Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Cory?

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Das Titelbild zeigt ein Schlafzimmer mit großem Bett auf Podest, umgeben von verschiedenen Klangschalen und einem Gongständer, zu dem ein oranger Schlauch verläuft. Ein digitaler Button zeigt eine mechanische Lotusblüte.

♫ Druckluft-Meditation (Uraniborg-Mix) ♫


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Ich betrete den Korridor, falls man das so sagen kann, denn eigentlich skype ich nur, und es ist mein Gesprächspartner, der mit seinem Laptop auf dem Arm den Korridor betritt, um mich mit ins Studio zu nehmen. »Uraniborg« heißt es, und ihn soll ich Tycho nennen, was gut zusammenpasst, denn die sogenannte »Himmelsfeste« war einst die Forschungsstation des dänischen Astronomen Tycho Brahe.

Dieser Tycho jedoch ist Musiker, und genau darum geht es mir auch: um Musik für meine Texte. Obwohl ich ihn gerade nicht sehe, weil die Webcam mir wackelnde Bilder des Korridors zum Studio zeigt, wiederhole ich zur Vorsicht noch einmal, was ich Tycho schon in meiner E-Mail geschrieben hatte, in das Mikro meines Headsets: »Ich kann euch allerdings nichts dafür zahlen.«

»Hast du ja schon geschrieben«, sagt er und öffnet eine schallgedämmte Tür. Ich hatte Synthesizerburgen und einen Haufen Instrumente erwartet. Aber der große, helle Raum mit Panoramafenstern in den Garten enthält neben einer von Klangschalen unterschiedlicher Größe umstandenen Liege nicht viel mehr als ein Keyboard. Dieses lässt sich unter dem Schreibtisch, vor dem ein Klavierhocker steht, offenbar herausziehen. Den zahlreichen Kabeln auf dem Tisch entnehme ich, dass hier ein Computer angeschlossen wird – vermutlich nimmt Tycho dafür sonst den, mit dem er mich gerade herumträgt.

»Willkommen in Uraniborg«, sagt Tycho. Er stellt den Laptop auf dem Tisch ab und verdeckt mit seinem Gesicht die Klangschalenkonstruktion.

»Was ist das für eine Liege hinter dir? Ist das für eine Klangmassage?«, frage ich neugierig.

»Oh, das«, sagt er, »wir experimentieren gerade mit Soundscapes, die der Hautwiderstand desjenigen steuert, der sich in die Liege legt. Sie wird mit Druckluft betrieben.« Tatsächlich erkenne ich hinter ihm zwischen den Klangschalen einen eigenartigen Mechanismus mit Schläuchen und chromglänzenden Kolben.

»Möchtest du auch mal? Wollen doch mal sehen, was für einen Hautwiderstand der Computer hat …« Das Bild kippt. Tycho setzt sein Laptop auf die Liege. Mit dessen eingebauter Webcam habe ich jetzt einige der Klangschalen im Blick. Der Druckluftperkussionist beginnt zu zischen und zu stampfen und bewegt die Klöppel, und bald umhüllen mich hypnotische Sphärenklänge.

»Bevor ich hier ganz wegdrifte …«, rufe ich in mein Headset, und da kippt auch schon wieder das Bild, und Tycho setzt mich, nachdem er die Pressluftmaschinerie abgeschaltet hat, wieder auf den Tisch. Auch er stülpt sich jetzt ein Headset auf. Die Klangschalen hinter ihm hallen noch lange nach.

»Wie bist du auf mich gekommen?«, fragt er neugierig. »Warst du auf einem meiner Schlafkonzerte?«

Ich schüttle den Kopf: »Noch nicht. Ich hab ein paar Tracks von euch im Internet gehört und dachte …« Ja, was hab ich mir eigentlich dabei gedacht?

»Du willst eine Reihe von Texten veröffentlichen und hättest gern jeweils einen kleinen Soundtrack dazu. Hab ich das richtig verstanden?«

»Genau«, sage ich.

Ich hatte schon in der E-Mail ein bisschen von mir erzählt: Dass ich im Bauamt einer kleinen Stadt in den neuen Bundesländern arbeite, da wenig zu tun habe, aber beschäftigt wirken will, weil ich am Gang zu den Toiletten sitze und die Kollegen mich hinter der Glastür gut sehen können, und dass ich angefangen habe, kleine »architektonische« Skizzen in den Computer zu tippen, inspiriert von den Anträgen auf meinem Schreibtisch und den Besichtigungen und Abnahmen, bei denen ich manchmal dabeisein darf.

