Ich betrete den Korridor als kindlich Glaubender, konvertiere ein paar Schritte hinter der Schwelle, unsicher geworden, zum jugendlichen Agnostiker und durchschreite ihn schließlich als erwachsener Possibilianist, als Entdecker der Möglichkeiten sozusagen, offen für alles (und neugierig darauf), was sich hinter seinen Türen verbergen mag und als wer ich ihn verlassen werde – am Ende gar als Mystiker?
(Diese Vita in einem Satz mag Ihnen allzu gerafft vorkommen, aber glauben Sie mir, der Floh ist Ihnen, ohne dass Sie es merken, bereits ins Ohr gesetzt.)
Ich betrete den Korridor und höre am Geräusch eines Bohrers gleich, dass Norbu mal wieder etwas an seinem Hausboot repariert. Ich mache uns auf der Terrasse schon mal einen Wein auf und warte mit zwei Gläsern auf ihn. Wenn ich meinen Freund Norbu besuche, nehme ich mir immer genügend Zeit mit. Es ist nie vorherzusehen, wie tief wir uns in unsere Diskussionen verstricken werden.
Diesmal habe ich ein Thema mitgebracht. Ich will von Norbu wissen, was er vom Klimawandel hält.
Er ist verschwitzt und ölverschmiert, freut sich aber sichtlich über meinen Besuch, als er endlich, eine Schlagbohrmaschine in der Hand, aus irgendwelchen Kammern und Gängen unterhalb der Wasserlinie im Wohnzimmer auftaucht.
»Der Klimawandel ist nicht das Problem«, meint er leichthin. Wir stoßen an. »Irgendwann wird die Menschheit eh den Abgang machen. Und selbst wenn wir noch eine Zeitlang überleben – das Leben auf der Erde selbst ist begrenzt.«
»Das klingt nach Katastrophismus«, wende ich tadelnd ein.
»Pure Astrophysik. Die Sonne wird verlöschen. Das Problem ist nicht die Klimaerwärmung, sondern der Wärmetod. Du musst in größeren Maßstäben denken!«
Das tut mein Freund Norbu gerne. Ich dagegen muss nur für zehn Sekunden ernsthaft über die Frage nachdenken, warum es überhaupt etwas gibt und nicht nichts, und schon bin ich im Totalen Durchblicksstrudel gefangen und beginne mich aufzulösen.
»He«, sagt mein Freund Norbu, »bist du noch bei der Sache?« Das katapultiert mich aus dem Strudel wieder heraus. Ich nicke beflissen: »Wärmetod der Sonne. Sie bläht sich auf und verbrennt all ihre Planeten. Das Ende des Lebens auf der Erde.«
Doch Norbu schüttelt ungeduldig den Kopf: »Wärmetod des Universums und das Ende allen Lebens. Das ist das eigentliche Problem, und das gilt es zu verhindern.«
Ich starre ihn ungläubig an. »Du willst den Wärmetod des Universums verhindern?« Und dann: »Was ist das überhaupt?«
»Seit kurz nach dem Urknall baut das Universum ständig ab: Die Materie verteilt sich, kann wegen zunehmender Distanzen immer weniger miteinander agieren, und die Sterne brennen aus. Kalte und heiße Zonen gleichen sich immer mehr an, bis alles eine einheitliche Temperatur und Struktur angenommen hat und nur noch eine unterschiedslose lauwarme Soße ist. Aber damit wir es dazu nicht kampflos kommen lassen, gibt es ja ›Die Botschaft‹.«
Norbu weist mit einer ausladenden Geste auf die Welt um uns herum. Ich kann ihm nicht folgen. Schließlich seufzt er und setzt zu einer weiteren Erklärung an: »Die Naturgesetze sind eine Botschaft. Die kosmischen physikalischen Grundprinzipien sind wunderbar fein darauf abgestimmt, dass Leben entstehen kann, Leben, das sich selbst erkennt – als das, was es ist. Ich spreche von uns!«
»Uns beiden?«, frage ich kleinlaut, weil ich schon ahne, dass ich ihm wohl wieder nicht ganz folgen kann.
»Uns allen. Die Menschen. Und alle anderen intelligenten Zivilisationen im Kosmos. Und die Naturgesetze sagen uns, dass die von vorher dran gedreht haben.«
»Die von vorher?« Ich komme ihm gerade kaum noch hinterher.
