Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Nous

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♫ Seqt­laune ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor als kind­lich Glau­ben­der, kon­ver­tiere ein paar Schritte hin­ter der Schwelle, unsi­cher gewor­den, zum jugend­li­chen Agnos­ti­ker und durch­schreite ihn schließ­lich als erwach­se­ner Pos­si­bi­lia­nist, als Ent­de­cker der Mög­lich­kei­ten sozu­sa­gen, offen für alles (und neu­gie­rig dar­auf), was sich hin­ter sei­nen Türen ver­ber­gen mag und als wer ich ihn ver­las­sen werde – am Ende gar als Mys­ti­ker?

 
(Diese Vita in einem Satz mag Ihnen allzu gerafft vor­kom­men, aber glau­ben Sie mir, der Floh ist Ihnen, ohne dass Sie es mer­ken, bereits ins Ohr gesetzt.)

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♫ Ski­la­boð til mann­kyns ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und höre am Geräusch eines Boh­rers gleich, dass Norbu mal wie­der etwas an sei­nem Haus­boot repa­riert. Ich mache uns auf der Ter­rasse schon mal einen Wein auf und warte mit zwei Glä­sern auf ihn. Wenn ich mei­nen Freund Norbu besu­che, nehme ich mir immer genü­gend Zeit mit. Es ist nie vor­her­zu­se­hen, wie tief wir uns in unsere Dis­kus­sio­nen ver­stri­cken wer­den.

Dies­mal habe ich ein Thema mit­ge­bracht. Ich will von Norbu wis­sen, was er vom Kli­ma­wan­del hält.

Er ist ver­schwitzt und ölver­schmiert, freut sich aber sicht­lich über mei­nen Besuch, als er end­lich, eine Schlag­bohr­ma­schine in der Hand, aus irgend­wel­chen Kam­mern und Gän­gen unter­halb der Was­ser­li­nie im Wohn­zim­mer auf­taucht.

»Der Kli­ma­wan­del ist nicht das Pro­blem«, meint er leicht­hin. Wir sto­ßen an. »Irgend­wann wird die Mensch­heit eh den Abgang machen. Und selbst wenn wir noch eine Zeit­lang über­le­ben – das Leben auf der Erde selbst ist begrenzt.«

»Das klingt nach Kata­stro­phis­mus«, wende ich tadelnd ein.

»Pure Astro­phy­sik. Die Sonne wird ver­lö­schen. Das Pro­blem ist nicht die Kli­ma­er­wär­mung, son­dern der Wär­me­tod. Du musst in grö­ße­ren Maß­stä­ben den­ken!«

Das tut mein Freund Norbu gerne. Ich dage­gen muss nur für zehn Sekun­den ernst­haft über die Frage nach­den­ken, warum es über­haupt etwas gibt und nicht nichts, und schon bin ich im Tota­len Durch­blicks­stru­del gefan­gen und beginne mich auf­zu­lö­sen.

»He«, sagt mein Freund Norbu, »bist du noch bei der Sache?« Das kata­pul­tiert mich aus dem Stru­del wie­der her­aus. Ich nicke beflis­sen: »Wär­me­tod der Sonne. Sie bläht sich auf und ver­brennt all ihre Pla­ne­ten. Das Ende des Lebens auf der Erde.«

Doch Norbu schüt­telt unge­dul­dig den Kopf: »Wär­me­tod des Uni­ver­sums und das Ende allen Lebens. Das ist das eigent­li­che Pro­blem, und das gilt es zu ver­hin­dern.«

Ich starre ihn ungläu­big an. »Du willst den Wär­me­tod des Uni­ver­sums ver­hin­dern?« Und dann: »Was ist das über­haupt?«

»Seit kurz nach dem Urknall baut das Uni­ver­sum stän­dig ab: Die Mate­rie ver­teilt sich, kann wegen zuneh­men­der Distan­zen immer weni­ger mit­ein­an­der agie­ren, und die Sterne bren­nen aus. Kalte und heiße Zonen glei­chen sich immer mehr an, bis alles eine ein­heit­li­che Tem­pe­ra­tur und Struk­tur ange­nom­men hat und nur noch eine unter­schieds­lose lau­warme Soße ist. Aber damit wir es dazu nicht kampf­los kom­men las­sen, gibt es ja ›Die Bot­schaft‹.«

Norbu weist mit einer aus­la­den­den Geste auf die Welt um uns herum. Ich kann ihm nicht fol­gen. Schließ­lich seufzt er und setzt zu einer wei­te­ren Erklä­rung an: »Die Natur­ge­setze sind eine Bot­schaft. Die kos­mi­schen phy­si­ka­li­schen Grund­prin­zi­pien sind wun­der­bar fein dar­auf abge­stimmt, dass Leben ent­ste­hen kann, Leben, das sich selbst erkennt – als das, was es ist. Ich spre­che von uns!«

»Uns bei­den?«, frage ich klein­laut, weil ich schon ahne, dass ich ihm wohl wie­der nicht ganz fol­gen kann.

»Uns allen. Die Men­schen. Und alle ande­ren intel­li­gen­ten Zivi­li­sa­tio­nen im Kos­mos. Und die Natur­ge­setze sagen uns, dass die von vor­her dran gedreht haben.«

»Die von vor­her?« Ich komme ihm gerade kaum noch hin­ter­her.