Und dass ich Musik brauche für die Veröffentlichung. Viel Musik. Ungewöhnliche Musik. Musik, die Bilder im Kopf macht.

»Das Labyrinth des Minotaurus«, sagt er nachdenklich.

»Ja. Ich hab dir ein paar Minotaurus-Fragmente geschickt, weil das doch auch mal Thema eurer Schlafkonzerte war und in der Musik vorkommt. Das verbindet uns sozusagen. Am 11. November will ich anfangen.«

»So bald schon?« Mir rutscht das Herz in die Hose, als er das sagt. Ich bin viel zu spät dran mit meiner Suche nach Musik. Aber kleine Soundtracks zu den Geschichten wären mein Traum, und den will ich nicht so einfach aufgeben.

»Was macht«, fragt er, »eine junge Frau wie du als Sachbearbeiterin im Bauamt?«

»Ich hab in Leipzig Geschichte und Orientwissenschaften studiert, aber als Historikerin nichts gefunden. Tja und da … Jedenfalls dürfen meine Kollegen nichts von meinen literarischen Ambitionen wissen.«

Tycho lächelt ein wenig spitzbübisch: »Ich verrat keinem was. Wie viele Texte liegen denn schon vor?«

»Einen ersten Schwung habe ich schon, und ich will immer mindestens drei, vier im Voraus fertig haben. Was die Zuordnung der Musik angeht, würde ich euch völlig freie Hand lassen. Es sollen insgesamt knapp, äh, vierhundert werden.«

Er zuckt bei der Zahl nicht zusammen. Schon mal gut.

»Ich weiß«, fahre ich hastig fort, »dass es urst viel verlangt ist, aber …« Tycho unterbricht mich: »Kein Problem. Wir haben massig Material im Archiv, alles unveröffentlicht. Aber es sind schräge Sachen dabei.«

»Find ich super«, sage ich.

Tycho muss bei so viel Enthusiasmus grinsen: »Das wären dann Drones, Soundscapes, kompositorische Skizzen, Studio-Sessions, Field Recordings, psychoaktive Klangexperimente …«

»Na, das klingt doch alles ganz schau! Was die jeweilige Dauer betrifft, hab ich gedacht, die Musik sollte immer in etwa so lange dauern, wie man zum lauten Lesen braucht, also so zwischen sieben Sekunden und sieben Minuten.«

»Okay. Schick mir einen Text, und vierundzwanzig Stunden später hast du einen Soundtrack dazu. Sollte dir ein Stück nicht zusagen, kriegst du ein anderes.«

Wow. Ich kann mein Glück gar nicht fassen. Meine geplante Veröffentlichung bekommt eine Begleitmusik! Aber …

»Aber was«, frage ich besorgt, «wenn dir meine Texte nicht zusagen?«

Tycho verzieht keine Miene: »Wird nicht passieren. Ich les sie gar nicht, sondern guck nur, wie lang sie jeweils sind.« Er lässt sich nichts anmerken – außer einem kleinen Funkeln in seinen Augen, das mir verrät, dass er das wohl nicht ganz ernst meint.

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Das Titelbild zeigt einen Blick auf eine prunkvolle Theaterbühne mit geschlossenem, mehrfarbigem Vorhang und einem Rednerpult davor, umgeben von reich verzierten goldenen Stuckelementen und roten Sitzreihen im Zuschauerraum. Ein zerknüllter Zettel liegt neben dem Rednerpult.

♫ This Sudden Hallelujah Feeling ♫


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Ich betrete den Korridor. Einen Moment lang bin ich hier allein. Gleich wird mein Name fallen, und ich soll raus auf die Bühne treten. In dem Leih-Frack ist mir unwohl. Mit der Fliege am Revers fühle ich mich wie zum Karneval verkleidet. Ich schwitze in dem ungewohnten Aufzug, und als ich mir über die Stirn wische, sind da auch schon die ersten Schweißperlen. Oh Mann! An meinen Magen darf ich gar nicht denken. In was für eine Situation habe ich mich da nur gebracht?

Dabei – führe ich mir vor Augen – habe ich doch jetzt endlich die Chance, viele Menschen zu erreichen. Aber was soll meine Botschaft sein? Wie kann ich etwas bewirken, nicht nur in der Presse und der Blogosphäre, sondern ganz handfest in der Welt?

