Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: BestOf

197/398

Ásko­run

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« stand auf der Kar­tei­karte, die ich zog. Zehn Kar­tei­kar­ten hatte Pas­cal beschrif­tet und mir, mit der Schrift nach unten, auf­ge­fä­chert hin­ge­hal­ten. Der Satz stand kra­ke­lig da und war mir fremd. Pas­cal und ich hat­ten schon eini­ges von dem Haus­wein intus, von dem er meh­rere Fla­schen aus dem Hotel mit­ge­bracht hatte, und ich hatte ihn genervt mit einem lan­gen Mono­log über Denk­blo­cka­den und Krea­ti­vi­tät, der darin gip­felte, dass ich behaup­tet hatte – ver­mut­lich schon leicht lal­lend –, dass man jede krea­tive Blo­ckade ganz ein­fach dadurch durch­bre­chen könnte, statt nur einer ein­zi­gen per­fek­ten Idee gleich ein Bün­del von fünf­zig oder hun­dert von sich selbst zu ver­lan­gen. Pas­cal lachte mich aus.

Ich war ein wenig ange­pisst und nannte ihm Bei­spiele. Ein­mal wollte mir für eine Preis­rede für einen Tau­ben­züch­ter par­tout nichts ein­fal­len. Irgend­wann kam ich auf die ver­zwei­felte Idee, mich selbst auzu­trick­sen und gleich zehn Ver­sio­nen der Rede zu schrei­ben – und schrieb ein­fach drauf­los, ohne mich selbst oder die Sache län­ger ernst­zu­neh­men. Nach der sechs­ten Rede wurde mir klar, dass ich nur die dritte und die fünfte kom­bi­nie­ren musste, und ich bekam genau das, was mir vor­ge­schwebt hatte. So mach ich’s seit­dem immer, wenn ich eine Schreib­blo­ckade habe.

Pas­cal schien nicht über­zeugt.

»Statt das eine rich­tige Ding mit vol­lem Qua­li­täts­an­spruch in die Welt zu set­zen, zwingt man sich, erst mal einen Hau­fen von Mate­ria­lien zu pro­du­zie­ren. Und plötz­lich fließt’s. Klar, eine Menge davon kannste in der Pfeife rau­chen, aber wenn irgendwo der große Wurf raus­schim­mert, hat sich’s doch schon gelohnt, oder?«

Da kam Pas­cal mit der Wette. Er erin­nerte mich daran, dass ich immer wie­der mal ange­setzt habe, einen Band mit Kurz­ge­schich­ten zu ver­fas­sen, einer­seits, um meine teils ziem­lich gro­tes­ken Erleb­nisse als pro­fes­sio­nel­ler Reden­schrei­ber zu reflek­tie­ren, ande­rer­seits, um end­lich mal von die­sen Vor­trags­tex­ten weg­zu­kom­men, die stän­dig und meist unter hohem Zeit­druck von mir ver­langt wer­den, von Poli­ti­kern, Fir­men­chefs, Braut­vä­tern, Ver­an­stal­tungs­mo­de­ra­to­ren und so wei­ter – wie es halt kommt, wenn man seine Dienste im Inter­net anbie­tet und orts­un­ab­hän­gig damit ist. Die Anfra­gen kom­men von über­all, auch schon mal eine aus Malay­sien.

»Woll­test du nicht ein knap­pes Dut­zend Kurz­ge­schich­ten schrei­ben, mit denen du dir einen Namen als Bel­le­trist machen willst? Um dann einen Roman nach­zu­le­gen – oder auch sie­ben wie Row­ling?« Ich sparte mir das Nicken und nahm noch einen Schluck Rot­wein. »Wie viel von den Kurz­ge­schich­ten hast du denn schon?«, fragte Pas­cal so harm­los wie mög­lich. Ich kenne die­sen Blick von ihm und zählte an den Fin­gern ab. »Eine«, sagte ich, ver­bes­serte mich dann aber und sagte: »Eine halbe.« Pas­cal grinste: »Also eigent­lich gar keine.« Ich nickte gott­er­ge­ben und nahm einen wei­te­ren Schluck. Irgend­wie war mir klar, was jetzt kom­men musste.

Pas­cal: »Warum hast du da noch nicht dein tol­les Schreib­fluss­prin­zip ange­wen­det?«

Ich: »Ist ja keine Blo­ckade im eigent­li­chen Sinn. Aber es würde natür­lich funk­tio­nie­ren.« Letz­te­res im Brust­ton der Über­zeu­gung, außer dass meine Zunge dabei ein wenig über das Wort »funk­tio­nie­ren« stol­perte.

Pas­cal: »Glaub ich nicht. Wie wär’s mit einer Wette?«

Und so lief es dann plötz­lich auf vier­hun­dert Kurz­ge­schich­ten hin­aus. Ich hatte ihn run­ter­ge­han­delt von fünf­hun­dert, und klei­nere Vignet­ten waren auch erlaubt. Und damit das Ganze einen Rah­men bekommt, krit­zelte er hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand irgend­was auf die Kar­tei­kar­ten.

»Ich schreib dir ein paar erste Sätze auf. Muss alles immer mit dem glei­chen Satz anfan­gen.«

»Was?!«, fuhr ich auf. Aber Pas­cal erin­nerte mich grin­send an einen Mono­log von mir, den ich letz­ten oder vor­letz­ten Monat mal über das Schrei­ben und die Krea­ti­vi­tät im All­ge­mei­nen gehal­ten hatte – mit dem Fazit, dass erst die Ein­schrän­kung wahre Kunst her­vor­bringt. Wer alle Frei­hei­ten hat, ver­liert sich darin – war meine Über­le­gung, die viel­leicht aber auch dem Absinth geschul­det war, an dem wir uns an dem Abend güt­lich taten.

Jetzt fiel meine wer­mut­se­lige Erkennt­nis in aller Härte auf mich zurück: »Ich betrete den Kor­ri­dor« – als Anfangs­satz für vier­hun­dert Sto­rys. Aua.

Was wären die ande­ren Anfangs­sätze gewe­sen? Pas­cal zog seine Hand mit den Kar­tei­kar­ten zurück. Zwei erwischte ich noch. Pas­cal konnte nicht ver­hin­dern, dass ich sie las. »Das war der Anfang vom Ende.« Und: »Ein­mal Cali­for­nia Maki bitte!«

»Damit hätte ich viel mehr anfan­gen kön­nen«, pro­tes­tierte ich. Pas­cal wiegte non­cha­lant den Kopf: »Die Wahl ist getrof­fen, der Wür­fel ist gefal­len.« Den Spruch griff ich sofort auf: »Selbst das wäre bes­ser! Ich kann doch nicht vier­hun­dert Ich-Erzäh­lun­gen im Prä­sens schrei­ben über jeman­den, der in irgend­wel­chen Gebäu­den rum­irrt …«

Aber ich hatte vor­her schon ein­ge­schla­gen. Die Wette galt.

Und heute ist der Stich­tag. Pas­cal wird jeden Augen­blick anru­fen und nach­fra­gen, wie es um seine vier­hun­dert Kurz­ge­schich­ten steht. »Ich betrete den Kor­ri­dor.« Damals war mir der Satz fremd. Und heute? Was soll ich sagen? Knapp zwei­hun­dert­acht­zig habe ich geschafft. Zuerst dachte ich, mir fal­len nicht mal zwan­zig ein. Aber dann hatte ich doch noch ein paar unge­wöhn­li­che Ideen und lernte, den Satz und meine Auf­gabe aus vie­len ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven zu sehen.

Ich bleibe also dabei. Wenn man die eine Sache nicht hin­kriegt: Nimm dir so viele Arbeits­ver­sio­nen davon vor, dass dir die Auf­gabe schlicht­weg unmög­lich scheint. Und dann leg los.

Längst näm­lich will ich es selbst wis­sen: Komme ich auf vier­hun­dert? Die Zahl scheint mir immer noch gewal­tig und uner­reich­bar. Aber genauso hätte ich über zwei­hun­dert gedacht. Oder auch nur hun­dert.

Die Wette habe ich ver­lo­ren, und natür­lich bekommt Pas­cal seine Fla­sche Bour­bon-Ein­zel­fass­ab­fül­lung. Aller­dings werde ich wei­ter­schrei­ben, auch wenn es meine Frei­zeit inzwi­schen kom­plett aus­füllt – was Pas­cal womög­lich nicht gefal­len wird, denn so habe ich auch wei­ter­hin erst ein­mal keine Zeit mehr für unsere feucht­fröh­li­chen Tref­fen.

231/398

Saba­di­bix

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg in mein Büro, auch hier dar­auf bedacht, mög­lichst wenig Spu­ren zu hin­ter­las­sen: Ich schließe die Ein­gangs­tür, wenn sie vor­her geschlos­sen war, oder ver­schaffe ihr wie­der den Win­kel, den sie vor mei­nem Ein­tre­ten hatte. Ich achte auf sau­bere Schuh­soh­len, die kei­nen Dreck hin­ter­las­sen auf den Fuß­mat­ten, wel­che ich um kei­nen Deut ver­rü­cke, und ich schleich alle­weil mucks­maus­erl­still drü­ber.