»Manch­mal stelle ich mir vor«, und damit lehnt Norbu sich zurück und blickt den Rest Rot­wein in sei­nem Glas sin­nend von unten an, »dass vor dem Wär­me­tod des Uni­ver­sums eine Hand­voll intel­li­gen­ter Zivi­li­sa­tio­nen es schaf­fen, Kon­takt mit­ein­an­der auf­zu­neh­men und gemein­sam das größte Pro­jekt der Welt zu star­ten.«

Er redet nicht wei­ter. Ich müsste jetzt fra­gen, was denn wohl das größte Pro­jekt der Welt ist, aber nun bin ich bockig und schweige.

Nach einer Weile fährt er flüs­ternd fort: »Vor dem Ende des eige­nen Uni­ver­sums ein neues zu schaf­fen, damit es wie­der Leben geben kann. Damit die Kette des Seins nicht abbricht.«

Auch ich werde plötz­lich ganz ehr­fürch­tig bei dem Gedan­ken, wir könn­ten dem nächs­ten Uni­ver­sum, den intel­li­gen­ten Wesen, die uns nach­fol­gen, eine Bot­schaft hin­ter­las­sen: Natur­ge­setze, die ihnen hel­fen, sich zu ent­wi­ckeln – eine zukunfts­träch­tige Maß­nahme, die sicher­lich nicht bin­nen einer Legis­la­tur­pe­ri­ode zu schaf­fen ist und selbst ein 739-jäh­ri­ges Orgel­werk, die zehn­tau­send­jäh­rige Long-Now-Uhr und das mög­lichst sichere Ver­gra­ben von Atom­müll für Hun­dert­tau­sende von Jah­ren um eini­ges über­trifft.

»Natür­lich nur«, sagt mein Freund Norbu jetzt plötz­lich wie­der ganz nüch­tern, »wenn das Uni­ver­sum ein in sich abge­schlos­se­nes Sys­tem ist. Sonst bie­ten sich natür­lich zahl­rei­che andere Mög­lich­kei­ten, weil es dann nicht unbe­dingt zum Wär­me­tod oder Big Crunch kom­men muss. Aber solange wir das nicht sicher wis­sen …«

»… wäre es viel­leicht bes­ser, sich auf den schlimms­ten Fall vor­zu­be­rei­ten.«

»Genau«, bekräf­tigt mein Freund Norbu. »640 Mil­li­ar­den Jahre bis zum Wär­me­tod sind eine ver­dammt kurze Zeit, um sich soweit fort­zu­ent­wi­ckeln, dass man in der Lage ist, ein neues Uni­ver­sum zu pla­nen und in die Tat umzu­set­zen. Bes­ser ist’s, wir fan­gen gleich damit an.«

Mir schwirrt der Kopf, und das nicht nur vom Wein. Als ich spä­ter unter einem präch­ti­gen Ster­nen­him­mel nach Hause radle, hebe ich den Kopf und frage das Uni­ver­sum, das sich über mir wölbt, ob es eine Bot­schaft für mich hat. Und tat­säch­lich. Ich kann sie nicht hören oder sehen, aber ich kann etwas spü­ren. Das Leben ist lebens­wert.

173/398

♫ Sacred Syll­ables ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ein natür­li­cher Spalt im Fels, der von Mön­chen wie mir in jahr­hun­der­te­lan­ger Arbeit erwei­tert wurde. An den Sei­ten öff­net sich der Gang zu klei­nen Zel­len, doch mein Weg führt tie­fer in den Berg hin­ein. Ich atme tief durch.

49 Tage lang werde ich im Dun­keln sit­zen, an einem Ort, zu dem kein Licht­strahl dringt. Andere Mön­che haben mich gewarnt. Es seien schon Medi­tie­rende ver­rückt dar­über gewor­den, und es hieß hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand, dass einige Adep­ten diese 49 Tage nicht über­lebt hät­ten.

Auf dem Weg tief hinab in den Berg, hin zu einem unbe­kann­ten und erschre­cken­den Ort, wird mir klar, dass mich die Kon­fron­ta­tion mit dem erwar­tet, das, unbe­kannt und erschre­ckend, tief in mir selbst ver­steckt ist. Mir bricht der Schweiß aus. Den­noch taste ich mich wei­ter voran ins Dun­kel. Ich will mei­nen Meis­ter nicht ent­täu­schen und mei­nen Ent­schluss auf kei­nen Fall umsto­ßen.

Was werde ich ent­de­cken? Was wird in mir, aus mir her­vor­krie­chen, wenn ich dort sitze in abso­lu­ter Stille und voll­kom­me­ner Schwärze? Ich stol­pere, und obwohl ich den Metal­l­ei­mer ver­zwei­felt umkralle, ent­glei­tet er mir, stürzt um, und das kost­bare Was­ser – das ein­zige, das mich außer mei­nem Gewand für die Zeit der Medi­ta­tion in die Tiefe des Ber­ges beglei­ten soll – ver­teilt sich auf dem nack­ten Fels und ver­si­ckert in den Rit­zen und Spal­ten. Ich muss umkeh­ren. Ohne Was­ser werde ich nicht über­le­ben!

Den­noch gehe ich wei­ter.

Schon lange gibt es keine Zel­len mehr an den Sei­ten des Kor­ri­dors, nicht ein­mal mehr Nischen. Der Gang wird enger. Ich spüre, dass ich ver­lo­ren bin. Bes­ser jetzt umkeh­ren als spä­ter halb ver­hun­gert und ver­durs­tend aus dem Loch gekro­chen kom­men!

