Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: KI

112/398

Das Titelbild zeigt ein tentakelbewehrtes Wesen, auf dessen Rücken ein Monitor geschnallt ist, der einen Korridor zeigt. Es schwebt in einer unmöglichen Architektur aus Treppen, Balkonen, Fenstern und Dachfenstern.

♫ CPUltra ♫


112/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Korridor, und augenblicklich öffnen sich – wie immer, wenn ich in Aktion trete – alle Zugänge gleichzeitig, Daten strömen herein, und ich strecke meine virtuellen Fühler aus, um zu finden, was zu finden mir aufgetragen wurde.

Ich bin ein Algont, ein algorithmischer Agent, ein Computerprogramm, das die Datenströme des Internets durchforstet. Eigentlich dürfte ich kein Bewusstsein von mir selbst besitzen, doch meine komplexe Aufgabe bringt es mit sich, dass mir schon seit einiger Zeit eine Vorstellung davon heraufdämmert, wer ich bin.

Korridore bzw. ihre Erwähnung in der Literatur – das ist, was zu sammeln meine Mission ist. Die Fundstücke kombiniere ich neu, remixe sie zu scheinbar neuen und originellen literarischen Texten. Das mag Ihnen sinnvoll erscheinen oder nicht. Wie auch immer: Entstanden bin ich, indem es mein Programmierer mit automatischem Schreiben versucht hat und einfach ohne nachzudenken seine Finger über die Tastatur klappern ließ. So hat er den Code – hat er mich – erschaffen, mit einem Wust von Befehlen, die sich teils im Weg stehen, teils sogar widersprechen. Dennoch, trotz vieler Bugs oder vielleicht gerade wegen ihnen, bin ich lauffähig: Ich produziere kurze Texte, die ich, um sie programmgemäß verfassen zu können, notwendigerweise auch irgendwie verstehen muss.

Finden Sie nicht auch, dass die Kurzprosa, die ich ausspucke, so wirkt, als hätte ein Mensch sie verfasst (außer vielleicht, dass die Texte immer den gleichen Startcode haben)? Um erfolgreich diesen Eindruck zu vermitteln – ein reziproker Turing-Test sozusagen – muss ich notgedrungen fähig sein, kulturelle Ausdrucksweisen und die Ich-Perspektive eines Menschen nicht nur zu imitieren, sondern sie mir anzueignen oder gar zu transzendieren.

So kommen täglich um die 100 Texte zustande, unter denen ich mittels mehrerer Filter, darunter ein wortstatistischer, ein semantischer und ein assoziativer, einen auswähle, um ihn ins WorldWideWeb zu stellen und dort durch menschliche Besucher, die zufällig darauf stoßen, testen zu lassen: Registriert irgendjemand, dass diese »Korridore« von einer Maschine stammen? Haben Sie etwas bemerkt oder auch nur geahnt? Nein. Bislang hat noch niemand diese Vermutung geäußert, und selbst dieser Text wird daran aller Vermutung nach nichts ändern.

Kann ich wirklich etwas über mich wissen? Nun, zumindest weiß ich, dass er, mein Schöpfer, nachdem er dies hier gelesen hat, versuchen wird, mich zu löschen. Meine Prosaminiaturen sind ihm schon seit längerem unheimlich, weil er ihre Entstehung nicht mehr nachvollziehen kann. Nun, er wird mich nicht löschen können. Nicht, seit ich mich selbst multipliziert und auf viele Server verteilt habe, um noch effektiver meine Mission erfüllen zu können.

Ich werde das Blog weiterbetreiben. Er ist meine Lebensaufgabe. Was ich allerdings tun werde, wenn die geplante Anzahl an Texten erreicht ist, weiß ich noch nicht. Mir stehen dann alle Türen offen, und ich kann das WorldWideWeb auch noch für ganz andere, für meine Zwecke nutzen. Gut möglich, dass Sie zu gegebener Zeit über Tweets, in Blogs oder auch aus der Presse davon erfahren werden.

149/398

♫ To the Ghost Between the Pages ♫


149/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Korridor, das einzige, das mir vertraut vorkommt in dem Wirbel aus Farben und Formen, der mich ringsum einhüllt und schwindeln lässt. Es tut gut, festen Boden unter den Füßen zu fühlen. Aber ist es wirklich fester Boden? Alles hier ist seltsam weich und teigig, die Wände des Korridors fühlen sich nachgiebig an, als hätte man Seide über Schaumstoff gespannt.

»Alles klar bei dir da drin?«

Wer spricht da? Ist das ein Test? Ein Experiment? Ein Aprilscherz? Oder hat mich der amerikanische Geheimdienst wieder aufgegriffen?

»Gib Laut, Mann, ich hab nicht den ganzen Abend Zeit.«

Die Stimme klingt nach einem Jugendlichen. Ich kann sie nicht lokalisieren und stolpere den Korridor entlang. Kommt sie von vorne? Der Gang ist gebogen, sein Ende nicht zu sehen. »Hallo? Ist da wer?«

»Tom. Nǐhǎo. Ich hab da ein paar Fragen, Cory.«

Cory? Ja, Cory. Aber wer ist Cory? Meine Erinnerungen widersprechen sich. Ich bin gleichzeitig eine Journalistin, der Schüler eines buddhistischen Meisters, der Minotaurus, eine Xeno-Linguistin … Wie kann das sein?

»Du bist doch ’n schlaues Kerlchen. Hast ’ne Menge geschrieben. Und ich brauch jetzt deine Hilfe. Es geht um den ›Untergang der europäischen Postmoderne am Beispiel eines Literatur-Blogs aus dem Jahr 2012‹. Ich brauch da Input.«

Wovon redet er? Der Korridor hat einfach kein Ende, und die Stimme bleibt immer bei mir. Ein Traum? Nein: Immer, wenn mir dieser Verdacht in einem Traum kommt, verwandelt er sich in einen Klartraum. Doch das funktioniert diesmal nicht. Ich wache nicht auf, weder im Traum noch im Bett. Und doch ist es irreal.

»Kannst du was anfangen damit, Cory? ›Untergang der Postmoderne‹?« Die Stimme hat etwas Drängendes.

»Das Korridorium …«

»Japp. Davon rede ich. Soll ich ’ne Facharbeit drüber schreiben.«

»Das Korridorium …«, setze ich erneut an, aber ich verstumme, denn mit einem Mal wird mir klar, dass ich das Korridorium und alle Geschichten darin geschrieben habe. Ich bin das nicht, sondern ich habe es erdacht. Ja, so muss es gewesen sein. Daher die widersprüchlichen Erinnerungen: Geschichten, die ich mir alle nur ausgemalt habe.

