Ich betrete den Korridor nach viel zu kurzem Schlaf. Aber so ist das hier im Schlaflabor: Die Arbeit fällt hauptsächlich nachts an – die Probanden schlafen, die Forscher wachen und sammeln Daten. Diesmal versuche ich, mit einer Probandin zu kommunizieren, die das Klarträumen beherrscht. Ich trete in unseren Kontrollraum, von dem aus wir nach drei Seiten durch halbverspiegelte Scheiben in enge Schlafzimmer sehen. Nur ein Bett ist belegt.
Als mir der Enzephalograph anzeigt, dass die Studentin träumt, lasse ich drei helle rote Blitze ihr kleines Zimmer erhellen – als vorher abgesprochene Hilfe für sie, innerhalb des Traumes zur Luzidität zu erwachen, und eine Art Anklopfen bei ihr, dass wir sie kontaktieren möchten. Sie ist eine unserer erfahrensten Klarträumerinnen.
Die Bewegungen ihrer Augäpfel lassen, zeigt mir der entsprechende Monitor, jetzt ein Muster erkennen. Erst achtmal ein Ruck nach links, dann einmal, dann zwölfmal und noch einmal zwölfmal, dann fünfzehnmal. Ein simpler Code: Sie hat mir gerade »Hallo« gesagt.
Über Lautsprecher frage ich, ob sie mich hören kann. Der Enzephalograph zeigt, dass sie schläft und träumt. Trotzdem signalisiert sie mir mit ihren Augen: »Ja«. – »Dann los!«, sage ich. Sie kennt ihre Aufgabe. Sie soll – im Traum und ohne aufzuwachen – ihren Körper hochschweben lassen bis über den Schrank in ihrem Raum und uns durchgeben, was für eine Zeichnung sie sieht. Die haben wir – ohne sie selbst zu kennen, denn sie wird per Zufall ausgewählt – dort oben für sie platziert.
Kurze Zeit später signalisiert sie mir mit unserem etwas umständlichen, dafür aber simplen Code: »toter Vogel«. Gespannt eile ich zum Schrank.
Es ist kein toter Vogel, sondern die Buchstaben-Zahlen-Kombination F‑B3T-42. Ich bin ein wenig enttäuscht, aber als Wissenschaftler darf man sich nicht von Erwartungen leiten lassen, sondern muss sich allein an den Fakten orientieren. Und diese legen nahe, dass sie zwar geträumt hat, die gestellte Aufgabe zu erfüllen, dies aber nur in ihrer Vorstellung tat und nicht etwa bei so etwas wie einer außerkörperlichen Erfahrung. Unsere Probandin gibt später zu Protokoll, sie habe einen toten Eichelhäher gesehen, doch das Wort schien ihr zu lang, um es per Augenbewegung an uns durchzugeben.
Anderthalb Wochen nach diesem Versuch beobachte ich zufällig im Hof vor dem Flachbau, der unsere Labore beherbergt, unseren Hausmeister mit einem toten Eichelhäher in der Hand. Ich frage ihn danach, und er erklärt, seit unsere zwei Schornsteine mit chromglänzenden Metall verkleidet wurden, brechen sich auf dem Dach hin und wieder Vögel, die die Spiegelung für den Himmel halten, das Genick. Ich lasse mir von ihm auf dem Grundriss des Gebäudes die Fundstelle zeigen. Tatsächlich: Der tote Vogel lag genau über dem Schrank, auf dem wir unsere zufälligen Zeichnungen platziert hatten. Nur eben ein paar Meter höher auf dem Dach.
Der Hausmeister, ein Mensch, der von uns Forschern allerhand Unsinn gewohnt ist, sah sich den Eichelhäher auf meine Frage hin genauer an, bohrte prüfend seinen Finger unter die Federn und meinte: »Klar kann der schon anderthalb Wochen da oben gelegen haben. Aber was macht das schon fürn Unterschied?« Ich bleibe ihm die Erklärung schuldig.
Die Versuchsreihe hatten wir bereits abgebrochen, weil wir keine signifikanten und wiederholbaren Ergebnisse erzielen konnten. Zu vorschnell? Den Kollegen erzähle ich nichts von dem toten Vogel. Mit so einer Anekdote würden wir uns in Wissenschaftlerkreisen nur lächerlich machen.
Ich betrete den Korridor. Es ist ein eigenartiges Gefühl, nach all den Jahren hierher zurückzukommen. Es sieht – auf den ersten Blick – alles noch genauso aus wie damals: die weiße Gewölbedecke, die schlichten Steinsäulen, die sich in regelmäßigen Abständen bis in die Ferne fortsetzen, der glatte, kühle Marmorboden unter meinen nackten Füßen – und das Wärterhäuschen, dem ich gleich zu Anfang gegenüberstehe. Der Troll öffnet das ovale Holztürchen im Fenster, um mit mir zu sprechen.
»Wer sind Sie, und was suchen Sie hier?« Er klingt streng, aber das muss er ja auch sein. Er ist der Kontrolleur hier. Ich hatte ganz vergessen, dass er mir als Troll erscheint. Das habe ich mir nicht ausgedacht. Zumindest nicht bewusst.
»Ich bin’s, der Boss. Ich wollte hier mal wieder nach dem Rechten sehen.«
Der Troll sieht mich stirnrunzelnd an. »Haben Sie einen Termin? Haben Sie die Formulare ausgefüllt? Haben Sie einen Berechtigungsausweis oder eine Empfehlung? Sie können hier nämlich nicht einfach so …« – »He he he, mal langsam«, unterbreche ich ihn, »ich brauche das alles nicht. Ich bin hier der Chef. Und ich möchte mich gerne mit meinem Kontrolleur unterhalten.«
»Das bin ich«, sagt der Troll in seinem Wärterhäuschen, bar jeden Humors.
»Was ist deine Aufgabe?«, frage ich ihn. Er erläutert es mir. Der Troll hat, wie alle hier im ersten Teil des Korridors, einen recht begrenzten Horizont. Von daher ist es nicht überraschend, dass er mir erklärt, seine Aufgabe sei es, alles Mögliche zu kontrollieren, Tag und Nacht, weil es sonst sofort völlig aus dem Ruder laufen würde. Kontrolle sei das Allerwichtigste, und ohne ihn würde hier völliges Chaos ausbrechen. »Ich versuche nur, so gut wie möglich meinen Job zu machen«, sagt er.
»Du machst das ganz großartig«, sage ich und meine es auch. Tatsächlich hat mir der innere Kontrolleur schon eine Menge Ärger erspart. Und über das Lob freut er sich sichtlich.
Dann frage ich ihn, ob er mich mit den anderen im weiteren Verlauf des Korridors reden lässt, ohne kontrollierend einzugreifen. Es kommt zu einer kleinen Diskussion, aber schließlich ist er bereit, kurz Pause zu machen. Ich nicke ihm dankend zu und gehe am Wärterhäuschen vorbei tiefer in den Korridor.
Hinter den seitlichen Bögen zwischen den Säulen öffnen sich unterschiedliche Räume. Sie werden von weiteren Figuren meines inneren Ensembles bewohnt, eindimensionalen Charakteren, wie sie manchmal auch in Mythen, Märchen und in der Popkultur vorkommen, Typen wie der Minotaurus, Chewbacca, der Zirkusclown (»Akrobat schööön!)«, Gollum (»Wir wollen ihn! Wir brauchen ihn! Wir müssen ihn haben, den Schatz!«) oder das Säbelzahneichhörnchen Scrat, die uns in ihrer Einfältigkeit manchmal tief im Inneren berühren.
Ich höre ein Schluchzen.
Es ist ein kleines, düsteres Zimmer mit einem zerschlissenen Bett. In einer Zimmerecke hockt ein Häufchen Elend. »Wer bist du?«, frage ich, aber ich weiß es schon. Es ist die Verzweifelte. Ein Schluchzen antwortet mir. »Was ist deine Aufgabe?«, frage ich. Sie wendet sich mir zu und beginnt stockend von ihren Erfahrungen zu berichten: Immer wieder geht sie voller Hoffnung los, doch dann lassen sie die Umstände, lassen andere Menschen sie verzweifeln. Das gehe schon ihr ganzes Leben lang so. Und da anscheinend niemand anderes bereit ist, diese Verzweiflung zu spüren und sich ihr auszusetzen, übernimmt halt sie diese Aufgabe – erklärt sie mir mit dicken Tränen in den Augen.
