Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: BestOf

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Das Titelbild zeigt ein Krankenzimmer mit medizinischen und Messgeräten. Über dem leeren Krankenbett schwebt eine von einem weißen Tuch umhüllte, schlafende Frau. Der Raum hat eine Wolkentapete und ein Oberlicht, auf dem ein toter Vogel liegt.

♫ Embrace that Distant Shore ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor nach viel zu kur­zem Schlaf. Aber so ist das hier im Schlaf­la­bor: Die Arbeit fällt haupt­säch­lich nachts an – die Pro­ban­den schla­fen, die For­scher wachen und sam­meln Daten. Dies­mal ver­su­che ich, mit einer Pro­ban­din zu kom­mu­ni­zie­ren, die das Klar­träu­men beherrscht. Ich trete in unse­ren Kon­troll­raum, von dem aus wir nach drei Sei­ten durch halb­ver­spie­gelte Schei­ben in enge Schlaf­zim­mer sehen. Nur ein Bett ist belegt.

Als mir der Enze­pha­lograph anzeigt, dass die Stu­den­tin träumt, lasse ich drei helle rote Blitze ihr klei­nes Zim­mer erhel­len – als vor­her abge­spro­chene Hilfe für sie, inner­halb des Trau­mes zur Luzi­di­tät zu erwa­chen, und eine Art Anklop­fen bei ihr, dass wir sie kon­tak­tie­ren möch­ten. Sie ist eine unse­rer erfah­rens­ten Klar­träu­me­rin­nen.

Die Bewe­gun­gen ihrer Aug­äp­fel las­sen, zeigt mir der ent­spre­chende Moni­tor, jetzt ein Mus­ter erken­nen. Erst acht­mal ein Ruck nach links, dann ein­mal, dann zwölf­mal und noch ein­mal zwölf­mal, dann fünf­zehn­mal. Ein simp­ler Code: Sie hat mir gerade »Hallo« gesagt.

Über Laut­spre­cher frage ich, ob sie mich hören kann. Der Enze­pha­lograph zeigt, dass sie schläft und träumt. Trotz­dem signa­li­siert sie mir mit ihren Augen: »Ja«. – »Dann los!«, sage ich. Sie kennt ihre Auf­gabe. Sie soll – im Traum und ohne auf­zu­wa­chen – ihren Kör­per hoch­schwe­ben las­sen bis über den Schrank in ihrem Raum und uns durch­ge­ben, was für eine Zeich­nung sie sieht. Die haben wir – ohne sie selbst zu ken­nen, denn sie wird per Zufall aus­ge­wählt – dort oben für sie plat­ziert.

Kurze Zeit spä­ter signa­li­siert sie mir mit unse­rem etwas umständ­li­chen, dafür aber simp­len Code: »toter Vogel«. Gespannt eile ich zum Schrank.

Es ist kein toter Vogel, son­dern die Buch­sta­ben-Zah­len-Kom­bi­na­tion F‑B3T-42. Ich bin ein wenig ent­täuscht, aber als Wis­sen­schaft­ler darf man sich nicht von Erwar­tun­gen lei­ten las­sen, son­dern muss sich allein an den Fak­ten ori­en­tie­ren. Und diese legen nahe, dass sie zwar geträumt hat, die gestellte Auf­gabe zu erfül­len, dies aber nur in ihrer Vor­stel­lung tat und nicht etwa bei so etwas wie einer außer­kör­per­li­chen Erfah­rung. Unsere Pro­ban­din gibt spä­ter zu Pro­to­koll, sie habe einen toten Eichel­hä­her gese­hen, doch das Wort schien ihr zu lang, um es per Augen­be­we­gung an uns durch­zu­ge­ben.

Andert­halb Wochen nach die­sem Ver­such beob­achte ich zufäl­lig im Hof vor dem Flach­bau, der unsere Labore beher­bergt, unse­ren Haus­meis­ter mit einem toten Eichel­hä­her in der Hand. Ich frage ihn danach, und er erklärt, seit unsere zwei Schorn­steine mit chrom­glän­zen­den Metall ver­klei­det wur­den, bre­chen sich auf dem Dach hin und wie­der Vögel, die die Spie­ge­lung für den Him­mel hal­ten, das Genick. Ich lasse mir von ihm auf dem Grund­riss des Gebäu­des die Fund­stelle zei­gen. Tat­säch­lich: Der tote Vogel lag genau über dem Schrank, auf dem wir unsere zufäl­li­gen Zeich­nun­gen plat­ziert hat­ten. Nur eben ein paar Meter höher auf dem Dach.

Der Haus­meis­ter, ein Mensch, der von uns For­schern aller­hand Unsinn gewohnt ist, sah sich den Eichel­hä­her auf meine Frage hin genauer an, bohrte prü­fend sei­nen Fin­ger unter die Federn und meinte: »Klar kann der schon andert­halb Wochen da oben gele­gen haben. Aber was macht das schon fürn Unter­schied?« Ich bleibe ihm die Erklä­rung schul­dig.

Die Ver­suchs­reihe hat­ten wir bereits abge­bro­chen, weil wir keine signi­fi­kan­ten und wie­der­hol­ba­ren Ergeb­nisse erzie­len konn­ten. Zu vor­schnell? Den Kol­le­gen erzähle ich nichts von dem toten Vogel. Mit so einer Anek­dote wür­den wir uns in Wis­sen­schaft­ler­krei­sen nur lächer­lich machen.

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Das Titelbild zeigt, auf einer Marmorbrüstung ein Glas mit einem lila Cocktail und Kirschen neben einer Schale mit grünen Trauben und einem Polaroid-Foto, das bunte Blasen zeigt. Im Hintergrund, unscharf, das Meer und Klippen. Oben hängen, ebenfalls unscharf, Medaillons mit ovalen Abbildungen verschiedener Personen und Wesen.

♫ Deep Glis­tening ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ein eigen­ar­ti­ges Gefühl, nach all den Jah­ren hier­her zurück­zu­kom­men. Es sieht – auf den ers­ten Blick – alles noch genauso aus wie damals: die weiße Gewöl­be­de­cke, die schlich­ten Stein­säu­len, die sich in regel­mä­ßi­gen Abstän­den bis in die Ferne fort­set­zen, der glatte, kühle Mar­mor­bo­den unter mei­nen nack­ten Füßen – und das Wär­ter­häus­chen, dem ich gleich zu Anfang gegen­über­stehe. Der Troll öff­net das ovale Holz­tür­chen im Fens­ter, um mit mir zu spre­chen.

»Wer sind Sie, und was suchen Sie hier?« Er klingt streng, aber das muss er ja auch sein. Er ist der Kon­trol­leur hier. Ich hatte ganz ver­ges­sen, dass er mir als Troll erscheint. Das habe ich mir nicht aus­ge­dacht. Zumin­dest nicht bewusst.

»Ich bin’s, der Boss. Ich wollte hier mal wie­der nach dem Rech­ten sehen.«

Der Troll sieht mich stirn­run­zelnd an. »Haben Sie einen Ter­min? Haben Sie die For­mu­lare aus­ge­füllt? Haben Sie einen Berech­ti­gungs­aus­weis oder eine Emp­feh­lung? Sie kön­nen hier näm­lich nicht ein­fach so …« – »He he he, mal lang­sam«, unter­bre­che ich ihn, »ich brau­che das alles nicht. Ich bin hier der Chef. Und ich möchte mich gerne mit mei­nem Kon­trol­leur unter­hal­ten.«

»Das bin ich«, sagt der Troll in sei­nem Wär­ter­häus­chen, bar jeden Humors.

»Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich ihn. Er erläu­tert es mir. Der Troll hat, wie alle hier im ers­ten Teil des Kor­ri­dors, einen recht begrenz­ten Hori­zont. Von daher ist es nicht über­ra­schend, dass er mir erklärt, seine Auf­gabe sei es, alles Mög­li­che zu kon­trol­lie­ren, Tag und Nacht, weil es sonst sofort völ­lig aus dem Ruder lau­fen würde. Kon­trolle sei das Aller­wich­tigste, und ohne ihn würde hier völ­li­ges Chaos aus­bre­chen. »Ich ver­su­che nur, so gut wie mög­lich mei­nen Job zu machen«, sagt er.

»Du machst das ganz groß­ar­tig«, sage ich und meine es auch. Tat­säch­lich hat mir der innere Kon­trol­leur schon eine Menge Ärger erspart. Und über das Lob freut er sich sicht­lich.

Dann frage ich ihn, ob er mich mit den ande­ren im wei­te­ren Ver­lauf des Kor­ri­dors reden lässt, ohne kon­trol­lie­rend ein­zu­grei­fen. Es kommt zu einer klei­nen Dis­kus­sion, aber schließ­lich ist er bereit, kurz Pause zu machen. Ich nicke ihm dan­kend zu und gehe am Wär­ter­häus­chen vor­bei tie­fer in den Kor­ri­dor.

Hin­ter den seit­li­chen Bögen zwi­schen den Säu­len öff­nen sich unter­schied­li­che Räume. Sie wer­den von wei­te­ren Figu­ren mei­nes inne­ren Ensem­bles bewohnt, ein­di­men­sio­na­len Cha­rak­te­ren, wie sie manch­mal auch in Mythen, Mär­chen und in der Pop­kul­tur vor­kom­men, Typen wie der Mino­tau­rus, Chew­bacca, der Zir­kus­clown (»Akro­bat schööön!)«, Gollum (»Wir wol­len ihn! Wir brau­chen ihn! Wir müs­sen ihn haben, den Schatz!«) oder das Säbel­zahneich­hörn­chen Scrat, die uns in ihrer Ein­fäl­tig­keit manch­mal tief im Inne­ren berüh­ren.

Ich höre ein Schluch­zen.

Es ist ein klei­nes, düs­te­res Zim­mer mit einem zer­schlis­se­nen Bett. In einer Zim­mer­ecke hockt ein Häuf­chen Elend. »Wer bist du?«, frage ich, aber ich weiß es schon. Es ist die Ver­zwei­felte. Ein Schluch­zen ant­wor­tet mir. »Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich. Sie wen­det sich mir zu und beginnt sto­ckend von ihren Erfah­run­gen zu berich­ten: Immer wie­der geht sie vol­ler Hoff­nung los, doch dann las­sen sie die Umstände, las­sen andere Men­schen sie ver­zwei­feln. Das gehe schon ihr gan­zes Leben lang so. Und da anschei­nend nie­mand ande­res bereit ist, diese Ver­zweif­lung zu spü­ren und sich ihr aus­zu­set­zen, über­nimmt halt sie diese Auf­gabe – erklärt sie mir mit dicken Trä­nen in den Augen.

Ich danke ihr für den selbst­lo­sen Ein­satz und ver­kneife mir ein zyni­sches »Gute Arbeit!« – statt­des­sen schlage ich dem klei­nen, ver­heul­ten Mäd­chen vor, sich mal mit dem Metho­di­ker zusam­men­zu­tun. Der wohnt ein Stück den Kor­ri­dor run­ter. »Ziel for­mu­lie­ren, Arbeits­schritte defi­nie­ren, metho­disch abar­bei­ten!« – das habe ich noch von mei­nem letz­ten Zusam­men­tref­fen mit ihm im Ohr. Die bei­den könn­ten ein gutes Paar abge­ben.

Mein nächs­ter Besuch führt mich in das Arbeits­zim­mer des »Que­sto­lo­gen«, wie ich ihn getauft habe: ein jun­ger Mann mit Drei­ta­ge­bart, Hut und einer zusam­men­ge­roll­ten Peit­sche am Gür­tel, der im gan­zen Zim­mer Land­kar­ten aus­ge­brei­tet hat, zwi­schen denen auf­ge­schla­gene Bücher lie­gen. »Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich den inne­ren Sucher, und natür­lich kennt auch er nur eins: suchen! Stän­dig ist er auf der Suche, nach der Liebe, der Ant­wort, dem Glück, dem Heil, dem Opti­mum, nach dem Weg, dem Sinn, der Bedeu­tung, der Erleuch­tung … »Wie steht es mit dem Fin­den?«, frage ich schmun­zelnd, aber tat­säch­lich ist der Sucher allein auf die Suche fixiert und fasst immer gleich, wenn er denn mal einen Tref­fer lan­den sollte, das nächste Ziel für die Suche ins Auge, die nächste Land­marke am Hori­zont.

Auch ihm erbiete ich mei­nen Respekt, denn seine unstill­bare Sehn­sucht ist sehr wert­voll für mich, doch das regis­triert er, längst wie­der in seine Land- und Schatz­kar­ten ver­tieft, schon gar nicht mehr.

Eigent­lich will ich jetzt zum Tag­träu­mer, aber beim Wei­ter­ge­hen bemerke ich einen Raum, der mir ganz unbe­kannt vor­kommt. Er ist luxu­riös ein­ge­rich­tet und öff­net sich auf eine Ter­rasse zum Meer hin. In einem Deck­stuhl ent­de­cke ich einen etwas dick­bäu­chi­gen, am gan­zen Kör­per behaar­ten Mann in Bade­hose. Neben ihm, auf dem Boden, in Greif­weite: ein Cock­tail und eine Schale mit Trau­ben.

»Köst­lich!«, ruft er. »Herr­lich!«

»Wer bist du?«, frage ich ver­blüfft. Der gehört zu mir?

»Mmmh, musst du kos­ten! Die schme­cken wirk­lich himm­lisch!«

Er schiebt mir die Trau­ben hin. Men­schen, die ihre Sätze dau­ernd mit Aus­ru­fe­zei­chen abschlie­ßen, sind mir eigent­lich suspekt. Aber ich pro­biere dann doch von den Trau­ben. Sie schme­cken – nicht übel.

»Aaaahh, die Sonne auf dem Bauch: Kann es was Schö­ne­res geben? Und die­ses Pan­orama! Und die leichte Brise ist auch nicht von schlech­ten Eltern! Die­ser leichte Salz­ge­schmack!«

»Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich. »Genie­ßen!«, ant­wor­tet er mit einem genüss­lich lan­ge­zo­ge­nen ie. »Aus dem Vol­len schöp­fen! Mich an den schö­nen, lecke­ren, lust­vol­len, beglü­cken­den Din­gen ergöt­zen! Apro­pos …«, sagt er und wen­det mir sei­nen eben­falls behaar­ten Rücken zu, »könn­test du mich even­tu­ell kurz zwi­schen den Schul­ter­blät­tern krat­zen?«

Ich zögere kurz, tue ihm dann aber den Gefal­len.

»Etwas tie­fer noch, jaaa! Oh, ist das gut, ooohh, genau rich­tig, wun­der­bar!« Auch die ganz klei­nen Dinge kön­nen sehr genuss­voll sein, denke ich und danke dem Genie­ßer für die Inspi­ra­tion.

Ich betrete wie­der den Kor­ri­dor. Es wird Zeit, wei­ter­zu­ge­hen in den nächs­ten Abschnitt. Nach hin­ten hin wird es hel­ler: Boden, Wände, die Säu­len, die Decke – das alles scheint aus sich selbst her­aus zu leuch­ten. Hier begegne ich wei­te­ren Facet­ten, nur dass diese hier trans­per­so­nal sind: Es sind die See­len­an­teile, die über die begrenzte mensch­li­che Sicht­weise hin­aus­wach­sen und im gro­ßen Sein selbst ver­an­kert sind.

Schließ­lich rufe ich in das helle, sanfte Leuch­ten vor mir hin­ein: »Ich möchte bitte mit dem ›Gewahr­sein ohne tren­nende Tei­lung‹ spre­chen.«

»Ja?«, ant­wor­tet eine Stimme, die weder männ­lich noch weib­lich, weder alt noch jung ist. Mein Blick, mein Herz und mein Geist wei­ten sich. Es ist, als würde ich im All zwi­schen den Gala­xien schwe­ben und der Wel­ten­raum selbst sein. Es ist, als wäre ich eine stille Flamme im Inners­ten aller Dinge, deren Kraft und Neu­gier und Liebe die Welt und die Wesen erschafft und der Schöp­fung und allen Geschöp­fen die Frei­heit gibt, sich in alle gewünsch­ten Rich­tun­gen zu ent­fal­ten, sämt­li­che ange­streb­ten Erfah­run­gen zu machen und sogar, wenn gewünscht, frei­wil­lig zu ver­ges­sen, wer sie wirk­lich sind. Es ist wie die Erin­ne­rung an den Ursprung aller Exis­tenz. »Was hast du auf dem Her­zen?«, fragt die Stimme sanft.

Es wird ein län­ge­res Gespräch. Einer­seits ist es ein wenig erschre­ckend, das eigene kleine Leben aus der kos­mi­schen Per­spek­tive zu betrach­ten, ande­rer­seits rückt es die Pro­bleme, Sor­gen und Ängste ins rechte Licht. Und es tut ein­fach rundum gut, in all­um­fas­sen­dem Mit­ge­fühl zu baden.

Ein letz­ter Schritt bleibt zu tun: alle Aspekte mei­ner selbst, auch die trans­per­so­na­len, mit hin­aus zu neh­men aus dem Kor­ri­dor, ihn am Ende der Medi­ta­tion zu ver­las­sen und – nicht unbe­dingt als bes­se­rer Mensch, aber mög­li­cher­weise bes­ser mit mir im Rei­nen – rundum »beseelt« ins Leben zu tre­ten.

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Das Titelbild zeigt zwei Tassen Tee und eine Ausgabe von "Finnegans Wake" auf einem Tischchen mit Schubladen vor einem Fenster. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ The Levo­gyre ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Nor­bus Haus­boot riecht anders als sonst. Ich höre seine Stimme aus einem klei­nen Zim­mer, in dem ich noch nie gewe­sen bin: sei­nem Schlaf­zim­mer.

Norbu liegt im Bett, hus­tet erbärm­lich und sieht hun­de­elend aus. »Ein Infekt«, krächzt er, »komm mir bloß nicht zu nahe.« Um sein Bett herum sind Papier­ta­schen­tü­cher ver­streut.

»Kann ich was für dich tun?«, frage ich besorgt.

»Nee«, sagt er, »hab alles da.«

Neu­gie­rig sehe ich mich um. In Nor­bus Schlaf­zim­mer hatte ich immer seine Biblio­thek ver­mu­tet, all die Bücher, die er im Laufe sei­nes Lebens ange­sam­melt haben muss. Tat­säch­lich sehe ich auf dem Regal­bord über dem Bett nur ein ein­zi­ges Buch. Norbu folgt mei­nem Blick.

»Fin­ne­gans Wake«, meint er, »Erst­aus­gabe. Mehr brauch ich nicht.«

Ich nicke, aber viel­leicht reicht das nicht, um her­aus­zu­stel­len, dass ich weiß, wovon er redet, und füge an: »Ja, ein Roman, der eine ganze Biblio­thek ist. Joyce hat es irgend­wie geschafft, das Leben, das Uni­ver­sum und den gan­zen Rest da rein­zu­pa­cken. Ein Buch, das quasi alles ent­hält. Mehr braucht man nicht.«

Norbu sieht mich ein wenig schräg an. »Also mir«, sagt er, »geht’s bei dem Buch haupt­säch­lich darum, dass ich nur ein, zwei Zei­len lesen muss, und ich falle sofort in tie­fen Schlaf.«

»Aha«, sage ich, beiße mir auf die Lip­pen und ziehe meine Hand zurück, mit der ich das Buch neh­men und wahl­los irgendwo auf­schla­gen wollte, um dann nach einem kur­zen Blick hin­ein wis­send zu nicken. Da hab ich wohl etwas dane­ben­ge­grif­fen.

»Kein Buch kann den kom­plet­ten Kos­mos umfas­sen, das ist roman­ti­sie­ren­der Schwach­sinn.« Norbu muss hus­ten und bit­tet mich, uns einen Tee zu machen. Ich grummle zwar ein wenig, weil ich mich weder gern run­ter­bü­geln noch zum Haus­mäd­chen degra­die­ren lasse, aber schließ­lich ist Norbu krank, und ver­mut­lich meint er es nicht böse.

In der klei­nen Küche finde ich Kamil­len­tee, den ich auf­brühe und mit einem Stuhl als Tablett ins Schlaf­zim­mer trage, um mich zu mei­nem kran­ken Freund set­zen zu kön­nen. Ich gieße uns ein.

»Viel­leicht im Sinne eines Holo­gramms«, sage ich. Wäh­rend des Tee­ko­chens habe ich lange nach irgend­was gesucht, das ich Nor­bus Abfuhr ent­ge­gen­hal­ten kann. »Es ist alles da, nur weni­ger detail­reich.« Ich deute auf das Buch.

Norbu schüt­telt den Kopf. Er rückt hoch, schiebt sich das Kis­sen in den Rücken und lehnt sich mit dem Ober­kör­per an die Holz­wan­dung sei­nes Haus­boots. »Da lan­det man ganz schnell bei roman­ti­zis­ti­schen Welt­vor­stel­lun­gen. Frü­her war es die, Gott würde einem höchst­per­sön­lich dabei zuhö­ren, wenn man ihm seine Weih­nachts­wunsch­liste vor­liest. Heute muss die Quan­ten­phy­sik dafür her­hal­ten, dass jeder selbst der Schöp­fer sei­ner Wirk­lich­keit sein will.«

Norbu klingt belei­digt – so, als wolle er sich ganz oben für seine Erkäl­tung beschwe­ren. Und da nun mal nicht Gott an sei­nem Bett sitzt, son­dern ich, bekomme eben ich die Breit­seite ab.

Aber ich weiß mich zu weh­ren. »Hast nicht du selbst mal gesagt, das mensch­li­che Bewusst­sein sei der nächste uner­forschte Kon­ti­nent? Und was ist mit Yogis, die sich tage­lang begra­ben las­sen und wäh­rend­des­sen offen­sicht­lich ihre Atmung ein­stel­len, oder mit bud­dhis­ti­schen Mön­chen im Hima­laja, die sich nackt in den Schnee legen und nur mit der Kraft ihres Geis­tes einen leben­den Radia­tor aus sich machen?«

Norbu nickt lächelnd, aber ich meine, dabei in sei­nen rot­ge­äder­ten Augen den Schalk blit­zen zu sehen. »Ja, das möch­ten wir gern glau­ben: dass das mög­lich ist und dass der Geist die Mate­rie beherrscht.« Er stellt seine damp­fende Tasse neben den Joyce-Band auf das Regal­bord. »Warum gibt es nur anek­do­ti­sche Berichte dar­über und keine hand­fes­ten Beweise? Denk doch mal nach: Wenn es mög­lich wäre, sich nur von Licht zu ernäh­ren – wie Frau Jas­mu­heen oder das chi­ne­si­sche Bi Gu behaup­ten –, warum hat das die Evo­lu­tion noch nicht genutzt? Außer bei den Pflan­zen, meine ich. Aber die tan­ken bekannt­lich kein Prana, son­dern nut­zen Chlo­ro­phyll.« Norbu muss wie­der hus­ten, hebt aber dies­mal die Hand dabei, um mir zu signa­li­sie­ren, dass er mit sei­nem Gedan­ken­gang noch nicht zu Ende ist und ich ihm nicht dazwi­schen­re­den soll. Folg­sam warte ich ab.

»Oder«, fährt er schließ­lich mit einem Krat­zen in der Stimme fort, »wenn Tele­ki­nese mög­lich wäre, warum set­zen Tiere sie nicht ein? Genauso Tele­por­ta­tion. Oder Levi­ta­tion. Die Evo­lu­tion hatte Mil­li­ar­den Jahre Zeit dafür, den Wunsch nicht nur Vater der Gedan­ken, son­dern Beherr­scher der Rea­li­tät wer­den zu las­sen. Statt­des­sen lässt sie alles in Hand­ar­beit erle­di­gen. Oder halt per Ten­ta­kel, Flosse, Man­di­bel oder Reiß­zahn. Rich­tig?«

Jetzt hat er mich doch ein wenig ein­ge­schüch­tert. Ich nicke ver­dros­sen. Irgend­wie hatte ich uns beide immer als mutige Ent­de­cker eines neuen und kaum bekann­ten Kon­ti­nents gese­hen, als Pio­niere einer neuen Sicht auf den Men­schen, die end­gül­tig Schluss macht mit dem reduk­tio­nis­ti­schen Mythos, wir seien nur ein Uhr­werk, eine Maschine oder ein Com­pu­ter.

»Geist«, sagt Norbu, »ist nur eine Neben­er­schei­nung der Mate­rie und, wie man an bei­spiels­weise an Alz­hei­mer sieht, feh­ler­an­fäl­lig und flüch­tig. Die Selbst­be­weih­räu­che­rung, die er beson­ders in eso­te­ri­schen Krei­sen betreibt, ist nur das Wunsch­den­ken eines über­kom­ple­xen und unter­be­schäf­tig­ten Gehirns.«

Er blickt mich ant­wort­hei­schend an, und wie­der nicke ich grum­melnd.

»Könnte man mei­nen«, fügt er tro­cken an.

Ich schürze die Lip­pen und brumme zustim­mend, wenn auch wider­wil­lig – bis mir bewusst wird, dass er sich da gerade selbst in Frage gestellt hat. »Ist es etwa nicht so?«, frage ich hoff­nungs­voll.

Norbu schnäuzt sich geräusch­voll in ein Taschen­tuch. »Nicht, wenn das mensch­li­che Bewusst­sein eine Emer­genz der Evo­lu­tion dar­stellt, also etwas, das neu ent­steht, aber mehr ist als die Summe sei­ner Bestand­teile und neue Bedin­gun­gen und Fähig­kei­ten schafft, wie sie vor­her nicht abzu­se­hen waren. So, wie aus leb­lo­ser Mate­rie das Leben selbst her­vor­ge­gan­gen ist.«

»Aha. Also des­halb hat die Evo­lu­tion im Tier­reich keine prä­ko­gni­ti­ven Raub­tiere her­vor­ge­bracht, die die Jagd auf ein Opfer nur antre­ten, wenn sie genau wis­sen, dass sie erfolg­reich sein wird: Deren Gehirne waren noch nicht kom­plex genug dafür. In Gegen­satz, willst du sagen, zu unse­ren.«

»Na ja«, meint Norbu, »es gibt For­schun­gen, die nahe­le­gen, dass wir unbe­wusst Ereig­nisse vor­her­wis­sen kön­nen. Bei sol­chen näm­lich, die viele Men­schen auf der Erde beweg­ten, zeig­ten zum Bei­spiel Zufalls­ge­nera­to­ren Auf­fäl­lig­kei­ten. Und zwar schon, bevor das Ereig­nis über­haupt ein­trat.«

So, wie Norbu es sagt, klingt das nach einem »Aber«. Ich warte ab, und tat­säch­lich: »Aber ins­ge­samt sehe ich uns da auf der aller­un­ters­ten Stufe der Kom­pe­tenz.«

Dar­über hat­ten wir vor Jah­ren ein­mal gespro­chen. Ich fand die die Ein­tei­lung in vier Stu­fen damals sehr hilf­reich und habe sie mir gemerkt. Unten fängt sie an mit »unbe­wuss­ter Inkom­pe­tenz«.

Norbu nickt: »Nicht im Ent­fern­tes­ten wis­sen, dass man etwas nicht weiß oder kann.«

»Gefolgt von ›bewuss­ter Inkom­pe­tenz‹: Ich weiß, dass ich nichts weiß.«

»Genau. Dann erar­bei­tet man sich die ›bewusste Kom­pe­tenz‹ …«

»Die schließ­lich zu ›unbe­wuss­ter Kom­pe­tenz‹ wird, wie flüs­sig spre­chen kön­nen oder das Gleich­ge­wicht hal­ten und auf zwei Bei­nen gehen – ohne stän­dig drü­ber nach­den­ken zu müs­sen.«

Norbu nippt inzwi­schen wie­der an sei­nem Tee. Auch ich nehme einen Schluck. Eine Zeit­lang sagen wir nichts.

»Wir ste­hen ganz am Anfang«, sage ich schließ­lich nach­denk­lich, »aber einige ahnen schon den unent­deck­ten Kon­ti­nent am Hori­zont.«

»Land in Sicht!«, ruft Norbu, was aber einen kur­zen Hus­ten­an­fall zur Folge hat. Erneut hebt er die Hand, bis er wie­der etwas Ver­ständ­li­ches über die Lip­pen brin­gen kann. »Wobei die Frage ist, ob es den Kon­ti­nent schon gibt oder ob wir ihn nicht gerade kom­plett neu erträu­men.«

Es dau­ert ein paar Momente, bis mir zu Bewusst­sein kommt, was für Mög­lich­kei­ten er da gerade ange­spro­chen hat. Bei­des, das Fin­den und das Erfin­den, hätte unge­ahnte Kon­se­quen­zen dafür, wie die Welt beschaf­fen ist und was sie im Inners­ten zusam­men­hält. »Was glaubst du?«, frage ich gespannt.

»Ich glaube, ich muss jetzt eine Runde schla­fen.«

»Oh, okay«, sage ich und trinke has­tig mei­nen Tee aus. »Kann ich noch irgend­was für dich tun?«

Norbu schüt­telt lächelnd den Kopf, rutscht wie­der ganz unter seine Decke und rüt­telt sich das Kis­sen zurecht. »Der Blick ins Uni­ver­sum – und natür­lich beson­ders der in ein ganz neues Uni­ver­sum am Hori­zont – macht mich immer ganz müde«, mur­melt er. »Wegen der unge­heu­ren Chance und Ver­ant­wor­tung.« Und damit ist er ein­ge­schla­fen.

Ich mache die Tür zum Haus­boot leise hin­ter mir zu. »Chance und Ver­ant­wor­tung!« Als ich mich auf mein Fahr­rad schwinge, fühle ich mich inspi­riert und vol­ler Taten­drang, weiß aber lei­der gar nicht, wozu genau.

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Das Titelbild zeigt ein Schlafzimmer. Auf der linken Seite steht ein Bett unter einem lebhaften Gemälde eines Pferdes. Rechts davon hängt ein aufwändig gestalteter, großer goldener Spiegel über einem Nachttisch. Der Spiegel reflektiert eine weiße Tür, die mit einem humorvollen Schild geschmückt ist, auf dem steht: „Dieser Flur streikt.“

♫ Hiimori/Windhorse ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, oder bes­ser: Ich will ihn betre­ten, doch an der Schlaf­zim­mer­tür hängt innen ein Schild, auf dem mit gro­ßen Buch­sta­ben steht: »Die­ser Kor­ri­dor streikt.«

Oha. Mein Kor­ri­dor streikt? Heißt das, ich komme nicht vom Schlaf­zim­mer ins Bad? Unschlüs­sig bleibe ich ste­hen, die Hand auf der Klinke. Eigent­lich bin ich spät dran. Regie­rungs­ge­schäfte war­ten auf mich. Ande­rer­seits kommt mir zu Bewusst­sein, dass Kor­ri­dore tat­säch­lich kaum Wert­schät­zung und Respekt erfah­ren – von mir genauso wenig wie von ande­ren. Dabei spie­len sie eine wich­tige Rolle. Ohne Kor­ri­dore würde vie­les in unse­rem Land nicht mehr funk­tio­nie­ren. Die Wirt­schaft, die Medien, der ganze Dienst­leis­tungs­sek­tor, die Indus­trie: Sie alle wür­den ohne Kor­ri­dore zum Erlie­gen kom­men oder zumin­dest emp­find­lich gestört wer­den.

Aber dankt es ihnen jemand? Nein. Es gibt nicht ein­mal ein Denk­mal für Kor­ri­dore. Dies muss sich drin­gend ändern, und ich bin der Mann, der es durch­zu­set­zen und für sich und die Par­tei nutz­brin­gend aus­zu­schlach­ten weiß! So ist allen gehol­fen. Ich sehe mich schon zu den Klän­gen einer Blas­ka­pelle das Kunst­werk ent­hül­len.

Hm, jetzt strei­ken sie also. Ich über­lege, ob der Streik der Kor­ri­dore viel­leicht um sich grei­fen könnte. Strei­ken dem­nächst die Fens­ter, die Türen, die Dächer über unse­ren Köp­fen? Aber diese genie­ßen weit grö­ßere Auf­merk­sam­keit: Man spricht davon, dass die Augen die Fens­ter zur Seele sind und schmeißt das Geld zum Fens­ter hin­aus. Man kann Tür an Tür woh­nen oder eine Poli­tik der offe­nen Tür betrei­ben. Man kriegt manch­mal eins aufs Dach oder bringt ein Gesetz unter Dach und Fach. Aber ein Kor­ri­dor? Wann habe ich zuletzt das Wort Kor­ri­dor in den Mund genom­men? Stimmt. Die haben wirk­lich allen Grund zu strei­ken.

Doch was heißt es kon­kret, dass mein Kor­ri­dor streikt? Ist er nicht zum Dienst ange­tre­ten? Ver­wei­gert er viel­leicht nur sei­nen Dienst oder beschränkt sich auf den Dienst nach Vor­schrift? Ist es ein Bum­mel­streik? Und gilt das für alle Kor­ri­dore der Stadt, im Land, in Europa? Gibt es Aus­sper­run­gen? Streik­bre­cher? Ist der Streik – hof­fent­lich – befris­tet? Und was sind die For­de­run­gen der Kor­ri­dore?

Ich hege die Hoff­nung, dass sich mir all diese Fra­gen beant­wor­ten, wenn ich die Tür öffne. Also drü­cke ich die Klinke her­un­ter, leise, weil meine Frau noch schläft und ich sie nicht wecken will.

Dahin­ter: der Kor­ri­dor. Er sieht fried­lich aus, als sei nichts gesche­hen, und es gibt keine wei­te­ren Anzei­chen für einen Streik. Vor­sich­tig setze ich mei­nen Fuß auf den Boden des Kor­ri­dors. Er fühlt sich an wie immer. Auch den zwei­ten Fuß setze ich dar­auf. Ich stehe sicher.

Soll ich den Kor­ri­dor anspre­chen? Nach sei­nen For­de­run­gen fra­gen? Oder ihm ein­fach erst ein­mal meine Hoch­ach­tung zol­len und mich für seine lang­jäh­ri­gen erge­be­nen Dienste bedan­ken, um für den aus­sichts­rei­chen Ver­hand­lungs­ver­lauf gleich zu Anfang eine gute Stim­mung zu erzeu­gen?

Ich höre ein Kichern. Der Kor­ri­dor kichert?!

Nein, es sind die Zwil­linge. »April, April!«, rufen meine Söhne fröh­lich, kom­men aus ihrem Zim­mer geschos­sen und tan­zen in ihren Schlaf­an­zü­gen um mich herum. Nun, da haben sie mich ja gehö­rig ins Bocks­horn gejagt. Ich schüttle sie ab und schließe die Bade­zim­mer­tür hin­ter mir.

Viel­leicht, über­lege ich beim Zäh­ne­put­zen, sollte ich die Idee mit dem Denk­mal bei der Che­fin anre­gen. Sie ist eigent­lich gar nicht mal so schlecht. Kor­ri­dore wer­den hier­zu­lande wirk­lich sträf­lich miss­ach­tet.

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♫ To the Ghost Bet­ween the Pages ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, das ein­zige, das mir ver­traut vor­kommt in dem Wir­bel aus Far­ben und For­men, der mich ringsum ein­hüllt und schwin­deln lässt. Es tut gut, fes­ten Boden unter den Füßen zu füh­len. Aber ist es wirk­lich fes­ter Boden? Alles hier ist selt­sam weich und tei­gig, die Wände des Kor­ri­dors füh­len sich nach­gie­big an, als hätte man Seide über Schaum­stoff gespannt.

»Alles klar bei dir da drin?«

Wer spricht da? Ist das ein Test? Ein Expe­ri­ment? Ein April­scherz? Oder hat mich der ame­ri­ka­ni­sche Geheim­dienst wie­der auf­ge­grif­fen?

»Gib Laut, Mann, ich hab nicht den gan­zen Abend Zeit.«

Die Stimme klingt nach einem Jugend­li­chen. Ich kann sie nicht loka­li­sie­ren und stol­pere den Kor­ri­dor ent­lang. Kommt sie von vorne? Der Gang ist gebo­gen, sein Ende nicht zu sehen. »Hallo? Ist da wer?«

»Tom. Nǐhǎo. Ich hab da ein paar Fra­gen, Cory.«

Cory? Ja, Cory. Aber wer ist Cory? Meine Erin­ne­run­gen wider­spre­chen sich. Ich bin gleich­zei­tig eine Jour­na­lis­tin, der Schü­ler eines bud­dhis­ti­schen Meis­ters, der Mino­tau­rus, eine Xeno-Lin­gu­is­tin … Wie kann das sein?

»Du bist doch ’n schlaues Kerl­chen. Hast ’ne Menge geschrie­ben. Und ich brauch jetzt deine Hilfe. Es geht um den ›Unter­gang der euro­päi­schen Post­mo­derne am Bei­spiel eines Lite­ra­tur-Blogs aus dem Jahr 2012‹. Ich brauch da Input.«

Wovon redet er? Der Kor­ri­dor hat ein­fach kein Ende, und die Stimme bleibt immer bei mir. Ein Traum? Nein: Immer, wenn mir die­ser Ver­dacht in einem Traum kommt, ver­wan­delt er sich in einen Klar­traum. Doch das funk­tio­niert dies­mal nicht. Ich wache nicht auf, weder im Traum noch im Bett. Und doch ist es irreal.

»Kannst du was anfan­gen damit, Cory? ›Unter­gang der Post­mo­derne‹?« Die Stimme hat etwas Drän­gen­des.

»Das Kor­ri­do­rium …«

»Japp. Davon rede ich. Soll ich ’ne Fach­ar­beit drü­ber schrei­ben.«

»Das Kor­ri­do­rium …«, setze ich erneut an, aber ich ver­stumme, denn mit einem Mal wird mir klar, dass ich das Kor­ri­do­rium und alle Geschich­ten darin geschrie­ben habe. Ich bin das nicht, son­dern ich habe es erdacht. Ja, so muss es gewe­sen sein. Daher die wider­sprüch­li­chen Erin­ne­run­gen: Geschich­ten, die ich mir alle nur aus­ge­malt habe.

»Wo bin ich?«, frage ich in den gebo­ge­nen Gang. Es sind Türen da – habe ich sie vor­her nicht bemerkt? Sie tra­gen Num­mern, wie in einem Hotel. Dabei fühlt es sich eher an wie eine Biblio­thek, wie der Kor­ri­dor zwi­schen den Bücher­re­ga­len, und so riecht es hier auch. Ein Hotel, das nach Büchern riecht. Gar nicht schlecht eigent­lich. 398 steht auf der Tür. Ich drü­cke die Klinke her­un­ter, aber sie ist ver­schlos­sen.

»Über­all und nir­gends. Du bist ein Yōulíng mit der Auf­gabe, mir bei der Fach­ar­beit zu hel­fen. ›Post­mo­derne‹, der Teach spinnt doch.«

Auch die nächste Tür ist ver­schlos­sen. Und die nächste. Und so fort. Jede trägt die glei­che Num­mer. 398. Viel­leicht bin ich ver­rückt gewor­den? Oder tot.

»Jetzt sag schon: Was ist post­mo­dern an dei­nem Geschreib­sel, und inwie­weit spie­gelt das den Unter­gang wider?«

»Was ist ›Teach‹?«

»Mein Deutsch-Teach. Tut aber nichts zur Sache. Die wird nie von dir erfah­ren. Ich hab dich mit Hilfe dei­ner Texte rekon­stru­iert. Pri­vate Yōulíngs sind zwar ver­bo­ten laut Jīngs­hén­rechts-Charta, aber das ist ja hier sozu­sa­gen ein Not­fall.«

Rekon­stru­iert? Ich laufe den Kor­ri­dor ent­lang, rüttle an ver­schlos­se­nen Türen, die alle die 398 tra­gen – dazu meine durch­ein­an­der­wir­beln­den Erin­ne­run­gen an einen Hau­fen Hip­pies, die Pest, an ein End­la­ger für Atom­müll, die Arche Noah …

»Eine Rekon­struk­tion?«

»Japp. Hab hier am Labor-Táishì mei­nes Vaters ein­fach einen Blanko-Mind genom­men, mit dei­nen Tex­ten gefüt­tert und die Sekun­där­li­te­ra­tur abru­fen las­sen. Plus die wich­tigs­ten Daten vom Anfang des Jahr­tau­sends, das Zeit­geist-Package 1970 bis 2012. Den Rest erle­digt die Stem.«

»Blanko-Mind?«

»Inter­es­siert doch jetzt kei­nen Benz, Mann. Das ist alles nach dei­ner Zeit. Ich bin nicht hier, um dir die Welt zu erklä­ren.«

»Die Welt von wann?«

»67. Ich sag ja: Lange nach dei­ner Zeit.«

»2067?«

»Ja, Bingo.« Seine Stimme klingt genervt.

2067. Wie kann das sein? Tat­säch­lich erin­nere ich mich dun­kel, gestor­ben zu sein. Der Tun­nel ins Licht. Oder nein, das Schwert im Rücken. Doch das sind wohl auch nur Geschich­ten, Geschich­ten, anhand derer ich rekon­stru­iert wurde. Des­halb kann ich nur wis­sen, was in den Tex­ten steht – und nichts von mei­nem Tod, dem des Autors, des­sen Rekon­struk­tion ich bin. Seine – oder ihre – Sto­rys aller­dings sind wider­sprüch­lich. Es muss Absicht sein, dass sie sich nicht fest­le­gen. Wie soll ich wis­sen, wer ich bin, nicht ein­mal ob Mann oder Frau oder ob über­haupt ein mensch­li­ches Wesen, wenn genau das gerade das Such­spiel war, das Rät­sel? Wenn alles plu­ri­di­men­sio­nal daher­kommt und frak­tal zer­split­tert? Aber nein, löst sich nicht am Ende des Blogs über­ra­schend alles auf, und es wird klar, wer Cory ist und was es mit all den Geschich­ten auf sich hat?!