Sollte ich einem der Dampf­plau­de­rer aus dem Amts­haus begeg­nen, so nuschel ich nur das Aller­not­wen­digste, mit gesenk­tem Kopf, um dann mög­lichst schnell hin­ter mei­ner Tür zu ver­schwin­den.

Dan­kens­wer­ter­weise habe ich gleich nach der Matura eine Stelle als Akzes­sist im Wie­ner Bun­des­denk­mal­amt bekom­men und konnte mich da der Bewah­rung von Din­gen und Zustän­den wid­men, inzwi­schen in Defi­ni­tiv­stel­lung bei die­ser wun­der­ba­ren und ehr­wür­di­gen Insti­tu­tion, der ich meine beschei­de­nen Dienste gern zur Ver­fü­gung stelle.

Auch in mei­nem Büro ver­meide ich jedes Gepräge, das auf mich zurück­geht: Nichts Per­sön­li­ches steht auf mei­nem Schreib­tisch, ich habe keine Bil­der auf­ge­hängt und keine Kraut­stau­den auf­ge­stellt. Schon lange bevor der Aus­druck »öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck« modisch wurde, habe ich alles getan, um über­haupt kei­nen Fuß­tap­per in der Welt zu hin­ter­las­sen. Mit mei­nem not­wen­di­gen Kon­sum für Gewand und Nah­rungs­mit­tel beschränke ich mich auf Dinge, die in gro­ßen Men­gen her­ge­stellt wer­den, so dass mein Anteil daran mög­lichst wenig ins Gewicht fällt.

Hier im Amt sind in den vie­len Jah­ren wohl viele Beför­de­rungs­mög­lich­kei­ten und Bien­nal­sprünge an mir vor­über­ge­gan­gen, weil ich mich immer mög­lichst unauf­fäl­lig ver­hal­ten habe. Es macht mich stolz, dass, ver­schwände ich eines Tages spur­los, wohl nie­mand auf die Idee käme, eine Abgän­gig­keits­an­zeige auf­zu­ge­ben.

Manch­mal – und das sind über­aus selige Momen­terl – ver­schwinde ich vor mir selbst. Ich fühle keine Anwe­sen­heit mehr und ent­de­cke erst hin­ten­nach, wie viel Zeit wäh­rend mei­ner Absenz ver­gan­gen ist.

Selt­sa­mer­weise scheint sonst nie­mand so wie ich zu den­ken. Alle Leut pudeln sich heuer furcht­bar auf und wol­len alle dam­lang Ein­fluss neh­men. Viele wol­len sogar aus­drück­lich etwas bewe­gen. Das ist mir fremd.

Dann die­ser Schmet­ter­ling. Was macht die­ser Schmet­ter­ling in mei­nem Büro? Wie kommt er hier her­ein, wo ich doch das Fens­ter nie öffne? Er ist weiß und flat­tert vor die Scheibe, dreht dann eine pat­scherte Runde durch die kleine, schmuck­lose Kam­mer. Hin­aus kann er nicht, denn die Tür war geschlos­sen, als ich sie vor­fand, und so halte ich es seit­dem.

»Wie ein Schmet­ter­ling«, flüs­tert sie und legt den Fin­ger auf die Lip­pen, »sei leise wie ein Schmet­ter­ling.« Sie ist schon lange tot, meine Mut­ter, genau wie mein Vater, der »Herr Dok­tor« in Weiß, der nie gestört wer­den durfte, sei es durch die Fra­gen sei­nes her­an­wach­sen­den Soh­nes, sei es durch Radau und ein­fach nur Unruhe. Und kam er aus der Apo­theke nach oben, so war es oft Mut­ter, die Migräne hatte, und keins der Pul­verl des Vaters half, und ich musste wie­der unsicht­bar sein und kei­nen Mucks von mir geben. Das ist vor­bei. Sie sind dahin. Oh, und sie haben Spu­ren hin­ter­las­sen: mich. Ich würde nie ein Kind in die Welt set­zen. Allein schon die Wir­kung, die ich auf die­sen ande­ren Men­schen, diese Frau, aus­üben würde, und sie auf mich. Spu­ren. Wun­den und Nar­ben womög­lich. Nicht aus­zu­den­ken.

Die­ser Schmet­ter­ling irri­tiert mich. Er fin­det kei­nen Aus­gang. Dies ist kein Ort für ihn. Er wird ver­durs­ten und ver­hun­gern, liegt auf dem Fens­ter­brett, ver­gilbt und ver­staubt. So sieht es die Natur vor. Ich mische mich da nicht ein, son­dern halte mich fein zurück. Andere mögen sich mit der Natur und dem Lauf der Dinge anle­gen wol­len. Nicht so ich, der ich tun­lichst ver­meide, irgend­wel­che Spu­ren zu hin­ter­las­sen, an denen abzu­le­sen wäre, dass es mich je gege­ben hat.

Ich könnte sein Lei­den abkür­zen. Ihn in der hoh­len Hand fan­gen und dann kurz eine Faust bal­len. Aber so ist es nicht vor­ge­se­hen. Er flat­tert um mich herum. Kann er nicht so wie­der hin­aus, wie er hier her­ein­ge­kom­men ist?

Ich stehe auf. Rede mit ihm. Rede auf ihn ein. Dass alles gut wird. Dass er so tun soll, als sei er gar nicht da. (Der ewige Ser­mon mei­ner Mut­ter.) Dass er sich gefäl­ligst zusam­men­rei­ßen soll! (Im flüs­ternd dro­hen­den Ton­fall mei­nes Vaters.)

Dann öffne ich das Fens­ter. Ein Wind­stoß fegt Bewil­li­gungs­an­su­chen und Ein­reich­pläne (in drei­fa­cher Aus­füh­rung, gefär­belt und unter­schrie­ben) von mei­nem Tisch. Doch der Schmet­ter­ling scheint jetzt ein Ziel zu haben: der Brise ent­ge­gen in die Frei­heit. Er flat­tert hin­aus. Und irgend­wie fliegt auch ein Teil von mir mit ihm, zu den mäch­ti­gen grü­nen Buchen unter dem blauen Him­mel.

Schnell schließe ich das Fens­ter. Was ist nur in mich gefah­ren? Ich habe den Lauf der Dinge ver­än­dert! Mut­wil­lig habe ich ein­ge­grif­fen! Fast erwarte ich, ein Blitz führe vom Him­mel. Dann wische ich über mei­nen Schreib­tisch und fege so auch die rest­li­chen Anbrin­gen und Papiere zu Boden. Und lache, lache laut, lache wie lange nicht mehr.

234/398

Trial Ver­sion

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Ich betrete den Kor­ri­dor schwan­kend und muss mich am Bücher­re­gal fest­hal­ten, weil mir ganz flau im Magen ist. Es ist das Bord, auf dem meine Lieb­linge ste­hen, näm­lich jene Romane unter den Hun­der­ten hier auf­ge­reih­ten, die mir beson­ders ver­gnüg­li­che Stun­den berei­tet haben. Mein Ex-Mann hat damals immer den Kopf geschüt­telt und konnte mei­nen Lese­hun­ger nie so rich­tig ver­ste­hen.

Vor weni­gen Augen­bli­cken noch saß ich mit ange­zo­ge­nen Knien in mei­nen Lese­ses­sel geku­schelt und las. Ein umfang­rei­cher Roman, so wie ich es liebe: Bereits in der Hand fühlt sich das Buch nach einer aus­ge­dehn­ten, weit­ver­zweig­ten Welt an, in die ich mich für lange Zeit ver­lie­ren kann. Und dann – die­ser Recht­schreib­feh­ler! Nor­ma­ler­weise lese ich über so etwas ein­fach weg, aber dies­mal setzte er eine fatale Kette von Gedan­ken in Gang. Der Autor muss ihn über­se­hen haben, genau wie der Lek­tor des Buches. Und über­haupt – ich ver­suchte der­weil, wei­ter­zu­le­sen, aber hörte unge­wollt mehr mei­nen Gedan­ken zu als dem, was der Roman mir erzäh­len wollte – sind das ja nur Worte, ist das nur ein Text, eine Ver­sion eines Tex­tes, von dem ich gar nicht ahne, wel­che Meta­mor­pho­sen er mög­li­cher­weise durch­ge­macht hat. Natür­lich weiß ich beim Lesen von Roma­nen immer irgend­wie, dass es sich um aus­ge­dachte Geschich­ten han­delt. Nur wird mir das jetzt ebenso hef­tig wie bit­ter bewusst, wie durch eine neue Brille, die mir gna­den­los all die Kulis­sen, Requi­si­ten, Behaup­tun­gen und Kunst­griffe vor Augen führt, aus denen sich mehr oder weni­ger erfin­dungs­reich zusam­men­setzt, was mir vor­her wie eine Wahr­heit höhe­rer Ord­nung erschien.