»Manchmal stelle ich mir vor«, und damit lehnt Norbu sich zurück und blickt den Rest Rotwein in seinem Glas sinnend von unten an, »dass vor dem Wärmetod des Universums eine Handvoll intelligenter Zivilisationen es schaffen, Kontakt miteinander aufzunehmen und gemeinsam das größte Projekt der Welt zu starten.«
Er redet nicht weiter. Ich müsste jetzt fragen, was denn wohl das größte Projekt der Welt ist, aber nun bin ich bockig und schweige.
Nach einer Weile fährt er flüsternd fort: »Vor dem Ende des eigenen Universums ein neues zu schaffen, damit es wieder Leben geben kann. Damit die Kette des Seins nicht abbricht.«
Auch ich werde plötzlich ganz ehrfürchtig bei dem Gedanken, wir könnten dem nächsten Universum, den intelligenten Wesen, die uns nachfolgen, eine Botschaft hinterlassen: Naturgesetze, die ihnen helfen, sich zu entwickeln – eine zukunftsträchtige Maßnahme, die sicherlich nicht binnen einer Legislaturperiode zu schaffen ist und selbst ein 739-jähriges Orgelwerk, die zehntausendjährige Long-Now-Uhr und das möglichst sichere Vergraben von Atommüll für Hunderttausende von Jahren um einiges übertrifft.
»Natürlich nur«, sagt mein Freund Norbu jetzt plötzlich wieder ganz nüchtern, »wenn das Universum ein in sich abgeschlossenes System ist. Sonst bieten sich natürlich zahlreiche andere Möglichkeiten, weil es dann nicht unbedingt zum Wärmetod oder Big Crunch kommen muss. Aber solange wir das nicht sicher wissen …«
»… wäre es vielleicht besser, sich auf den schlimmsten Fall vorzubereiten.«
»Genau«, bekräftigt mein Freund Norbu. »640 Milliarden Jahre bis zum Wärmetod sind eine verdammt kurze Zeit, um sich soweit fortzuentwickeln, dass man in der Lage ist, ein neues Universum zu planen und in die Tat umzusetzen. Besser ist’s, wir fangen gleich damit an.«
Mir schwirrt der Kopf, und das nicht nur vom Wein. Als ich später unter einem prächtigen Sternenhimmel nach Hause radle, hebe ich den Kopf und frage das Universum, das sich über mir wölbt, ob es eine Botschaft für mich hat. Und tatsächlich. Ich kann sie nicht hören oder sehen, aber ich kann etwas spüren. Das Leben ist lebenswert.
Ich betrete den Korridor. Es ist ein natürlicher Spalt im Fels, der von Mönchen wie mir in jahrhundertelanger Arbeit erweitert wurde. An den Seiten öffnet sich der Gang zu kleinen Zellen, doch mein Weg führt tiefer in den Berg hinein. Ich atme tief durch.
49 Tage lang werde ich im Dunkeln sitzen, an einem Ort, zu dem kein Lichtstrahl dringt. Andere Mönche haben mich gewarnt. Es seien schon Meditierende verrückt darüber geworden, und es hieß hinter vorgehaltener Hand, dass einige Adepten diese 49 Tage nicht überlebt hätten.
Auf dem Weg tief hinab in den Berg, hin zu einem unbekannten und erschreckenden Ort, wird mir klar, dass mich die Konfrontation mit dem erwartet, das, unbekannt und erschreckend, tief in mir selbst versteckt ist. Mir bricht der Schweiß aus. Dennoch taste ich mich weiter voran ins Dunkel. Ich will meinen Meister nicht enttäuschen und meinen Entschluss auf keinen Fall umstoßen.
Was werde ich entdecken? Was wird in mir, aus mir hervorkriechen, wenn ich dort sitze in absoluter Stille und vollkommener Schwärze? Ich stolpere, und obwohl ich den Metalleimer verzweifelt umkralle, entgleitet er mir, stürzt um, und das kostbare Wasser – das einzige, das mich außer meinem Gewand für die Zeit der Meditation in die Tiefe des Berges begleiten soll – verteilt sich auf dem nackten Fels und versickert in den Ritzen und Spalten. Ich muss umkehren. Ohne Wasser werde ich nicht überleben!
Dennoch gehe ich weiter.
Schon lange gibt es keine Zellen mehr an den Seiten des Korridors, nicht einmal mehr Nischen. Der Gang wird enger. Ich spüre, dass ich verloren bin. Besser jetzt umkehren als später halb verhungert und verdurstend aus dem Loch gekrochen kommen!
