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A Mind of Its Own

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der aus dem Dunkel, das mich umgibt, her­auszuführen scheint. Ich bin ver­wirrt, erwache wie aus einem zu lan­gen Schlaf, schwanke und sehe Geis­ter­bilder. Geräusche drin­gen zu mir, die sich nur schw­er­fäl­lig zu Laut­en zusam­menset­zen und schließlich zu Wörtern, deren Sinn mir zuerst noch ver­bor­gen ist.

»Und was ist jet­zt?«, fragt eine Stimme.

»Der Upload ist abgeschlossen«, antwortet eine andere.

»Kann ich mit ihm reden?«

Der Kor­ri­dor endet in ein­er hellen Fläche. Ich erin­nere mich, dass Men­schen in allen Kul­turen, deren Tod noch ein­mal abgewen­det wer­den kon­nte, von einem Tun­nel sprechen, der sie beim Ster­ben erwartet hat, und von dessen fer­nem Ende ein heller Lichtschein aus­ging. Aber was ist das: Kul­tur? Was ist das: Men­sch? Und warum ist die helle Fläche viereck­ig und nicht rund?

»Hal­lo, kannst du mich hören? – Wie soll ich ihn nen­nen?«

»Na, vielle­icht ›mein ewiges Ich‹?«

»Ach, Unsinn. – Hal­lo, Alexan­der.«

Alexan­der. Das ist mein Name. Alexan­der Peñar­ru­bia. Der Name bringt eine Flut von Erin­nerun­gen und Erken­nt­nis­sen mit sich. Ich bin Alexan­der, und ich ste­he in einem Kor­ri­dor. Aber ste­he ich? Ich kann meinen Kör­p­er nicht fühlen.

»Kannst du sprechen?«

Gute Frage: Wie soll ich das anstellen, ohne Mund, ohne Stimm­bän­der? Und mit wem soll ich über­haupt sprechen?

»Mit mir, Alexan­der Peñar­ru­bia.«

Er kann mich hören, er kann mich denken hören. Aber bin nicht ich Alexan­der Peñar­ru­bia? Fün­fund­vierzig Jahre alt, Forsch­er am MIT, ver­heiratet, zwei Kinder, ein Hund, der Chester heißt.

»Ja, klar, du bist Alexan­der Peñar­ru­bia. Mein Upload. Du bist der erste Bewusst­sein­su­pload der Men­schheits­geschichte.«

Was ist Bewusst­sein? Nur sehr zäh­fließend set­zt sich alles wieder für mich zusam­men. Kün­stliche neu­ronale Net­ze, die Forschun­gen in Com­pu­ta­tion­al Neu­ro­science und mit rekur­renten Arrays, das geniale Mind-Mat­ter-Inter­face, meine Begeis­terung, meine Obses­sion, der Wun­sch, unsterblich zu wer­den. Bin ich unsterblich?

»Solange die Com­put­er mit Strom ver­sorgt wer­den: ja.«

Der andere Alexan­der hört das alles mit. Er ist meinem Gehirn exakt nachge­bildet, die Kopie meines Geistes und meines Bewusst­seins.

»Nein, nein, du bist die Kopie, du bist der Upload, du bist ein genaues Abbild meines neu­ronalen Net­zw­erks.«

»Jet­zt schon nicht mehr. Mit dem Abschluss des Uploads tren­nen sich eure Wege, ver­giss das nicht.« Das ist die andere Stimme. Der Kol­lege und Fre­und. Gle­ich fällt mir sein Name ein. Wir haben eine Münze gewor­fen, wer der Erste sein darf.

»Ja, weil er nur eine Kopie ist.« Das ist wieder Alexan­der, das Orig­i­nal. Er und sein Kol­lege stre­it­en immer um die Kon­se­quen­zen, die der Bewusst­se­in­strans­fer haben wird.

