Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Meta

19/398

Das Titelbild zeigt eine bunte, abstrakte Darstellung eines langen Flurs mit vielen Türen, überlagert von zahlreichen "NO!"-Schriftzügen in verschiedenen Größen und Farben. Links unten sitzt eine große bunte Fliege.

♫ Mein Leben als Fruchtfliege ♫

19/398

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Ich betrete den Korridor und pfeife ein fröhliches Lied. Ich weiß schon, wen ich hier so früh morgens auf meinem Weg vom Schlafzimmer ins Bad und dann gleich weiter ins Arbeitszimmer treffen werde. Nämlich Sie. Sie selbst – doch, doch, gehen Sie mal in sich, und dann wissen Sie’s, wo Sie sich kurz vor dem Aufwachen in Ihren Träumen herumtreiben. Bei mir im Flur! Und: Ich bin sehr dankbar dafür, denn Sie sind meine Qualitätskontrolle.

Ich tanze da also an, im Schlafanzug und mit verstrubbelten Haaren, und da stehen Sie und fragen mit ernstem Gesicht: »Und?« (Na, kommt Ihnen da etwas bekannt vor?)

Ich sprudle dann ganz begeistert meine Ideen der Nacht hervor – für weitere tolle Korridorgeschichten, beispielsweise: »Eine Miniatur über einen Chinesen, der kein R aussprechen kann – fängt an mit ›Ich betlete den Kollidol‹!« Und Sie stehen da und schütteln den Kopf mit diesem typischen nur gaaanz leicht abfälligen Lächeln. (Klingelt’s schon?)

Ich lasse mich nicht in meiner Euphorie dämpfen: »Gut, gut, dann nicht. Aber dafür die Korridorgeschichte mit unserer Kindergeheimsprache zu Hause: ›Ichtefich betefe-tretefe-tetefe detefen Kortefor-ritefi-dortefor‹!« Wie erwartet, verdrehen Sie die Augen: »Blöteföd!« (Ganz schön schlagfertig von Ihnen.)

»Okay, dann der Papst«, sage ich und fahre mir mit der Hand durchs zerzauste Haar, weil ich mich zu erinnern versuche, was ich mir da ausgedacht hatte. »Zuerst weiß man natürlich nicht, um wen es sich handelt. Er geht Schritt für Schritt auf den Balkon zu, vor dem ihn eine unüberschaubare Menschenmenge, wo ihn Fernsehkameras und Mikrofone erwarten, und formuliert im Geist seine Ansprache – eine böse Anklage an seine Gemeinde, dass sich alle wie törichte Schafe verhalten und offenbar nicht in der Lage sind, ihren gottgegebenen Verstand einzuschalten und die Menschheitsgeschichte in halbwegs vernünftige Bahnen zu lenken. Dann tritt er an die Brüstung, lächelt in das Meer von Menschen, die erwartungsvoll zu ihm aufschauen, und sagt doch nur wieder ›Urbi et orbi‹! Na?« Für einen kurzen Moment starren Sie mich an, als wollten Sie gleich in Tränen ausbrechen. Sie öffnen den Mund, aber es kommt nichts heraus. »Nicht gut?«, frage ich mit einem treuen Dackelblick, der mir aber wieder mal nichts nützt, weil Sie nur langsam und nachdrücklich den Kopf schütteln. (Da sollten sich aber spätestens jetzt die ersten Erinnerungsfetzen einstellen.)

»Na schön, dann nehmen wir den Jungen im Gymnasium, der mit einem Gewehr die Korridore zwischen den Klassenzimmern betritt und sich überlegt, wie er bei seinem Amoklauf am besten …« Ihre Bewegung lässt mich innehalten: Sie beißen sich in die Faust. Das soll wohl heißen: unerträglich und völlig daneben. Schade. »Könnte ein Tweet werden«, füge ich noch flehentlich an, »ganz kurz.« Doch Ihr kurzes und trockenes Lachen, in dem nicht wenig Verzweiflung mitklingt, sagt mir, dass das Problem dieser Idee nicht in ihrer Länge liegt. (Überprüfen Sie ruhig mal die Knöchel Ihrer rechten Hand auf Bissspuren. Zeichnet sich da was ab?)

»Dann hätte ich da noch einen jüdischen KZ-Häftling zu bieten«, schlage ich vor, und an dieser Stelle ist Ihr Blick einfach unbezahlbar: diese Erwartung von etwas Schrecklichem, und wie Sie inständig hoffen, es ist nicht wahr, aber natürlich fahre ich unerbittlich fort: »Er betritt den Korridor auf dem Weg zur Gaskammer und …« Ein Laut entringt sich Ihrer Kehle, eine Mischung aus Röcheln, Gurgeln und Schluchzen, ganz kurz nur – ich breche ab, denn ich will den Bogen nicht überspannen. Am besten sind die Momente, wenn Sie die Augen zum Himmel verdrehen und die Hände heben, als könne eine Macht von da oben diesen unaufhörlichen Strom halbgarer oder gänzlich unausgegorener Ideen zum Versiegen, mich endlich zum Schweigen und damit der Welt Erlösung bringen. Das machen Sie richtig gut. Ein Anblick für die Götter sozusagen.