Aber mein Meister hat gesagt, dass ich diesen Weg ins Innere, ins Dunkel, nur ein einziges Mal antreten kann. Kehre ich jetzt um, ist mir der Abstieg in den Berg für immer verschlossen. Ich fange grundlos an zu schluchzen. Todesangst packt mich. Dennoch wanke ich weiter. Ich bin tief im Bauch eines Berges, und es ist, als laste das Gestein tonnenschwer auf meinen Schultern.
Menschen, die ich einmal kannte, kommen mir in den Sinn, böse Worte, achtlose Handlungen, die mir Leid tun. Ich flehe die schwarzen, kalten Wände um Vergebung an. Sie antworten nicht. Ich bin vier Jahre alt, allein auf Entdeckungsreise im Keller, und ein böser Zufall lässt die einzige Glühbirne durchbrennen. Ich schreie, und meine eigene Stimme und ihre Echos im Berg jagen mir Schauder über den Rücken. Ich halte mich nicht mehr aus und kann doch nicht anders, als mich ertragen, irgendwie. Es ist, als würde ich die Hölle durchwandern, und die Hölle bin ich.
Da. Ein Schimmern vor mir. Zuerst glaube ich, ich täusche mich. Dann wird mir klar, dass hier unten ein Mönch sein muss. Er hat sich ein Licht, eine Kerze oder eine Fackel, mitgebracht. Aber der Lichtschein flackert nicht.
Ich wandere tatsächlich seit einiger Zeit bergauf. Es ist Tageslicht, das mich erwartet. Ich muss blinzeln. Die tiefste und schwärzeste Station der Reise, die dunkle Nacht der Seele, ist hell?
Ich trete ins Freie. Ein grünes, sonnenbeschienenes Tal – es liegt offenbar auf der anderen Seite des Berges. Der Meister sitzt auf einem Felsen und gießt mir eine Tasse Tee ein. Ich bin verwirrt. Wie lange war ich unterwegs? Waren es Stunden? Oder Wochen? Bin ich schon tot? Träume ich?
»Das wissen wir nie so ganz genau«, sagt der Meister.
Ich betrete den Korridor, der mein Haus mit dem Bootsschuppen verbindet. Seit Monaten bin ich nicht mehr hier gewesen – erstens weil durch den strengen Winter der See zugefroren war, und zweitens, weil mich ein anstrengender Job für eine Hilfsorganisation keine Zeit für meine privaten Forschungen finden ließ. Hier im Korridor habe ich einen schmalen Tisch untergebracht, auf dem meine Notizen liegen, neben dem kryptischen Originaltext und meinen Versuchen, das Spielbrett und die Figuren zu rekonstruieren.
Durch einen glücklichen Zufall bin ich vor Jahren auf vergilbte Aufzeichnungen gestoßen, in denen von einem verschollenen Brettspiel die Rede ist, das sich zur Renaissance im südlichen Europa offenbar einer gewissen Beliebtheit erfreute. Es hieß »Zitadelle«, und in der Schrift – einem Brief eines in ferne Länder reisenden Sohns an seinen Vater, der ein Kaufmann war – sind einige der Figuren erwähnt, doch leider nur am Rande und nicht etwa zur Dokumentation des Spiels und seiner Regeln. Die Rekonstruktion gestaltet sich schwierig. Wenn sie mir überhaupt jemals gelingen mag.
Meine aus Balsaholz gesägte Nachbildung des Spielbretts ist wabenförmig. Ich habe die Felder getreu der Aufzeichnungen des unbekannten Autors abwechselnd braun und grün eingefärbt.
Nachdenklich nehme ich die von mir geschnitzten Spielfiguren in die Hände. Von einem »raumgreifenden Kurier« ist in dem Text die Rede, von »Katapulten« und einer »wendigen Prinzessin«. Zu den minderwertigen Figuren zählten offenbar zahlreiche »Vasallen«, die bei mir – da ich keine besonderen handwerklichen oder gar künstlerischen Fähigkeiten habe – wie einfache Obelisken aussehen. Auch die Figuren »Thron« und »Szepter« sind nicht gerade Meisterwerke geworden.
Ich vertiefe mich in meine verschachtelten Notizen. »Henker schlägt Hofnarr«, lese ich da. Aber wie? Muss vielleicht vorher eine symbolische Verurteilung durch einen Richter erfolgen? Wieder einmal nimmt mich das rätselhafte Spiel völlig in Beschlag.
