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Trial Ver­sion

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Ich betrete den Kor­ri­dor schwan­kend und muss mich am Bücher­re­gal fest­hal­ten, weil mir ganz flau im Magen ist. Es ist das Bord, auf dem meine Lieb­linge ste­hen, näm­lich jene Romane unter den Hun­der­ten hier auf­ge­reih­ten, die mir beson­ders ver­gnüg­li­che Stun­den berei­tet haben. Mein Ex-Mann hat damals immer den Kopf geschüt­telt und konnte mei­nen Lese­hun­ger nie so rich­tig ver­ste­hen.

Vor weni­gen Augen­bli­cken noch saß ich mit ange­zo­ge­nen Knien in mei­nen Lese­ses­sel geku­schelt und las. Ein umfang­rei­cher Roman, so wie ich es liebe: Bereits in der Hand fühlt sich das Buch nach einer aus­ge­dehn­ten, weit­ver­zweig­ten Welt an, in die ich mich für lange Zeit ver­lie­ren kann. Und dann – die­ser Recht­schreib­feh­ler! Nor­ma­ler­weise lese ich über so etwas ein­fach weg, aber dies­mal setzte er eine fatale Kette von Gedan­ken in Gang. Der Autor muss ihn über­se­hen haben, genau wie der Lek­tor des Buches. Und über­haupt – ich ver­suchte der­weil, wei­ter­zu­le­sen, aber hörte unge­wollt mehr mei­nen Gedan­ken zu als dem, was der Roman mir erzäh­len wollte – sind das ja nur Worte, ist das nur ein Text, eine Ver­sion eines Tex­tes, von dem ich gar nicht ahne, wel­che Meta­mor­pho­sen er mög­li­cher­weise durch­ge­macht hat. Natür­lich weiß ich beim Lesen von Roma­nen immer irgend­wie, dass es sich um aus­ge­dachte Geschich­ten han­delt. Nur wird mir das jetzt ebenso hef­tig wie bit­ter bewusst, wie durch eine neue Brille, die mir gna­den­los all die Kulis­sen, Requi­si­ten, Behaup­tun­gen und Kunst­griffe vor Augen führt, aus denen sich mehr oder weni­ger erfin­dungs­reich zusam­men­setzt, was mir vor­her wie eine Wahr­heit höhe­rer Ord­nung erschien.

Diese Gedan­ken bekam ich ein­fach nicht mehr aus mei­nem Kopf, und dann ver­schwam­men auch noch die gedruck­ten Worte auf den Sei­ten vor mei­nen Augen, bil­de­ten ein Mus­ter, schwarz auf weiß, und es war, als sähe ich darin eine Gestalt – ich kann nicht sagen, ob Mann oder Frau –, die wie beses­sen tippt, beschrie­bene Sei­ten zer­knüllt, quä­lend lange auf eine ange­fan­gene Zeile starrt und sich die Haare rauft, Kom­ma­re­geln nach­schlägt, einen Aus­druck mit Kor­rek­tu­ren über­sät, an fau­li­gen Äpfeln riecht und sich auf dem Boden wälzt, weil sich das rich­tige Wort nicht ein­stel­len will, Figu­ren erschafft und ver­wirft, Namen und Bio­gra­fien für sie erfin­det, sie durch Höhen und Tie­fen schickt, an Beschrei­bun­gen feilt, aus dem Fun­dus eige­ner Erfah­run­gen schöpft, Sze­nen zusam­men­streicht und ganze Kapi­tel wie­der löscht – und das alles, um mir eine Geschichte zu erzäh­len.

Warum?, frage ich das Buch in mei­ner Hand, denn offen­bar habe ich, wäh­rend ich schwan­kend im Kor­ri­dor stand, zu einem mei­ner Lieb­lings­ro­mane gegrif­fen, um ihn jetzt wie ein Ertrin­ken­der zu umklam­mern.

Ich schlage den Band auf, wahl­los irgendwo in der Mitte, will wie­der ein­tau­chen, mich hin­ein­zie­hen und mit­rei­ßen las­sen, will mit den Hel­den kämp­fen und sie­gen, lachen und wei­nen, lei­den und mein Glück fin­den, will mich gru­seln, amü­sie­ren, ver­lie­ben, Unmög­li­ches ver­su­chen, ver­zwei­feln und cou­ra­giert Gefah­ren und Wid­rig­kei­ten ent­ge­gen­tre­ten, will mich fes­seln, über­ra­schen und in Atem hal­ten las­sen. Doch gleich­zei­tig weiß ich, dass der Zau­ber gebro­chen und der Schleier unwi­der­ruf­lich zer­ris­sen ist. Ein dum­mer klei­ner Recht­schreib­feh­ler hat mich unwie­der­bring­lich die Unschuld ver­lie­ren las­sen und mir vor Augen geführt, dass das alles nur Erfin­dung ist, eine mehr oder weni­ger gut kon­stru­ierte Fik­tion, bei der alles auch ganz anders sein könnte.

