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♫ Mein Leben als Fruchtfliege ♫
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Ich betrete den Korridor und pfeife ein fröhliches Lied. Ich weiß schon, wen ich hier so früh morgens auf meinem Weg vom Schlafzimmer ins Bad und dann gleich weiter ins Arbeitszimmer treffen werde. Nämlich Sie. Sie selbst – doch, doch, gehen Sie mal in sich, und dann wissen Sie’s, wo Sie sich kurz vor dem Aufwachen in Ihren Träumen herumtreiben. Bei mir im Flur! Und: Ich bin sehr dankbar dafür, denn Sie sind meine Qualitätskontrolle.
Ich tanze da also an, im Schlafanzug und mit verstrubbelten Haaren, und da stehen Sie und fragen mit ernstem Gesicht: »Und?« (Na, kommt Ihnen da etwas bekannt vor?)
Ich sprudle dann ganz begeistert meine Ideen der Nacht hervor – für weitere tolle Korridorgeschichten, beispielsweise: »Eine Miniatur über einen Chinesen, der kein R aussprechen kann – fängt an mit ›Ich betlete den Kollidol‹!« Und Sie stehen da und schütteln den Kopf mit diesem typischen nur gaaanz leicht abfälligen Lächeln. (Klingelt’s schon?)
Ich lasse mich nicht in meiner Euphorie dämpfen: »Gut, gut, dann nicht. Aber dafür die Korridorgeschichte mit unserer Kindergeheimsprache zu Hause: ›Ichtefich betefe-tretefe-tetefe detefen Kortefor-ritefi-dortefor‹!« Wie erwartet, verdrehen Sie die Augen: »Blöteföd!« (Ganz schön schlagfertig von Ihnen.)
»Okay, dann der Papst«, sage ich und fahre mir mit der Hand durchs zerzauste Haar, weil ich mich zu erinnern versuche, was ich mir da ausgedacht hatte. »Zuerst weiß man natürlich nicht, um wen es sich handelt. Er geht Schritt für Schritt auf den Balkon zu, vor dem ihn eine unüberschaubare Menschenmenge, wo ihn Fernsehkameras und Mikrofone erwarten, und formuliert im Geist seine Ansprache – eine böse Anklage an seine Gemeinde, dass sich alle wie törichte Schafe verhalten und offenbar nicht in der Lage sind, ihren gottgegebenen Verstand einzuschalten und die Menschheitsgeschichte in halbwegs vernünftige Bahnen zu lenken. Dann tritt er an die Brüstung, lächelt in das Meer von Menschen, die erwartungsvoll zu ihm aufschauen, und sagt doch nur wieder ›Urbi et orbi‹! Na?« Für einen kurzen Moment starren Sie mich an, als wollten Sie gleich in Tränen ausbrechen. Sie öffnen den Mund, aber es kommt nichts heraus. »Nicht gut?«, frage ich mit einem treuen Dackelblick, der mir aber wieder mal nichts nützt, weil Sie nur langsam und nachdrücklich den Kopf schütteln. (Da sollten sich aber spätestens jetzt die ersten Erinnerungsfetzen einstellen.)
»Na schön, dann nehmen wir den Jungen im Gymnasium, der mit einem Gewehr die Korridore zwischen den Klassenzimmern betritt und sich überlegt, wie er bei seinem Amoklauf am besten …« Ihre Bewegung lässt mich innehalten: Sie beißen sich in die Faust. Das soll wohl heißen: unerträglich und völlig daneben. Schade. »Könnte ein Tweet werden«, füge ich noch flehentlich an, »ganz kurz.« Doch Ihr kurzes und trockenes Lachen, in dem nicht wenig Verzweiflung mitklingt, sagt mir, dass das Problem dieser Idee nicht in ihrer Länge liegt. (Überprüfen Sie ruhig mal die Knöchel Ihrer rechten Hand auf Bissspuren. Zeichnet sich da was ab?)
»Dann hätte ich da noch einen jüdischen KZ-Häftling zu bieten«, schlage ich vor, und an dieser Stelle ist Ihr Blick einfach unbezahlbar: diese Erwartung von etwas Schrecklichem, und wie Sie inständig hoffen, es ist nicht wahr, aber natürlich fahre ich unerbittlich fort: »Er betritt den Korridor auf dem Weg zur Gaskammer und …« Ein Laut entringt sich Ihrer Kehle, eine Mischung aus Röcheln, Gurgeln und Schluchzen, ganz kurz nur – ich breche ab, denn ich will den Bogen nicht überspannen. Am besten sind die Momente, wenn Sie die Augen zum Himmel verdrehen und die Hände heben, als könne eine Macht von da oben diesen unaufhörlichen Strom halbgarer oder gänzlich unausgegorener Ideen zum Versiegen, mich endlich zum Schweigen und damit der Welt Erlösung bringen. Das machen Sie richtig gut. Ein Anblick für die Götter sozusagen.
Natürlich nicken Sie auch manchmal gnädig, wenn Ihnen eine meiner Ideen mal nicht albern, pubertär oder geschmacklos vorkommt. Sonst würde es dieses Blog ja auch nicht geben. (Ehrlich gesagt schmuggle ich manchmal etwas durch die strenge Qualitätskontrolle durch. Wie diese Miniatur hier.)
Hätten Sie nicht gedacht, was? Sie und ich frühmorgens im Korridor zwischen meinem Schlafzimmer und meinem Bad – und dann der ganze Schmu, den Sie sich jedes Mal anhören müssen. Dürfen Sie sich eigentlich auch gar nicht dran erinnern, denn sonst würden Sie ja schon alles kennen, was hier im Blog erscheint. Das ist vermutlich genau der Grund, warum wir fast alles von unseren nächtlichen Träumen vergessen: Sonst wär’s einfach nur langweilig.










