Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

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♫ To the Ghost Bet­ween the Pages ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, das ein­zige, das mir ver­traut vor­kommt in dem Wir­bel aus Far­ben und For­men, der mich ringsum ein­hüllt und schwin­deln lässt. Es tut gut, fes­ten Boden unter den Füßen zu füh­len. Aber ist es wirk­lich fes­ter Boden? Alles hier ist selt­sam weich und tei­gig, die Wände des Kor­ri­dors füh­len sich nach­gie­big an, als hätte man Seide über Schaum­stoff gespannt.

»Alles klar bei dir da drin?«

Wer spricht da? Ist das ein Test? Ein Expe­ri­ment? Ein April­scherz? Oder hat mich der ame­ri­ka­ni­sche Geheim­dienst wie­der auf­ge­grif­fen?

»Gib Laut, Mann, ich hab nicht den gan­zen Abend Zeit.«

Die Stimme klingt nach einem Jugend­li­chen. Ich kann sie nicht loka­li­sie­ren und stol­pere den Kor­ri­dor ent­lang. Kommt sie von vorne? Der Gang ist gebo­gen, sein Ende nicht zu sehen. »Hallo? Ist da wer?«

»Tom. Nǐhǎo. Ich hab da ein paar Fra­gen, Cory.«

Cory? Ja, Cory. Aber wer ist Cory? Meine Erin­ne­run­gen wider­spre­chen sich. Ich bin gleich­zei­tig eine Jour­na­lis­tin, der Schü­ler eines bud­dhis­ti­schen Meis­ters, der Mino­tau­rus, eine Xeno-Lin­gu­is­tin … Wie kann das sein?

»Du bist doch ’n schlaues Kerl­chen. Hast ’ne Menge geschrie­ben. Und ich brauch jetzt deine Hilfe. Es geht um den ›Unter­gang der euro­päi­schen Post­mo­derne am Bei­spiel eines Lite­ra­tur-Blogs aus dem Jahr 2012‹. Ich brauch da Input.«

Wovon redet er? Der Kor­ri­dor hat ein­fach kein Ende, und die Stimme bleibt immer bei mir. Ein Traum? Nein: Immer, wenn mir die­ser Ver­dacht in einem Traum kommt, ver­wan­delt er sich in einen Klar­traum. Doch das funk­tio­niert dies­mal nicht. Ich wache nicht auf, weder im Traum noch im Bett. Und doch ist es irreal.

»Kannst du was anfan­gen damit, Cory? ›Unter­gang der Post­mo­derne‹?« Die Stimme hat etwas Drän­gen­des.

»Das Kor­ri­do­rium …«

»Japp. Davon rede ich. Soll ich ’ne Fach­ar­beit drü­ber schrei­ben.«

»Das Kor­ri­do­rium …«, setze ich erneut an, aber ich ver­stumme, denn mit einem Mal wird mir klar, dass ich das Kor­ri­do­rium und alle Geschich­ten darin geschrie­ben habe. Ich bin das nicht, son­dern ich habe es erdacht. Ja, so muss es gewe­sen sein. Daher die wider­sprüch­li­chen Erin­ne­run­gen: Geschich­ten, die ich mir alle nur aus­ge­malt habe.

»Wo bin ich?«, frage ich in den gebo­ge­nen Gang. Es sind Türen da – habe ich sie vor­her nicht bemerkt? Sie tra­gen Num­mern, wie in einem Hotel. Dabei fühlt es sich eher an wie eine Biblio­thek, wie der Kor­ri­dor zwi­schen den Bücher­re­ga­len, und so riecht es hier auch. Ein Hotel, das nach Büchern riecht. Gar nicht schlecht eigent­lich. 398 steht auf der Tür. Ich drü­cke die Klinke her­un­ter, aber sie ist ver­schlos­sen.

»Über­all und nir­gends. Du bist ein Yōulíng mit der Auf­gabe, mir bei der Fach­ar­beit zu hel­fen. ›Post­mo­derne‹, der Teach spinnt doch.«

Auch die nächste Tür ist ver­schlos­sen. Und die nächste. Und so fort. Jede trägt die glei­che Num­mer. 398. Viel­leicht bin ich ver­rückt gewor­den? Oder tot.

»Jetzt sag schon: Was ist post­mo­dern an dei­nem Geschreib­sel, und inwie­weit spie­gelt das den Unter­gang wider?«

»Was ist ›Teach‹?«

»Mein Deutsch-Teach. Tut aber nichts zur Sache. Die wird nie von dir erfah­ren. Ich hab dich mit Hilfe dei­ner Texte rekon­stru­iert. Pri­vate Yōulíngs sind zwar ver­bo­ten laut Jīngs­hén­rechts-Charta, aber das ist ja hier sozu­sa­gen ein Not­fall.«

Rekon­stru­iert? Ich laufe den Kor­ri­dor ent­lang, rüttle an ver­schlos­se­nen Türen, die alle die 398 tra­gen – dazu meine durch­ein­an­der­wir­beln­den Erin­ne­run­gen an einen Hau­fen Hip­pies, die Pest, an ein End­la­ger für Atom­müll, die Arche Noah …

»Eine Rekon­struk­tion?«

»Japp. Hab hier am Labor-Táishì mei­nes Vaters ein­fach einen Blanko-Mind genom­men, mit dei­nen Tex­ten gefüt­tert und die Sekun­där­li­te­ra­tur abru­fen las­sen. Plus die wich­tigs­ten Daten vom Anfang des Jahr­tau­sends, das Zeit­geist-Package 1970 bis 2012. Den Rest erle­digt die Stem.«

»Blanko-Mind?«

»Inter­es­siert doch jetzt kei­nen Benz, Mann. Das ist alles nach dei­ner Zeit. Ich bin nicht hier, um dir die Welt zu erklä­ren.«

»Die Welt von wann?«

»67. Ich sag ja: Lange nach dei­ner Zeit.«

»2067?«

»Ja, Bingo.« Seine Stimme klingt genervt.

2067. Wie kann das sein? Tat­säch­lich erin­nere ich mich dun­kel, gestor­ben zu sein. Der Tun­nel ins Licht. Oder nein, das Schwert im Rücken. Doch das sind wohl auch nur Geschich­ten, Geschich­ten, anhand derer ich rekon­stru­iert wurde. Des­halb kann ich nur wis­sen, was in den Tex­ten steht – und nichts von mei­nem Tod, dem des Autors, des­sen Rekon­struk­tion ich bin. Seine – oder ihre – Sto­rys aller­dings sind wider­sprüch­lich. Es muss Absicht sein, dass sie sich nicht fest­le­gen. Wie soll ich wis­sen, wer ich bin, nicht ein­mal ob Mann oder Frau oder ob über­haupt ein mensch­li­ches Wesen, wenn genau das gerade das Such­spiel war, das Rät­sel? Wenn alles plu­ri­di­men­sio­nal daher­kommt und frak­tal zer­split­tert? Aber nein, löst sich nicht am Ende des Blogs über­ra­schend alles auf, und es wird klar, wer Cory ist und was es mit all den Geschich­ten auf sich hat?!

