Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Meta

308/398

5 + 1 Musi­cal Let­ters

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Ich betrete den Kor­ri­dor immer gleich mor­gens zum Früh­stück 😉 Dein Twit­ter­ac­count ist da total prak­tisch, da kann ich immer gleich zum neus­ten Mär­chen kli­cken oder was auch immer du nachts wie­der für abge­fah­re­nes Zeug online gestellt hast. Auch die Mord­se­rie mit Herz find ich cool, aber die les ich immer nie, weil sie zu lang fürs Früh­stück ist, wenn nicht grade Sonn­tag ist. Und die grot­ti­gen Sound­tracks finde ich kannst du dir spa­ren oder hör am 21.12. damit auf und mach nur noch mit den Geschich­ten wei­ter, zumin­dest die kur­zen klei­nen. Also wenn du das ernst meinst mit dem Auf­hö­ren, find ich das voll kacke. 🙁 Denk an deine Fans! Du müss­test doch jetzt total im Groove mit dem täg­li­chen Cor­ri­do­ring sein. Also nimm das oben raus mit „bis 12/12/12“ und beson­ders die­ses damokli­sche „/398“, das macht mich immer echt voll ner­vös beim Früh­stück.

         – Meg D., Frankfurt/Oder (per E‑Mail)

 

 

Liebe® Cory,

danke für all die extra­va­gan­ten Kor­ri­dor-Ein­bli­cke (die mich immer mal wie­der an Ist­ván Örké­nys bezau­bernde Minu­ten­no­vel­len erin­nern). Ich habe schon herz­lich lachen, offe­nen Mun­des stau­nen, stirn­run­zelnd rät­seln und ein­mal sogar ein wenig schluch­zen müs­sen. Was für ein unge­wöhn­li­ches bel­le­tris­ti­sches Uni­ver­sum! Und wie man sich da immer wie­der unver­se­hens auf der Meta­ebene wie­der­fin­det!

[… Aber dass es nach nicht ein­mal 400 Kor­ri­do­ren vor­bei sein soll, kann ich ein­fach nicht glau­ben. Und dass dann alles auch gleich gelöscht wer­den soll! Warum? Es gibt doch wahr­lich noch mehr als genug Ideen und Anlässe, um »in die Gänge zu kom­men«. Ich helfe auch gerne mit ein paar Minu­ten­kor­ri­do­ren aus, falls Bedarf bestehen sollte. […

Mit kor­ri­do­ra­ni­schen Grü­ßen, hoff­nungs­voll,

         – Rai­ner H. aus Offen­burg (per Brief)

 

 

An das Kor­ri­do­rium und alle Betei­lig­ten.

Nicht alles hier bei Ihnen sagt mir zu, und ich bin auch längst nicht mit allem ein­ver­stan­den. Es spricht jedoch oft eine große Weis­heit und Lebens­be­ja­hung aus Ihren ori­gi­nel­len Pro­sa­stü­cken (z. B. denen mit dem spi­ri­tu­el­len Meis­ter). Seit mir aber klar gewor­den ist, dass der Blog die­ses Jahr noch enden und wenig spä­ter sogar die ganze Web­site abge­schal­tet wird, ist es für mich so, als winke im Hin­ter­grund stän­dig der Tod mit sei­ner Sense, und auch die Stü­cke selbst schei­nen mir seit­dem eher von einer gewis­sen Lebens­ver­ach­tung getra­gen als von dem Wohl­wol­len, das ich anfangs aus ihnen her­aus­zu­le­sen glaubte – ich sage nur: Nine-Ele­ven.

Den­noch fühle ich mich posi­tiv davon ange­spro­chen, dass Sie bei Ihren Lesern einen gewis­sen Bil­dungs­hin­ter­grund vor­aus­set­zen. Das ist heut­zu­tage, gerade in den Mas­sen­me­dien, immer sel­te­ner der Fall. Damit auch wei­ter­hin der Stab für ein breit­ge­fä­cher­tes Hin­ter­grund­wis­sen gebro­chen wird, möchte ich Ihnen gegen­über dafür plä­die­ren, die­sen unse­li­gen Count­down Ihres so wun­der­bar ver­spiel­ten lite­ra­ri­schen Sam­mel­su­ri­ums zu stop­pen. Könnte sich nicht im letz­ten Kor­ri­dor, auch wenn er eine Sack­gasse zu sein scheint, uner­war­tet eine kleine Geheim­tür öff­nen zu neuen (und gewiss auch wei­ter­hin sehr inspi­rie­ren­den) Erleb­nis­sen, gerne auch wie­der in Tibet? Gehen Sie in sich! Geben Sie sich einen Ruck und tref­fen Sie eine lebens­be­ja­hende Ent­schei­dung!