Ich danke ihr für den selbstlosen Einsatz und verkneife mir ein zynisches »Gute Arbeit!« – stattdessen schlage ich dem kleinen, verheulten Mädchen vor, sich mal mit dem Methodiker zusammenzutun. Der wohnt ein Stück den Korridor runter. »Ziel formulieren, Arbeitsschritte definieren, methodisch abarbeiten!« – das habe ich noch von meinem letzten Zusammentreffen mit ihm im Ohr. Die beiden könnten ein gutes Paar abgeben.
Mein nächster Besuch führt mich in das Arbeitszimmer des »Questologen«, wie ich ihn getauft habe: ein junger Mann mit Dreitagebart, Hut und einer zusammengerollten Peitsche am Gürtel, der im ganzen Zimmer Landkarten ausgebreitet hat, zwischen denen aufgeschlagene Bücher liegen. »Was ist deine Aufgabe?«, frage ich den inneren Sucher, und natürlich kennt auch er nur eins: suchen! Ständig ist er auf der Suche, nach der Liebe, der Antwort, dem Glück, dem Heil, dem Optimum, nach dem Weg, dem Sinn, der Bedeutung, der Erleuchtung … »Wie steht es mit dem Finden?«, frage ich schmunzelnd, aber tatsächlich ist der Sucher allein auf die Suche fixiert und fasst immer gleich, wenn er denn mal einen Treffer landen sollte, das nächste Ziel für die Suche ins Auge, die nächste Landmarke am Horizont.
Auch ihm erbiete ich meinen Respekt, denn seine unstillbare Sehnsucht ist sehr wertvoll für mich, doch das registriert er, längst wieder in seine Land- und Schatzkarten vertieft, schon gar nicht mehr.
Eigentlich will ich jetzt zum Tagträumer, aber beim Weitergehen bemerke ich einen Raum, der mir ganz unbekannt vorkommt. Er ist luxuriös eingerichtet und öffnet sich auf eine Terrasse zum Meer hin. In einem Deckstuhl entdecke ich einen etwas dickbäuchigen, am ganzen Körper behaarten Mann in Badehose. Neben ihm, auf dem Boden, in Greifweite: ein Cocktail und eine Schale mit Trauben.
»Köstlich!«, ruft er. »Herrlich!«
»Wer bist du?«, frage ich verblüfft. Der gehört zu mir?
»Mmmh, musst du kosten! Die schmecken wirklich himmlisch!«
Er schiebt mir die Trauben hin. Menschen, die ihre Sätze dauernd mit Ausrufezeichen abschließen, sind mir eigentlich suspekt. Aber ich probiere dann doch von den Trauben. Sie schmecken – nicht übel.
»Aaaahh, die Sonne auf dem Bauch: Kann es was Schöneres geben? Und dieses Panorama! Und die leichte Brise ist auch nicht von schlechten Eltern! Dieser leichte Salzgeschmack!«
»Was ist deine Aufgabe?«, frage ich. »Genießen!«, antwortet er mit einem genüsslich langezogenen ie. »Aus dem Vollen schöpfen! Mich an den schönen, leckeren, lustvollen, beglückenden Dingen ergötzen! Apropos …«, sagt er und wendet mir seinen ebenfalls behaarten Rücken zu, »könntest du mich eventuell kurz zwischen den Schulterblättern kratzen?«
Ich zögere kurz, tue ihm dann aber den Gefallen.
»Etwas tiefer noch, jaaa! Oh, ist das gut, ooohh, genau richtig, wunderbar!« Auch die ganz kleinen Dinge können sehr genussvoll sein, denke ich und danke dem Genießer für die Inspiration.
Ich betrete wieder den Korridor. Es wird Zeit, weiterzugehen in den nächsten Abschnitt. Nach hinten hin wird es heller: Boden, Wände, die Säulen, die Decke – das alles scheint aus sich selbst heraus zu leuchten. Hier begegne ich weiteren Facetten, nur dass diese hier transpersonal sind: Es sind die Seelenanteile, die über die begrenzte menschliche Sichtweise hinauswachsen und im großen Sein selbst verankert sind.
Schließlich rufe ich in das helle, sanfte Leuchten vor mir hinein: »Ich möchte bitte mit dem ›Gewahrsein ohne trennende Teilung‹ sprechen.«
»Ja?«, antwortet eine Stimme, die weder männlich noch weiblich, weder alt noch jung ist. Mein Blick, mein Herz und mein Geist weiten sich. Es ist, als würde ich im All zwischen den Galaxien schweben und der Weltenraum selbst sein. Es ist, als wäre ich eine stille Flamme im Innersten aller Dinge, deren Kraft und Neugier und Liebe die Welt und die Wesen erschafft und der Schöpfung und allen Geschöpfen die Freiheit gibt, sich in alle gewünschten Richtungen zu entfalten, sämtliche angestrebten Erfahrungen zu machen und sogar, wenn gewünscht, freiwillig zu vergessen, wer sie wirklich sind. Es ist wie die Erinnerung an den Ursprung aller Existenz. »Was hast du auf dem Herzen?«, fragt die Stimme sanft.
Es wird ein längeres Gespräch. Einerseits ist es ein wenig erschreckend, das eigene kleine Leben aus der kosmischen Perspektive zu betrachten, andererseits rückt es die Probleme, Sorgen und Ängste ins rechte Licht. Und es tut einfach rundum gut, in allumfassendem Mitgefühl zu baden.
Ein letzter Schritt bleibt zu tun: alle Aspekte meiner selbst, auch die transpersonalen, mit hinaus zu nehmen aus dem Korridor, ihn am Ende der Meditation zu verlassen und – nicht unbedingt als besserer Mensch, aber möglicherweise besser mit mir im Reinen – rundum »beseelt« ins Leben zu treten.
Ich betrete den Korridor. Norbus Hausboot riecht anders als sonst. Ich höre seine Stimme aus einem kleinen Zimmer, in dem ich noch nie gewesen bin: seinem Schlafzimmer.
Norbu liegt im Bett, hustet erbärmlich und sieht hundeelend aus. »Ein Infekt«, krächzt er, »komm mir bloß nicht zu nahe.« Um sein Bett herum sind Papiertaschentücher verstreut.
»Kann ich was für dich tun?«, frage ich besorgt.
»Nee«, sagt er, »hab alles da.«
Neugierig sehe ich mich um. In Norbus Schlafzimmer hatte ich immer seine Bibliothek vermutet, all die Bücher, die er im Laufe seines Lebens angesammelt haben muss. Tatsächlich sehe ich auf dem Regalbord über dem Bett nur ein einziges Buch. Norbu folgt meinem Blick.
»Finnegans Wake«, meint er, »Erstausgabe. Mehr brauch ich nicht.«
Ich nicke, aber vielleicht reicht das nicht, um herauszustellen, dass ich weiß, wovon er redet, und füge an: »Ja, ein Roman, der eine ganze Bibliothek ist. Joyce hat es irgendwie geschafft, das Leben, das Universum und den ganzen Rest da reinzupacken. Ein Buch, das quasi alles enthält. Mehr braucht man nicht.«
Norbu sieht mich ein wenig schräg an. »Also mir«, sagt er, »geht’s bei dem Buch hauptsächlich darum, dass ich nur ein, zwei Zeilen lesen muss, und ich falle sofort in tiefen Schlaf.«
»Aha«, sage ich, beiße mir auf die Lippen und ziehe meine Hand zurück, mit der ich das Buch nehmen und wahllos irgendwo aufschlagen wollte, um dann nach einem kurzen Blick hinein wissend zu nicken. Da hab ich wohl etwas danebengegriffen.
»Kein Buch kann den kompletten Kosmos umfassen, das ist romantisierender Schwachsinn.« Norbu muss husten und bittet mich, uns einen Tee zu machen. Ich grummle zwar ein wenig, weil ich mich weder gern runterbügeln noch zum Hausmädchen degradieren lasse, aber schließlich ist Norbu krank, und vermutlich meint er es nicht böse.
In der kleinen Küche finde ich Kamillentee, den ich aufbrühe und mit einem Stuhl als Tablett ins Schlafzimmer trage, um mich zu meinem kranken Freund setzen zu können. Ich gieße uns ein.
»Vielleicht im Sinne eines Hologramms«, sage ich. Während des Teekochens habe ich lange nach irgendwas gesucht, das ich Norbus Abfuhr entgegenhalten kann. »Es ist alles da, nur weniger detailreich.« Ich deute auf das Buch.