Diese Gedan­ken bekam ich ein­fach nicht mehr aus mei­nem Kopf, und dann ver­schwam­men auch noch die gedruck­ten Worte auf den Sei­ten vor mei­nen Augen, bil­de­ten ein Mus­ter, schwarz auf weiß, und es war, als sähe ich darin eine Gestalt – ich kann nicht sagen, ob Mann oder Frau –, die wie beses­sen tippt, beschrie­bene Sei­ten zer­knüllt, quä­lend lange auf eine ange­fan­gene Zeile starrt und sich die Haare rauft, Kom­ma­re­geln nach­schlägt, einen Aus­druck mit Kor­rek­tu­ren über­sät, an fau­li­gen Äpfeln riecht und sich auf dem Boden wälzt, weil sich das rich­tige Wort nicht ein­stel­len will, Figu­ren erschafft und ver­wirft, Namen und Bio­gra­fien für sie erfin­det, sie durch Höhen und Tie­fen schickt, an Beschrei­bun­gen feilt, aus dem Fun­dus eige­ner Erfah­run­gen schöpft, Sze­nen zusam­men­streicht und ganze Kapi­tel wie­der löscht – und das alles, um mir eine Geschichte zu erzäh­len.

Warum?, frage ich das Buch in mei­ner Hand, denn offen­bar habe ich, wäh­rend ich schwan­kend im Kor­ri­dor stand, zu einem mei­ner Lieb­lings­ro­mane gegrif­fen, um ihn jetzt wie ein Ertrin­ken­der zu umklam­mern.

Ich schlage den Band auf, wahl­los irgendwo in der Mitte, will wie­der ein­tau­chen, mich hin­ein­zie­hen und mit­rei­ßen las­sen, will mit den Hel­den kämp­fen und sie­gen, lachen und wei­nen, lei­den und mein Glück fin­den, will mich gru­seln, amü­sie­ren, ver­lie­ben, Unmög­li­ches ver­su­chen, ver­zwei­feln und cou­ra­giert Gefah­ren und Wid­rig­kei­ten ent­ge­gen­tre­ten, will mich fes­seln, über­ra­schen und in Atem hal­ten las­sen. Doch gleich­zei­tig weiß ich, dass der Zau­ber gebro­chen und der Schleier unwi­der­ruf­lich zer­ris­sen ist. Ein dum­mer klei­ner Recht­schreib­feh­ler hat mich unwie­der­bring­lich die Unschuld ver­lie­ren las­sen und mir vor Augen geführt, dass das alles nur Erfin­dung ist, eine mehr oder weni­ger gut kon­stru­ierte Fik­tion, bei der alles auch ganz anders sein könnte.

Ich bli­cke auf. Rei­hen um Rei­hen fein säu­ber­lich auf­ge­reih­ter Buch­rü­cken star­ren mich an. Ein mit­leids­lo­ser Engel hat mich aus dem Gar­ten Eden des kind­li­chen Lese­ver­gnü­gens ver­trie­ben. Es könnte alles auch ganz anders sein! Viel­leicht, denke ich, ist das ein Weck­ruf, der mich ins Leben ruft, mein eige­nes Leben, das echte und wahre Leben mit sei­ner ganz eige­nen Magie. Will ich mich denn nicht wie­der ver­lie­ben, Unmög­li­ches ver­su­chen, mein Glück fin­den? Den Gedan­ken, dass auch dies alles nur eine Geschichte sein könnte, die ich mir selbst erzähle, schüttle ich unwil­lig ab.

Nach­dem ich den Roman in die Lücke zurück­ge­stellt habe, mache ich kehrt. Im Wohn­zim­mer stehe ich eine Zeit­lang unschlüs­sig herum. Also das eigent­li­che, das wirk­li­che Leben. Wo anfan­gen? Am bes­ten ganz vorn. Ich greife in der Vitrine zu dem Foto­al­bum mit mei­nen Kind­heits­fo­tos …
 

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Korridorium-Serviette 234 mit MindmapSwitch language

 

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Zweite Fas­sung:
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Im Gar­de­ro­ben­schrank könnte ich noch Bat­te­rien haben. So ein Mist auch. Da sitze ich bequem im Fern­seh­ses­sel, guck das End­spiel, will rüber zu den Erd­nüs­sen grei­fen und muss fest­stel­len, dass ich auf der Fern­be­die­nung sitze und es jetzt irgend­wie schaffe, mit dem Hin­tern die Stumm-Taste aus­zu­lö­sen. Will den Ton wie­der ein­schal­ten, aber die Fern­be­die­nung reagiert auf ein­mal nicht mehr. Drü­cke wild drauf rum, schüt­tel das Teil, und als das nix nützt, mach ich das Bat­te­rie­fach auf, drehe an den Din­gern, und, he, geht doch plötz­lich der CD-Player an. Dixie­land? Muss eine CD von Ellie sein, die sie ver­ges­sen hat. Hab den Player offen­bar seit­dem nicht mehr benutzt. Wie auch immer. War das letzte Lebens­zei­chen der Fern­be­die­nung, denn jetzt tut sich gar nix mehr. Muss wohl doch auf­ste­hen und Bat­te­rien suchen, denke ich, aber starre erst mal in die Glotze wie Kanin­chen auf Schlange: Mit dem Dixie­land-Jazz wirkt das plötz­lich ganz anders. Kommt mir vor, als bin ich in einem kom­plett ande­ren Film: ner Slap­stick-Komö­die.

Jeden­falls finde ich auch hier im Gar­de­ro­ben­schrank keine neuen Bat­te­rien. Wo könnte ich noch wel­che haben? Ich will das Spiel nicht ver­pas­sen! Aber bei dem fröh­li­chen Geplärre aus dem Wohn­zim­mer ist es fast unmög­lich, genervt zu sein. Wenn’s mich auch trau­rig macht. Wegen Ellie. Mit ande­rem Sound­track wär mein Leben wahr­schein­lich auch kom­plett anders ver­lau­fen. Komi­sche Vor­stel­lung. Dass alles auch ganz anders sein könnte. Dass Ellie noch hier sein könnte. Und dass das im End­spiel genauso gut unsre Natio­nal­elf sein könnte …

Im Schlaf­zim­mer werd ich fün­dig: Die Bat­te­rien im Wecker haben die rich­tige Größe. Kein wei­te­res Tor gefal­len. Ein Tas­ten­druck, der Jazz ver­stummt, ohren­be­täu­bend set­zen die Fan­ge­sänge und Trom­meln ein, und damit bin ich wie­der mit­ten im Drama von Kiew. Ich lass mich in den Ses­sel plump­sen. Geht doch!

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Korridorium-Tagebucheintrag 234

 

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Dritte, finale Fas­sung:

 

Ich betrete den Kor­ri­dor. (Pst! Ist nur eine Geschichte. Könnte alles auch ganz anders sein. Aber nicht wei­ter­sa­gen. Will kei­ner wis­sen.)

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For the Very Last Time

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Ich betrete den Kor­ri­dor. »Na ja, du siehst ja selbst, was Sache ist«, meint Jür­gen zu mir, »dein Zim­mer ist das ›Navier-Sto­kes‹. Und denk dran: Mor­gen früh musst du um spä­tes­tens acht hier ver­schwun­den sein.« Damit macht er kehrt. Ich aber bleibe erst ein­mal stau­nend im Kor­ri­dor ste­hen. Von den hell­ge­stri­che­nen Wän­den hän­gen an Schnü­ren dicke Filz­stifte her­un­ter, und sie wur­den flei­ßig genutzt.

Ich bin der letzte Gast. Das »P=NP« ist an eine Hotel­kette ver­kauft, die sich damit brüs­tet, dass sich all ihre Häu­ser welt­weit wie ein Ei dem ande­ren glei­chen. Mor­gen früh wird der Bau­trupp anrü­cken, und das »P=NP« wird Geschichte sein.

Es stand seit knapp 20 Jah­ren aus­schließ­lich Mathe­ma­ti­kern offen, man musste ein Diplom oder einen Magis­ter vor­wei­sen, um hier ein Zim­mer zu bekom­men. Meist war das kleine Hotel mit Gast­do­zen­ten der nahen Uni belegt. »P=NP« steht für ein Pro­blem aus der Opti­mie­rungs­theo­rie. Als Bei­spiel dient in der klei­nen Bro­schüre, die an der Rezep­tion aus­liegt, ein Hand­lungs­rei­sen­der, der zwan­zig Städte besu­chen muss und nach der kür­zes­ten Route sucht – und das unter zwei Tril­lio­nen ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten.

Von den Gäs­ten hier, Hand­lungs­rei­sen­den in Sachen Mathe­ma­tik, haben viele in der Lobby dem Hotel ein Dan­ke­schön hin­ter­las­sen, pas­sen­der­weise – statt Schwarz­weiß-Fotos mit Poe­sie­al­bum­spruch und Unter­schrift – Deck­blät­ter ihrer Ver­öf­fent­li­chun­gen, die illus­tre Titel haben wie zum Bei­spiel: »Lyapu­nov expon­ents, peri­odic orbits and hor­se­s­hoes for map­pings of Hil­bert spaces«.