Aber mein Meis­ter hat gesagt, dass ich die­sen Weg ins Innere, ins Dun­kel, nur ein ein­zi­ges Mal antre­ten kann. Kehre ich jetzt um, ist mir der Abstieg in den Berg für immer ver­schlos­sen. Ich fange grund­los an zu schluch­zen. Todes­angst packt mich. Den­noch wanke ich wei­ter. Ich bin tief im Bauch eines Ber­ges, und es ist, als laste das Gestein ton­nen­schwer auf mei­nen Schul­tern.

Men­schen, die ich ein­mal kannte, kom­men mir in den Sinn, böse Worte, acht­lose Hand­lun­gen, die mir Leid tun. Ich flehe die schwar­zen, kal­ten Wände um Ver­ge­bung an. Sie ant­wor­ten nicht. Ich bin vier Jahre alt, allein auf Ent­de­ckungs­reise im Kel­ler, und ein böser Zufall lässt die ein­zige Glüh­birne durch­bren­nen. Ich schreie, und meine eigene Stimme und ihre Echos im Berg jagen mir Schau­der über den Rücken. Ich halte mich nicht mehr aus und kann doch nicht anders, als mich ertra­gen, irgend­wie. Es ist, als würde ich die Hölle durch­wan­dern, und die Hölle bin ich.

Da. Ein Schim­mern vor mir. Zuerst glaube ich, ich täu­sche mich. Dann wird mir klar, dass hier unten ein Mönch sein muss. Er hat sich ein Licht, eine Kerze oder eine Fackel, mit­ge­bracht. Aber der Licht­schein fla­ckert nicht.

Ich wan­dere tat­säch­lich seit eini­ger Zeit berg­auf. Es ist Tages­licht, das mich erwar­tet. Ich muss blin­zeln. Die tiefste und schwär­zeste Sta­tion der Reise, die dunkle Nacht der Seele, ist hell?

Ich trete ins Freie. Ein grü­nes, son­nen­be­schie­ne­nes Tal – es liegt offen­bar auf der ande­ren Seite des Ber­ges. Der Meis­ter sitzt auf einem Fel­sen und gießt mir eine Tasse Tee ein. Ich bin ver­wirrt. Wie lange war ich unter­wegs? Waren es Stun­den? Oder Wochen? Bin ich schon tot? Träume ich?

»Das wis­sen wir nie so ganz genau«, sagt der Meis­ter.

174/398

♫ Queen Puabi (Reig­ning Cats and Dogs) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mein Haus mit dem Boots­schup­pen ver­bin­det. Seit Mona­ten bin ich nicht mehr hier gewe­sen – ers­tens weil durch den stren­gen Win­ter der See zuge­fro­ren war, und zwei­tens, weil mich ein anstren­gen­der Job für eine Hilfs­or­ga­ni­sa­tion keine Zeit für meine pri­va­ten For­schun­gen fin­den ließ. Hier im Kor­ri­dor habe ich einen schma­len Tisch unter­ge­bracht, auf dem meine Noti­zen lie­gen, neben dem kryp­ti­schen Ori­gi­nal­text und mei­nen Ver­su­chen, das Spiel­brett und die Figu­ren zu rekon­stru­ie­ren.

Durch einen glück­li­chen Zufall bin ich vor Jah­ren auf ver­gilbte Auf­zeich­nun­gen gesto­ßen, in denen von einem ver­schol­le­nen Brett­spiel die Rede ist, das sich zur Renais­sance im süd­li­chen Europa offen­bar einer gewis­sen Beliebt­heit erfreute. Es hieß »Zita­delle«, und in der Schrift – einem Brief eines in ferne Län­der rei­sen­den Sohns an sei­nen Vater, der ein Kauf­mann war – sind einige der Figu­ren erwähnt, doch lei­der nur am Rande und nicht etwa zur Doku­men­ta­tion des Spiels und sei­ner Regeln. Die Rekon­struk­tion gestal­tet sich schwie­rig. Wenn sie mir über­haupt jemals gelin­gen mag.

Meine aus Bal­sa­holz gesägte Nach­bil­dung des Spiel­bretts ist waben­för­mig. Ich habe die Fel­der getreu der Auf­zeich­nun­gen des unbe­kann­ten Autors abwech­selnd braun und grün ein­ge­färbt.

Nach­denk­lich nehme ich die von mir geschnitz­ten Spiel­fi­gu­ren in die Hände. Von einem »raum­grei­fen­den Kurier« ist in dem Text die Rede, von »Kata­pul­ten« und einer »wen­di­gen Prin­zes­sin«. Zu den min­der­wer­ti­gen Figu­ren zähl­ten offen­bar zahl­rei­che »Vasal­len«, die bei mir – da ich keine beson­de­ren hand­werk­li­chen oder gar künst­le­ri­schen Fähig­kei­ten habe – wie ein­fa­che Obe­lis­ken aus­se­hen. Auch die Figu­ren »Thron« und »Szep­ter« sind nicht gerade Meis­ter­werke gewor­den.

Ich ver­tiefe mich in meine ver­schach­tel­ten Noti­zen. »Hen­ker schlägt Hof­narr«, lese ich da. Aber wie? Muss viel­leicht vor­her eine sym­bo­li­sche Ver­ur­tei­lung durch einen Rich­ter erfol­gen? Wie­der ein­mal nimmt mich das rät­sel­hafte Spiel völ­lig in Beschlag.