Doch ich kann dem Gedan­ken nicht wei­ter fol­gen, son­dern werde unter­bro­chen. »Okay, Mann, also das Kor­ri­do­rium: 400 Blog­ein­träge, ins­ge­samt vom Umfang eines mit­tel­schwe­ren Romans. Irgendwo da drin muss was zum Unter­gang der Post­mo­derne ste­hen – oder halt was Post­mo­der­nes, das den Unter­gang beleuch­tet. Also leg mal los, du bist doch Schrei­ber­ling.«

»Es sind 398 Texte. Nicht 400. Drei­hun­dert­acht­und­neun­zig!«

»Wie auch immer.«

»Und sie soll­ten nicht post­mo­dern sein, son­dern post-post­mo­dern. Ver­stehst du? Inte­gral.«

»Hör zu: Das ist hier nicht der Mathe-Unter­richt.«

Ich werde wütend. Da rekon­stru­iert mich jemand im Jahr 2067, indem er ein Blanko-Bewusst­sein mit mei­nen Tex­ten füt­tert und irgend­ein Com­pu­ter dar­aus den Geist des Autors, also mich, her­vor­kit­zelt, aber es ist kein Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, kein His­to­ri­ker, nicht ein­mal ein Lieb­ha­ber skur­ri­ler Kurz­prosa, son­dern nur irgend so ein igno­ran­ter Schnö­sel, der für die Schule was über mich schrei­ben muss und zu faul ist, auch nur eine Zeile davon zu lesen!

»Jetzt hör du mir mal zu, du Banause! Du musst da was falsch ver­stan­den haben: Ich hab die Post­mo­derne tran­szen­diert, das mit dem Unter­gang ist Schwach­sinn. Die Post­mo­derne kann doch allen­falls durch die nächste Kul­tur­stufe, also die Inte­grale Per­spek­tive abge­löst und in sie inte­griert wor­den sein! Die Moderne ist doch auch nicht ›unter­ge­gan­gen‹.«

»Nee, im Gegen­teil: Nach der Post­mo­derne kam die Remo­derne, und dann die Pre­nais­sance. Déle. Das ist alles nach dei­ner Zeit, und jetzt lass uns end­lich end­lich die Fach­ar­beit schrei­ben.«

Mir schwirrt der Kopf. Die Post­mo­derne mit all ihren Errun­gen­schaf­ten soll geschei­tert und spur­los ver­schwun­den sein? Doch nicht etwa – durch mich?

»Das Kor­ri­do­rium hat den Unter­gang ver­ur­sacht?!«

»Wohl kaum. Ich hab natür­lich recher­chiert, was es mit die­sem Korri-Dōng­dōng auf sich hat, aber es ist nix drü­ber zu fin­den. Blieb wohl unbe­ach­tet, und ich schätze, dass es an der Quote für deut­sche Lite­ra­tur liegt, dass der Teach das Ding aus­ge­gra­ben hat. O Mann! Zwan­zig­tau­send Zei­chen Mini­mum inklu­sive Leer­zei­chen – hätte echt lie­ber was über chi­ne­si­sche Lite­ra­tur geschrie­ben!«

»Aber es muss doch einen Wiki­pe­dia-Ein­trag zum Kor­ri­do­rium geben!«

Die Stimme lacht. Ein kur­zes, generv­tes Lachen. »Das ist dann wohl der post­mo­derne Nar­ziss­mus, von dem der Teach redet: immer nur um sich selbst krei­sen. Nee, Wiki­pe­dia ist längst Geschichte, der Dschies­sibi hat die Sùz­hì­pe­dia draus gemacht, nach dem Melt­down.«

»Melt­down?«

»2030. War nach dei­ner Zeit. Und in der Sùz­hì­pe­dia …«

»Was ist der Melt­down?«, unter­bre­che ich ihn.

»Inter­es­siert doch jetzt kei­nen Benz. Willst du jetzt wis­sen, ob was über dich in der Sùz­hì­pe­dia steht oder nicht?«

»Sùzhì wie Sushi?«

»Doch nicht Japa­nisch! Das ist Chi­ne­sisch und heißt ›schnel­les Wis­sen‹.«

»Du sprichst Chi­ne­sisch?«

»Nur Man­da­rin. Jeden­falls steht nichts übers Kor­ri­do­rium drin. Es gibt da nur irgend­eine Fuß­note. Eine ein­zige.«

»Was für eine?«

»Keine Ahnung, hab ich mir nicht gemerkt.«

»Zum Thema ›Plu­ri­di­men­sio­na­les Welt­bild‹ viel­leicht? Oder zu ›frak­tale Lite­ra­tur‹?«

»Mann, du gongst!«

»Die­ser Melt­down: Danach ging’s steil bergab, oder? Ich meine: ›Remo­derne‹, das klingt nach Regres­sion. Und mit der ›Pre­nais­sance‹ scheint es die Mensch­heit ja dann auf einen Schlag zurück ins dun­kelste Mit­tel­al­ter ver­setzt zu haben.«

»Na, das sagt der Rich­tige. Der Teach hat recht. Haupt­cha­rak­te­ris­ti­kum der Post­mo­derne: ihre abscheu­li­che Hybris. Neben ihrem fata­len Werte-Rela­ti­vis­mus natür­lich.«

»Und wer Cory ist? Hast du das recher­chiert?«

»Inter­es­siert doch jetzt wirk­lich kei­nen Benz. Hör end­lich auf, mich voll­zu­gon­gen. Ich stelle hier die Fra­gen! Wer soll Cory schon sein? Cory halt. Du.«

»Was soll das mit dem ›Benz‹? Wovon redest du?«

»Das ist chi­ne­sisch. Pik.«

»›Benz‹ soll chi­ne­sisch sein? Und was ist ›pik‹?«

»Na, pik. Pikant. Zu dei­ner Zeit hätte man wohl ›cool‹ gesagt.«

»Zu mei­ner Zeit … Du hast mich doch gerade erst rekon­stru­iert. Von damals weiß ich nur irgend­wel­che Geschich­ten. Der echte Cory dage­gen – hat eigent­lich mal jemand raus­ge­fun­den, wer hin­ter dem Künst­ler­na­men steckt?«

»Was gibt’s da raus­zu­fin­den? Ist halt irgend so ein post­mo­der­nes Ver­steck­spiel. Du musst doch wis­sen, wer du bist.«

Ich kann mich an eine Preis­ver­lei­hung erin­nern. War es nicht sogar der Lite­ra­tur-Nobel­preis? Offen­bar nur eine der Geschich­ten. Ich kann mei­nen Erin­ne­run­gen nicht trauen. Wenn ich doch nur in Ruhe über mich nach­den­ken könnte! Und wie ich hier her­aus­komme aus dem end­lo­sen Kor­ri­dor … Ich stelle fest, dass mir das Herz pocht und ich nach Luft ringe. Es kommt mir vor, als hätte ich einen Mara­thon­lauf hin­ter mir. Oder bin ich ein­fach nur wütend? Ich bin mir nicht sicher – auch nicht, ob ich über­haupt einen Puls habe oder atme. Ich bin nur eine Simu­la­tion, zusam­men­ge­setzt aus Wor­ten. Kön­nen die mit der Methode alle wie­der zurück­ho­len? Joyce, Homer, Kafka, Goe­the?