Und dann, als ich mir ausgiebig die müden Augen reibe, sitzt er mir gegenüber, der unbekannte Autor, ein junger, fescher Mann mit einem Schnauzbart und grünem Samtbarett auf dem Kopf. Er setzt mit einem überraschenden Zug seinen Königssohn neben meine Prinzessin. »Thron und Szepter«, sagt er mit einem breiten Lächeln, bevor sich die kurze Vision verflüchtigt.
Das ist es!
Innerlich jubiliere ich, bin ich doch gerade einen großen Schritt weitergekommen: »Thron und Szepter« in dem vergilbten Brief – das beschreibt nicht zwei weitere Figuren, sondern es sind die Worte, mit denen das Spiel endet!
Ich nehme die kleinen ungeschlachten Figuren, die ich für Szepter und Thron geschnitzt hatte, vom Brett und lasse sie achtlos unter den Tisch fallen – und damit beginnt das Spiel plötzlich zu leben, werden mir die Züge und Strategien klar, stehen mir die Regeln plötzlich deutlich vor Augen. Es ist alles so offensichtlich. »Thron und Szepter!«, rufe ich und tanze durch den Korridor.
Ich betrete den Korridor. Sand, weißer Sand wurde hereingeweht, durch den hindurch eigenartige geometrische Spuren mit Abdrücken aus jeweils zwei rechteckigen Querbalken führen, eine Zeile einer primitiven Blindenschrift aus immer demselben Buchstaben, vergänglich in den Sand geprägt.
Der Korridor öffnet sich auf einen Strand – das Rauschen des Meeres hat das bereits angekündigt. Ich folge den Spuren in östlicher Richtung, den Blick auf den genarbten Sand gerichtet und auf die niedrig stehende Sonne.
Jetzt durchdringen leise Klagelaute das Meeresrauschen wie Messerspitzen einen wehenden Vorhang. Eine Gestalt kauert am Wasser und spielt ein Saiteninstrument, das Gesicht dem horizontweiten Ozean zugewandt.
Es ist ein Asiate. Sein Kopf ist kahlgeschoren, doch die nachwachsenden Haare verdunkeln bereits wieder die Kopfhaut. Der Mönch trägt ein blaues Gewand aus Seide und weiße Hosen. Neben ihm stehen seine Sandalen, einfache Holzplatten mit einer Schlaufe obenauf und zwei Holzstreben darunter – Ursprung der Spuren, die mich hierhergeführt haben.
Der Mönch singt, schlägt dazu mit einem spitz zulaufenden Holz auf die vier Saiten seiner Laute.
»Es ist eine Biwa«, erklärt eine Stimme in meinem Kopf, aber es ist keine Stimme. Es ist mehr ein Deja vu, längst vergessenes Wissen.
Der Mönch bricht sein Saitenspiel ab, als ob ein Geräusch seine Konzentration durchbrochen hätte, und wendet den Kopf in meine Richtung. Dann murmelt er etwas auf Japanisch, nickt, seine eigenen Worte noch einmal sich selbst bestätigend, steht auf, legt die Biwa zur Seite und verbeugt sich tief vor mir. Dann hebt er den Kopf, und ich sehe jetzt, dass er blind ist: Seine Augen sind stumm, gebrochen schon vor langer Zeit.
Trotzdem verbeuge ich mich auch und setze mich, nachdem er begonnen hat, mir eine Geschichte zu erzählen, zu seiner Linken nieder.
Ich kann mir nicht erklären, wie ich die Geschichte des Moso verstehen kann, da er ja Japanisch spricht. Aber irgendwie rührt die trockene Stimme des Alten mein Herz an und malt Tuschezeichnungen vor meinen Augen, so dass ich alles verstehe, was er mir erzählt.
Und so lausche ich ergriffen der Geschichte des Moso vom Wasser, vom Feuer, vom Holz, der Erde und vom Metall in einem Land, in dem die Menschen mit der Natur im Einklang stehen und sich die Dämonen gewogen zu machen wissen, und bin traurig darüber, nur so wenig davon mit zurück in den engen Korridor meines entfremdeten und oberflächlichen Lebens nehmen zu können.