Und dann, als ich mir aus­gie­big die müden Augen reibe, sitzt er mir gegen­über, der unbe­kannte Autor, ein jun­ger, fescher Mann mit einem Schnauz­bart und grü­nem Samt­ba­rett auf dem Kopf. Er setzt mit einem über­ra­schen­den Zug sei­nen Königs­sohn neben meine Prin­zes­sin. »Thron und Szep­ter«, sagt er mit einem brei­ten Lächeln, bevor sich die kurze Vision ver­flüch­tigt.

Das ist es!

Inner­lich jubi­liere ich, bin ich doch gerade einen gro­ßen Schritt wei­ter­ge­kom­men: »Thron und Szep­ter« in dem ver­gilb­ten Brief – das beschreibt nicht zwei wei­tere Figu­ren, son­dern es sind die Worte, mit denen das Spiel endet!

Ich nehme die klei­nen unge­schlach­ten Figu­ren, die ich für Szep­ter und Thron geschnitzt hatte, vom Brett und lasse sie acht­los unter den Tisch fal­len – und damit beginnt das Spiel plötz­lich zu leben, wer­den mir die Züge und Stra­te­gien klar, ste­hen mir die Regeln plötz­lich deut­lich vor Augen. Es ist alles so offen­sicht­lich. »Thron und Szep­ter!«, rufe ich und tanze durch den Kor­ri­dor.

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♫ Rent-a-Monk ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Sand, wei­ßer Sand wurde her­ein­ge­weht, durch den hin­durch eigen­ar­tige geo­me­tri­sche Spu­ren mit Abdrü­cken aus jeweils zwei recht­ecki­gen Quer­bal­ken füh­ren, eine Zeile einer pri­mi­ti­ven Blin­den­schrift aus immer dem­sel­ben Buch­sta­ben, ver­gäng­lich in den Sand geprägt.

Der Kor­ri­dor öff­net sich auf einen Strand – das Rau­schen des Mee­res hat das bereits ange­kün­digt. Ich folge den Spu­ren in öst­li­cher Rich­tung, den Blick auf den genarb­ten Sand gerich­tet und auf die nied­rig ste­hende Sonne.

Jetzt durch­drin­gen leise Kla­ge­laute das Mee­res­rau­schen wie Mes­ser­spit­zen einen wehen­den Vor­hang. Eine Gestalt kau­ert am Was­ser und spielt ein Sai­ten­in­stru­ment, das Gesicht dem hori­zont­wei­ten Ozean zuge­wandt.

Es ist ein Asiate. Sein Kopf ist kahl­ge­scho­ren, doch die nach­wach­sen­den Haare ver­dun­keln bereits wie­der die Kopf­haut. Der Mönch trägt ein blaues Gewand aus Seide und weiße Hosen. Neben ihm ste­hen seine San­da­len, ein­fa­che Holz­plat­ten mit einer Schlaufe oben­auf und zwei Holz­stre­ben dar­un­ter – Ursprung der Spu­ren, die mich hier­her­ge­führt haben.

Der Mönch singt, schlägt dazu mit einem spitz zulau­fen­den Holz auf die vier Sai­ten sei­ner Laute.

»Es ist eine Biwa«, erklärt eine Stimme in mei­nem Kopf, aber es ist keine Stimme. Es ist mehr ein Deja vu, längst ver­ges­se­nes Wis­sen.

Der Mönch bricht sein Sai­ten­spiel ab, als ob ein Geräusch seine Kon­zen­tra­tion durch­bro­chen hätte, und wen­det den Kopf in meine Rich­tung. Dann mur­melt er etwas auf Japa­nisch, nickt, seine eige­nen Worte noch ein­mal sich selbst bestä­ti­gend, steht auf, legt die Biwa zur Seite und ver­beugt sich tief vor mir. Dann hebt er den Kopf, und ich sehe jetzt, dass er blind ist: Seine Augen sind stumm, gebro­chen schon vor lan­ger Zeit.

Trotz­dem ver­beuge ich mich auch und setze mich, nach­dem er begon­nen hat, mir eine Geschichte zu erzäh­len, zu sei­ner Lin­ken nie­der.

Ich kann mir nicht erklä­ren, wie ich die Geschichte des Moso ver­ste­hen kann, da er ja Japa­nisch spricht. Aber irgend­wie rührt die tro­ckene Stimme des Alten mein Herz an und malt Tusche­zeich­nun­gen vor mei­nen Augen, so dass ich alles ver­stehe, was er mir erzählt.

Und so lau­sche ich ergrif­fen der Geschichte des Moso vom Was­ser, vom Feuer, vom Holz, der Erde und vom Metall in einem Land, in dem die Men­schen mit der Natur im Ein­klang ste­hen und sich die Dämo­nen gewo­gen zu machen wis­sen, und bin trau­rig dar­über, nur so wenig davon mit zurück in den engen Kor­ri­dor mei­nes ent­frem­de­ten und ober­fläch­li­chen Lebens neh­men zu kön­nen.

Die Sonne ist längst unter­ge­gan­gen, als der Mönch sein Biwa­spiel wie­der auf­nimmt und ich mich auf den Rück­weg mache. Lei­der ver­fliegt der Zau­ber sei­ner Worte und Bil­der schnell, und sie schmel­zen wie Schnee­flo­cken in mei­ner offe­nen Hand, sobald mich wie­der der Lärm der Groß­stadt über­rollt.