Doch ich kann dem Gedan­ken nicht wei­ter fol­gen, son­dern werde unter­bro­chen. »Okay, Mann, also das Kor­ri­do­rium: 400 Blog­ein­träge, ins­ge­samt vom Umfang eines mit­tel­schwe­ren Romans. Irgendwo da drin muss was zum Unter­gang der Post­mo­derne ste­hen – oder halt was Post­mo­der­nes, das den Unter­gang beleuch­tet. Also leg mal los, du bist doch Schrei­ber­ling.«

»Es sind 398 Texte. Nicht 400. Drei­hun­dert­acht­und­neun­zig!«

»Wie auch immer.«

»Und sie soll­ten nicht post­mo­dern sein, son­dern post-post­mo­dern. Ver­stehst du? Inte­gral.«

»Hör zu: Das ist hier nicht der Mathe-Unter­richt.«

Ich werde wütend. Da rekon­stru­iert mich jemand im Jahr 2067, indem er ein Blanko-Bewusst­sein mit mei­nen Tex­ten füt­tert und irgend­ein Com­pu­ter dar­aus den Geist des Autors, also mich, her­vor­kit­zelt, aber es ist kein Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, kein His­to­ri­ker, nicht ein­mal ein Lieb­ha­ber skur­ri­ler Kurz­prosa, son­dern nur irgend so ein igno­ran­ter Schnö­sel, der für die Schule was über mich schrei­ben muss und zu faul ist, auch nur eine Zeile davon zu lesen!

»Jetzt hör du mir mal zu, du Banause! Du musst da was falsch ver­stan­den haben: Ich hab die Post­mo­derne tran­szen­diert, das mit dem Unter­gang ist Schwach­sinn. Die Post­mo­derne kann doch allen­falls durch die nächste Kul­tur­stufe, also die Inte­grale Per­spek­tive abge­löst und in sie inte­griert wor­den sein! Die Moderne ist doch auch nicht ›unter­ge­gan­gen‹.«

»Nee, im Gegen­teil: Nach der Post­mo­derne kam die Remo­derne, und dann die Pre­nais­sance. Déle. Das ist alles nach dei­ner Zeit, und jetzt lass uns end­lich end­lich die Fach­ar­beit schrei­ben.«

Mir schwirrt der Kopf. Die Post­mo­derne mit all ihren Errun­gen­schaf­ten soll geschei­tert und spur­los ver­schwun­den sein? Doch nicht etwa – durch mich?

»Das Kor­ri­do­rium hat den Unter­gang ver­ur­sacht?!«

»Wohl kaum. Ich hab natür­lich recher­chiert, was es mit die­sem Korri-Dōng­dōng auf sich hat, aber es ist nix drü­ber zu fin­den. Blieb wohl unbe­ach­tet, und ich schätze, dass es an der Quote für deut­sche Lite­ra­tur liegt, dass der Teach das Ding aus­ge­gra­ben hat. O Mann! Zwan­zig­tau­send Zei­chen Mini­mum inklu­sive Leer­zei­chen – hätte echt lie­ber was über chi­ne­si­sche Lite­ra­tur geschrie­ben!«

»Aber es muss doch einen Wiki­pe­dia-Ein­trag zum Kor­ri­do­rium geben!«

Die Stimme lacht. Ein kur­zes, generv­tes Lachen. »Das ist dann wohl der post­mo­derne Nar­ziss­mus, von dem der Teach redet: immer nur um sich selbst krei­sen. Nee, Wiki­pe­dia ist längst Geschichte, der Dschies­sibi hat die Sùz­hì­pe­dia draus gemacht, nach dem Melt­down.«

»Melt­down?«

»2030. War nach dei­ner Zeit. Und in der Sùz­hì­pe­dia …«

»Was ist der Melt­down?«, unter­bre­che ich ihn.

»Inter­es­siert doch jetzt kei­nen Benz. Willst du jetzt wis­sen, ob was über dich in der Sùz­hì­pe­dia steht oder nicht?«

»Sùzhì wie Sushi?«

»Doch nicht Japa­nisch! Das ist Chi­ne­sisch und heißt ›schnel­les Wis­sen‹.«

»Du sprichst Chi­ne­sisch?«

»Nur Man­da­rin. Jeden­falls steht nichts übers Kor­ri­do­rium drin. Es gibt da nur irgend­eine Fuß­note. Eine ein­zige.«

»Was für eine?«

»Keine Ahnung, hab ich mir nicht gemerkt.«

»Zum Thema ›Plu­ri­di­men­sio­na­les Welt­bild‹ viel­leicht? Oder zu ›frak­tale Lite­ra­tur‹?«

»Mann, du gongst!«

»Die­ser Melt­down: Danach ging’s steil bergab, oder? Ich meine: ›Remo­derne‹, das klingt nach Regres­sion. Und mit der ›Pre­nais­sance‹ scheint es die Mensch­heit ja dann auf einen Schlag zurück ins dun­kelste Mit­tel­al­ter ver­setzt zu haben.«

»Na, das sagt der Rich­tige. Der Teach hat recht. Haupt­cha­rak­te­ris­ti­kum der Post­mo­derne: ihre abscheu­li­che Hybris. Neben ihrem fata­len Werte-Rela­ti­vis­mus natür­lich.«

»Und wer Cory ist? Hast du das recher­chiert?«

»Inter­es­siert doch jetzt wirk­lich kei­nen Benz. Hör end­lich auf, mich voll­zu­gon­gen. Ich stelle hier die Fra­gen! Wer soll Cory schon sein? Cory halt. Du.«

»Was soll das mit dem ›Benz‹? Wovon redest du?«

»Das ist chi­ne­sisch. Pik.«

»›Benz‹ soll chi­ne­sisch sein? Und was ist ›pik‹?«

»Na, pik. Pikant. Zu dei­ner Zeit hätte man wohl ›cool‹ gesagt.«

»Zu mei­ner Zeit … Du hast mich doch gerade erst rekon­stru­iert. Von damals weiß ich nur irgend­wel­che Geschich­ten. Der echte Cory dage­gen – hat eigent­lich mal jemand raus­ge­fun­den, wer hin­ter dem Künst­ler­na­men steckt?«

»Was gibt’s da raus­zu­fin­den? Ist halt irgend so ein post­mo­der­nes Ver­steck­spiel. Du musst doch wis­sen, wer du bist.«

Ich kann mich an eine Preis­ver­lei­hung erin­nern. War es nicht sogar der Lite­ra­tur-Nobel­preis? Offen­bar nur eine der Geschich­ten. Ich kann mei­nen Erin­ne­run­gen nicht trauen. Wenn ich doch nur in Ruhe über mich nach­den­ken könnte! Und wie ich hier her­aus­komme aus dem end­lo­sen Kor­ri­dor … Ich stelle fest, dass mir das Herz pocht und ich nach Luft ringe. Es kommt mir vor, als hätte ich einen Mara­thon­lauf hin­ter mir. Oder bin ich ein­fach nur wütend? Ich bin mir nicht sicher – auch nicht, ob ich über­haupt einen Puls habe oder atme. Ich bin nur eine Simu­la­tion, zusam­men­ge­setzt aus Wor­ten. Kön­nen die mit der Methode alle wie­der zurück­ho­len? Joyce, Homer, Kafka, Goe­the?

»Weißt du was, Mann?«

Ich lehne schwer­at­mend an einer der Wände des Kor­ri­dors. Was hätte Cory jetzt getan?

»Ich geb den gan­zen Kram mei­ner Mut­ter. War ’ne Schei­ßidee, dich zu rekon­stru­ie­ren. Mā meint, ich brauch die Spit­zen­no­ten für spä­ter, Kar­riere und so, und dann soll sie halt was dafür tun. Für sie ist die Fach­ar­beit ein Klacks.«

»Und was ist mit mir?«

»Was soll schon sein. Ich lösch dich wie­der.«

»Das kannst du nicht tun!«

»Wer­den wir ja sehen.«

»Warte!« Wie hieß er noch? «Ich kann dir hel­fen, Tom.«

Er lässt sich Zeit mit der Ant­wort. Ich fühle, wie mir der Schweiß aus­bricht.

»Es gibt da diese Geschichte«, rufe ich in den lee­ren Kor­ri­dor, »über die Chi­ne­sen: Sie schrump­fen sich, bis alle von ihnen in die Ver­bo­tene Stadt rein­pas­sen. Eine Satire.« Ich muss impro­vi­sie­ren. Ein Ver­suchs­bal­lon, aber etwas Bes­se­res fällt mir nicht ein.

»Ganz schlecht. Das wird dem Dschies­siebi nicht gefal­len. Komisch, dass das dem Teach durch­ge­rutscht ist.«

»Wer ist die­ser Dschies­siebi?«

»Unser Gro­ßer Kai­ser­li­cher Wohl­tä­ter. Der auf dem Dra­chen­thron.«

»Eine … chi­ne­si­sche Welt­dik­ta­tur?«

»Gǒupì!« Es klingt wie ein abfäl­li­ges »Quatsch!«, als er das sagt. Jetzt bloß nichts Fal­sches sagen! Ich bin ein namen­lo­ser Gefrei­ter, der Teu­fel, ein Ele­fant, ein Schwei­ge­mönch, eine alte Frau mit Alz­hei­mer, ein Atten­tä­ter, eine Stimme aus dem Jen­seits, eine Nacht­schwär­me­rin, ein Com­pu­ter­al­go­rith­mus … Alles zugleich, und alles durch­ein­an­der. Um Zeit zu gewin­nen, muss ich eine Geschichte erzäh­len. Die Geschichte, die er hören will.

Ich senke meine Stimme und lege allen Nach­druck hin­ein: »Aber gerade das könnte doch eine Spur zum Unter­gang der Post­mo­derne sein, ver­stehst du?!«

»Hm. Nicht schlecht. Da könnte ich was dran auf­zie­hen.« Tom scheint anzu­bei­ßen.