Jür­gen, der Nacht­por­tier, hat mich hier gegen zwei Packun­gen Ziga­ret­ten und eine Fla­sche Averna ein­ge­schleust. Früh­stück gibt es mor­gen nicht. Das »P=NP« hat schon vor Tagen end­gül­tig dicht gemacht, ohne dass jemand hier in der »Stadt der Mathe­ma­tik« groß davon Kennt­nis genom­men hätte.

Ich hatte zwar Mathe im Abitur, aber meine Kennt­nisse rei­chen lei­der nicht aus, um die alge­bra­ischen Graf­fiti an den Wän­den zu lesen, die hier im Laufe der Jahre von den Gäs­ten hin­ter­las­sen wur­den. Trotz­dem stu­diere ich die For­meln und Kom­men­tare inter­es­siert, denn den unter­schied­li­chen Hand­schrif­ten ist zu ent­neh­men, dass hier von vie­len Betei­lig­ten ein mathe­ma­ti­scher Dia­log geführt wurde – und viel­leicht sogar der eine oder andere Dis­put zwi­schen Mathe­ma­ti­kern ent­brannt ist.

Aus­ru­fe­zei­chen, unge­lenkt gezeich­nete Fäuste mit erho­be­nem Dau­men, aber auch fette rote Fra­ge­zei­chen und das eine oder andere »rub­bish« oder »N’im­porte quoi!« säu­men die For­meln. Ich ent­de­cke auch den Wiki­pe­dia-Link zu »Men­gen­lehre«, der wohl sagen soll: »Kümmre dich erst mal um die Grund­la­gen, du Möch­te­gern-Genie!«

Jedes Zim­mer im »P=NP« ist oder bes­ser war einem eige­nen unge­lös­ten Mathe­ma­tik-Pro­blem gewid­met. Auf mei­nem Nacht­tisch liegt ein abge­grif­fe­ner, maschi­n­ege­schrie­be­ner Zet­tel in einer Klar­sicht­hülle, der in Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch und Ita­lie­nisch das Pro­blem beschreibt, das Navier und Sto­kes in der ers­ten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts ihren Kol­le­gen hin­ter­las­sen haben. Nicht nur die Wände der Kor­ri­dore, auch die Wände der Zim­mer dien­ten den Gäs­ten als Lein­wand und Tafel, und hier im »Navier-Sto­kes« sind sie – zumin­dest nehme ich das stark an – über­sät mit Ansät­zen, deren Glei­chun­gen exakt zu lösen. An einer Stelle steht ein »wow« mit gleich drei Aus­ru­fe­zei­chen.

Schade, dass ich nichts bei­zu­tra­gen habe. Ich stehe wie ein Archäo­loge vor anti­ken Ste­len mit einer ihm gänz­lich unbe­kann­ten Schrift und bin gespannt, was ich hier, als defi­ni­tiv letz­ter Gast im »P=NP«, heute Nacht für Träume haben werde.

 

246/398

Locus fac­tum enigma opus

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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen Schlaf­zim­mer und Bad und habe damit schon den ers­ten Punkt mei­nes heu­ti­gen K‑Tags erfüllt. Vier Auf­ga­ben sind es, die ich mir täg­lich stelle: • ein Ort, • ein Tun, • ein Rät­sel und • ein Werk.

Ges­tern hatte ich es nicht so leicht. Mir wollte erst kein erreich­ba­rer Ort mit J ein­fal­len. Dann hatte ich aber doch eine Ein­ge­bung, als ich Eiern und Kar­tof­feln beim Bio­bau­ern kaufte. Ich fragte ihn, ob er eine Jau­che­grube hat und manch­mal hin­ein­stei­gen muss. Er sah mich schräg an und nickte. Indem ich dann frei­wil­lig seine Ganz­kör­per­gum­mi­stie­fel anzog und mit einer Mist­ga­bel bewaff­net ver­suchte, den Aus­fluss des Beckens frei­zu­be­kom­men, hatte ich eigent­lich gleich­zei­tig den gest­ri­gen Punkt 3, das Rät­sel, erfüllt. Denn mein Bauer wird sich wohl fortan den Leb­tag lang fra­gen, was einen sei­ner Kun­den dazu bewo­gen haben mag, frei­wil­lig in die Exkre­mente sei­ner Kühe und Schweine zu stei­gen.

Trotz­dem habe ich der Welt dann noch ein dezi­dier­tes Rät­sel mit J hin­ter­las­sen: Ich zer­schnitt alte Jute­ta­schen und nähte sie zu simp­len Socken um, knapp fünf­zig Stück, die ich, heim­lich natür­lich, über die Enden des Jäger­zauns stülpte, der den Wert­stoff­hof im Nach­bar­dorf ein­fasst. Das sieht nied­lich aus, und die Aktion hat, hoffe ich, zu erstaun­tem Kopf­schüt­teln geführt, auch wenn sie es ver­mut­lich nicht ein wei­te­res Mal in unser ört­li­ches Käse­blätt­chen geschafft hat.

Nach­dem ich mir abends dann noch das Jon­glie­ren mit drei Bäl­len bei­gebracht hatte – mehr schlecht als recht, muss ich zu mei­ner Schande geste­hen –, guckte ich dann noch Jumanji. Zwar kein Film aus der Bes­ten­liste der Inter­net Movie Data­base, die ich mei­ner Aus­wahl nor­ma­ler­weise zugrunde lege, aber der Jäger des ver­lo­re­nen Schat­zes war gerade aus­ge­lie­hen, und von einer Johanna von Orlé­ans aus dem Jahr 1928 hat­ten sie in mei­ner Video­thek noch nie gehört.

Neuer Tag, neues Glück, ein neuer Buch­stabe. Mit dem K fing ich noch vor dem mor­gend­li­chen Kor­ri­dor mit einer nächt­li­chen Aktion zur Geis­ter­stunde an. Ich hab mich schwarz ein­ge­klei­det, zwei Schnüre an die bei­den Enden eines Bret­tes gebun­den und an deren Enden die Hand­griffe eines Spring­seils befes­tigt. Damit bin ich dann raus auf eins der Wei­zen­fel­der unse­res Bio­bau­ern. Ohne unnö­tige Spu­ren zu hin­ter­las­sen hab ich mich bis in die unge­fähre Mitte durch­ge­schla­gen und dort ange­fan­gen, einen Korn­kreis anzu­le­gen. Die Form hatte ich vor­her mit Zir­kel und Lineal zu Papier gebracht. Frak­tale Geo­me­trie traute ich mir als Anfän­ger nicht zu, und weil es ja ein Rät­sel mit K wer­den sollte, ent­schied ich mich für ein zwan­zig Meter lan­ges Kel­ten­kreuz. Eine schweiß­trei­bende Arbeit, wie sich her­aus­stellte, und im Ergeb­nis ver­mut­lich ziem­lich krumm und schief. Mal sehen, was das Käse­blätt­chen schreibt. Viel­leicht wird ja von irgend­wem ein Luft­bild geschos­sen. Die über­di­men­sio­nale rote Clowns­nase vor andert­halb Wochen, die ich nachts um den Kirch­turm gebun­den hatte, brachte es jeden­falls auf die Titel­seite und zu einer Flut von erbos­ten Leser­brie­fen.

Dann mor­gens, hun­de­müde von der anstren­gen­den Nacht, der Kor­ri­dor zum Bad. Eigent­lich sol­len es ja neue Erfah­run­gen und Orte sein. Aber ich finde, mit der Jau­che­grube von ges­tern habe ich etwas gut. In der Mit­tags­pause im Büro betrachte ich auf mei­nem Moni­tor ein­ge­hend die »Krei­de­fel­sen von Rügen« von Cas­par David Fried­rich. Ich hatte mir schon gedacht, dass ich das Werk irgendwo im Inter­net in hoher Auf­lö­sung finde. Lange denke ich, indem ich mir Löf­fel um Löf­fel Kar­tof­fel­pü­ree aus der Kan­tine im Munde zer­ge­hen lasse, dar­über nach, was der alte Mann im blauen Geh­rock auf Hän­den und Knien am Boden zu suchen hat. Ist er umge­fal­len? Dafür würde der acht­los fort­ge­rollte Hut spre­chen, den schon ein leich­ter Wind­stoß in den Abgrund wehen könnte. Ver­sucht der Alte viel­leicht vor­sich­tig, über den Grat in die Tiefe zu schauen, dem Fin­ger­zeig der jun­gen Dame im roten Kleid fol­gend? Oder ist er Bota­ni­ker und hat ein sel­te­nes Gras ent­deckt, wor­auf­hin er sei­nen Stock nie­der­legte, sei­nen Hut ver­lor und sofort ein Exem­plar pflü­cken musste?

