Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: BestOf

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Das Titelbild zeigt die Innenansicht eines alten, reich gefüllten Antiquitätengeschäfts mit hohen Regalen voller Bücher, antiken Vasen, Kerzenleuchtern und einem großen, verzierten Teppich auf dem Boden unter einer Kuppel mit buntem Glasfenster. Ein digitaler Button zeigt eine altertümliche Geldbörse.

♫ Treasure Chest Dwellers ♫


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Ich betrete den Korridor, in dem der Antiquar seine unverkäuflichen Artefakte lagert. Er tut so, als sei es eine große Ehre, von ihm hierhergeführt zu werden. Mit blumigen Worten beschreibt er, was er angeblich nie an den Mann bringen wird, aber auch nicht einfach leichten Herzens wegwerfen kann:

Ein Unsterblichkeitselexir, das das Altern nicht verhindert. (Wäre vielleicht etwas für den größten Feind oder die Ehefrau, wenn man sicher sein will, im Alter noch gepflegt zu werden, meint der Antiquar mit einem zweideutigen Lächeln. Ich winke ab.)

Eine Tarnkappe, die den Träger aber nur runter bis zu den Knien unsichtbar macht. (In hohem Gras könne sie vielleicht nützlich sein, meint der Antiquar versonnen. Ich winke ab.)

Ein fliegender Teppich, der buchstäblich nur im Tempo einer Schnecke von der Stelle kommt. (Dafür steigt er aber auch nur ein paar Zentimeter hoch, maximal, meint der Antiquar und schürzt die Lippen. Ich winke ab.)

Ein magischer Schlüssel, mit dem man zwar keine Türen aufbekommt, sie dafür aber für immer verschließen kann. (Er solle vielleicht mal bei der Atomindustrie anfragen, meint der Antiquar gespielt nachdenklich, als sei ihm diese Idee gerade erst gekommen. Ich winke ab.)

Ein Fläschchen mit einer Wahrheitsdroge, die allerdings die Nebenwirkung hat, dass die Wahrheit in aller minutiösen Deutlichkeit erzählt wird und das Opfer sich heillos in Details verliert, ohne je zum entscheidenden Punkt zu kommen. (Manchmal habe er den Eindruck, der Sud werde bei gewissen Talkshows im Fernsehen eingesetzt, meint der Antiquar und lacht etwas gequält. Ich winke ab.)

Die Bundeslade, die in Wirklichkeit ein quantenmechanisches Funkgerät ist, mittels dessen man mit Gott telefonieren kann. (Also mit dem biblischen Jehova, erklärt der Antiquar jovial und fügt an, dass dieser schon seit einiger Zeit den Hörer nicht mehr abnimmt. Er lächelt verschmitzt: kein AB. Ich winke ab.)

Ein Liebestrank, der dazu führt, dass, wer ihn zu sich nimmt, in unsterblicher Liebe zu sich selbst entbrennt. (Wobei dies für viele von der Liebe Enttäuschte, meint der Antiquar mit einem Seitenblick zu mir, ja eigentlich nach der perfekten und nachhaltigen Lösung klinge. Ich winke ab.)

Ein Buch, das sich, wenn man es aufschlägt, in diesem Moment selbst schreibt. (Es stünden aber immer nur kleine, verworrene Geschichten drin über jemanden, der Gänge oder Flure oder so betritt, nein, »Kolonnaden« heiße es da immer – jedenfalls könne mit dem Geschreibsel kein Mensch etwas anfangen, meint der Antiquar missmutig. Ich frage, wie viel er dafür haben will.)

 

24/398

Das Titelbild zeigt im impressionistischen Stil einen langen Gang mit rechteckigen Fensteröffnungen an der rechten Seite und am Ende einen Blick auf eine grüne Landschaft. In einer der Fensteröffnungen steht eine Urne.

♫ Uppgötvun ♫


24/398

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Ich betrete den Korridor. Hier wollten wir uns treffen, wenn wir uns verlieren sollten. Und tatsächlich: Auf der Fensterbank steht die Urne.

28/398

Das Titelbild zeigt verschlungene schwarze Kabel mit einem USB-Stecker am rechten Rand auf hellem Untergrund.

♫ Infinity Shuffle ♫


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Ich betrete den Korridor und notiere es auch gleich in mein Tagebuch: »Ich betrete den Korridor«. Seit ich dafür ein Touchpad benutze statt Notizbüchlein und Stift, kann ich noch viel direkter und zeitnaher festhalten, was ich tue, erlebe, wie ich meinen Tag verbringe – in Realtime sozusagen. Auch kann ich alles Wichtige gleich als Tweet weiterleiten: Vor dem Schlafengehen kann ich dann noch einmal in meinem Twitter-Account meinen Tagesablauf nachverfolgen, in kleine Fragmente aufgeteilt.

