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Anātman
Ich betrete den Korridor mit hängenden Schultern. Es ist schrecklich, den Meister enttäuscht zu haben. Er hat sich solche Mühe mit mir gegeben, immer wieder neu versucht, meinen Geist zu schulen und mir klar vor Augen zu führen, dass alles, was ich erlebe, bloßer Schein ist, ein Gaukelspiel, der Schaum der Dinge.
Doch ich kann die Illusion einfach nicht loswerden, dass ich, ich selbst, der Fokus dieses Erlebens, real bin. Dass ich wirklich existiere. Ich denke doch, ich fühle, ich mache Erfahrungen! Wie soll ich da nicht existieren und bloß Einbildung sein?
Was hat der Meister mit mir nicht alles schon versucht?
Von
- Logik (Bewusstsein gibt es nicht im Plural),
- Philosophie (Atman und Brahman sind eins),
- Paradox (der Kōan von der einen klatschenden Hand),
- Traumyoga (Besuche des Meisters in meinen Träumen, um mir zu zeigen, dass auch ich selbst nur ein Traum bin, der sich selbst träumt),
- Wissenschaft (die Grand-Illusion-Videos von Susan Blackmore),
- Mystik (»Mein Zucker ist in dir zerschmolzen, o Milch des Lebens, milde, reine«)
über
- meditatives Training (tagelanges Sitzen im Nichtdenken),
- Surrealismus (Jim Hensons The Cube: Erdbeermarmelade) und sogar
- Gewalt (unvermittelte Faustschläge ins Gesicht, wie sie manch einem Adepten Erleuchtung gebracht haben sollen)
bis hin zu
- einer »Snooze-Taste« für meine Gedanken (die er mittels NLP bei mir zu verankern suchte),
- hartnäckigem Ignorieren (nicht nur meiner Fragen, sondern auch meines zunehmenden Hungers),
- ausgedehnten Mandala-Betrachtungen (M.C.-Escher-Kachelungen mit der Frage »Wo ist das Zentrum?«) und sogar
- buddhistischer Dunkeltherapie.
Doch mein angeblich illusionäres Ich ließ sich von alldem nicht beeindrucken. Nicht meine Vorstellung, ein Individuum zu sein, zerbröckelte bei diesem Ansturm, sondern meine Vorstellung, es gäbe da etwas wie eine feste Welt um mich herum.
Schließlich gab mein Meister seine Bemühungen auf. Ich hatte es schon kommen sehen, dass er mich irgendwann an den legendären Ort schicken wird, von dem seine Schüler nur hinter vorgehaltener Hand sprechen: den Korridor der Versager, den Korridor der Solipsisten. Niemand kehrte je zurück, heißt es, aus diesem Gang, den das Wasser des kleinen Flusses in den Bauch des Berges gefressen hat, in dem er dann spurlos verschwindet.
Auch ich werde spurlos verschwinden. Ein paar Tage, vielleicht Wochen lang werden meine Mitschüler noch meinen Namen im Munde führen, hinter vorgehaltener Hand flüsternd, als abschreckendes Beispiel für einen Uneinsichtigen, Unbelehrbaren, einen, der sich an das große Trugbild klammert und einfach nicht loslassen will. Aber bald schon, bald bin ich vergessen und vergangen.
Der Abstieg ins Dunkel ist schwierig. Ich bin schon völlig durchnässt, die Kälte kriecht in mein Inneres. Ich zittere am ganzen Leib, auch weil mich Todesangst erfasst. Dass das Ich nicht sterben kann, weil es gar nicht existiert, kann mich nicht trösten, auch jetzt nicht. Ich höre ein verzweifeltes Jammern, und nach einiger Zeit merke ich, dass es aus meinem eigenen Mund kommt. Ich verstumme.
Am Klang des Wassers höre ich, dass ich einen großen Höhlenraum betrete. Ich glaube, einen Lichtschimmer hoch über mir wahrzunehmen. Ist das eine Treppe, die in den Fels geschlagen wurde? Sie führt hinauf, dem Schimmer entgegen. Ich setze mich im Lotossitz auf den nackten Fels und schließe die Augen. Vielleicht hat sich das jahrelange Training ja doch irgendwie gelohnt.
Nicht ich werde diese Stufen betreten und hinaufsteigen. Nicht ich.