Norbu schüttelt den Kopf. Er rückt hoch, schiebt sich das Kissen in den Rücken und lehnt sich mit dem Oberkörper an die Holzwandung seines Hausboots. »Da landet man ganz schnell bei romantizistischen Weltvorstellungen. Früher war es die, Gott würde einem höchstpersönlich dabei zuhören, wenn man ihm seine Weihnachtswunschliste vorliest. Heute muss die Quantenphysik dafür herhalten, dass jeder selbst der Schöpfer seiner Wirklichkeit sein will.«
Norbu klingt beleidigt – so, als wolle er sich ganz oben für seine Erkältung beschweren. Und da nun mal nicht Gott an seinem Bett sitzt, sondern ich, bekomme eben ich die Breitseite ab.
Aber ich weiß mich zu wehren. »Hast nicht du selbst mal gesagt, das menschliche Bewusstsein sei der nächste unerforschte Kontinent? Und was ist mit Yogis, die sich tagelang begraben lassen und währenddessen offensichtlich ihre Atmung einstellen, oder mit buddhistischen Mönchen im Himalaja, die sich nackt in den Schnee legen und nur mit der Kraft ihres Geistes einen lebenden Radiator aus sich machen?«
Norbu nickt lächelnd, aber ich meine, dabei in seinen rotgeäderten Augen den Schalk blitzen zu sehen. »Ja, das möchten wir gern glauben: dass das möglich ist und dass der Geist die Materie beherrscht.« Er stellt seine dampfende Tasse neben den Joyce-Band auf das Regalbord. »Warum gibt es nur anekdotische Berichte darüber und keine handfesten Beweise? Denk doch mal nach: Wenn es möglich wäre, sich nur von Licht zu ernähren – wie Frau Jasmuheen oder das chinesische Bi Gu behaupten –, warum hat das die Evolution noch nicht genutzt? Außer bei den Pflanzen, meine ich. Aber die tanken bekanntlich kein Prana, sondern nutzen Chlorophyll.« Norbu muss wieder husten, hebt aber diesmal die Hand dabei, um mir zu signalisieren, dass er mit seinem Gedankengang noch nicht zu Ende ist und ich ihm nicht dazwischenreden soll. Folgsam warte ich ab.
»Oder«, fährt er schließlich mit einem Kratzen in der Stimme fort, »wenn Telekinese möglich wäre, warum setzen Tiere sie nicht ein? Genauso Teleportation. Oder Levitation. Die Evolution hatte Milliarden Jahre Zeit dafür, den Wunsch nicht nur Vater der Gedanken, sondern Beherrscher der Realität werden zu lassen. Stattdessen lässt sie alles in Handarbeit erledigen. Oder halt per Tentakel, Flosse, Mandibel oder Reißzahn. Richtig?«
Jetzt hat er mich doch ein wenig eingeschüchtert. Ich nicke verdrossen. Irgendwie hatte ich uns beide immer als mutige Entdecker eines neuen und kaum bekannten Kontinents gesehen, als Pioniere einer neuen Sicht auf den Menschen, die endgültig Schluss macht mit dem reduktionistischen Mythos, wir seien nur ein Uhrwerk, eine Maschine oder ein Computer.
»Geist«, sagt Norbu, »ist nur eine Nebenerscheinung der Materie und, wie man an beispielsweise an Alzheimer sieht, fehleranfällig und flüchtig. Die Selbstbeweihräucherung, die er besonders in esoterischen Kreisen betreibt, ist nur das Wunschdenken eines überkomplexen und unterbeschäftigten Gehirns.«
Er blickt mich antwortheischend an, und wieder nicke ich grummelnd.
»Könnte man meinen«, fügt er trocken an.
Ich schürze die Lippen und brumme zustimmend, wenn auch widerwillig – bis mir bewusst wird, dass er sich da gerade selbst in Frage gestellt hat. »Ist es etwa nicht so?«, frage ich hoffnungsvoll.
Norbu schnäuzt sich geräuschvoll in ein Taschentuch. »Nicht, wenn das menschliche Bewusstsein eine Emergenz der Evolution darstellt, also etwas, das neu entsteht, aber mehr ist als die Summe seiner Bestandteile und neue Bedingungen und Fähigkeiten schafft, wie sie vorher nicht abzusehen waren. So, wie aus lebloser Materie das Leben selbst hervorgegangen ist.«
»Aha. Also deshalb hat die Evolution im Tierreich keine präkognitiven Raubtiere hervorgebracht, die die Jagd auf ein Opfer nur antreten, wenn sie genau wissen, dass sie erfolgreich sein wird: Deren Gehirne waren noch nicht komplex genug dafür. In Gegensatz, willst du sagen, zu unseren.«
»Na ja«, meint Norbu, »es gibt Forschungen, die nahelegen, dass wir unbewusst Ereignisse vorherwissen können. Bei solchen nämlich, die viele Menschen auf der Erde bewegten, zeigten zum Beispiel Zufallsgeneratoren Auffälligkeiten. Und zwar schon, bevor das Ereignis überhaupt eintrat.«
So, wie Norbu es sagt, klingt das nach einem »Aber«. Ich warte ab, und tatsächlich: »Aber insgesamt sehe ich uns da auf der alleruntersten Stufe der Kompetenz.«
Darüber hatten wir vor Jahren einmal gesprochen. Ich fand die die Einteilung in vier Stufen damals sehr hilfreich und habe sie mir gemerkt. Unten fängt sie an mit »unbewusster Inkompetenz«.
Norbu nickt: »Nicht im Entferntesten wissen, dass man etwas nicht weiß oder kann.«
»Gefolgt von ›bewusster Inkompetenz‹: Ich weiß, dass ich nichts weiß.«
»Genau. Dann erarbeitet man sich die ›bewusste Kompetenz‹ …«
»Die schließlich zu ›unbewusster Kompetenz‹ wird, wie flüssig sprechen können oder das Gleichgewicht halten und auf zwei Beinen gehen – ohne ständig drüber nachdenken zu müssen.«
Norbu nippt inzwischen wieder an seinem Tee. Auch ich nehme einen Schluck. Eine Zeitlang sagen wir nichts.
»Wir stehen ganz am Anfang«, sage ich schließlich nachdenklich, »aber einige ahnen schon den unentdeckten Kontinent am Horizont.«
»Land in Sicht!«, ruft Norbu, was aber einen kurzen Hustenanfall zur Folge hat. Erneut hebt er die Hand, bis er wieder etwas Verständliches über die Lippen bringen kann. »Wobei die Frage ist, ob es den Kontinent schon gibt oder ob wir ihn nicht gerade komplett neu erträumen.«
Es dauert ein paar Momente, bis mir zu Bewusstsein kommt, was für Möglichkeiten er da gerade angesprochen hat. Beides, das Finden und das Erfinden, hätte ungeahnte Konsequenzen dafür, wie die Welt beschaffen ist und was sie im Innersten zusammenhält. »Was glaubst du?«, frage ich gespannt.
»Ich glaube, ich muss jetzt eine Runde schlafen.«
»Oh, okay«, sage ich und trinke hastig meinen Tee aus. »Kann ich noch irgendwas für dich tun?«
Norbu schüttelt lächelnd den Kopf, rutscht wieder ganz unter seine Decke und rüttelt sich das Kissen zurecht. »Der Blick ins Universum – und natürlich besonders der in ein ganz neues Universum am Horizont – macht mich immer ganz müde«, murmelt er. »Wegen der ungeheuren Chance und Verantwortung.« Und damit ist er eingeschlafen.
Ich mache die Tür zum Hausboot leise hinter mir zu. »Chance und Verantwortung!« Als ich mich auf mein Fahrrad schwinge, fühle ich mich inspiriert und voller Tatendrang, weiß aber leider gar nicht, wozu genau.
Ich betrete den Korridor, oder besser: Ich will ihn betreten, doch an der Schlafzimmertür hängt innen ein Schild, auf dem mit großen Buchstaben steht: »Dieser Korridor streikt.«
Oha. Mein Korridor streikt? Heißt das, ich komme nicht vom Schlafzimmer ins Bad? Unschlüssig bleibe ich stehen, die Hand auf der Klinke. Eigentlich bin ich spät dran. Regierungsgeschäfte warten auf mich. Andererseits kommt mir zu Bewusstsein, dass Korridore tatsächlich kaum Wertschätzung und Respekt erfahren – von mir genauso wenig wie von anderen. Dabei spielen sie eine wichtige Rolle. Ohne Korridore würde vieles in unserem Land nicht mehr funktionieren. Die Wirtschaft, die Medien, der ganze Dienstleistungssektor, die Industrie: Sie alle würden ohne Korridore zum Erliegen kommen oder zumindest empfindlich gestört werden.