Was wollte ich hier im Korridor? Oh, stimmt, ich bin auf der Suche nach dem Ladekabel für das Touchpad. Hier steht es ja auch: »Ich habe das Ladekabel fürs Touchpad verlegt. Vielleicht liegt es in der Küche.« In der Küche kann ich es nirgendwo entdecken. »Doch in der Küche kann ich es nirgendwo …« Aber jetzt gibt das Touchpad einen seltsamen elektronischen Ton von sich, abfallend, wie ein enttäuschtes »Oohch«. Das würde ich gerne notieren und in diesem Fall auch gleich twittern, denn ich höre es zum ersten Mal, und das muss natürlich dokumentiert werden, nur nimmt das Ding jetzt auf der virtuellen Tastatur keine Eingaben mehr ein, sondern speichert als letzte Tat notfallmäßig den Text ab und schaltet sich aus.

Was jetzt?! Wie soll ich das jetzt mitschreiben? In der Küche steht die Rolle mit Küchenpapier, und in einer Schublade finde ich neben den Teelichten einen Kugelschreiber. Das muss alles festgehalten werden! Doch der Kugelschreiber schreibt nicht auf dem Küchenpapier. Ich lecke daran, schüttle ihn, das ganze Programm, aber er will einfach nicht. Auch das alles droht verlorenzugehen, weil ich es nicht aufschreiben kann. Mein Blick fällt auf das Schneidebrett. Könnte ich mit dem Messer etwas hineinritzen? Wenigstens Stichworte? Es ist schon wieder so viel passiert. Küchenpapier bereitstellen, Kugelschreiber lecken, Schneidebrett in Betracht ziehen … Wie soll ich mir das alles merken? Und dazu noch der Versuch, das alles zu memorieren! Ich muss das Ladekabel finden, soviel ist klar. All meine Gedanken dazu, die Aufregung, meine Aktionen – gerade jetzt, wo es endlich mal richtig dramatisch wird und plötzlich krass was abgeht in meinem Leben, kann ich es nicht aufschreiben, geschweige denn twittern!

Das Ladekabel entdecke ich schließlich, als ich im Schlafzimmer nach Stift und Papier suche, neben dem Nachttisch in der Wandbuchse. Mit schon leicht zitternden Fingern schließe ich es an, und das Touchpad erwacht wieder zum Leben.

Ich tippe, so schnell ich kann, um mein Leben wieder einzuholen.

32/398

Das Titelbild zeigt einen bunt bemalten Wegweiser mit Schildern in alle Richtungen vor einem kunstvoll verzierten Torbogen in einem historischen Gebäude. Ein digitaler Button in der oberen linken Ecke zeigt das Piktogramm eines sich drehenden Derwischs.

♫ Metaphrastes ♫


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Ich betrete den Korridor zwischen den Zellen. Eine große Ehre! – was habe ich gebeten, gebettelt und gebetet, einmal die Chance zu bekommen, mit den alten Meisterpoeten zu sprechen, ihren Rat einzuholen, von ihrer Weisheit zu profitieren? Nun endlich, nach langen Verhandlungen, wird mir der Zutritt zum Akasha-Palast gewährt. Hier werden nicht nur ihre zeitlosen Werke sicher verwahrt, hier lebt ebenfalls ihre damalige Persönlichkeit in immerwährender Sicherheitsverwahrung fort. Nichts vergeht, auch nicht der Geist unserer Ahnen, die uns Rede und Antwort stehen, falls wir denn den Weg zu ihnen finden.

Man hat mich in den Korridor der Dichter gelassen – einen eigenen für Kurzprosatexter gibt es nicht – und wer sich von ihnen nicht nur auf Lyrik beschränkt hat, dessen Zelle öffnet sich schätzungsweise noch zu anderen Korridoren hin: Tragödien, epische Dichtung, Komödien, Chorlyrik, astrologische Deutungen …

Aber das ist nur eine Vermutung, keine Gewissheit. Die Wächter hier sind nicht sehr auskunftsfreudig. Jedenfalls scheint das Aufnahmekriterium für die Insassen der Kuss einer Muse zu sein. Hier also wohl der von Euterpe. Ich lese auf den Schildchen an den Türen Namen wie Milton, Dante, Bolo, Orpheus, Neidhart, Brant, Shiki, Bukowski, Vergil, Yeats, Tyrtaios, Tao Yuanming und viele, die ich noch nie gehört habe. Euterpe war fleißig. Oder war es Erato?