Ich bli­cke auf. Rei­hen um Rei­hen fein säu­ber­lich auf­ge­reih­ter Buch­rü­cken star­ren mich an. Ein mit­leids­lo­ser Engel hat mich aus dem Gar­ten Eden des kind­li­chen Lese­ver­gnü­gens ver­trie­ben. Es könnte alles auch ganz anders sein! Viel­leicht, denke ich, ist das ein Weck­ruf, der mich ins Leben ruft, mein eige­nes Leben, das echte und wahre Leben mit sei­ner ganz eige­nen Magie. Will ich mich denn nicht wie­der ver­lie­ben, Unmög­li­ches ver­su­chen, mein Glück fin­den? Den Gedan­ken, dass auch dies alles nur eine Geschichte sein könnte, die ich mir selbst erzähle, schüttle ich unwil­lig ab.

Nach­dem ich den Roman in die Lücke zurück­ge­stellt habe, mache ich kehrt. Im Wohn­zim­mer stehe ich eine Zeit­lang unschlüs­sig herum. Also das eigent­li­che, das wirk­li­che Leben. Wo anfan­gen? Am bes­ten ganz vorn. Ich greife in der Vitrine zu dem Foto­al­bum mit mei­nen Kind­heits­fo­tos …
 

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Korridorium-Serviette 234 mit Mindmap

 

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Zweite Fas­sung:
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Im Gar­de­ro­ben­schrank könnte ich noch Bat­te­rien haben. So ein Mist auch. Da sitze ich bequem im Fern­seh­ses­sel, guck das End­spiel, will rüber zu den Erd­nüs­sen grei­fen und muss fest­stel­len, dass ich auf der Fern­be­die­nung sitze und es jetzt irgend­wie schaffe, mit dem Hin­tern die Stumm-Taste aus­zu­lö­sen. Will den Ton wie­der ein­schal­ten, aber die Fern­be­die­nung reagiert auf ein­mal nicht mehr. Drü­cke wild drauf rum, schüt­tel das Teil, und als das nix nützt, mach ich das Bat­te­rie­fach auf, drehe an den Din­gern, und, he, geht doch plötz­lich der CD-Player an. Dixie­land? Muss eine CD von Ellie sein, die sie ver­ges­sen hat. Hab den Player offen­bar seit­dem nicht mehr benutzt. Wie auch immer. War das letzte Lebens­zei­chen der Fern­be­die­nung, denn jetzt tut sich gar nix mehr. Muss wohl doch auf­ste­hen und Bat­te­rien suchen, denke ich, aber starre erst mal in die Glotze wie Kanin­chen auf Schlange: Mit dem Dixie­land-Jazz wirkt das plötz­lich ganz anders. Kommt mir vor, als bin ich in einem kom­plett ande­ren Film: ner Slap­stick-Komö­die.

Jeden­falls finde ich auch hier im Gar­de­ro­ben­schrank keine neuen Bat­te­rien. Wo könnte ich noch wel­che haben? Ich will das Spiel nicht ver­pas­sen! Aber bei dem fröh­li­chen Geplärre aus dem Wohn­zim­mer ist es fast unmög­lich, genervt zu sein. Wenn’s mich auch trau­rig macht. Wegen Ellie. Mit ande­rem Sound­track wär mein Leben wahr­schein­lich auch kom­plett anders ver­lau­fen. Komi­sche Vor­stel­lung. Dass alles auch ganz anders sein könnte. Dass Ellie noch hier sein könnte. Und dass das im End­spiel genauso gut unsre Natio­nal­elf sein könnte …

Im Schlaf­zim­mer werd ich fün­dig: Die Bat­te­rien im Wecker haben die rich­tige Größe. Kein wei­te­res Tor gefal­len. Ein Tas­ten­druck, der Jazz ver­stummt, ohren­be­täu­bend set­zen die Fan­ge­sänge und Trom­meln ein, und damit bin ich wie­der mit­ten im Drama von Kiew. Ich lass mich in den Ses­sel plump­sen. Geht doch!

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Korridorium-Tagebucheintrag 234

 

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Dritte, finale Fas­sung:

 

Ich betrete den Kor­ri­dor. (Pst! Ist nur eine Geschichte. Könnte alles auch ganz anders sein. Aber nicht wei­ter­sa­gen. Will kei­ner wis­sen.)