         – Dr. Helena v. H. (per Fax)

 

 

Hallo, Tycho;

hallo, Cory;

jede Nacht mit einem neuen Track beschallt zu wer­den, und das jetzt seit fast einem Jahr: Respekt! Die Musik füllt schon rund zehn rand­volle CDs. Hut ab! Auch wenn ich ehr­lich gesagt mit den Tex­ten nicht so viel anfan­gen kann, sind die Tracks jedes Mal wie­der für einen klei­nen Trip gut, beson­ders alles, was in Rich­tung Dark Ambi­ent geht. […

Mit Grau­sen lese ich, dass euer Blog ein Ver­falls­da­tum hat und damit der täg­li­che Nach­schub an psy­che­de­li­scher Elek­tro­nik limi­tiert ist. [… Und über­haupt: das Löschen der Web­site am 21.12.12 wider­spricht der Grund­idee hin­ter dem WWW. Schon ver­ges­sen? Das Web ver­gisst nie.

Inzwi­schen lasse ich den Track des Tages immer lau­fen, wäh­rend ich mir den neus­ten Strip von Sin­fest angu­cke. Bei­des passt manch­mal echt gut zusam­men. Sin­fest gibt’s täg­lich (!), seit zwölf Jah­ren (!!), sonn­tags in Farbe, und liegt bei knapp 4000 (!!!) Strips. Ihr soll­tet euch das zum Vor­bild neh­men und wei­ter­ma­chen. Ich wäre auch ein­ver­stan­den, wenn’s nur sonn­tags einen Text gibt, dafür aber wei­ter­hin jede Nacht einen eurer tran­cig-trip­pi­gen Sound­tracks, die in ihren bes­ten Momen­ten fast wir­ken, als hät­ten Ali­ens sie kom­po­niert. […

         aus einem offe­nen Brief im Blog Musik für Erwach­sene

 

324/398

Héri og broddgöl­tur

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Ich betrete den Kor­ri­dor und finde dort zu mei­ner Über­ra­schung einen mei­ner Leser vor. Wie kann er noch vor mir hier­her­ge­langt sein? Er hebt die Hand zum Gruß, hat mich erwar­tet, will mich etwas fra­gen, mich auf­hal­ten, doch ich wei­che aus, eile wort­los vor­bei, den Kor­ri­dor ent­lang, zur Tür an sei­nem Ende. Im nächs­ten Kor­ri­dor (möchte ich doch sehr hof­fen!) werde ich wie­der allen vor­aus sein, leicht­fü­ßig, kapri­ziös, fan­ta­sie­voll, immer für eine Über­ra­schung gut.
 

328/398

Codex Gigas

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Ich betrete den Kor­ri­dor, wenn die Herr­schaf­ten in der Biblio­thek ihren nach­mit­täg­li­chen Tee ein­neh­men, um heim­lich das Zim­mer des Sekre­tärs auf­zu­su­chen. Unter sei­nem Schreib­tisch fin­den sich näm­lich fast immer ein paar kärg­li­che Reste, die ich auf­sam­meln kann.

Ich bin der Küchen­junge eines der größ­ten Dich­ter unse­rer Zeit. Nie würde Er sich her­ab­las­sen, mir etwas davon vor­zu­le­sen, was Er täg­lich Bedeut­sa­mes zu Papier bringt.

All­abend­lich schüt­telt Er, bevor Er sein Stu­dier­zim­mer ver­lässt, die von ihm eng beschrie­be­nen Stöße und ver­setzt ihnen Schläge mit sei­nem klei­nen Tep­pich­klop­fer. Er tut dies so geschickt, dass aller Kitsch und alle Kli­schees, dass alle Bana­li­tä­ten, unnö­ti­gen Wie­der­ho­lun­gen, Manie­ris­men und ver­klau­su­lier­ten Gedan­ken aus sei­nem Tages­werk her­aus­fal­len wie Staub aus einer Boden­matte. Die­sen Abfall kehrt spä­ter sein Sekre­tär zu einem Hau­fen zusam­men, aber statt ihn in den Müll zu wer­fen, ver­fer­tigt er dar­aus heim­lich, Satz für Satz, einen Roman. Wofür er keine Ver­wen­dung hat, das lässt er acht­los unter den Tisch fal­len. Diese spär­li­chen Über­bleib­sel hole ich mir unbe­merkt aus sei­nem Zim­mer und setze sie in mei­ner karg bemes­se­nen Frei­zeit zu klei­nen Minia­tu­ren zusam­men.