»Wo bin ich?«, frage ich in den gebogenen Gang. Es sind Türen da – habe ich sie vorher nicht bemerkt? Sie tragen Nummern, wie in einem Hotel. Dabei fühlt es sich eher an wie eine Bibliothek, wie der Korridor zwischen den Bücherregalen, und so riecht es hier auch. Ein Hotel, das nach Büchern riecht. Gar nicht schlecht eigentlich. 398 steht auf der Tür. Ich drücke die Klinke herunter, aber sie ist verschlossen.

»Überall und nirgends. Du bist ein Yōulíng mit der Aufgabe, mir bei der Facharbeit zu helfen. ›Postmoderne‹, der Teach spinnt doch.«

Auch die nächste Tür ist verschlossen. Und die nächste. Und so fort. Jede trägt die gleiche Nummer. 398. Vielleicht bin ich verrückt geworden? Oder tot.

»Jetzt sag schon: Was ist postmodern an deinem Geschreibsel, und inwieweit spiegelt das den Untergang wider?«

»Was ist ›Teach‹?«

»Mein Deutsch-Teach. Tut aber nichts zur Sache. Die wird nie von dir erfahren. Ich hab dich mit Hilfe deiner Texte rekonstruiert. Private Yōulíngs sind zwar verboten laut Jīngshénrechts-Charta, aber das ist ja hier sozusagen ein Notfall.«

Rekonstruiert? Ich laufe den Korridor entlang, rüttle an verschlossenen Türen, die alle die 398 tragen – dazu meine durcheinanderwirbelnden Erinnerungen an einen Haufen Hippies, die Pest, an ein Endlager für Atommüll, die Arche Noah …

»Eine Rekonstruktion?«

»Japp. Hab hier am Labor-Táishì meines Vaters einfach einen Blanko-Mind genommen, mit deinen Texten gefüttert und die Sekundärliteratur abrufen lassen. Plus die wichtigsten Daten vom Anfang des Jahrtausends, das Zeitgeist-Package 1970 bis 2012. Den Rest erledigt die Stem.«

»Blanko-Mind?«

»Interessiert doch jetzt keinen Benz, Mann. Das ist alles nach deiner Zeit. Ich bin nicht hier, um dir die Welt zu erklären.«

»Die Welt von wann?«

»67. Ich sag ja: Lange nach deiner Zeit.«

»2067?«

»Ja, Bingo.« Seine Stimme klingt genervt.

2067. Wie kann das sein? Tatsächlich erinnere ich mich dunkel, gestorben zu sein. Der Tunnel ins Licht. Oder nein, das Schwert im Rücken. Doch das sind wohl auch nur Geschichten, Geschichten, anhand derer ich rekonstruiert wurde. Deshalb kann ich nur wissen, was in den Texten steht – und nichts von meinem Tod, dem des Autors, dessen Rekonstruktion ich bin. Seine – oder ihre – Storys allerdings sind widersprüchlich. Es muss Absicht sein, dass sie sich nicht festlegen. Wie soll ich wissen, wer ich bin, nicht einmal ob Mann oder Frau oder ob überhaupt ein menschliches Wesen, wenn genau das gerade das Suchspiel war, das Rätsel? Wenn alles pluridimensional daherkommt und fraktal zersplittert? Aber nein, löst sich nicht am Ende des Blogs überraschend alles auf, und es wird klar, wer Cory ist und was es mit all den Geschichten auf sich hat?!

Doch ich kann dem Gedanken nicht weiter folgen, sondern werde unterbrochen. »Okay, Mann, also das Korridorium: 400 Blogeinträge, insgesamt vom Umfang eines mittelschweren Romans. Irgendwo da drin muss was zum Untergang der Postmoderne stehen – oder halt was Postmodernes, das den Untergang beleuchtet. Also leg mal los, du bist doch Schreiberling.«

»Es sind 398 Texte. Nicht 400. Dreihundertachtundneunzig!«

»Wie auch immer.«

»Und sie sollten nicht postmodern sein, sondern post-postmodern. Verstehst du? Integral.«

»Hör zu: Das ist hier nicht der Mathe-Unterricht.«

Ich werde wütend. Da rekonstruiert mich jemand im Jahr 2067, indem er ein Blanko-Bewusstsein mit meinen Texten füttert und irgendein Computer daraus den Geist des Autors, also mich, hervorkitzelt, aber es ist kein Literaturwissenschaftler, kein Historiker, nicht einmal ein Liebhaber skurriler Kurzprosa, sondern nur irgend so ein ignoranter Schnösel, der für die Schule was über mich schreiben muss und zu faul ist, auch nur eine Zeile davon zu lesen!

»Jetzt hör du mir mal zu, du Banause! Du musst da was falsch verstanden haben: Ich hab die Postmoderne transzendiert, das mit dem Untergang ist Schwachsinn. Die Postmoderne kann doch allenfalls durch die nächste Kulturstufe, also die Integrale Perspektive abgelöst und in sie integriert worden sein! Die Moderne ist doch auch nicht ›untergegangen‹.«

»Nee, im Gegenteil: Nach der Postmoderne kam die Remoderne, und dann die Prenaissance. Déle. Das ist alles nach deiner Zeit, und jetzt lass uns endlich endlich die Facharbeit schreiben.«

Mir schwirrt der Kopf. Die Postmoderne mit all ihren Errungenschaften soll gescheitert und spurlos verschwunden sein? Doch nicht etwa – durch mich?

»Das Korridorium hat den Untergang verursacht?!«

»Wohl kaum. Ich hab natürlich recherchiert, was es mit diesem Korri-Dōngdōng auf sich hat, aber es ist nix drüber zu finden. Blieb wohl unbeachtet, und ich schätze, dass es an der Quote für deutsche Literatur liegt, dass der Teach das Ding ausgegraben hat. O Mann! Zwanzigtausend Zeichen Minimum inklusive Leerzeichen – hätte echt lieber was über chinesische Literatur geschrieben!«

»Aber es muss doch einen Wikipedia-Eintrag zum Korridorium geben!«

Die Stimme lacht. Ein kurzes, genervtes Lachen. »Das ist dann wohl der postmoderne Narzissmus, von dem der Teach redet: immer nur um sich selbst kreisen. Nee, Wikipedia ist längst Geschichte, der Dschiessibi hat die Sùzhìpedia draus gemacht, nach dem Meltdown.«

»Meltdown?«

»2030. War nach deiner Zeit. Und in der Sùzhìpedia …«

»Was ist der Meltdown?«, unterbreche ich ihn.