Aber dankt es ihnen jemand? Nein. Es gibt nicht einmal ein Denkmal für Korridore. Dies muss sich dringend ändern, und ich bin der Mann, der es durchzusetzen und für sich und die Partei nutzbringend auszuschlachten weiß! So ist allen geholfen. Ich sehe mich schon zu den Klängen einer Blaskapelle das Kunstwerk enthüllen.
Hm, jetzt streiken sie also. Ich überlege, ob der Streik der Korridore vielleicht um sich greifen könnte. Streiken demnächst die Fenster, die Türen, die Dächer über unseren Köpfen? Aber diese genießen weit größere Aufmerksamkeit: Man spricht davon, dass die Augen die Fenster zur Seele sind und schmeißt das Geld zum Fenster hinaus. Man kann Tür an Tür wohnen oder eine Politik der offenen Tür betreiben. Man kriegt manchmal eins aufs Dach oder bringt ein Gesetz unter Dach und Fach. Aber ein Korridor? Wann habe ich zuletzt das Wort Korridor in den Mund genommen? Stimmt. Die haben wirklich allen Grund zu streiken.
Doch was heißt es konkret, dass mein Korridor streikt? Ist er nicht zum Dienst angetreten? Verweigert er vielleicht nur seinen Dienst oder beschränkt sich auf den Dienst nach Vorschrift? Ist es ein Bummelstreik? Und gilt das für alle Korridore der Stadt, im Land, in Europa? Gibt es Aussperrungen? Streikbrecher? Ist der Streik – hoffentlich – befristet? Und was sind die Forderungen der Korridore?
Ich hege die Hoffnung, dass sich mir all diese Fragen beantworten, wenn ich die Tür öffne. Also drücke ich die Klinke herunter, leise, weil meine Frau noch schläft und ich sie nicht wecken will.
Dahinter: der Korridor. Er sieht friedlich aus, als sei nichts geschehen, und es gibt keine weiteren Anzeichen für einen Streik. Vorsichtig setze ich meinen Fuß auf den Boden des Korridors. Er fühlt sich an wie immer. Auch den zweiten Fuß setze ich darauf. Ich stehe sicher.
Soll ich den Korridor ansprechen? Nach seinen Forderungen fragen? Oder ihm einfach erst einmal meine Hochachtung zollen und mich für seine langjährigen ergebenen Dienste bedanken, um für den aussichtsreichen Verhandlungsverlauf gleich zu Anfang eine gute Stimmung zu erzeugen?
Ich höre ein Kichern. Der Korridor kichert?!
Nein, es sind die Zwillinge. »April, April!«, rufen meine Söhne fröhlich, kommen aus ihrem Zimmer geschossen und tanzen in ihren Schlafanzügen um mich herum. Nun, da haben sie mich ja gehörig ins Bockshorn gejagt. Ich schüttle sie ab und schließe die Badezimmertür hinter mir.
Vielleicht, überlege ich beim Zähneputzen, sollte ich die Idee mit dem Denkmal bei der Chefin anregen. Sie ist eigentlich gar nicht mal so schlecht. Korridore werden hierzulande wirklich sträflich missachtet.
Ich betrete den Korridor, das einzige, das mir vertraut vorkommt in dem Wirbel aus Farben und Formen, der mich ringsum einhüllt und schwindeln lässt. Es tut gut, festen Boden unter den Füßen zu fühlen. Aber ist es wirklich fester Boden? Alles hier ist seltsam weich und teigig, die Wände des Korridors fühlen sich nachgiebig an, als hätte man Seide über Schaumstoff gespannt.
»Alles klar bei dir da drin?«
Wer spricht da? Ist das ein Test? Ein Experiment? Ein Aprilscherz? Oder hat mich der amerikanische Geheimdienst wieder aufgegriffen?
»Gib Laut, Mann, ich hab nicht den ganzen Abend Zeit.«
Die Stimme klingt nach einem Jugendlichen. Ich kann sie nicht lokalisieren und stolpere den Korridor entlang. Kommt sie von vorne? Der Gang ist gebogen, sein Ende nicht zu sehen. »Hallo? Ist da wer?«
»Tom. Nǐhǎo. Ich hab da ein paar Fragen, Cory.«
Cory? Ja, Cory. Aber wer ist Cory? Meine Erinnerungen widersprechen sich. Ich bin gleichzeitig eine Journalistin, der Schüler eines buddhistischen Meisters, der Minotaurus, eine Xeno-Linguistin … Wie kann das sein?
»Du bist doch ’n schlaues Kerlchen. Hast ’ne Menge geschrieben. Und ich brauch jetzt deine Hilfe. Es geht um den ›Untergang der europäischen Postmoderne am Beispiel eines Literatur-Blogs aus dem Jahr 2012‹. Ich brauch da Input.«
Wovon redet er? Der Korridor hat einfach kein Ende, und die Stimme bleibt immer bei mir. Ein Traum? Nein: Immer, wenn mir dieser Verdacht in einem Traum kommt, verwandelt er sich in einen Klartraum. Doch das funktioniert diesmal nicht. Ich wache nicht auf, weder im Traum noch im Bett. Und doch ist es irreal.
»Kannst du was anfangen damit, Cory? ›Untergang der Postmoderne‹?« Die Stimme hat etwas Drängendes.
»Das Korridorium …«
»Japp. Davon rede ich. Soll ich ’ne Facharbeit drüber schreiben.«
»Das Korridorium …«, setze ich erneut an, aber ich verstumme, denn mit einem Mal wird mir klar, dass ich das Korridorium und alle Geschichten darin geschrieben habe. Ich bin das nicht, sondern ich habe es erdacht. Ja, so muss es gewesen sein. Daher die widersprüchlichen Erinnerungen: Geschichten, die ich mir alle nur ausgemalt habe.
»Wo bin ich?«, frage ich in den gebogenen Gang. Es sind Türen da – habe ich sie vorher nicht bemerkt? Sie tragen Nummern, wie in einem Hotel. Dabei fühlt es sich eher an wie eine Bibliothek, wie der Korridor zwischen den Bücherregalen, und so riecht es hier auch. Ein Hotel, das nach Büchern riecht. Gar nicht schlecht eigentlich. 398 steht auf der Tür. Ich drücke die Klinke herunter, aber sie ist verschlossen.
»Überall und nirgends. Du bist ein Yōulíng mit der Aufgabe, mir bei der Facharbeit zu helfen. ›Postmoderne‹, der Teach spinnt doch.«
Auch die nächste Tür ist verschlossen. Und die nächste. Und so fort. Jede trägt die gleiche Nummer. 398. Vielleicht bin ich verrückt geworden? Oder tot.
»Jetzt sag schon: Was ist postmodern an deinem Geschreibsel, und inwieweit spiegelt das den Untergang wider?«
»Was ist ›Teach‹?«
»Mein Deutsch-Teach. Tut aber nichts zur Sache. Die wird nie von dir erfahren. Ich hab dich mit Hilfe deiner Texte rekonstruiert. Private Yōulíngs sind zwar verboten laut Jīngshénrechts-Charta, aber das ist ja hier sozusagen ein Notfall.«
Rekonstruiert? Ich laufe den Korridor entlang, rüttle an verschlossenen Türen, die alle die 398 tragen – dazu meine durcheinanderwirbelnden Erinnerungen an einen Haufen Hippies, die Pest, an ein Endlager für Atommüll, die Arche Noah …
»Eine Rekonstruktion?«
»Japp. Hab hier am Labor-Táishì meines Vaters einfach einen Blanko-Mind genommen, mit deinen Texten gefüttert und die Sekundärliteratur abrufen lassen. Plus die wichtigsten Daten vom Anfang des Jahrtausends, das Zeitgeist-Package 1970 bis 2012. Den Rest erledigt die Stem.«
»Blanko-Mind?«
»Interessiert doch jetzt keinen Benz, Mann. Das ist alles nach deiner Zeit. Ich bin nicht hier, um dir die Welt zu erklären.«
»Die Welt von wann?«
»67. Ich sag ja: Lange nach deiner Zeit.«
»2067?«
»Ja, Bingo.« Seine Stimme klingt genervt.