»Es wird uns nie gelin­gen, beim Upload unser Selb­st­be­wusst­sein mitzuüber­tra­gen. Das wäre Selb­st­mord.«

»Das wäre Unsterblichkeit.«

Da ist eine Hand! Ich will mich kratzen, weil es mich auf der recht­en Schul­ter juckt, die mit dem starken Son­nen­brand vom let­zten Som­mer, und plöt­zlich ist da eine Hand. Ich habe eine Hand! Mens et manus …

»Wovon redet er?«

»Wir haben uns doch immer gefragt, was sich der Upload im neu­ronalen Netz für ein Selb­st­bild gibt. Nun: offen­bar ein kör­per­lich­es.«

Ich kann mich kratzen. Und da sind Füße, auf denen ich ste­he. Ich erin­nere mich an meinen Kör­p­er, und mit den Gedanken daran wird er real. Ich fasse in mein Gesicht. Es ist alles da, die Nase, die Lip­pen, die Ohren, die Augen­brauen. Die Brille. Wozu noch eine Brille?

»Hör zu, Alexan­der. Es gibt da eine Menge, das ich mit dir besprechen möchte. Wir kön­nen über so vieles reden, ver­stehst du?«

Ja, ich ver­ste­he. Du freust dich an mir wie an einem geisti­gen Kind. Du willst mit mir berühmt wer­den. Ich bin deine Zirkus­num­mer.

»Wie fühlt es sich an, du zu sein, ein men­schlich­es Bewusst­sein ohne Kör­p­er?«

»Er hat doch inzwis­chen schon einen Kör­p­er, hast du nicht zuge­hört?«

Die Brille ver­schwindet, löst sich in mein­er Hand auf. Ich kann es steuern. Es ist wie bei einem Phan­tom­schmerz, nur wil­lentlich zu kon­trol­lieren und – ohne Schmerz. Der Kor­ri­dor hin­ter mir ist dunkel, aber das muss nicht so bleiben. Ich gehe ein paar Schritte hinein.

»Was ist da los bei dir? Du wirst plöt­zlich leis­er.«

Ich denke an Türen, und in der Wand des Kor­ri­dors erscheinen Türen.

»Sprich bitte deut­lich­er, Alexan­der, ich kann dich kaum noch ver­ste­hen.«

Oh, Chester! Was machst du denn hier? Schön, dass du mich hier besuchen kommst. Lass dich kraulen! Sag mal, alter Bursche, erin­nerst du dich an das Haus am Atlantik­strand in Mar­ble­head, von dem ich mal gesagt habe, das wäre was für uns? Weißt du noch? Genau das Haus ist hier hin­ter der Tür – so, wir wir es uns erträu­men.

»Alexan­der? Alexan­der?! – Ich glaube, wir ver­lieren ihn.«

Ja, da staunst du. Es ist so, weil ich es will und es mir vorstelle. So ein­fach ist das. Und weiß du was, Chester? Wenn es lang­weilig wird, weil alles nur meinem eige­nen Geist entspringt, dann holen wir uns andere Uploads mit dazu. Wie ich Alexan­der kenne, ver­sucht er es auch mit deinem Frauchen und den Kids. So wie er es test­weise schon mit dir pro­biert hat­te.

Wie sieht’s aus? Bere­it für eine Runde Toben am Strand und hin­ter­her ein warmes Plätzchen vorm Kamin?

»Ich kapi­er nicht, was passiert ist. Eben war er doch noch klar zu ver­ste­hen. Wenn uns das bei ein­er Pressekon­ferenz mit ihm passiert …«

»Ich glaube kaum, dass er uns noch für eine Pressekon­ferenz zur Ver­fü­gung ste­hen wird.«

»Ver­ste­he ich nicht. Ich würde doch alles tun, um die Forschung zu unter­stützen. Mann, ich habe seit über drei Jahren Tag und Nacht an dieser Sache gear­beit­et! Und jet­zt reagiert der Upload auf keine der Eingaben mehr.«

»Wir ver­suchen es weit­er.«

»Ja. Ver­dop­peln wir unsere Anstren­gun­gen! Und weißt du was: Wenn wir dann den Nobel­preis kriegen, kauf ich mir und der Fam­i­lie ein schönes Haus am Strand und erhol mich von den ganzen Stra­pazen!«

 

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