Die Sonne ist längst untergegangen, als der Mönch sein Biwaspiel wieder aufnimmt und ich mich auf den Rückweg mache. Leider verfliegt der Zauber seiner Worte und Bilder schnell, und sie schmelzen wie Schneeflocken in meiner offenen Hand, sobald mich wieder der Lärm der Großstadt überrollt.
Ich betrete den Korridor. Wieder plagen mich die pochenden Kopfschmerzen, obwohl ich im Grunde genommen gar keinen Kopf mehr besitze, sondern wie ein Geist ohne Körper durch die Zeiten reise, immer in den Köpfen von anderen, die mich nicht bemerken – an der Seite von Menschen, die mich als Kind fasziniert hatten, auch wenn ich sie vielleicht längst vergessen habe.
Alles begann mit dem Tauchrekord der Trieste – zuletzt war es eine Reise ganz anderer Art, auf der ich mit Sven Hedin in die Wüste Lop Nor gelangt bin, bis schließlich der schwedische Teilnehmer der Expedition, hinter dessen Augen ich tatenlos sitzen und die ganzen Strapazen miterleben musste, in einer Totenstadt aus der Bronzezeit, die sie erforschten, einen unterirdischen Gang betrat.
Es sind ihre Träume, die mir Kopfschmerzen bereiten. Sie überfallen mich oft nachts und dauern dann den ganzen Morgen an. Ich fühle mich dem allen hilflos ausgeliefert, versuche jedoch seit ein paar Tagen, mich auf einen Gedanken zu konzentrieren, der mir aber immer wieder wegzurutschen droht: Vielleicht ist es kein Unfall, keine Strafe, kein Fluch, der mich getroffen hat. Vielleicht ist es eine Chance oder eine Gnade!
Es gab da doch diesen Film, in dem der Held ähnlich wie ich gefangen war und keinen Ausweg fand. Er war Meteorologe, glaube ich, und erst als er anfing, die ausweglose Situation, in die er sich verstrickt hatte, als Möglichkeit zu begreifen und ihr Potenzial auszuschöpfen, konnte er sich schließlich aus ihr befreien.
Also versuche ich, zu der Faszination zurückzufinden, die ich als Kind hatte, als ich von all diesen Abenteuern las.
Ich bin im Dschungel unterwegs, hilflos im Kopf eines jungen Mexikaners eingekerkert, der als Träger eine gut ausgerüstete Expedition begleitet. Hiram Bingham lässt uns mit den Macheten auf die dichte Vegetation einschlagen, die große Steinquader überwuchert. Er ist überzeugt davon, endlich die Inkastadt Vilcabamba entdeckt zu haben. Ich weiß es besser. Dies ist Machu Picchu. Aber ich kann es dem Forscher nicht sagen. Ich bin zur Tatenlosigkeit verurteilt und kann nur verzweifelt beobachten und darauf hoffen, dass mich irgendein Korridor aus meinem Gefängnis befreit. Auf irgendetwas wollte ich mich konzentrieren. Doch alles verschwimmt immer wieder und entzieht sich mir. Ich verfluche mein Schicksal. Irgendwann betritt der Mexikaner einen niedrigen Gang in einem der notdürftig freigelegten Pyramidenbauten …
Ich bin Lord Lindsay – zumindest werde ich so angeredet – und stehe im dritten Stock eines Gebäudes. Mit einer Mischung aus Bewunderung und Bestürzung beobachte ich, wie sich ein Mann – das muss das Medium Daniel Dunglas Home sein, erinnere ich mich dunkel – vom Boden erhebt und levitiert. Bald schwebt er, lang ausgestreckt, mit dem Rücken nach unten im Zimmer. Lord Lindsay packt das Grauen, während ich in seinem Kopf hocke und das Schauspiel fasziniert beobachte. Schließlich gleitet Home mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht und geschlossenen Augen aus dem Fenster. Lord Lindsay bleibt entsetzt stehen, während ein weiterer Beobachter der Szene zu einem anderen Fenster stürzt und es öffnet. Home schwebt mit den Füßen voran herein. Er landet stehend, schlägt die Augen auf und lächelt seine drei Zuschauer an. Lord Lindsay sieht sich plötzlich starkem Harndrang ausgesetzt und eilt aus dem Zimmer in den Treppenflur …
