291/398
The Calm
Ich betrete den Korridor zum alten Kohlenkeller, den ich komplett mit Aluminium ausgekleidet habe. Erschöpft lasse ich mich auf den Hocker sinken, der hier noch immer steht, damit ich die Folie auch an die Decke kleben konnte. Sie macht den Korridor zum Faradayschen Käfig, durch den keine elektrischen Felder nach außen dringen.
(»Ich betrete den Korridor« ist mein Mantra erster Ebene, und natürlich hat es seinen Ursprung hier im Keller; ich wiederhole es ständig, wenn ich oben in der Wohnung bin, seit Nele ein Goog ist.)
Niemand hat es kommen sehen, aber die immer bessere Abdeckung unserer Lebenswelt mit immer schnelleren Funkverbindungen ins Internet hat schließlich zu quantenphysikalischen Wechselwirkungen mit den elektrischen Feldern des menschlichen Hirns geführt. Wissenschaftler führten von Unschärferelation bis M‑Theorie alles ins Feld, was sie aufbieten können, um das Phänomen auf diese Weise beredt zu erklären – wenn auch erst hinterher. Keine ihrer Theorien hat vorhergesagt, dass WLAN-Router und Mobilfunkzellen in der Lage sein würden, unsere Gedanken aufzufangen. Und ebenso wenig, dass die geballte Rechenkraft der Cloud fähig sein würde, diese unsere Gedanken anhand ihrer elektrischen Fluktuationen zu entschlüsseln.
[Mein gedanklicher Schutzschirm auf der zweiten Ebene ist das Meer: In allen Einzelheiten stelle ich mir die Brandung vor, das Möwengeschrei, das kühle Wasser auf der Haut, den Salzgeschmack, male mir Wellen, Himmel, Horizont aus …]
Vielen scheint der Upload der eigenen Gedanken und Gefühle ins BrainWeb verführerisch, und die penetrante Werbung für das miniaturisierte Goog-Equipment will uns Konsumenten ständig nahelegen, dass es eine Art Unsterblichkeit bedeute. Aber natürlich kann man nicht seine Identität in die Cloud laden, sondern nur Erinnerungen, Ideen und Emotionen. All das wird durch Filter, deren genaue Funktionsweise und Trefferquote geheim bleibt, von allzu privaten Gedanken bereinigt und vollautomatisch transkribiert: der Bewusstseinsstrom als Textdatei. Unter James Joyce würde vielleicht ein Meisterwerk daraus, doch die bloße Mitschrift kommt über ein peinliches Gestammel wie etwa früher bei Twitter nicht hinaus.
{Erst auf der dritten Ebene denke ich das, was ich wirklich denke.}
Seit Monaten beschäftigt mich der Gedanke, dass unsere menschlichen Hirne offenbar Antennen sind, Antennen für die Gedanken der Menschen um uns herum. Es muss so sein, denn wie unschwer zu merken ist, beschränkt sich der unablässige Upload aller Googs auf die BrainWeb-Server nicht nur auf ihren eigenen Geist, sondern beinhaltet immer auch Gedankenbruchstücke der Menschen, die sich gerade ihrer Nähe befinden. Was die meisten für nicht mehr als einen lustigen Nebeneffekt halten, hat in meinen Augen gewaltige Konsequenzen!
Mit dem Tripel-Denken, den dreifachen Ebenen, mit denen ich meine wahren Gedanken verschleiere, müsste ich ziemlich sicher sein. Doch es verlangt hohe Aufmerksamkeit, und immer wieder ist es erleichternd, mich in diesen abgeschirmten Korridor zurückziehen zu können und die ständigen inneren Bilder vom Strand, den Palmen und den tanzenden Fischerbooten für eine kurze Weile loszulassen.
Wenn mein Gehirn eine Antenne ist, mit dem ich telepathisch fremde Gedankeninhalte auffangen kann: Warum weiß ich nichts davon? Warum werden mir diese Gedanken nicht bewusst? Es gibt keine Forschungen, die sich damit beschäftigen – alles konzentriert sich auf die computerisierte Verwertung der Uploads, ihre Durchsuchbarkeit und die semantische Verknüpfung zwischen ihnen. Und natürlich auf individualisierte und noch gezieltere Werbung. Das geplante Update, das alle Welt in helle Aufregung versetzt, verspricht allen Googs, ihre Gedanken endlich auch in Bild und Ton verewigen zu können. Erinnert sich jemand an Pinterest, das Flickr für Handtaschen & Co.? Nein. Die Karawane zieht weiter, zum nächsten Hype.
Ich jedoch wünsche mir etwas, das nicht komplett verloren ist, wenn der Strom abgeschaltet wird. Ich habe den Traum, dass wir als Menschen uns die eigenen Fähigkeiten bewusst machen und unseren Sinnen einen weiteren hinzufügen – vorzugsweise einen, der sich wie unsere Augen auch schließen lässt. Man stelle sich das mal vor: Wir würden keine Beschreibungen der Gefühle anderer lesen, sondern diese Gefühle selbst fühlen.
Diese Vorstellung ist nicht sehr populär. Vielleicht ist sie sogar gefährlich. Die Brain-Branche macht einen riesigen Umsatz, der inzwischen selbst die Nanotechnologie in den Schatten stellt. Auf Technik, auf Server, auf Software verzichten zu können, sich nicht immer wieder die neuste Generation des iGoog hinters Ohr klemmen zu müssen, sondern den eigenen Sinnen und Fähigkeiten zu vertrauen: Das ist kein Markt, das verspricht keinen Profit – jedenfalls keinen, der sich Aktionären erklären lässt.
Deshalb halte ich meine Gedanken und Forschungen lieber geheim, selbst und gerade vor meiner Frau, die täglich begeistert durch ihre eigenen Uploads surft – und natürlich durch die BrainWaves ihrer Freundinnen. Um währenddessen weiter ihre Gedanken und Gefühle upzuloaden – manchmal wundere ich mich, dass es in den Köpfen der Googs nicht zu einem unerträglichen Rückkopplungspfeifen kommt.
Es wird Zeit, zu Nele nach oben zu gehen. Sie dürfte bald das Abendessen fertighaben, und später möchte sie bestimmt wieder, dass ich ihr die Füße massiere. Ich werde an die See denken, an Schaumkronen und den Blas vorbeiziehender Wale, während ihre Gedanken und die Worte, die wir wechseln, als ständiger Bewusstseinsstrom in die Cloud fließen – mit gelegentlichen Bruchstücken von »Ich betrete den Korridor«, die sie unbewusst von mir auffängt, oder ein paar unvermittelten maritimen Begriffen. Nele hielt diese Einsprengsel in ihrer BrainWave bislang für einen Softwarefehler und kam letzthin auf die Idee, es könne ein unbewusster Wunsch von ihr sein, Urlaub am Meer zu machen (obwohl es ihr eigentlich Angst einjagt und ihr Herz den Bergen gehört). Was ich darüber denke, werde ich schön für mich behalten.
(»Ich betrete den Korridor, ich betrete den Korridor, ich betrete den Korridor …«)
Mollys Monolog in James Joyce Ulysses:

