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Escape from the Pseudoverse
Ich betrete den Korridor hinab in die Simulation. Sie bietet uns ständig neue Überraschungen und Einsichten. Doch seit ein paar Tagen gibt es Ärger, der über unser Team hinaus Kreise zieht: Alistair Malpert, der sich von allen nur Osmurinaut nennen lässt, einer unserer Background-Programmierer, ist an die Presse herangetreten und behauptet allen Ernstes, wir planten einen Massenmord. Das mit dem angeblichen Genozid bezieht er übrigens nicht nur auf Sie und die rund hunderttausend »Persönlichkeiten« in der Sim, sondern auch auf die knapp sieben Milliarden Statistenprogramme.
Gut, ja, es ist eine Welt fast genau wie unsere, mit Ländern, Städten, Wäldern, Wüsten – und Menschen. Menschen, die zwar ziemlich echt wirken, aber wie alles in ihrer Welt nur eine Simulation sind, die auf einem Supercomputer läuft. Und das macht Osmurinauts Behauptungen haltlos.
Mit ihm hat es immer wieder Ärger gegeben. Als wir vor vier Monaten einen Reboot machen mussten, verlangte er allen Ernstes, die Gelegenheit zu nutzen und Hunger und Krieg aus der Welt zu verbannen. Er könne all dieses Leid nicht mehr mit ansehen, und wir seien verantwortlich dafür. Als ob eine Simulation leiden könnte!
Osmurinaut versucht jetzt, die Öffentlichkeit gegen uns aufzubringen. Schon faselt die Presse von geheimen Durchbrüchen in Sachen künstliche Intelligenz und von Studenten, die Gott spielen. Alles Quatsch!
Den Korridor hinabzuschwimmen und in das enge Korsett der Sim zu gezwängt zu werden, ist kein Spaß. Sobald ich allerdings einmal drin bin, gewöhne ich mich an die körperliche Beengtheit und vergesse sie schließlich. Es fühlt sich dann alles fast wie im richtigen Leben an.
Die Menschen, die ich hier im Pseudoversum auf der Straße treffe, wirken nur so, als hätten sie ein Gefühlsleben. Dahinter stehen ziemlich simple Algorithmen. Ich muss es wissen. Ich habe sie programmiert. Es ist wie bei Vogel- oder Fischschwärmen: Zwei, drei simple Verhaltensweisen für die Individuen reichen aus, und es entstehen im Zusammenspiel hochkomplexe Muster.
Genügend komplex offenbar, um darauf reinzufallen: Ich glaube, dass Osmurinaut sich verliebt hat. Er hat den Korridor hinab in unser Pseudoversum betreten und sich hier in ein Sim verliebt. In eine Statistin! Die mir vorliegenden Logfiles legen das nahe.
Sehen Sie, wir haben nichts weniger als den gesamten Planeten Erde simuliert, mit allen Kontinenten, den atmosphärischen Bedingungen, den geologischen, den biologischen – und auch bei uns Menschen, der Zivilisation, der Kultur haben wir nicht haltgemacht. In unserem aktuellen Pseudoversum 0.76 gibt es inzwischen Zeitungen, Fernsehen, Kunstausstellungen, Kinofilme … Aber wem erzähle ich das.
Was Osmurinaut bei seinen Auftritten vor den Fernsehkameras verschwiegen hat, ist, dass wir uns eines Tricks bedient haben. Achtundneunzig Prozent aller simulierten Menschen sind reine Komparsen, Mittelmaßcharaktere, die ihrem Alltag nachgehen, arbeiten, lieben, leiden, leben, konsumieren, sterben – ohne dass es zu größeren Auffälligkeiten kommt. Dazu reichen ein paar simple rekursive, leicht randomisierte Algorithmen aus. Diese Statisten wirken echt, man kann sich mit ihnen unterhalten, und sie zeigen ein in fast jeder Hinsicht menschliches Verhalten – ja, einige von ihnen erreichen sogar einen hohen Bekanntheitsgrad. Sieht man allerdings genauer hin, sind sie flach, ohne wirkliche Tiefe, repetitiv und letztlich hohl. Was diese Statisten nicht daran hindert, gegebenenfalls hübsch und anhänglich zu sein. Dass Osmurinaut darauf reinfällt (und an seiner abstrusen Schwärmerei festhält!), ist trotzdem höchst verwunderlich – auch wenn uns vielleicht das Getue, das er um seinen angenommenen Namen macht, hätte misstrauisch machen können.