Ich stehe neben Xu Fu auf der Brücke eines antiken chinesischen Segelschiffes. Eine Flotte folgt uns, die sich bis zum Horizont erstreckt. Das Elixir der Unsterblichkeit! Mir fällt alles wieder ein. Qín Shǐhuángdì, Gründer des chinesischen Kaiserreichs, ließ aus seiner paranoiden Angst vor dem Tod heraus eine Schiffsexpedition ausrüsten, die ihm das Unsterblichkeitselexir beschaffen sollte. Die sechzig Barken kehrten nie zurück, und niemand weiß, was mit ihnen geschehen ist. Werde ich es jetzt erfahren? Meine Neugier erinnert mich daran, dass ich mich darauf konzentrieren wollte, mich an meiner Reise – trotz meines Ausgeliefertseins, trotz des häufigen Kopfwehs und trotz der ständigen Aussetzer – so weit wie möglich zu erfreuen. Warum vergesse ich das immer wieder? Ich rieche die Seeluft, spüre den Wind auf meiner Haut, die nicht meine ist. Doch dann geht der Chinese unter Deck, und schon verliere ich den Halt in seinem Geist und wirble orientierungslos durch Raum und Zeit …
… Ich betrete den Korridor, wie ich es schon als kleines Kind von den Geistmeistern gelernt habe, und steige in meinen »Tempel der flüchtigen Bilder« hinab. Zuerst zögere ich, denn sind es nicht die Geistmeister gewesen, die zu tief in ihre inneren Tempel hinabgestiegen sind und mit ihren größenwahnsinnigen Ideen unser aller Untergang heraufbeschworen haben? Doch das drohende Ertrinken und die unerträglichen Schmerzen in meinem zerschmetterten Bein treiben mich an diesen Ort, an dem alles still und unbewegt ist.
Mein »Tempel« allerdings ist – eine Insel.
Niemand durfte davon wissen, denn das Bild einer Insel vor dem inneren Auge wachzurufen statt das eines Tempelbaus widerspricht dem geistigen Gesetz, wie es uns gelehrt wird – doch so sehr ich mich auch gegen diese Insel zu wehren versuchte: Sie wollte einfach nicht wieder verschwinden. Nicht einmal meinen engsten Freunden erzählte ich davon, und so erschrecke ich zutiefst, als ich dort auf meiner kleinen Insel eine Gruppe Fremder stehen sehe. Ein alter Mann, dessen linke Gesichtshälfte völlig vernarbt ist, tritt auf mich zu. Hinter ihm stehen elf Männer und Frauen.
»Ich bin Ktephaim«, sagt der alte Mann. Was haben diese Leute in meinem Geist zu suchen? Oder sollen sie mich abholen und ins Reich der Toten führen?
»Wir sind … Wanderer. Und wir möchten dir anbieten, einer von uns zu werden.« Ich will zuerst einmal wissen, was es mit all dem hier auf sich hat, aber er bedeutet mir zu schweigen. »Du kannst dich retten.« Damit überreicht er mir einen geschliffenen Kristall in der Form eines menschlichen Schädels.
Ich weiß, was ich zu tun habe. Die anderen elf, die hinter Ktephaim stehen, sehen mich stumm an. Eine der Frauen lächelt aufmunternd. Ich blicke dem Kristallschädel in die Augen.
»Konzentriere dich«, sagt der Alte. »Du hast lange dafür geübt. Jetzt ist der Augenblick gekommen.«
Mit einem Mal bin ich wieder in meinem Körper. Eiskaltes Wasser umströmt mich, und im zerschmetterten Bein spüre ich ein brennendes Pochen. Ich nehme einen letzten Atemzug, bevor das Meer mich verschlingt. Und konzentriere mich.
Meine Heimat sinkt ins Magma zurück. Wenn die Sonne zum ersten Mal wieder durch die schwarzen Wolkenmassen brechen wird, wird nichts mehr von ihr übrig sein. Aus dem Schlamm wird sich eine neue Menschheit erheben, eine neue Geschichtsschreibung entfalten, werden neue alte Kriege entbrennen und alte neue Erfindungen und Erfahrungen die Menschen bewegen.
Aber dies sind Dinge, die ich erst später erfahren werde. Denn ich überlebe. Mit einem letzten Atemzug versetze ich mich mit Hilfe des kristallenen Schädels und einem ungekannten Überlebenswillen in mir an einen anderen Ort in eine andere Zeit.
Ein Moospolster, mächtige Wurzeln, eine Lichtung.