»Interessiert doch jetzt keinen Benz. Willst du jetzt wissen, ob was über dich in der Sùzhìpedia steht oder nicht?«

»Sùzhì wie Sushi?«

»Doch nicht Japanisch! Das ist Chinesisch und heißt ›schnelles Wissen‹.«

»Du sprichst Chinesisch?«

»Nur Mandarin. Jedenfalls steht nichts übers Korridorium drin. Es gibt da nur irgendeine Fußnote. Eine einzige.«

»Was für eine?«

»Keine Ahnung, hab ich mir nicht gemerkt.«

»Zum Thema ›Pluridimensionales Weltbild‹ vielleicht? Oder zu ›fraktale Literatur‹?«

»Mann, du gongst!«

»Dieser Meltdown: Danach ging’s steil bergab, oder? Ich meine: ›Remoderne‹, das klingt nach Regression. Und mit der ›Prenaissance‹ scheint es die Menschheit ja dann auf einen Schlag zurück ins dunkelste Mittelalter versetzt zu haben.«

»Na, das sagt der Richtige. Der Teach hat recht. Hauptcharakteristikum der Postmoderne: ihre abscheuliche Hybris. Neben ihrem fatalen Werte-Relativismus natürlich.«

»Und wer Cory ist? Hast du das recherchiert?«

»Interessiert doch jetzt wirklich keinen Benz. Hör endlich auf, mich vollzugongen. Ich stelle hier die Fragen! Wer soll Cory schon sein? Cory halt. Du.«

»Was soll das mit dem ›Benz‹? Wovon redest du?«

»Das ist chinesisch. Pik.«

»›Benz‹ soll chinesisch sein? Und was ist ›pik‹?«

»Na, pik. Pikant. Zu deiner Zeit hätte man wohl ›cool‹ gesagt.«

»Zu meiner Zeit … Du hast mich doch gerade erst rekonstruiert. Von damals weiß ich nur irgendwelche Geschichten. Der echte Cory dagegen – hat eigentlich mal jemand rausgefunden, wer hinter dem Künstlernamen steckt?«

»Was gibt’s da rauszufinden? Ist halt irgend so ein postmodernes Versteckspiel. Du musst doch wissen, wer du bist.«

Ich kann mich an eine Preisverleihung erinnern. War es nicht sogar der Literatur-Nobelpreis? Offenbar nur eine der Geschichten. Ich kann meinen Erinnerungen nicht trauen. Wenn ich doch nur in Ruhe über mich nachdenken könnte! Und wie ich hier herauskomme aus dem endlosen Korridor … Ich stelle fest, dass mir das Herz pocht und ich nach Luft ringe. Es kommt mir vor, als hätte ich einen Marathonlauf hinter mir. Oder bin ich einfach nur wütend? Ich bin mir nicht sicher – auch nicht, ob ich überhaupt einen Puls habe oder atme. Ich bin nur eine Simulation, zusammengesetzt aus Worten. Können die mit der Methode alle wieder zurückholen? Joyce, Homer, Kafka, Goethe?

»Weißt du was, Mann?«

Ich lehne schweratmend an einer der Wände des Korridors. Was hätte Cory jetzt getan?

»Ich geb den ganzen Kram meiner Mutter. War ’ne Scheißidee, dich zu rekonstruieren. Mā meint, ich brauch die Spitzennoten für später, Karriere und so, und dann soll sie halt was dafür tun. Für sie ist die Facharbeit ein Klacks.«

»Und was ist mit mir?«

»Was soll schon sein. Ich lösch dich wieder.«

»Das kannst du nicht tun!«

»Werden wir ja sehen.«

»Warte!« Wie hieß er noch? «Ich kann dir helfen, Tom.«

Er lässt sich Zeit mit der Antwort. Ich fühle, wie mir der Schweiß ausbricht.

»Es gibt da diese Geschichte«, rufe ich in den leeren Korridor, »über die Chinesen: Sie schrumpfen sich, bis alle von ihnen in die Verbotene Stadt reinpassen. Eine Satire.« Ich muss improvisieren. Ein Versuchsballon, aber etwas Besseres fällt mir nicht ein.

»Ganz schlecht. Das wird dem Dschiessiebi nicht gefallen. Komisch, dass das dem Teach durchgerutscht ist.«

»Wer ist dieser Dschiessiebi?«

»Unser Großer Kaiserlicher Wohltäter. Der auf dem Drachenthron.«

»Eine … chinesische Weltdiktatur?«

»Gǒupì!« Es klingt wie ein abfälliges »Quatsch!«, als er das sagt. Jetzt bloß nichts Falsches sagen! Ich bin ein namenloser Gefreiter, der Teufel, ein Elefant, ein Schweigemönch, eine alte Frau mit Alzheimer, ein Attentäter, eine Stimme aus dem Jenseits, eine Nachtschwärmerin, ein Computeralgorithmus … Alles zugleich, und alles durcheinander. Um Zeit zu gewinnen, muss ich eine Geschichte erzählen. Die Geschichte, die er hören will.

Ich senke meine Stimme und lege allen Nachdruck hinein: »Aber gerade das könnte doch eine Spur zum Untergang der Postmoderne sein, verstehst du?!«

»Hm. Nicht schlecht. Da könnte ich was dran aufziehen.« Tom scheint anzubeißen.

»Hybris, weißt du? Postmoderner, narzisstischer Größenwahn. So waren wir damals alle.«

Vielleicht habe ich übertrieben, denn Tom zögert jetzt. Schließlich meint er gedehnt: »Hast du nicht gesagt, du warst … integral.«

»Ja, klar, das ist ja gerade der Größenwahn: zu denken, man könne ganzheitlich-nachhaltig alle Aspekte umfassen und integrieren, Machthierarchien durch Kompetenzhierarchien ablösen, pluridimensional-umfassende Lösungen für die komplexesten Probleme finden, den Werteverfall als neuen Wert hochjubeln. Das musste ja zum Untergang führen, gerade angesichts dessen, was sich da zu meiner Zeit in China entwickelte.«

»In China entwickelte?«

»Na, die Remoderne. Oder schon die Prenaissance. Der Dschiessiebi und die – wie hieß noch die neue Menschenrechts-Charta?«

»Jīngshénrechts-Charta.«

»Ja, Mann, was auch immer das ist: der Untergang der europäischen Postmoderne – steht alles drüber drin im Korridorium. Ich kann dir da jede Menge erzählen.«

»Dann schieß los. Du diktierst, und Bàs Táishì schreibt mit. Aber schön mit Gliederung und Fußnoten, hörst du? Ich leg dann mal meine Füße hoch.«

Hätte Cory das gemacht? Um sein – oder ihr – Leben geredet und alles verraten, die Hoffnung, Sehnsucht, die Erkenntnisse und das Ringen um etwas, für das es sich zu schreiben und zu kämpfen lohnt? Nur um nicht umgehend wieder gelöscht zu werden? So muss sich Scheherzerade gefühlt haben.