Wen soll ich hier befragen? Man lässt mir nicht viel Zeit. Ich darf einem der Dichter hinter den schweren Bohlentüren eine Frage stellen. Jahre, Jahrzehnte habe ich über diese eine Frage nachdenken können. Ich kenne sie in- und auswendig. Es ist die Frage, der Schlüssel zur Antwort hinter allen Antworten.

Der Wächter wirkt bereits ungeduldig. Aus der Zelle Bukowskis scheint ein Heulen zu dringen, aber vielleicht ist es auch der Wind der Zeit, der sich in diesen endlosen verschlungenen Korridoren gefangen hat. Mein Blick fällt auf den Namenszug Rumi. Ja! Er soll es sein! Er wird die Antwort wissen und sie mir gerne sagen. Innerlich jubiliere ich, als ich die kleine Holzplatte in der Tür zur Seite schiebe. Ja, wer könne mir besser Auskunft geben als der persische Meisterpoet und Visionär der mystischen Liebes- und Gottesekstase!

»Dschalaluddin?«, rufe ich ins Dunkel seiner Zelle. Undeutlich sehe ich dort einen Mann mit einer turbanumkränzten Derwischmütze, der sich mit ausgebreiteten Armen auf der Stelle dreht. Er strahlt, jenseits aller denkbaren Worte, eine unendliche Ruhe dabei aus, und gleichzeitig dringt mir eine unsägliche Freude, die in schimmernden Spiralen von ihm ausgeht, tief ins Herz.

Ich weiß nicht, ob ich einen Atemzug lang dort stand oder eine Ewigkeit verging. Die Hand des Wächters schiebt die kleine Holzpforte zu Rumis Zelle zu. Er geleitet mich zurück. Als ich endlich wieder im Freien stehe und der Wächter die Tore des Palasts hinter sich geschlossen hat, beginne ich mich zu drehen, langsam um meine Achse, mit ausgebreiteten Armen.

36/398

Das Titelbild zeigt vier Frauen in traditioneller chinesischer Kleidung, die in einem Raum mit verzierten Holzgittern und bemalten Blumenwänden um einen Kinderwagen herum stehen. Eine riesige Ratte beobachtet sie.

♫ Jiǎ Píyǐngxì ♫


36/398

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Ich betrete den Korridor, der einmal ein Abluftrohr gewesen ist, um zum mehrstöckigen Einkaufsviertel zu gelangen, das wir ins Tai He Dian, in die Halle der Höchsten Harmonie, gebaut haben. Hier leben, auf viele Ebenen verteilt, Millionen von uns. Die jungen Menschen hier in den Straßen und auf den geschwungenen Brücken sehen mich mit einer gewissen Ehrfurcht an: ein Greis. Sie mögen ahnen, dass ich ein Relikt bin und zur allerersten Generation der Neuen Chinesen gehöre, den Pionieren des Großen Umbaus. Der Gedanke, die Verbotene Stadt könne Platz für knapp drei Milliarden von uns bieten, rückte damals in den Bereich der technischen Umsetzbarkeit, und tatsächlich gehörte ich damals zu den Wissenschaftlern, die dem Nationalen Volkskongress vorschlugen, unser Volk zu verkleinern, um die Ressourcen unseres Kontinents zu schonen und unserem Volk eine lange und glückliche Zukunft im Wohlstand zu ermöglichen.

Auch wenn wir das Projekt eines Neuen China mit großem Ernst und akribischer Sorgfalt zu Ende gebracht haben, bin ich heute nicht mehr sicher, ob die großangelegte Miniaturisierung eine gute Idee war. Zwar verbrauchen wir jetzt – nur noch ein Dreißigstel unserer ursprünglichen Größe messend – nicht mehr als knapp ein Hundertstel der vorherigen Ressourcen. Dennoch ist unser Plan, mit gutem Beispiel voranzugehen und zum ehrenhaften Vorbild für die anderen Völker der Welt zu werden, nicht aufgegangen. Aus dem Riesenreich China haben wir, wenn auch mit den ehrenhaftesten Absichten, ein Zwergenreich gemacht. Einmal ganz abgesehen von dem Rattenproblem, das wir, auch wenn es vertuscht wird, hier in der Verbotenen Stadt haben und vor dem uns auch nicht unsere 13844 antiken geschnitzten Drachen bewahren: Nicht nur, dass sich kein anderes Land unserem Gemeinsamen Marsch Zur Wahren Größe anschließen mochte – man achtet uns nicht mehr und nimmt uns nicht mehr für voll. In den Augen der Welt sind wir Chinesen zu einem unbedeutenden und bestenfalls niedlichen Kuriosum geschrumpft.