»Weißt du was, Mann?«

Ich lehne schwer­at­mend an einer der Wände des Kor­ri­dors. Was hätte Cory jetzt getan?

»Ich geb den gan­zen Kram mei­ner Mut­ter. War ’ne Schei­ßidee, dich zu rekon­stru­ie­ren. Mā meint, ich brauch die Spit­zen­no­ten für spä­ter, Kar­riere und so, und dann soll sie halt was dafür tun. Für sie ist die Fach­ar­beit ein Klacks.«

»Und was ist mit mir?«

»Was soll schon sein. Ich lösch dich wie­der.«

»Das kannst du nicht tun!«

»Wer­den wir ja sehen.«

»Warte!« Wie hieß er noch? «Ich kann dir hel­fen, Tom.«

Er lässt sich Zeit mit der Ant­wort. Ich fühle, wie mir der Schweiß aus­bricht.

»Es gibt da diese Geschichte«, rufe ich in den lee­ren Kor­ri­dor, »über die Chi­ne­sen: Sie schrump­fen sich, bis alle von ihnen in die Ver­bo­tene Stadt rein­pas­sen. Eine Satire.« Ich muss impro­vi­sie­ren. Ein Ver­suchs­bal­lon, aber etwas Bes­se­res fällt mir nicht ein.

»Ganz schlecht. Das wird dem Dschies­siebi nicht gefal­len. Komisch, dass das dem Teach durch­ge­rutscht ist.«

»Wer ist die­ser Dschies­siebi?«

»Unser Gro­ßer Kai­ser­li­cher Wohl­tä­ter. Der auf dem Dra­chen­thron.«

»Eine … chi­ne­si­sche Welt­dik­ta­tur?«

»Gǒupì!« Es klingt wie ein abfäl­li­ges »Quatsch!«, als er das sagt. Jetzt bloß nichts Fal­sches sagen! Ich bin ein namen­lo­ser Gefrei­ter, der Teu­fel, ein Ele­fant, ein Schwei­ge­mönch, eine alte Frau mit Alz­hei­mer, ein Atten­tä­ter, eine Stimme aus dem Jen­seits, eine Nacht­schwär­me­rin, ein Com­pu­ter­al­go­rith­mus … Alles zugleich, und alles durch­ein­an­der. Um Zeit zu gewin­nen, muss ich eine Geschichte erzäh­len. Die Geschichte, die er hören will.

Ich senke meine Stimme und lege allen Nach­druck hin­ein: »Aber gerade das könnte doch eine Spur zum Unter­gang der Post­mo­derne sein, ver­stehst du?!«

»Hm. Nicht schlecht. Da könnte ich was dran auf­zie­hen.« Tom scheint anzu­bei­ßen.

»Hybris, weißt du? Post­mo­der­ner, nar­ziss­ti­scher Grö­ßen­wahn. So waren wir damals alle.«

Viel­leicht habe ich über­trie­ben, denn Tom zögert jetzt. Schließ­lich meint er gedehnt: »Hast du nicht gesagt, du warst … inte­gral.«

»Ja, klar, das ist ja gerade der Grö­ßen­wahn: zu den­ken, man könne ganz­heit­lich-nach­hal­tig alle Aspekte umfas­sen und inte­grie­ren, Macht­hier­ar­chien durch Kom­pe­tenz­hier­ar­chien ablö­sen, plu­ri­di­men­sio­nal-umfas­sende Lösun­gen für die kom­ple­xes­ten Pro­bleme fin­den, den Wer­te­ver­fall als neuen Wert hoch­ju­beln. Das musste ja zum Unter­gang füh­ren, gerade ange­sichts des­sen, was sich da zu mei­ner Zeit in China ent­wi­ckelte.«

»In China ent­wi­ckelte?«

»Na, die Remo­derne. Oder schon die Pre­nais­sance. Der Dschies­siebi und die – wie hieß noch die neue Men­schen­rechts-Charta?«

»Jīngs­hén­rechts-Charta.«

»Ja, Mann, was auch immer das ist: der Unter­gang der euro­päi­schen Post­mo­derne – steht alles drü­ber drin im Kor­ri­do­rium. Ich kann dir da jede Menge erzäh­len.«

»Dann schieß los. Du dik­tierst, und Bàs Táishì schreibt mit. Aber schön mit Glie­de­rung und Fuß­no­ten, hörst du? Ich leg dann mal meine Füße hoch.«

Hätte Cory das gemacht? Um sein – oder ihr – Leben gere­det und alles ver­ra­ten, die Hoff­nung, Sehn­sucht, die Erkennt­nisse und das Rin­gen um etwas, für das es sich zu schrei­ben und zu kämp­fen lohnt? Nur um nicht umge­hend wie­der gelöscht zu wer­den? So muss sich Sche­her­zer­ade gefühlt haben.

»Weißt du, Cory, ich will spä­ter ein­fach nur Tiger nach­züch­ten.«

»Tiger nach­züch­ten, tat­säch­lich?«

»Lässt der Great Chi­nese Bene­fac­tor in Zhongguan­cun über tau­send For­scher dran tüf­teln, aber die kriegen’s ein­fach nicht hin, trotz DNA und allem. Wenn ich das dann schaffe, bin ich ein gemach­ter Mann. Du ahnst nicht, was die da für Tiger­jī­bas bezah­len wür­den. Als Afro­si­dia … diasi …«

»Aphro­di­sia­kum.«

»Japp.« Und nach einer kur­zen Pause: »Bist doch gar nicht so’n Idiot, wie ich dachte, Cory.«

Und damit beginne ich, ein umfang­rei­ches Refe­rat zu hal­ten über den Unter­gang der Post­mo­derne, gespie­gelt durch 398 skur­rile Kurz­prosa-Texte, in deren laby­rin­thi­schem Ver­steck­spiel immer wie­der die mons­tröse Hybris und der ebenso abscheu­li­che wie fatale Werte-rela­ti­vie­rende Nar­ziss­mus auf­schim­mern, die aber dann letzt­lich das glor­rei­che Zeit­al­ter der Remo­derne ein­läu­te­ten und die Pre­nais­sance ermög­lich­ten – und natür­lich unse­ren Gro­ßen Kai­ser­li­chen Wohl­tä­ter auf dem Dra­chen­thron, den Dschies­siebi.