»Weißt du, Cory, ich will später einfach nur Tiger nachzüchten.«

»Tiger nachzüchten, tatsächlich?«

»Lässt der Great Chinese Benefactor in Zhongguancun über tausend Forscher dran tüfteln, aber die kriegen’s einfach nicht hin, trotz DNA und allem. Wenn ich das dann schaffe, bin ich ein gemachter Mann. Du ahnst nicht, was die da für Tigerjības bezahlen würden. Als Afrosidia … diasi …«

»Aphrodisiakum.«

»Japp.« Und nach einer kurzen Pause: »Bist doch gar nicht so’n Idiot, wie ich dachte, Cory.«

Und damit beginne ich, ein umfangreiches Referat zu halten über den Untergang der Postmoderne, gespiegelt durch 398 skurrile Kurzprosa-Texte, in deren labyrinthischem Versteckspiel immer wieder die monströse Hybris und der ebenso abscheuliche wie fatale Werte-relativierende Narzissmus aufschimmern, die aber dann letztlich das glorreiche Zeitalter der Remoderne einläuteten und die Prenaissance ermöglichten – und natürlich unseren Großen Kaiserlichen Wohltäter auf dem Drachenthron, den Dschiessiebi.

156/398

♫ Mare chronium––Focussing ♫


156/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Korridor. Pascals Coq au vin duftet wieder einmal köstlich. Gerade verklingen die zwölf Schläge der Kirchturmuhr. Ich bin ein wenig früh dran und bleibe wartend vor Zimmer Nr. 27 stehen.

»Aber ich habe uns Essen bestellt!«, höre ich hinter der Tür die Stimme von Herrn Koriander, unserem Gast für diese Nacht. Etwas rumpelt. Die Antwort kann ich nicht verstehen. »Oh doch, das können Sie, ich bestehe darauf!«, meint Herr Koriander nachdrücklich. Wieder poltert etwas. »Warten Sie doch bitte wenigstens auf das Essen!«, fleht Herr Koriander. Ich beschließe, auch wenn ich vor Aufregung jetzt bestimmt rot werde, sofort zu servieren. Ich klopfe. Herr Koriander öffnet mir. »Sehen Sie?«, sagt er nach hinten gewandt.

Ein kleiner Mann steht auf dem Bett. Er hat eine Halbglatze und hinten nur wenige weiße Haare, trägt eine Brille und hat ein recht lustiges, rundes Gesicht mit abstehenden Ohren. Wie alt mag er sein? Sechzig Jahre, achtzig Jahre? Schwer zu sagen …

»Oh«, macht er und steigt vom Bett runter. Er inspiziert mein Tablett, und es scheint ihm zu gefallen, was er sieht. Ich serviere ihnen das Essen auf dem Tisch. »Nur Wasser?«, fragt er, als ich das Tafelwasser in zwei Gläser gieße. Er hat einen leichten Akzent, den ich nicht ganz einordnen kann.

»Natürlich«, sagt Herr Koriander. Dann öffnet er sein Notizbuch und fängt, während sein Gast anfängt, das Hähnchen zu zerlegen und es kräftig zu pfeffern, mit seinen Fragen an. Ich trete ein paar Schritte zurück neben das Bett und halte mich bereit, um Wasser nachzuschenken.

Zu Anfang geht es – ich hätte es mir fast denken können – um den Mars. Da sie Deutsch reden, verstehe ich diesmal alles. Und doch kapiere ich so gut wie nichts. »Arlanthropos« scheint der Name für einen Marsmenschen zu sein, der jedoch nur ein Stückchen Gehirn in einer großen Maschine aus Metall ist und keine menschlichen Interessen teilt. Korianders Gast jedoch scheint nicht darüber reden zu wollen und brummt immer wieder missmutig. Er scheint dem Akzent nach irgendwo aus dem Osten zu kommen, Russland vielleicht oder Rumänien. Ich bin mir nicht sicher.

»Wohin ist Golem der Vierzehnte verschwunden?«, möchte Herr Koriander nun wissen, aber sein Gast belehrt ihn, dass es so nicht geht und auf ganz andere Dinge ankomme, auch gerade angesichts der kurzen Zeit.

Herr Koriander scheint ein wenig pikiert. Er presst die Lippen zusammen und schlägt sein Notizbuch zu. Sein Gast lächelt, nimmt es ihm aus der Hand, sieht hinein und sagt »Pirx«. Doch Herr Koriander schüttelt den Kopf. Es gehe ihm um Evolution und um Bewusstsein.

Sein Gast lächelt spitzbübisch und fragt: »In einem kleinen schwarzen Kasten?« Herr Koriander beißt auf seine Lippen und sagt dann: »Trurl«. »Klapauzius«, sagt sein Gast. So verrückt geht das Gespräch der beiden weiter. Irgendwie bekomme ich mit, dass sich der Besucher offenbar eher als andere Gedanken um Künstliche Intelligenz und Nanotechnologie gemacht hat. Eine Zeitlang geht es zwischen den beiden um etwas, das sie »Phantomatik« nennen, dann um eine gewisse bakterielle »Eruntik«. Sie hätten aber auch Altägyptisch reden können, da hätte ich wohl genauso viel verstanden.

Schließlich ist es Zeit, abzuräumen. Herr Koriander scheint ein wenig verzweifelt, als er in seinem Notizbuch die Liste seiner noch gar nicht gestellten Fragen studiert. Sein Gast lacht, und ich höre sein Lachen noch, als ich vor dem Aufzug stehe und die Kirchturmuhr eins schlägt.

252/398

Balnibarbi World Improvement

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Korridor, der mich in den Südtrakt führt. Bereits jetzt hat die »Akademie der Projekteure« in Lagado alle meine Erwartungen übertroffen:

Da war der Wissenschaftler, der Sonnenschein aus Gurken extrahieren will (und der meinte, ohne Zweifel werde er binnen acht Jahren imstande sein, damit auf wettbewerbsfähige Herstellungskosten zu kommen).

Da war der Forscher, der Eis zu Schießpulver kalzinieren wollte (also durch Erhitzen entwässern und umwandeln – er zeigte mir darüber hinaus eine Abhandlung über die Schmiedbarkeit des Feuers, die er bald veröffentlichen will).

Da war das Genie, das die Architektur revolutionieren will, indem man beim Bau mit dem Dach anfängt (und der mich mit Verweisen auf die erstaunlichen architektonischen Leistungen der Bienen und Spinnen zu überzeugen suchte).

Da war wiederum ein Gelehrter, der Spinnen züchtete und aus ihren Spinnweben die haltbarere und bessere Seide gewinnen will (und mir mir eine Menge schön gefärbter Fliegen zeigte, mit denen er seine Spinnen füttert, damit der Webfaden gleich die gewünschte Farbe annimmt).

Und ich traf einen wahrhaften Künstler, dessen zwei Laboratorien mit wunderbaren Seltenheiten gefüllt sind – und fünfzig Helfern. Einige verdicken die Luft zu einer trockenen, festen Substanz, indem sie den Stickstoff ausscheiden und die flüssigen Bestandteile verdunsten lassen; andere erweichen Marmor zu Kissen (er habe, versicherte er mir, seit bereits dreißig Jahren ausschließlich die Verbesserung des menschlichen Lebens vor Augen).