Ges­tern hat mich mein Herr und Meis­ter, der Poet, dabei erwischt. »Aha, was haben wir denn da?«, fragte Er ver­ächt­lich.

»Oh, es ist nichts, Herr, nichts.«

Trotz­dem zückte Er gleich sei­nen Tep­pich­klop­fer, nahm mir den Blät­ter­sta­pel aus den Hän­den und bear­bei­tete ihn hohn­la­chend. Zu Sei­nem Erstau­nen jedoch fiel aus mei­nen klei­nen Geschich­ten nur eine ein­zige Skizze her­aus. Diese hier.

350/398

A Meta­phrase of Ever­y­day Life (Exc)

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Ich betrete den Kor­ri­dor, denn wenn man einen Film wie einen Flur, der einen in unbe­kannte Räume führt, betre­ten kann (und ich rede hier nicht von 360°-Kinos, die es über eine effekt­ha­sche­ri­sche Jahr­markts­at­trak­tion nie hin­aus­ge­schafft haben), dann ist es – neben einer Instal­la­tion Bill Vio­las mit vier an die Wände eines Rau­mes pro­ji­zier­ten Videos – wohl die­ser: Kori­do­rius von Šarū­nas Bar­tas.

Nicht ohne Grund ähnelt sein Film­ti­tel dem mei­nes Ihnen hier prä­sen­tier­ten Werks, und ich hätte es womög­lich schon frü­her geste­hen sol­len: Die Noti­zen und Skiz­zen, die ich an die­ser Stelle ver­öf­fent­li­che, sind letzt­lich nichts wei­ter als kaum ver­hoh­lene Mit­schrif­ten und Beschrei­bun­gen sämt­li­cher nicht ganz 400 Ein­stel­lun­gen die­ses Films – und der Ver­such, die­ses von tie­fer Melan­cho­lie durch­zo­gene Avant­garde-Werk über das Ende und den Neu­an­fang des Erzäh­lens mit­tels fröh­li­cher, anspre­chen­der Wer­be­bot­schaf­ten einem brei­te­ren Publi­kum schmack­haft zu machen. Längst ist mir klar­ge­wor­den, dass mein ambi­tio­nier­tes Vor­ha­ben schon von der Idee her zum Schei­tern ver­ur­teilt war. Lus­tige, sprit­zige, leicht ver­dau­li­che Text­häpp­chen, mit leich­ter Hand geschrie­ben und auf den Geschmack der Masse gezielt, wer­den schwer­lich jeman­den dazu bewe­gen kön­nen, sich auf etwas ein­zu­las­sen, das sper­rig, vage und abgrün­dig ist, selbst wenn es in sei­ner Gesamt­heit eine tief­grei­fende, viel­leicht erkennt­nis­rei­che Erfah­rung ver­spricht.

Doch nun, wo ich schon so weit gekom­men bin, möchte ich Ihnen auch die letz­ten Sze­nen des Films und damit meine knapp fünf­zig noch feh­len­den Meta­phra­sen zu Kori­do­rius nicht vor­ent­hal­ten. Bitte ver­zei­hen Sie mir diese nach­denk­li­chen und viel­leicht sogar etwas schwer­mü­ti­gen Aus­füh­run­gen. Nach die­sem klei­nen Aus­rut­scher geht es bei mir wei­ter, wie Sie es seit jetzt fast einem Jahr Tag für Tag von mir gewohnt sind: mit hei­te­ren, unter­halt­sa­men Geschich­ten und beschwingt-ver­gnüg­li­chen Bege­ben­hei­ten zu Ihrer Zer­streu­ung.

 

358/398

Í góðum hön­dum

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier ste­hen sie und war­ten, die Kan­di­da­ten für die Nach­miete. Sin­gles, Paare, meh­rere Klein­fa­mi­lien mit Kin­dern. Was für ein uner­war­te­ter Ansturm – hätte nicht gedacht, dass es so viele poten­zi­elle Nach­fol­ger für mich gibt, die all die Anfor­de­run­gen erfül­len, wie ich sie in der klei­nen Annonce auf­ge­führt habe. Schließ­lich ist das hier eine Art Wol­ken­ku­ckucks­heim, eine geis­tige Heim­statt der beson­de­ren Art in bes­ter Lage, lie­be­voll aus­ge­stat­tet und mit per­sön­li­cher Note. Hier weg­ge­hen zu müs­sen, tut mir in der Seele weh. Aber es rufen mich neue Auf­ga­ben.

