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»Ich betrete den Kor­ri­dor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – mei­nem Haus –, das sich in einer klei­nen Stadt befin­det …«

»Opa«, unter­bricht mich eine der bei­den, Juli­etta dürfte es sein, jeden­falls hat sie die Wir­bel links über der Stirn, »warum fängst du deine Geschich­ten immer an mit ›Ich betrete den Kor­ri­dor‹ und nicht mit ›Es war ein­mal‹?«

»Weil ihr zwei ganz beson­dere Mäd­chen seid und ich euch bei­den ganz beson­dere Geschich­ten erzähle, die sonst kei­ner erzählt, keine ande­ren Omas und Opas, und auch nicht die Tan­ten im Kin­der­gar­ten.«

»Das sind keine Tan­ten, Opa. Das sind unsere Kin­der­gärt­ne­rin­nen.« Sagt die andere, Juni­per.

»Mär­chen­tan­ten, meine ich. Jeden­falls fan­gen meine Geschich­ten immer im Kor­ri­dor vor eurem Schlaf­zim­mer an. Weil sie, anders als die ande­ren Mär­chen, die euch erzählt wer­den, samt und son­ders wahr sind. Darf ich jetzt wei­ter­erzäh­len?« Beide nicken mit gro­ßen Augen, als könn­ten sie kein Wäs­ser­chen trü­ben. Na, mal sehen.

»Ich betrete also den Kor­ri­dor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – mei­nem Haus –, das sich in einer klei­nen Stadt befin­det, die in einem Land­strich liegt, wel­cher zu einem Kon­ti­nent gehört, der wie­derum in geo­lo­gi­schen Zeit­räu­men über die Ober­flä­che eines Pla­ne­ten treibt. Heißt es zumin­dest. Aber da fällt mir der Gar­ten mei­ner Kind­heit ein, der Gar­ten eurer Urgroß­el­tern, die ihr nie ken­nen­ge­lernt habt.

Als ich noch klein war, stand in unse­rem Gar­ten ein rie­si­ger Baum. Er war so gewal­tig groß, dass ich dachte, oben auf sei­nen Ästen wür­den sich ganze Län­der befin­den, und die Bewoh­ner ahnen ver­mut­lich gar nichts davon, dass sie auf einem Baum woh­nen.«

»So einen gro­ßen Baum gibt es nicht.«

»Oh doch. Ich muss es wis­sen. Eines Tages bin ich näm­lich hin­auf­ge­klet­tert. Und wisst ihr, was ich da oben fand?«

»Ein Vogel­nest?«

»Nein. Einen kolos­sa­len, alten, knor­ri­gen Ast, auf dem sich Wie­sen und Wäl­der, Wüs­ten, Berge, Seen und ganze Meere befin­den. Es dau­erte viele Jahre, auch nur einen klei­nen Teil die­ser Land­schaf­ten zu erkun­den. Dabei lernte ich übri­gens eure Groß­mutter ken­nen, Gott hab sie selig.«

»Oma?« Ungläu­bige Bli­cke. »Auf dem Baum bei euch zuhause im Gar­ten?«

Ich nicke. »Ihr habe ich in einem Dorf eines Lan­des auf dem Ast ein Haus gebaut. Die­ses Haus hier. In dem dann eure Mut­ter gebo­ren wurde.«

»Aber das ist doch Quatsch, Opa. Wir leben doch nicht auf einem Baum!«

»Viel­leicht ja doch. Ich muss es wis­sen. Schließ­lich bin ich ihn hin­auf­ge­klet­tert.«

»Aber Opa, wir leben auf einem Pla­ne­ten, nicht auf einem Ast. Guck doch ein­fach mal bei Google Earth. Wenn man da ganz raus­zoomt, sieht man die Erde.«

»Wer sagt denn, dass das stim­men muss? Im Mit­tel­al­ter hat Google Earth die Erde als Scheibe gezeigt, von deren Rand man, wenn man nicht auf­passte, run­ter­fal­len konnte.«

»Opa!«

»In Wirk­lich­keit aber sind unsere Län­der und Kon­ti­nente nichts ande­res als die Borke eines kolos­sa­len, alten, knor­ri­gen Bau­mes. Wenn die Nächte ganz still sind, könnt ihr das Holz leise im Wind knar­ren hören.«

»Ach, Opa, das sind doch Mär­chen.« – »Und deine Mär­chen sind gar keine rich­ti­gen Mär­chen, sonst gäb es da Hel­din­nen und Prin­zen …« – »… und Pferde und Eich­hörn­chen und Zwerge.« – »Keine Kor­ri­dore.« – »Genau. Auf kei­nen Fall Kor­ri­dore.«

»Auch nicht die im Mär­chen­schloss? Wisst ihr was, ihr zwei Hel­din­nen? Das mit den Kor­ri­do­ren ist jetzt eh vor­bei. Gleich mor­gen früh bre­che ich auf und steige wie­der hin­un­ter.«

»Hin­un­ter?« Vier Kin­der­au­gen sehen mich groß und fra­gend an.

»Ja. Wie­der von dem Baum her­un­ter, der im Gar­ten mei­ner Kind­heit steht. Wisst ihr, mein Vater hatte näm­lich eine Schau­kel an einen der unte­ren Äste gehängt, und das war, wenn ich mich recht erin­nere, der schönste Platz der gan­zen Welt.«

»Du gehst weg?!«

»Na ja, wir reden dann noch mal beim Früh­stück dar­über. Ob ihr mir das mit dem Baum glaubt oder doch lie­ber Google Earth ver­traut.«

»Wir glau­ben dir das mit dem Baum, Opa!« – »Google Earth will uns was vor­ma­chen!« – »Mit Pho­to­shop kann man ganz leicht aus einem Ast einen Pla­ne­ten machen.« – »Geh nicht weg, Opa!«

»Nein, meine Engel, keine Sorge. Ich glaube auch gar nicht, dass die Schau­kel noch hängt. Und jetzt macht schön die Augen zu und lasst euch vom Wind, der Nacht für Nacht durchs Geäst der Welt weht, in den Schlaf wie­gen.«