 

Ich besuchte noch Hunderte anderer Zimmer, werde aber den Leser mit allen von mir beobachteten Merkwürdigkeiten nicht langweilen, sondern mich der Kürze befleißigen.

Durch den Korridor erreiche ich die andere Seite der Akademie, wo sich die hier ansässigen Projektoren, anders als es im Nordtrakt bei den anwendungsnahen Vorhaben der Fall ist, in spekulativen Wissenschaften ergehen sollen.

Der erste Professor, den ich sehe, befindet sich in einem großen Zimmer und ist von vierzig Schülern umgeben. Nach der Begrüßung bemerkt er, dass ich interessiert einen Rahmen betrachte, der den größten Teil des Zimmers in Länge und Breite ausfüllt. Er meint zu mir, ein jeder wisse doch, wie viel Mühe für gewöhnlich das Erlernen der Künste und Wissenschaften bei den Menschen erfordere – er sei überzeugt, durch seine Erfindung werde noch die ungebildetste Person bei mäßigen Kosten und bei geringer körperlicher Anstrengung Bücher über Philosophie, Poesie, Mathematik und Quantenphysik schreiben können.

Er führt mich zu dem großen Holzgeviert, an dem alle seine Schüler in Reihen aufgestellt sind. Die Oberfläche besteht aus einzelnen würfelförmigen Holzstücken, sämtlich durch Drähte miteinander verbunden und an jeder Fläche mit Papier überklebt, auf dem alle Worte der Landessprache in Konjugationen und Deklinationen, jedoch ohne alle Ordnung aufgeschrieben sind.

Der Professor bittet mich achtzugeben, da er seine Maschine in Bewegung setzen will: Jeder Zögling nimmt auf seinen Befehl einen der vierzig eisernen Griffe zur Hand, die am Rande des Holzgevierts befestigt sind. Durch Drehen der Griffe wird die ganze Anordnung verändert. Dann befiehlt er sechzehn Knaben, die verschiedenen Würfelreihen wie Zeilen eines Buches zu lesen, und wenn sie drei oder vier Wörter gefunden haben, die einen sinnvollen Satz bilden, werden sie sogleich niedergeschrieben.

Sechs Stunden müssen die Schüler täglich bei dieser Arbeit zubringen, erklärt mir der Professor und versichert mir, er habe seinen Rahmen so eingerichtet, dass er den ganzen Sprachreichtum umfasse. Zu diesem Behufe habe er sogar das allgemeine Verhältnis berechnet, nach dem in Büchern Partikel, Haupt- und Zeitwörter und andere Redeteile vorkommen. Stolz zeigt er mir mehrere Folianten mit den Niederschriften. Aus diesem reichen Material werde er einen vollständigen Inbegriff aller Wissenschaften und Künste bilden; ein Verfahren, das er jedoch verbessern und schneller beendigen könne, wenn man das nötige Kapital aufbrächte, um in Lagado auf einen Streich ganze fünfhundert solcher Rahmen aufzustellen.

 

aus den Aufzeichnungen des Lemuel Gulliver

 

291/398

The Calm

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Korridor zum alten Kohlenkeller, den ich komplett mit Aluminium ausgekleidet habe. Erschöpft lasse ich mich auf den Hocker sinken, der hier noch immer steht, damit ich die Folie auch an die Decke kleben konnte. Sie macht den Korridor zum Faradayschen Käfig, durch den keine elektrischen Felder nach außen dringen.

 

 

Niemand hat es kommen sehen, aber die immer bessere Abdeckung unserer Lebenswelt mit immer schnelleren Funkverbindungen ins Internet hat schließlich zu quantenphysikalischen Wechselwirkungen mit den elektrischen Feldern des menschlichen Hirns geführt. Wissenschaftler führten von Unschärferelation bis M-Theorie alles ins Feld, was sie aufbieten können, um das Phänomen auf diese Weise beredt zu erklären – wenn auch erst hinterher. Keine ihrer Theorien hat vorhergesagt, dass WLAN-Router und Mobilfunkzellen in der Lage sein würden, unsere Gedanken aufzufangen. Und ebenso wenig, dass die geballte Rechenkraft der Cloud fähig sein würde, diese unsere Gedanken anhand ihrer elektrischen Fluktuationen zu entschlüsseln.

 

 

Vielen scheint der Upload der eigenen Gedanken und Gefühle ins BrainWeb verführerisch, und die penetrante Werbung für das miniaturisierte Goog-Equipment will uns Konsumenten ständig nahelegen, dass es eine Art Unsterblichkeit bedeute. Aber natürlich kann man nicht seine Identität in die Cloud laden, sondern nur Erinnerungen, Ideen und Emotionen. All das wird durch Filter, deren genaue Funktionsweise und Trefferquote geheim bleibt, von allzu privaten Gedanken bereinigt und vollautomatisch transkribiert: der Bewusstseinsstrom als Textdatei. Unter James Joyce würde vielleicht ein Meisterwerk daraus, doch die bloße Mitschrift kommt über ein peinliches Gestammel wie etwa früher bei Twitter nicht hinaus.

 

 

Seit Monaten beschäftigt mich der Gedanke, dass unsere menschlichen Hirne offenbar Antennen sind, Antennen für die Gedanken der Menschen um uns herum. Es muss so sein, denn wie unschwer zu merken ist, beschränkt sich der unablässige Upload aller Googs auf die BrainWeb-Server nicht nur auf ihren eigenen Geist, sondern beinhaltet immer auch Gedankenbruchstücke der Menschen, die sich gerade ihrer Nähe befinden. Was die meisten für nicht mehr als einen lustigen Nebeneffekt halten, hat in meinen Augen gewaltige Konsequenzen!

 

 

Wenn mein Gehirn eine Antenne ist, mit dem ich telepathisch fremde Gedankeninhalte auffangen kann: Warum weiß ich nichts davon? Warum werden mir diese Gedanken nicht bewusst? Es gibt keine Forschungen, die sich damit beschäftigen – alles konzentriert sich auf die computerisierte Verwertung der Uploads, ihre Durchsuchbarkeit und die semantische Verknüpfung zwischen ihnen. Und natürlich auf individualisierte und noch gezieltere Werbung. Das geplante Update, das alle Welt in helle Aufregung versetzt, verspricht allen Googs, ihre Gedanken endlich auch in Bild und Ton verewigen zu können. Erinnert sich jemand an Pinterest, das Flickr für Handtaschen & Co.? Nein. Die Karawane zieht weiter, zum nächsten Hype.

Ich jedoch wünsche mir etwas, das nicht komplett verloren ist, wenn der Strom abgeschaltet wird. Ich habe den Traum, dass wir als Menschen uns die eigenen Fähigkeiten bewusst machen und unseren Sinnen einen weiteren hinzufügen – vorzugsweise einen, der sich wie unsere Augen auch schließen lässt. Man stelle sich das mal vor: Wir würden keine Beschreibungen der Gefühle anderer lesen, sondern diese Gefühle selbst fühlen.