Meine schweißfeuchten Finger umklammern den Zettel in der Fracktasche mit den Notizen für meine Dankesrede. Dies ist die eine von zwei Versionen, die offizielle, die ich mit den Veranstaltern absprechen musste. Die andere, inoffizielle, geheime, existiert nur in meinem Kopf: eine Kampfansage ans Establishment, ein flammender Aufruf gegen die allgegenwärtige Profitgier und die gedanken- und gnadenlose Plünderung unserer Ressourcen – der literarischen und mythologischen, die unseren Kindern eine leere und lebensfeindliche Welt aus lauter Worthülsen hinterlassen wird.

Vom Saal her dringt gedämpft Applaus zu mir. Gleich ist es soweit. Ich zerknülle den Zettel in meiner Fracktasche und innerlich den mit den Notizen für meine Revolutionsrede. Ich werde da rausgehen, den Korridor verlassen und die Bühne betreten, um dann einfach das zu sagen, was mir einfällt – indem ich mit dem Satz anfange, den vermutlich alle von mir erwarten, ob sie’s wissen oder nicht, und dann improvisiere, wie ich es immer tue, immer schon getan habe.

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Das Titelbild zeigt ein offenes altes Buch auf einem Holztisch vor einer Wand mit hohen, komplett mit alten Büchern gefüllten Regalen in einem runden Raum. Das Buch wiederum zeigt einen ähnlichen, mit Büchern gefüllten Raum ohne aufgeschlagenes Buch.

♫ Malträtarium ♫


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Ich betrete den Korridor. Seine Wände bestehen fast zur Gänze aus Buchrücken. (Die Bände sind hier nicht wie in den Installationen von Matej Krén oder im Antiquariat von Ishwori Sapkota in Kathmandu fugenlos quergestapelt und womöglich noch durch Spiegel zu einem endlosen begehbaren Buchtunnel verlängert, sondern drängen sich hier senkrecht übereinandergestellt.) Ich lege meinen Kopf schräg und studiere verblüfft die Titel. Hier scheint sich jemand einen selbstreferenziellen Scherz gemacht zu haben.

Rücken an Rücken stehen dort unter anderem

  • Im Korridor der Sterne von Alexander Kaiser,
  • Le deuxieme couloir von Georges Barguet,
  • Corridor of Storms von William Sarabande,
  • The Corridors of Time von Poul Anderson neben
  • Corridors of Time: 1,700,000,000 Years of Earth at Grand Canyon mit einer Einleitung von Carl Sagan,
  • Harlan Ellison’s Dream Corridor Volume 2 (wo ist Band eins?),
  • Korridor der Blicke von Camill Leberer,
  • Corridors of Light von Eleanor G. Brown, Ph. D.,
  • Petits bruits de couloir von Philippe Guillard,
  • Il decimo corridoio von Marco Meini,
  • L’ultima stanza in fondo al corridoio von Alessandra Brisotto,
  • Corridor de Vie von Camille Sabatier,
  • Corridors of the Mind von Caroline Lupfer Kurtz,
  • The Locked Corridor von Marilyn Ross,
  • The Corridors of Fear von Clarissa Ross,
  • Der lange Korridor – ein Arztroman von Catherine Cookson,
  • Der silberne Korridor von Harlan Ellison (hier etwa? Nein!),
  • The Golden Corridor von Jody and Ric Hornor,
  • The Smoky Corridor: A Haunted Mystery von Chris Grabenstein,
  • La mistica nel corridoio von Luis Casasús Latorre,
  • das Comic Sunset Corridor von Régis Franc,
  • Der dunkle Korridor – klassische Erzählungen aus Russland von Hanjo Kesting,
  • Yao ye hui lang von Julian Lee,
  • Night Corridor von Joan Hall Hovey,
  • Corridors by Candlelight: A Family Album with Words von Anna Clyde Plunkett,
  • Der schwarze Korridor von Michael Moorcock,
  • Flucht aus dem Grauen Korridor von Clark Darlton,
  • Les couloirs de l’espoir von Corinne Vomscheid,
  • The Corridor of Mullah-Kajar and Other Stories von J. M. DeMatteis und Roy Thomas,
  • Tumithak of the Corridors von Charles R. Tanner,
  • Il corridoio del flaminio von Aldo Toffoli,
  • Le corridor des invendus von Bernard A. Chevalier,
  • Corridor of Whispers von Edwina Noone,
  • Dans les couloirs du labyrinthe von Emmanuel Matateyou,
  • Echoes Down the Corridor von Arthur Miller,
  • L’Enfant dans le corridor von Yves Thibault,
  • L’homme assis dans le couloir von Marguerite Duras,
  • The Ladies of the Corridor von Dorothy Parker,
  • Série X numéro 122: Dans le couloir de l’amour von Tracy O’Toole,
  • La fille au bout du couloir von Jacqueline Remy,
  • Ma princesse disparait dans le couloir von Brigitte Smadja,
  • Mon père s’est perdu au fond du couloir von Philippe Garnier und
  • La vérité est au bout du couloir von Sam Richez,

