinen Rausschmiss vor, ein Klempner sucht das richtige Klingelschild, die angeforderte Masseurin die richtige Zimmernummer im Motel. Im Kopf einer jungen chinesischen Violinistin auf dem Weg zu ihrem Unterricht jubiliert eine Mozartsonate, und ein Anglizistikprofessor mit einem Hexenschuss auf dem Weg zu seinem Hörsaal rezitiert in Gedanken ein Shakespearesonett. Einen buddhistischen Pilger beschleicht in einem goldgeschmückten Tempel ehrfürchtiges Staunen, ein russischer Astronaut schwebt – einen Schraubendreher in der Hand – durch die Station, eine fast zu spät kommende Hebamme auf Hawaii vernimmt die Schmerzensschreie einer Gebärenden …
Kollegen helfen mir auf. »Geht es Ihnen nicht gut?« – »Soll ich dir einen Krankenwagen rufen?« – »Sie sind ja ganz weiß im Gesicht!« Ich schüttle abwehrend den Kopf. Meine Knie sind immer noch ganz wacklig, ich kann kaum auf den eigenen Beinen stehen. »Du warst kurz ohnmächtig. Was ist passiert?«
»Wir haben den Korridor betreten«, murmle ich tonlos, ohne dass mich einer der Umstehenden hört. Obwohl das alles nur Sekundenbruchteile lang angedauert hat, hat es sich mir unauslöschlich eingeprägt. Ich verziehe mich in die Toiletten auf dem Gang, wo ich mir solange kaltes Wasser ins Gesicht spritze, bis ich wieder das Gefühl habe, ich selbst zu sein, und nur ich selbst.
Ich betrete den Korridor, und seit der blitzartigen Vision, die mich vorgestern genau hier überwältigt hat, habe ich jedes Mal, wenn ich aus der Tür trete, das mulmige Gefühl, es könne mir noch einmal passieren: mich mit allen Menschen in der gleichen Situation verbunden oder sogar eins zu fühlen.
Auch diesmal, wieder auf dem Weg zur Kantine, passiert es. Aber es ist schwächer und lässt mich nicht gleich zu Boden gehen. Wieder spüre ich Menschen in mir drin, allerdings diesmal weniger, und es fühlt sich nicht ganz so fremdartig und vielfältig an: als sei ich mit diesen Menschen schon vertraut, als wären wir alte Freunde. Einen Sekundenbruchteil lang sind wir eins, ich und meine Brüder und Schwestern im Geiste, Menschen, mit denen mich ein starkes seelisches Band verbindet, ohne dass ich sie kennen würde oder auch nur geahnt hätte, dass es sie irgendwo in der Welt geben könne. Das heftige Gefühl, völlig unvermutet verschollen geglaubte und unbekannte Familienmitglieder wiederzuentdecken, lässt mich einen Moment lang schwanken. Dann ist es auch schon vorbei. Ein paar Kollegen werfen mir misstrauische Blicke zu – kein Wunder nach dem Vorfall vor zwei Tagen. Aber ich lasse mir nichts weiter anmerken.
Wer waren all diese Menschen? Gibt es sie wirklich, irgendwo auf diesem Planeten? Und können sie mich auch wahrnehmen? Habe ich eine Möglichkeit, sie aufzuspüren? Und was hat das alles mit diesem Korridor zu tun?
Den ganzen Tag lang bin ich geistesabwesend und zu nichts zu gebrauchen, weil mich diese Fragen bewegen. Doch schon in den nächsten Tagen verblasst das Erlebnis, und da beim Betreten des Korridors nichts Außergewöhnliches mehr geschieht, schreibe ich die Angelegenheit schließlich meinen überreizten Nerven zu.
Ich betrete den Korridor und habe meine Visionen, die mich dort vor einiger Zeit blitzartig und ohne Vorwarnung überfielen, schon fast wieder vergessen, da stehe ich plötzlich wie neben mir, bin irgendwo in den Bergen und blicke hoch zu einem alten Mann mit einem weißen Spitzbart, der eine einfache, ausgewaschene Robe trägt. Mein Herz fliegt ihm zu, es ist der Meister, mein Meister, der mich in den Himalaja zu sich ruft, seine Schülerin zu werden und die kostbaren geistigen Gaben zu empfangen, die er für mich bereithält.
»Mahlzeit«, grüßt mich ein vorbeikommender Kollege. Ich antworte nicht, noch ganz hingerissen von meiner Vision und von dem übergroßen Verlangen in meinem Herzen, einer Hingabe, einer Begeisterung, von der ich schon ganz vergessen habe, dass ich dazu fähig war, damals, als junge Frau.
Spät abends im Bett kommt mir der Meister wieder in den Sinn, und mein Herz wird kurz noch einmal ganz weh vor Sehnsucht. Doch mein Mann, der friedlich schnarchend neben mir liegt, würde es weder verstehen noch gutheißen. Was sollte ich ihm auch sagen? Und wo im Himalaja sollte ich suchen? Sicher, es wäre ein Abenteuer, auf einen Schlag alles aufzugeben, in die Fremde zu gehen und dort eine neue geistige Heimat zu suchen. Es klingt nach etwas, dass meinem Leben wieder etwas Aufregung verschaffen könnte! Andererseits …
Während mir die Augen zufallen, verebbt die Sehnsucht, und ich finde meinen wohlverdienten Schlaf.
♫ My Sonic Screwdriver (Repairing the Uncertainty Principle) ♫
164/398
Ich betrete den Korridor.
Zumindest ließe sich das so als Orientierungsverallgemeinerung für mich und meine augenblickliche Situation betrachten. Denn ab einem gewissen Punkt sieht sich sogar ein Positivist wie ich – also jemand, der nur beweisbare Fakten, möglichst auch noch peer-reviewed, gelten lässt – gezwungen, mit Tendenzen und statistischen Häufungen zu operieren.
Im Bereich der menschlichen und kulturellen Psyche treffe ich nämlich andauernd auf etwas, das der Nemesis der Positivisten gleicht: der Heisenbergschen Unschärferelation. Es entzieht sich hartnäckig der exakten Bestimmbarkeit.
Nehmen Sie mich also nicht beim Wort. »Ich betrete den Korridor« ist nur eine bestmögliche Annäherung an eine Tatsache, die weit vielschichtiger ist, als die bloßen Worte vermuten lassen, und möglicherweise sogar, wenn auch marginal, ihr eigenes Gegenteil beinhaltet.