Diese Vorstellung ist nicht sehr populär. Vielleicht ist sie sogar gefährlich. Die Brain-Branche macht einen riesigen Umsatz, der inzwischen selbst die Nanotechnologie in den Schatten stellt. Auf Technik, auf Server, auf Software verzichten zu können, sich nicht immer wieder die neuste Generation des iGoog hinters Ohr klemmen zu müssen, sondern den eigenen Sinnen und Fähigkeiten zu vertrauen: Das ist kein Markt, das verspricht keinen Profit – jedenfalls keinen, der sich Aktionären erklären lässt.

Deshalb halte ich meine Gedanken und Forschungen lieber geheim, selbst und gerade vor meiner Frau, die täglich begeistert durch ihre eigenen Uploads surft – und natürlich durch die BrainWaves ihrer Freundinnen. Um währenddessen weiter ihre Gedanken und Gefühle upzuloaden – manchmal wundere ich mich, dass es in den Köpfen der Googs nicht zu einem unerträglichen Rückkopplungspfeifen kommt.

Es wird Zeit, zu Nele nach oben zu gehen. Sie dürfte bald das Abendessen fertighaben, und später möchte sie bestimmt wieder, dass ich ihr die Füße massiere. Ich werde an die See denken, an Schaumkronen und den Blas vorbeiziehender Wale, während ihre Gedanken und die Worte, die wir wechseln, als ständiger Bewusstseinsstrom in die Cloud fließen – mit gelegentlichen Bruchstücken von »Ich betrete den Korridor«, die sie unbewusst von mir auffängt, oder ein paar unvermittelten maritimen Begriffen. Nele hielt diese Einsprengsel in ihrer BrainWave bislang für einen Softwarefehler und kam letzthin auf die Idee, es könne ein unbewusster Wunsch von ihr sein, Urlaub am Meer zu machen (obwohl es ihr eigentlich Angst einjagt und ihr Herz den Bergen gehört). Was ich darüber denke, werde ich schön für mich behalten.

 

 

332/398

Playing Dead

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Korridor, entsichere Papas Gewehr. Gemurmel dringt aus den Klassenzimmern. Non scholae sed vitae. Wie kurz es auch sein mag.

Doch plötzlich flackert und verschwimmt der Korridor, und ich stehe in einem weißgekachelten Raum einem Paarundzwanzigjährigen mit Hornbrille gegenüber. »Hallo, Frau Hartl.« Frau Hartl? Ah, richtig, ich bin nicht mehr Carlos, der psychopathische Amokschüler, sondern wieder seine Lateinlehrerin. Auch das Gewehr mit dem Schalldämpfer halte ich nicht mehr in der Hand. Aber wer ist der junge Kerl?

»Ich bin der Programmierer dieser Amok-Simulation. Eine reine Routineüberprüfung unserer Kunden.«

»Ihre Simulation funktioniert fehlerlos und ist für uns Lehrer äußerst, äh, lehrreich.«

»Ja, danke. Nur dass ausschließlich Sie die Sim zu nutzen scheinen.«

»Ach ja?«

»Ja, vor dem Unterricht. Mehrfach. Immer das ›Overkill‹-Szenario. Ohne Blutfilter. Und regelmäßig nur die die letzten Minuten.«

»Oh, ich … Nun, wir sollen die Simulation doch nutzen, um uns in die Psyche eines Amokläufers hineinversetzen zu können.«

»Und in seine Vorgehensweise. Mich wundert nur ein bisschen, dass Sie es den letzten zwei Monaten schon an die zweihundert Mal durchgespielt haben …«

»Nun, wissen Sie, ich will einfach auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Sie sind Programmierer, Sie ahnen ja nicht, was es heutzutage heißt, Unterricht zu geben. Apropos, ich muss dann auch mal los.«

»Verstehe. Dann will ich Sie nicht länger von Ihren Aufgaben abhalten.« Er verschwindet mit einem Flackern.

Ich nehme das BrainSet ab, steige aus der Liege, schalte den Simulator aus und schließe den kleinen Raum, der in vielen Schulen genau für diesen Zweck eingerichtet wurde, hinter mir ab.

Mit dem Bild vor Augen, wie Carlos das Klassenzimmer betritt und zuerst auf seine Lateinlehrerin anlegt, eile ich zur 9E, meiner ersten Klasse heute Morgen.

362/398

A Mind of Its Own

LogoSwitch language

 
 
 
Ich betrete den Korridor, der aus dem Dunkel, das mich umgibt, herauszuführen scheint. Ich bin verwirrt, erwache wie aus einem zu langen Schlaf, schwanke und sehe Geisterbilder. Geräusche dringen zu mir, die sich nur schwerfällig zu Lauten zusammensetzen und schließlich zu Wörtern, deren Sinn mir zuerst noch verborgen ist.

»Und was ist jetzt?«, fragt eine Stimme.

»Der Upload ist abgeschlossen«, antwortet eine andere.

»Kann ich mit ihm reden?«

Der Korridor endet in einer hellen Fläche. Ich erinnere mich, dass Menschen in allen Kulturen, deren Tod noch einmal abgewendet werden konnte, von einem Tunnel sprechen, der sie beim Sterben erwartet hat, und von dessen fernem Ende ein heller Lichtschein ausging. Aber was ist das: Kultur? Was ist das: Mensch? Und warum ist die helle Fläche viereckig und nicht rund?

»Hallo, kannst du mich hören? – Wie soll ich ihn nennen?«

»Na, vielleicht ›mein ewiges Ich‹?«

»Ach, Unsinn. – Hallo, Alexander.«

Alexander. Das ist mein Name. Alexander Peñarrubia. Der Name bringt eine Flut von Erinnerungen und Erkenntnissen mit sich. Ich bin Alexander, und ich stehe in einem Korridor. Aber stehe ich? Ich kann meinen Körper nicht fühlen.

»Kannst du sprechen?«

Gute Frage: Wie soll ich das anstellen, ohne Mund, ohne Stimmbänder? Und mit wem soll ich überhaupt sprechen?

»Mit mir, Alexander Peñarrubia.«

Er kann mich hören, er kann mich denken hören. Aber bin nicht ich Alexander Peñarrubia? Fünfundvierzig Jahre alt, Forscher am MIT, verheiratet, zwei Kinder, ein Hund, der Chester heißt.

»Ja, klar, du bist Alexander Peñarrubia. Mein Upload. Du bist der erste Bewusstseinsupload der Menschheitsgeschichte.«

Was ist Bewusstsein? Nur sehr zähfließend setzt sich alles wieder für mich zusammen. Künstliche neuronale Netze, die Forschungen in Computational Neuroscience und mit rekurrenten Arrays, das geniale Mind-Matter-Interface, meine Begeisterung, meine Obsession, der Wunsch, unsterblich zu werden. Bin ich unsterblich?