dazwischen die Drehbücher zu

  • Korridoren von Bengt Bratt, Bengt Forslund und Jan Halldoff,
  • White Corridors nach einem Roman von Helen Ashton,
  • Corridor of Mirrors nach einem Roman von Christopher Massie,
  • Les couloirs du temps: Les visiteurs 2 von Christian Clavier und Jean-Marie Poiré,
  • Whispering Corridors (여고괴담) von In Jung-ok und Park Ki-hyung sowie
  • Shock Corridor von Samuel Fuller

plus eine Videocassette mit der handschriftlichen Aufschrift

  • En el corredor de la muerte,

dann weitere Bücher:

  • Corridor Ecology: The Science and Practice of Linking Landscapes for Biodiversity Conservation von Jodi Hilty u. a.,
  • Corridor naar de Rijn von Hen Bollen,
  • Ostpreussen und der Polnische Korridor von Wilhelm Deuticke,
  • Club és folyosó: Politikai ötletek és rajzok von Kálmán Mikszáth,
  • The Persian Corridor and Aid to Russia von T. H. Vail Motter,
  • Le couloir de Dantzig von Général Gomer Castaing,
  • Der Gansu-Korridor: Barbarenland diesseits und jenseits der Großen Chinesischen Mauer von Sabira Stahlberg,
  • L’île au bout du corridor von Marie-Antoinette Liaudet,
  • Camera e stanze – Il corridoio racconta von Lucio Tisi,
  • Kubismus im Korridor von Susanne Friedli u. a.,
  • der Fotoband Korridore der Welt – Orte der Um- und Einkehr,
  • Au-delà du couloir von Marion Brodeau,

sogar ein Band mit dem Titel

  • Analysen der Verkehrswege zwischen dem alten und neuen Bundesgebiet dargestellt am Korridor Rhein-Main und Thüringen-Sachsen,
  • die Spannenden Geschichten Nr. 71 Deutsche Panzer durchbrechen den Korridor,
  • Le corridor des Panzers (Vol. 1 und 2),
  • Korytarz śmierci von Perry Moore,
  • Through the Corridor von Daniel Pearson,
  • Running Through Corridors: Rob and Toby’s Marathon Watch of Doctor Who von Robert Shearman und Toby Hadoke,
  • Im Korridor geht der Mond von Elisabeth Alexander,
  • „Cunning passages, contrived corridors„: Unexpected Essays in the History of Lexicography von Michael Adams,
  • Voci dal corridoio dell’anima von Trotti Nardo,
  • Le couloir de la pieuvre von Olivier Descosse,
  • Meine Freunde ziehen mit einer fahrbaren Plastikmaus über den Korridor von Thomas Böhme,
  • God in the Corridors of Power von Michael Ryan und Les Switzer,
  • Messages de vie du couloir de la mort von Roger W. McGowen,
  • Memorias del corredor de la muerte von Joaquín José Martínez,
  • Chimerical Corridors von S. Vasuki,
  • El entrenamiento del corredor de orientación vom spanischen Ministerio de Educación,
  • Portals and Corridors: A Visionary Guide to Hyperspace Travel mit einem Vorwort von Terence McKenna,
  • Corridor of Uncertainty von Paul Hill,
  • Paranormal n12: Le couloir sans fin von Engle und schließlich
  • 100+ Stairs and Corridors aus der Reihe 100+ Tips, Ideas von Fernando de Haro und Omar Fuentes.

Letzteres hätte ich besser nicht neugierig aus der Bücherwand herausgezogen, denn sie gibt unversehens nach, stürzt zusammen und begräbt mich unter sich.