2067. Wie kann das sein? Tatsächlich erinnere ich mich dunkel, gestorben zu sein. Der Tunnel ins Licht. Oder nein, das Schwert im Rücken. Doch das sind wohl auch nur Geschichten, Geschichten, anhand derer ich rekonstruiert wurde. Deshalb kann ich nur wissen, was in den Texten steht – und nichts von meinem Tod, dem des Autors, dessen Rekonstruktion ich bin. Seine – oder ihre – Storys allerdings sind widersprüchlich. Es muss Absicht sein, dass sie sich nicht festlegen. Wie soll ich wissen, wer ich bin, nicht einmal ob Mann oder Frau oder ob überhaupt ein menschliches Wesen, wenn genau das gerade das Suchspiel war, das Rätsel? Wenn alles pluridimensional daherkommt und fraktal zersplittert? Aber nein, löst sich nicht am Ende des Blogs überraschend alles auf, und es wird klar, wer Cory ist und was es mit all den Geschichten auf sich hat?!
Doch ich kann dem Gedanken nicht weiter folgen, sondern werde unterbrochen. »Okay, Mann, also das Korridorium: 400 Blogeinträge, insgesamt vom Umfang eines mittelschweren Romans. Irgendwo da drin muss was zum Untergang der Postmoderne stehen – oder halt was Postmodernes, das den Untergang beleuchtet. Also leg mal los, du bist doch Schreiberling.«
»Es sind 398 Texte. Nicht 400. Dreihundertachtundneunzig!«
»Wie auch immer.«
»Und sie sollten nicht postmodern sein, sondern post-postmodern. Verstehst du? Integral.«
»Hör zu: Das ist hier nicht der Mathe-Unterricht.«
Ich werde wütend. Da rekonstruiert mich jemand im Jahr 2067, indem er ein Blanko-Bewusstsein mit meinen Texten füttert und irgendein Computer daraus den Geist des Autors, also mich, hervorkitzelt, aber es ist kein Literaturwissenschaftler, kein Historiker, nicht einmal ein Liebhaber skurriler Kurzprosa, sondern nur irgend so ein ignoranter Schnösel, der für die Schule was über mich schreiben muss und zu faul ist, auch nur eine Zeile davon zu lesen!
»Jetzt hör du mir mal zu, du Banause! Du musst da was falsch verstanden haben: Ich hab die Postmoderne transzendiert, das mit dem Untergang ist Schwachsinn. Die Postmoderne kann doch allenfalls durch die nächste Kulturstufe, also die Integrale Perspektive abgelöst und in sie integriert worden sein! Die Moderne ist doch auch nicht ›untergegangen‹.«
»Nee, im Gegenteil: Nach der Postmoderne kam die Remoderne, und dann die Prenaissance. Déle. Das ist alles nach deiner Zeit, und jetzt lass uns endlich endlich die Facharbeit schreiben.«
Mir schwirrt der Kopf. Die Postmoderne mit all ihren Errungenschaften soll gescheitert und spurlos verschwunden sein? Doch nicht etwa – durch mich?
»Das Korridorium hat den Untergang verursacht?!«
»Wohl kaum. Ich hab natürlich recherchiert, was es mit diesem Korri-Dōngdōng auf sich hat, aber es ist nix drüber zu finden. Blieb wohl unbeachtet, und ich schätze, dass es an der Quote für deutsche Literatur liegt, dass der Teach das Ding ausgegraben hat. O Mann! Zwanzigtausend Zeichen Minimum inklusive Leerzeichen – hätte echt lieber was über chinesische Literatur geschrieben!«
»Aber es muss doch einen Wikipedia-Eintrag zum Korridorium geben!«
Die Stimme lacht. Ein kurzes, genervtes Lachen. »Das ist dann wohl der postmoderne Narzissmus, von dem der Teach redet: immer nur um sich selbst kreisen. Nee, Wikipedia ist längst Geschichte, der Dschiessibi hat die Sùzhìpedia draus gemacht, nach dem Meltdown.«
»Meltdown?«
»2030. War nach deiner Zeit. Und in der Sùzhìpedia …«
»Was ist der Meltdown?«, unterbreche ich ihn.
»Interessiert doch jetzt keinen Benz. Willst du jetzt wissen, ob was über dich in der Sùzhìpedia steht oder nicht?«
»Sùzhì wie Sushi?«
»Doch nicht Japanisch! Das ist Chinesisch und heißt ›schnelles Wissen‹.«
»Du sprichst Chinesisch?«
»Nur Mandarin. Jedenfalls steht nichts übers Korridorium drin. Es gibt da nur irgendeine Fußnote. Eine einzige.«
»Dieser Meltdown: Danach ging’s steil bergab, oder? Ich meine: ›Remoderne‹, das klingt nach Regression. Und mit der ›Prenaissance‹ scheint es die Menschheit ja dann auf einen Schlag zurück ins dunkelste Mittelalter versetzt zu haben.«
»Na, das sagt der Richtige. Der Teach hat recht. Hauptcharakteristikum der Postmoderne: ihre abscheuliche Hybris. Neben ihrem fatalen Werte-Relativismus natürlich.«
»Und wer Cory ist? Hast du das recherchiert?«
»Interessiert doch jetzt wirklich keinen Benz. Hör endlich auf, mich vollzugongen. Ich stelle hier die Fragen! Wer soll Cory schon sein? Cory halt. Du.«
»Was soll das mit dem ›Benz‹? Wovon redest du?«
»Das ist chinesisch. Pik.«
»›Benz‹ soll chinesisch sein? Und was ist ›pik‹?«
»Na, pik. Pikant. Zu deiner Zeit hätte man wohl ›cool‹ gesagt.«
»Zu meiner Zeit … Du hast mich doch gerade erst rekonstruiert. Von damals weiß ich nur irgendwelche Geschichten. Der echte Cory dagegen – hat eigentlich mal jemand rausgefunden, wer hinter dem Künstlernamen steckt?«
»Was gibt’s da rauszufinden? Ist halt irgend so ein postmodernes Versteckspiel. Du musst doch wissen, wer du bist.«
Ich kann mich an eine Preisverleihung erinnern. War es nicht sogar der Literatur-Nobelpreis? Offenbar nur eine der Geschichten. Ich kann meinen Erinnerungen nicht trauen. Wenn ich doch nur in Ruhe über mich nachdenken könnte! Und wie ich hier herauskomme aus dem endlosen Korridor … Ich stelle fest, dass mir das Herz pocht und ich nach Luft ringe. Es kommt mir vor, als hätte ich einen Marathonlauf hinter mir. Oder bin ich einfach nur wütend? Ich bin mir nicht sicher – auch nicht, ob ich überhaupt einen Puls habe oder atme. Ich bin nur eine Simulation, zusammengesetzt aus Worten. Können die mit der Methode alle wieder zurückholen? Joyce, Homer, Kafka, Goethe?
»Weißt du was, Mann?«
Ich lehne schweratmend an einer der Wände des Korridors. Was hätte Cory jetzt getan?
»Ich geb den ganzen Kram meiner Mutter. War ’ne Scheißidee, dich zu rekonstruieren. Mā meint, ich brauch die Spitzennoten für später, Karriere und so, und dann soll sie halt was dafür tun. Für sie ist die Facharbeit ein Klacks.«
»Und was ist mit mir?«
»Was soll schon sein. Ich lösch dich wieder.«
»Das kannst du nicht tun!«
»Werden wir ja sehen.«
»Warte!« Wie hieß er noch? «Ich kann dir helfen, Tom.«
Er lässt sich Zeit mit der Antwort. Ich fühle, wie mir der Schweiß ausbricht.
»Es gibt da diese Geschichte«, rufe ich in den leeren Korridor, »über die Chinesen: Sie schrumpfen sich, bis alle von ihnen in die Verbotene Stadt reinpassen. Eine Satire.« Ich muss improvisieren. Ein Versuchsballon, aber etwas Besseres fällt mir nicht ein.
»Ganz schlecht. Das wird dem Dschiessiebi nicht gefallen. Komisch, dass das dem Teach durchgerutscht ist.«
»Wer ist dieser Dschiessiebi?«
»Unser Großer Kaiserlicher Wohltäter. Der auf dem Drachenthron.«
Ich senke meine Stimme und lege allen Nachdruck hinein: »Aber gerade das könnte doch eine Spur zum Untergang der Postmoderne sein, verstehst du?!«
»Hm. Nicht schlecht. Da könnte ich was dran aufziehen.« Tom scheint anzubeißen.