Auf der Fahrt nach Hause gehe ich den Tag noch ein­mal durch. • Rät­sel: Korn­kreis; • Ort: Kor­ri­dor; • Kunst­werk: Krei­de­fel­sen. War viel­leicht auch schon eine • Tätig­keit mit K dabei? Kopie­ren? Hm. Die Kon­fe­renz­schal­tung mit Reykja­vík? Hm. Krat­zen am Hin­ter­kopf? Nein, ich habe nichts Neues gemacht. Dann kommt mir aber doch noch ein ret­ten­der Ein­fall. Wenn mir schon die Szene an den Krei­de­fel­sen Rät­sel auf­ge­ge­ben hat, warum nicht vor dem Zubett­ge­hen noch ein wenig wei­ter­rät­seln. Obwohl ich die Tages­zei­tung jetzt schon lange abon­niert habe: Noch nie habe ich das Kreuz­wort­rät­sel im bei­lie­gen­den Frei­tags­ma­ga­zin gelöst. Es soll sehr kniff­lig sein, und man muss angeb­lich gehö­rig um die Ecke den­ken.

»Bro­same ist dem Bio­bau­ern alles« in fünf Buch­sta­ben. Es muss mit K anfan­gen, denn den »Kol­ben­fres­ser« quer hab ich schon, auch wenn ich mir anhand der Umschrei­bung »Tie­ri­scher Mais­räu­ber? Moto­ri­sier­ter GAU« erst ein­mal rein gar nichts vor­stel­len konnte, bis dann end­lich der Gro­schen fiel.

Der »Kol­ben­fres­ser« jedoch war anschei­nend nur ein Glücks­tref­fer. Mir will ein­fach nichts mehr ein­fal­len. Ich gebe auf, aber noch beim Ein­schla­fen rotiert es durch mei­nen Kopf. Gibt’s »Bro­same« über­haupt in der Ein­zahl? Doch genauso wenig wie »Almose«, oder? Hm. Hier fin­det der dörf­li­che Rät­sel­ma­cher – ich sage nur: die Clowns­nase! – offen­bar sei­nen Meis­ter. Ich beschließe, beim nächs­ten Eier­kauf den Bio­bau­ern selbst zu fra­gen, was ihm »alles« ist. Einen Ruf habe ich bei dem seit ges­tern ja nicht mehr zu ver­lie­ren.

Mor­gen ist Wochen­ende, und ich werde nach die­ser anstren­gen­den Woche erst ein­mal aus­schla­fen. Mon­tag geht es dann wei­ter mit L.

 

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The Sand’s Tale

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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Kabi­nen. Heute ist es die Num­mer acht. Ich werfe mein Token ein. Das Hin­le­gen ist sehr schmerz­haft, aber dann ruhe ich end­lich aus­ge­streckt unter den wär­men­den und bräu­nen­den Strah­len der Son­nen­bank. Es ist der 14. Juli, und in Gedan­ken reise ich ein­und­vier­zig Jahre zurück. An die­sem Tag war ich mit Mau­ritz in San Fran­cisco.

Bei der jun­gen Frau, die im Son­nen­stu­dio in der Schil­ler­straße an der Kasse steht, wechsle ich jedes Mal, statt mir den Token am Auto­ma­ten zu zie­hen, einen Fünf-Euro-Schein und lasse ihr 50 Cent als Trink­geld lie­gen. Bestimmt komme ich ihr sehr selt­sam vor: Ein klei­ner Mann in einem schwar­zen Anzug mit son­nen­brau­nem Gesicht, der jeden Tag (außer sonn­tags) um die Mit­tags­zeit her­kommt und sich zwan­zig Minu­ten lang auf die Son­nen­bank legt, ohne sich vor­her sei­nes Anzugs und der schwar­zen Schuhe zu ent­le­di­gen. Aber sie kann ja auch nicht wis­sen, dass mich, seit meine Schul­ter zer­trüm­mert wurde, fast uner­träg­li­che Schmer­zen pla­gen, wenn ich mich an- oder aus­klei­den muss.

San Fran­cisco 1971. Was waren wir von die­ser Stadt beein­druckt, der Mau­ritz und ich! Wir lie­fen über die Gol­den-Gate-Brü­cke, quer über die Bucht bis zum ande­ren Ende und wie­der zurück. Was für eine groß­ar­tige Inge­nieurs­leis­tung! Ich konnte die vie­len Hände spü­ren, die Tau­sende von Arbei­tern, die die­ses Bau­werk errich­te­ten und Stück für Stück zusam­men­füg­ten.

Noch ein­mal male ich mir den vier­zehn­ten Juli in San Fran­cisco in allen Ein­zel­hei­ten aus, wäh­rend mein Gesicht und meine Hände ange­nehm warm wer­den. Es war der Tag, an dem wir abends zufäl­lig zwi­schen die Hip­pies gerie­ten und mich diese junge Frau, die ihre Schul­tern bunt bemalt hatte und bar­fuß lief, ohne Vor­war­nung geküsst hat. Ein beson­de­rer Tag.

Aber bald ist die Zeit abge­lau­fen, und die letzte Minu­ten unter der Höhen­sonne widme ich immer dem wich­tigs­ten Ereig­nis mei­nes Lebens: mei­ner Ankunft in der Wüste. Ich hatte unter Rei­se­angst gelit­ten und mir alle mög­li­chen Wid­rig­kei­ten aus­ge­malt, auf die ich, fern der Hei­mat, tref­fen könnte. Als ich jedoch aus dem Bus stieg, der uns in das Dorf brachte, waren alle Sor­gen wie weg­ge­bla­sen. Die Wüste! Der Him­mel! Die Weite! Ein Hoch­ge­fühl erfasste mich. Sand knirschte mir zwi­schen den Zäh­nen, und ich sog begie­rig die Luft eines frem­den Lan­des, eines frem­den Kon­ti­nents in mich ein.

Neben mir stand ein jun­ger Mann, Mau­ritz, der seine Glie­der streckte und sich zuse­hends freute, von den engen Sit­zen her­un­ter und aus dem schreck­li­chen Ben­zin­ge­stank im Bus her­aus­zu­kom­men. Ihm schien es ähn­lich wie mir zu gehen. Mau­ritz war von einer schwe­di­schen Bau­firma nach Ägyp­ten geschickt wor­den. Wir kamen in der­sel­ben Inge­nieurs­ba­ra­cke unter und stell­ten bald fest, dass wir uns gut ver­stan­den, auch ohne unser holp­ri­ges Eng­lisch, in unse­ren Mut­ter­spra­chen Deutsch und Schwe­disch und indem wir mit Hän­den und Füßen rede­ten.

Mit einem Pling ver­lischt die Sonne in der Kabine. Lang­sam und vor­sich­tig, um den rech­ten Arm nicht zu belas­ten, richte ich mich auf. Die junge Frau am Tre­sen wird wie immer mei­nen Abschieds­gruß nicht erwi­dern, aber auf­schauen und viel­leicht lächeln. Ich bin ein komi­scher alter Kauz in ihren Augen, so wie ich ein komi­scher alter Kauz in jeder­manns Augen gewor­den bin. Nie­mand weiß mehr von dem jun­gen Inge­nieur, der einen gan­zen ägyp­ti­schen Tem­pel ver­setzt hat, damit er nicht in den Flu­ten des Assuan-Stau­damms ver­sinkt und der Nach­welt ver­lo­ren geht.

Auch die Bedie­nung des Cafés im Münch­ner Haupt­bahn­hof wech­selt nur die nötigs­ten Worte mit mir, obwohl ich seit vie­len Jah­ren jeden Nach­mit­tag (außer sonn­tags) hier­her­komme und einen Kaf­fee trinke. Jetzt hat es einen ita­lie­ni­schen Namen und lau­ter Kaf­fee­spe­zia­li­tä­ten im Ange­bot, unter deren Namen ich mir nichts vor­stel­len kann. Die ein­fa­che Tasse Kaf­fee gibt es noch, aber sie ist heute vier­mal so teuer. Neben der Son­nen­bank ist sie der ein­zige Luxus, den ich mir gönne, und erin­nert mich ent­fernt an den ägyp­ti­schen Kaf­fee­sud, der unser Treib­stoff wurde für die gigan­ti­sche Auf­gabe. Auch in der Kli­nik, nach­dem mir ein rie­si­ger Stein­klotz – der linke Fuß einer Kolos­sal­sta­tue – die rechte Schul­ter zer­trüm­mert hatte, kam ich nicht ohne den bit­ter­sü­ßen Zau­ber­trank aus. Viel­leicht hoffte ich, er könne mir die Schmer­zen neh­men. Beson­ders die Schmer­zen dar­über, wie ein zer­bro­che­nes Werk­zeug fort­ge­wor­fen zu wer­den und ver­ges­sen zu sein. Nur Mau­ritz ver­gaß mich nicht.

Der Kaf­fee und die Son­nen­bank. Mehr ist mir nicht geblie­ben, auch nicht von den Rück­la­gen für meine Beer­di­gung. Bei der Bank hat­ten sie mir ver­si­chert, dass das Geld gut ange­legt ist und über die Jahre immer mehr dar­aus wer­den wird. Dann eines Tages war das Geld fort. Nie­mand ent­schul­digte sich. Es war ein­fach fort, und es macht mir das Herz eng, dass nichts mehr da sein wird, wenn ich ein­mal nicht mehr bin. Mau­ritz hin­ter­ließ immer­hin Frau und Kind. Aber das ist ja jetzt auch schon lange her.