Langsam komme ich zu mir. Enra’daí, die Frau aus der Gruppe der Wanderer, die mir zugelächelt hatte, sitzt neben mir und untersucht mein Bein. »Wo bin ich?«, frage ich sie, aber Enra’daí verbessert mich: »Frag lieber, wann du bist. Du bist jetzt einer von uns.«
Sie erklärt mir, wir seien zwölf und besäßen die Fähigkeit, auf die Rückseite der Zeit zu springen und von dort aus dorthin zu wandern, wo wir gebraucht werden. Manchen der Wanderer gelinge das fünf‑, sechs- oder gar zehnmal. Dann versiege die Kraft dazu. Ein neuer Wanderer müsse gefunden werden, um die Lücke zu füllen. »Und du bist wahrscheinlich der jüngste, den es je gegeben hat«, fügt sie an.
In den nächsten Tagen heilt sie mit Kräuterwickeln mein Bein und brät über einem Feuer ihr Jagdwild für uns. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Ihre Bewegungen, ihre Berührungen, ihre leise Stimme: All das berauscht mich, beglückt mich im Innersten, rührt mein Herz an und weckt ganz unbekannte, Süße und Schmerz versprechende Gefühle in mir, die ich schamhaft vor ihr verberge, da sie mich zwar liebevoll pflegt, aber doch wohl mit der Fürsorge einer Mutter für ihren Sohn. Wie gern würde ich ihr beweisen, dass ich bereits ein Mann bin. Ich könnte Bäume fällen und eine Hütte für uns errichten, ich würde die Jagd erlernen und wilde Tiere für sie erlegen – doch mein Bein erlaubt dies alles noch nicht, ich muss es schonen.
Auf die Rückseite der Zeit zu springen, hat mir das Leben gerettet. Ich bezweifle, dass unsere Geistmeister von dieser Fähigkeit wussten. Enra’daí zögert, als ich sie frage, was mit dem Wanderer geschieht, der die Kraft dazu verliert. Ihre Stimme klingt brüchig: »Er bleibt dort, von wo der neue Wanderer geholt wird.« Ich will sie fragen, ob Ktephaim an meiner statt in die Halle der Kristalle versetzt wurde, aber Enra’daí verzieht schmerzlich das Gesicht und wendet den Blick ab. Das lässt mich stocken, und ich spreche meine Frage nicht aus.
»Ich muss weiter«, sagt sie schließlich und wirkt ein wenig traurig. »Wir Wanderer sind Einzelgänger.«
Ich will dagegen protestieren, flehe sie an, zu bleiben, behaupte, mein Bein schmerze wieder. Doch Enra’daí lässt sich nicht erweichen. Zum Abschied berührt sie mich nur kurz am Arm und wendet dann schnell ihren Blick ab. Ich will ihr nachrufen, dass ich sie liebe, aber schon ist sie zwischen den mächtigen Stämmen der Bäume verschwunden. Tränen steigen mir in die Augen, und ich beginne bitterlich zu weinen.
Es ist ein Abschied …
All die Toten – ein ganzes Volk! Meine Freunde! Meine Mutter! Meine kleine Schwester! Erst als es tagt, versiegen meine Tränen, und ich falle in unruhigen Schlaf.
Ich betrete das Korridorgelgebraus mit gespanntem Trommelfell. Sogleich feuern Astraltriebwerke mit der Anmut einer Krokodilsträne kloneske Ober‑, Über‑, Hyper- und Cybertöne in unsre elfdimensionalen Malschmeckknospen, Malriechkolben, Malheurgänge, schälen sich sinnästhetisch-prozessaural aus dem infiniten Persilenzium, um panresonante Horchposten zu okkupieren und auditivgefrostet in die Kastratosphäre unsrer Launen, Grillen und Schismen zu sickern, kontrapunktisch konfrontal inmitten quelloffener Süffisanzen. Patasonische Nanupartikel – clusterhaft lüstern knisternd – flüstern Rhythmuster, Sonarchitexturen und klanganhaltende Tapedecklarationen, erweisen liederliche Melodienste, kadenzen delikate Ohr d’oeuvres, vexeln in voller Fahrt den Spin ins biotronisch Organifizielle, quizeln meine Lachmuskeln, branden wogend in unsre poesienafarbenen Lauschmuscheln, kuscheln sich quadrillphon in dritte Ohren. Sausen. Schalldünung. Meeres Rausch. Verwehmut knapp unterhalb der Hörschwälle. Dezibelcanto. Oiseaux-Flocken. Froh locken uns Flohglocken vom blassen Bliss bloßen Ohrenscheins zu flirren Luziditätlichkeiten im Shangri-Labyrinth unsrer grauen Zellen, bis dich unverhofft ein mikrokosmisches Klangfragment für ein minimaliziöses ultragikomisch-infragiles Erstjetzt ins Hellhören-Wahrlauschen-Klarhorchen bringt. Im Nu. Ganz Ohr. Sein.