»Hybris, weißt du? Post­mo­der­ner, nar­ziss­ti­scher Grö­ßen­wahn. So waren wir damals alle.«

Viel­leicht habe ich über­trie­ben, denn Tom zögert jetzt. Schließ­lich meint er gedehnt: »Hast du nicht gesagt, du warst … inte­gral.«

»Ja, klar, das ist ja gerade der Grö­ßen­wahn: zu den­ken, man könne ganz­heit­lich-nach­hal­tig alle Aspekte umfas­sen und inte­grie­ren, Macht­hier­ar­chien durch Kom­pe­tenz­hier­ar­chien ablö­sen, plu­ri­di­men­sio­nal-umfas­sende Lösun­gen für die kom­ple­xes­ten Pro­bleme fin­den, den Wer­te­ver­fall als neuen Wert hoch­ju­beln. Das musste ja zum Unter­gang füh­ren, gerade ange­sichts des­sen, was sich da zu mei­ner Zeit in China ent­wi­ckelte.«

»In China ent­wi­ckelte?«

»Na, die Remo­derne. Oder schon die Pre­nais­sance. Der Dschies­siebi und die – wie hieß noch die neue Men­schen­rechts-Charta?«

»Jīngs­hén­rechts-Charta.«

»Ja, Mann, was auch immer das ist: der Unter­gang der euro­päi­schen Post­mo­derne – steht alles drü­ber drin im Kor­ri­do­rium. Ich kann dir da jede Menge erzäh­len.«

»Dann schieß los. Du dik­tierst, und Bàs Táishì schreibt mit. Aber schön mit Glie­de­rung und Fuß­no­ten, hörst du? Ich leg dann mal meine Füße hoch.«

Hätte Cory das gemacht? Um sein – oder ihr – Leben gere­det und alles ver­ra­ten, die Hoff­nung, Sehn­sucht, die Erkennt­nisse und das Rin­gen um etwas, für das es sich zu schrei­ben und zu kämp­fen lohnt? Nur um nicht umge­hend wie­der gelöscht zu wer­den? So muss sich Sche­her­zer­ade gefühlt haben.

»Weißt du, Cory, ich will spä­ter ein­fach nur Tiger nach­züch­ten.«

»Tiger nach­züch­ten, tat­säch­lich?«

»Lässt der Great Chi­nese Bene­fac­tor in Zhongguan­cun über tau­send For­scher dran tüf­teln, aber die kriegen’s ein­fach nicht hin, trotz DNA und allem. Wenn ich das dann schaffe, bin ich ein gemach­ter Mann. Du ahnst nicht, was die da für Tiger­jī­bas bezah­len wür­den. Als Afro­si­dia … diasi …«

»Aphro­di­sia­kum.«

»Japp.« Und nach einer kur­zen Pause: »Bist doch gar nicht so’n Idiot, wie ich dachte, Cory.«

Und damit beginne ich, ein umfang­rei­ches Refe­rat zu hal­ten über den Unter­gang der Post­mo­derne, gespie­gelt durch 398 skur­rile Kurz­prosa-Texte, in deren laby­rin­thi­schem Ver­steck­spiel immer wie­der die mons­tröse Hybris und der ebenso abscheu­li­che wie fatale Werte-rela­ti­vie­rende Nar­ziss­mus auf­schim­mern, die aber dann letzt­lich das glor­rei­che Zeit­al­ter der Remo­derne ein­läu­te­ten und die Pre­nais­sance ermög­lich­ten – und natür­lich unse­ren Gro­ßen Kai­ser­li­chen Wohl­tä­ter auf dem Dra­chen­thron, den Dschies­siebi.

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♫ Grimm örlög ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Auch hier suchen schon die Jäger nach mir. Bevor sie sich auf mich stür­zen kön­nen, bin ich zur Seite gesprun­gen. Hier beginnt eine lange Treppe, für die meine vier Beine eigent­lich viel zu kurz sind, aber die Todes­angst treibt mich her­auf. Die Krie­ger fol­gen mir. Vor mir sehe ich einen Mann eine schwere Boh­len­tür öff­nen. Ich folge ihm, renne ihm zwi­schen die Füße, schmeiße ihn um, ohne es zu wol­len, und dränge mich zit­ternd in eine Ecke des Rau­mes.

»Schließe Er die Tür, Koch!«, don­nert eine Stimme. Folg­sam erhebt sich der Mann vom Boden. Vor der Tür ste­hen, stumm her­einstar­rend, ein paar der Ein­her­jer, die mich ver­folgt haben. Der Koch schließt die Tür und wen­det sich um. Er hat ein ruß­ge­schwärz­tes Gesicht. Ich kenne ihn! Es ist der Koch, der die Jäger auf mich gehetzt hat und mich in sei­nen Kes­sel wer­fen will.

Den ande­ren Mann, den, der an der Fens­ter­öff­nung steht, kenne ich nicht. Zwei Raben sit­zen auf sei­ner Schul­ter, doch jetzt flat­tern sie auf und flie­gen kräch­zend ins Freie.

»Herr, der Eber …«, setzt der Koch an und ver­stummt.

»Das sehe ich.« Der Mann am Fens­ter hat nur ein gesun­des Auge. Es fixiert mich. Ich bebe am gan­zen Kör­per und ver­su­che, mich so klein wie mög­lich zu machen.

»Der Eber wollte heute nicht in den Wald, um sich jagen zu las­sen. Er ist zurück in die Burg gelau­fen und dann … offen­sicht­lich …« Wie­der ver­stummt der Koch.

»Offen­sicht­lich direkt zu mir. Spare Er mir Erklä­run­gen für Dinge, die auf der Hand lie­gen. Viel­leicht will der Eber nicht gejagt wer­den, viel­leicht gefällt ihm das nicht?«

Der Koch nickt.

»Viel­leicht will er auch nicht zer­legt und gekocht wer­den? Um aus sei­nen Kno­chen am nächs­ten Mor­gen wie­der­zu­er­ste­hen, nur damit er erneut gejagt, zer­legt, gekocht und ver­speist wird von Krie­gern, Wal­kü­ren und mei­nen Wöl­fen? Und das Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr?«

Der Koch steht regungs­los da.

»Oder würde viel­leicht Er an solch einem Los Gefal­len fin­den? Koch?«

Der Mann mit dem ruß­schwar­zen Gesicht schüt­telt den Kopf. Auch er scheint sich so klein wie nur mög­lich machen zu wol­len.

»Also erlö­sen wir ihn von sei­nem Schick­sal.« Der Mann am Fens­ter geht ein Stück zur Seite und nimmt einen glän­zen­den Speer von der Wand.

»Aber Herr!«, wirft da der Koch ein. »Was soll ich dann mor­gen auf­ti­schen zum Fest? Was sol­len die Ein­her­jer in Zukunft essen? Und was soll Eure Wölfe sät­ti­gen?« Er hat sich vor­ge­wagt, doch wird ihm mit einem Mal bewusst, wen er da maß­re­gelt, und so ver­beugt er sich jetzt tief und geht rück­wärts, bis er an die Tür­flü­gel stößt.

Der Mann am Fens­ter lacht. »Mor­gen, Koch, wenn er wie­der zum Leben erweckt wird, wird der Eber nichts mehr davon wis­sen, dass ihm sein Gott Erlö­sung ver­spro­chen hatte.«

Und damit wirft er den Speer. Es geht alles so schnell, dass ich nichts spüre. Mir wird plötz­lich ganz leicht, und ich bli­cke wie von weit oben auf die Welt. Alles kann ich von hier aus sehen. Es scheint ein gewal­ti­ges Fest bevor­zu­ste­hen, bei dem Ströme von Met flie­ßen wer­den. Und unter einem gro­ßen Kes­sel heizt der Koch das Feuer an …

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♫ Love in Times of Blitz and Bli­the ♫


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Love in Times of Blitz and Bli­the

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Ich betrete den – Kor­ri­dor ist hier viel­leicht das fal­sche Wort, da es nahe­legt, die­ser Gang sei dafür da, dass Men­schen ihn benut­zen. Das würde ich in die­sem Falle zwar gerne glau­ben, aber tat­säch­lich ist das bei einem Kanal oder genauer: einem Abwas­ser­ka­nal nicht der Fall. Es ist ein manns­ho­her, gemau­er­ter Tun­nel, in den von bei­den Sei­ten wei­tere Kanäle mün­den – ein Tun­nel­sys­tem unter der Stadt.

Ein toter mensch­li­cher Kör­per mag sich, je nach den äuße­ren Umstän­den, in weni­gen Wochen oder Mona­ten zer­set­zen – beim Meta­bo­lis­mus einer Stadt aus Stein, Metall, Glas und dem künst­li­chen Stoff der Dama­li­gen gehen Jahr­hun­derte oder Jahr­tau­sende ins Land, bis die Natur sich voll­ends zurück­er­obert hat, was der Mensch ihr abge­run­gen hatte.

Sie nen­nen uns Lei­chen­fled­de­rer – und tat­säch­lich ver­glei­chen wir das Objekt unse­rer Unter­su­chun­gen gerne mit einem Kör­per, einem mensch­li­chen Kör­per. Da die Stadt seit lan­ger Zeit ver­las­sen ist, han­delt es sich um einen toten Kör­per. Eigent­lich füh­ren wir wie Patho­lo­gen eine Obduk­tion durch, nur dass wir nicht nach der Todes­ur­sa­che for­schen. Die liegt auf der Hand. Wir for­schen nach klei­nen Orga­nen der Stadt, die viel­leicht noch von Nut­zen sind.

Das Kanal­sys­tem der Stadt, mein Fach­ge­biet, stellt ihr Aus­schei­dungs­or­gan dar. Durch ihre tief in der Erde ver­bor­ge­nen Gedärme fließt schon lange kein Abwas­ser mehr. Des­halb stinkt es hier auch nicht, wie man­che viel­leicht mei­nen, die ange­sichts mei­ner Auf­gabe die Nase rümp­fen. Ich bin nicht sehr ange­se­hen unter mei­nen Leu­ten, ich weiß. Aber ich nehme meine Auf­gabe ernst und gebe mein Bes­tes.

Es ist immer das­selbe. Nach einem lan­gen Fuß­marsch sind wir plötz­lich da, der ganze Trupp. Uns bie­tet sich kein Wider­stand – von Schling­pflan­zen und ein­sturz­ge­fähr­de­ten Bau­ten abge­se­hen. Wir fal­len lär­mend in die meist toten­still dalie­gende Stadt ein, errei­chen ihr Zen­trum, ver­tei­len uns vor dort aus, jeder mit sei­ner per­sön­li­chen Auf­gabe betraut. Wenige Stun­den spä­ter sam­meln wir uns wie­der auf dem Haupt­platz, und schon wenig spä­ter liegt die ver­fal­lene Stadt wie­der tot da, und es ist, als seien wir nie dort gewe­sen.