»Hybris, weißt du? Postmoderner, narzisstischer Größenwahn. So waren wir damals alle.«
Vielleicht habe ich übertrieben, denn Tom zögert jetzt. Schließlich meint er gedehnt: »Hast du nicht gesagt, du warst … integral.«
»Ja, klar, das ist ja gerade der Größenwahn: zu denken, man könne ganzheitlich-nachhaltig alle Aspekte umfassen und integrieren, Machthierarchien durch Kompetenzhierarchien ablösen, pluridimensional-umfassende Lösungen für die komplexesten Probleme finden, den Werteverfall als neuen Wert hochjubeln. Das musste ja zum Untergang führen, gerade angesichts dessen, was sich da zu meiner Zeit in China entwickelte.«
»In China entwickelte?«
»Na, die Remoderne. Oder schon die Prenaissance. Der Dschiessiebi und die – wie hieß noch die neue Menschenrechts-Charta?«
»Jīngshénrechts-Charta.«
»Ja, Mann, was auch immer das ist: der Untergang der europäischen Postmoderne – steht alles drüber drin im Korridorium. Ich kann dir da jede Menge erzählen.«
»Dann schieß los. Du diktierst, und Bàs Táishì schreibt mit. Aber schön mit Gliederung und Fußnoten, hörst du? Ich leg dann mal meine Füße hoch.«
Hätte Cory das gemacht? Um sein – oder ihr – Leben geredet und alles verraten, die Hoffnung, Sehnsucht, die Erkenntnisse und das Ringen um etwas, für das es sich zu schreiben und zu kämpfen lohnt? Nur um nicht umgehend wieder gelöscht zu werden? So muss sich Scheherzerade gefühlt haben.
»Weißt du, Cory, ich will später einfach nur Tiger nachzüchten.«
»Tiger nachzüchten, tatsächlich?«
»Lässt der Great Chinese Benefactor in Zhongguancun über tausend Forscher dran tüfteln, aber die kriegen’s einfach nicht hin, trotz DNA und allem. Wenn ich das dann schaffe, bin ich ein gemachter Mann. Du ahnst nicht, was die da für Tigerjības bezahlen würden. Als Afrosidia … diasi …«
»Aphrodisiakum.«
»Japp.« Und nach einer kurzen Pause: »Bist doch gar nicht so’n Idiot, wie ich dachte, Cory.«
Und damit beginne ich, ein umfangreiches Referat zu halten über den Untergang der Postmoderne, gespiegelt durch 398 skurrile Kurzprosa-Texte, in deren labyrinthischem Versteckspiel immer wieder die monströse Hybris und der ebenso abscheuliche wie fatale Werte-relativierende Narzissmus aufschimmern, die aber dann letztlich das glorreiche Zeitalter der Remoderne einläuteten und die Prenaissance ermöglichten – und natürlich unseren Großen Kaiserlichen Wohltäter auf dem Drachenthron, den Dschiessiebi.
Ich betrete den Korridor. Auch hier suchen schon die Jäger nach mir. Bevor sie sich auf mich stürzen können, bin ich zur Seite gesprungen. Hier beginnt eine lange Treppe, für die meine vier Beine eigentlich viel zu kurz sind, aber die Todesangst treibt mich herauf. Die Krieger folgen mir. Vor mir sehe ich einen Mann eine schwere Bohlentür öffnen. Ich folge ihm, renne ihm zwischen die Füße, schmeiße ihn um, ohne es zu wollen, und dränge mich zitternd in eine Ecke des Raumes.
»Schließe Er die Tür, Koch!«, donnert eine Stimme. Folgsam erhebt sich der Mann vom Boden. Vor der Tür stehen, stumm hereinstarrend, ein paar der Einherjer, die mich verfolgt haben. Der Koch schließt die Tür und wendet sich um. Er hat ein rußgeschwärztes Gesicht. Ich kenne ihn! Es ist der Koch, der die Jäger auf mich gehetzt hat und mich in seinen Kessel werfen will.
Den anderen Mann, den, der an der Fensteröffnung steht, kenne ich nicht. Zwei Raben sitzen auf seiner Schulter, doch jetzt flattern sie auf und fliegen krächzend ins Freie.
»Herr, der Eber …«, setzt der Koch an und verstummt.
»Das sehe ich.« Der Mann am Fenster hat nur ein gesundes Auge. Es fixiert mich. Ich bebe am ganzen Körper und versuche, mich so klein wie möglich zu machen.
»Der Eber wollte heute nicht in den Wald, um sich jagen zu lassen. Er ist zurück in die Burg gelaufen und dann … offensichtlich …« Wieder verstummt der Koch.
»Offensichtlich direkt zu mir. Spare Er mir Erklärungen für Dinge, die auf der Hand liegen. Vielleicht will der Eber nicht gejagt werden, vielleicht gefällt ihm das nicht?«
Der Koch nickt.
»Vielleicht will er auch nicht zerlegt und gekocht werden? Um aus seinen Knochen am nächsten Morgen wiederzuerstehen, nur damit er erneut gejagt, zerlegt, gekocht und verspeist wird von Kriegern, Walküren und meinen Wölfen? Und das Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr?«
Der Koch steht regungslos da.
»Oder würde vielleicht Er an solch einem Los Gefallen finden? Koch?«
Der Mann mit dem rußschwarzen Gesicht schüttelt den Kopf. Auch er scheint sich so klein wie nur möglich machen zu wollen.
»Also erlösen wir ihn von seinem Schicksal.« Der Mann am Fenster geht ein Stück zur Seite und nimmt einen glänzenden Speer von der Wand.
»Aber Herr!«, wirft da der Koch ein. »Was soll ich dann morgen auftischen zum Fest? Was sollen die Einherjer in Zukunft essen? Und was soll Eure Wölfe sättigen?« Er hat sich vorgewagt, doch wird ihm mit einem Mal bewusst, wen er da maßregelt, und so verbeugt er sich jetzt tief und geht rückwärts, bis er an die Türflügel stößt.
Der Mann am Fenster lacht. »Morgen, Koch, wenn er wieder zum Leben erweckt wird, wird der Eber nichts mehr davon wissen, dass ihm sein Gott Erlösung versprochen hatte.«
Und damit wirft er den Speer. Es geht alles so schnell, dass ich nichts spüre. Mir wird plötzlich ganz leicht, und ich blicke wie von weit oben auf die Welt. Alles kann ich von hier aus sehen. Es scheint ein gewaltiges Fest bevorzustehen, bei dem Ströme von Met fließen werden. Und unter einem großen Kessel heizt der Koch das Feuer an …
Ich betrete den – Korridor ist hier vielleicht das falsche Wort, da es nahelegt, dieser Gang sei dafür da, dass Menschen ihn benutzen. Das würde ich in diesem Falle zwar gerne glauben, aber tatsächlich ist das bei einem Kanal oder genauer: einem Abwasserkanal nicht der Fall. Es ist ein mannshoher, gemauerter Tunnel, in den von beiden Seiten weitere Kanäle münden – ein Tunnelsystem unter der Stadt.
Ein toter menschlicher Körper mag sich, je nach den äußeren Umständen, in wenigen Wochen oder Monaten zersetzen – beim Metabolismus einer Stadt aus Stein, Metall, Glas und dem künstlichen Stoff der Damaligen gehen Jahrhunderte oder Jahrtausende ins Land, bis die Natur sich vollends zurückerobert hat, was der Mensch ihr abgerungen hatte.
Sie nennen uns Leichenfledderer – und tatsächlich vergleichen wir das Objekt unserer Untersuchungen gerne mit einem Körper, einem menschlichen Körper. Da die Stadt seit langer Zeit verlassen ist, handelt es sich um einen toten Körper. Eigentlich führen wir wie Pathologen eine Obduktion durch, nur dass wir nicht nach der Todesursache forschen. Die liegt auf der Hand. Wir forschen nach kleinen Organen der Stadt, die vielleicht noch von Nutzen sind.
Das Kanalsystem der Stadt, mein Fachgebiet, stellt ihr Ausscheidungsorgan dar. Durch ihre tief in der Erde verborgenen Gedärme fließt schon lange kein Abwasser mehr. Deshalb stinkt es hier auch nicht, wie manche vielleicht meinen, die angesichts meiner Aufgabe die Nase rümpfen. Ich bin nicht sehr angesehen unter meinen Leuten, ich weiß. Aber ich nehme meine Aufgabe ernst und gebe mein Bestes.
Es ist immer dasselbe. Nach einem langen Fußmarsch sind wir plötzlich da, der ganze Trupp. Uns bietet sich kein Widerstand – von Schlingpflanzen und einsturzgefährdeten Bauten abgesehen. Wir fallen lärmend in die meist totenstill daliegende Stadt ein, erreichen ihr Zentrum, verteilen uns vor dort aus, jeder mit seiner persönlichen Aufgabe betraut. Wenige Stunden später sammeln wir uns wieder auf dem Hauptplatz, und schon wenig später liegt die verfallene Stadt wieder tot da, und es ist, als seien wir nie dort gewesen.