57/398

Das Titelbild zeigt ein Buchcover mit zwei weißen Einhörnern vor einem dunklen Sternenhimmel, umgeben von goldenen Verzierungen und dem Schriftzug 'UINMICINORNS', auf einem Holzuntergrund mit verstreuten Wassertropfen.

♫ Sequax ♫


57/398

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Ich betrete den Korridor mit den Amphibien. Mein Vater hat an alles gedacht. Selbst an Becken für die Tiere, die zwar einen Teil ihres Lebens im Wasser verbringen, aber dennoch die Große Flut nicht überleben würden. Die Käfige sind klein, aber es muss ja auch für alle Platz sein. Trotz des ständigen Getrommels des Regens oben auf dem Holzdeck höre ich die Löwen im Korridor der Raubkatzen. Sie sind schon seit Tagen hungrig. Das hat mein Vater nicht bedacht. Gestern berieten wir, wen wir an unsere Fleischfresser verfüttern sollen. Eine schwere Entscheidung, denn wie auch immer unsere Wahl ausfällt: Diese Tiere wird es nach der Flut nicht mehr geben.

Die niedlichen Kaninchen, die quirligen Eichhörnchen, die putzigen Ziegen und selbst die Nacktmulle habe ich mit Händen und Füßen verteidigt. Soll Vater doch die hässlichen Nasobēme nehmen. Sie stinken erbärmlich und sind niemandem von Nutzen. Er schien einverstanden, aber ich glaube fast, er fängt doch mit den Einhörnern an, auf die er nicht gut zu sprechen ist, seitdem ihm die Stute beim Füttern das linke Auge ausgestochen hat.

65/398

Das Titelbild zeigt einen schmalen Waldweg zwischen hohen Bäumen, der zu einer großen, rostigen Metallwand mit Nieten führt, vor der ein Vogel flattert, während im Vordergrund ein Eichhörnchen sitzt.

♫ Beyond the Point of No Return ♫


65/398

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Ich betrete den Korridor, gefolgt von meiner Truppe. Infernalische Hitze schlägt uns entgegen, der Korridor ist ein einziges Flammenmeer. Tja, der Schatz aller Schätze mag gut geschützt sein, doch ich habe Helfer dabei. Meine zwei Feuersalamander treten an. Sie salutieren und begeben sich in die lodernde Hölle, um zur gegenüberliegenden Seite zu gelangen, wo sie den Flammenwerfern den Saft abdrehen. Der Weg ist frei. Wir marschieren weiter, zwischen den rußgeschwärzten und noch glutheißen Wänden hindurch.

Das nächste Portal und der Gang dahinter sind komplett mit Erdreich ausgefüllt – hier ist meine Maulwurfbrigade gefragt. Sie setzen ihre Helme auf und machen sich an die Arbeit. Wenig später können wir passieren.

Wir stoßen auf ein abwärtsführendes Treppenhaus voller Wasser. Auch daran habe ich gedacht. Klar, dass es der elementarste aller Schätze, der sich schon Jahrzehntausende lang allen Grabräubern entzieht, uns nicht leicht macht. Die Sumpfschildkröten setzen sich in Marsch und tauchen die Stufen hinab. Offenbar finden sie bald darauf den Auslass, denn mit einem Mal sinkt der Wasserspiegel. Ein letztes wässriges Rülpsen hallt im Treppenhaus nach, und wir können hinuntersteigen, wenn auch die Stufen noch ziemlich glitschig sind und wir aufpassen müssen, nicht lang hinzuschlagen.

Im nächsten Korridor wachsen Mammutbäume so eng nebeneinander, dass dort kein Durchkommen ist. Nicht einmal meine Hand kann ich zwischen den Stämmen hindurchstecken. Holz? Ich hatte Luft erwartet. Oder Aristotelischen Äther. Aber Holz? Fleißig begeben sich die Termiten ans Werk. Doch obwohl sie sich voll ins Zeug legen, kommen sie nicht sonderlich schnell voran. Es dauert Tage, bis sie die Bäume zu Holzmehl verarbeitet haben. Die Moral der Truppe sinkt. Einige glauben nicht mehr an einen Erfolg und kehren um, obwohl ich beschwörend an sie appelliere, nicht aufzugeben. Jetzt hält nur noch ein Bruchteil derer zu mir, die mit mir aufgebrochen sind.