Einem leben­den Kör­per muss Luft und Nah­rung zuge­führt wer­den. Ner­ven­bah­nen, Adern und ein Lymph­sys­tem durch­zie­hen ihn. Die Nah­rung wird ver­daut und Ener­gie wird pro­du­ziert, die in Tätig­kei­ten und Kom­mu­ni­ka­tion umge­setzt wird. Ein Immun­sys­tem und ver­schie­dene Repa­ra­turme­cha­nis­men weh­ren Feinde ab und hal­ten Ver­fall, Ver­schleiß und unkon­trol­lier­ten Wild­wuchs auf, wo immer und wie lange das eben mög­lich ist.

All dies galt auch für die gro­ßen Städte. Wir haben uns, in Anleh­nung an Hei­ler, die damals mit den ver­schie­de­nen Orga­nen und Sys­te­men im mensch­li­chen Meta­bo­lis­mus betraut waren, Namen gege­ben, Spitz­na­men, die sich auf unser jewei­li­ges Spe­zi­al­ge­biet bezie­hen. Ich bin der »Prok­to­loge«.

Die alten Städte gel­ten als ver­fluchte Orte, und ein wenig färbt das auf uns, die Toten­be­schauer, ab. Wir sind Aus­ge­sto­ßene, und es heißt, wir ste­hen mit Dämo­nen im Bunde. Des­halb sind wir gezwun­gen, unter uns zu blei­ben. Manch­mal rau­ben wir Frauen. Auch ich komme lang­sam in das Alter, in dem ich eine Fami­lie grün­den sollte. Ich habe mein Auge auf die »Neu­ro­lo­gin« gewor­fen. Aber wie soll ich ihr impo­nie­ren? Ich müsste dafür einen bedeu­ten­den Fund machen. Doch was lässt sich hier in den Abwäs­ser­ka­nä­len schon ent­de­cken?

Wir suchen beson­dere Arte­fakte, Dinge, deren Bedeu­tung wir nicht ken­nen, Gegen­stände, deren Sinn für uns im Dun­keln liegt. Aus jeder Stadt neh­men wir nur ein ein­zi­ges die­ser Objekte mit und schaf­fen es, oft auf gefahr­vol­len Wegen und unter gro­ßen Mühen, zurück in unsere Fes­tung. Dort haben wir im Berg ein rie­si­ges unter­ir­di­sches Museum ange­legt, in dem diese Dinge, beschrif­tet jeweils mit der Stadt, aus der sie stam­men, aus­ge­stellt wer­den – und nie­mand außer uns weiß davon.

Auch wenn alle ande­ren uns für Plün­de­rer hal­ten und mit schlim­men Schimpf­wor­ten bele­gen: Eigent­lich sind wir Bewah­rer und haben eine große Hoch­ach­tung vor den toten Städ­ten und ihren eins­ti­gen Bewoh­nern, den Schöp­fern all die­ser ebenso wun­der­ba­ren wie rät­sel­haf­ten Gerät­schaf­ten, die unsere Expe­di­tio­nen zutage för­dern.

Ich laufe jetzt schon viele Stun­den lang durch die Kanäle. Es wird Zeit für mich, zurück­zu­keh­ren. Mein untrüg­li­cher Ori­en­tie­rungs­sinn ist der Grund dafür, dass mir die Auf­gabe zufällt, die Abflüsse und Kata­kom­ben der toten Städte zu durch­strei­fen. Noch nie habe ich mich ver­irrt, und selbst wenn meine Fackel ver­lö­schen sollte, würde ich zurück­fin­den.

Da! Ich ent­de­cke etwas im fla­ckern­den Licht, dass ich auf dem Hin­weg über­se­hen haben muss. Es ist ein Metall­ge­stänge, das an einer Seite eine Art Hal­te­griff aus einem der künst­li­chen Stoffe der Dama­li­gen besitzt: Er ist schwarz, nach­gie­big und fühlt sich ange­nehm an, fast so, wie ich mir die Haut einer Frau vor­stelle. Ich richte das Gestänge auf, so dass es mit zwei kur­zen Quer­stan­gen fest auf dem Boden steht – ähn­lich wie bei einem der räder­ge­trie­be­nen Gefährte, wel­che die Dama­li­gen mit Peda­len ange­trie­ben haben. Nur gibt es hier weder Räder noch einen Sat­tel. Den­noch sieht das Gerät aus, als könne man es bestei­gen: Unten befin­den sich, neben­ein­an­der befes­tigt, zwei Platt­for­men, etwas grö­ßer als meine Füße. Offen­bar kann man hin­auf­stei­gen, wäh­rend am sich an dem hoch­ra­gen­den Griff fest­hält, um dar­auf zu ste­hen. Ich bin auf­ge­regt, denn so etwas habe ich noch nie gese­hen. Ist es gefähr­lich? Todes­mu­tig steige ich auf die zwei Tritt­bret­ter. Vor Schreck stockt mir kurz der Atem: Sie bewe­gen sich – das eine kippt weg, und gleich­zei­tig drückt es das andere nach oben. Das Gestänge knirscht. Nun belaste ich den Fuß, der hoch­ge­drückt wurde, und seine Platt­form senkt sich lang­sam und schwer­gän­gig, wäh­rend nun der andere Fuß nach oben schwingt.

Ich kann auf dem Gerät lau­fen, auf der Stelle lau­fen! Eigen­ar­tig. Und ein guter Fund. Denn der Sinn die­ser Vor­rich­tung ist mir völ­lig schlei­er­haft.

Sie ist schwer. Ich schul­tere sie und mache mich auf den Weg zu unse­rem Treff­punkt. Es macht mich stolz, ein­mal etwas von mei­nen Streif­zü­gen mit­brin­gen zu kön­nen.

Unser Ältes­ter begut­ach­tet die Fund­stü­cke. Lange bleibt er vor mei­nem Arte­fakt ste­hen. Dann bedeu­tet er mir, es vor­zu­füh­ren. Ich steige auf die Platt­for­men und bewege sie lang­sam mit den Füßen, indem ich mein Gewicht ver­la­gere. Es knirscht, als ich beginne, auf der Stelle zu lau­fen, so als ob ich eine Treppe hin­auf­stei­gen würde. Ich höre ein Rau­nen von den ande­ren, aber habe nur Augen für die Neu­ro­lo­gin, die mich und das Gerät mit erstaun­ten Bli­cken bedenkt – und lächelt, als der Älteste seine Wahl trifft. Sie lächelt mich an! Ich steige ab und fühle mich, als würde ich schwe­ben.

Unser Ältes­ter fer­tigt in der toten Spra­che und Schrift eine kleine Tafel an, die ich an mei­nem Fund befes­ti­gen darf. »Ber­lin«. Wir bre­chen auf. Die Neu­ro­lo­gin hilft mir, das Arte­fakt zu tra­gen. Am Tuscheln der ande­ren bemerke ich, dass ihnen nicht ver­bor­gen geblie­ben ist, für wen unter uns sie sich ent­schie­den hat. Für den »Prok­to­lo­gen« – wer hätte das gedacht?

Ich jeden­falls trage stolz mit ihr das Gerät, mit dem man auf der Stelle lau­fen kann. Wir haben noch einen wei­ten Weg vor uns, aber ich fühle mich leicht und vol­ler Taten­drang. Ich habe ein Muse­ums­stück gefun­den – und eine Gefähr­tin!

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♫ Entheo­ge­no­mics ♫


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Ich betrete das Kor­ri­dor­gel­ge­braus mit gespann­tem Trom­mel­fell. Sogleich feu­ern Astral­trieb­werke mit der Anmut einer Kro­ko­dils­träne klo­neske Ober‑, Über‑, Hyper- und Cyber­töne in unsre elf­di­men­sio­na­len Mal­schmeck­knos­pen, Mal­riech­kol­ben, Mal­heur­gänge, schä­len sich sinn­äs­the­tisch-pro­zess­aural aus dem infi­ni­ten Per­si­len­zium, um pan­re­so­nante Horch­pos­ten zu okku­pie­ren und audi­tiv­ge­fros­tet in die Kas­tra­to­sphäre uns­rer Lau­nen, Gril­len und Schis­men zu sickern, kon­tra­punk­tisch kon­fron­tal inmit­ten quell­of­fe­ner Süf­fi­san­zen. Pata­so­ni­sche Nanu­par­ti­kel – clus­ter­haft lüs­tern knis­ternd – flüs­tern Rhyth­mus­ter, Sonar­chi­tex­tu­ren und klang­an­hal­tende Tape­deck­la­ra­tio­nen, erwei­sen lie­der­li­che Melo­dienste, kaden­zen deli­kate Ohr d’o­eu­vres, vexeln in vol­ler Fahrt den Spin ins bio­tro­nisch Orga­ni­fi­zi­elle, qui­zeln meine Lach­mus­keln, bran­den wogend in unsre poe­si­ena­far­be­nen Lau­sch­mu­scheln, kuscheln sich qua­drill­phon in dritte Ohren. Sau­sen. Schall­dü­nung. Mee­res Rausch. Ver­weh­mut knapp unter­halb der Hörschwälle. Dezi­bel­canto. Oise­aux-Flo­cken. Froh locken uns Floh­glo­cken vom blas­sen Bliss blo­ßen Ohren­scheins zu flir­ren Luzi­di­tät­lich­kei­ten im Shan­gri-Laby­rinth uns­rer grauen Zel­len, bis dich unver­hofft ein mikro­kos­mi­sches Klang­frag­ment für ein mini­ma­li­ziö­ses ultra­gi­ko­misch-infra­gi­les Erst­jetzt ins Hell­hö­ren-Wahr­lau­schen-Klar­hor­chen bringt. Im Nu. Ganz Ohr. Sein.

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♫ Ygg­dra­sil Play­ground ♫


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»Ich betrete den Kor­ri­dor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – mei­nem Haus –, das sich in einer klei­nen Stadt befin­det …«

»Opa«, unter­bricht mich eine der bei­den, Juli­etta dürfte es sein, jeden­falls hat sie die Wir­bel links über der Stirn, »warum fängst du deine Geschich­ten immer an mit ›Ich betrete den Kor­ri­dor‹ und nicht mit ›Es war ein­mal‹?«

»Weil ihr zwei ganz beson­dere Mäd­chen seid und ich euch bei­den ganz beson­dere Geschich­ten erzähle, die sonst kei­ner erzählt, keine ande­ren Omas und Opas, und auch nicht die Tan­ten im Kin­der­gar­ten.«

»Das sind keine Tan­ten, Opa. Das sind unsere Kin­der­gärt­ne­rin­nen.« Sagt die andere, Juni­per.