»Und Sie trauen sich alle zu, das Kor­ri­do­rium fort­zu­füh­ren?«, frage ich erstaunt in die Menge. Sie wer­fen sich fra­gende Bli­cke zu. »Kor­ri­do­rium?«, fragt eine junge Frau, die ein Baby auf dem Arm hat. »Na, was denn sonst? Ich suche einen Nach­mie­ter. Für’s Kor­ri­do­rium. Stand doch so in der Anzeige.«

Die War­ten­den sehen sich an. Einige schüt­teln ver­ständ­nis­los den Kopf. »Wir wol­len zur Ein­füh­rungs­stunde«, erklärt mir die junge Frau. Ich bin ver­dat­tert: »Ein­füh­rungs­stunde?«

»Ja, die kos­ten­lose Ein­füh­rungs­stunde um vier.« Ich folge ihrem Blick, drehe mich um und sehe, dass auf mei­ner Tür aus der Auf­schrift »Kor­ri­do­rium« irgend­je­mand das Wort »Koran­stu­dium« gemacht hat. Ver­är­gert wische ich die Farbe mit mei­ner Hand­kante ab, bis wie­der, wenn auch ein wenig ver­schmiert, Kor­ri­do­rium da steht. Die­sen Streich haben mir ver­mut­lich die Kids gespielt, die hier stän­dig durch den Flur toben.

Kurz­ent­schlos­sen wende ich mich wie­der mei­nen Besu­chern zu. »Ich könnte Ihnen allen eben­falls eine Ein­füh­rungs­stunde geben. Auch kos­ten­los natür­lich. Über reli­giö­ses Scheu­klap­pen­den­ken geht es weit hin­aus in eine zukunfts­fä­hige Welt­sicht und ist auch viel lus­ti­ger«, impro­vi­siere ich. »Ich würde Tee machen, Plätz­chen für alle rei­chen, wenn sie denn für alle rei­chen, und …«

Aber die Leute im Flur tuscheln ärger­lich, und einige sehen in ihren Zei­tun­gen nach. »Fal­sches Stock­werk«, sagt einer, alle machen kehrt und zie­hen Rich­tung Trep­pen­haus. »Ist denn kei­ner fürs Kor­ri­do­rium hier? Wird in rund fünf Wochen frei!«, rufe ich ihnen nach, doch bekomme keine Ant­wort. Nie­mand dreht sich um.

Ich sehe auf meine Arm­band­uhr. Drei Uhr acht­und­fünf­zig. Es ist noch vor der Zeit. Also könnte noch jemand auf­kreu­zen. Kann doch nicht sein, dass die Leute nur am Koran­stu­dium inter­es­siert sind! Und das mit dem Tee und der Ein­füh­rungs­stunde ist eigent­lich eine gute Idee. Ich lasse die Tür halb offen und gehe in die Küche, um Was­ser auf­zu­set­zen.

359/398

Ghost Requiem

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« – das war das Motto und die Mis­sion von Cory d’Or, und auch, wenn wir sonst kaum etwas über den Men­schen wis­sen, der sich die­sen pro­gram­ma­ti­schen Namen ver­lie­hen hat, so lässt sich doch ohne Über­trei­bung sagen, dass diese Pas­sion oder Obses­sion Cory zu etwas Beson­de­rem macht. Wie jeden von uns, denn ver­mut­lich fin­det sich bei allen, wenn wir nur genau genug hin­se­hen, eine sol­che spe­zi­elle Lei­den­schaft und ein ein­zig­ar­ti­ger Blick auf die Welt.

Für Cory waren es die Kor­ri­dore. Wobei der Begriff durch­aus weit gefasst war, Wild­kor­ri­dore und Son­nen­fins­ter­nis­sich­tungs­kor­ri­dore mit ein­schloss und damit auch eher unge­wöhn­li­che Exem­plare die­ser von Cory offen­bar gelieb­ten (und womög­lich gleich­zei­tig auch gehass­ten) Spe­zies von Räum­lich­kei­ten.

Dabei wären uns allen, die wir uns hier ver­sam­melt haben, um Abschied zu neh­men, diese beson­de­ren Kor­ri­dore kein Begriff, hätte Cory uns nicht an die­sem Ste­cken­pferd teil­ha­ben las­sen. So konnte diese Pas­sion ein wenig auf all jene abfär­ben, die von der einen oder ande­ren Nach­richt aus einem Uni­ver­sum namens »Kor­ri­do­rium« erreicht wur­den – und es ist für­wahr ein sehr eigen­tüm­li­cher Kos­mos mit selt­sa­men »plu­ri­di­men­sio­na­len« Gesetz­mä­ßig­kei­ten und einem skur­ri­len Per­so­nal.