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♫ Glue Trap­ped ♫


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»Ich betrete den Kor­ri­dor« heißt eine Samm­lung von Tex­ten, mit der ein angeb­li­cher Autor oder eine Autorin, ver­mut­lich jedoch ein gan­zes Kol­lek­tiv bös­mei­nen­der Umstürz­ler ver­sucht, ein gefähr­li­ches gedank­li­ches Virus über das Inter­net zu ver­brei­ten.

Bewusst nimmt der Geist des Lesers nach dem repe­ti­ti­ven »Ich betrete den Kor­ri­dor« nur eine mehr oder min­der gut kon­stru­ierte Kurz­ge­schichte wahr, die sich oft in Unver­ständ­lich­kei­ten oder Non­sens ver­liert und meist keine rich­tige Pointe hat. Das dürfte Absicht sein, denn sub­li­mi­nal nimmt der Geist beim Lesen etwas ganz ande­res auf: Die man­tra­hafte Wie­der­ho­lung von »Ich betrete den Kor­ri­dor« erzeugt einen zuneh­men­den Tun­nel­blick. Leser sind jetzt beson­ders sen­si­bel für Bot­schaf­ten unter­halb der Bewusst­seins­schwelle, die ihnen mit­tels ver­steck­ter arche­ty­pi­scher Schlüs­sel­wör­ter ver­mit­telt wer­den.

Die Bot­schaft der »Ich betrete den Korridor«-Texte scheint ober­fläch­lich im iro­ni­schen und post­mo­der­nen Spiel mit Ver­satz­stü­cken zu bestehen. Tat­säch­lich jedoch wird heim­lich anti­ka­pi­ta­lis­ti­sches und anti-szi­en­tis­ti­sches, soge­nann­tes »plu­ri­di­men­sio­na­les« und damit in Wirk­lich­keit okkul­tes Gedan­ken­gut ver­mit­telt und die Leser einer Art schlei­chen­den Gehirn­wä­sche unter­zo­gen. »Ich betrete den Kor­ri­dor« öff­net sich unmerk­lich einer gemein­ge­fähr­li­chen Ideo­lo­gie, dem Kor­ri­do­ris­mus, der letzt­lich zu Para­noia und der Vor­stel­lung führt, über­all seien Ver­schwö­run­gen am Werk, und der aller Vor­aus­sicht nach in einer völ­li­gen Zer­rüt­tung der Ner­ven endet.

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Nel mezzo del cammin di nos­tra vita

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Ich betrete den Kor­ri­dor. (Was bis­her geschah: Viele unter­schied­li­che Kor­ri­dore wer­den von diver­sen Per­so­nen bei­der­lei Geschlechts in ver­schie­de­nen Zeit­al­tern und aus man­nig­fa­chen Grün­den betre­ten.) Es hieß, ich würde dich hier fin­den. (Einige der Geschich­ten gehen gut aus, einige schlecht, viele davon sind eigent­lich kaum Geschich­ten zu nen­nen, und einige wie­derum haben ein offe­nes Ende.) Tat­säch­lich: Hin­ter eine Plas­tik­plane auf einem Gerüst sehe ich eine Sil­hou­ette. (Neben his­to­ri­schen Figu­ren, einer Hand­voll Außer­ir­di­schen, Tie­ren und nicht-phy­si­schen Wesen kom­men zahl­rei­che Ich-Erzäh­ler zu Wort, deren Iden­ti­tät zwei­fel­haft bleibt.) Ein Pin­sel bewegt sich gleich­mäßig an der Decke ent­lang – der Kor­ri­dor erhält ein fri­sches Blau. (Die Erzähl­weise wech­selt von sach­lich zu über­schwäng­lich, von doku­men­ta­risch zu mär­chen­haft und sur­rea­lis­tisch, von sprach­spie­le­risch zu exis­ten­zia­lis­tisch, und es sind Sati­ren über aktu­elle pop­kul­tu­relle Phä­no­mene dar­un­ter.) Tat­säch­lich: Du bist es, die den Pin­sel führt, hast blaue Farb­kleckse in dei­nem asch­blon­den Haar und summst selbst­ver­ges­sen unser Lied. (Für regel­mä­ßige Lese­rin­nen und Leser tun sich in die­sem frak­tal zer­split­ter­ten Blog-Roman zahl­rei­che ver­steckte Quer­ver­bin­dun­gen zwi­schen den Kor­ri­do­ren auf …) Ich nehme dich in den Arm, und du schließt beglückt die Augen. (… und in gewis­ser Weise scheint es sich um ver­schie­dene Aspekte einer Sache zu han­deln oder um Sta­tio­nen einer bestimm­ten Queste.) »Wie heißt du dies­mal?«, frage ich. (Es könnte um die Suche nach der blauen Blume, dem Gral oder dem Snark gehen, nach Glück, Liebe, Sinn, Mythos oder Erkennt­nis – und viel­leicht wird das ja im wei­te­ren Ver­lauf noch offen­bart.) »Red Naia«, gluckst du und schwingst den Pin­sel wie ein Schwert. Dem will ich nicht nach­ste­hen. Ich ent­blöße meine behaarte Brust und don­nere: »Dann bin ich Tino Urmaus, der Bar­bar!«

 

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Lebens­lan­ges Ler­nen

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« ist ent­schlüs­selt! Laut einer heute online vorab ver­öf­fent­lich­ten wis­sen­schaft­li­chen Stu­die (»Fin­ding a Cor­ri­dor to Lifel­ong Lear­ning: Sub­con­sciously Implan­ting Tri­vial Know­ledge with a Car­roll-esque Body of Shorts­to­ries« by Ninga Qian and Erik Skern) stellt das Blog »Kor­ri­do­rium« eine Bil­dungs­maß­nahme dar, durch­ge­führt von der eigens zu die­sem Zweck gegrün­de­ten NGO Cory d’Or. Mit sei­nem bun­ten Strauß kurz­wei­li­ger Geschicht­chen soll das Blog seine Leser dazu anre­gen, sich nutz­lo­ses Wis­sen anzu­eig­nen, um damit in Quiz­sen­dun­gen wie »Rette die Mil­lion« oder »Wer wird Mil­lio­när« mög­lichst hohe Gewinne erzie­len zu kön­nen.