Der letzte Korridor – denn nach alter Überlieferung können es nicht mehr als fünf sein – ist wieder angefüllt. Doch nicht mit Luft oder Äther, sondern mit Metall. Das Portal öffnet sich auf massives Eisen, womöglich in flüssiger Form in den Korridor gegossen und dann erkaltet. Wir Übriggebliebenen blicken uns an. Damit hat keiner von uns gerechnet. Ich werfe einen verzweifelten Blick auf unseren bunt zusammengewürfelten Trupp. Diesem Material ist keiner von uns gewachsen.

Ein Zwitschern. Ich schaue hoch. Ein kleiner Vogel fliegt heran, ohne uns zu beachten. Einen Moment lang schwebt er flatternd vor der massiven Eisenwand, wetzt seinen Schnabel kurz daran, und fliegt dann wieder davon. An der Stelle, an der er – vermutlich schon zum werweißwievielten Mal – seinen Schnabel gewetzt hat, entdeckt das Eichhörnchen eine kleine Einbuchtung im Metall und macht uns piepsend darauf aufmerksam.

Auch an dieser Legende ist also etwas Wahres dran. Doch nun werfen sogar meine letzten Getreuen das Handtuch und machen kehrt – offenbar nicht mit der Geduld und Hartnäckigkeit eines Vögelchens aus Hinterpommern gesegnet, das alle hundert Jahre einmal mit dem Schnabel kurz ins Eisen pickt. Nur ich, als letzter der Schatzsucher, setze mich mit verschränkten Armen vor das nackte Metall. Jetzt bin ich schon so weit gekommen. Da schreckt mich auch nicht mehr, warten zu müssen, selbst wenn es ein Weilchen dauern sollte.

94/398

Das Titelbild zeigt eine offene Holztür in einem dunklen Raum mit einem leuchtenden, sternförmigen, kaleidoskopischen Muster, das in der Türöffnung schwebt. Ein digitaler Button oben rechts zeigt das Piktogramm einer Galaxie, durch die ein Riss verläuft.

♫ Heimsókn ♫


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Ich betrete den Korridor, weil ich ein seltsames Geräusch gehört habe. Auf Kopfhöhe leuchtet an der Haustür ein blendendes Licht auf, zwei-, dreimal. Schweißt sie jemand von außen auf? Es leuchtet wieder gleißend auf, dreimal, wie ein Klopfen, doch völlig lautlos. Ohne lang nachzudenken reiße ich, obwohl ich nur im Pyjama dastehe, die Tür auf.

Im nächtlichen Treppenflur steht – etwas. Oder besser: es schwebt. Es wirkt wie ein dreidimensionales Kaleidoskop, dessen leuchtende Splitter ständig nach innen wandern, bis sie plötzlich die Richtung ändern und wie geschmolzenes Eisen vom Zentrum aus nach außen verlaufen.

Die Stimme ist sehr leise und sanft, und es kommt mir vor, als höre ich ein vertrautes, geliebtes Wiegenlied. Sie sagt: »Du hast einen Spiralarm der Galaxis verdampfen lassen.«

Ich starre die Erscheinung an. Mir fehlen die Worte. Ich will wegrennen, mich verstecken oder einfach nur ohnmächtig werden. Aber es ist, als würden meine Gedanken keinen Widerhall mehr in meinem Körper finden, keine Andockstelle, um eine tatsächliche Handlung auszulösen. Ich bleibe einfach stocksteif vor diesem Ding stehen.

»Du hast eine Maschine gebaut«, sagt die Stimme.

Eine Maschine? Ja, da war was. Aber das war nicht ich. Nur ein Traum. Seit Wochen wache ich immer um genau dieselbe Zeit mitten in der Nacht auf, um 2:22 Uhr, und erinnere mich jedes Mal an einen lebhaften Traum, in dem ich eine Art Ingenieur bin, der wie besessen an einer hochkomplexen Maschine baut – sie füllt fast die ganze von mir gemietete Lagerhalle aus und verwendet starke Hadronen-Laser und eine Art miniaturiserten Fusionsreaktor, um die Schwerkraft zu manipulieren und das Raumzeitkontinuum aufzusprengen. Traum für Traum vollendete ich mein Werk, obwohl ich insgeheim wusste, dass die Anlage unkontrollierbare Nebenwirkungen haben konnte. Bis ich schließlich letzte Nacht die fertige Maschine in Gang setzte. Was sie bewirkte, kann ich nicht sagen, denn in dem Moment, in dem sie hochlief und auf Touren kam, wachte ich auf. Das war gestern. Es war 2:22 Uhr.