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♫ Akas­hic Spalls ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Wie­der pla­gen mich die pochen­den Kopf­schmer­zen, obwohl ich im Grunde genom­men gar kei­nen Kopf mehr besitze, son­dern wie ein Geist ohne Kör­per durch die Zei­ten reise, immer in den Köp­fen von ande­ren, die mich nicht bemer­ken – an der Seite von Men­schen, die mich als Kind fas­zi­niert hat­ten, auch wenn ich sie viel­leicht längst ver­ges­sen habe.

Alles begann mit dem Tauch­re­kord der Tri­este – zuletzt war es eine Reise ganz ande­rer Art, auf der ich mit Sven Hedin in die Wüste Lop Nor gelangt bin, bis schließ­lich der schwe­di­sche Teil­neh­mer der Expe­di­tion, hin­ter des­sen Augen ich taten­los sit­zen und die gan­zen Stra­pa­zen mit­er­le­ben musste, in einer Toten­stadt aus der Bron­ze­zeit, die sie erforsch­ten, einen unter­ir­di­schen Gang betrat.

Es sind ihre Träume, die mir Kopf­schmer­zen berei­ten. Sie über­fal­len mich oft nachts und dau­ern dann den gan­zen Mor­gen an. Ich fühle mich dem allen hilf­los aus­ge­lie­fert, ver­su­che jedoch seit ein paar Tagen, mich auf einen Gedan­ken zu kon­zen­trie­ren, der mir aber immer wie­der weg­zu­rut­schen droht: Viel­leicht ist es kein Unfall, keine Strafe, kein Fluch, der mich getrof­fen hat. Viel­leicht ist es eine Chance oder eine Gnade!

Es gab da doch die­sen Film, in dem der Held ähn­lich wie ich gefan­gen war und kei­nen Aus­weg fand. Er war Meteo­ro­loge, glaube ich, und erst als er anfing, die aus­weg­lose Situa­tion, in die er sich ver­strickt hatte, als Mög­lich­keit zu begrei­fen und ihr Poten­zial aus­zu­schöp­fen, konnte er sich schließ­lich aus ihr befreien.

Also ver­su­che ich, zu der Fas­zi­na­tion zurück­zu­fin­den, die ich als Kind hatte, als ich von all die­sen Aben­teu­ern las.

Ich bin im Dschun­gel unter­wegs, hilf­los im Kopf eines jun­gen Mexi­ka­ners ein­ge­ker­kert, der als Trä­ger eine gut aus­ge­rüs­tete Expe­di­tion beglei­tet. Hiram Bing­ham lässt uns mit den Mache­ten auf die dichte Vege­ta­tion ein­schla­gen, die große Stein­qua­der über­wu­chert. Er ist über­zeugt davon, end­lich die Inka­stadt Vil­ca­bamba ent­deckt zu haben. Ich weiß es bes­ser. Dies ist Machu Pic­chu. Aber ich kann es dem For­scher nicht sagen. Ich bin zur Taten­lo­sig­keit ver­ur­teilt und kann nur ver­zwei­felt beob­ach­ten und dar­auf hof­fen, dass mich irgend­ein Kor­ri­dor aus mei­nem Gefäng­nis befreit. Auf irgend­et­was wollte ich mich kon­zen­trie­ren. Doch alles ver­schwimmt immer wie­der und ent­zieht sich mir. Ich ver­flu­che mein Schick­sal. Irgend­wann betritt der Mexi­ka­ner einen nied­ri­gen Gang in einem der not­dürf­tig frei­ge­leg­ten Pyra­mi­den­bau­ten …

Ich bin Lord Lind­say – zumin­dest werde ich so ange­re­det – und stehe im drit­ten Stock eines Gebäu­des. Mit einer Mischung aus Bewun­de­rung und Bestür­zung beob­achte ich, wie sich ein Mann – das muss das Medium Daniel Dun­glas Home sein, erin­nere ich mich dun­kel – vom Boden erhebt und levi­tiert. Bald schwebt er, lang aus­ge­streckt, mit dem Rücken nach unten im Zim­mer. Lord Lind­say packt das Grauen, wäh­rend ich in sei­nem Kopf hocke und das Schau­spiel fas­zi­niert beob­achte. Schließ­lich glei­tet Home mit vor Anstren­gung ver­zerr­tem Gesicht und geschlos­se­nen Augen aus dem Fens­ter. Lord Lind­say bleibt ent­setzt ste­hen, wäh­rend ein wei­te­rer Beob­ach­ter der Szene zu einem ande­ren Fens­ter stürzt und es öff­net. Home schwebt mit den Füßen voran her­ein. Er lan­det ste­hend, schlägt die Augen auf und lächelt seine drei Zuschauer an. Lord Lind­say sieht sich plötz­lich star­kem Harn­drang aus­ge­setzt und eilt aus dem Zim­mer in den Trep­pen­flur …