Als Bei­spiel nennt die Stu­die den Text Nr. 46/398, der per­fekt vor­be­reite auf eine gän­gige Quiz­frage wie etwa »Wovon ernährt sich der legen­däre Vogel Roch? A: Quit­ten, B: Ele­fan­ten, C: Nackt­mulle, D: Schla­ger­stern­chen«.

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Accor­ding to a Lost Book

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Ich betrete den Kor­ri­dor in den Fuß­stap­fen von Isi­do­ros, dem Phi­lo­so­phen.

In den Archi­ven des Vati­kans, zu denen ich nach jah­re­lan­gem büro­kra­ti­schen Hick­hack Zutritt bekom­men hatte, um dort für meine For­schun­gen über Bilo­ka­tion recher­chie­ren zu kön­nen, stieß ich auf einen unbe­kann­ten Text des neu­pla­to­ni­schen Meta­phy­si­kers Isi­dor. Seine Ideen brachte er in Form von Hym­nen, die er »Kor­ri­dore«, dia­dro­moi, nannte, zu Papier.

Ich habe den Text, ein mit­tel­al­ter­li­ches Palim­psest, aus dem Archiv her­aus­ge­schmug­gelt, ursprüng­lich mit der Absicht, eine kom­men­tierte Über­set­zung anzu­fer­ti­gen. Sie hätte mich, dachte ich, berühmt gemacht und viel­leicht auch ein wenig aus mei­nen noto­ri­schen Schul­den her­aus­ge­holt. Doch habe ich mich in Isi­dors ver­schlun­ge­nen Kor­ri­do­ren heil­los ver­irrt und ange­fan­gen, statt einer ernst­zu­neh­men­den Über­set­zung kurze Nach­dich­tun­gen der Hym­nen zu ver­fas­sen, Umschrei­bun­gen und unver­hoh­lene Epi­go­nis­men, die dann schnell ein sehr selt­sa­mes Eigen­le­ben ent­wi­ckel­ten.

Ich muss damit auf­hö­ren!

Heute in aller Frühe erwachte ich und hatte den Nach­klang eines Lime­ricks im Ohr. Ja, auch Lime­ricks zäh­len zu mei­nen para­phra­sier­ten Neu­ge­stal­tun­gen von Isi­dors weg­wei­sen­den Dia­dro­moi. Das wis­sen­schaft­li­che Estab­lish­ment würde mich dafür stei­ni­gen. Ach was, mich mit einem Ig-Nobel­preis ver­höh­nen und aus­la­chen wür­den sie mich.

Also mach ich jetzt Schluss damit! Ich werde diese ver­ma­le­deite Abschrift ins vati­ka­ni­sche Archiv zurück­schmug­geln, all meine Auf­zeich­nun­gen ver­nich­ten und mich wie­der an meine ursprüng­lich beab­sich­tigte Unter­su­chung der Bilo­ka­tion bege­ben, bei der mich der Geist von Isi­dor hof­fent­lich nicht län­ger heim­su­chen wird.

 

221/398

The Bridge of Aaro­nii

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Ich betrete den Kor­ri­dor als Ers­ter. Die Besu­cher fol­gen. Wir sind wie­der da ange­langt, wo ich mit der Füh­rung begon­nen habe, und hier schließe ich sie tra­di­tio­nel­ler­weise auch wie­der ab. Ich warte, bis alle bei­sam­men­ste­hen.

»Mit irgend­ei­nem Kor­ri­dor musste es ja anfan­gen. Und auch, wenn hier keine Gedenk­pla­kette oder so etwas ange­bracht ist: Dies ist der Kor­ri­dor. Der, der die ursprüng­li­che Inspi­ra­tion war und letzt­lich für alles ver­ant­wort­lich ist.«

Die Besu­cher bli­cken sich um. Ich sehe auch ent­täuschte Gesich­ter. Einer fragt: »Was ist so beson­ders an die­sem Kor­ri­dor?«

»Nichts.« Ein leich­tes Grin­sen kann ich mir nicht ver­knei­fen. Diese Frage kommt, in der einen oder ande­ren Form, an die­ser Stelle immer. »Es hätte jeder Kor­ri­dor sein kön­nen. Es ging nur darum, dass sich ein Weg ver­zweigt. Dass es meh­rere Mög­lich­kei­ten gibt, wei­ter­zu­ge­hen.«

»Wegen der Par­al­lel­wel­ten?«, fragt ein paus­bä­cki­ger Junge, dem sein Vater dar­auf­hin gleich schüt­zend die Hand auf die Schul­ter legt.

Ich nicke.

»Aber gibt es die denn wirk­lich?«, fragt der Junge wei­ter. Ich glaube zu bemer­ken, dass der Vater ihm in die Schul­ter drückt, wie um zu signa­li­sie­ren, dass er sich ja nicht zu weit vor­wa­gen soll.

»Klar«, ant­worte ich. »Hin­ter den Türen. Doch sie sind nicht Teil der Füh­rung, die dann hier zu Ende ist.« Die Türen wer­den jetzt von allen mit erneu­tem Inter­esse betrach­tet. Links die Her­ren- und die Damen­toi­lette. Rechts zwei Türen mit der Auf­schrift »pri­vat«. Es hat bis­her noch nie jemand gewagt, eine von ihnen zu öff­nen. Dazu sind sie alle viel zu brav.

»Der Aus­gang«, sage ich, »ist hin­ten, am Ende des Kor­ri­dors. Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig die Augen öff­nen. Vie­len Dank jeden­falls für Ihre Auf­merk­sam­keit.«

Hin und wie­der klat­schen die Besu­cher an die­ser Stelle kurz. Dies­mal tre­ten nur einige von ihnen, auch der Vater des vor­wit­zi­gen Jun­gen, zu mir, schüt­teln mir mit einem Dan­ke­schön die Hand oder drü­cken ein klei­nes Trink­geld hin­ein.

»Emp­feh­len Sie uns wei­ter, wenn es Ihnen gefal­len hat«, rufe ich der klei­nen Gruppe hin­ter­her. Dann wende ich mich um. Ein paar Schritte hin­ter mir ist die kleine Theke, wo man bei Katja Taschen und Män­tel hin­ter­le­gen kann und einen klei­nen Falt­plan erhält.

»Wir soll­ten Post­kar­ten ver­kau­fen«, sagt sie, »manch­mal habe ich das Gefühl, die Leute wol­len auch gerne was mit nach Hause neh­men.«

»Und was sollte da drauf sein, auf den Post­kar­ten?«

»Na, Zitate, kleine Sinn­sprü­che und so. Und unser Logo natür­lich. Das wäre dann auch ein biss­chen Wer­bung für uns.«

»Ich weiß nicht«, sage ich, »ich denk drü­ber nach.«

Sie nickt lächelnd, und ihre Augen blit­zen. Schön, wie sie sich immer wie­der für uns ein­setzt.