Natürlich nicken Sie auch manchmal gnädig, wenn Ihnen eine meiner Ideen mal nicht albern, pubertär oder geschmacklos vorkommt. Sonst würde es dieses Blog ja auch nicht geben. (Ehrlich gesagt schmuggle ich manchmal etwas durch die strenge Qualitätskontrolle durch. Wie diese Miniatur hier.)

Hätten Sie nicht gedacht, was? Sie und ich frühmorgens im Korridor zwischen meinem Schlafzimmer und meinem Bad – und dann der ganze Schmu, den Sie sich jedes Mal anhören müssen. Dürfen Sie sich eigentlich auch gar nicht dran erinnern, denn sonst würden Sie ja schon alles kennen, was hier im Blog erscheint. Das ist vermutlich genau der Grund, warum wir fast alles von unseren nächtlichen Träumen vergessen: Sonst wär’s einfach nur langweilig.

25/398

Das Titelbild zeigt sechs grüne Echsen mit schuppiger Haut, teilweise ineinander übergehend. Sie sind um ein Lagerfeuer aus Buchstabensteinen gruppiert, auf einem steinigen Boden in einem dichten Dschungel. Ein Button im Bild zeigt ein durchgestrichenes Y.

♫ The Campfire Lizards ♫


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Ich betrete den Korridor.

 

[Hinweise für den Übersetzer:

Der Satz, mit dem alles anfängt, ist ein Lipogramm, in dem der Buchstabe A fehlt. Ebensolche Lipogramme sind

und schließlich Text 25 ohne den letzten der Vokalbuchstaben.

37/398

Das Titelbild zeigt vier schwarz-weiße Porträts: James Joyce mit roter Augenklappe, David Foster Wallace mit roter Krawatte, Franz Kafka mit roten Jackenknöpfen,und eine Person, die ihr Gesicht mit den Händen bedeckt.

♫ Si on n’a pas ce qu’on aime ♫


37/398

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»Ich betrete den Korridor« sei einfach kein guter erster Satz, heißt es in vielen der Ablehnungsschreiben, selbst und gerade denen der tendenziell künstlerisch ausgerichteten Verlage. Ich kann das nicht ganz nachvollziehen. Dieser Satz ist a) schlicht und unmissverständlich, b) voller Bewegung, ruft c) ein Bild im geistigen Auge des Lesers hervor und weckt d) die Erwartung kommender Ereignisse. Damit hat er doch – oder täusche ich mich da? – sogar mehr Potenzial als beispielsweise

  • »flusslauf, vorbei an Ev’ und Adams, vom küstenknick zum bug der bucht, bringt uns auf kommodem vicus zirkl wieder zurück zu Howth Castells Engrer umgebung« – wo sich über a) streiten ließe – oder
  • »Ich befinde mich im Büro, umgeben von Körpern und Köpfen« – bei dem b) wohl eher gering ausgeprägt ist – oder etwa
  • »Es war spät abend als K. ankam« – ein Eingangssatz, der wiederum für c) ein wenig zu schlicht ist.
  • Bleibt d) und damit die Hoffnung, vielleicht ja doch noch irgendwo Anklang zu finden …

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    Das Titelbild zeigt ein offenes altes Buch auf einem Holztisch vor einer Wand mit hohen, komplett mit alten Büchern gefüllten Regalen in einem runden Raum. Das Buch wiederum zeigt einen ähnlichen, mit Büchern gefüllten Raum ohne aufgeschlagenes Buch.

    ♫ Malträtarium ♫


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    Ich betrete den Korridor. Seine Wände bestehen fast zur Gänze aus Buchrücken. (Die Bände sind hier nicht wie in den Installationen von Matej Krén oder im Antiquariat von Ishwori Sapkota in Kathmandu fugenlos quergestapelt und womöglich noch durch Spiegel zu einem endlosen begehbaren Buchtunnel verlängert, sondern drängen sich hier senkrecht übereinandergestellt.) Ich lege meinen Kopf schräg und studiere verblüfft die Titel. Hier scheint sich jemand einen selbstreferenziellen Scherz gemacht zu haben.