»Mär­chen­tan­ten, meine ich. Jeden­falls fan­gen meine Geschich­ten immer im Kor­ri­dor vor eurem Schlaf­zim­mer an. Weil sie, anders als die ande­ren Mär­chen, die euch erzählt wer­den, samt und son­ders wahr sind. Darf ich jetzt wei­ter­erzäh­len?« Beide nicken mit gro­ßen Augen, als könn­ten sie kein Wäs­ser­chen trü­ben. Na, mal sehen.

»Ich betrete also den Kor­ri­dor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – mei­nem Haus –, das sich in einer klei­nen Stadt befin­det, die in einem Land­strich liegt, wel­cher zu einem Kon­ti­nent gehört, der wie­derum in geo­lo­gi­schen Zeit­räu­men über die Ober­flä­che eines Pla­ne­ten treibt. Heißt es zumin­dest. Aber da fällt mir der Gar­ten mei­ner Kind­heit ein, der Gar­ten eurer Urgroß­el­tern, die ihr nie ken­nen­ge­lernt habt.

Als ich noch klein war, stand in unse­rem Gar­ten ein rie­si­ger Baum. Er war so gewal­tig groß, dass ich dachte, oben auf sei­nen Ästen wür­den sich ganze Län­der befin­den, und die Bewoh­ner ahnen ver­mut­lich gar nichts davon, dass sie auf einem Baum woh­nen.«

»So einen gro­ßen Baum gibt es nicht.«

»Oh doch. Ich muss es wis­sen. Eines Tages bin ich näm­lich hin­auf­ge­klet­tert. Und wisst ihr, was ich da oben fand?«

»Ein Vogel­nest?«

»Nein. Einen kolos­sa­len, alten, knor­ri­gen Ast, auf dem sich Wie­sen und Wäl­der, Wüs­ten, Berge, Seen und ganze Meere befin­den. Es dau­erte viele Jahre, auch nur einen klei­nen Teil die­ser Land­schaf­ten zu erkun­den. Dabei lernte ich übri­gens eure Groß­mutter ken­nen, Gott hab sie selig.«

»Oma?« Ungläu­bige Bli­cke. »Auf dem Baum bei euch zuhause im Gar­ten?«

Ich nicke. »Ihr habe ich in einem Dorf eines Lan­des auf dem Ast ein Haus gebaut. Die­ses Haus hier. In dem dann eure Mut­ter gebo­ren wurde.«

»Aber das ist doch Quatsch, Opa. Wir leben doch nicht auf einem Baum!«

»Viel­leicht ja doch. Ich muss es wis­sen. Schließ­lich bin ich ihn hin­auf­ge­klet­tert.«

»Aber Opa, wir leben auf einem Pla­ne­ten, nicht auf einem Ast. Guck doch ein­fach mal bei Google Earth. Wenn man da ganz raus­zoomt, sieht man die Erde.«

»Wer sagt denn, dass das stim­men muss? Im Mit­tel­al­ter hat Google Earth die Erde als Scheibe gezeigt, von deren Rand man, wenn man nicht auf­passte, run­ter­fal­len konnte.«

»Opa!«

»In Wirk­lich­keit aber sind unsere Län­der und Kon­ti­nente nichts ande­res als die Borke eines kolos­sa­len, alten, knor­ri­gen Bau­mes. Wenn die Nächte ganz still sind, könnt ihr das Holz leise im Wind knar­ren hören.«

»Ach, Opa, das sind doch Mär­chen.« – »Und deine Mär­chen sind gar keine rich­ti­gen Mär­chen, sonst gäb es da Hel­din­nen und Prin­zen …« – »… und Pferde und Eich­hörn­chen und Zwerge.« – »Keine Kor­ri­dore.« – »Genau. Auf kei­nen Fall Kor­ri­dore.«

»Auch nicht die im Mär­chen­schloss? Wisst ihr was, ihr zwei Hel­din­nen? Das mit den Kor­ri­do­ren ist jetzt eh vor­bei. Gleich mor­gen früh bre­che ich auf und steige wie­der hin­un­ter.«

»Hin­un­ter?« Vier Kin­der­au­gen sehen mich groß und fra­gend an.

»Ja. Wie­der von dem Baum her­un­ter, der im Gar­ten mei­ner Kind­heit steht. Wisst ihr, mein Vater hatte näm­lich eine Schau­kel an einen der unte­ren Äste gehängt, und das war, wenn ich mich recht erin­nere, der schönste Platz der gan­zen Welt.«

»Du gehst weg?!«

»Na ja, wir reden dann noch mal beim Früh­stück dar­über. Ob ihr mir das mit dem Baum glaubt oder doch lie­ber Google Earth ver­traut.«

»Wir glau­ben dir das mit dem Baum, Opa!« – »Google Earth will uns was vor­ma­chen!« – »Mit Pho­to­shop kann man ganz leicht aus einem Ast einen Pla­ne­ten machen.« – »Geh nicht weg, Opa!«

»Nein, meine Engel, keine Sorge. Ich glaube auch gar nicht, dass die Schau­kel noch hängt. Und jetzt macht schön die Augen zu und lasst euch vom Wind, der Nacht für Nacht durchs Geäst der Welt weht, in den Schlaf wie­gen.«

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Anāt­man

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Ich betrete den Kor­ri­dor mit hän­gen­den Schul­tern. Es ist schreck­lich, den Meis­ter ent­täuscht zu haben. Er hat sich sol­che Mühe mit mir gege­ben, immer wie­der neu ver­sucht, mei­nen Geist zu schu­len und mir klar vor Augen zu füh­ren, dass alles, was ich erlebe, blo­ßer Schein ist, ein Gau­kel­spiel, der Schaum der Dinge.

Doch ich kann die Illu­sion ein­fach nicht los­wer­den, dass ich, ich selbst, der Fokus die­ses Erle­bens, real bin. Dass ich wirk­lich exis­tiere. Ich denke doch, ich fühle, ich mache Erfah­run­gen! Wie soll ich da nicht exis­tie­ren und bloß Ein­bil­dung sein?

Was hat der Meis­ter mit mir nicht alles schon ver­sucht?
 
Von

  • Logik (Bewusst­sein gibt es nicht im Plu­ral),
  • Phi­lo­so­phie (Atman und Brah­man sind eins),
  • Para­dox (der Kōan von der einen klat­schen­den Hand),
  • Traum­yoga (Besu­che des Meis­ters in mei­nen Träu­men, um mir zu zei­gen, dass auch ich selbst nur ein Traum bin, der sich selbst träumt),
  • Wis­sen­schaft (die Grand-Illu­sion-Videos von Susan Black­more),
  • Mys­tik (»Mein Zucker ist in dir zer­schmol­zen, o Milch des Lebens, milde, reine«)

über

  • medi­ta­ti­ves Trai­ning (tage­lan­ges Sit­zen im Nicht­den­ken),
  • Sur­rea­lis­mus (Jim Hen­sons The Cube: Erd­beer­mar­me­lade) und sogar
  • Gewalt (unver­mit­telte Faust­schläge ins Gesicht, wie sie manch einem Adep­ten Erleuch­tung gebracht haben sol­len)

bis hin zu

  • einer »Snooze-Taste« für meine Gedan­ken (die er mit­tels NLP bei mir zu ver­an­kern suchte),
  • hart­nä­cki­gem Igno­rie­ren (nicht nur mei­ner Fra­gen, son­dern auch mei­nes zuneh­men­den Hun­gers),
  • aus­ge­dehn­ten Man­dala-Betrach­tun­gen (M.C.-Escher-Kachelungen mit der Frage »Wo ist das Zen­trum?«) und sogar
  • bud­dhis­ti­scher Dun­kel­the­ra­pie.

Doch mein angeb­lich illu­sio­nä­res Ich ließ sich von all­dem nicht beein­dru­cken. Nicht meine Vor­stel­lung, ein Indi­vi­duum zu sein, zer­brö­ckelte bei die­sem Ansturm, son­dern meine Vor­stel­lung, es gäbe da etwas wie eine feste Welt um mich herum.

Schließ­lich gab mein Meis­ter seine Bemü­hun­gen auf. Ich hatte es schon kom­men sehen, dass er mich irgend­wann an den legen­dä­ren Ort schi­cken wird, von dem seine Schü­ler nur hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand spre­chen: den Kor­ri­dor der Ver­sa­ger, den Kor­ri­dor der Solip­sis­ten. Nie­mand kehrte je zurück, heißt es, aus die­sem Gang, den das Was­ser des klei­nen Flus­ses in den Bauch des Ber­ges gefres­sen hat, in dem er dann spur­los ver­schwin­det.

Auch ich werde spur­los ver­schwin­den. Ein paar Tage, viel­leicht Wochen lang wer­den meine Mit­schü­ler noch mei­nen Namen im Munde füh­ren, hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand flüs­ternd, als abschre­cken­des Bei­spiel für einen Unein­sich­ti­gen, Unbe­lehr­ba­ren, einen, der sich an das große Trug­bild klam­mert und ein­fach nicht los­las­sen will. Aber bald schon, bald bin ich ver­ges­sen und ver­gan­gen.

Der Abstieg ins Dun­kel ist schwie­rig. Ich bin schon völ­lig durch­nässt, die Kälte kriecht in mein Inne­res. Ich zit­tere am gan­zen Leib, auch weil mich Todes­angst erfasst. Dass das Ich nicht ster­ben kann, weil es gar nicht exis­tiert, kann mich nicht trös­ten, auch jetzt nicht. Ich höre ein ver­zwei­fel­tes Jam­mern, und nach eini­ger Zeit merke ich, dass es aus mei­nem eige­nen Mund kommt. Ich ver­stumme.

Am Klang des Was­sers höre ich, dass ich einen gro­ßen Höh­len­raum betrete. Ich glaube, einen Licht­schim­mer hoch über mir wahr­zu­neh­men. Ist das eine Treppe, die in den Fels geschla­gen wurde? Sie führt hin­auf, dem Schim­mer ent­ge­gen. Ich setze mich im Lotos­sitz auf den nack­ten Fels und schließe die Augen. Viel­leicht hat sich das jah­re­lange Trai­ning ja doch irgend­wie gelohnt.

Nicht ich werde diese Stu­fen betre­ten und hin­auf­stei­gen. Nicht ich.