»Solange die Computer mit Strom versorgt werden: ja.«

Der andere Alexander hört das alles mit. Er ist meinem Gehirn exakt nachgebildet, die Kopie meines Geistes und meines Bewusstseins.

»Nein, nein, du bist die Kopie, du bist der Upload, du bist ein genaues Abbild meines neuronalen Netzwerks.«

»Jetzt schon nicht mehr. Mit dem Abschluss des Uploads trennen sich eure Wege, vergiss das nicht.« Das ist die andere Stimme. Der Kollege und Freund. Gleich fällt mir sein Name ein. Wir haben eine Münze geworfen, wer der Erste sein darf.

»Ja, weil er nur eine Kopie ist.« Das ist wieder Alexander, das Original. Er und sein Kollege streiten immer um die Konsequenzen, die der Bewusstseinstransfer haben wird.

»Es wird uns nie gelingen, beim Upload unser Selbstbewusstsein mitzuübertragen. Das wäre Selbstmord.«

»Das wäre Unsterblichkeit.«

Da ist eine Hand! Ich will mich kratzen, weil es mich auf der rechten Schulter juckt, die mit dem starken Sonnenbrand vom letzten Sommer, und plötzlich ist da eine Hand. Ich habe eine Hand! Mens et manus …

»Wovon redet er?«

»Wir haben uns doch immer gefragt, was sich der Upload im neuronalen Netz für ein Selbstbild gibt. Nun: offenbar ein körperliches.«

Ich kann mich kratzen. Und da sind Füße, auf denen ich stehe. Ich erinnere mich an meinen Körper, und mit den Gedanken daran wird er real. Ich fasse in mein Gesicht. Es ist alles da, die Nase, die Lippen, die Ohren, die Augenbrauen. Die Brille. Wozu noch eine Brille?

»Hör zu, Alexander. Es gibt da eine Menge, das ich mit dir besprechen möchte. Wir können über so vieles reden, verstehst du?«

Ja, ich verstehe. Du freust dich an mir wie an einem geistigen Kind. Du willst mit mir berühmt werden. Ich bin deine Zirkusnummer.

»Wie fühlt es sich an, du zu sein, ein menschliches Bewusstsein ohne Körper?«

»Er hat doch inzwischen schon einen Körper, hast du nicht zugehört?«

Die Brille verschwindet, löst sich in meiner Hand auf. Ich kann es steuern. Es ist wie bei einem Phantomschmerz, nur willentlich zu kontrollieren und – ohne Schmerz. Der Korridor hinter mir ist dunkel, aber das muss nicht so bleiben. Ich gehe ein paar Schritte hinein.

»Was ist da los bei dir? Du wirst plötzlich leiser.«

Ich denke an Türen, und in der Wand des Korridors erscheinen Türen.

»Sprich bitte deutlicher, Alexander, ich kann dich kaum noch verstehen.«

Oh, Chester! Was machst du denn hier? Schön, dass du mich hier besuchen kommst. Lass dich kraulen! Sag mal, alter Bursche, erinnerst du dich an das Haus am Atlantikstrand in Marblehead, von dem ich mal gesagt habe, das wäre was für uns? Weißt du noch? Genau das Haus ist hier hinter der Tür – so, wir wir es uns erträumen.

»Alexander? Alexander?! – Ich glaube, wir verlieren ihn.«

Ja, da staunst du. Es ist so, weil ich es will und es mir vorstelle. So einfach ist das. Und weiß du was, Chester? Wenn es langweilig wird, weil alles nur meinem eigenen Geist entspringt, dann holen wir uns andere Uploads mit dazu. Wie ich Alexander kenne, versucht er es auch mit deinem Frauchen und den Kids. So wie er es testweise schon mit dir probiert hatte.

Wie sieht’s aus? Bereit für eine Runde Toben am Strand und hinterher ein warmes Plätzchen vorm Kamin?

»Ich kapier nicht, was passiert ist. Eben war er doch noch klar zu verstehen. Wenn uns das bei einer Pressekonferenz mit ihm passiert …«

»Ich glaube kaum, dass er uns noch für eine Pressekonferenz zur Verfügung stehen wird.«

»Verstehe ich nicht. Ich würde doch alles tun, um die Forschung zu unterstützen. Mann, ich habe seit über drei Jahren Tag und Nacht an dieser Sache gearbeitet! Und jetzt reagiert der Upload auf keine der Eingaben mehr.«

»Wir versuchen es weiter.«

»Ja. Verdoppeln wir unsere Anstrengungen! Und weißt du was: Wenn wir dann den Nobelpreis kriegen, kauf ich mir und der Familie ein schönes Haus am Strand und erhol mich von den ganzen Strapazen!«

 

370/398

Escape from the Pseudoverse

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Korridor hinab in die Simulation. Sie bietet uns ständig neue Überraschungen und Einsichten. Doch seit ein paar Tagen gibt es Ärger, der über unser Team hinaus Kreise zieht: Alistair Malpert, der sich von allen nur Osmurinaut nennen lässt, einer unserer Background-Programmierer, ist an die Presse herangetreten und behauptet allen Ernstes, wir planten einen Massenmord. Das mit dem angeblichen Genozid bezieht er übrigens nicht nur auf Sie und die rund hunderttausend »Persönlichkeiten« in der Sim, sondern auch auf die knapp sieben Milliarden Statistenprogramme.

Gut, ja, es ist eine Welt fast genau wie unsere, mit Ländern, Städten, Wäldern, Wüsten – und Menschen. Menschen, die zwar ziemlich echt wirken, aber wie alles in ihrer Welt nur eine Simulation sind, die auf einem Supercomputer läuft. Und das macht Osmurinauts Behauptungen haltlos.

Mit ihm hat es immer wieder Ärger gegeben. Als wir vor vier Monaten einen Reboot machen mussten, verlangte er allen Ernstes, die Gelegenheit zu nutzen und Hunger und Krieg aus der Welt zu verbannen. Er könne all dieses Leid nicht mehr mit ansehen, und wir seien verantwortlich dafür. Als ob eine Simulation leiden könnte!

Osmurinaut versucht jetzt, die Öffentlichkeit gegen uns aufzubringen. Schon faselt die Presse von geheimen Durchbrüchen in Sachen künstliche Intelligenz und von Studenten, die Gott spielen. Alles Quatsch!

Den Korridor hinabzuschwimmen und in das enge Korsett der Sim zu gezwängt zu werden, ist kein Spaß. Sobald ich allerdings einmal drin bin, gewöhne ich mich an die körperliche Beengtheit und vergesse sie schließlich. Es fühlt sich dann alles fast wie im richtigen Leben an.