Einem lebenden Körper muss Luft und Nahrung zugeführt werden. Nervenbahnen, Adern und ein Lymphsystem durchziehen ihn. Die Nahrung wird verdaut und Energie wird produziert, die in Tätigkeiten und Kommunikation umgesetzt wird. Ein Immunsystem und verschiedene Reparaturmechanismen wehren Feinde ab und halten Verfall, Verschleiß und unkontrollierten Wildwuchs auf, wo immer und wie lange das eben möglich ist.
All dies galt auch für die großen Städte. Wir haben uns, in Anlehnung an Heiler, die damals mit den verschiedenen Organen und Systemen im menschlichen Metabolismus betraut waren, Namen gegeben, Spitznamen, die sich auf unser jeweiliges Spezialgebiet beziehen. Ich bin der »Proktologe«.
Die alten Städte gelten als verfluchte Orte, und ein wenig färbt das auf uns, die Totenbeschauer, ab. Wir sind Ausgestoßene, und es heißt, wir stehen mit Dämonen im Bunde. Deshalb sind wir gezwungen, unter uns zu bleiben. Manchmal rauben wir Frauen. Auch ich komme langsam in das Alter, in dem ich eine Familie gründen sollte. Ich habe mein Auge auf die »Neurologin« geworfen. Aber wie soll ich ihr imponieren? Ich müsste dafür einen bedeutenden Fund machen. Doch was lässt sich hier in den Abwässerkanälen schon entdecken?
Wir suchen besondere Artefakte, Dinge, deren Bedeutung wir nicht kennen, Gegenstände, deren Sinn für uns im Dunkeln liegt. Aus jeder Stadt nehmen wir nur ein einziges dieser Objekte mit und schaffen es, oft auf gefahrvollen Wegen und unter großen Mühen, zurück in unsere Festung. Dort haben wir im Berg ein riesiges unterirdisches Museum angelegt, in dem diese Dinge, beschriftet jeweils mit der Stadt, aus der sie stammen, ausgestellt werden – und niemand außer uns weiß davon.
Auch wenn alle anderen uns für Plünderer halten und mit schlimmen Schimpfworten belegen: Eigentlich sind wir Bewahrer und haben eine große Hochachtung vor den toten Städten und ihren einstigen Bewohnern, den Schöpfern all dieser ebenso wunderbaren wie rätselhaften Gerätschaften, die unsere Expeditionen zutage fördern.
Ich laufe jetzt schon viele Stunden lang durch die Kanäle. Es wird Zeit für mich, zurückzukehren. Mein untrüglicher Orientierungssinn ist der Grund dafür, dass mir die Aufgabe zufällt, die Abflüsse und Katakomben der toten Städte zu durchstreifen. Noch nie habe ich mich verirrt, und selbst wenn meine Fackel verlöschen sollte, würde ich zurückfinden.
Da! Ich entdecke etwas im flackernden Licht, dass ich auf dem Hinweg übersehen haben muss. Es ist ein Metallgestänge, das an einer Seite eine Art Haltegriff aus einem der künstlichen Stoffe der Damaligen besitzt: Er ist schwarz, nachgiebig und fühlt sich angenehm an, fast so, wie ich mir die Haut einer Frau vorstelle. Ich richte das Gestänge auf, so dass es mit zwei kurzen Querstangen fest auf dem Boden steht – ähnlich wie bei einem der rädergetriebenen Gefährte, welche die Damaligen mit Pedalen angetrieben haben. Nur gibt es hier weder Räder noch einen Sattel. Dennoch sieht das Gerät aus, als könne man es besteigen: Unten befinden sich, nebeneinander befestigt, zwei Plattformen, etwas größer als meine Füße. Offenbar kann man hinaufsteigen, während am sich an dem hochragenden Griff festhält, um darauf zu stehen. Ich bin aufgeregt, denn so etwas habe ich noch nie gesehen. Ist es gefährlich? Todesmutig steige ich auf die zwei Trittbretter. Vor Schreck stockt mir kurz der Atem: Sie bewegen sich – das eine kippt weg, und gleichzeitig drückt es das andere nach oben. Das Gestänge knirscht. Nun belaste ich den Fuß, der hochgedrückt wurde, und seine Plattform senkt sich langsam und schwergängig, während nun der andere Fuß nach oben schwingt.
Ich kann auf dem Gerät laufen, auf der Stelle laufen! Eigenartig. Und ein guter Fund. Denn der Sinn dieser Vorrichtung ist mir völlig schleierhaft.
Sie ist schwer. Ich schultere sie und mache mich auf den Weg zu unserem Treffpunkt. Es macht mich stolz, einmal etwas von meinen Streifzügen mitbringen zu können.
Unser Ältester begutachtet die Fundstücke. Lange bleibt er vor meinem Artefakt stehen. Dann bedeutet er mir, es vorzuführen. Ich steige auf die Plattformen und bewege sie langsam mit den Füßen, indem ich mein Gewicht verlagere. Es knirscht, als ich beginne, auf der Stelle zu laufen, so als ob ich eine Treppe hinaufsteigen würde. Ich höre ein Raunen von den anderen, aber habe nur Augen für die Neurologin, die mich und das Gerät mit erstaunten Blicken bedenkt – und lächelt, als der Älteste seine Wahl trifft. Sie lächelt mich an! Ich steige ab und fühle mich, als würde ich schweben.
Unser Ältester fertigt in der toten Sprache und Schrift eine kleine Tafel an, die ich an meinem Fund befestigen darf. »Berlin«. Wir brechen auf. Die Neurologin hilft mir, das Artefakt zu tragen. Am Tuscheln der anderen bemerke ich, dass ihnen nicht verborgen geblieben ist, für wen unter uns sie sich entschieden hat. Für den »Proktologen« – wer hätte das gedacht?
Ich jedenfalls trage stolz mit ihr das Gerät, mit dem man auf der Stelle laufen kann. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber ich fühle mich leicht und voller Tatendrang. Ich habe ein Museumsstück gefunden – und eine Gefährtin!
Ich betrete das Korridorgelgebraus mit gespanntem Trommelfell. Sogleich feuern Astraltriebwerke mit der Anmut einer Krokodilsträne kloneske Ober‑, Über‑, Hyper- und Cybertöne in unsre elfdimensionalen Malschmeckknospen, Malriechkolben, Malheurgänge, schälen sich sinnästhetisch-prozessaural aus dem infiniten Persilenzium, um panresonante Horchposten zu okkupieren und auditivgefrostet in die Kastratosphäre unsrer Launen, Grillen und Schismen zu sickern, kontrapunktisch konfrontal inmitten quelloffener Süffisanzen. Patasonische Nanupartikel – clusterhaft lüstern knisternd – flüstern Rhythmuster, Sonarchitexturen und klanganhaltende Tapedecklarationen, erweisen liederliche Melodienste, kadenzen delikate Ohr d’oeuvres, vexeln in voller Fahrt den Spin ins biotronisch Organifizielle, quizeln meine Lachmuskeln, branden wogend in unsre poesienafarbenen Lauschmuscheln, kuscheln sich quadrillphon in dritte Ohren. Sausen. Schalldünung. Meeres Rausch. Verwehmut knapp unterhalb der Hörschwälle. Dezibelcanto. Oiseaux-Flocken. Froh locken uns Flohglocken vom blassen Bliss bloßen Ohrenscheins zu flirren Luziditätlichkeiten im Shangri-Labyrinth unsrer grauen Zellen, bis dich unverhofft ein mikrokosmisches Klangfragment für ein minimaliziöses ultragikomisch-infragiles Erstjetzt ins Hellhören-Wahrlauschen-Klarhorchen bringt. Im Nu. Ganz Ohr. Sein.
»Ich betrete den Korridor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – meinem Haus –, das sich in einer kleinen Stadt befindet …«
»Opa«, unterbricht mich eine der beiden, Julietta dürfte es sein, jedenfalls hat sie die Wirbel links über der Stirn, »warum fängst du deine Geschichten immer an mit ›Ich betrete den Korridor‹ und nicht mit ›Es war einmal‹?«
»Weil ihr zwei ganz besondere Mädchen seid und ich euch beiden ganz besondere Geschichten erzähle, die sonst keiner erzählt, keine anderen Omas und Opas, und auch nicht die Tanten im Kindergarten.«
»Das sind keine Tanten, Opa. Das sind unsere Kindergärtnerinnen.« Sagt die andere, Juniper.
