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Rewriting History

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Ich betrete den Korridor zu den Mannschaftsquartieren – und obwohl wir schon jetzt schon viele Jahre unterwegs sind, kann ich immer noch nicht richtig fassen, dass ich mit einem Raumschiff auf dem Weg zu einem fremden Sonnensystem bin, zu einem fremden Planeten und zu einer außerirdischen Zivilisation.

Allein schon, dass ich mit meinen Füßen fest auf dem Metallboden stehe, ist – im Vakuum des Weltraums, weit weg von allem, das Gravitation auf uns ausüben könnte – eigentlich unfassbar: Das Schiff rotiert und hält mich so auf der Außenwand fest, so, wie in einen gefüllten Eimer, den ich herumschleudere, das Wasser hineingepresst wird.

*

Es war der 21.12.2012, der alles verändert hat. Heute ist es auf den Tag zehn Jahre her, dass wir Menschen, alle Menschen auf dem Planeten Erde, die Stimme in unseren Köpfen gehört haben. Jeder nahm sie anders war, einige als Donnerhall, andere als Flüstern, manche als weibliche, manche als männliche Stimme oder auch die eines Kindes. Der Wortlaut war jeweils derselbe. »Hier spricht die Galaktische Föderation.«

Es war unheimlich. So etwas hat es vermutlich noch niemals in der Geschichte gegeben. Es wirkte bedrohlich und befreiend zugleich. Mir ging es wie den meisten anderen: Danach konnte ich nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Wie sich herausstellte, war es für die Menschheit eine weitere kopernikanische Wende. Nicht nur, dass die Erde nie das Zentrum des Universums war, nein, auch wir Menschen entpuppten uns als eine intelligente Spezies unter vielen, eine Zivilisation unter vermutlich unzähligen.

»Die Quarantäne, die zu eurem Schutz bestand, ist mit sofortiger Wirkung aufgehoben.«

Jeder Mensch auf unserem Planeten hörte diese knappe Botschaft in seiner eigenen Muttersprache, wo er auch gerade war, was er auch gerade tat. Ich selbst gehörte zu dem Drittel der Menschheit, das gerade schlief. Die Stimme sprach zu mir – sie war weiblich und sanft –, und ich wachte sofort auf, ohne den geringsten Zweifel daran, dass dies kein Traum gewesen war. Milliarden erging es genauso, hörte ich später, so, wie ich auch bald erfuhr, was es mit dieser Quarantäne auf sich hatte.

*

Über ein halbes Jahrhundert schon hatten die Astronomen nach Signalen außerirdischer Zivilisationen gesucht. Von SETI hatte ich noch nie gehört, denn das Forschungsprogramm hatte keine nennenswerten Ergebnisse erbracht – außer vielleicht dem mysteriösen Wow!-Signal. Verblüffend, welche Wissensgebiete es plötzlich auf die Titelseiten schafften, und ebenso erstaunlich, mit was für Themen ich mich plötzlich beschäftigte, mit welchen völlig neuen Fragen ich mich jetzt auf einmal auseinandersetzte.

Vielen ging es so. Irgendwie war das ja auch klar: Die Erfahrung, etwas Fremdes im eigenen Geist zu spüren, ließ uns Menschen nicht mehr los, auch wenn es Leute gab, die sie als Massenhalluzination oder aufwändigen Scherz von Studenten abtun wollten.

Jedenfalls wurde mit der am 21.12.12 weltweit ausgestrahlten telepathischen Botschaft klar, warum SETI so lange erfolglos gewesen war und keine fremden Zivilisationen entdeckt hatte: Unser Sonnensystem war vor allen intelligenten Radiosignalen abgeschottet worden, und sie konnten unsere Sensoren gar nicht erreichen – bis eben auf das Wow!-Signal, das möglicherweise einer kurzen Funktionsstörung des Quarantäne-Filters zu verdanken war.

Gut, über die Existenz außerirdischen Lebens wurde diskutiert, aber soweit ich etwas davon mitbekommen hatte, schlossen die Experten aus, dass es die gewaltigen Entfernungen im Weltraum überwinden konnte. Mit der Stimme war plötzlich alles anders: Es gibt Leben in anderen Sternsystemen, intelligentes Leben, und es weiß von uns.

Wer allerdings die »Galaktische Föderation« ist und ob die Zivilisationen in unserem galaktischen Umfeld dazugehören, haben wir bekanntlich bisher nicht erfahren. Die Stimme in unseren Köpfen – von der manche sagen, sie war eine automatische Aufzeichnung, die abgespielt wurde, als die Weltraumsonde Voyager 1 die äußere Grenze unseres Sonnensystems erreichte – meldete sich erst einmal nicht wieder. Eine weitere Botschaft blieb aus. Unsere Radioteleskope allerdings wurden plötzlich »mit sofortiger Wirkung« von Signalen offenbar intelligenter Art aus unserer galaktischen Nachbarschaft überflutet, wenn sich auch erst einmal nichts von dem, was unsere neuentdeckten Nachbarn an Botschaften ins All abstrahlten, dekodieren ließ. Die galaktischen Radiofrequenzen waren mit einem Mal von einem tausendstimmigen unverständlichen Geschnatter erfüllt, was ein Schock für viele war – und vielleicht sogar ein heilsamer Schock.

*

Die Erfahrung, eine fremde Stimme im eigenen Kopf zu hören, war für die meisten Menschen ein einschneidendes Erlebnis, und in der Folge passierten Dinge, die viele – ich eingeschlossen – für kaum noch möglich gehalten hatten: Die Menschheit rückte zusammen und sorgte, mit einem neuen Ziel vor Augen, gemeinsam und unbürokratisch für die Lösung der akuten globalen Probleme. Auch ich war schnell von der neuen Begeisterung angesteckt. Neue Horizonte hatten sich aufgetan, und mir gingen Begriffe wie »Exo-Soziologie« oder »Kardaschow-Skala« bald schon flüssig von den Lippen.

Natürlich wollte so gut wie jeder wissen, wer sich hinter dieser wortkargen »Galaktischen Föderation« verbirgt, die sich anmaßte, uns jahrhundertelang in Quarantäne zu stecken. Und natürlich waren wir neugierig auf die fremden Zivilisationen, die wir plötzlich in unseren Radioteleskopen belauschten.

Die Quarantäne war aufgehoben, aber niemand sagte uns Hallo. Also beschlossen wir, selbst die Hand auszustrecken und unsere kosmischen Nachbarn zu begrüßen …

 

Das Wow!-Signal:Link

Voyagers Position (engl.):Link

Exo-Soziologie:Link

Die Kardaschow-Skala:Link