Er war gleich Feuer und Flamme, als ich beschloss, die magere Abfin­dung, die mir meine Firma schließ­lich für den Unfall zahlte, zu ver­wen­den, um mir ein Jahr lang die Welt anzu­se­hen. Wir began­nen mit dem Eif­fel­turm und fach­sim­pel­ten als Inge­nieure über die groß­ar­tige Leis­tung, ein Bau­werk wie die­ses zu errich­ten. Nie­mand denkt an die Inge­nieure und Arbei­ter zurück. Das Monu­ment bleibt bestehen, und viel­leicht trägt es den Namen sei­nes Kon­struk­teurs und irgendwo ver­steckt eine Pla­kette, die an die Arbei­ter erin­nert, die wäh­rend des Baus ihr Leben gelas­sen haben. Aber die ande­ren vie­len hun­dert, vie­len tau­send namen­lo­sen Hel­fer, die mit ihrer Hände Arbeit das Werk in die Tat umsetz­ten – ver­ges­sen.

Ich werde auch ver­ges­sen sein. Oder nein: Ich bin schon ver­ges­sen. Des­halb erin­nere wenigs­tens ich mich auf der Son­nen­bank an unsere Reise um die Welt, Tag für Tag. Und immer wie­der an die­sen gro­ßen Moment mei­ner Ankunft in der Wüste, als mir mit einem Mal nichts unmög­lich schien und es mir wie ein Kin­der­spiel vor­kam, einen gewal­ti­gen, jahr­tau­sen­de­al­ten Tem­pel zu ver­set­zen. Und Mau­ritz ken­nen­lernte, der auch zu den Inge­nieu­ren gehörte. Und den Sand der Wüste schmeckte.

Der Anzug ist mir zu groß gewor­den. Genau wie der zer­schlis­sene braune, den ich trage, solange der gute schwarze in der Rei­ni­gung ist. Ich werde klei­ner. Irgend­wann werde ich nicht mehr da sein, und damit ver­schwin­den auch die Erin­ne­run­gen an den gro­ßen Tag mit sei­nem Hoch­ge­fühl und die an unsere große Reise, die fast ein gan­zes Jahr dau­erte.

Im Café sehe ich häu­fig Gäste, die einen trag­ba­ren Com­pu­ter auf­klap­pen oder mit dem Fin­ger über einen fla­chen Bild­schirm wischen. Im Inter­net soll alles gespei­chert und abruf­bar sein, heißt es. Und es ver­gisst nichts, habe ich gele­sen. Aber ich weiß nicht, wie ich meine Erin­ne­run­gen dort hin­ein­brin­gen soll. Ver­mut­lich würde sich sowieso nie­mand von den jun­gen Leu­ten für die Geschich­ten eines komi­schen alten Kau­zes inter­es­sie­ren, der einen Tem­pel ver­setzt hat, einen Tem­pel in der Wüste mit den stei­ner­nen Sta­tuen von alten Göt­tern, Göt­tern, die ihn einen Freund fin­den lie­ßen, ihm die Schul­ter zer­schmet­tert haben und ihn am Ende dazu brach­ten, ein­mal um die ganze Welt zu rei­sen.

Der Tem­pel wird noch lange ste­hen, die Wüs­ten­sonne noch lange glei­ßend auf ihn nie­der­bren­nen. Viel­leicht hat es sich dafür gelohnt – und für die täg­li­che Vier­tel­stunde auf der wär­men­den Son­nen­bank mit mei­nen Erin­ne­run­gen an Mau­ritz, unsere Reise und meine Ankunft in der Wüste, als ich win­zig klein vor den Kolos­sal­sta­tuen stand, die wir 64 Meter in die Höhe hie­ven muss­ten, um sie vor dem Ertrin­ken im Stau­damm zu ret­ten. Unbe­ein­druckt von allem mensch­li­chen Gewu­sel blick­ten sie in die Ferne, und auf eine unheim­li­che Weise wusste ich plötz­lich, eigent­lich bin ich, genau wie sie, unsterb­lich.

 

[erzählt von Hans-Heri­bert Gütt­mann, auf­ge­schrie­ben von Cory d’Or

 

 

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Lomit­tu­mi­nen

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Ich betrete den Kor­ri­dor mit dem Rücken voran. Mit ein wenig Übung ist es gar nicht so schwie­rig, alles rück­wärts zu machen. Die Arthri­tis ist stark zurück­ge­gan­gen, und ich fühle mich um Jahre ver­jüngt. Der Kurs hat nicht zu viel ver­spro­chen.

Zuerst erreichte mich eine Teil­nah­me­be­schei­ni­gung, aus der ich lange nicht schlau wurde. Mir wurde zum erfolg­rei­chen Abschluss eines Kur­ses gra­tu­liert, eines Kur­ses, der, so hieß es da, auf einen Mann zurück­geht, wel­cher fest­ge­stellt habe, dass sich mit Hilfe der Quan­ten­ver­schrän­kung die Zeit zurück­dre­hen lässt – ein wenig zumin­dest. Das erfuhr ich aller­dings erst aus der zehn­ten und »letz­ten« Lek­tion, die eine Woche spä­ter ein­traf. Sie war sehr anspruchs­voll, was das Rück­wärts­le­ben anging, und ich tat mein Bes­tes, mit­zu­hal­ten und das ein­zu­trai­nie­ren, was ich eigent­lich schon neun Lek­tio­nen lang hätte üben sol­len. Rück­wärts lau­fen ist da noch das Ein­fachste.

Wei­tere Lek­tio­nen folg­ten, die stän­dig leich­ter zu bewäl­ti­gen waren. Heute erwarte ich die Erste von ihnen. Und tat­säch­lich, unter dem Brief­schlitz mei­ner Woh­nungs­tür liegt der Brief im flie­der­far­be­nen Umschlag. Natür­lich ist er bereits auf­ge­ris­sen. Ich ent­nehme das Schrei­ben und fange – hin­ten – mit dem Lesen an.

Rück­wärts­spre­chen! Und rück­wärts­den­ken! Bei­des wird hier als Grund­lage für das ganze Trai­ning genannt. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. In den letz­ten Wochen habe ich mich bemüht, rück­wärts zu atmen, rück­wärts zu essen, rück­wärts zu schla­fen und rück­wärts zu träu­men, Filme rück­wärts zu sehen und Musik von hin­ten nach vorne abzu­spie­len. Es dreht sich alles darum, weiß ich inzwi­schen, kleine rück­wärts­ge­rich­tete Quan­ten­fel­der in mei­ner unmit­tel­ba­ren Umge­bung zu erzeu­gen, inner­halb derer sich dann auch Zell­al­te­rungs- und Zer­falls­pro­zesse umkeh­ren kön­nen.

Jetzt also das Spre­chen! Ich hätte selbst dar­auf kom­men kön­nen. Es liegt nahe, denn das Spre­chen und beson­ders das Den­ken sind doch unsere direk­teste Ver­bin­dung mit der Quan­ten­wirk­lich­keit. Den­ken, heißt es im Kurs, ist ein Quan­ten­pro­zess. Aber das alles ist immer noch sehr ver­wir­rend für mich. Wer­den mir jetzt, nach der ers­ten Lek­tion, die – nie gezahl­ten – Kos­ten für den Kurs auf mein Konto gut­ge­schrie­ben? Ich gehe rück­wärts in die Küche, ste­cke dort die Lek­tion in den Umschlag zurück und ver­schließe ihn fein säu­ber­lich mit Kle­be­band. Er sieht nicht ganz per­fekt aus. Doch das gilt für vie­les. Damit muss sich ein Rück­wärts­le­ben­der abfin­den. Diese vor­wärts­pre­schende Welt ist nicht unser Freund, heißt es im Kurs. Er steht übri­gens allen Inter­es­sier­ten offen, weil sein zurück­ge­zo­gen leben­der Autor – angeb­lich schon 130 Jahre alt und bei bes­ter Gesund­heit – erkannt hat, dass es selbst­süch­tig und unmo­ra­lisch wäre, das Geheim­nis für sich zu behal­ten. Jeder soll von die­ser letzt­lich ver­blüf­fend ein­fa­chen Methode, das Altern auf­zu­hal­ten oder sogar umzu­keh­ren, pro­fi­tie­ren kön­nen.

Nun muss ich die Lek­tion wie­der durch den Brief­schlitz schie­ben. Natür­lich mache ich mich wie­der rück­wärts auf den Weg zu mei­ner Woh­nungs­tür und übe dabei in Gedan­ken schon ein­mal die neuste und erste Lek­tion: Kor­ri­dor den betrete ich.

Rod­ir­rok ned eter­teb hci.