Die eigentlich interessanten Bewohner des Pseudoversums 0.76 sind komplexe Persönlichkeiten, die für die Veränderungen des Ganzen verantwortlich sind – Erfinder, Philosophen, kreative Köpfe. Bei ihnen steckt ein viel größerer Programmieraufwand dahinter.
Osmurinaut will – und das verschweigt er geflissentlich – die Unterschiede zwischen Statisten und echten Persönlichkeiten verwischen. Aus persönlichen Gründen. Ich vermute: weil er sich verliebt hat und nicht mehr hier raus will. Deswegen versucht er durchzusetzen, dass uns die Kontrolle über das Pseudoversum entzogen wird. Aber das wird ihm nicht gelingen.
Und deshalb bin ich hergekommen, um Ihnen aus erster Hand die Wahrheit über Sie zu erzählen. Ja, es ist Fakt: Sie sind nur – und leben in einer – Simulation.
Wenn Sie dies verstehen und Ihnen nach einigem Nachdenken klar wird, dass dies den Tatsachen entspricht, gehören Sie zu den komplexen und pro-aktiven Persönlichkeiten, die ich programmiert habe. Sie sind sich Ihrer selbst bewusst. Sie hinterfragen Ihre Handlungen – und die der anderen. Sie zweifeln, hadern, zögern und haben hin und wieder das Gefühl, umgeben zu sein von Statisten ohne eigenes Seelenleben, die zwar vorgeben, sie seien wer, sich aber gleichzeitig vorhersehbar und inkonsequent verhalten. Dagegen besitzen Sie die Fähigkeit, kreativ zu sein. Davon braucht es einen kleinen Prozentsatz, damit die Simulation echt wirkt und sich verhält wie in Wirklichkeit: überraschend und inspirierend. Und das ist mir offenbar ganz gut gelungen.
Deswegen fühle ich mich Ihnen verpflichtet. Oder anders: Ich mag Sie und möchte mich auf Ihre Augenhöhe begeben für das, was ich Ihnen mitteilen werde. Ich an Ihrer Stelle würde es wissen wollen, und deshalb sage ich Ihnen jetzt etwas, das in diesem Ihren Pseudoversum schon seit langer Zeit bekannt ist, wenn auch mythisch verbrämt. Und, ja, wir haben dieses Pseudoversum erst vor vier Monaten rebootet – aber natürlich mit der kompletten Vergangenheit unserer Welt als Matrize für eure Pseudo-Gegenwart. (Ein wenig ist es so, wie es eure Kreationisten behaupten: Gott hat die Welt erst vor kurzem erschaffen, mitsamt der Hintergrundstrahlung des Big Bang und den ganzen Fossilien, durch die sich die scheinbar bereits Milliarden Jahre währende Geschichte der Erde und des Universums rekonstruieren lässt.)
Wie auch immer. Entscheidend ist: Diese Simulation ist zeitlich befristet.
Es handelt sich um eine Versuchsreihe, und dieser Versuch wird demnächst beendet, damit wie geplant der nächste Versuch starten kann. Eine Sicherheitsabspeicherung ist nicht vorgesehen. Ein Wiedereinsatz der Programmteile – also auch derer, die Ihnen Ihre Existenz verleihen – ist möglich, aber ob das so etwas wie eine Wiedergeburt der entsprechenden Persönlichkeiten bedeutet, weiß ich nicht. Ich bezweifle es. Dieses Pseudoversum wird unwiderruflich gelöscht. Osmurinaut glaubt, solange er sich hier versteckt, würde uns die Löschung untersagt, weil es sich sonst um Mord an einem »echten« Menschen handeln würde. Doch der Jurist in unserem Team meint, dass Osmurinaut sich im vollem Besitz seiner geistigen Kräfte freiwillig in eine lebensbedrohliche Situation bringt und seine Erpressung vor keinem Gericht unserer Welt Bestand haben wird.
Deshalb wird wohl dieses Pseudoversum mit all seinen Statisten und Persönlichkeiten wie geplant am 21. Dezember 2012 abgeschaltet. Es tut mir leid, Ihnen das so knallhart sagen zu müssen. Sie haben, auch wenn das in Ihren Ohren vielleicht seltsam klingt, mein ganzes Mitgefühl. Aber die Löschung ist intrinsischer Bestandteil des Experiments.
Wenn Sie einen guten Rat von Ihrem Schöpfer hören wollen: Machen Sie sich bis dahin eine schöne Zeit!