Auch wenn nun der letzte der Kor­ri­dore durch­schrit­ten ist und Cory kei­nen wei­te­ren mehr für uns betre­ten wird – wobei die Hoff­nung bleibt, im Nach­lass wei­tere Frag­mente und Skiz­zen auf­zu­fin­den –, so hat das Kor­ri­do­rium mit sei­nen fast vier­hun­dert Mani­fes­ta­tio­nen, Varia­tio­nen und Meta­mor­pho­sen genug Eigen­le­ben ent­wi­ckeln kön­nen, um fort­zu­dau­ern in den Köp­fen und Her­zen sei­ner Besu­cher.

Cory hat nun, wenn ich das so sagen darf, den wirk­lich aller­letz­ten Kor­ri­dor betre­ten: den, von dem uns keine Nach­richt mehr errei­chen wird. Viele von Corys Gedan­ken­spie­len bezo­gen sich genau auf die­sen Moment und spe­ku­lier­ten über das, was »danach« kommt. Viel­leicht schaute Cory in den letz­ten Momen­ten tat­säch­lich »gelas­sen auf das, was da greif­bar, aber buch­stäb­lich jeder Beschrei­bung spot­tend« vor Augen lag? Und hat auch Begeis­te­rung dar­über emp­fun­den, end­lich die letz­ten (oder zumin­dest einige drän­gende) Fra­gen beant­wor­ten zu kön­nen …

Von ihnen, den letz­ten Din­gen, hat Cory immer wie­der auf fast schon beschwö­rende Weise geschrie­ben, das »Wer« weit weni­ger in den Vor­der­grund rückend als das »Was« und das für alle zugäng­li­che Werk als Wech­sel­rah­men und viel­di­men­sio­na­les Kipp­bild nut­zend. Wenn jetzt einige von euch For­mu­lie­run­gen wie »hin­ter­lässt eine schmerz­li­che Lücke«, »uner­setz­lich«, »zu früh« oder »tra­gi­scher Ver­lust« ver­mis­sen, so möchte ich die all­um­fas­sende Lei­den­schaft für die Viel­falt des Lebens dage­gen­hal­ten, die ich aus dem Kor­ri­do­rium her­aus­höre – und die gleich­zei­tige Akzep­tanz des Todes als not­wen­dige Vor­aus­set­zung, die­ses Leben in all sei­nen Facet­ten über­haupt erst zu ermög­li­chen und in Worte, Beob­ach­tun­gen und Geschich­ten zu fas­sen.

Möge der Mensch, der uns diese über­bor­dende Spiel­wiese an schrä­gen Ideen und unge­wöhn­li­chen Fan­ta­sien geschenkt hat, nun zu dem Kor­ri­dor gelangt sein, von dem es im Kor­ri­do­rium heißt: »Ich zögere kurz, um den Moment der auf­wal­len­den Vor­freude aus­zu­kos­ten, die ich im gan­zen Kör­per spü­ren kann. Etwas Unsag­ba­res erwar­tet mich. Ich öffne die Tür.«

Man kann – und damit möchte ich schlie­ßen – Cory Vie­les vor­wer­fen, nicht aber die Scheu vor Kalau­ern. Des­halb, und es kommt von Her­zen, erlaube ich mir, Cory zum Abschied nach­zu­ru­fen: Du wirst immer in unse­ren Kor­ri­do­ren blei­ben!

 

Die Redak­tion möchte sich bei Ihren Lese­rin­nen und Lesern für den ver­se­hent­li­chen Abdruck eines vor­pro­du­zier­ten Nach­rufs ent­schul­di­gen. Wir kön­nen Ihnen ver­si­chern, dass Cory sich wei­ter­hin bes­ter Gesund­heit erfreut und sich über diese fik­tive Grab­rede herr­lich amü­siert hat.

