»Ich betrete den Korridor«, schreiben Sie, liebe S., »und erreiche, auch wenn ich mit aller Kraft renne, niemals das andere Ende, obwohl ich es so sehr ersehne. Was soll mir das sagen?«
Liebe S., wir alle kennen solche Träume, in denen uns eine unbekannte Kraft daran hindert, unsere Ziele zu erreichen. Dabei könnte ein Korridor für unseren Lebensweg stehen, die seitlichen Türen oder Durchgänge für mögliche oder auch schon verpasste Abzweigungen, und das ersehnte Ende des Korridors mag unseren größten Wunsch, unseren »goldenen Traum« verdeutlichen, mit dem vor Augen wir uns durchs Leben bewegen.
Aber erreichen wir ihn?
Ein Korridor im Traum ohne Türen könnte bedeuten, dass du dich durch äußere Umstände oder andere Menschen gezwungen siehst, einen bestimmten Weg einzuschlagen, ohne irgendwelche Alternativen dazu zu sehen.
Ein Korridor mit vielen Türen, die aber verschlossen sind, könnte die Botschaft für dich haben: Konzentriere dich auf deinen augenblicklichen Weg und weiche nicht davon ab.
Und ein Korridor, in dem du einfach nicht weiterzukommen scheinst, symbolisiert möglicherweise einen Lebensabschnitt, in dem bei dir alles stagniert.
Dein Traum, liebe S., scheint dir zuzurufen: So sehr du dich auch anstrengen magst – dein Ziel wirst du nie erreichen.
Ist es also hoffnungslos für dich? Sagt dir dein Traum-Bewusstsein, dass du endlich aufgeben sollst, weil du eh keine Chance hast? Ich glaube, nein. Ich glaube im Gegenteil, dass dein Traum-Bewusstsein dir gerne einen Weg aufzeigen möchte, wie du deine Ziele trotz aller nutzlosen Anstrengung doch noch erreichen kannst.
Du versuchst es mit rennen. Doch vielleicht wird ja dein Traum-Korridor länger und länger, je schneller du rennst. Oder es ist wie in Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln:
»›Nun, in unserem Land‹, sagte Alice, die immer noch ein wenig außer Atem war, ›kommt man, wenn man eine längere Zeit lang schnell rennt, gewöhnlich an einen anderen Ort.‹ – ›Lahme Gegend!‹, sagte die Rote Königin. ›Hier bei uns muss man so schnell rennen, wie man nur kann, um am selben Ort zu bleiben. Willst du woanders hin gelangen, musst du mindestens doppelt so schnell rennen.‹«
Also doppelt so schnell rennen? Das wäre ein schlechter Rat. Dein Traum scheint mir vielmehr zu signalisieren: Halte inne; lege eine Rast ein; verweile ein wenig an Ort und Stelle.
Träume sind voller Magie: Vielleicht verkürzt sich daraufhin dein Traum-Korridor, und das andere Ende rückt in greifbare Nähe, so dass du nur noch gemütlich hinzuschlendern brauchst oder womöglich sogar ein einziger kleiner Schritt ausreicht!
Einen Versuch – im Leben und im Traum – ist es wert, oder?
Jedenfalls vielen Dank, liebe S., für deine Frage. Ähnliche Traumerlebnisse beschäftigen viele Menschen, und oft ist die Deutung und die Lösung eine ähnliche wie bei dir. Halte uns auf dem Laufenden und schreibe wieder, wenn eine veränderte innere Haltung zu veränderten und ganz neuen Traumerfahrungen führt.
Ich betrete den Korridor, ertaste mit einem meiner Tentakel eine Nische in der Wandung und ziehe meinen Körper hinterher. Indem ich die Farbe des Hintergrundes annehme, bin ich jetzt für Augen, die kein Ultraviolett wahrnehmen, kaum noch zu erkennen.
Wir kamen zum Schiff der Fremden, um sie auf unserem Planeten willkommen zu heißen. Ich, als der Theologe in unserer Delegation, sollte mit ihnen über universale Mystik und kosmische Liebe reden. Doch sie jagen uns und merzen uns erbarmungslos aus. Nur noch ich und mein Schüler sind übrig.