 

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An Anthem for Cor­ri­dors

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Eis­op­tro­pho­bia

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Ich betrete den Kor­ri­dor: links die Kinos 2 und 3, rechts das Kino 5 und dahin­ter die Toi­let­ten. Ich halte mich genau an die Anwei­sun­gen. Sonn­tag­nachts gibt es hier immer einen Musik­film im Pro­gramm. Ich habe ein Ticket für Oli­ver Stones The Doors gekauft. Der läuft zwar schon seit ein paar Minu­ten, aber das soll so sein. Ich gehe am Kino vor­bei. Auch an den Toi­let­ten gehe ich vor­bei. Es ist nie­mand außer mir im Kor­ri­dor. Gut so. Ich öffne am hin­te­ren Ende die Stahl­tür, über der das Not­aus­gangs­sym­bol leuch­tet. Dahin­ter liegt ein dunk­les Trep­pen­haus. Die Tür fällt hin­ter mir ins Schloss. Mir geht der Arsch auf Grund­eis. Ich halte mich an die Anwei­sun­gen und steige die Treppe hin­un­ter. Die schmale Tür ein Stock­werk tie­fer ist ver­schlos­sen, aber tat­säch­lich fin­det sich der Schlüs­sel unter der Fuß­matte. Ich schließe auf. Zuerst glaube ich, hier falsch zu sein. Es ist düs­ter in dem fens­ter­lo­sen Raum. Hüft­hohe Müll­ei­mer mit dem typi­schen Plas­tik­wip­pen­ver­schluss ver­sper­ren mir den Weg, und ein paar alte Film­auf­stel­ler mit lebens­gro­ßen Stars. Aber dann erkenne ich im Däm­mer­licht, dass es tat­säch­lich ein klei­nes Kino ist. Die Bestuh­lung, ganze vier Rei­hen, ist aus abge­nutz­tem rotem Samt. Auf der ers­ten Sitz­reihe liegt Weih­nachts­deko. Der mitt­lere Sitz in der zwei­ten Reihe, den ich mir her­un­ter­klappe, ist total durch­ge­ses­sen. Ich nehme den dane­ben.

Von irgend­wo­her kom­men dumpfe Geräu­sche. The Doors ver­mut­lich, aus dem Kino drü­ber. Es war Wahn­sinn, hier­her­zu­kom­men. Ich hätte es nicht tun sol­len.

Ver­mut­lich ist es eine rie­sen Ver­ar­schung. Aber irgend­was muss Trobi pas­siert sein. Er ist nur noch ein Schat­ten sei­ner selbst. Und dabei kann den nichts scho­cken. Der sieht sich die här­tes­ten Strei­fen an, bal­lert sich durch die bru­tals­ten Games und hat sich bei der Mai-Demo auch schon mit ech­ten Poli­zis­ten ange­legt. Eines Mor­gens schlich er dann in die Klasse und wirkte wie sein eige­ner Geist. »Na, schlech­ten Trip gehabt?«, fragte ich ihn, und er packte mich an der Schul­ter, drückte mich an die Wand und erzählte es mir.

Du musst dir Sonn­tag­nacht ein Kino­ti­cket kau­fen, sagte er mir, und gehst durch den Not­aus­gang run­ter, schließt dir mit dem Schlüs­sel unter der Matte einen ver­ges­se­nen alten Kino­saal auf, setzt sich da rein und siehst dir die Vor­stel­lung an. Ich garan­tier dir: Wenn du da raus­kommst, wirst du nie wie­der der Alte sein.

Hu-huh! Da will mir einer Angst machen, was? Aber Trobi war es ernst. Er sagte, er erzählt’s mir nur, weil ich der Klas­sen­phi­lo­soph bin und immer so abge­klärt tue, seit mein klei­ner Bru­der im Bag­ger­see ertrun­ken ist. So, als würde ich über allen Din­gen ste­hen. Viel­leicht gefällt’s dir sogar, hat Trobi ange­fügt und den Mund dabei ver­zo­gen.

Es knackt in den Laut­spre­chern und fla­ckert auf der Lein­wand. Ich kriege einen gewal­ti­gen Schreck. Scheiße. Irgend­je­mand muss den Pro­jek­tor ange­schal­tet haben. Tag Null heißt der Film. Steht jeden­falls kom­men­tar­los auf der Lein­wand. Und dann zeigt die Kamera die Dächer der Stadt, so, als ob man mit einem Bal­lon knapp drü­ber weg­schwebt. Sonst pas­siert erst mal nichts. Ich steh noch mal auf und geh nach hin­ten zum klei­nen Fens­ter für den Pro­jek­tor. Mit der Hand schirme ich sein Licht ab. Der kleine Raum ist leer. Selt­sam. Aber irgend­wie hab ich mir das schon gedacht. Ich setz mich wie­der.

Über Trobi hab ich lange nach­ge­dacht. Der zog sich immer mehr in sich zurück und redete schließ­lich nach zwei, drei Tagen quasi mit kei­nem mehr. Irgend­was muss mit ihm pas­siert sein. Aber das mit dem ver­ges­se­nen Kino und dem Film – das muss er sich doch aus­ge­dacht haben. Ich meine, man macht doch auch nicht irgend­eine Müll­tonne auf und guckt plötz­lich tief run­ter in die Hölle – mit Flam­men und Teu­feln und allem drum und dran. So was gibt’s nur im Kino.

Die Kamera taucht jetzt run­ter und in ein Fens­ter von einem der gro­ßen Bun­ker mit Miet­woh­nun­gen rein. Es liegt jemand im Bett, obwohl schon hel­ler Tag ist. Er stöhnt und rich­tet sich auf. Er hat mein Gesicht, älter zwar und mit Bart­stop­peln, aber es ist unver­kenn­bar meins. Das bin ich. Scheiße. Ich wusste es. Trobi hat mir die Wahr­heit gesagt.

Die Kamera folgt dem Typen, der ich bin, nur älter, ins Bad.

Da läuft ein Film von dei­nem letz­ten Tag, hat Trobi gesagt, und ich hab sein hei­se­res Flüs­tern noch im Ohr. Und am Ende siehst du, wie du stirbst.

Ich hab ungläu­big gelacht, aber Trobi ver­zog keine Miene. Du musst mir nicht glau­ben, hat er gesagt, sieh’s dir selbst an. Wenn du dich traust.

Auf der Lein­wand schalt ich im Wohn­zim­mer die Glotze ein und schmier mir in der Küche auf dem ver­keim­ten Tisch ein Brot dick mit Nutella zum Früh­stück. Dabei kann ich das süße Zeug nicht aus­ste­hen. Und was soll das mit dem Fern­se­her? Brauch ich das, weil ich sonst die Stille nicht ertra­gen würde? Es ist ekel­haft, wie ich das Zeug in mich rein­stopfe. Wie alt mag ich sein? Paar­und­zwan­zig. Du siehst scheiße aus!, würde ich mir am liebs­ten zuru­fen, aber es ist ja nur ein Film. Nur ein Film?

Ich werde ster­ben. Irgend­wann an die­sem ver­ratz­ten Tag in mei­ner nicht allzu fer­nen Zukunft werde ich den Löf­fel abge­ben. Will ich das sehen? Nein, ganz sicher nicht! Aber irgend­was nagelt mich fest, und ich komm nicht vom Sitz hoch, fas­zi­niert von die­sen ganz all­täg­li­chen Auf­nah­men, die mich zei­gen, wie ich mich noch nie gese­hen habe. Die Kata­stro­phe rückt näher, und ich bin wie gelähmt und kann nichts unter­neh­men.

Der Typ im Film tele­fo­niert mit einer Katja. Kenn ich nicht. Gibt in der Par­al­lel­klasse eine, aber die wird’s nicht sein, das ist ’ne arro­gante Möch­te­gern-Tusse, die zuhause bestimmt noch mit Lil­li­fee spielt. Die Tür­klin­gel geht. Erst bleibe ich sit­zen, dann stehe ich doch auf und öffne die Ein­gangs­tür. Trobi steht da, Den­nis Trob­bert, unver­kenn­bar. Auch er älter, auch er nicht gerade auf der Höhe sei­ner Zeit. »Heut ist der Tag«, sagt er. Ich nicke. Trobi geht rein, sieht das Chaos auf dem Küchen­tisch, blät­tert kurz in einem zer­fled­der­ten Death-Metal-Maga­zin und schmiert sich dann auch eine Nutel­las­tulle.

Ich stelle fest, dass ich nicht atme. Hab vor Schreck auf­ge­hört zu atmen. Jetzt ver­schlu­cke ich mich und muss hus­ten. Trä­nen stei­gen mir in die Augen. Dabei will ich doch unbe­dingt mit­krie­gen, was die bei­den reden.

»… wohl gerade dabei«, sagt Trobi mit vol­lem Mund. Ich stehe am Herd. »Und?«, frage ich. »Nichts«, sagt Trobi. Dann schwei­gen beide, bis Trobi zu Ende geges­sen hat. Er fragt schließ­lich, ohne mich dabei anzu­se­hen: »Und, hast du’s getan?« Als ich nicke, sagt er: »Scheiße.«

Was immer mich auf mei­nem Sitz fest­ge­hal­ten hat: Einen Moment lang lässt die Kraft kurz nach. Ich springe auf und ramme mir dabei unbe­ab­sich­tig­ter­weise meine Weich­teile in einen Christ­baum­stän­der oder so was, der zwi­schen den Stüh­len raus­ragt. Keu­chend gehe ich zu Boden.