Als ich mich aus all den Korridoren endlich wieder herausgewurschtelt habe, beschließe ich (wo ich schon einmal hier bin) die heruntergefallenen Bücher alphabetisch nach Autoren zu ordnen. (Vielleicht könnte ich sogar, wenn ich schon dabei bin, jeweils eine Passage herausschreiben und im Internet – vielleicht als tägliches Blog – veröffentlichen?)

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Das Titelbild zeigt einen verwunschenen, von Pflanzen überwucherten Pfad zwischen alten Steinmauern mit einem bunten Papagei auf einem Ast rechts. Ein digitaler Button links unten zeigt einen Papierkorb.

♫ On a Secret Trail ♫


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Ich betrete den Korridor, der zu einem der Tempel in der Pirámide del Adivino in Uxmal führt. Die Maya waren großartige Baumeister, aber letztlich wurde ihnen ihr Erfolg zum Verhängnis: Eine mehrjährige Dürre zwang ihre stark angewachsene Bevölkerung trotz ausgeklügelter Bewässerungssysteme in die Knie. Sie hinterließen prächtige Bauten und einen komplexen Kalender, der – so meinen manche – das Ende unserer Welt für den 21. Dezember 2012 vorhersagt.

Eigentlich bekomme ich Panikattacken in engen Fluren und Durchgängen, doch seit ich die Halbinsel Yucatán betreten habe, überfallen mich Erinnerungen an seltsame, langvergangene Ereignisse, kommen mir die Ruinen vor, als würde ich sie in ihrem ursprünglichen Zustand kennen – diese Innenräume hier erzeugen kein Unbehagen bei mir, sondern ziehen mich im Gegenteil wie magisch an.

Habe ich meine lästige Klaustrophobie verloren, die ich in einer Art Selbstbehandlung mit einem Blog zu bekämpfen versuche? Nein, ein Rest Panik ist noch da. Aber es zeichnet sich eine deutliche Besserung ab, und die Bestrebungen, meine Ängste zu meistern, scheinen schon erste Erfolge zu zeitigen. Ich gebe mir noch genau ein Jahr! Dann wird, beschließe ich spontan noch vor Ort im Tempelkorridor von Uxmal, die Welt enden – zumindest die meines kleinen Therapie-Blogs, das ich an genau diesem Tag rigoros löschen werde als Zeichen dafür, dass ich es jetzt mit den Korridoren in naturam aufnehmen kann, den leibhaftigen aus Stein, Metall, Holz und Glas. Während dann ein ganzes Universum echter Korridore auf mich wartet, wird eine Welt ausgedachter Korridore auf einen Schlag der Vernichtung anheimfallen. Als ob die Maya es vorhergeahnt hätten …

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Das Titelbild ist ein Polaroid, das einen Flur mit vielen farbigen Notizzetteln an den Wänden und Fäden, die zwischen den Zetteln gespannt sind, zeigt. Der Flur ist mit Teppich ausgelegt; ein altes Wählscheiben-Telefon steht auf dem Boden. Das Polaroid ist beschriftet mit "Situation Recreated".

♫ Clone Chamber ♫


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Ich betrete den Korridor, und auf der Stelle ist mein Ärger über die angeblich überzählige Pizza vergessen, die die Leute mir einfach wieder mitgegeben und dann nicht mal Trinkgeld gezahlt haben. Nach dem Ärger mit dem Kunden in einem Berliner Hinterhaus fällt mein Blick zwei Etagen tiefer im Treppenflur auf ein Klingelschild mit dem Namen »Cory d’Or«.

Könnte das der unbekannte Autor des obskuren Blogs Korridorium sein, von dem meine Frau so schwärmt? Kurzerhand klingle ich. Ein Summer ertönt. Die Tür öffnet sich in einen langen Flur, wie er für viele Berliner Altbauwohnungen typisch ist. »Nichts anrühren!«, befiehlt mir eine markige Stimme aus einem der angrenzenden Zimmer, ohne dass der Sprecher sich zeigt.