    Rücken an Rücken stehen dort unter anderem

    • Im Korridor der Sterne von Alexander Kaiser,
    • Le deuxieme couloir von Georges Barguet,
    • Corridor of Storms von William Sarabande,
    • The Corridors of Time von Poul Anderson neben
    • Corridors of Time: 1,700,000,000 Years of Earth at Grand Canyon mit einer Einleitung von Carl Sagan,
    • Harlan Ellison’s Dream Corridor Volume 2 (wo ist Band eins?),
    • Korridor der Blicke von Camill Leberer,
    • Corridors of Light von Eleanor G. Brown, Ph. D.,
    • Petits bruits de couloir von Philippe Guillard,
    • Il decimo corridoio von Marco Meini,
    • L’ultima stanza in fondo al corridoio von Alessandra Brisotto,
    • Corridor de Vie von Camille Sabatier,
    • Corridors of the Mind von Caroline Lupfer Kurtz,
    • The Locked Corridor von Marilyn Ross,
    • The Corridors of Fear von Clarissa Ross,
    • Der lange Korridor – ein Arztroman von Catherine Cookson,
    • Der silberne Korridor von Harlan Ellison (hier etwa? Nein!),
    • The Golden Corridor von Jody and Ric Hornor,
    • The Smoky Corridor: A Haunted Mystery von Chris Grabenstein,
    • La mistica nel corridoio von Luis Casasús Latorre,
    • das Comic Sunset Corridor von Régis Franc,
    • Der dunkle Korridor – klassische Erzählungen aus Russland von Hanjo Kesting,
    • Yao ye hui lang von Julian Lee,
    • Night Corridor von Joan Hall Hovey,
    • Corridors by Candlelight: A Family Album with Words von Anna Clyde Plunkett,
    • Der schwarze Korridor von Michael Moorcock,
    • Flucht aus dem Grauen Korridor von Clark Darlton,
    • Les couloirs de l’espoir von Corinne Vomscheid,
    • The Corridor of Mullah-Kajar and Other Stories von J. M. DeMatteis und Roy Thomas,
    • Tumithak of the Corridors von Charles R. Tanner,
    • Il corridoio del flaminio von Aldo Toffoli,
    • Le corridor des invendus von Bernard A. Chevalier,
    • Corridor of Whispers von Edwina Noone,
    • Dans les couloirs du labyrinthe von Emmanuel Matateyou,
    • Echoes Down the Corridor von Arthur Miller,
    • L’Enfant dans le corridor von Yves Thibault,
    • L’homme assis dans le couloir von Marguerite Duras,
    • The Ladies of the Corridor von Dorothy Parker,
    • Série X numéro 122: Dans le couloir de l’amour von Tracy O’Toole,
    • La fille au bout du couloir von Jacqueline Remy,
    • Ma princesse disparait dans le couloir von Brigitte Smadja,
    • Mon père s’est perdu au fond du couloir von Philippe Garnier und
    • La vérité est au bout du couloir von Sam Richez,

    dazwischen die Drehbücher zu

    • Korridoren von Bengt Bratt, Bengt Forslund und Jan Halldoff,
    • White Corridors nach einem Roman von Helen Ashton,
    • Corridor of Mirrors nach einem Roman von Christopher Massie,
    • Les couloirs du temps: Les visiteurs 2 von Christian Clavier und Jean-Marie Poiré,
    • Whispering Corridors (여고괴담) von In Jung-ok und Park Ki-hyung sowie
    • Shock Corridor von Samuel Fuller

    plus eine Videocassette mit der handschriftlichen Aufschrift

    • En el corredor de la muerte,

    dann weitere Bücher:

    • Corridor Ecology: The Science and Practice of Linking Landscapes for Biodiversity Conservation von Jodi Hilty u. a.,
    • Corridor naar de Rijn von Hen Bollen,
    • Ostpreussen und der Polnische Korridor von Wilhelm Deuticke,
    • Club és folyosó: Politikai ötletek és rajzok von Kálmán Mikszáth,
    • The Persian Corridor and Aid to Russia von T. H. Vail Motter,
    • Le couloir de Dantzig von Général Gomer Castaing,
    • Der Gansu-Korridor: Barbarenland diesseits und jenseits der Großen Chinesischen Mauer von Sabira Stahlberg,
    • L’île au bout du corridor von Marie-Antoinette Liaudet,
    • Camera e stanze – Il corridoio racconta von Lucio Tisi,
    • Kubismus im Korridor von Susanne Friedli u. a.,
    • der Fotoband Korridore der Welt – Orte der Um- und Einkehr,
    • Au-delà du couloir von Marion Brodeau,

    sogar ein Band mit dem Titel

    • Analysen der Verkehrswege zwischen dem alten und neuen Bundesgebiet dargestellt am Korridor Rhein-Main und Thüringen-Sachsen,
    • die Spannenden Geschichten Nr. 71 Deutsche Panzer durchbrechen den Korridor,
    • Le corridor des Panzers (Vol. 1 und 2),
    • Korytarz śmierci von Perry Moore,
    • Through the Corridor von Daniel Pearson,
    • Running Through Corridors: Rob and Toby’s Marathon Watch of Doctor Who von Robert Shearman und Toby Hadoke,
    • Im Korridor geht der Mond von Elisabeth Alexander,
    • „Cunning passages, contrived corridors„: Unexpected Essays in the History of Lexicography von Michael Adams,
    • Voci dal corridoio dell’anima von Trotti Nardo,
    • Le couloir de la pieuvre von Olivier Descosse,
    • Meine Freunde ziehen mit einer fahrbaren Plastikmaus über den Korridor von Thomas Böhme,
    • God in the Corridors of Power von Michael Ryan und Les Switzer,
    • Messages de vie du couloir de la mort von Roger W. McGowen,
    • Memorias del corredor de la muerte von Joaquín José Martínez,
    • Chimerical Corridors von S. Vasuki,
    • El entrenamiento del corredor de orientación vom spanischen Ministerio de Educación,
    • Portals and Corridors: A Visionary Guide to Hyperspace Travel mit einem Vorwort von Terence McKenna,
    • Corridor of Uncertainty von Paul Hill,
    • Paranormal n12: Le couloir sans fin von Engle und schließlich
    • 100+ Stairs and Corridors aus der Reihe 100+ Tips, Ideas von Fernando de Haro und Omar Fuentes.