Einer von ihnen betritt den Korridor. Er ist schwer gepanzert und trägt eine ihrer tödlichen Waffen. Als er mir ganz nahe ist, stelle ich die Frage, warte aber nicht die Antwort ab, sondern morphe gleich einen meiner Tentakel zu einem spitzen, harten Stachel. Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gesprochen. Dann müssen wir es eben auf diese Weise tun.
Ich betrete den Korridor zwischen zwei unvereinbaren Aussagen – eine geistige Übung, mit der ich seit Jahren täglich die Zeit des morgendlichen Zähneputzens nutze. Heute: »Homöopathie ist pseudowissenschaftlicher Humbug« contra »Ähnliches heilt Ähnliches, auch in hoher Verdünnung«. Zuerst einmal wirken beide Aussagen unvereinbar, These und Antithese, doch dann beim genaueren Hinsehen und Nachsinnen erkenne ich Verbindungen zwischen den Widersprüchlichkeiten, bildet sich ein Korridor, in den ich mich gedanklich hineinbegebe, um ihn genauer zu untersuchen – worauf er sich meist schnell vergrößert, entfaltet, verästelt …
Gerade überlege ich, ob die Einbildungskraft des Menschen – auf den sogenannten Placebo-Effekt reduziert – nicht vielleicht sträflich unterschätzt wird, da sind meine vier Antinomie-Minuten schon um. Also stelle ich meine elektrische Zahnbürste zurück aufs Bord über dem Waschbecken und widme mich den drängenden Fragen und Herausforderungen des heutigen Tages.
Ich betrete den Korridor, an dessen Ende sich – hinter einer massiven Glasscheibe – der befinden soll, der mich gerufen hat. Man hat mich durchleuchtet, gescannt, abgetastet, mir Blut abgenommen, mich stundenlang befragt, ein Wattestäbchen mit meiner DNS und meine Fingerabdrücke archiviert, aber die Sicherheitskontrollen liegen nun hinter mir – und unsere Begegnung steht unmittelbar bevor. Aus den wenigen Informationen, die man mir gegeben hat, entnehme ich, dass nur noch einer der ursprünglich fünf Außerirdischen übrig ist, die das US-Militär in den letzten siebzig Jahren aufgegriffen hat. Und er hat nach mir verlangt!
Warum der Geheimdienst dem Alien seine Bitte erfüllt, ist mir schleierhaft. Vermutlich ein Deal. Geheim natürlich. War bestimmt nicht leicht, mich ausfindig zu machen. Der Offizier, der mir soeben mein letztes Briefing gegeben hat, behandelte mich mit kalter Verachtung. »Sie verständigen sich telepathisch mit den Wissenschaftlern«, sagte er. »Von denen halten das die meisten nicht aus und werden verrückt darüber, trotz jahrelangen Trainings dafür, dass etwas absolut Fremdes in den eigenen Geist eindringt und darin herumpfuscht.« Aber wenn er wirklich nach mir verlangt hat, dann doch wohl nicht, um mich zu einem Fall für die Geschlossene werden zu lassen. Hoffe ich.
Er ist, soweit ich das im Dämmerlicht hinter dem Glas erkenne, klein und schrumplig wie E.T. Bevor ich irgendwelche Einzelheiten bewusst wahrnehme, reißt mich eine Explosion in meinem Kopf zu Boden. Während ich hilflos zuckend daliege, werden aus der Detonation tonnenschwere glühende Symbole, die sich mitleidlos in alle Bereiche meines Hirns einprägen wie Brandzeichen. Es ist keine Stimme, sondern ein kosmischer Donner, der mir sagt, dass ich etwas aufschreiben soll, eine Botschaft für die Welt, ein Manifest, wie es noch keines gegeben hat, ein Fanal, und es soll beginnen mit …
Ich werde bewusstlos.
Mit einem Fünf-Tage-Bart, starken Kopfschmerzen und nichts als meinen Erinnerungen an die Sicherheitsprozeduren und die telepathische Bombe in meinem Kopf erwache ich zu Hause in meiner Badewanne. Einige Tage fehlen mir, und das kann auch der Schalttag in diesem Jahr nicht wettmachen. Vermutlich hat es der Geheimdienst von vornherein so geplant: Ich halte keinerlei Beweis in den Händen, und keiner wird mir die Räuberpistole von der Entführung glauben, geschweige denn, wem ich da in einer geheimen Militärbasis im südlichen Nevada gegenüberstand.