Ich stehe neben Xu Fu auf der Brü­cke eines anti­ken chi­ne­si­schen Segel­schif­fes. Eine Flotte folgt uns, die sich bis zum Hori­zont erstreckt. Das Eli­xir der Unsterb­lich­keit! Mir fällt alles wie­der ein. Qín Shǐhuángdì, Grün­der des chi­ne­si­schen Kai­ser­reichs, ließ aus sei­ner para­no­iden Angst vor dem Tod her­aus eine Schiffs­expe­di­tion aus­rüs­ten, die ihm das Unsterb­lich­keits­elexir beschaf­fen sollte. Die sech­zig Bar­ken kehr­ten nie zurück, und nie­mand weiß, was mit ihnen gesche­hen ist. Werde ich es jetzt erfah­ren? Meine Neu­gier erin­nert mich daran, dass ich mich dar­auf kon­zen­trie­ren wollte, mich an mei­ner Reise – trotz mei­nes Aus­ge­lie­fert­seins, trotz des häu­fi­gen Kopf­wehs und trotz der stän­di­gen Aus­set­zer – so weit wie mög­lich zu erfreuen. Warum ver­gesse ich das immer wie­der? Ich rie­che die See­luft, spüre den Wind auf mei­ner Haut, die nicht meine ist. Doch dann geht der Chi­nese unter Deck, und schon ver­liere ich den Halt in sei­nem Geist und wirble ori­en­tie­rungs­los durch Raum und Zeit …

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♫ Gazing Into the Crys­tal Skull ♫


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… Ich betrete den Kor­ri­dor, wie ich es schon als klei­nes Kind von den Geist­meis­tern gelernt habe, und steige in mei­nen »Tem­pel der flüch­ti­gen Bil­der« hinab. Zuerst zögere ich, denn sind es nicht die Geist­meis­ter gewe­sen, die zu tief in ihre inne­ren Tem­pel hin­ab­ge­stie­gen sind und mit ihren grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Ideen unser aller Unter­gang her­auf­be­schwo­ren haben? Doch das dro­hende Ertrin­ken und die uner­träg­li­chen Schmer­zen in mei­nem zer­schmet­ter­ten Bein trei­ben mich an die­sen Ort, an dem alles still und unbe­wegt ist.

Mein »Tem­pel« aller­dings ist – eine Insel.

Nie­mand durfte davon wis­sen, denn das Bild einer Insel vor dem inne­ren Auge wach­zu­ru­fen statt das eines Tem­pel­baus wider­spricht dem geis­ti­gen Gesetz, wie es uns gelehrt wird – doch so sehr ich mich auch gegen diese Insel zu weh­ren ver­suchte: Sie wollte ein­fach nicht wie­der ver­schwin­den. Nicht ein­mal mei­nen engs­ten Freun­den erzählte ich davon, und so erschre­cke ich zutiefst, als ich dort auf mei­ner klei­nen Insel eine Gruppe Frem­der ste­hen sehe. Ein alter Mann, des­sen linke Gesichts­hälfte völ­lig ver­narbt ist, tritt auf mich zu. Hin­ter ihm ste­hen elf Män­ner und Frauen.

»Ich bin Kte­phaim«, sagt der alte Mann. Was haben diese Leute in mei­nem Geist zu suchen? Oder sol­len sie mich abho­len und ins Reich der Toten füh­ren?

»Wir sind … Wan­de­rer. Und wir möch­ten dir anbie­ten, einer von uns zu wer­den.« Ich will zuerst ein­mal wis­sen, was es mit all dem hier auf sich hat, aber er bedeu­tet mir zu schwei­gen. »Du kannst dich ret­ten.« Damit über­reicht er mir einen geschlif­fe­nen Kris­tall in der Form eines mensch­li­chen Schä­dels.

Ich weiß, was ich zu tun habe. Die ande­ren elf, die hin­ter Kte­phaim ste­hen, sehen mich stumm an. Eine der Frauen lächelt auf­mun­ternd. Ich bli­cke dem Kris­tall­schä­del in die Augen.

»Kon­zen­triere dich«, sagt der Alte. »Du hast lange dafür geübt. Jetzt ist der Augen­blick gekom­men.«

Mit einem Mal bin ich wie­der in mei­nem Kör­per. Eis­kal­tes Was­ser umströmt mich, und im zer­schmet­ter­ten Bein spüre ich ein bren­nen­des Pochen. Ich nehme einen letz­ten Atem­zug, bevor das Meer mich ver­schlingt. Und kon­zen­triere mich.

Meine Hei­mat sinkt ins Magma zurück. Wenn die Sonne zum ers­ten Mal wie­der durch die schwar­zen Wol­ken­mas­sen bre­chen wird, wird nichts mehr von ihr übrig sein. Aus dem Schlamm wird sich eine neue Mensch­heit erhe­ben, eine neue Geschichts­schrei­bung ent­fal­ten, wer­den neue alte Kriege ent­bren­nen und alte neue Erfin­dun­gen und Erfah­run­gen die Men­schen bewe­gen.

Aber dies sind Dinge, die ich erst spä­ter erfah­ren werde. Denn ich über­lebe. Mit einem letz­ten Atem­zug ver­setze ich mich mit Hilfe des kris­tal­le­nen Schä­dels und einem unge­kann­ten Über­le­bens­wil­len in mir an einen ande­ren Ort in eine andere Zeit.

Ein Moos­pols­ter, mäch­tige Wur­zeln, eine Lich­tung.