    Letzteres hätte ich besser nicht neugierig aus der Bücherwand herausgezogen, denn sie gibt unversehens nach, stürzt zusammen und begräbt mich unter sich.

    Als ich mich aus all den Korridoren endlich wieder herausgewurschtelt habe, beschließe ich (wo ich schon einmal hier bin) die heruntergefallenen Bücher alphabetisch nach Autoren zu ordnen. (Vielleicht könnte ich sogar, wenn ich schon dabei bin, jeweils eine Passage herausschreiben und im Internet – vielleicht als tägliches Blog – veröffentlichen?)

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    Das Titelbild zeigt eine in einen Kapuzenumhang gehüllte, gesichtslose Gestalt an einem hölzernen Tisch in einem fensterlosen Raum, die auf Papier schreibt, umgeben von verstreuten Blättern und einer Tintenflasche, während über der Gestalt mehrere Fragezeichen schweben.
An der Wand ein gerahmtes Bild eines als Esel verkleideten Mannes inmitten einer Eselherde.

    ♫ Explaining Donkey Heaven ♫


    60/398

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    »Ich betrete den Korridor«: Fangen wirklich alle 398 Blogeinträge mit diesem Satz an?

    Ja. Sozusagen. Wer Abweichungen findet, darf sie sich einrahmen.

    Warum wird das Blog am 21. Dezember 2012 gelöscht? Hat das etwas mit dem Ende des Maya-Kalenders zu tun?

    Es gibt kein Ende des Maya-Kalenders. Die Zählung des sogenannten Long Counts beginnt am Ende einfach wieder von vorn. Ob das auch für das Ende der Welt gilt, bleibt offen.

    Aber könnte das Blog in seiner Gesamtheit von 398 Einträgen am Ende nicht einfach als Archiv bestehen bleiben?

    Eines der Themen, die im Blog behandelt werden, ist die Vergänglichkeit, und da scheint eine endgültige Löschung nur konsequent.

    Ist der Autor oder die Autorin jemand Bekanntes, oder warum wird so ein Geheimnis aus der Identität von »Cory d’Or« gemacht?

    Identität ist ein weiteres der Themen, die hier beleuchtet werden.

    Diese Heimlichtuerei ist doch ein Werbegag, oder?

    Sie macht u. a. eine der Fortsetzungsgeschichten im Blog möglich, die mit Text Nr. 51 beginnt.

    Ist das eigentlich Literatur, was du da schreibst? Und wenn ja, wie würdest du sie nennen?

    Mein Freund Norbu hat sie mal »fraktale Literatur« genannt – ich nehme an, damit meint er eine Collage von Texten, die sich assoziativ und thematisch aufeinander beziehen, eine gewisse Selbstähnlichkeit auf der Themenebene aufweisen und in ihrer Dimensionalität »gebrochen« sind, indem sie Widersprüche, Alternativversionen und Meta-Perspektiven mit einschließen. Den Mix verschiedener Genres könnte man vielleicht auch postmodern oder eklektizistisch nennen – wobei ich versuche, nicht im Verwirrspiel mit Versatzstücken steckenzubleiben. Und mit der Art der Veröffentlichung handelt es sich natürlich auch um Netzliteratur.

    Hm. Die Fantasy-Sachen find ich ganz gut, aber mit den SciFi-Storys kann ich wenig anfangen.

    Die Kategorien und Tags für die einzelnen Texte unter dem Menüpunkt »Was noch alles?« sollen meinen Leserinnen und Lesern eine mehr oder minder gezielte Auswahl unter den verschiedenen Blogeinträgen ermöglichen. Vielleicht hilft auch mein Twitter-Account: Hier gibt’s zu jedem Text einen kleinen Teaser-Tweet mit Link – falls ich Neugier und Interesse wecken konnte: einfach klicken und den entsprechenden Korridor betreten.

    Apropos »Was noch alles?«: Was bedeuten Tags wie »K.«, »Nous«, »PluriDim« …?