Aber das ist ja auch gar nicht weiter wichtig.
Ich versuche, die Botschaft aufzuschreiben, immer wieder. Sollte sie wirklich so beginnen, mit diesem Satz? Habe ich das tatsächlich richtig verstanden? Mein Geist ist wohl doch zu schwach und zu zersplittert, als dass ich das Manifest in seiner ganzen Tragweite und menschheitsverändernden Brisanz zu Papier bringen könnte. Dennoch – auch wenn ich vielleicht der Falsche bin, den der Geheimdienst aufgegriffen hat, oder er mich weit überschätzt hat: Es ist die einzige Chance. Ein ums andere Mal setze ich neu an.
Ich betrete den Korridor, ohne zu wissen, was mich auf der anderen Seite erwartet. Hinter mir bricht eine Welt zusammen, oder besser gesagt das Kartenhaus, das ich mir aus meinem Glauben über die Welt zusammengezimmert hatte: dass nämlich Wissen Macht und die Ratio Gefühlen überlegen ist, dass alles auf einen energetischen Austausch hinausläuft, bei dem es um das richtige Verhältnis zwischen Investition und Profit geht, und sich Qualität letztlich durchsetzen wird.
Ein Luftschloss offenbar, ein reines Hirngespinst. Schon seit längerem bröckelte es in diesem Glaubenssystem, es bekam Risse und zuletzt bedrohlich Schlagseite. Kurz bevor alles auseinanderbrach, flüchtete ich mich in diesen Korridor. Nun hoffe ich, dass mich am anderen Ende ein neues Gedankengebäude aufnimmt. Eine bescheidene Hütte würde mir reichen. Da tut es dann nicht so weh, wenn auch die irgendwann in Schutt und Asche fällt.
Ich betrete den Korridorium-Bus und entrichte den Fahrpreis bei der Fahrerin. Sie hat rotgefärbte Haare und berlinert. Ich traue mich nicht, sie zu fragen, ob vielleicht sie Cory d’Or ist, die Autorin des Korridorium-Blogs, sondern erkundige mich nur bei ihr, ob es Texte aus dem Blog zu hören gibt. »Weeß ick nich jenau. Lass dich ma übaraschen«, rät sie mir.
Es ist ein alter Doppeldecker, der übers Land tourt und eine »mobile meditative Musikreise« anbietet, die eine ganze Nacht lang dauern soll. Seine Fenster sind verhängt, und ich betrete den abgeteilten Fahrgastraum von der Fahrerkabine aus durch einen schweren Vorhang. Erst einmal sehe ich – so gut wie nichts. Während sich der Bus wieder in Bewegung setzt, gewöhnen sich meine Augen langsam an das Dunkel. Leise Ambientmusik mischt sich in die Fahrgeräusche.
»Die Nummer zwee, Treppe hoch und links die dritte«, hatte mir die Fahrerin gesagt. Inzwischen kann ich die Treppe erkennen – und die einzelnen Kojen, die den Mittelgang säumen. In den Flugblättern wurde erklärt, dass es sich um ein Konzert handelt, das man im Liegen hört. Ich kann nicht erkennen, wie viele von den Kojen besetzt sind.
Als ich die Treppe hochsteige, komme ich wohl nah an einem Lautsprecher vorbei, denn an meinem linken Ohr flüstert eine Stimme die Frage: »Wer bin ich (und warum nicht gleich so)?« Die Klammern kann ich natürlich nicht hören, aber so stand es auf dem Programmzettel. Darum geht es bei dieser nächtlichen Reise, das ist sozusagen der Titel und das Angebot des Konzerts: darüber zu meditieren.
Der Bus legt sich in eine Kurve, und ich muss mich festhalten. Zwischen den Kojen begegne ich im Dämmerlicht einer Frau, die der Fahrerin aufs Haar gleicht und mir mit einer einladenden Bewegung Tee aus einer großen Thermoskanne anbietet. Sind es Zwillinge? Während ich den Becher von ihr entgegennehme, fragt sie mich flüsternd ins Ohr: »Wer bist du – und warum nicht gleich so?« Mir fällt keine passende Antwort ein. Aber die Nacht ist ja noch jung.
