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The Calm

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Ich betrete den Kor­ri­dor zum alten Koh­len­kel­ler, den ich kom­plett mit Alu­mi­nium aus­ge­klei­det habe. Erschöpft lasse ich mich auf den Hocker sin­ken, der hier noch immer steht, damit ich die Folie auch an die Decke kle­ben konnte. Sie macht den Kor­ri­dor zum Fara­day­schen Käfig, durch den keine elek­tri­schen Fel­der nach außen drin­gen.

 

 

Nie­mand hat es kom­men sehen, aber die immer bes­sere Abde­ckung unse­rer Lebens­welt mit immer schnel­le­ren Funk­ver­bin­dun­gen ins Inter­net hat schließ­lich zu quan­ten­phy­si­ka­li­schen Wech­sel­wir­kun­gen mit den elek­tri­schen Fel­dern des mensch­li­chen Hirns geführt. Wis­sen­schaft­ler führ­ten von Unschär­fe­re­la­tion bis M‑Theorie alles ins Feld, was sie auf­bie­ten kön­nen, um das Phä­no­men auf diese Weise beredt zu erklä­ren – wenn auch erst hin­ter­her. Keine ihrer Theo­rien hat vor­her­ge­sagt, dass WLAN-Rou­ter und Mobil­funk­zel­len in der Lage sein wür­den, unsere Gedan­ken auf­zu­fan­gen. Und ebenso wenig, dass die geballte Rechen­kraft der Cloud fähig sein würde, diese unsere Gedan­ken anhand ihrer elek­tri­schen Fluk­tua­tio­nen zu ent­schlüs­seln.

 

 

Vie­len scheint der Upload der eige­nen Gedan­ken und Gefühle ins Brain­Web ver­füh­re­risch, und die pene­trante Wer­bung für das minia­tu­ri­sierte Goog-Equip­ment will uns Kon­su­men­ten stän­dig nahe­le­gen, dass es eine Art Unsterb­lich­keit bedeute. Aber natür­lich kann man nicht seine Iden­ti­tät in die Cloud laden, son­dern nur Erin­ne­run­gen, Ideen und Emo­tio­nen. All das wird durch Fil­ter, deren genaue Funk­ti­ons­weise und Tref­fer­quote geheim bleibt, von allzu pri­va­ten Gedan­ken berei­nigt und voll­au­to­ma­tisch tran­skri­biert: der Bewusst­seins­strom als Text­da­tei. Unter James Joyce würde viel­leicht ein Meis­ter­werk dar­aus, doch die bloße Mit­schrift kommt über ein pein­li­ches Gestam­mel wie etwa frü­her bei Twit­ter nicht hin­aus.

 

 

Seit Mona­ten beschäf­tigt mich der Gedanke, dass unsere mensch­li­chen Hirne offen­bar Anten­nen sind, Anten­nen für die Gedan­ken der Men­schen um uns herum. Es muss so sein, denn wie unschwer zu mer­ken ist, beschränkt sich der unab­läs­sige Upload aller Googs auf die Brain­Web-Ser­ver nicht nur auf ihren eige­nen Geist, son­dern beinhal­tet immer auch Gedan­ken­bruch­stü­cke der Men­schen, die sich gerade ihrer Nähe befin­den. Was die meis­ten für nicht mehr als einen lus­ti­gen Neben­ef­fekt hal­ten, hat in mei­nen Augen gewal­tige Kon­se­quen­zen!

 

 

Wenn mein Gehirn eine Antenne ist, mit dem ich tele­pa­thisch fremde Gedan­ken­in­halte auf­fan­gen kann: Warum weiß ich nichts davon? Warum wer­den mir diese Gedan­ken nicht bewusst? Es gibt keine For­schun­gen, die sich damit beschäf­ti­gen – alles kon­zen­triert sich auf die com­pu­te­ri­sierte Ver­wer­tung der Uploads, ihre Durch­such­bar­keit und die seman­ti­sche Ver­knüp­fung zwi­schen ihnen. Und natür­lich auf indi­vi­dua­li­sierte und noch geziel­tere Wer­bung. Das geplante Update, das alle Welt in helle Auf­re­gung ver­setzt, ver­spricht allen Googs, ihre Gedan­ken end­lich auch in Bild und Ton ver­ewi­gen zu kön­nen. Erin­nert sich jemand an Pin­te­rest, das Flickr für Hand­ta­schen & Co.? Nein. Die Kara­wane zieht wei­ter, zum nächs­ten Hype.

Ich jedoch wün­sche mir etwas, das nicht kom­plett ver­lo­ren ist, wenn der Strom abge­schal­tet wird. Ich habe den Traum, dass wir als Men­schen uns die eige­nen Fähig­kei­ten bewusst machen und unse­ren Sin­nen einen wei­te­ren hin­zu­fü­gen – vor­zugs­weise einen, der sich wie unsere Augen auch schlie­ßen lässt. Man stelle sich das mal vor: Wir wür­den keine Beschrei­bun­gen der Gefühle ande­rer lesen, son­dern diese Gefühle selbst füh­len.

Diese Vor­stel­lung ist nicht sehr popu­lär. Viel­leicht ist sie sogar gefähr­lich. Die Brain-Bran­che macht einen rie­si­gen Umsatz, der inzwi­schen selbst die Nano­tech­no­lo­gie in den Schat­ten stellt. Auf Tech­nik, auf Ser­ver, auf Soft­ware ver­zich­ten zu kön­nen, sich nicht immer wie­der die neuste Gene­ra­tion des iGoog hin­ters Ohr klem­men zu müs­sen, son­dern den eige­nen Sin­nen und Fähig­kei­ten zu ver­trauen: Das ist kein Markt, das ver­spricht kei­nen Pro­fit – jeden­falls kei­nen, der sich Aktio­nä­ren erklä­ren lässt.

Des­halb halte ich meine Gedan­ken und For­schun­gen lie­ber geheim, selbst und gerade vor mei­ner Frau, die täg­lich begeis­tert durch ihre eige­nen Uploads surft – und natür­lich durch die Brain­Wa­ves ihrer Freun­din­nen. Um wäh­rend­des­sen wei­ter ihre Gedan­ken und Gefühle upzu­loa­den – manch­mal wun­dere ich mich, dass es in den Köp­fen der Googs nicht zu einem uner­träg­li­chen Rück­kopp­lungs­pfei­fen kommt.

Es wird Zeit, zu Nele nach oben zu gehen. Sie dürfte bald das Abend­essen fer­tig­ha­ben, und spä­ter möchte sie bestimmt wie­der, dass ich ihr die Füße mas­siere. Ich werde an die See den­ken, an Schaum­kro­nen und den Blas vor­bei­zie­hen­der Wale, wäh­rend ihre Gedan­ken und die Worte, die wir wech­seln, als stän­di­ger Bewusst­seins­strom in die Cloud flie­ßen – mit gele­gent­li­chen Bruch­stü­cken von »Ich betrete den Kor­ri­dor«, die sie unbe­wusst von mir auf­fängt, oder ein paar unver­mit­tel­ten mari­ti­men Begrif­fen. Nele hielt diese Ein­spreng­sel in ihrer Brain­Wave bis­lang für einen Soft­ware­feh­ler und kam letzt­hin auf die Idee, es könne ein unbe­wuss­ter Wunsch von ihr sein, Urlaub am Meer zu machen (obwohl es ihr eigent­lich Angst ein­jagt und ihr Herz den Ber­gen gehört). Was ich dar­über denke, werde ich schön für mich behal­ten.

 

 

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Mol­lys Mono­log in James Joyce Ulys­ses: