Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Nous

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Das Titelbild zeigt neun quadratische Szenen mit Traum- und Fantasie-Motiven und der Aufschrift "dictionary of dream symbols". Zu sehen sind: Wüstenlandschaft mit Sonne, verschneite Gasse mit zwei Figuren, Pyramidenlandschaft, Filmstudio, märchenhaftes Schloss an Fluss, Wald mit großen Pilzen, Himmel mit Wolken und Lampen, Unterwasserwelt mit zwei großen Statuen, und ein langer Gang mit Schriftzug 'RUNNING STUCK' und rotem X.

♫ Heim­koma ♫


100/398

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»Ich betrete den Kor­ri­dor«, schrei­ben Sie, liebe S., »und errei­che, auch wenn ich mit aller Kraft renne, nie­mals das andere Ende, obwohl ich es so sehr ersehne. Was soll mir das sagen?«

Liebe S., wir alle ken­nen sol­che Träume, in denen uns eine unbe­kannte Kraft daran hin­dert, unsere Ziele zu errei­chen. Dabei könnte ein Kor­ri­dor für unse­ren Lebens­weg ste­hen, die seit­li­chen Türen oder Durch­gänge für mög­li­che oder auch schon ver­passte Abzwei­gun­gen, und das ersehnte Ende des Kor­ri­dors mag unse­ren größ­ten Wunsch, unse­ren »gol­de­nen Traum« ver­deut­li­chen, mit dem vor Augen wir uns durchs Leben bewe­gen.

Aber errei­chen wir ihn?

Ein Kor­ri­dor im Traum ohne Türen könnte bedeu­ten, dass du dich durch äußere Umstände oder andere Men­schen gezwun­gen siehst, einen bestimm­ten Weg ein­zu­schla­gen, ohne irgend­wel­che Alter­na­ti­ven dazu zu sehen.

Ein Kor­ri­dor mit vie­len Türen, die aber ver­schlos­sen sind, könnte die Bot­schaft für dich haben: Kon­zen­triere dich auf dei­nen augen­blick­li­chen Weg und wei­che nicht davon ab.

Und ein Kor­ri­dor, in dem du ein­fach nicht wei­ter­zu­kom­men scheinst, sym­bo­li­siert mög­li­cher­weise einen Lebens­ab­schnitt, in dem bei dir alles sta­gniert.

Dein Traum, liebe S., scheint dir zuzu­ru­fen: So sehr du dich auch anstren­gen magst – dein Ziel wirst du nie errei­chen.

Ist es also hoff­nungs­los für dich? Sagt dir dein Traum-Bewusst­sein, dass du end­lich auf­ge­ben sollst, weil du eh keine Chance hast? Ich glaube, nein. Ich glaube im Gegen­teil, dass dein Traum-Bewusst­sein dir gerne einen Weg auf­zei­gen möchte, wie du deine Ziele trotz aller nutz­lo­sen Anstren­gung doch noch errei­chen kannst.

Du ver­suchst es mit ren­nen. Doch viel­leicht wird ja dein Traum-Kor­ri­dor län­ger und län­ger, je schnel­ler du rennst. Oder es ist wie in Lewis Car­rolls Alice hin­ter den Spie­geln:

»›Nun, in unse­rem Land‹, sagte Alice, die immer noch ein wenig außer Atem war, ›kommt man, wenn man eine län­gere Zeit lang schnell rennt, gewöhn­lich an einen ande­ren Ort.‹ – ›Lahme Gegend!‹, sagte die Rote Köni­gin. ›Hier bei uns muss man so schnell ren­nen, wie man nur kann, um am sel­ben Ort zu blei­ben. Willst du woan­ders hin gelan­gen, musst du min­des­tens dop­pelt so schnell ren­nen.‹«

Also dop­pelt so schnell ren­nen? Das wäre ein schlech­ter Rat. Dein Traum scheint mir viel­mehr zu signa­li­sie­ren: Halte inne; lege eine Rast ein; ver­weile ein wenig an Ort und Stelle.

Träume sind vol­ler Magie: Viel­leicht ver­kürzt sich dar­auf­hin dein Traum-Kor­ri­dor, und das andere Ende rückt in greif­bare Nähe, so dass du nur noch gemüt­lich hin­zu­schlen­dern brauchst oder womög­lich sogar ein ein­zi­ger klei­ner Schritt aus­reicht!

Einen Ver­such – im Leben und im Traum – ist es wert, oder?

Jeden­falls vie­len Dank, liebe S., für deine Frage. Ähn­li­che Traum­er­leb­nisse beschäf­ti­gen viele Men­schen, und oft ist die Deu­tung und die Lösung eine ähn­li­che wie bei dir. Halte uns auf dem Lau­fen­den und schreibe wie­der, wenn eine ver­än­derte innere Hal­tung zu ver­än­der­ten und ganz neuen Traum­er­fah­run­gen führt.

 

   – C. d’Or (Online-Traum­deu­tung und mehr: www​.Kor​ri​do​rium​.com/de)

106/398

Das Titelbild zeigt das historische Heft "Raumfahrer-Zukunft" für 60 Pfennig. Die Cover-Illustration zeigt einen Raumfahrer in einem Raumanzug mit einem futuristischen Gewehr in einem runden Raumschiffgang, vor ihm auf dem Boden eine kleine, krabbenartige Kreatur.

♫ The Stingy Thingy ♫


106/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, ertaste mit einem mei­ner Ten­ta­kel eine Nische in der Wan­dung und ziehe mei­nen Kör­per hin­ter­her. Indem ich die Farbe des Hin­ter­grun­des annehme, bin ich jetzt für Augen, die kein Ultra­vio­lett wahr­neh­men, kaum noch zu erken­nen.

Wir kamen zum Schiff der Frem­den, um sie auf unse­rem Pla­ne­ten will­kom­men zu hei­ßen. Ich, als der Theo­loge in unse­rer Dele­ga­tion, sollte mit ihnen über uni­ver­sale Mys­tik und kos­mi­sche Liebe reden. Doch sie jagen uns und mer­zen uns erbar­mungs­los aus. Nur noch ich und mein Schü­ler sind übrig.

Einer von ihnen betritt den Kor­ri­dor. Er ist schwer gepan­zert und trägt eine ihrer töd­li­chen Waf­fen. Als er mir ganz nahe ist, stelle ich die Frage, warte aber nicht die Ant­wort ab, son­dern mor­phe gleich einen mei­ner Ten­ta­kel zu einem spit­zen, har­ten Sta­chel. Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gespro­chen. Dann müs­sen wir es eben auf diese Weise tun.

Vol­ler Mit­ge­fühl und Liebe ste­che ich zu …

109/398

Das Titelbild zeigt links eine Glasflasche, gefüllt mit bunten Kugeln oder Pillen verschiedener Größen, rechts mehrere Spritzen in einem Halter mit kleinen Fläschchen davor, dazwischen ein Kippschalter in der Mittelstellung.

♫ The Bias Switch ♫


109/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen zwei unver­ein­ba­ren Aus­sa­gen – eine geis­tige Übung, mit der ich seit Jah­ren täg­lich die Zeit des mor­gend­li­chen Zäh­ne­put­zens nutze. Heute: »Homöo­pa­thie ist pseu­do­wis­sen­schaft­li­cher Hum­bug« con­tra »Ähn­li­ches heilt Ähn­li­ches, auch in hoher Ver­dün­nung«. Zuerst ein­mal wir­ken beide Aus­sa­gen unver­ein­bar, These und Anti­these, doch dann beim genaue­ren Hin­se­hen und Nach­sin­nen erkenne ich Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Wider­sprüch­lich­kei­ten, bil­det sich ein Kor­ri­dor, in den ich mich gedank­lich hin­ein­be­gebe, um ihn genauer zu unter­su­chen – wor­auf er sich meist schnell ver­grö­ßert, ent­fal­tet, ver­äs­telt …

Gerade über­lege ich, ob die Ein­bil­dungs­kraft des Men­schen – auf den soge­nann­ten Pla­cebo-Effekt redu­ziert – nicht viel­leicht sträf­lich unter­schätzt wird, da sind meine vier Anti­no­mie-Minu­ten schon um. Also stelle ich meine elek­tri­sche Zahn­bürste zurück aufs Bord über dem Wasch­be­cken und widme mich den drän­gen­den Fra­gen und Her­aus­for­de­run­gen des heu­ti­gen Tages.

111/398

Das Titelbild zeigt, hinter einem rechteckigen Rahmen oder Fenster, eine verschwommene Darstellung einer humanoiden, vermutlich außerirdischen Figur mit leuchtender Aura um den Kopf.

♫ rca­num cla­mans ♫


111/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, an des­sen Ende sich – hin­ter einer mas­si­ven Glas­scheibe – der befin­den soll, der mich geru­fen hat. Man hat mich durch­leuch­tet, gescannt, abge­tas­tet, mir Blut abge­nom­men, mich stun­den­lang befragt, ein Wat­te­stäb­chen mit mei­ner DNS und meine Fin­ger­ab­drü­cke archi­viert, aber die Sicher­heits­kon­trol­len lie­gen nun hin­ter mir – und unsere Begeg­nung steht unmit­tel­bar bevor. Aus den weni­gen Infor­ma­tio­nen, die man mir gege­ben hat, ent­nehme ich, dass nur noch einer der ursprüng­lich fünf Außer­ir­di­schen übrig ist, die das US-Mili­tär in den letz­ten sieb­zig Jah­ren auf­ge­grif­fen hat. Und er hat nach mir ver­langt!

Warum der Geheim­dienst dem Alien seine Bitte erfüllt, ist mir schlei­er­haft. Ver­mut­lich ein Deal. Geheim natür­lich. War bestimmt nicht leicht, mich aus­fin­dig zu machen. Der Offi­zier, der mir soeben mein letz­tes Brie­fing gege­ben hat, behan­delte mich mit kal­ter Ver­ach­tung. »Sie ver­stän­di­gen sich tele­pa­thisch mit den Wis­sen­schaft­lern«, sagte er. »Von denen hal­ten das die meis­ten nicht aus und wer­den ver­rückt dar­über, trotz jah­re­lan­gen Trai­nings dafür, dass etwas abso­lut Frem­des in den eige­nen Geist ein­dringt und darin her­um­pfuscht.« Aber wenn er wirk­lich nach mir ver­langt hat, dann doch wohl nicht, um mich zu einem Fall für die Geschlos­sene wer­den zu las­sen. Hoffe ich.

Er ist, soweit ich das im Däm­mer­licht hin­ter dem Glas erkenne, klein und schrump­lig wie E.T. Bevor ich irgend­wel­che Ein­zel­hei­ten bewusst wahr­nehme, reißt mich eine Explo­sion in mei­nem Kopf zu Boden. Wäh­rend ich hilf­los zuckend daliege, wer­den aus der Deto­na­tion ton­nen­schwere glü­hende Sym­bole, die sich mit­leid­los in alle Berei­che mei­nes Hirns ein­prä­gen wie Brand­zei­chen. Es ist keine Stimme, son­dern ein kos­mi­scher Don­ner, der mir sagt, dass ich etwas auf­schrei­ben soll, eine Bot­schaft für die Welt, ein Mani­fest, wie es noch kei­nes gege­ben hat, ein Fanal, und es soll begin­nen mit …
Ich werde bewusst­los.

Mit einem Fünf-Tage-Bart, star­ken Kopf­schmer­zen und nichts als mei­nen Erin­ne­run­gen an die Sicher­heits­pro­ze­du­ren und die tele­pa­thi­sche Bombe in mei­nem Kopf erwa­che ich zu Hause in mei­ner Bade­wanne. Einige Tage feh­len mir, und das kann auch der Schalt­tag in die­sem Jahr nicht wett­ma­chen. Ver­mut­lich hat es der Geheim­dienst von vorn­her­ein so geplant: Ich halte kei­ner­lei Beweis in den Hän­den, und kei­ner wird mir die Räu­ber­pis­tole von der Ent­füh­rung glau­ben, geschweige denn, wem ich da in einer gehei­men Mili­tär­ba­sis im süd­li­chen Nevada gegen­über­stand.

Aber das ist ja auch gar nicht wei­ter wich­tig.

Ich ver­su­che, die Bot­schaft auf­zu­schrei­ben, immer wie­der. Sollte sie wirk­lich so begin­nen, mit die­sem Satz? Habe ich das tat­säch­lich rich­tig ver­stan­den? Mein Geist ist wohl doch zu schwach und zu zer­split­tert, als dass ich das Mani­fest in sei­ner gan­zen Trag­weite und mensch­heits­ver­än­dern­den Bri­sanz zu Papier brin­gen könnte. Den­noch – auch wenn ich viel­leicht der Fal­sche bin, den der Geheim­dienst auf­ge­grif­fen hat, oder er mich weit über­schätzt hat: Es ist die ein­zige Chance. Ein ums andere Mal setze ich neu an.

»Ich betrete den Kor­ri­dor.«

115/398

Das Titelbild zeigt dichte Rauchwolken und Flammen über einer zerstörten Stadt mit eingeblendeten Diagrammlinien und Zahlen im Hintergrund. Unten links zeigt ein digitaler Button das Piktogramm eines brennenden Streichholzes.

♫ Oiko­clasm ♫


115/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, ohne zu wis­sen, was mich auf der ande­ren Seite erwar­tet. Hin­ter mir bricht eine Welt zusam­men, oder bes­ser gesagt das Kar­ten­haus, das ich mir aus mei­nem Glau­ben über die Welt zusam­men­ge­zim­mert hatte: dass näm­lich Wis­sen Macht und die Ratio Gefüh­len über­le­gen ist, dass alles auf einen ener­ge­ti­schen Aus­tausch hin­aus­läuft, bei dem es um das rich­tige Ver­hält­nis zwi­schen Inves­ti­tion und Pro­fit geht, und sich Qua­li­tät letzt­lich durch­set­zen wird.

Ein Luft­schloss offen­bar, ein rei­nes Hirn­ge­spinst. Schon seit län­ge­rem brö­ckelte es in die­sem Glau­bens­sys­tem, es bekam Risse und zuletzt bedroh­lich Schlag­seite. Kurz bevor alles aus­ein­an­der­brach, flüch­tete ich mich in die­sen Kor­ri­dor. Nun hoffe ich, dass mich am ande­ren Ende ein neues Gedan­ken­ge­bäude auf­nimmt. Eine beschei­dene Hütte würde mir rei­chen. Da tut es dann nicht so weh, wenn auch die irgend­wann in Schutt und Asche fällt.

116/398

Das Titelbild zeigt abstrakte, wirbelnde Muster mit organischen Formen und ineinander verschlungenen Linien, darüber der Schriftzug "Who am I (and why not  straight away)?" in geschwungener weißer Schrift.

♫ Dreamt­ime Soot­her ♫


116/398

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Ich betrete den Kor­ri­do­rium-Bus und ent­richte den Fahr­preis bei der Fah­re­rin. Sie hat rot­ge­färbte Haare und ber­li­nert. Ich traue mich nicht, sie zu fra­gen, ob viel­leicht sie Cory d’Or ist, die Autorin des Kor­ri­do­rium-Blogs, son­dern erkun­dige mich nur bei ihr, ob es Texte aus dem Blog zu hören gibt. »Weeß ick nich jenau. Lass dich ma üba­ra­schen«, rät sie mir.

Es ist ein alter Dop­pel­de­cker, der übers Land tourt und eine »mobile medi­ta­tive Musik­reise« anbie­tet, die eine ganze Nacht lang dau­ern soll. Seine Fens­ter sind ver­hängt, und ich betrete den abge­teil­ten Fahr­gast­raum von der Fah­rer­ka­bine aus durch einen schwe­ren Vor­hang. Erst ein­mal sehe ich – so gut wie nichts. Wäh­rend sich der Bus wie­der in Bewe­gung setzt, gewöh­nen sich meine Augen lang­sam an das Dun­kel. Leise Ambi­ent­mu­sik mischt sich in die Fahr­ge­räu­sche.

»Die Num­mer zwee, Treppe hoch und links die dritte«, hatte mir die Fah­re­rin gesagt. Inzwi­schen kann ich die Treppe erken­nen – und die ein­zel­nen Kojen, die den Mit­tel­gang säu­men. In den Flug­blät­tern wurde erklärt, dass es sich um ein Kon­zert han­delt, das man im Lie­gen hört. Ich kann nicht erken­nen, wie viele von den Kojen besetzt sind.

Als ich die Treppe hoch­steige, komme ich wohl nah an einem Laut­spre­cher vor­bei, denn an mei­nem lin­ken Ohr flüs­tert eine Stimme die Frage: »Wer bin ich (und warum nicht gleich so)?« Die Klam­mern kann ich natür­lich nicht hören, aber so stand es auf dem Pro­gramm­zet­tel. Darum geht es bei die­ser nächt­li­chen Reise, das ist sozu­sa­gen der Titel und das Ange­bot des Kon­zerts: dar­über zu medi­tie­ren.

Der Bus legt sich in eine Kurve, und ich muss mich fest­hal­ten. Zwi­schen den Kojen begegne ich im Däm­mer­licht einer Frau, die der Fah­re­rin aufs Haar gleicht und mir mit einer ein­la­den­den Bewe­gung Tee aus einer gro­ßen Ther­mos­kanne anbie­tet. Sind es Zwil­linge? Wäh­rend ich den Becher von ihr ent­ge­gen­nehme, fragt sie mich flüs­ternd ins Ohr: »Wer bist du – und warum nicht gleich so?« Mir fällt keine pas­sende Ant­wort ein. Aber die Nacht ist ja noch jung.

117/398

Das Titelbild zeigt ein Krankenzimmer mit medizinischen und Messgeräten. Über dem leeren Krankenbett schwebt eine von einem weißen Tuch umhüllte, schlafende Frau. Der Raum hat eine Wolkentapete und ein Oberlicht, auf dem ein toter Vogel liegt.

♫ Embrace that Distant Shore ♫


117/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor nach viel zu kur­zem Schlaf. Aber so ist das hier im Schlaf­la­bor: Die Arbeit fällt haupt­säch­lich nachts an – die Pro­ban­den schla­fen, die For­scher wachen und sam­meln Daten. Dies­mal ver­su­che ich, mit einer Pro­ban­din zu kom­mu­ni­zie­ren, die das Klar­träu­men beherrscht. Ich trete in unse­ren Kon­troll­raum, von dem aus wir nach drei Sei­ten durch halb­ver­spie­gelte Schei­ben in enge Schlaf­zim­mer sehen. Nur ein Bett ist belegt.

Als mir der Enze­pha­lograph anzeigt, dass die Stu­den­tin träumt, lasse ich drei helle rote Blitze ihr klei­nes Zim­mer erhel­len – als vor­her abge­spro­chene Hilfe für sie, inner­halb des Trau­mes zur Luzi­di­tät zu erwa­chen, und eine Art Anklop­fen bei ihr, dass wir sie kon­tak­tie­ren möch­ten. Sie ist eine unse­rer erfah­rens­ten Klar­träu­me­rin­nen.

Die Bewe­gun­gen ihrer Aug­äp­fel las­sen, zeigt mir der ent­spre­chende Moni­tor, jetzt ein Mus­ter erken­nen. Erst acht­mal ein Ruck nach links, dann ein­mal, dann zwölf­mal und noch ein­mal zwölf­mal, dann fünf­zehn­mal. Ein simp­ler Code: Sie hat mir gerade »Hallo« gesagt.

Über Laut­spre­cher frage ich, ob sie mich hören kann. Der Enze­pha­lograph zeigt, dass sie schläft und träumt. Trotz­dem signa­li­siert sie mir mit ihren Augen: »Ja«. – »Dann los!«, sage ich. Sie kennt ihre Auf­gabe. Sie soll – im Traum und ohne auf­zu­wa­chen – ihren Kör­per hoch­schwe­ben las­sen bis über den Schrank in ihrem Raum und uns durch­ge­ben, was für eine Zeich­nung sie sieht. Die haben wir – ohne sie selbst zu ken­nen, denn sie wird per Zufall aus­ge­wählt – dort oben für sie plat­ziert.

Kurze Zeit spä­ter signa­li­siert sie mir mit unse­rem etwas umständ­li­chen, dafür aber simp­len Code: »toter Vogel«. Gespannt eile ich zum Schrank.

Es ist kein toter Vogel, son­dern die Buch­sta­ben-Zah­len-Kom­bi­na­tion F‑B3T-42. Ich bin ein wenig ent­täuscht, aber als Wis­sen­schaft­ler darf man sich nicht von Erwar­tun­gen lei­ten las­sen, son­dern muss sich allein an den Fak­ten ori­en­tie­ren. Und diese legen nahe, dass sie zwar geträumt hat, die gestellte Auf­gabe zu erfül­len, dies aber nur in ihrer Vor­stel­lung tat und nicht etwa bei so etwas wie einer außer­kör­per­li­chen Erfah­rung. Unsere Pro­ban­din gibt spä­ter zu Pro­to­koll, sie habe einen toten Eichel­hä­her gese­hen, doch das Wort schien ihr zu lang, um es per Augen­be­we­gung an uns durch­zu­ge­ben.

Andert­halb Wochen nach die­sem Ver­such beob­achte ich zufäl­lig im Hof vor dem Flach­bau, der unsere Labore beher­bergt, unse­ren Haus­meis­ter mit einem toten Eichel­hä­her in der Hand. Ich frage ihn danach, und er erklärt, seit unsere zwei Schorn­steine mit chrom­glän­zen­den Metall ver­klei­det wur­den, bre­chen sich auf dem Dach hin und wie­der Vögel, die die Spie­ge­lung für den Him­mel hal­ten, das Genick. Ich lasse mir von ihm auf dem Grund­riss des Gebäu­des die Fund­stelle zei­gen. Tat­säch­lich: Der tote Vogel lag genau über dem Schrank, auf dem wir unsere zufäl­li­gen Zeich­nun­gen plat­ziert hat­ten. Nur eben ein paar Meter höher auf dem Dach.

Der Haus­meis­ter, ein Mensch, der von uns For­schern aller­hand Unsinn gewohnt ist, sah sich den Eichel­hä­her auf meine Frage hin genauer an, bohrte prü­fend sei­nen Fin­ger unter die Federn und meinte: »Klar kann der schon andert­halb Wochen da oben gele­gen haben. Aber was macht das schon fürn Unter­schied?« Ich bleibe ihm die Erklä­rung schul­dig.

Die Ver­suchs­reihe hat­ten wir bereits abge­bro­chen, weil wir keine signi­fi­kan­ten und wie­der­hol­ba­ren Ergeb­nisse erzie­len konn­ten. Zu vor­schnell? Den Kol­le­gen erzähle ich nichts von dem toten Vogel. Mit so einer Anek­dote wür­den wir uns in Wis­sen­schaft­ler­krei­sen nur lächer­lich machen.

121/398

Das Titelbild zeigt ein großes weißes Schloss mit vielen Türmen und Efeu an den Wänden, davor ein Garten mit Blumen. Ein roter Pfeil zeigt auf einen Eingang.

♫ Parn­as­sius mne­mo­syne ♫


121/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der zu mei­nem Gedächt­nis­pa­last führt. Natür­lich exis­tiert der lange Gang – genau wie der Palast selbst, zu des­sen aus­ge­dehn­ten Räum­lich­kei­ten sich die bun­ten Türen des Ein­gangs­kor­ri­dors öff­nen – nicht wirk­lich, nicht ein­mal auf Blau­pau­sen, son­dern ist eine reine Erfin­dung, eine Ima­gi­na­tion von mir. Immer wie­der durch­wan­dere ich ihn in mei­ner Vor­stel­lung, um mei­nem schwa­chen Erin­ne­rungs­ver­mö­gen auf die Sprünge zu hel­fen – und wenn ich mir etwas Neues mer­ken will, lege ich es im pas­sen­den Zim­mer ab oder baue ein­fach ein wei­te­res Kabi­nett an.

Im Palast kenne ich jede Ein­zel­heit: die Räume, Wand­ni­schen, Fens­ter­bret­ter, die halb­ho­hen Säu­len, Tische, Sekre­täre, die Kom­mo­den, Regale und Setz­käs­ten – all die Orte, an, in und auf denen ich gedank­lich Dinge depo­niere, die ich mir mer­ken will. Oder muss.

Der Ein­gangs­kor­ri­dor jedoch ist leer. Hier gibt es keine Nischen oder Möbel – nur die Türen zu den ein­zel­nen Flü­geln des Palas­tes. Hin­ter der wei­ßen lagern alle Tele­fon­num­mern, die ich im Kopf haben sollte. (Hier hätte ich auch die Zahl Pi mit belie­big vie­len Nach­kom­ma­stel­len ver­staut, wenn ich den Ehr­geiz besäße, sie aus­wen­dig zu wis­sen.) Es fol­gen Türen in allen Regen­bo­gen­far­ben, begin­nend mit Infra­rot und mit Ultra­vio­lett endend. Von phy­si­ka­li­schen Erkennt­nis­sen, For­meln und Fach­be­grif­fen über bio­lo­gi­sche Fak­ten und Fach­ter­mini und die Lebens­da­ten berühm­ter For­scher bis hin zu den Stern­stun­den der Mensch­heits­ge­schichte fin­det sich hier so ziem­lich alles, das mir irgend­wann ein­mal wert schien, es mir zu mer­ken – ob nun die Namen der Urkon­ti­nente (und auch die mög­li­chen unse­rer Zukunft wie Pan­gäa Ultima und Ama­sia), die 398 Kraft­aus­drü­cke aus Joyce’ Fin­ne­gans Wake oder die 28 mög­li­chen Merk­male eines Blat­tes (von spieß­för­mig bis sie­ben­zäh­lig gefie­dert).

Ganz hin­ten fin­det sich eine schwarze Tür. Sie führt in den Kel­ler mei­nes Palas­tes. Dort lagert … aber viel­leicht sollte ich das lie­ber für mich behal­ten. Der Kor­ri­dor jeden­falls, der Kor­ri­dor mit dem vie­len bun­ten Türen, durch den ich die vie­len Flü­gel des Palas­tes betrete, hat mich dazu inspi­riert, ein paar kleine Texte zu schrei­ben – deren Inhalt und Rei­hen­folge und deren Bezüge zuein­an­der und zu ande­ren Tex­ten der Lite­ra­tur­ge­schichte ich regel­mä­ßig hin­ter der oran­ge­far­be­nen Tür ablege, so wie ich gerade mit die­sem hier unter­wegs bin, um ihn dort in mei­ner ganz per­sön­li­chen Wun­der­kam­mer an einer beson­de­ren Stelle abzu­le­gen und nie wie­der zu ver­ges­sen.

126/398

Das Titelbild zeigt, auf einer Marmorbrüstung ein Glas mit einem lila Cocktail und Kirschen neben einer Schale mit grünen Trauben und einem Polaroid-Foto, das bunte Blasen zeigt. Im Hintergrund, unscharf, das Meer und Klippen. Oben hängen, ebenfalls unscharf, Medaillons mit ovalen Abbildungen verschiedener Personen und Wesen.

♫ Deep Glis­tening ♫


126/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ein eigen­ar­ti­ges Gefühl, nach all den Jah­ren hier­her zurück­zu­kom­men. Es sieht – auf den ers­ten Blick – alles noch genauso aus wie damals: die weiße Gewöl­be­de­cke, die schlich­ten Stein­säu­len, die sich in regel­mä­ßi­gen Abstän­den bis in die Ferne fort­set­zen, der glatte, kühle Mar­mor­bo­den unter mei­nen nack­ten Füßen – und das Wär­ter­häus­chen, dem ich gleich zu Anfang gegen­über­stehe. Der Troll öff­net das ovale Holz­tür­chen im Fens­ter, um mit mir zu spre­chen.

»Wer sind Sie, und was suchen Sie hier?« Er klingt streng, aber das muss er ja auch sein. Er ist der Kon­trol­leur hier. Ich hatte ganz ver­ges­sen, dass er mir als Troll erscheint. Das habe ich mir nicht aus­ge­dacht. Zumin­dest nicht bewusst.

»Ich bin’s, der Boss. Ich wollte hier mal wie­der nach dem Rech­ten sehen.«

Der Troll sieht mich stirn­run­zelnd an. »Haben Sie einen Ter­min? Haben Sie die For­mu­lare aus­ge­füllt? Haben Sie einen Berech­ti­gungs­aus­weis oder eine Emp­feh­lung? Sie kön­nen hier näm­lich nicht ein­fach so …« – »He he he, mal lang­sam«, unter­bre­che ich ihn, »ich brau­che das alles nicht. Ich bin hier der Chef. Und ich möchte mich gerne mit mei­nem Kon­trol­leur unter­hal­ten.«

»Das bin ich«, sagt der Troll in sei­nem Wär­ter­häus­chen, bar jeden Humors.

»Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich ihn. Er erläu­tert es mir. Der Troll hat, wie alle hier im ers­ten Teil des Kor­ri­dors, einen recht begrenz­ten Hori­zont. Von daher ist es nicht über­ra­schend, dass er mir erklärt, seine Auf­gabe sei es, alles Mög­li­che zu kon­trol­lie­ren, Tag und Nacht, weil es sonst sofort völ­lig aus dem Ruder lau­fen würde. Kon­trolle sei das Aller­wich­tigste, und ohne ihn würde hier völ­li­ges Chaos aus­bre­chen. »Ich ver­su­che nur, so gut wie mög­lich mei­nen Job zu machen«, sagt er.

»Du machst das ganz groß­ar­tig«, sage ich und meine es auch. Tat­säch­lich hat mir der innere Kon­trol­leur schon eine Menge Ärger erspart. Und über das Lob freut er sich sicht­lich.

Dann frage ich ihn, ob er mich mit den ande­ren im wei­te­ren Ver­lauf des Kor­ri­dors reden lässt, ohne kon­trol­lie­rend ein­zu­grei­fen. Es kommt zu einer klei­nen Dis­kus­sion, aber schließ­lich ist er bereit, kurz Pause zu machen. Ich nicke ihm dan­kend zu und gehe am Wär­ter­häus­chen vor­bei tie­fer in den Kor­ri­dor.

Hin­ter den seit­li­chen Bögen zwi­schen den Säu­len öff­nen sich unter­schied­li­che Räume. Sie wer­den von wei­te­ren Figu­ren mei­nes inne­ren Ensem­bles bewohnt, ein­di­men­sio­na­len Cha­rak­te­ren, wie sie manch­mal auch in Mythen, Mär­chen und in der Pop­kul­tur vor­kom­men, Typen wie der Mino­tau­rus, Chew­bacca, der Zir­kus­clown (»Akro­bat schööön!)«, Gollum (»Wir wol­len ihn! Wir brau­chen ihn! Wir müs­sen ihn haben, den Schatz!«) oder das Säbel­zahneich­hörn­chen Scrat, die uns in ihrer Ein­fäl­tig­keit manch­mal tief im Inne­ren berüh­ren.

Ich höre ein Schluch­zen.

Es ist ein klei­nes, düs­te­res Zim­mer mit einem zer­schlis­se­nen Bett. In einer Zim­mer­ecke hockt ein Häuf­chen Elend. »Wer bist du?«, frage ich, aber ich weiß es schon. Es ist die Ver­zwei­felte. Ein Schluch­zen ant­wor­tet mir. »Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich. Sie wen­det sich mir zu und beginnt sto­ckend von ihren Erfah­run­gen zu berich­ten: Immer wie­der geht sie vol­ler Hoff­nung los, doch dann las­sen sie die Umstände, las­sen andere Men­schen sie ver­zwei­feln. Das gehe schon ihr gan­zes Leben lang so. Und da anschei­nend nie­mand ande­res bereit ist, diese Ver­zweif­lung zu spü­ren und sich ihr aus­zu­set­zen, über­nimmt halt sie diese Auf­gabe – erklärt sie mir mit dicken Trä­nen in den Augen.

Ich danke ihr für den selbst­lo­sen Ein­satz und ver­kneife mir ein zyni­sches »Gute Arbeit!« – statt­des­sen schlage ich dem klei­nen, ver­heul­ten Mäd­chen vor, sich mal mit dem Metho­di­ker zusam­men­zu­tun. Der wohnt ein Stück den Kor­ri­dor run­ter. »Ziel for­mu­lie­ren, Arbeits­schritte defi­nie­ren, metho­disch abar­bei­ten!« – das habe ich noch von mei­nem letz­ten Zusam­men­tref­fen mit ihm im Ohr. Die bei­den könn­ten ein gutes Paar abge­ben.