Der eigent­lich an die­ser Stelle vor­ge­se­hene Text ist die­ser:

 

359/398

Fyrr en síðar í mötu­n­eyti

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Ich betrete den Kor­ri­dor der Erleuch­te­ten auf Zehen­spit­zen. Will hier kei­nen wecken; sie träu­men so schön davon, end­gül­tig wach zu sein …

365/398

Smoke and Mir­rors

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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen Wohn­haus und Garage, ein schma­ler, schmuck­lo­ser Gang mit einer klei­nen Nische in der Wand, in der ich über Jahre hin­weg die Knöll­chen fürs Falsch­par­ken gesam­melt habe. Seit ich den Wagen abge­schafft, in der Garage mein Arbeits­zim­mer ein­ge­rich­tet und die Schreib­ma­schi­nen dort ein­ge­räumt habe, stand die Nische eine Zeit­lang leer. Jetzt habe ich ein Bron­ze­schäl­chen hin­ein­ge­stellt und ent­zünde darin, bevor ich mor­gens mit der Arbeit beginne, ein Stück hauch­dün­nen Papiers: Ein rüh­ri­ger Ver­lag in Peking hat eine Über­set­zung die­ser Minia­tu­ren ins Chi­ne­si­sche gedruckt, in Form eines Jah­res-Abreiß­ka­len­ders aus soge­nann­tem Chi­nese Bur­ning Paper mit 365 Kalen­der­blät­tern. Diese wer­den, nach dem täg­li­chen Lesen, in der im Kauf­preis inbe­grif­fe­nen Schale ver­brannt, was nicht nur gut riecht, son­dern dar­über hin­aus kräu­seln­den, gelb­grauen Rauch erzeugt, der die Fan­ta­sie anre­gen soll.

 

366/398

Prose Gob­bler

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« ist ver­mut­lich exakt und wort­ge­treu der Satz, den man am Anfang mei­nes Vor­wor­tes zu die­ser Kol­lek­tion von Pros­ami­nia­tu­ren erwar­ten würde. Aller­dings habe ich die­sen drei­hun­dert­acht­und­neun­zig­ma­li­gen, man ver­zeihe mir das Wort­spiel, »Kor­ri­dor­gas­mus« erst nach der vor­ei­li­gen Zusage gele­sen, ein Vor­wort dazu zu ver­fas­sen, und, Hand aus Herz, ich kann mit die­sen Text­schnip­seln ein­fach nichts anfan­gen.

Wenn das Schule macht: Was kommt danach? »Ich schalte den Fern­se­her ein«? »Ich bohre mir in der Nase«? »Ich betrachte die Warze auf mei­nem Hand­rü­cken«? Und das dann vier­hun­dert Mal? Oder warum nicht tau­send Mal, zehn­tau­send Mal? Ich komme mir vor wie in einem Semi­nar in Krea­ti­vem Schrei­ben (»Und nun schrei­ben wir alle eine kleine Geschichte mit dem Anfangs­satz ›Ich betrete den Kor­ri­dor‹, und zwar ohne groß nach­zu­den­ken!«) …

Gut, ja, es soll frak­tale Lite­ra­tur sein, sozu­sa­gen ein Apfel­männ­chen in Pro­sa­form, eine Julia­menge gewähl­ter Worte, ite­ra­tive For­meln nicht in Zif­fern, son­dern Buch­sta­ben, wohl in der heh­ren Absicht, damit selbst­ähn­li­che Tex­tu­ren und »selt­same Attrak­to­ren« schaf­fen zu wol­len. Zumin­dest sagt das unsere Wis­sen­schafts­re­dak­tion, an die ich mich mit der Frage gewen­det habe, was denn wohl »frak­tale Lite­ra­tur« sein könnte. Wäh­rend Frak­tale eine mathe­ma­ti­sche Beschrei­bung unse­rer Welt sind, die pas­sen­der­weise Cha­os­theo­rie heißt, zer­fa­sern jedoch diese »Kor­ri­dore« in Ein­zel­be­trach­tun­gen, Allu­sio­nen und Frag­mente, die eben gerade kein Kon­ti­nuum, kein »Kor­ri­do­rium« erge­ben. Es will alles nicht so recht zusam­men­pas­sen, und der Kor­ri­dor als gemein­sa­mer Nen­ner kann diese doch ziem­lich wirre Beschrei­bung einer kurio­sen und selbst­be­züg­li­chen, jeden­falls gänz­lich kor­ridor­be­ses­se­nen Innen­welt nicht über­zeu­gend unter einen Hut brin­gen.

Wenn – ließe sich laut unse­rer Wis­sen­schafts­re­dak­tion viel­leicht dar­aus schlie­ßen – die ein­zel­nen Kor­ri­dore ite­ra­tive For­meln sind und damit Bau­an­lei­tun­gen für eine kom­plexe Welt von man­nig­fa­cher Form und Aus­prä­gung, dann würde, um diese Annahme zuen­de­zu­den­ken, mein Gehirn und das von allen Lesern das aus­füh­rende Organ dar­stel­len, das diese Wel­ten erschafft.