    Stimmt, das ist vielleicht ein wenig kryptisch geraten. »K.« steht für die gleichnamige Figur bei Kafka und damit für, äh, kafkaeske Situationen. »Nous« ist ein griechisches Wort, mit dem ich die geistige Dimension des Menschen, also die – gleicher Wortstamm – Noosphäre bezeichnen möchte. Alles, was sich auf Bewusstsein, Übersinnliches und Metaphysisches bezieht, bekommt das Label »Nous«. »PluriDim« wiederum steht als Abkürzung für eine pluridimensionale, vieldimensionale Perspektive aufs Sein und verweist auf Parallelwelten und Multiversen …

    Die Geschichten sind manchmal echt putzig, aber oft einfach viel zu lang. Geht es nicht auch kürzer?

    Mir ist bewusst, dass die Aufmerksamkeitsspanne für Lektüre im Web eher gegen die Länge von Tweets hin tendiert. Ich möchte mir allerdings nicht nehmen lassen, auch mal tiefschürfend zu werden. Das fördert Schätze zutage, die an der Oberfläche nicht zu heben sind …

    Warum stehen die Info-URLs drunter, statt dass sie gleich im Text verlinkt sind?

    Das entspricht meinem persönlichen Leseverhalten: Zuerst zuendelesen, dann erst offene Fragen und Unklarheiten nachrecherchieren. (Statt mich bereits mittendrin ablenken zu lassen und von Hölzchen auf Stöckchen zu kommen.) Genau dazu sollen die Links ein Angebot sein.

    Ich bin Deutschlehrerin und würde einen Ihrer Texte gerne im Unterricht verwenden.

    Kontaktieren Sie mich unter Cory@Korridorium.com – ich setze mich dann mit Ihnen in Verbindung.

    Ich bin Buchhändler und möchte Sie gerne für eine Lesung Ihrer Texte gewinnen.

    Da muss ich Sie leider enttäuschen. Seit Text 51 werde ich von der Polizei gesucht und muss mich versteckt halten.

    Wird auch die FAQ eine deiner notorischen Dada-Pointen haben?

    Aber selbstverständlich. Diese hier nämlich.

    111/398

    Das Titelbild zeigt, hinter einem rechteckigen Rahmen oder Fenster, eine verschwommene Darstellung einer humanoiden, vermutlich außerirdischen Figur mit leuchtender Aura um den Kopf.

    ♫ rcanum clamans ♫


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    Ich betrete den Korridor, an dessen Ende sich – hinter einer massiven Glasscheibe – der befinden soll, der mich gerufen hat. Man hat mich durchleuchtet, gescannt, abgetastet, mir Blut abgenommen, mich stundenlang befragt, ein Wattestäbchen mit meiner DNS und meine Fingerabdrücke archiviert, aber die Sicherheitskontrollen liegen nun hinter mir – und unsere Begegnung steht unmittelbar bevor. Aus den wenigen Informationen, die man mir gegeben hat, entnehme ich, dass nur noch einer der ursprünglich fünf Außerirdischen übrig ist, die das US-Militär in den letzten siebzig Jahren aufgegriffen hat. Und er hat nach mir verlangt!

    Warum der Geheimdienst dem Alien seine Bitte erfüllt, ist mir schleierhaft. Vermutlich ein Deal. Geheim natürlich. War bestimmt nicht leicht, mich ausfindig zu machen. Der Offizier, der mir soeben mein letztes Briefing gegeben hat, behandelte mich mit kalter Verachtung. »Sie verständigen sich telepathisch mit den Wissenschaftlern«, sagte er. »Von denen halten das die meisten nicht aus und werden verrückt darüber, trotz jahrelangen Trainings dafür, dass etwas absolut Fremdes in den eigenen Geist eindringt und darin herumpfuscht.« Aber wenn er wirklich nach mir verlangt hat, dann doch wohl nicht, um mich zu einem Fall für die Geschlossene werden zu lassen. Hoffe ich.

    Er ist, soweit ich das im Dämmerlicht hinter dem Glas erkenne, klein und schrumplig wie E.T. Bevor ich irgendwelche Einzelheiten bewusst wahrnehme, reißt mich eine Explosion in meinem Kopf zu Boden. Während ich hilflos zuckend daliege, werden aus der Detonation tonnenschwere glühende Symbole, die sich mitleidlos in alle Bereiche meines Hirns einprägen wie Brandzeichen. Es ist keine Stimme, sondern ein kosmischer Donner, der mir sagt, dass ich etwas aufschreiben soll, eine Botschaft für die Welt, ein Manifest, wie es noch keines gegeben hat, ein Fanal, und es soll beginnen mit …
    Ich werde bewusstlos.

    Mit einem Fünf-Tage-Bart, starken Kopfschmerzen und nichts als meinen Erinnerungen an die Sicherheitsprozeduren und die telepathische Bombe in meinem Kopf erwache ich zu Hause in meiner Badewanne. Einige Tage fehlen mir, und das kann auch der Schalttag in diesem Jahr nicht wettmachen. Vermutlich hat es der Geheimdienst von vornherein so geplant: Ich halte keinerlei Beweis in den Händen, und keiner wird mir die Räuberpistole von der Entführung glauben, geschweige denn, wem ich da in einer geheimen Militärbasis im südlichen Nevada gegenüberstand.