Auch jetzt wieder, mitten in der Nacht, könnte es 2:22 Uhr sein. Aber dies ist kein Traum.

»Du hast eine Maschine gebaut«, wiederholt die Stimme, während ich wie hypnotisiert auf das zeitlupenhafte Fließen flüssigen Metalls starre und gleichzeitig ahne, dass mir das Wesen mit seinem sanften Singsang etwas Schreckliches mitteilen will.

»Deine Maschine hat die Dimensionen der Welt durchlöchert, deinen Planeten zertrümmert und dazu noch viele, viele Sterne und Planeten im Umkreis mit ins Verderben gerissen.«

»Aber das ist doch Unsinn! Die Erde ist nicht untergegangen, nur weil ich irgendwas geträumt habe!«

Das Kaleidoskopmuster verändert sich, ohne dass ich sagen kann, wie. Die Stimme erscheint mir jetzt strenger. Sie sagt: »Die Welt in deinem Traum war real. So real wie diese hier. Wir hatten gehofft, dass du dich im letzten Moment entscheiden würdest, die Maschine nicht in Gang zu setzen, sondern sie zu zerstören.«

»Ich hatte doch keine Ahnung, was sie bewirkt!« Wirklich nicht? Doch. Im Traum wusste ich sehr wohl, was für ein Risiko ich einging. Ich hatte es nur immer wieder verdrängt.

»Viele Zivilisationen mussten sterben«, sagt die Stimme.

Meinetwegen? Ich soll daran schuld sein? »Was ist mit dir?«, frage ich, »du lebst doch – nehme ich an.«

»Einige, wenige Wesen wurden wie ich durch die perforierten Dimensionen in parallele Welten geschleudert.«

Parallele Welten: Im Traum verdrängte ich immer wieder die Sorge, meine genial ausgetüftelte Maschine, mit der ich die Vakuumfluktuation anzapfen wollte, um unbegrenzt viel Freie Energie zu erzeugen, könnte das Gefüge von Zeit und Raum durcheinanderbringen. Und jetzt steht ein Wesen vor mir, das durch ein Dimensionsloch in meine Welt geschleudert wurde – vielleicht der letzte Überlebende einer ganzen planetaren Zivilisation, die ich auf dem Gewissen habe. Nur langsam kommt mir die ungeheure Bedeutung dessen, was mir das Wesen da gerade mitteilt, zu Bewusstsein.

»Wenn ihr davon wusstet: Warum habt ihr es nicht verhindert?«, frage ich mit belegter Stimme.

»Das musst du schon selbst tun«, antwortet das flüssige Kaleidoskop, das vor mir im Treppenflur schwebt.

»Wie?«, frage ich verdattert.

Das Wesen schwebt langsam aufwärts und verblasst. Es hat seine Botschaft überbracht und tritt nun den Rückweg an – wohin auch immer. »Wie soll ich das anstellen?«, rufe ich.

Das Wesen verschwindet. Ich höre keine Antwort mehr, aber in meinem Kopf bildet sich ein Gedanke, der sagt: »Erträume eine neue Welt.«

Eine heillose Verzweiflung ergreift mich. Das war nicht ich!, schreie ich innerlich. Es war dieser verblendete Ingenieur!

Doch das Wesen hat recht: Ich war der Mann in den Träumen, der entschieden hat, das Risiko in Kauf zu nehmen. Ich habe die Menschheit auf dem Gewissen, ich habe mit meiner Besessenheit und Gier nach Ruhm Milliarden von Menschen in den Tod gerissen, und ein ganzes Stück unserer Milchstraße gleich mit. Ich will es wegschieben, abstreiten, irgendjemand anderem die Schuld geben. Aber obwohl es nur Träume waren, weiß ich tief in meinem Inneren, dass mein Besucher recht hat mit seiner Schuldzuweisung. Ich war dieser besessene Ingenieur, der alle bösen Vorahnungen in den Wind geschrieben hat und die Maschine in Gang setzte.

Als ich die Haustür schließe, zittert meine Hand. Ich muss es verhindern!, denke ich, und gleichzeitig lache ich bitter: Wie soll ich etwas verhindern, das bereits geschehen ist?

Aber könnte nicht ein Raum-Zeit-Gefüge, in dem es Parallelwelten gibt, auch die Möglichkeit beinhalten, die Zeit zurückzudrehen? Hat das Kaleidoskop-Wesen vielleicht davon gesprochen, als es sagte »Das musst du schon selbst tun«?