»Ich glaube, das war’s für heute. Du kannst nach Hause gehen. Ich mach dann noch über­all das Licht aus.«

Das lässt sie sich nicht zwei­mal sagen. Schon hat sie ihre Tasche in der Hand und hebt die Hand zum Abschied: »Bis mor­gen, Chef.«

Hin­ter ihr schließe ich ab. Einer der Besu­cher hat sei­nen Falt­plan acht­los in die Ecke gewor­fen. Er ist zu zer­knit­tert, um ihn noch ein­mal ver­wen­den zu kön­nen. Eine Ecke ist abge­ris­sen; viel­leicht, um dar­auf etwas zu notie­ren. Damit ist der Name um ein »…se« ver­stüm­melt. »Museum für Erkennt­nis« steht jetzt da. Im Sin­gu­lar macht sich das auch ganz gut. Aber ich hätte mich nie getraut, es so zu nen­nen.

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Crowd in a Cloud

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Ich betrete den Kor­ri­dor.

So lau­tet der Anfang. Die Auf­gabe: Ein Geschicht­chen dazu zu erzäh­len, ein Erleb­nis, eine Anek­dote, etwas Geist­vol­les, Berüh­ren­des, Absur­des. Der Mecha­ni­cal Turk von Ama­zon erlaubt mir, die­sen »Task« einem Heer von Arbeits­su­chen­den zu stel­len, die ihn am Com­pu­ter und via Inter­net erle­di­gen. Das Kon­tin­gent: tau­send Kor­ri­dore – für 10 Cent das Stück, mit denen sämt­li­che Rechte am Text an mich über­ge­hen.

»Human Intel­li­gence Tasks« wird das groß­spu­rig genannt. Aber, na ja, die meis­ten Texte sind statt »intel­li­gent« ein­fach nur Müll. Doch es sind auch ein paar ori­gi­nelle und inspi­rie­rende Ein­fälle dar­un­ter. Ich über­lege, ob ich die High­lights nicht unter mei­nem Namen ver­öf­fent­li­che. Dafür jedoch sind es noch zu wenig.

Also noch eine wei­tere Kor­ri­dor-Runde beim Mecha­ni­cal Turk. Viel­leicht machen ja dies­mal sogar Sie mit? Ver­die­nen sich ein paar Cent dazu oder star­ten eine neue Kar­riere als Tele­ar­bei­ter und klei­nes Räd­chen in der gro­ßen Crowd-Sourcing-Maschine … Sie schaf­fen das schon!

Ich betrete den Kor­ri­dor.

 

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Trial Ver­sion

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Ich betrete den Kor­ri­dor schwan­kend und muss mich am Bücher­re­gal fest­hal­ten, weil mir ganz flau im Magen ist. Es ist das Bord, auf dem meine Lieb­linge ste­hen, näm­lich jene Romane unter den Hun­der­ten hier auf­ge­reih­ten, die mir beson­ders ver­gnüg­li­che Stun­den berei­tet haben. Mein Ex-Mann hat damals immer den Kopf geschüt­telt und konnte mei­nen Lese­hun­ger nie so rich­tig ver­ste­hen.

Vor weni­gen Augen­bli­cken noch saß ich mit ange­zo­ge­nen Knien in mei­nen Lese­ses­sel geku­schelt und las. Ein umfang­rei­cher Roman, so wie ich es liebe: Bereits in der Hand fühlt sich das Buch nach einer aus­ge­dehn­ten, weit­ver­zweig­ten Welt an, in die ich mich für lange Zeit ver­lie­ren kann. Und dann – die­ser Recht­schreib­feh­ler! Nor­ma­ler­weise lese ich über so etwas ein­fach weg, aber dies­mal setzte er eine fatale Kette von Gedan­ken in Gang. Der Autor muss ihn über­se­hen haben, genau wie der Lek­tor des Buches. Und über­haupt – ich ver­suchte der­weil, wei­ter­zu­le­sen, aber hörte unge­wollt mehr mei­nen Gedan­ken zu als dem, was der Roman mir erzäh­len wollte – sind das ja nur Worte, ist das nur ein Text, eine Ver­sion eines Tex­tes, von dem ich gar nicht ahne, wel­che Meta­mor­pho­sen er mög­li­cher­weise durch­ge­macht hat. Natür­lich weiß ich beim Lesen von Roma­nen immer irgend­wie, dass es sich um aus­ge­dachte Geschich­ten han­delt. Nur wird mir das jetzt ebenso hef­tig wie bit­ter bewusst, wie durch eine neue Brille, die mir gna­den­los all die Kulis­sen, Requi­si­ten, Behaup­tun­gen und Kunst­griffe vor Augen führt, aus denen sich mehr oder weni­ger erfin­dungs­reich zusam­men­setzt, was mir vor­her wie eine Wahr­heit höhe­rer Ord­nung erschien.

Diese Gedan­ken bekam ich ein­fach nicht mehr aus mei­nem Kopf, und dann ver­schwam­men auch noch die gedruck­ten Worte auf den Sei­ten vor mei­nen Augen, bil­de­ten ein Mus­ter, schwarz auf weiß, und es war, als sähe ich darin eine Gestalt – ich kann nicht sagen, ob Mann oder Frau –, die wie beses­sen tippt, beschrie­bene Sei­ten zer­knüllt, quä­lend lange auf eine ange­fan­gene Zeile starrt und sich die Haare rauft, Kom­ma­re­geln nach­schlägt, einen Aus­druck mit Kor­rek­tu­ren über­sät, an fau­li­gen Äpfeln riecht und sich auf dem Boden wälzt, weil sich das rich­tige Wort nicht ein­stel­len will, Figu­ren erschafft und ver­wirft, Namen und Bio­gra­fien für sie erfin­det, sie durch Höhen und Tie­fen schickt, an Beschrei­bun­gen feilt, aus dem Fun­dus eige­ner Erfah­run­gen schöpft, Sze­nen zusam­men­streicht und ganze Kapi­tel wie­der löscht – und das alles, um mir eine Geschichte zu erzäh­len.

Warum?, frage ich das Buch in mei­ner Hand, denn offen­bar habe ich, wäh­rend ich schwan­kend im Kor­ri­dor stand, zu einem mei­ner Lieb­lings­ro­mane gegrif­fen, um ihn jetzt wie ein Ertrin­ken­der zu umklam­mern.