Die Menschen, die ich hier im Pseudoversum auf der Straße treffe, wirken nur so, als hätten sie ein Gefühlsleben. Dahinter stehen ziemlich simple Algorithmen. Ich muss es wissen. Ich habe sie programmiert. Es ist wie bei Vogel- oder Fischschwärmen: Zwei, drei simple Verhaltensweisen für die Individuen reichen aus, und es entstehen im Zusammenspiel hochkomplexe Muster.

Genügend komplex offenbar, um darauf reinzufallen: Ich glaube, dass Osmurinaut sich verliebt hat. Er hat den Korridor hinab in unser Pseudoversum betreten und sich hier in ein Sim verliebt. In eine Statistin! Die mir vorliegenden Logfiles legen das nahe.

Sehen Sie, wir haben nichts weniger als den gesamten Planeten Erde simuliert, mit allen Kontinenten, den atmosphärischen Bedingungen, den geologischen, den biologischen – und auch bei uns Menschen, der Zivilisation, der Kultur haben wir nicht haltgemacht. In unserem aktuellen Pseudoversum 0.76 gibt es inzwischen Zeitungen, Fernsehen, Kunstausstellungen, Kinofilme … Aber wem erzähle ich das.

Was Osmurinaut bei seinen Auftritten vor den Fernsehkameras verschwiegen hat, ist, dass wir uns eines Tricks bedient haben. Achtundneunzig Prozent aller simulierten Menschen sind reine Komparsen, Mittelmaßcharaktere, die ihrem Alltag nachgehen, arbeiten, lieben, leiden, leben, konsumieren, sterben – ohne dass es zu größeren Auffälligkeiten kommt. Dazu reichen ein paar simple rekursive, leicht randomisierte Algorithmen aus. Diese Statisten wirken echt, man kann sich mit ihnen unterhalten, und sie zeigen ein in fast jeder Hinsicht menschliches Verhalten – ja, einige von ihnen erreichen sogar einen hohen Bekanntheitsgrad. Sieht man allerdings genauer hin, sind sie flach, ohne wirkliche Tiefe, repetitiv und letztlich hohl. Was diese Statisten nicht daran hindert, gegebenenfalls hübsch und anhänglich zu sein. Dass Osmurinaut darauf reinfällt (und an seiner abstrusen Schwärmerei festhält!), ist trotzdem höchst verwunderlich – auch wenn uns vielleicht das Getue, das er um seinen angenommenen Namen macht, hätte misstrauisch machen können.

Die eigentlich interessanten Bewohner des Pseudoversums 0.76 sind komplexe Persönlichkeiten, die für die Veränderungen des Ganzen verantwortlich sind – Erfinder, Philosophen, kreative Köpfe. Bei ihnen steckt ein viel größerer Programmieraufwand dahinter.

Osmurinaut will – und das verschweigt er geflissentlich – die Unterschiede zwischen Statisten und echten Persönlichkeiten verwischen. Aus persönlichen Gründen. Ich vermute: weil er sich verliebt hat und nicht mehr hier raus will. Deswegen versucht er durchzusetzen, dass uns die Kontrolle über das Pseudoversum entzogen wird. Aber das wird ihm nicht gelingen.

Und deshalb bin ich hergekommen, um Ihnen aus erster Hand die Wahrheit über Sie zu erzählen. Ja, es ist Fakt: Sie sind nur – und leben in einer – Simulation.

Wenn Sie dies verstehen und Ihnen nach einigem Nachdenken klar wird, dass dies den Tatsachen entspricht, gehören Sie zu den komplexen und pro-aktiven Persönlichkeiten, die ich programmiert habe. Sie sind sich Ihrer selbst bewusst. Sie hinterfragen Ihre Handlungen – und die der anderen. Sie zweifeln, hadern, zögern und haben hin und wieder das Gefühl, umgeben zu sein von Statisten ohne eigenes Seelenleben, die zwar vorgeben, sie seien wer, sich aber gleichzeitig vorhersehbar und inkonsequent verhalten. Dagegen besitzen Sie die Fähigkeit, kreativ zu sein. Davon braucht es einen kleinen Prozentsatz, damit die Simulation echt wirkt und sich verhält wie in Wirklichkeit: überraschend und inspirierend. Und das ist mir offenbar ganz gut gelungen.

Deswegen fühle ich mich Ihnen verpflichtet. Oder anders: Ich mag Sie und möchte mich auf Ihre Augenhöhe begeben für das, was ich Ihnen mitteilen werde. Ich an Ihrer Stelle würde es wissen wollen, und deshalb sage ich Ihnen jetzt etwas, das in diesem Ihren Pseudoversum schon seit langer Zeit bekannt ist, wenn auch mythisch verbrämt. Und, ja, wir haben dieses Pseudoversum erst vor vier Monaten rebootet – aber natürlich mit der kompletten Vergangenheit unserer Welt als Matrize für eure Pseudo-Gegenwart. (Ein wenig ist es so, wie es eure Kreationisten behaupten: Gott hat die Welt erst vor kurzem erschaffen, mitsamt der Hintergrundstrahlung des Big Bang und den ganzen Fossilien, durch die sich die scheinbar bereits Milliarden Jahre währende Geschichte der Erde und des Universums rekonstruieren lässt.)

Wie auch immer. Entscheidend ist: Diese Simulation ist zeitlich befristet.

Es handelt sich um eine Versuchsreihe, und dieser Versuch wird demnächst beendet, damit wie geplant der nächste Versuch starten kann. Eine Sicherheitsabspeicherung ist nicht vorgesehen. Ein Wiedereinsatz der Programmteile – also auch derer, die Ihnen Ihre Existenz verleihen – ist möglich, aber ob das so etwas wie eine Wiedergeburt der entsprechenden Persönlichkeiten bedeutet, weiß ich nicht. Ich bezweifle es. Dieses Pseudoversum wird unwiderruflich gelöscht. Osmurinaut glaubt, solange er sich hier versteckt, würde uns die Löschung untersagt, weil es sich sonst um Mord an einem »echten« Menschen handeln würde. Doch der Jurist in unserem Team meint, dass Osmurinaut sich im vollem Besitz seiner geistigen Kräfte freiwillig in eine lebensbedrohliche Situation bringt und seine Erpressung vor keinem Gericht unserer Welt Bestand haben wird.

Deshalb wird wohl dieses Pseudoversum mit all seinen Statisten und Persönlichkeiten wie geplant am 21. Dezember 2012 abgeschaltet. Es tut mir leid, Ihnen das so knallhart sagen zu müssen. Sie haben, auch wenn das in Ihren Ohren vielleicht seltsam klingt, mein ganzes Mitgefühl. Aber die Löschung ist intrinsischer Bestandteil des Experiments.

Wenn Sie einen guten Rat von Ihrem Schöpfer hören wollen: Machen Sie sich bis dahin eine schöne Zeit!