»Märchentanten, meine ich. Jedenfalls fangen meine Geschichten immer im Korridor vor eurem Schlafzimmer an. Weil sie, anders als die anderen Märchen, die euch erzählt werden, samt und sonders wahr sind. Darf ich jetzt weitererzählen?« Beide nicken mit großen Augen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Na, mal sehen.
»Ich betrete also den Korridor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – meinem Haus –, das sich in einer kleinen Stadt befindet, die in einem Landstrich liegt, welcher zu einem Kontinent gehört, der wiederum in geologischen Zeiträumen über die Oberfläche eines Planeten treibt. Heißt es zumindest. Aber da fällt mir der Garten meiner Kindheit ein, der Garten eurer Urgroßeltern, die ihr nie kennengelernt habt.
Als ich noch klein war, stand in unserem Garten ein riesiger Baum. Er war so gewaltig groß, dass ich dachte, oben auf seinen Ästen würden sich ganze Länder befinden, und die Bewohner ahnen vermutlich gar nichts davon, dass sie auf einem Baum wohnen.«
»So einen großen Baum gibt es nicht.«
»Oh doch. Ich muss es wissen. Eines Tages bin ich nämlich hinaufgeklettert. Und wisst ihr, was ich da oben fand?«
»Ein Vogelnest?«
»Nein. Einen kolossalen, alten, knorrigen Ast, auf dem sich Wiesen und Wälder, Wüsten, Berge, Seen und ganze Meere befinden. Es dauerte viele Jahre, auch nur einen kleinen Teil dieser Landschaften zu erkunden. Dabei lernte ich übrigens eure Großmutter kennen, Gott hab sie selig.«
»Oma?« Ungläubige Blicke. »Auf dem Baum bei euch zuhause im Garten?«
Ich nicke. »Ihr habe ich in einem Dorf eines Landes auf dem Ast ein Haus gebaut. Dieses Haus hier. In dem dann eure Mutter geboren wurde.«
»Aber das ist doch Quatsch, Opa. Wir leben doch nicht auf einem Baum!«
»Vielleicht ja doch. Ich muss es wissen. Schließlich bin ich ihn hinaufgeklettert.«
»Aber Opa, wir leben auf einem Planeten, nicht auf einem Ast. Guck doch einfach mal bei Google Earth. Wenn man da ganz rauszoomt, sieht man die Erde.«
»Wer sagt denn, dass das stimmen muss? Im Mittelalter hat Google Earth die Erde als Scheibe gezeigt, von deren Rand man, wenn man nicht aufpasste, runterfallen konnte.«
»Opa!«
»In Wirklichkeit aber sind unsere Länder und Kontinente nichts anderes als die Borke eines kolossalen, alten, knorrigen Baumes. Wenn die Nächte ganz still sind, könnt ihr das Holz leise im Wind knarren hören.«
»Ach, Opa, das sind doch Märchen.« – »Und deine Märchen sind gar keine richtigen Märchen, sonst gäb es da Heldinnen und Prinzen …« – »… und Pferde und Eichhörnchen und Zwerge.« – »Keine Korridore.« – »Genau. Auf keinen Fall Korridore.«
»Auch nicht die im Märchenschloss? Wisst ihr was, ihr zwei Heldinnen? Das mit den Korridoren ist jetzt eh vorbei. Gleich morgen früh breche ich auf und steige wieder hinunter.«
»Hinunter?« Vier Kinderaugen sehen mich groß und fragend an.
»Ja. Wieder von dem Baum herunter, der im Garten meiner Kindheit steht. Wisst ihr, mein Vater hatte nämlich eine Schaukel an einen der unteren Äste gehängt, und das war, wenn ich mich recht erinnere, der schönste Platz der ganzen Welt.«
»Du gehst weg?!«
»Na ja, wir reden dann noch mal beim Frühstück darüber. Ob ihr mir das mit dem Baum glaubt oder doch lieber Google Earth vertraut.«
»Wir glauben dir das mit dem Baum, Opa!« – »Google Earth will uns was vormachen!« – »Mit Photoshop kann man ganz leicht aus einem Ast einen Planeten machen.« – »Geh nicht weg, Opa!«
»Nein, meine Engel, keine Sorge. Ich glaube auch gar nicht, dass die Schaukel noch hängt. Und jetzt macht schön die Augen zu und lasst euch vom Wind, der Nacht für Nacht durchs Geäst der Welt weht, in den Schlaf wiegen.«
Ich betrete den Korridor mit hängenden Schultern. Es ist schrecklich, den Meister enttäuscht zu haben. Er hat sich solche Mühe mit mir gegeben, immer wieder neu versucht, meinen Geist zu schulen und mir klar vor Augen zu führen, dass alles, was ich erlebe, bloßer Schein ist, ein Gaukelspiel, der Schaum der Dinge.
Doch ich kann die Illusion einfach nicht loswerden, dass ich, ich selbst, der Fokus dieses Erlebens, real bin. Dass ich wirklich existiere. Ich denke doch, ich fühle, ich mache Erfahrungen! Wie soll ich da nicht existieren und bloß Einbildung sein?
Was hat der Meister mit mir nicht alles schon versucht?
Von
Logik (Bewusstsein gibt es nicht im Plural),
Philosophie (Atman und Brahman sind eins),
Paradox (der Kōan von der einen klatschenden Hand),
Traumyoga (Besuche des Meisters in meinen Träumen, um mir zu zeigen, dass auch ich selbst nur ein Traum bin, der sich selbst träumt),
Wissenschaft (die Grand-Illusion-Videos von Susan Blackmore),
Mystik (»Mein Zucker ist in dir zerschmolzen, o Milch des Lebens, milde, reine«)
über
meditatives Training (tagelanges Sitzen im Nichtdenken),
Surrealismus (Jim Hensons The Cube: Erdbeermarmelade) und sogar
Gewalt (unvermittelte Faustschläge ins Gesicht, wie sie manch einem Adepten Erleuchtung gebracht haben sollen)
bis hin zu
einer »Snooze-Taste« für meine Gedanken (die er mittels NLP bei mir zu verankern suchte),
hartnäckigem Ignorieren (nicht nur meiner Fragen, sondern auch meines zunehmenden Hungers),
ausgedehnten Mandala-Betrachtungen (M.C.-Escher-Kachelungen mit der Frage »Wo ist das Zentrum?«) und sogar
Doch mein angeblich illusionäres Ich ließ sich von alldem nicht beeindrucken. Nicht meine Vorstellung, ein Individuum zu sein, zerbröckelte bei diesem Ansturm, sondern meine Vorstellung, es gäbe da etwas wie eine feste Welt um mich herum.
Schließlich gab mein Meister seine Bemühungen auf. Ich hatte es schon kommen sehen, dass er mich irgendwann an den legendären Ort schicken wird, von dem seine Schüler nur hinter vorgehaltener Hand sprechen: den Korridor der Versager, den Korridor der Solipsisten. Niemand kehrte je zurück, heißt es, aus diesem Gang, den das Wasser des kleinen Flusses in den Bauch des Berges gefressen hat, in dem er dann spurlos verschwindet.
Auch ich werde spurlos verschwinden. Ein paar Tage, vielleicht Wochen lang werden meine Mitschüler noch meinen Namen im Munde führen, hinter vorgehaltener Hand flüsternd, als abschreckendes Beispiel für einen Uneinsichtigen, Unbelehrbaren, einen, der sich an das große Trugbild klammert und einfach nicht loslassen will. Aber bald schon, bald bin ich vergessen und vergangen.
Der Abstieg ins Dunkel ist schwierig. Ich bin schon völlig durchnässt, die Kälte kriecht in mein Inneres. Ich zittere am ganzen Leib, auch weil mich Todesangst erfasst. Dass das Ich nicht sterben kann, weil es gar nicht existiert, kann mich nicht trösten, auch jetzt nicht. Ich höre ein verzweifeltes Jammern, und nach einiger Zeit merke ich, dass es aus meinem eigenen Mund kommt. Ich verstumme.
Am Klang des Wassers höre ich, dass ich einen großen Höhlenraum betrete. Ich glaube, einen Lichtschimmer hoch über mir wahrzunehmen. Ist das eine Treppe, die in den Fels geschlagen wurde? Sie führt hinauf, dem Schimmer entgegen. Ich setze mich im Lotossitz auf den nackten Fels und schließe die Augen. Vielleicht hat sich das jahrelange Training ja doch irgendwie gelohnt.
Nicht ich werde diese Stufen betreten und hinaufsteigen. Nicht ich.