Das muss man erst ein­mal sacken las­sen.

Was es bedeu­tet, ent­zieht sich aller­dings kom­plett mei­ner Kennt­nis. Unser Wis­sen­schafts­re­dak­teur, der sonst nie eine Ant­wort schul­dig bleibt, hat keine Ahnung, und ich, der mit der Cha­os­theo­rie nur in der Pra­xis des All­tags zu tun hat, schon gar nicht. Von daher möchte ich die­ses Vor­wort auf das beschrän­ken, was ich zu sagen weiß und guten Gewis­sens hier auf die Tür­matte schrei­ben kann:

Sie, geneig­ter Leser, ste­hen kurz davon, den Kor­ri­dor zu betre­ten, den ers­ten von hun­der­ten wei­te­rer, die Sie in einen Irr­gar­ten oder – und den Unter­schied macht ver­mut­lich nur der Flü­gel­schlag eines Schmet­ter­lings in Reykja­vík aus – in ein Irren­haus füh­ren.

Sagen Sie hin­ter­her nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!

 

[Liebe® Cory, bitte seien Sie nicht scho­ckiert über mei­nen miss­lun­ge­nen Vor­wort-Ver­such. Sel­ten ist mir etwas gründ­li­cher dane­ben­ge­gan­gen, und ehr­lich gesagt weiß ich auch nicht, wel­cher Teu­fel mich bei der gan­zen Sache gerit­ten hat. Natür­lich ist die­ses Vor­wort nicht zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt.

Ein Kor­ri­dor, musste ich schon kurz nach mei­ner unüber­leg­ten Zusage fest­stel­len, ist für mich ein­fach das so ziem­lich Unsinn­lichste, das ich mir vor­stel­len kann. Direkt gefolgt von frak­ta­ler Geo­me­trie.

Tat­säch­lich haben mir sogar ein paar der Texte gefal­len, und einige fand ich durch­aus gelun­gen. Aber es geht ja wohl um ein Vor­wort für das Gesamt­pa­ket.

Ich hätte Ihnen zwar auch ein­fach nur schrei­ben kön­nen, dass mir nichts Ver­nünf­ti­ges ein­fällt, nichts Wit­zi­ges, nichts Klu­ges, geschweige denn Welt­be­we­gen­des (oder auch nur Wer­be­wirk­sa­mes). Nur: Bei einer blo­ßen Absage muss ich natür­lich mit Wider­spruch Ihrer­seits rech­nen und dass Sie mir zurück­schrei­ben, ich solle es doch bitte erst ein­mal ver­su­chen. Das habe ich hier­mit getan, sozu­sa­gen in vor­aus­ei­len­dem Gehor­sam (und nicht zuletzt um mir selbst zu zei­gen, dass es ein­fach nicht geht).

Sorry. Fra­gen Sie doch mal bei den Kol­le­gen Axel Hacke, Harald Mar­ten­stein, Sascha Lobo oder Flo­rian Meim­berg an. Ich jeden­falls konnte auch mit dem spä­ten James Joyce (die mehr­fa­chen Bezüge auf Fin­ne­gans Wake sind mir nicht ent­gan­gen) nie etwas anfan­gen und scheine ein­fach zu kon­ser­va­tiv für Ihre Kor­ri­dor­li­te­ra­tur zu sein.

 

(auf Wunsch des Autors ohne Namens­nen­nung)

 

387/398

Yoin

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Ich betrete den Kor­ri­dor, oder zumin­dest bin ich schon mit mei­nen Gedan­ken im Haus­boot, den Schlüs­sel gezückt, denn mein Freund Norbu wird mal wie­der mein Klop­fen nicht hören.

Doch das Haus­boot – ist nicht mehr da! Selt­sam nackt sieht die Stelle am Ufer aus. Bin ich hier rich­tig? Klar, der Strom­an­schluss am Ufer, die Rohr­ver­bin­dun­gen, der kurze Steg. Aber kein Haus­boot mehr. Mein Freund Norbu ist fort.

Ich bin wie vom Don­ner gerührt und muss mich erst mal set­zen. In der Nähe hat jemand ille­gal Sperr­müll ent­sorgt. Es ist ein ange­knick­ter Gar­ten­stuhl aus Plas­tik dabei. Ich stelle ihn auf­recht und bin froh, dass ich mich hin­ein­fal­len las­sen kann. Ver­mut­lich bin ich gerade krei­de­bleich gewor­den: Mein Freund Norbu hat ohne ein Wort des Abschieds abge­legt und das Weite gesucht.