Mein nächs­ter Besuch führt mich in das Arbeits­zim­mer des »Que­sto­lo­gen«, wie ich ihn getauft habe: ein jun­ger Mann mit Drei­ta­ge­bart, Hut und einer zusam­men­ge­roll­ten Peit­sche am Gür­tel, der im gan­zen Zim­mer Land­kar­ten aus­ge­brei­tet hat, zwi­schen denen auf­ge­schla­gene Bücher lie­gen. »Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich den inne­ren Sucher, und natür­lich kennt auch er nur eins: suchen! Stän­dig ist er auf der Suche, nach der Liebe, der Ant­wort, dem Glück, dem Heil, dem Opti­mum, nach dem Weg, dem Sinn, der Bedeu­tung, der Erleuch­tung … »Wie steht es mit dem Fin­den?«, frage ich schmun­zelnd, aber tat­säch­lich ist der Sucher allein auf die Suche fixiert und fasst immer gleich, wenn er denn mal einen Tref­fer lan­den sollte, das nächste Ziel für die Suche ins Auge, die nächste Land­marke am Hori­zont.

Auch ihm erbiete ich mei­nen Respekt, denn seine unstill­bare Sehn­sucht ist sehr wert­voll für mich, doch das regis­triert er, längst wie­der in seine Land- und Schatz­kar­ten ver­tieft, schon gar nicht mehr.

Eigent­lich will ich jetzt zum Tag­träu­mer, aber beim Wei­ter­ge­hen bemerke ich einen Raum, der mir ganz unbe­kannt vor­kommt. Er ist luxu­riös ein­ge­rich­tet und öff­net sich auf eine Ter­rasse zum Meer hin. In einem Deck­stuhl ent­de­cke ich einen etwas dick­bäu­chi­gen, am gan­zen Kör­per behaar­ten Mann in Bade­hose. Neben ihm, auf dem Boden, in Greif­weite: ein Cock­tail und eine Schale mit Trau­ben.

»Köst­lich!«, ruft er. »Herr­lich!«

»Wer bist du?«, frage ich ver­blüfft. Der gehört zu mir?

»Mmmh, musst du kos­ten! Die schme­cken wirk­lich himm­lisch!«

Er schiebt mir die Trau­ben hin. Men­schen, die ihre Sätze dau­ernd mit Aus­ru­fe­zei­chen abschlie­ßen, sind mir eigent­lich suspekt. Aber ich pro­biere dann doch von den Trau­ben. Sie schme­cken – nicht übel.

»Aaaahh, die Sonne auf dem Bauch: Kann es was Schö­ne­res geben? Und die­ses Pan­orama! Und die leichte Brise ist auch nicht von schlech­ten Eltern! Die­ser leichte Salz­ge­schmack!«

»Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich. »Genie­ßen!«, ant­wor­tet er mit einem genüss­lich lan­ge­zo­ge­nen ie. »Aus dem Vol­len schöp­fen! Mich an den schö­nen, lecke­ren, lust­vol­len, beglü­cken­den Din­gen ergöt­zen! Apro­pos …«, sagt er und wen­det mir sei­nen eben­falls behaar­ten Rücken zu, »könn­test du mich even­tu­ell kurz zwi­schen den Schul­ter­blät­tern krat­zen?«

Ich zögere kurz, tue ihm dann aber den Gefal­len.

»Etwas tie­fer noch, jaaa! Oh, ist das gut, ooohh, genau rich­tig, wun­der­bar!« Auch die ganz klei­nen Dinge kön­nen sehr genuss­voll sein, denke ich und danke dem Genie­ßer für die Inspi­ra­tion.

Ich betrete wie­der den Kor­ri­dor. Es wird Zeit, wei­ter­zu­ge­hen in den nächs­ten Abschnitt. Nach hin­ten hin wird es hel­ler: Boden, Wände, die Säu­len, die Decke – das alles scheint aus sich selbst her­aus zu leuch­ten. Hier begegne ich wei­te­ren Facet­ten, nur dass diese hier trans­per­so­nal sind: Es sind die See­len­an­teile, die über die begrenzte mensch­li­che Sicht­weise hin­aus­wach­sen und im gro­ßen Sein selbst ver­an­kert sind.

Schließ­lich rufe ich in das helle, sanfte Leuch­ten vor mir hin­ein: »Ich möchte bitte mit dem ›Gewahr­sein ohne tren­nende Tei­lung‹ spre­chen.«

»Ja?«, ant­wor­tet eine Stimme, die weder männ­lich noch weib­lich, weder alt noch jung ist. Mein Blick, mein Herz und mein Geist wei­ten sich. Es ist, als würde ich im All zwi­schen den Gala­xien schwe­ben und der Wel­ten­raum selbst sein. Es ist, als wäre ich eine stille Flamme im Inners­ten aller Dinge, deren Kraft und Neu­gier und Liebe die Welt und die Wesen erschafft und der Schöp­fung und allen Geschöp­fen die Frei­heit gibt, sich in alle gewünsch­ten Rich­tun­gen zu ent­fal­ten, sämt­li­che ange­streb­ten Erfah­run­gen zu machen und sogar, wenn gewünscht, frei­wil­lig zu ver­ges­sen, wer sie wirk­lich sind. Es ist wie die Erin­ne­rung an den Ursprung aller Exis­tenz. »Was hast du auf dem Her­zen?«, fragt die Stimme sanft.

Es wird ein län­ge­res Gespräch. Einer­seits ist es ein wenig erschre­ckend, das eigene kleine Leben aus der kos­mi­schen Per­spek­tive zu betrach­ten, ande­rer­seits rückt es die Pro­bleme, Sor­gen und Ängste ins rechte Licht. Und es tut ein­fach rundum gut, in all­um­fas­sen­dem Mit­ge­fühl zu baden.