Ich betrete den Korridor wie in Zeitlupe, genüsslich und mit geschlossenen Lidern, ganz in Konzentration auf die Klänge, die mir aus meinen Kopfhörern ans Ohr dringen und auf meinen Netzhäuten seltsame Formen und Farben hervorrufen. Wenn ich jetzt die Augen öffne, werde ich genau den Korridor vor mir sehen, den mir die Tonfolgen formen und schaffen. Es ist, jedes Mal wieder, ein spannendes Abenteuer, wohin mich die Klänge tragen.
Mit lustvoller Langsamkeit hebe ich meine Lider, und tatsächlich!
Ich betrete den Korridor. Diesmal, finde ich, hat es der Professor übertrieben. Alles wirkt viktorianisch verspielt: An den Wänden sprudeln kleine Fontänen unter ovalen Spiegeln mit geschnitzten Elfenbeinrahmen. Das also ist sein neuster Streich, die »Mythenmaschine«. Irgendetwas hat Ceril auf den Gedanken gebracht, die Mythen der Welt hätten sich aufgebraucht. »Eine ›Mythonen‹-Knappheit?«, habe ich vorwitzig gefragt, aber er hat mich nur verächtlich angesehen. Offenbar geht es heute nicht um der sonstigen Wissenschaft unbekannte Elementarpartikel.
Er ließ mich referieren, was ein Mythos ist, war jedoch mit meinem Wikipedia-Wissen unzufrieden und erklärte, er beschäftige sich als Freizeit-Mythenforscher intensiv mit »archetypischen Erzählungen, die als kollektives Vorbild dienen können«. »Harry Potter?«, schlage ich vor, und »Avatar?« Der Professor runzelt die Brauen: »Das ist ja gerade, was mir Sorge bereitet: diese allgegenwärtige Regression ins magische Denken. Der Mythos vom edlen Wilden und der von einer verzauberten Welt, die nicht so sehr den Naturgesetzen wie dem menschlichen Willen gehorcht – leider derzeit nicht sehr hilfreich und zielführend, was die Zukunft der Menschheit anbelangt.«
Deshalb nun seine Maschine. Sie soll den Mythos für das 21. Jahrhundert kreieren, die universelle Geschichte, die allem, was wir erleben und anstreben, neuen Sinn verleiht – und ich soll diese Kreation ans Tageslicht holen.
Die stoffbespannten Türen des Korridors sind mit wabernden Buchstaben beschriftet. Wie im Traum lässt sich nicht richtig erkennen, was da steht, und es ändert sich dauernd. Stand da eben etwas von »die Seele dem Teufel verkaufen«? Oder »Erschaffung der Welt in sieben Tagen«? Oder »Kaiser Barbarossa schläft nur«?
Mir wird ganz schummrig, und ich mache, dass ich aus der Maschine wieder rauskomme.
»Sie steht mit ihren Berechnungen offenbar noch ziemlich am Anfang«, erkläre ich dem Professor mit fester Stimme.
»Aber sie arbeitet schon ganze sechs Tage lang«, erklärt er traurig. Dann zuckt er die Schultern: »Na schön, dann geben wir ihr noch eine Woche.« Und als er meinen Blick sieht: »Einen Monat?« Ich antworte nicht, und Ceril meint schließlich enttäuscht: »Gut: ein Jahr. Damit sollten wir auf der sicheren Seite stehen.« Ich nicke zufrieden. Bloß erst einmal nicht wieder da reinmüssen!
In der folgenden Nacht bin ich im Traum auf der Flucht vor einer gewaltigen Horde Märchen- und Sagengestalten, die alle unbedingt mein »Vorbild« sein wollen. Ich erwache schweißgebadet. Hoffentlich verfolgt mich dieser Alptraum jetzt nicht Nacht für Nacht ein ganzes Jahr lang.
(Tat er nicht. Stattdessen eroberte eine ziemlich verrückte neue Mitschülerin meine Träume im Sturm. Aber das ist eine andere Geschichte.)