Gut, er hat davon gespro­chen. Dass er ein­mal alle Brü­cken hin­ter sich abbre­chen könnte. »Wenn ich mal nicht mehr da bin …«, hatte er bedeu­tungs­schwan­ger ange­fan­gen. Ich dachte zuerst, er spricht vom Ster­ben. Er sprach aller­dings davon, dass es ihn viel­leicht irgend­wann ein­mal rei­zen könnte, ein neues Leben anzu­fan­gen. Und das wollte er wenn, dann offen­bar gründ­lich tun.

»Wir tele­fo­nie­ren aber doch, und ich komme dich besu­chen!«, hatte ich erwi­dert. Er sah mich nur an. »Skype? E‑Mail? Wenigs­tens eine Post­adresse?«, setzte ich nach. Norbu schüt­telte lang­sam den Kopf.

Ich hatte die­ses Gespräch ver­drängt. Jetzt steht es mir wie­der vor Augen. Norbu hat Nägel mit Köp­fen gemacht. Erstaun­lich, dass sein Haus­boot über­haupt manö­vrier­bar ist. Aber er hat ja auch immer wie­der daran her­um­ge­wer­kelt. Wie lange hat es hier schon gele­gen? Wie lange kenne ich Norbu schon? Zwan­zig Jahre? Fünf­und­zwan­zig? Die Ufer­pflan­zen, die es mit ihren Ran­ken aufs Haus­boot geschafft hat­ten, hat Norbu gekappt und dann ein­fach den Anker geho­ben. Hat sein Boot über­haupt einen Anker? Ich habe nie dar­über nach­ge­dacht.

Viel­leicht ist er noch nicht lange weg. Ich kann am Ufer ent­lang­lau­fen. Ver­mut­lich erwi­sche ich ihn in einer der nächs­ten Schleu­sen. Ich schwenke wild die Arme und rufe sei­nen Namen. Und er tritt auf die Ter­rasse und winkt zurück, winkt mich zu sich rein, um mit mir die Welt­meere zu durch­kreu­zen, und wir sit­zen vorm Pan­ora­ma­fens­ter, trin­ken ein Gläs­chen Bar­ba­roux und sehen Wale vor­bei­zie­hen.

Eine Fla­sche Roten habe ich dabei. Und da, liegt da nicht etwas auf dem kur­zen Steg? Ja. Norbu hat an mich gedacht. Ein Kor­ken­zie­her und zwei Glä­ser. Keine Nach­richt. Aber – wie er wahr­schein­lich sagen würde: Das ist ja gerade die Nach­richt.

»Schreib du’s auf«, hatte er immer wie­der gesagt, wenn ich ihm riet, aus sei­nem Elfen­bein­turm raus­zu­kom­men und seine Ideen irgend­wie unter die Leute zu brin­gen. »Du bist eh der bes­sere Schrei­ber. Ich kann nur Doku.« Damit meinte er sei­nen uner­müd­li­chen anony­men Input für die Wiki­pe­dia.

Klar bin ich sauer. Und trau­rig. Und ver­stört. Aber er hat an mich gedacht. Und irgend­wie hat er mich auch auf die­sen Moment vor­be­rei­tet. Ich rufe laut »Scheiße!«, schlage auf die Lehne des wind­schie­fen Stuhls und belege Norbu inner­lich mit den schlimms­ten Schimpf­wör­tern, die mir ein­fal­len. Dann atme ich tief durch. Das tat gut. Jetzt kann ich mich ganz dem wid­men, was ansteht.

Mein klei­nes Notiz­büch­lein habe ich dabei – es ste­hen nur ein paar Tele­fon­num­mern drin und eine Hand­voll Inter­net­adres­sen. Auch ein Stift fin­det sich in mei­ner Jacke. Ich stehe auf, setze mich auf den Steg, gieße zwei Glä­ser ein und proste uns zu. Auf unsere Freund­schaft! Ich will, ich kann ihm nicht böse sein. Mein Freund zu sein bedeu­tete ihm mehr als unsere Tref­fen und unsere Gesprä­che. Ihm war das see­li­sche Band zwi­schen uns immer wich­ti­ger. Und auf die­ses hebe ich jetzt das zweite Glas. Dann nehme ich den Stift zwi­schen die Fin­ger.

Hm. Ein eigen­ar­ti­ges Gefühl. Alles auf­schrei­ben … Wie soll ich anfan­gen? Wie fängt es immer an?

»Ich betrete den Kor­ri­dor.«

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