Ein letz­ter Schritt bleibt zu tun: alle Aspekte mei­ner selbst, auch die trans­per­so­na­len, mit hin­aus zu neh­men aus dem Kor­ri­dor, ihn am Ende der Medi­ta­tion zu ver­las­sen und – nicht unbe­dingt als bes­se­rer Mensch, aber mög­li­cher­weise bes­ser mit mir im Rei­nen – rundum »beseelt« ins Leben zu tre­ten.

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Das Titelbild zeigt einen Haufen alter Postkarten mit Landschaften, Gebäuden und einem Flugzeug. Manche zeigen ihre Schriftseite, doch ist alles unleserlich, und Briefmarken fehlen.

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Ich betrete den Kor­ri­dor jeden Abend vor dem Ein­schla­fen. Es ist mir in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen, das Licht am Bett aus­zu­knip­sen, mich zurecht­zu­kuscheln, die Augen zu schlie­ßen und zu ver­su­chen, den Kor­ri­dor zu errei­chen, der eine Ver­bin­dung zwi­schen den zwei Wel­ten schafft. Doch wie immer blei­ben die Bil­der mei­ner Vor­stel­lung blass, und es ist mehr so, dass ich den Kor­ri­dor müh­sam erfinde, als dass ich ihn ein­fach betrete.

Als mein Zwil­lings­bru­der starb, war das, als hätte man mir das halbe Herz her­aus­ge­schnit­ten. Mit einem Schlag hatte die Welt an Far­big­keit ein­ge­büßt, und ein mil­chi­ger Schleier legte sich über die Dinge.

Doch dann, fast ein Jahr spä­ter, eines Nachts im Traum war ich plötz­lich von Far­ben umge­ben, die ich nicht benen­nen konnte und die es eigent­lich gar nicht geben dürfte. Inmit­ten die­ser schil­lern­den, fluo­res­zie­ren­den Pracht stand er plötz­lich vor mir. Er sah anders aus, älter, und er wollte nicht mehr Dig­nus, son­dern Korian genannt wer­den. Im Traum wusste ich nichts von dem Selbst­mord, aber ich spürte, dass mein Bru­der mir etwas äußerst Wich­ti­ges sagen wollte, dass sich auf ihn, auf mich und auf die­sen Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten bezog, in dem unsere Begeg­nung statt­fand.

Das Auf­wa­chen war schreck­lich. Ich war noch ganz beseelt von der Nähe zu ihm, und mir war auch sofort klar, was für eine außer­or­dent­li­che Bedeu­tung das besaß, was ich da im Traum erlebt hatte. Aber gleich­zei­tig kroch eine bit­tere, wütende Ver­zweif­lung in mir hoch, denn trotz aller Anstren­gun­gen: An das, was Dig­nus, was Korian mir gesagt hatte, erin­nerte ich mich nicht mehr. Da waren nur noch die Far­ben, diese irr­sin­ni­gen, unmög­li­chen Far­ben. Der Inhalt sei­ner Worte, selbst der Wel­ten-Kor­ri­dor: Sie hat­ten ihre Kon­tur ver­lo­ren und sich auf­ge­löst wie ein Fuß­ab­druck im Sand der Wüste. Ver­bis­sen zer­mar­terte ich mir das Hirn, und natür­lich hoffte ich instän­dig, der Traum würde sich wie­der­ho­len – ver­ge­bens. Die Tür war wie­der zuge­fal­len. Den­noch gewöhnte ich mir an, beim Ein­schla­fen das Wenige, das mir noch in Erin­ne­rung ist, Revue pas­sie­ren zu las­sen. Viel­leicht würde sich die Tür zu die­sem Kor­ri­dor, die Tür zu Korian noch ein­mal für mich öff­nen!

Der Traum kam nie wie­der, nicht in den fast drei­ßig dar­auf­fol­gen­den Jah­ren. Oh, ich begann tat­säch­lich von Kor­ri­do­ren zu träu­men, von Kor­ri­do­ren jeder Art und Form und Beschaf­fen­heit – doch nicht von dem Kor­ri­dor. Und nicht von mei­nem Zwil­lings­bru­der.

Irgend­wann begann ich, meine Erin­ne­rungs­fet­zen an die Besu­che in all die­sen ver­fehl­ten und wir­ren Traum­kor­ri­do­ren, die mir den Weg zu dem eigent­li­chen Kor­ri­dor ver­stell­ten, nie­der­zu­schrei­ben – in der Hoff­nung, sie dadurch los­zu­wer­den. Ich nahm dafür die Post­kar­ten, das große Bün­del alter Post­kar­ten aus aller Welt, das Dig­nus ein­mal auf einem Floh­markt gekauft und mir geschenkt hatte, 398 Stück, wie sich her­aus­stellte, und ich sollte ein Jahr lang jeden Tag eine davon lesen und mir vor­stel­len, er würde sie mir von sei­nen heim­li­chen Welt­rei­sen schi­cken. Das war mir dann doch zu ver­rückt, und ich las sie erst, als er seine Reise tat­säch­lich ange­tre­ten hatte.

Als ich dann all die fal­schen Träume von den in die Irre füh­ren­den Kor­ri­do­ren auf­schrei­ben woll­ten, um sie irgend­wie los­zu­wer­den, tat ich das auf den Kar­ten, zwi­schen die Zei­len, um die exo­ti­schen Brief­mar­ken und Post­stem­pel herum, auf jedes freie Stück­chen. Und dann, manch­mal, drehe ich sie um, betrachte ein ver­gilb­tes Post­kar­ten­foto, und es kommt mir vor, als seien das die Far­ben, in denen damals jener ver­ges­sene Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten geleuch­tet hat.