Lang­sam komme ich zu mir. Enra’daí, die Frau aus der Gruppe der Wan­de­rer, die mir zuge­lä­chelt hatte, sitzt neben mir und unter­sucht mein Bein. »Wo bin ich?«, frage ich sie, aber Enra’daí ver­bes­sert mich: »Frag lie­ber, wann du bist. Du bist jetzt einer von uns.«

Sie erklärt mir, wir seien zwölf und besä­ßen die Fähig­keit, auf die Rück­seite der Zeit zu sprin­gen und von dort aus dort­hin zu wan­dern, wo wir gebraucht wer­den. Man­chen der Wan­de­rer gelinge das fünf‑, sechs- oder gar zehn­mal. Dann ver­siege die Kraft dazu. Ein neuer Wan­de­rer müsse gefun­den wer­den, um die Lücke zu fül­len. »Und du bist wahr­schein­lich der jüngste, den es je gege­ben hat«, fügt sie an.

In den nächs­ten Tagen heilt sie mit Kräu­ter­wi­ckeln mein Bein und brät über einem Feuer ihr Jagd­wild für uns. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Ihre Bewe­gun­gen, ihre Berüh­run­gen, ihre leise Stimme: All das berauscht mich, beglückt mich im Inners­ten, rührt mein Herz an und weckt ganz unbe­kannte, Süße und Schmerz ver­spre­chende Gefühle in mir, die ich scham­haft vor ihr ver­berge, da sie mich zwar lie­be­voll pflegt, aber doch wohl mit der Für­sorge einer Mut­ter für ihren Sohn. Wie gern würde ich ihr bewei­sen, dass ich bereits ein Mann bin. Ich könnte Bäume fäl­len und eine Hütte für uns errich­ten, ich würde die Jagd erler­nen und wilde Tiere für sie erle­gen – doch mein Bein erlaubt dies alles noch nicht, ich muss es scho­nen.

Auf die Rück­seite der Zeit zu sprin­gen, hat mir das Leben geret­tet. Ich bezweifle, dass unsere Geist­meis­ter von die­ser Fähig­keit wuss­ten. Enra’daí zögert, als ich sie frage, was mit dem Wan­de­rer geschieht, der die Kraft dazu ver­liert. Ihre Stimme klingt brü­chig: »Er bleibt dort, von wo der neue Wan­de­rer geholt wird.« Ich will sie fra­gen, ob Kte­phaim an mei­ner statt in die Halle der Kris­talle ver­setzt wurde, aber Enra’daí ver­zieht schmerz­lich das Gesicht und wen­det den Blick ab. Das lässt mich sto­cken, und ich spre­che meine Frage nicht aus.

»Ich muss wei­ter«, sagt sie schließ­lich und wirkt ein wenig trau­rig. »Wir Wan­de­rer sind Ein­zel­gän­ger.«

Ich will dage­gen pro­tes­tie­ren, flehe sie an, zu blei­ben, behaupte, mein Bein schmerze wie­der. Doch Enra’daí lässt sich nicht erwei­chen. Zum Abschied berührt sie mich nur kurz am Arm und wen­det dann schnell ihren Blick ab. Ich will ihr nach­ru­fen, dass ich sie liebe, aber schon ist sie zwi­schen den mäch­ti­gen Stäm­men der Bäume ver­schwun­den. Trä­nen stei­gen mir in die Augen, und ich beginne bit­ter­lich zu wei­nen.

Es ist ein Abschied …

All die Toten – ein gan­zes Volk! Meine Freunde! Meine Mut­ter! Meine kleine Schwes­ter! Erst als es tagt, ver­sie­gen meine Trä­nen, und ich falle in unru­hi­gen Schlaf.

… und ein Neu­an­fang.

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♫ Entheo­ge­no­mics ♫


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Ich betrete das Kor­ri­dor­gel­ge­braus mit gespann­tem Trom­mel­fell. Sogleich feu­ern Astral­trieb­werke mit der Anmut einer Kro­ko­dils­träne klo­neske Ober‑, Über‑, Hyper- und Cyber­töne in unsre elf­di­men­sio­na­len Mal­schmeck­knos­pen, Mal­riech­kol­ben, Mal­heur­gänge, schä­len sich sinn­äs­the­tisch-pro­zess­aural aus dem infi­ni­ten Per­si­len­zium, um pan­re­so­nante Horch­pos­ten zu okku­pie­ren und audi­tiv­ge­fros­tet in die Kas­tra­to­sphäre uns­rer Lau­nen, Gril­len und Schis­men zu sickern, kon­tra­punk­tisch kon­fron­tal inmit­ten quell­of­fe­ner Süf­fi­san­zen. Pata­so­ni­sche Nanu­par­ti­kel – clus­ter­haft lüs­tern knis­ternd – flüs­tern Rhyth­mus­ter, Sonar­chi­tex­tu­ren und klang­an­hal­tende Tape­deck­la­ra­tio­nen, erwei­sen lie­der­li­che Melo­dienste, kaden­zen deli­kate Ohr d’o­eu­vres, vexeln in vol­ler Fahrt den Spin ins bio­tro­nisch Orga­ni­fi­zi­elle, qui­zeln meine Lach­mus­keln, bran­den wogend in unsre poe­si­ena­far­be­nen Lau­sch­mu­scheln, kuscheln sich qua­drill­phon in dritte Ohren. Sau­sen. Schall­dü­nung. Mee­res Rausch. Ver­weh­mut knapp unter­halb der Hörschwälle. Dezi­bel­canto. Oise­aux-Flo­cken. Froh locken uns Floh­glo­cken vom blas­sen Bliss blo­ßen Ohren­scheins zu flir­ren Luzi­di­tät­lich­kei­ten im Shan­gri-Laby­rinth uns­rer grauen Zel­len, bis dich unver­hofft ein mikro­kos­mi­sches Klang­frag­ment für ein mini­ma­li­ziö­ses ultra­gi­ko­misch-infra­gi­les Erst­jetzt ins Hell­hö­ren-Wahr­lau­schen-Klar­hor­chen bringt. Im Nu. Ganz Ohr. Sein.