Ich betrete den Korridor nach viel zu kurzem Schlaf. Aber so ist das hier im Schlaflabor: Die Arbeit fällt hauptsächlich nachts an – die Probanden schlafen, die Forscher wachen und sammeln Daten. Diesmal versuche ich, mit einer Probandin zu kommunizieren, die das Klarträumen beherrscht. Ich trete in unseren Kontrollraum, von dem aus wir nach drei Seiten durch halbverspiegelte Scheiben in enge Schlafzimmer sehen. Nur ein Bett ist belegt.
Als mir der Enzephalograph anzeigt, dass die Studentin träumt, lasse ich drei helle rote Blitze ihr kleines Zimmer erhellen – als vorher abgesprochene Hilfe für sie, innerhalb des Traumes zur Luzidität zu erwachen, und eine Art Anklopfen bei ihr, dass wir sie kontaktieren möchten. Sie ist eine unserer erfahrensten Klarträumerinnen.
Die Bewegungen ihrer Augäpfel lassen, zeigt mir der entsprechende Monitor, jetzt ein Muster erkennen. Erst achtmal ein Ruck nach links, dann einmal, dann zwölfmal und noch einmal zwölfmal, dann fünfzehnmal. Ein simpler Code: Sie hat mir gerade »Hallo« gesagt.
Über Lautsprecher frage ich, ob sie mich hören kann. Der Enzephalograph zeigt, dass sie schläft und träumt. Trotzdem signalisiert sie mir mit ihren Augen: »Ja«. – »Dann los!«, sage ich. Sie kennt ihre Aufgabe. Sie soll – im Traum und ohne aufzuwachen – ihren Körper hochschweben lassen bis über den Schrank in ihrem Raum und uns durchgeben, was für eine Zeichnung sie sieht. Die haben wir – ohne sie selbst zu kennen, denn sie wird per Zufall ausgewählt – dort oben für sie platziert.
Kurze Zeit später signalisiert sie mir mit unserem etwas umständlichen, dafür aber simplen Code: »toter Vogel«. Gespannt eile ich zum Schrank.
Es ist kein toter Vogel, sondern die Buchstaben-Zahlen-Kombination F‑B3T-42. Ich bin ein wenig enttäuscht, aber als Wissenschaftler darf man sich nicht von Erwartungen leiten lassen, sondern muss sich allein an den Fakten orientieren. Und diese legen nahe, dass sie zwar geträumt hat, die gestellte Aufgabe zu erfüllen, dies aber nur in ihrer Vorstellung tat und nicht etwa bei so etwas wie einer außerkörperlichen Erfahrung. Unsere Probandin gibt später zu Protokoll, sie habe einen toten Eichelhäher gesehen, doch das Wort schien ihr zu lang, um es per Augenbewegung an uns durchzugeben.
Anderthalb Wochen nach diesem Versuch beobachte ich zufällig im Hof vor dem Flachbau, der unsere Labore beherbergt, unseren Hausmeister mit einem toten Eichelhäher in der Hand. Ich frage ihn danach, und er erklärt, seit unsere zwei Schornsteine mit chromglänzenden Metall verkleidet wurden, brechen sich auf dem Dach hin und wieder Vögel, die die Spiegelung für den Himmel halten, das Genick. Ich lasse mir von ihm auf dem Grundriss des Gebäudes die Fundstelle zeigen. Tatsächlich: Der tote Vogel lag genau über dem Schrank, auf dem wir unsere zufälligen Zeichnungen platziert hatten. Nur eben ein paar Meter höher auf dem Dach.
Der Hausmeister, ein Mensch, der von uns Forschern allerhand Unsinn gewohnt ist, sah sich den Eichelhäher auf meine Frage hin genauer an, bohrte prüfend seinen Finger unter die Federn und meinte: »Klar kann der schon anderthalb Wochen da oben gelegen haben. Aber was macht das schon fürn Unterschied?« Ich bleibe ihm die Erklärung schuldig.
Die Versuchsreihe hatten wir bereits abgebrochen, weil wir keine signifikanten und wiederholbaren Ergebnisse erzielen konnten. Zu vorschnell? Den Kollegen erzähle ich nichts von dem toten Vogel. Mit so einer Anekdote würden wir uns in Wissenschaftlerkreisen nur lächerlich machen.
