183/398

♫ Yggdrasil Playground ♫
183/398
»Ich betrete den Korridor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – meinem Haus –, das sich in einer kleinen Stadt befindet …«
»Opa«, unterbricht mich eine der beiden, Julietta dürfte es sein, jedenfalls hat sie die Wirbel links über der Stirn, »warum fängst du deine Geschichten immer an mit ›Ich betrete den Korridor‹ und nicht mit ›Es war einmal‹?«
»Weil ihr zwei ganz besondere Mädchen seid und ich euch beiden ganz besondere Geschichten erzähle, die sonst keiner erzählt, keine anderen Omas und Opas, und auch nicht die Tanten im Kindergarten.«
»Das sind keine Tanten, Opa. Das sind unsere Kindergärtnerinnen.« Sagt die andere, Juniper.
»Märchentanten, meine ich. Jedenfalls fangen meine Geschichten immer im Korridor vor eurem Schlafzimmer an. Weil sie, anders als die anderen Märchen, die euch erzählt werden, samt und sonders wahr sind. Darf ich jetzt weitererzählen?« Beide nicken mit großen Augen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Na, mal sehen.
»Ich betrete also den Korridor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – meinem Haus –, das sich in einer kleinen Stadt befindet, die in einem Landstrich liegt, welcher zu einem Kontinent gehört, der wiederum in geologischen Zeiträumen über die Oberfläche eines Planeten treibt. Heißt es zumindest. Aber da fällt mir der Garten meiner Kindheit ein, der Garten eurer Urgroßeltern, die ihr nie kennengelernt habt.
Als ich noch klein war, stand in unserem Garten ein riesiger Baum. Er war so gewaltig groß, dass ich dachte, oben auf seinen Ästen würden sich ganze Länder befinden, und die Bewohner ahnen vermutlich gar nichts davon, dass sie auf einem Baum wohnen.«
»So einen großen Baum gibt es nicht.«
»Oh doch. Ich muss es wissen. Eines Tages bin ich nämlich hinaufgeklettert. Und wisst ihr, was ich da oben fand?«
»Ein Vogelnest?«
»Nein. Einen kolossalen, alten, knorrigen Ast, auf dem sich Wiesen und Wälder, Wüsten, Berge, Seen und ganze Meere befinden. Es dauerte viele Jahre, auch nur einen kleinen Teil dieser Landschaften zu erkunden. Dabei lernte ich übrigens eure Großmutter kennen, Gott hab sie selig.«
»Oma?« Ungläubige Blicke. »Auf dem Baum bei euch zuhause im Garten?«
Ich nicke. »Ihr habe ich in einem Dorf eines Landes auf dem Ast ein Haus gebaut. Dieses Haus hier. In dem dann eure Mutter geboren wurde.«
»Aber das ist doch Quatsch, Opa. Wir leben doch nicht auf einem Baum!«
»Vielleicht ja doch. Ich muss es wissen. Schließlich bin ich ihn hinaufgeklettert.«
»Aber Opa, wir leben auf einem Planeten, nicht auf einem Ast. Guck doch einfach mal bei Google Earth. Wenn man da ganz rauszoomt, sieht man die Erde.«
»Wer sagt denn, dass das stimmen muss? Im Mittelalter hat Google Earth die Erde als Scheibe gezeigt, von deren Rand man, wenn man nicht aufpasste, runterfallen konnte.«
»Opa!«
»In Wirklichkeit aber sind unsere Länder und Kontinente nichts anderes als die Borke eines kolossalen, alten, knorrigen Baumes. Wenn die Nächte ganz still sind, könnt ihr das Holz leise im Wind knarren hören.«
»Ach, Opa, das sind doch Märchen.« – »Und deine Märchen sind gar keine richtigen Märchen, sonst gäb es da Heldinnen und Prinzen …« – »… und Pferde und Eichhörnchen und Zwerge.« – »Keine Korridore.« – »Genau. Auf keinen Fall Korridore.«
»Auch nicht die im Märchenschloss? Wisst ihr was, ihr zwei Heldinnen? Das mit den Korridoren ist jetzt eh vorbei. Gleich morgen früh breche ich auf und steige wieder hinunter.«
»Hinunter?« Vier Kinderaugen sehen mich groß und fragend an.
»Ja. Wieder von dem Baum herunter, der im Garten meiner Kindheit steht. Wisst ihr, mein Vater hatte nämlich eine Schaukel an einen der unteren Äste gehängt, und das war, wenn ich mich recht erinnere, der schönste Platz der ganzen Welt.«
»Du gehst weg?!«
»Na ja, wir reden dann noch mal beim Frühstück darüber. Ob ihr mir das mit dem Baum glaubt oder doch lieber Google Earth vertraut.«
»Wir glauben dir das mit dem Baum, Opa!« – »Google Earth will uns was vormachen!« – »Mit Photoshop kann man ganz leicht aus einem Ast einen Planeten machen.« – »Geh nicht weg, Opa!«
»Nein, meine Engel, keine Sorge. Ich glaube auch gar nicht, dass die Schaukel noch hängt. Und jetzt macht schön die Augen zu und lasst euch vom Wind, der Nacht für Nacht durchs Geäst der Welt weht, in den Schlaf wiegen.«