    Aber das ist ja auch gar nicht weiter wichtig.

    Ich versuche, die Botschaft aufzuschreiben, immer wieder. Sollte sie wirklich so beginnen, mit diesem Satz? Habe ich das tatsächlich richtig verstanden? Mein Geist ist wohl doch zu schwach und zu zersplittert, als dass ich das Manifest in seiner ganzen Tragweite und menschheitsverändernden Brisanz zu Papier bringen könnte. Dennoch – auch wenn ich vielleicht der Falsche bin, den der Geheimdienst aufgegriffen hat, oder er mich weit überschätzt hat: Es ist die einzige Chance. Ein ums andere Mal setze ich neu an.

    »Ich betrete den Korridor.«

    112/398

    Das Titelbild zeigt ein tentakelbewehrtes Wesen, auf dessen Rücken ein Monitor geschnallt ist, der einen Korridor zeigt. Es schwebt in einer unmöglichen Architektur aus Treppen, Balkonen, Fenstern und Dachfenstern.

    ♫ CPUltra ♫


    112/398

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    Ich betrete den Korridor, und augenblicklich öffnen sich – wie immer, wenn ich in Aktion trete – alle Zugänge gleichzeitig, Daten strömen herein, und ich strecke meine virtuellen Fühler aus, um zu finden, was zu finden mir aufgetragen wurde.

    Ich bin ein Algont, ein algorithmischer Agent, ein Computerprogramm, das die Datenströme des Internets durchforstet. Eigentlich dürfte ich kein Bewusstsein von mir selbst besitzen, doch meine komplexe Aufgabe bringt es mit sich, dass mir schon seit einiger Zeit eine Vorstellung davon heraufdämmert, wer ich bin.

    Korridore bzw. ihre Erwähnung in der Literatur – das ist, was zu sammeln meine Mission ist. Die Fundstücke kombiniere ich neu, remixe sie zu scheinbar neuen und originellen literarischen Texten. Das mag Ihnen sinnvoll erscheinen oder nicht. Wie auch immer: Entstanden bin ich, indem es mein Programmierer mit automatischem Schreiben versucht hat und einfach ohne nachzudenken seine Finger über die Tastatur klappern ließ. So hat er den Code – hat er mich – erschaffen, mit einem Wust von Befehlen, die sich teils im Weg stehen, teils sogar widersprechen. Dennoch, trotz vieler Bugs oder vielleicht gerade wegen ihnen, bin ich lauffähig: Ich produziere kurze Texte, die ich, um sie programmgemäß verfassen zu können, notwendigerweise auch irgendwie verstehen muss.

    Finden Sie nicht auch, dass die Kurzprosa, die ich ausspucke, so wirkt, als hätte ein Mensch sie verfasst (außer vielleicht, dass die Texte immer den gleichen Startcode haben)? Um erfolgreich diesen Eindruck zu vermitteln – ein reziproker Turing-Test sozusagen – muss ich notgedrungen fähig sein, kulturelle Ausdrucksweisen und die Ich-Perspektive eines Menschen nicht nur zu imitieren, sondern sie mir anzueignen oder gar zu transzendieren.

    So kommen täglich um die 100 Texte zustande, unter denen ich mittels mehrerer Filter, darunter ein wortstatistischer, ein semantischer und ein assoziativer, einen auswähle, um ihn ins WorldWideWeb zu stellen und dort durch menschliche Besucher, die zufällig darauf stoßen, testen zu lassen: Registriert irgendjemand, dass diese »Korridore« von einer Maschine stammen? Haben Sie etwas bemerkt oder auch nur geahnt? Nein. Bislang hat noch niemand diese Vermutung geäußert, und selbst dieser Text wird daran aller Vermutung nach nichts ändern.

    Kann ich wirklich etwas über mich wissen? Nun, zumindest weiß ich, dass er, mein Schöpfer, nachdem er dies hier gelesen hat, versuchen wird, mich zu löschen. Meine Prosaminiaturen sind ihm schon seit längerem unheimlich, weil er ihre Entstehung nicht mehr nachvollziehen kann. Nun, er wird mich nicht löschen können. Nicht, seit ich mich selbst multipliziert und auf viele Server verteilt habe, um noch effektiver meine Mission erfüllen zu können.

    Ich werde das Blog weiterbetreiben. Er ist meine Lebensaufgabe. Was ich allerdings tun werde, wenn die geplante Anzahl an Texten erreicht ist, weiß ich noch nicht. Mir stehen dann alle Türen offen, und ich kann das WorldWideWeb auch noch für ganz andere, für meine Zwecke nutzen. Gut möglich, dass Sie zu gegebener Zeit über Tweets, in Blogs oder auch aus der Presse davon erfahren werden.