Ich betrete den Korridor, der zu meinem Gedächtnispalast führt. Natürlich existiert der lange Gang – genau wie der Palast selbst, zu dessen ausgedehnten Räumlichkeiten sich die bunten Türen des Eingangskorridors öffnen – nicht wirklich, nicht einmal auf Blaupausen, sondern ist eine reine Erfindung, eine Imagination von mir. Immer wieder durchwandere ich ihn in meiner Vorstellung, um meinem schwachen Erinnerungsvermögen auf die Sprünge zu helfen – und wenn ich mir etwas Neues merken will, lege ich es im passenden Zimmer ab oder baue einfach ein weiteres Kabinett an.
Im Palast kenne ich jede Einzelheit: die Räume, Wandnischen, Fensterbretter, die halbhohen Säulen, Tische, Sekretäre, die Kommoden, Regale und Setzkästen – all die Orte, an, in und auf denen ich gedanklich Dinge deponiere, die ich mir merken will. Oder muss.
Der Eingangskorridor jedoch ist leer. Hier gibt es keine Nischen oder Möbel – nur die Türen zu den einzelnen Flügeln des Palastes. Hinter der weißen lagern alle Telefonnummern, die ich im Kopf haben sollte. (Hier hätte ich auch die Zahl Pi mit beliebig vielen Nachkommastellen verstaut, wenn ich den Ehrgeiz besäße, sie auswendig zu wissen.) Es folgen Türen in allen Regenbogenfarben, beginnend mit Infrarot und mit Ultraviolett endend. Von physikalischen Erkenntnissen, Formeln und Fachbegriffen über biologische Fakten und Fachtermini und die Lebensdaten berühmter Forscher bis hin zu den Sternstunden der Menschheitsgeschichte findet sich hier so ziemlich alles, das mir irgendwann einmal wert schien, es mir zu merken – ob nun die Namen der Urkontinente (und auch die möglichen unserer Zukunft wie Pangäa Ultima und Amasia), die 398 Kraftausdrücke aus Joyce’ Finnegans Wake oder die 28 möglichen Merkmale eines Blattes (von spießförmig bis siebenzählig gefiedert).
Ganz hinten findet sich eine schwarze Tür. Sie führt in den Keller meines Palastes. Dort lagert … aber vielleicht sollte ich das lieber für mich behalten. Der Korridor jedenfalls, der Korridor mit dem vielen bunten Türen, durch den ich die vielen Flügel des Palastes betrete, hat mich dazu inspiriert, ein paar kleine Texte zu schreiben – deren Inhalt und Reihenfolge und deren Bezüge zueinander und zu anderen Texten der Literaturgeschichte ich regelmäßig hinter der orangefarbenen Tür ablege, so wie ich gerade mit diesem hier unterwegs bin, um ihn dort in meiner ganz persönlichen Wunderkammer an einer besonderen Stelle abzulegen und nie wieder zu vergessen.
Ich betrete den Korridor. Es ist ein eigenartiges Gefühl, nach all den Jahren hierher zurückzukommen. Es sieht – auf den ersten Blick – alles noch genauso aus wie damals: die weiße Gewölbedecke, die schlichten Steinsäulen, die sich in regelmäßigen Abständen bis in die Ferne fortsetzen, der glatte, kühle Marmorboden unter meinen nackten Füßen – und das Wärterhäuschen, dem ich gleich zu Anfang gegenüberstehe. Der Troll öffnet das ovale Holztürchen im Fenster, um mit mir zu sprechen.
»Wer sind Sie, und was suchen Sie hier?« Er klingt streng, aber das muss er ja auch sein. Er ist der Kontrolleur hier. Ich hatte ganz vergessen, dass er mir als Troll erscheint. Das habe ich mir nicht ausgedacht. Zumindest nicht bewusst.
»Ich bin’s, der Boss. Ich wollte hier mal wieder nach dem Rechten sehen.«
Der Troll sieht mich stirnrunzelnd an. »Haben Sie einen Termin? Haben Sie die Formulare ausgefüllt? Haben Sie einen Berechtigungsausweis oder eine Empfehlung? Sie können hier nämlich nicht einfach so …« – »He he he, mal langsam«, unterbreche ich ihn, »ich brauche das alles nicht. Ich bin hier der Chef. Und ich möchte mich gerne mit meinem Kontrolleur unterhalten.«
»Das bin ich«, sagt der Troll in seinem Wärterhäuschen, bar jeden Humors.