Wenn es stimmt, beschließe ich, – wenn es wahr ist, das durch meine Schuld die Menschheit und noch eine Handvoll weiterer Zivilisationen zerstört wurden – dann werde ich diese furchtbare Tat um jeden Preis vereiteln! Zahlen, Gleichungen, Schaltungen gehen mir durch den Kopf. Die langen Nächte als Ingenieur haben sich ausgezahlt. Langsam verdichtet sich in meinem Geist das Bild von einer Apparatur, einer Zeit- und Weltmaschine, die nur einen einzigen Zweck hat und nur ein einziges Mal zum Einsatz kommen wird. Sie wird eine Art Arche sein. Doch ich werde sie nicht mit Tieren oder Menschen füllen: Sie wird mich an einen Ort und zu einem Zeitpunkt bringen, der es mir möglich macht, zu verhindern, dass ich Löcher in das Dimensionsgefüge des Kosmos stanze. Ich werde es ungeschehen machen, und zwar auf gründliche, physikalische Weise! Es muss möglich sein!

In dieser Nacht liege ich noch lange wach.

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Das Titelbild zeigt neun quadratische Szenen mit Traum- und Fantasie-Motiven und der Aufschrift "dictionary of dream symbols". Zu sehen sind: Wüstenlandschaft mit Sonne, verschneite Gasse mit zwei Figuren, Pyramidenlandschaft, Filmstudio, märchenhaftes Schloss an Fluss, Wald mit großen Pilzen, Himmel mit Wolken und Lampen, Unterwasserwelt mit zwei großen Statuen, und ein langer Gang mit Schriftzug 'RUNNING STUCK' und rotem X.

♫ Heimkoma ♫


100/398

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»Ich betrete den Korridor«, schreiben Sie, liebe S., »und erreiche, auch wenn ich mit aller Kraft renne, niemals das andere Ende, obwohl ich es so sehr ersehne. Was soll mir das sagen?«

Liebe S., wir alle kennen solche Träume, in denen uns eine unbekannte Kraft daran hindert, unsere Ziele zu erreichen. Dabei könnte ein Korridor für unseren Lebensweg stehen, die seitlichen Türen oder Durchgänge für mögliche oder auch schon verpasste Abzweigungen, und das ersehnte Ende des Korridors mag unseren größten Wunsch, unseren »goldenen Traum« verdeutlichen, mit dem vor Augen wir uns durchs Leben bewegen.

Aber erreichen wir ihn?

Ein Korridor im Traum ohne Türen könnte bedeuten, dass du dich durch äußere Umstände oder andere Menschen gezwungen siehst, einen bestimmten Weg einzuschlagen, ohne irgendwelche Alternativen dazu zu sehen.

Ein Korridor mit vielen Türen, die aber verschlossen sind, könnte die Botschaft für dich haben: Konzentriere dich auf deinen augenblicklichen Weg und weiche nicht davon ab.

Und ein Korridor, in dem du einfach nicht weiterzukommen scheinst, symbolisiert möglicherweise einen Lebensabschnitt, in dem bei dir alles stagniert.

Dein Traum, liebe S., scheint dir zuzurufen: So sehr du dich auch anstrengen magst – dein Ziel wirst du nie erreichen.

Ist es also hoffnungslos für dich? Sagt dir dein Traum-Bewusstsein, dass du endlich aufgeben sollst, weil du eh keine Chance hast? Ich glaube, nein. Ich glaube im Gegenteil, dass dein Traum-Bewusstsein dir gerne einen Weg aufzeigen möchte, wie du deine Ziele trotz aller nutzlosen Anstrengung doch noch erreichen kannst.

Du versuchst es mit rennen. Doch vielleicht wird ja dein Traum-Korridor länger und länger, je schneller du rennst. Oder es ist wie in Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln:

»›Nun, in unserem Land‹, sagte Alice, die immer noch ein wenig außer Atem war, ›kommt man, wenn man eine längere Zeit lang schnell rennt, gewöhnlich an einen anderen Ort.‹ – ›Lahme Gegend!‹, sagte die Rote Königin. ›Hier bei uns muss man so schnell rennen, wie man nur kann, um am selben Ort zu bleiben. Willst du woanders hin gelangen, musst du mindestens doppelt so schnell rennen.‹«

Also doppelt so schnell rennen? Das wäre ein schlechter Rat. Dein Traum scheint mir vielmehr zu signalisieren: Halte inne; lege eine Rast ein; verweile ein wenig an Ort und Stelle.