»Brin­gen wir’s hin­ter uns«, sagt Trobi. »Und wir kön­nen nichts tun?«, fragt mein ande­res, tod­ge­weih­tes Ich. Trobi schüt­telt den Kopf. Die bei­den ver­las­sen die Woh­nung.

Mir ist spei­übel von den höl­li­schen Schmer­zen im Unter­leib. Gekrümmt taste ich mich durch die Stuhl­reihe, schmeiße schep­pernd meh­rere Müll­ei­mer und einen Bruce Wil­lis aus Pappe um. Bloß raus hier!

Ich stehe im Trep­pen­haus, und die Tür zum ver­ges­se­nen Kino­saal fällt hin­ter mir ins Schloss. Ich ver­su­che, zu Atem zu kom­men und irgend­wie wie­der einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen. Aber alles, was mir in den Sinn kommt, sind die Anwei­sun­gen: wie­der abschlie­ßen und den Schlüs­sel unter die Matte ste­cken. So, wie sie Trobi auch bekom­men hatte. Ich schließe ab, zwei­mal, hätte auch drei­mal abge­schlos­sen, wenn sich der Schlüs­sel noch wei­ter­ge­dreht hätte. Aber ich ste­cke ihn nicht wie­der unter die Matte. Ich nehme ihn mit.

Der Typ an der Theke sieht mich schräg an. Wahr­schein­lich sehe ich jetzt wie Trobi aus am Tag danach: wie mein eige­ner Geist. Das Ende kenn ich schon, sag ich ihm, und natür­lich glaubt er, ich meine The Doors.

Drau­ßen regnet’s. Es schüt­tet aus allen Löchern. Und ich bin froh drü­ber, lasse das Was­ser in mein Gesicht plat­schen, bis ich das Gefühl habe, das alles ist ein böser Traum gewe­sen. Aber ich weiß natür­lich, was ich gese­hen habe.

Nächs­ten Sonn­tag werde ich wie­der­kom­men. Ich werde wie­der ein Ticket lösen, den Not­aus­gang neh­men, die Treppe run­ter­stei­gen und mich in die­ses Hor­ror­kino set­zen. Ich muss wis­sen, ob der­selbe Film läuft oder ein ganz ande­rer. Ist der Tag Null unaus­weich­lich fest­ge­legt, oder ändert sich jetzt meine Zukunft, weil ich einen Blick drauf wer­fen konnte? Mann, Scheiße, ich bin doch keine Mario­nette! Ich kann selbst bestim­men, was ich tu. Und was ich lasse – wie Nutel­laes­sen bei­spiels­weise. Und ich will’s auf kei­nen Fall vor­her wis­sen.

Eigent­lich will ich auch gar nicht wis­sen, ob ein ande­rer Film läuft. Oder der­selbe Tag Null. Ich werde ein­fach den Schlüs­sel jetzt schon in den Fluss wer­fen.

Soll ich?

Ja. Muss sein. Mit Schwung.

Weg ist er, irgendwo tief unten bei den Fischen!

Trobi werde ich erzäh­len, dass ich einen uralten Mann gese­hen hab, der auf einer Ter­rasse an einer Steil­küste auf einem Deck­stuhl saß, so, wie man auf einem Kreuz­fahrt­schiff sitzt, in eine Decke ein­ge­wi­ckelt und mit einem damp­fen­den Tee neben sich. Und dass ich ein Tele­fon in der Hand hatte und eine Num­mer wählte: »He, Trobi, altes Haus. Hab ich’s nicht gesagt? Weil wir das Ende kann­ten, konn­ten wir’s bes­ser machen!«

Und dann sagte der alte Mann im Film noch: »Ja. Heute ist wohl der Tag. Ich mag’s, wenn’s drau­ßen auf dem Meer Schaum­kro­nen gibt.« Und als Ant­wort wohl auf ein »Mach’s gut« von Trobi sagte er grin­send »Mach’s bes­ser!«, bevor er auf­legte.

Dann flog die Kamera von ihm weg, von der Ter­rasse weg und von der Steil­küste weg, immer wei­ter weg, bis die Erde nur noch ein win­zi­ger Punkt zwi­schen den Ster­nen war.

Das habe ich gese­hen. So war das, mein Tag Null. Kann man mit leben, oder?

Und Nutella rühr ich mei­nen Leb­tag nicht an, ich schwör’s!

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Cos­mic Gestalt

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Ich betrete den Kor­ri­dor, wenn man denn außer­halb von Zeit und Raum von so etwas wie einem Kor­ri­dor spre­chen kann. Jeden­falls steht hier unter dem Fens­ter der Was­ser­spen­der, ein Ort, an dem sich das Team gerne zu zwang­lo­sen Gesprä­chen trifft. Gott füllt sich gerade einen Papp­be­cher. Ich stelle mich zu ihm.

»Mir ist da letzt­hin die Idee zu einem neuen Uni­ver­sum gekom­men«, sage ich. Er blickt inter­es­siert auf. »Bis­her haben wir ja immer auf detail­liert aus­ge­tüf­telte Sze­na­rien gesetzt, kom­plett von vorne bis hin­ten durch­ge­plant und gelenkt durch stra­te­gisch ein­ge­setzte Insze­nie­run­gen. Wie ja auch momen­tan mit all den fal­schen Hin­wei­sen, dass die Welt mög­li­cher­weise viel älter ist, als geschrie­ben steht, und durch einen Urknall ent­stan­den sein könnte.«

»Stimmt«, bestä­tigt er und nimmt einen Schluck vom Was­ser des Lebens, »die Sache mit Ster­nen­ent­ste­hung und Erd­zeit­al­tern wird von ihnen gut ange­nom­men. Zu gut fast.«

»Ich habe mir über­legt, wir könn­ten doch wirk­lich mal ein Uni­ver­sum mit einem Urknall begin­nen las­sen und nur die Anfangs­pa­ra­me­ter vor­ge­ben – statt müh­sam das Hin­ter­grund­rau­schen des Was­ser­stoffs abzu­spie­len, fal­sche Dino­sau­ri­er­kno­chen ein­zu­gra­ben und all das.«

Gott reißt über­rascht die Augen auf.

»Ich weiß, ich weiß, fast schon ein ket­ze­ri­scher Gedanke. Aber wäre es nicht äußerst span­nend, ein­fach nur zu beob­ach­ten und nicht stän­dig ein­grei­fen zu müs­sen?«

»Das würde«, wen­det er ein, »aber deut­lich mehr als sechs­tau­send Jahre von der Erschaf­fung der Welt bis zum Jüngs­ten Tag dau­ern.«

»Ja, klar. Mil­li­ar­den von Jah­ren. Und es würde kei­nen Jüngs­ten Tag geben.«

»Würde es nicht?!«

»Nein. Wie gesagt schlage ich vor, die Anfangs­pa­ra­me­ter vor­zu­ge­ben, so, dass sich Leben und natür­lich auch intel­li­gen­tes Leben bil­den …«

Gott unter­bricht mich: »Wir haben nicht mehr genü­gend Engel für noch ein Uni­ver­sum.«

»Wir wür­den keine Engel ein­set­zen.«

Ihm steht der Mund offen. Das muss er erst­mal ver­dauen.

»Wir wür­den ein­fach nur beob­ach­ten, was pas­siert.«

»Und kei­nen Erlö­ser schi­cken?«

Ich schüttle den Kopf. »Bis­her«, erläu­tere ich, »haben wir immer alles vor­ge­ge­ben. Wir haben sie nach unse­rem Bild gestal­tet, Pro­phe­ten und Mys­ti­ker gebrieft und an neur­al­gi­schen Stel­len das eine und andere Wun­der gewirkt. Alles in allem ist es ein Hau­fen Arbeit, die Sache in unse­rem Sinne am Lau­fen zu hal­ten. Dies­mal –«, und an die­ser Stelle mache ich eine bewusste Pause, »wür­den wir nicht wis­sen, was pas­siert.«

Gott lässt noch etwas Was­ser aus dem Spen­der in sei­nen Becher glu­ckern. Der Titel »Gott« ist eine Art Run­ning Gag, und wir ver­lei­hen ihn reihum, so dass jeder im Team sich mal als Chef füh­len kann. Er sieht nach­denk­lich aus.

»Ein gene­ra­ti­ves Uni­ver­sum«, sagt er gedan­ken­ver­lo­ren. Ich nicke. »Es könnte sein, dass sich gar kein Leben ent­wi­ckelt«, fährt er fort. Wie­der nicke ich: »Dann wür­den wir ein­fach von vorne anfan­gen.«

»Kein Erlö­ser …«, mur­melt er ver­son­nen.

»Und auch kein Him­mel und keine Hölle«, füge ich an.

»Es wäre auf jeden Fall span­nend.« Ent­de­cke ich da bei die­sen Wor­ten ein Blit­zen in sei­nen Augen? »Lass uns das mal mor­gen früh beim Mee­ting in die Runde wer­fen«, sagt er. Er scheint inner­lich schon abzu­che­cken, wie wir die ande­ren von der Idee über­zeu­gen kön­nen. Dann knufft er mir aner­ken­nend in die Schul­ter. Das hat er noch nie getan.

Zufrie­den gehe ich zurück an meine Arbeit.