»Was ist deine Aufgabe?«, frage ich ihn. Er erläutert es mir. Der Troll hat, wie alle hier im ersten Teil des Korridors, einen recht begrenzten Horizont. Von daher ist es nicht überraschend, dass er mir erklärt, seine Aufgabe sei es, alles Mögliche zu kontrollieren, Tag und Nacht, weil es sonst sofort völlig aus dem Ruder laufen würde. Kontrolle sei das Allerwichtigste, und ohne ihn würde hier völliges Chaos ausbrechen. »Ich versuche nur, so gut wie möglich meinen Job zu machen«, sagt er.
»Du machst das ganz großartig«, sage ich und meine es auch. Tatsächlich hat mir der innere Kontrolleur schon eine Menge Ärger erspart. Und über das Lob freut er sich sichtlich.
Dann frage ich ihn, ob er mich mit den anderen im weiteren Verlauf des Korridors reden lässt, ohne kontrollierend einzugreifen. Es kommt zu einer kleinen Diskussion, aber schließlich ist er bereit, kurz Pause zu machen. Ich nicke ihm dankend zu und gehe am Wärterhäuschen vorbei tiefer in den Korridor.
Hinter den seitlichen Bögen zwischen den Säulen öffnen sich unterschiedliche Räume. Sie werden von weiteren Figuren meines inneren Ensembles bewohnt, eindimensionalen Charakteren, wie sie manchmal auch in Mythen, Märchen und in der Popkultur vorkommen, Typen wie der Minotaurus, Chewbacca, der Zirkusclown (»Akrobat schööön!)«, Gollum (»Wir wollen ihn! Wir brauchen ihn! Wir müssen ihn haben, den Schatz!«) oder das Säbelzahneichhörnchen Scrat, die uns in ihrer Einfältigkeit manchmal tief im Inneren berühren.
Ich höre ein Schluchzen.
Es ist ein kleines, düsteres Zimmer mit einem zerschlissenen Bett. In einer Zimmerecke hockt ein Häufchen Elend. »Wer bist du?«, frage ich, aber ich weiß es schon. Es ist die Verzweifelte. Ein Schluchzen antwortet mir. »Was ist deine Aufgabe?«, frage ich. Sie wendet sich mir zu und beginnt stockend von ihren Erfahrungen zu berichten: Immer wieder geht sie voller Hoffnung los, doch dann lassen sie die Umstände, lassen andere Menschen sie verzweifeln. Das gehe schon ihr ganzes Leben lang so. Und da anscheinend niemand anderes bereit ist, diese Verzweiflung zu spüren und sich ihr auszusetzen, übernimmt halt sie diese Aufgabe – erklärt sie mir mit dicken Tränen in den Augen.
Ich danke ihr für den selbstlosen Einsatz und verkneife mir ein zynisches »Gute Arbeit!« – stattdessen schlage ich dem kleinen, verheulten Mädchen vor, sich mal mit dem Methodiker zusammenzutun. Der wohnt ein Stück den Korridor runter. »Ziel formulieren, Arbeitsschritte definieren, methodisch abarbeiten!« – das habe ich noch von meinem letzten Zusammentreffen mit ihm im Ohr. Die beiden könnten ein gutes Paar abgeben.
Mein nächster Besuch führt mich in das Arbeitszimmer des »Questologen«, wie ich ihn getauft habe: ein junger Mann mit Dreitagebart, Hut und einer zusammengerollten Peitsche am Gürtel, der im ganzen Zimmer Landkarten ausgebreitet hat, zwischen denen aufgeschlagene Bücher liegen. »Was ist deine Aufgabe?«, frage ich den inneren Sucher, und natürlich kennt auch er nur eins: suchen! Ständig ist er auf der Suche, nach der Liebe, der Antwort, dem Glück, dem Heil, dem Optimum, nach dem Weg, dem Sinn, der Bedeutung, der Erleuchtung … »Wie steht es mit dem Finden?«, frage ich schmunzelnd, aber tatsächlich ist der Sucher allein auf die Suche fixiert und fasst immer gleich, wenn er denn mal einen Treffer landen sollte, das nächste Ziel für die Suche ins Auge, die nächste Landmarke am Horizont.