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♫ Soft-spo­ken Dru­thers ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor wie in Zeit­lupe, genüss­lich und mit geschlos­se­nen Lidern, ganz in Kon­zen­tra­tion auf die Klänge, die mir aus mei­nen Kopf­hö­rern ans Ohr drin­gen und auf mei­nen Netz­häu­ten selt­same For­men und Far­ben her­vor­ru­fen. Wenn ich jetzt die Augen öffne, werde ich genau den Kor­ri­dor vor mir sehen, den mir die Ton­fol­gen for­men und schaf­fen. Es ist, jedes Mal wie­der, ein span­nen­des Aben­teuer, wohin mich die Klänge tra­gen.

Mit lust­vol­ler Lang­sam­keit hebe ich meine Lider, und tat­säch­lich!

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♫ The Mar­vell­ous 3D Myth Fab­ber ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Dies­mal, finde ich, hat es der Pro­fes­sor über­trie­ben. Alles wirkt vik­to­ria­nisch ver­spielt: An den Wän­den spru­deln kleine Fon­tä­nen unter ova­len Spie­geln mit geschnitz­ten Elfen­bein­rah­men. Das also ist sein neus­ter Streich, die »Mythen­ma­schine«. Irgend­et­was hat Ceril auf den Gedan­ken gebracht, die Mythen der Welt hät­ten sich auf­ge­braucht. »Eine ›Mythonen‹-Knappheit?«, habe ich vor­wit­zig gefragt, aber er hat mich nur ver­ächt­lich ange­se­hen. Offen­bar geht es heute nicht um der sons­ti­gen Wis­sen­schaft unbe­kannte Ele­men­tar­par­ti­kel.

Er ließ mich refe­rie­ren, was ein Mythos ist, war jedoch mit mei­nem Wiki­pe­dia-Wis­sen unzu­frie­den und erklärte, er beschäf­tige sich als Frei­zeit-Mythen­for­scher inten­siv mit »arche­ty­pi­schen Erzäh­lun­gen, die als kol­lek­ti­ves Vor­bild die­nen kön­nen«. »Harry Pot­ter?«, schlage ich vor, und »Ava­tar?« Der Pro­fes­sor run­zelt die Brauen: »Das ist ja gerade, was mir Sorge berei­tet: diese all­ge­gen­wär­tige Regres­sion ins magi­sche Den­ken. Der Mythos vom edlen Wil­den und der von einer ver­zau­ber­ten Welt, die nicht so sehr den Natur­ge­set­zen wie dem mensch­li­chen Wil­len gehorcht – lei­der der­zeit nicht sehr hilf­reich und ziel­füh­rend, was die Zukunft der Mensch­heit anbe­langt.«

Des­halb nun seine Maschine. Sie soll den Mythos für das 21. Jahr­hun­dert kre­ieren, die uni­ver­selle Geschichte, die allem, was wir erle­ben und anstre­ben, neuen Sinn ver­leiht – und ich soll diese Krea­tion ans Tages­licht holen.

Die stoff­be­spann­ten Türen des Kor­ri­dors sind mit wabern­den Buch­sta­ben beschrif­tet. Wie im Traum lässt sich nicht rich­tig erken­nen, was da steht, und es ändert sich dau­ernd. Stand da eben etwas von »die Seele dem Teu­fel ver­kau­fen«? Oder »Erschaf­fung der Welt in sie­ben Tagen«? Oder »Kai­ser Bar­ba­rossa schläft nur«?

Mir wird ganz schumm­rig, und ich mache, dass ich aus der Maschine wie­der raus­komme.

»Sie steht mit ihren Berech­nun­gen offen­bar noch ziem­lich am Anfang«, erkläre ich dem Pro­fes­sor mit fes­ter Stimme.

»Aber sie arbei­tet schon ganze sechs Tage lang«, erklärt er trau­rig. Dann zuckt er die Schul­tern: »Na schön, dann geben wir ihr noch eine Woche.« Und als er mei­nen Blick sieht: »Einen Monat?« Ich ant­worte nicht, und Ceril meint schließ­lich ent­täuscht: »Gut: ein Jahr. Damit soll­ten wir auf der siche­ren Seite ste­hen.« Ich nicke zufrie­den. Bloß erst ein­mal nicht wie­der da rein­müs­sen!

In der fol­gen­den Nacht bin ich im Traum auf der Flucht vor einer gewal­ti­gen Horde Mär­chen- und Sagen­ge­stal­ten, die alle unbe­dingt mein »Vor­bild« sein wol­len. Ich erwa­che schweiß­ge­ba­det. Hof­fent­lich ver­folgt mich die­ser Alp­traum jetzt nicht Nacht für Nacht ein gan­zes Jahr lang.

(Tat er nicht. Statt­des­sen eroberte eine ziem­lich ver­rückte neue Mit­schü­le­rin meine Träume im Sturm. Aber das ist eine andere Geschichte.)