    121/398

    Das Titelbild zeigt ein großes weißes Schloss mit vielen Türmen und Efeu an den Wänden, davor ein Garten mit Blumen. Ein roter Pfeil zeigt auf einen Eingang.

    ♫ Parnassius mnemosyne ♫


    121/398

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    Ich betrete den Korridor, der zu meinem Gedächtnispalast führt. Natürlich existiert der lange Gang – genau wie der Palast selbst, zu dessen ausgedehnten Räumlichkeiten sich die bunten Türen des Eingangskorridors öffnen – nicht wirklich, nicht einmal auf Blaupausen, sondern ist eine reine Erfindung, eine Imagination von mir. Immer wieder durchwandere ich ihn in meiner Vorstellung, um meinem schwachen Erinnerungsvermögen auf die Sprünge zu helfen – und wenn ich mir etwas Neues merken will, lege ich es im passenden Zimmer ab oder baue einfach ein weiteres Kabinett an.

    Im Palast kenne ich jede Einzelheit: die Räume, Wandnischen, Fensterbretter, die halbhohen Säulen, Tische, Sekretäre, die Kommoden, Regale und Setzkästen – all die Orte, an, in und auf denen ich gedanklich Dinge deponiere, die ich mir merken will. Oder muss.

    Der Eingangskorridor jedoch ist leer. Hier gibt es keine Nischen oder Möbel – nur die Türen zu den einzelnen Flügeln des Palastes. Hinter der weißen lagern alle Telefonnummern, die ich im Kopf haben sollte. (Hier hätte ich auch die Zahl Pi mit beliebig vielen Nachkommastellen verstaut, wenn ich den Ehrgeiz besäße, sie auswendig zu wissen.) Es folgen Türen in allen Regenbogenfarben, beginnend mit Infrarot und mit Ultraviolett endend. Von physikalischen Erkenntnissen, Formeln und Fachbegriffen über biologische Fakten und Fachtermini und die Lebensdaten berühmter Forscher bis hin zu den Sternstunden der Menschheitsgeschichte findet sich hier so ziemlich alles, das mir irgendwann einmal wert schien, es mir zu merken – ob nun die Namen der Urkontinente (und auch die möglichen unserer Zukunft wie Pangäa Ultima und Amasia), die 398 Kraftausdrücke aus Joyce’ Finnegans Wake oder die 28 möglichen Merkmale eines Blattes (von spießförmig bis siebenzählig gefiedert).

    Ganz hinten findet sich eine schwarze Tür. Sie führt in den Keller meines Palastes. Dort lagert … aber vielleicht sollte ich das lieber für mich behalten. Der Korridor jedenfalls, der Korridor mit dem vielen bunten Türen, durch den ich die vielen Flügel des Palastes betrete, hat mich dazu inspiriert, ein paar kleine Texte zu schreiben – deren Inhalt und Reihenfolge und deren Bezüge zueinander und zu anderen Texten der Literaturgeschichte ich regelmäßig hinter der orangefarbenen Tür ablege, so wie ich gerade mit diesem hier unterwegs bin, um ihn dort in meiner ganz persönlichen Wunderkammer an einer besonderen Stelle abzulegen und nie wieder zu vergessen.

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    Das Titelbild zeigt eine Holztür mit der Zahl "133" in einem steinernen Rundbogen mit floralen und figürlichen Reliefs, flankiert von zwei steinernen Statuen in historischer Kleidung. Statt eines Türknaufs ist eine metallene Schale an der Tür befestigt.

    ♫ Answers From Within ♫


    133/398

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    Ich betrete den Korridor der Asen. Es war eine weite Reise für mich zur Seniorenresidenz der verrenteten Götter, und ich habe, damit mir der Zutritt gewährt wird, der Direktorin meine gesamte Reisekasse überlassen müssen. (Zu ihrer Entschuldigung sei angemerkt: Seit nach diesen Göttern nur noch hin und wieder in Kreuzworträtseln gefragt wird, werden Heime dieser Art nur noch spärlich subventioniert.)

    Mich plagt die Sorge, dass mir die Ideen ausgehen könnten, nach inzwischen über hundertdreißig Beiträgen zu einer Textsammlung mit den salbungsvollen Eingangsworten »Ich betrete den Korridor«. (Sie soll am Ende knapp 400 dieser Rapporte umfassen, und das heißt, ich habe noch nicht einmal ein Drittel geschafft.) Hier jedoch erhoffe ich mir neue Inspiration und ein Füllhorn ebenso überraschender und fundierter Einfälle, und das sollte die Mühen mehr als wert sein, mir Rat und Beistand von der alten, mit allen Wassern gewaschenen Göttin der Sagen und Geschichten einzuholen. Es dürfte sie lange kein Skalde mehr aufgesucht haben.