Ich schlage den Band auf, wahl­los irgendwo in der Mitte, will wie­der ein­tau­chen, mich hin­ein­zie­hen und mit­rei­ßen las­sen, will mit den Hel­den kämp­fen und sie­gen, lachen und wei­nen, lei­den und mein Glück fin­den, will mich gru­seln, amü­sie­ren, ver­lie­ben, Unmög­li­ches ver­su­chen, ver­zwei­feln und cou­ra­giert Gefah­ren und Wid­rig­kei­ten ent­ge­gen­tre­ten, will mich fes­seln, über­ra­schen und in Atem hal­ten las­sen. Doch gleich­zei­tig weiß ich, dass der Zau­ber gebro­chen und der Schleier unwi­der­ruf­lich zer­ris­sen ist. Ein dum­mer klei­ner Recht­schreib­feh­ler hat mich unwie­der­bring­lich die Unschuld ver­lie­ren las­sen und mir vor Augen geführt, dass das alles nur Erfin­dung ist, eine mehr oder weni­ger gut kon­stru­ierte Fik­tion, bei der alles auch ganz anders sein könnte.

Ich bli­cke auf. Rei­hen um Rei­hen fein säu­ber­lich auf­ge­reih­ter Buch­rü­cken star­ren mich an. Ein mit­leids­lo­ser Engel hat mich aus dem Gar­ten Eden des kind­li­chen Lese­ver­gnü­gens ver­trie­ben. Es könnte alles auch ganz anders sein! Viel­leicht, denke ich, ist das ein Weck­ruf, der mich ins Leben ruft, mein eige­nes Leben, das echte und wahre Leben mit sei­ner ganz eige­nen Magie. Will ich mich denn nicht wie­der ver­lie­ben, Unmög­li­ches ver­su­chen, mein Glück fin­den? Den Gedan­ken, dass auch dies alles nur eine Geschichte sein könnte, die ich mir selbst erzähle, schüttle ich unwil­lig ab.

Nach­dem ich den Roman in die Lücke zurück­ge­stellt habe, mache ich kehrt. Im Wohn­zim­mer stehe ich eine Zeit­lang unschlüs­sig herum. Also das eigent­li­che, das wirk­li­che Leben. Wo anfan­gen? Am bes­ten ganz vorn. Ich greife in der Vitrine zu dem Foto­al­bum mit mei­nen Kind­heits­fo­tos …
 

* * *

 

Korridorium-Serviette 234 mit MindmapSwitch language

 

* * *

 

Zweite Fas­sung:
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Im Gar­de­ro­ben­schrank könnte ich noch Bat­te­rien haben. So ein Mist auch. Da sitze ich bequem im Fern­seh­ses­sel, guck das End­spiel, will rüber zu den Erd­nüs­sen grei­fen und muss fest­stel­len, dass ich auf der Fern­be­die­nung sitze und es jetzt irgend­wie schaffe, mit dem Hin­tern die Stumm-Taste aus­zu­lö­sen. Will den Ton wie­der ein­schal­ten, aber die Fern­be­die­nung reagiert auf ein­mal nicht mehr. Drü­cke wild drauf rum, schüt­tel das Teil, und als das nix nützt, mach ich das Bat­te­rie­fach auf, drehe an den Din­gern, und, he, geht doch plötz­lich der CD-Player an. Dixie­land? Muss eine CD von Ellie sein, die sie ver­ges­sen hat. Hab den Player offen­bar seit­dem nicht mehr benutzt. Wie auch immer. War das letzte Lebens­zei­chen der Fern­be­die­nung, denn jetzt tut sich gar nix mehr. Muss wohl doch auf­ste­hen und Bat­te­rien suchen, denke ich, aber starre erst mal in die Glotze wie Kanin­chen auf Schlange: Mit dem Dixie­land-Jazz wirkt das plötz­lich ganz anders. Kommt mir vor, als bin ich in einem kom­plett ande­ren Film: ner Slap­stick-Komö­die.

Jeden­falls finde ich auch hier im Gar­de­ro­ben­schrank keine neuen Bat­te­rien. Wo könnte ich noch wel­che haben? Ich will das Spiel nicht ver­pas­sen! Aber bei dem fröh­li­chen Geplärre aus dem Wohn­zim­mer ist es fast unmög­lich, genervt zu sein. Wenn’s mich auch trau­rig macht. Wegen Ellie. Mit ande­rem Sound­track wär mein Leben wahr­schein­lich auch kom­plett anders ver­lau­fen. Komi­sche Vor­stel­lung. Dass alles auch ganz anders sein könnte. Dass Ellie noch hier sein könnte. Und dass das im End­spiel genauso gut unsre Natio­nal­elf sein könnte …

Im Schlaf­zim­mer werd ich fün­dig: Die Bat­te­rien im Wecker haben die rich­tige Größe. Kein wei­te­res Tor gefal­len. Ein Tas­ten­druck, der Jazz ver­stummt, ohren­be­täu­bend set­zen die Fan­ge­sänge und Trom­meln ein, und damit bin ich wie­der mit­ten im Drama von Kiew. Ich lass mich in den Ses­sel plump­sen. Geht doch!

* * *

 

Korridorium-Tagebucheintrag 234

 

* * *

Dritte, finale Fas­sung:

 

Ich betrete den Kor­ri­dor. (Pst! Ist nur eine Geschichte. Könnte alles auch ganz anders sein. Aber nicht wei­ter­sa­gen. Will kei­ner wis­sen.)

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Heiße Num­mer

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Ich betrete den Kor­ri­dor, in dem ich auch mor­gen wie­der uner­schro­cken neuen, span­nen­den Aben­teu­ern, gro­tes­ken Erleb­nis­sen und unvor­her­seh­ba­ren Zwi­schen­fäl­len die Stirn bie­ten werde.

Zahl­lose Lese­rin­nen und Leser in aller Welt fie­bern mit mir mit: Was wird noch alles gesche­hen, wem wer­den wir in die­sem lite­ra­ri­schen Laby­rinth noch alles begeg­nen, wohin wird uns die Reise füh­ren?!

Wird der Mino­tau­rus angrei­fen? Pro­fes­sor Ceril eine sei­ner irren Maschi­nen bauen? Wiki­pe­dia-Autor Norbu wie­der mit ver­stie­ge­nen Theo­rien auf­war­ten? Oder über­rascht uns, wie meis­tens, etwas völ­lig Uner­war­te­tes im Kor­ri­do­rium?

Falls Sie par­tout nicht abwar­ten kön­nen, zu erfah­ren, was Sie mor­gen an die­ser Stelle erwar­tet, dann nut­zen Sie doch ein­fach unsere spe­zi­ell für Sie und die­sen Zweck ein­ge­rich­tete Hot­line: Unter 0800–82943865 (nur 1,99 EUR/min) erfah­ren Sie noch heute, wie es wei­ter­geht mit mei­nen auf­re­gen­den Erleb­nis­sen in den Kor­ri­do­ren der Welt!