Auch ihm erbiete ich meinen Respekt, denn seine unstillbare Sehnsucht ist sehr wertvoll für mich, doch das registriert er, längst wieder in seine Land- und Schatzkarten vertieft, schon gar nicht mehr.
Eigentlich will ich jetzt zum Tagträumer, aber beim Weitergehen bemerke ich einen Raum, der mir ganz unbekannt vorkommt. Er ist luxuriös eingerichtet und öffnet sich auf eine Terrasse zum Meer hin. In einem Deckstuhl entdecke ich einen etwas dickbäuchigen, am ganzen Körper behaarten Mann in Badehose. Neben ihm, auf dem Boden, in Greifweite: ein Cocktail und eine Schale mit Trauben.
»Köstlich!«, ruft er. »Herrlich!«
»Wer bist du?«, frage ich verblüfft. Der gehört zu mir?
»Mmmh, musst du kosten! Die schmecken wirklich himmlisch!«
Er schiebt mir die Trauben hin. Menschen, die ihre Sätze dauernd mit Ausrufezeichen abschließen, sind mir eigentlich suspekt. Aber ich probiere dann doch von den Trauben. Sie schmecken – nicht übel.
»Aaaahh, die Sonne auf dem Bauch: Kann es was Schöneres geben? Und dieses Panorama! Und die leichte Brise ist auch nicht von schlechten Eltern! Dieser leichte Salzgeschmack!«
»Was ist deine Aufgabe?«, frage ich. »Genießen!«, antwortet er mit einem genüsslich langezogenen ie. »Aus dem Vollen schöpfen! Mich an den schönen, leckeren, lustvollen, beglückenden Dingen ergötzen! Apropos …«, sagt er und wendet mir seinen ebenfalls behaarten Rücken zu, »könntest du mich eventuell kurz zwischen den Schulterblättern kratzen?«
Ich zögere kurz, tue ihm dann aber den Gefallen.
»Etwas tiefer noch, jaaa! Oh, ist das gut, ooohh, genau richtig, wunderbar!« Auch die ganz kleinen Dinge können sehr genussvoll sein, denke ich und danke dem Genießer für die Inspiration.
Ich betrete wieder den Korridor. Es wird Zeit, weiterzugehen in den nächsten Abschnitt. Nach hinten hin wird es heller: Boden, Wände, die Säulen, die Decke – das alles scheint aus sich selbst heraus zu leuchten. Hier begegne ich weiteren Facetten, nur dass diese hier transpersonal sind: Es sind die Seelenanteile, die über die begrenzte menschliche Sichtweise hinauswachsen und im großen Sein selbst verankert sind.
Schließlich rufe ich in das helle, sanfte Leuchten vor mir hinein: »Ich möchte bitte mit dem ›Gewahrsein ohne trennende Teilung‹ sprechen.«
»Ja?«, antwortet eine Stimme, die weder männlich noch weiblich, weder alt noch jung ist. Mein Blick, mein Herz und mein Geist weiten sich. Es ist, als würde ich im All zwischen den Galaxien schweben und der Weltenraum selbst sein. Es ist, als wäre ich eine stille Flamme im Innersten aller Dinge, deren Kraft und Neugier und Liebe die Welt und die Wesen erschafft und der Schöpfung und allen Geschöpfen die Freiheit gibt, sich in alle gewünschten Richtungen zu entfalten, sämtliche angestrebten Erfahrungen zu machen und sogar, wenn gewünscht, freiwillig zu vergessen, wer sie wirklich sind. Es ist wie die Erinnerung an den Ursprung aller Existenz. »Was hast du auf dem Herzen?«, fragt die Stimme sanft.
Es wird ein längeres Gespräch. Einerseits ist es ein wenig erschreckend, das eigene kleine Leben aus der kosmischen Perspektive zu betrachten, andererseits rückt es die Probleme, Sorgen und Ängste ins rechte Licht. Und es tut einfach rundum gut, in allumfassendem Mitgefühl zu baden.