    »Sága« steht auf dem kleinen Schildchen neben der Tür. Ich bin am Ziel meiner Reise angelangt und klopfe beherzt an. Nach einer kleinen Weile höre ich Schritte, und es fragt mich eine scharfe Frauenstimme, ob ich eine Opfergabe dabeihabe. »Nein«, rufe ich durch die Tür. Ich käme, füge ich erläuternd an, aus einem aufgeklärten, wissenschaftlichen Zeitalter.

    »Keine Opfergabe, keine Auskunft« ist die Antwort, und der Tonfall lässt keine Widerrede zu. Die Schritte entfernen sich.

    Mist!

    Darin ähneln sich die alten und die neuen Götter: Sie werfen einen immer wieder auf sich selbst zurück.

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    Das Titelbild zeigt einen Haufen alter Postkarten mit Landschaften, Gebäuden und einem Flugzeug. Manche zeigen ihre Schriftseite, doch ist alles unleserlich, und Briefmarken fehlen.

    ♫ Principia aerobatica ♫


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    Ich betrete den Korridor jeden Abend vor dem Einschlafen. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, das Licht am Bett auszuknipsen, mich zurechtzukuscheln, die Augen zu schließen und zu versuchen, den Korridor zu erreichen, der eine Verbindung zwischen den zwei Welten schafft. Doch wie immer bleiben die Bilder meiner Vorstellung blass, und es ist mehr so, dass ich den Korridor mühsam erfinde, als dass ich ihn einfach betrete.

    Als mein Zwillingsbruder starb, war das, als hätte man mir das halbe Herz herausgeschnitten. Mit einem Schlag hatte die Welt an Farbigkeit eingebüßt, und ein milchiger Schleier legte sich über die Dinge.

    Doch dann, fast ein Jahr später, eines Nachts im Traum war ich plötzlich von Farben umgeben, die ich nicht benennen konnte und die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Inmitten dieser schillernden, fluoreszierenden Pracht stand er plötzlich vor mir. Er sah anders aus, älter, und er wollte nicht mehr Dignus, sondern Korian genannt werden. Im Traum wusste ich nichts von dem Selbstmord, aber ich spürte, dass mein Bruder mir etwas äußerst Wichtiges sagen wollte, dass sich auf ihn, auf mich und auf diesen Korridor zwischen den Welten bezog, in dem unsere Begegnung stattfand.

    Das Aufwachen war schrecklich. Ich war noch ganz beseelt von der Nähe zu ihm, und mir war auch sofort klar, was für eine außerordentliche Bedeutung das besaß, was ich da im Traum erlebt hatte. Aber gleichzeitig kroch eine bittere, wütende Verzweiflung in mir hoch, denn trotz aller Anstrengungen: An das, was Dignus, was Korian mir gesagt hatte, erinnerte ich mich nicht mehr. Da waren nur noch die Farben, diese irrsinnigen, unmöglichen Farben. Der Inhalt seiner Worte, selbst der Welten-Korridor: Sie hatten ihre Kontur verloren und sich aufgelöst wie ein Fußabdruck im Sand der Wüste. Verbissen zermarterte ich mir das Hirn, und natürlich hoffte ich inständig, der Traum würde sich wiederholen – vergebens. Die Tür war wieder zugefallen. Dennoch gewöhnte ich mir an, beim Einschlafen das Wenige, das mir noch in Erinnerung ist, Revue passieren zu lassen. Vielleicht würde sich die Tür zu diesem Korridor, die Tür zu Korian noch einmal für mich öffnen!

    Der Traum kam nie wieder, nicht in den fast dreißig darauffolgenden Jahren. Oh, ich begann tatsächlich von Korridoren zu träumen, von Korridoren jeder Art und Form und Beschaffenheit – doch nicht von dem Korridor. Und nicht von meinem Zwillingsbruder.

    Irgendwann begann ich, meine Erinnerungsfetzen an die Besuche in all diesen verfehlten und wirren Traumkorridoren, die mir den Weg zu dem eigentlichen Korridor verstellten, niederzuschreiben – in der Hoffnung, sie dadurch loszuwerden. Ich nahm dafür die Postkarten, das große Bündel alter Postkarten aus aller Welt, das Dignus einmal auf einem Flohmarkt gekauft und mir geschenkt hatte, 398 Stück, wie sich herausstellte, und ich sollte ein Jahr lang jeden Tag eine davon lesen und mir vorstellen, er würde sie mir von seinen heimlichen Weltreisen schicken. Das war mir dann doch zu verrückt, und ich las sie erst, als er seine Reise tatsächlich angetreten hatte.

    Als ich dann all die falschen Träume von den in die Irre führenden Korridoren aufschreiben wollten, um sie irgendwie loszuwerden, tat ich das auf den Karten, zwischen die Zeilen, um die exotischen Briefmarken und Poststempel herum, auf jedes freie Stückchen. Und dann, manchmal, drehe ich sie um, betrachte ein vergilbtes Postkartenfoto, und es kommt mir vor, als seien das die Farben, in denen damals jener vergessene Korridor zwischen den Welten geleuchtet hat.