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Les joies les plus chau­des

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Ich betrete den Kor­ri­dor-Pla­ne­ten. Zuerst sieht es ganz so aus, als sei er unbe­wohnt. Eine Treppe führt ins Innere, und dann begin­nen die Kor­ri­dore. Hin­ter den Türen in den Kor­ri­do­ren, die ich neu­gie­rig öffne, begin­nen neue Kor­ri­dore, und hin­ter ihren Türen wei­tere. Alle sehen gleich aus. Nach kur­zer Zeit habe ich mich ver­irrt. Zum Glück ist es hier nicht dun­kel. Jemand hat in die Kor­ri­dore eine lange grüne Schnur mit klei­nen elek­tri­schen Ker­zen gelegt, die rhyth­misch blin­ken. Ich folge der Schnur, denn ent­we­der muss sie irgendwo enden oder ich finde ihren Anfang.

Dann wird es sehr laut. Ein Kor­ri­dor, den ich betrete, ist noch unfer­tig. Seine Wände sind nack­ter Fels, und es steht ein Mann da mit einem Press­luft­boh­rer, der den Stein bear­bei­tet und den Kor­ri­dor wei­ter hin­ein in den Pla­ne­ten treibt.

»Hallo«, rufe ich, aber der Mann hat einen Gehör­schutz auf und bemerkt mich nicht. Ich tippe ihn an. Er erschreckt und dreht sich um. End­lich stellt er den lär­men­den Press­luft­ham­mer aus, so dass wir uns unter­hal­ten kön­nen.

»Wer bist du denn? Wo kommst du her?«

»Was machst du da?«, frage ich ihn. Er ist jung und vol­ler Staub.

»Ich baue ein Laby­rinth aus Gän­gen und Türen. Aber was machst denn du hier?«

»Ich sehe ja«, sage ich sanft, »dass du dei­nen Pla­ne­ten aus­höhlst und lau­ter Kor­ri­dore hin­ein­baust. Aber warum tust du das?«

Der Mann lehnt sich an die Stein­wand. Er wirkt erschöpft. »Das ist nicht ganz leicht zu erklä­ren«, sagt er.

»Dann erklär es mir ein­fach«, sage ich.

Er zieht sich die Bau­ar­bei­ter­hand­schuhe aus und betrach­tet eine Zeit­lang seine Hände.

»Ich liebe Über­ra­schun­gen«, sagt er schließ­lich. »Weißt du, klei­ner Mann, auf mei­nem Pla­ne­ten konnte mich ein­fach nichts mehr über­ra­schen. Ich kannte schon alles.«

»Aber die Son­nen­un­ter­gänge!«, wende ich ein. »Außer­dem kann immer ein Samen­korn her­we­hen, und es wächst eine Blume, wie du sie noch nie vor­her gese­hen hast. Hast du Vul­kane hier?«

Der Mann schüt­telt den Kopf. Schade, denke ich, denn auch wenn ein Vul­kan erlo­schen ist: Man kann nie wis­sen.

»Jeden­falls baue ich die­ses Laby­rinth, weil ich mich dann hier drin ver­ir­ren kann und nicht mehr weiß, wo ich bin. Des­halb sieht hier alles gleich aus. Sag mal, wie hast du mich eigent­lich gefun­den?«

Ein wenig erin­nert mich der Mann an den Later­nen­wäch­ter: jemand mit einer Mis­sion. Könnte er ein Freund für mich wer­den?

»Willst du denn gerne ver­lo­ren gehen?«, frage ich.

Er nickt. »Hin­ter jeder Tür könnte mich etwas Über­ra­schen­des erwar­ten, weißt du?«

»Aber es sehen doch alle Kor­ri­dore gleich aus. Und hin­ter jeder Tür beginnt ein neuer. Das ist doch nichts Über­ra­schen­des.«

Der Mann run­zelt die Stirn. Hat er dar­über noch nie nach­ge­dacht? »Doch. Es könnte ja mal der Aus­gang sein. Oder das Ende der Kor­ri­dore. Und außer­dem könnte ich ja auch noch etwas in die Kor­ri­dore hin­ein­stel­len, das mich dann spä­ter über­rascht, wenn ich zufäl­lig dar­auf stoße.«

»Das ver­stehe ich nicht«, sage ich ver­wun­dert. »Wenn du etwas hin­ein­stellst, über­rascht es dich doch nicht wirk­lich, wenn du es dann spä­ter hin­ter einer Tür fin­dest.«

»Doch«, sagt der Mann, »wenn ich es näm­lich ver­ges­sen habe.«

»Also willst du dich nicht nur in den Kor­ri­do­ren ver­ir­ren, son­dern auch noch ver­ges­sen, was in ihnen zu fin­den ist?«

Der Mann lächelt erfreut. »Genau.«

Ich kenne noch so einen, der ver­ges­sen will. Und ich weiß nicht, wel­cher von bei­den ver­rück­ter ist. Selt­same Leute, die gro­ßen Leute.

»Ich möchte gerne wei­ter­rei­sen. Weißt du, wo der Aus­gang ist?«

Der Mann nickt lang­sam und unwil­lig. »Ja, lei­der. Ich wünschte, ich hätte es ver­ges­sen. Komm mit, ich bring dich hin.«

Und so gehen wir durch die Kor­ri­dore des Man­nes, und alle sehen genau gleich aus, aber der Mann weiß, wel­che Türen er öff­nen muss und wo es lang­geht.

»Was hat dich eigent­lich zuletzt über­rascht?«, frage ich. Der Mann bleibt ste­hen und sieht zu mir run­ter.

»Na, du natür­lich. Als du eben uner­war­tet auf­ge­taucht bist.«

»Und dazu muss­test du gar keine Tür auf­ma­chen.«

»Das stimmt«, sagt der Mann, »du bist ein­fach so auf­ge­taucht.«

»Und jetzt gehe ich wie­der.« Wir errei­chen näm­lich gerade die Treppe, und dar­über fun­keln die Sterne.

»Gute Reise«, wünscht mir der Mann.

»Komm doch mit«, sage ich, »ich habe auf mei­ner Reise schon viele Über­ra­schun­gen erlebt.«

Der Mann sieht trau­rig aus und jetzt auch viel älter, als ich anfangs gedacht habe. Er schüt­telt den Kopf. »Ich muss mich wie­der an die Arbeit machen.«

Und damit betritt er den Kor­ri­dor mit den blin­ken­den Lämp­chen und ist bald dar­auf im Inne­ren sei­ner Welt ver­schwun­den.