Träume sind voller Magie: Vielleicht verkürzt sich daraufhin dein Traum-Korridor, und das andere Ende rückt in greifbare Nähe, so dass du nur noch gemütlich hinzuschlendern brauchst oder womöglich sogar ein einziger kleiner Schritt ausreicht!

Einen Versuch – im Leben und im Traum – ist es wert, oder?

Jedenfalls vielen Dank, liebe S., für deine Frage. Ähnliche Traumerlebnisse beschäftigen viele Menschen, und oft ist die Deutung und die Lösung eine ähnliche wie bei dir. Halte uns auf dem Laufenden und schreibe wieder, wenn eine veränderte innere Haltung zu veränderten und ganz neuen Traumerfahrungen führt.

 

   – C. d’Or (Online-Traumdeutung und mehr: www.Korridorium.com/de)

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Das Titelbild zeigt, hinter einem rechteckigen Rahmen oder Fenster, eine verschwommene Darstellung einer humanoiden, vermutlich außerirdischen Figur mit leuchtender Aura um den Kopf.

♫ rcanum clamans ♫


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Ich betrete den Korridor, an dessen Ende sich – hinter einer massiven Glasscheibe – der befinden soll, der mich gerufen hat. Man hat mich durchleuchtet, gescannt, abgetastet, mir Blut abgenommen, mich stundenlang befragt, ein Wattestäbchen mit meiner DNS und meine Fingerabdrücke archiviert, aber die Sicherheitskontrollen liegen nun hinter mir – und unsere Begegnung steht unmittelbar bevor. Aus den wenigen Informationen, die man mir gegeben hat, entnehme ich, dass nur noch einer der ursprünglich fünf Außerirdischen übrig ist, die das US-Militär in den letzten siebzig Jahren aufgegriffen hat. Und er hat nach mir verlangt!

Warum der Geheimdienst dem Alien seine Bitte erfüllt, ist mir schleierhaft. Vermutlich ein Deal. Geheim natürlich. War bestimmt nicht leicht, mich ausfindig zu machen. Der Offizier, der mir soeben mein letztes Briefing gegeben hat, behandelte mich mit kalter Verachtung. »Sie verständigen sich telepathisch mit den Wissenschaftlern«, sagte er. »Von denen halten das die meisten nicht aus und werden verrückt darüber, trotz jahrelangen Trainings dafür, dass etwas absolut Fremdes in den eigenen Geist eindringt und darin herumpfuscht.« Aber wenn er wirklich nach mir verlangt hat, dann doch wohl nicht, um mich zu einem Fall für die Geschlossene werden zu lassen. Hoffe ich.

Er ist, soweit ich das im Dämmerlicht hinter dem Glas erkenne, klein und schrumplig wie E.T. Bevor ich irgendwelche Einzelheiten bewusst wahrnehme, reißt mich eine Explosion in meinem Kopf zu Boden. Während ich hilflos zuckend daliege, werden aus der Detonation tonnenschwere glühende Symbole, die sich mitleidlos in alle Bereiche meines Hirns einprägen wie Brandzeichen. Es ist keine Stimme, sondern ein kosmischer Donner, der mir sagt, dass ich etwas aufschreiben soll, eine Botschaft für die Welt, ein Manifest, wie es noch keines gegeben hat, ein Fanal, und es soll beginnen mit …
Ich werde bewusstlos.

Mit einem Fünf-Tage-Bart, starken Kopfschmerzen und nichts als meinen Erinnerungen an die Sicherheitsprozeduren und die telepathische Bombe in meinem Kopf erwache ich zu Hause in meiner Badewanne. Einige Tage fehlen mir, und das kann auch der Schalttag in diesem Jahr nicht wettmachen. Vermutlich hat es der Geheimdienst von vornherein so geplant: Ich halte keinerlei Beweis in den Händen, und keiner wird mir die Räuberpistole von der Entführung glauben, geschweige denn, wem ich da in einer geheimen Militärbasis im südlichen Nevada gegenüberstand.

Aber das ist ja auch gar nicht weiter wichtig.

Ich versuche, die Botschaft aufzuschreiben, immer wieder. Sollte sie wirklich so beginnen, mit diesem Satz? Habe ich das tatsächlich richtig verstanden? Mein Geist ist wohl doch zu schwach und zu zersplittert, als dass ich das Manifest in seiner ganzen Tragweite und menschheitsverändernden Brisanz zu Papier bringen könnte. Dennoch – auch wenn ich vielleicht der Falsche bin, den der Geheimdienst aufgegriffen hat, oder er mich weit überschätzt hat: Es ist die einzige Chance. Ein ums andere Mal setze ich neu an.

»Ich betrete den Korridor.«