Ein letzter Schritt bleibt zu tun: alle Aspekte meiner selbst, auch die transpersonalen, mit hinaus zu nehmen aus dem Korridor, ihn am Ende der Meditation zu verlassen und – nicht unbedingt als besserer Mensch, aber möglicherweise besser mit mir im Reinen – rundum »beseelt« ins Leben zu treten.
Ich betrete den Korridor jeden Abend vor dem Einschlafen. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, das Licht am Bett auszuknipsen, mich zurechtzukuscheln, die Augen zu schließen und zu versuchen, den Korridor zu erreichen, der eine Verbindung zwischen den zwei Welten schafft. Doch wie immer bleiben die Bilder meiner Vorstellung blass, und es ist mehr so, dass ich den Korridor mühsam erfinde, als dass ich ihn einfach betrete.
Als mein Zwillingsbruder starb, war das, als hätte man mir das halbe Herz herausgeschnitten. Mit einem Schlag hatte die Welt an Farbigkeit eingebüßt, und ein milchiger Schleier legte sich über die Dinge.
Doch dann, fast ein Jahr später, eines Nachts im Traum war ich plötzlich von Farben umgeben, die ich nicht benennen konnte und die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Inmitten dieser schillernden, fluoreszierenden Pracht stand er plötzlich vor mir. Er sah anders aus, älter, und er wollte nicht mehr Dignus, sondern Korian genannt werden. Im Traum wusste ich nichts von dem Selbstmord, aber ich spürte, dass mein Bruder mir etwas äußerst Wichtiges sagen wollte, dass sich auf ihn, auf mich und auf diesen Korridor zwischen den Welten bezog, in dem unsere Begegnung stattfand.
Das Aufwachen war schrecklich. Ich war noch ganz beseelt von der Nähe zu ihm, und mir war auch sofort klar, was für eine außerordentliche Bedeutung das besaß, was ich da im Traum erlebt hatte. Aber gleichzeitig kroch eine bittere, wütende Verzweiflung in mir hoch, denn trotz aller Anstrengungen: An das, was Dignus, was Korian mir gesagt hatte, erinnerte ich mich nicht mehr. Da waren nur noch die Farben, diese irrsinnigen, unmöglichen Farben. Der Inhalt seiner Worte, selbst der Welten-Korridor: Sie hatten ihre Kontur verloren und sich aufgelöst wie ein Fußabdruck im Sand der Wüste. Verbissen zermarterte ich mir das Hirn, und natürlich hoffte ich inständig, der Traum würde sich wiederholen – vergebens. Die Tür war wieder zugefallen. Dennoch gewöhnte ich mir an, beim Einschlafen das Wenige, das mir noch in Erinnerung ist, Revue passieren zu lassen. Vielleicht würde sich die Tür zu diesem Korridor, die Tür zu Korian noch einmal für mich öffnen!
Der Traum kam nie wieder, nicht in den fast dreißig darauffolgenden Jahren. Oh, ich begann tatsächlich von Korridoren zu träumen, von Korridoren jeder Art und Form und Beschaffenheit – doch nicht von dem Korridor. Und nicht von meinem Zwillingsbruder.
Irgendwann begann ich, meine Erinnerungsfetzen an die Besuche in all diesen verfehlten und wirren Traumkorridoren, die mir den Weg zu dem eigentlichen Korridor verstellten, niederzuschreiben – in der Hoffnung, sie dadurch loszuwerden. Ich nahm dafür die Postkarten, das große Bündel alter Postkarten aus aller Welt, das Dignus einmal auf einem Flohmarkt gekauft und mir geschenkt hatte, 398 Stück, wie sich herausstellte, und ich sollte ein Jahr lang jeden Tag eine davon lesen und mir vorstellen, er würde sie mir von seinen heimlichen Weltreisen schicken. Das war mir dann doch zu verrückt, und ich las sie erst, als er seine Reise tatsächlich angetreten hatte.
Als ich dann all die falschen Träume von den in die Irre führenden Korridoren aufschreiben wollten, um sie irgendwie loszuwerden, tat ich das auf den Karten, zwischen die Zeilen, um die exotischen Briefmarken und Poststempel herum, auf jedes freie Stückchen. Und dann, manchmal, drehe ich sie um, betrachte ein vergilbtes Postkartenfoto, und es kommt mir vor, als seien das die Farben, in denen damals jener vergessene Korridor zwischen den Welten geleuchtet hat.