Fast fällt mir die Pizzaschachtel aus der Hand. Ich starre sprachlos auf Tausende handbeschriebener Karteikarten, die hier an die Wände und an die Decke gepinnt und teilweise auf dem Boden ausgelegt sind. Von vielen spannen sich farbige Fäden zu anderen, so dass im Flur kaum ein Durchkommen ist – nicht ohne das filigrane Geflecht zu zerstören jedenfalls. Es sieht aus wie eine regenbogenbunte Kunstinstallation. Fasziniert versuche ich, einige der Karteikarten zu lesen, doch da ertönt erneut die Stimme: »Legen Sie die Bücher auf den Entréekasten. Dort liegt das Geld für Sie.«

Cory muss mich mit jemandem verwechseln, den er erwartet. Entréekasten? Ich entdecke an der Wand eine Holzverschalung mit mehreren Anzeigen hinter Glas, offenbar eine ehemalige Rufanlage für Dienstboten. Darauf liegt Geld. Viel Geld. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und stecke es ein. Hastig lege ich die überzählige Pizza auf den Kasten, ziehe ich mich zurück, gerate in Panik, lasse die Tür offenstehen, renne die Treppe hinunter und schwinge mich hastig auf meinen Motorroller …

Wie behämmert von mir! Was habe ich mir nur dabei gedacht?!

Natürlich traute ich mich nicht mehr zurück, das Geld ist längst aufgebraucht, und irgendwem von dieser Begegnung zu erzählen, habe ich bis heute nie gewagt. Es ist wohl auch keine Entschuldigung, dass ich – mit einem Doktor in Astrophysik und einem in Moralphilosophie – meine kleine Familie mühsam als Pizzabote ernähren muss.

(per E-Mail)

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Das Titelbild zeigt eine surreale, detailreiche Darstellung eines langen, von Augen und Sternen gesäumten Gangs mit bizarren Kreaturen und Figuren auf einem holzplankierten Boden. Im Hintergrund schwebt ein Satellit.

♫ nThe Hipparcos Orbit (Astronomers‘ Nightmare Mix)nnn ♫


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Ich betrete den Korridor, schaudernd und voller böser Vorahnungen. Unzählige Korridore aus tausenden Alpträumen kulminieren wieder einmal zum ultimativen Schrecken für mich. Gleich werde ich, wenn die Nacht am dunkelsten und stillsten ist, schreiend und schweißnass erwachen, und meine Katze wird wieder einmal miauend Reißaus aus dem Bett nehmen. Ich werde bis zum Morgen wachliegen und dann wie jeden Freitag meiner Therapeutin von dem haarsträubenden Grauen berichten, das – in düsteren, gespenstischen Korridoren – in den sieben Nächten zuvor über die Weihnachtstage hinweg auf mich lauerte.

Sie wird mir wohl wieder raten, damit fortzufahren, kleine Storys darüber niederzuschreiben, um mich von meinen Alpträumen zu befreien. Meine Sorge, dass diese Geschichten die nächtlichen Schrecken überhaupt erst auslösen, teilt sie nicht.

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Das Titelbild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand. Es zeigt von oben zwei Männer hinter einem Absperrband auf einem gepflasterten Boden mit einem Stapel Papier in der Mitte und langen, ins Bild fallenden Schatten. Ein Overlay zeigt die Nummer 01 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Thundersnow ♫


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Ich betrete den Korridor. In die Siegessäule hat es mich bisher nie verschlagen. Ist wohl auch nur was für Touris. Diesmal sind keine hier, weil die Mordkommission alles abgesperrt hat. Uwe Albo tritt mir entgegen. »So was ist mir im Lebtag noch nicht untergekommen. Echt übel. Den Scheißkerl kauf ich mir persönlich, wenn …« Er verliert den Faden. Sieht verstört aus. Dem kann ich nachhelfen: »Den Kerl? Oder die Frau?« Albo stutzt, aber merkt schnell, dass ich natürlich noch nicht mehr wissen kann als er. »So was macht keine Frau.« Er gibt mir den Weg frei. Der Fotograf ist gerade bei der Arbeit. Sein Blitz erhellt einen Stapel loser Blätter, auf dem ein blutiger Klumpen Fleisch liegt. Ein frisches Herz, wie es scheint, und zwar vermutlich das eines Menschen, sonst wären wohl kaum Albo und die Mordkommission angerückt – und er hätte auch mich nicht gleich herkommen lassen. Na, das Jahr hört ja gut auf. Ich sehe mich in dem Korridor um, kann aber nichts psychologisch Besonderes entdecken.

Später in seinem Büro drückt mir Kommissar Albo, nachdem ich gefühlte zwanzig Papptassen voller bitterem Kaffee auf ihn gewartet habe, die Blätter in die Hand. Das Blut hat dunkelrote Flecken darauf hinterlassen. Ich bin ganz froh, dass die Forensiker jedes einzelne Blatt in eine Plastikhülle gesteckt haben.

»Es sind fünfzig«, sagt Albo. Er sieht müder aus als sonst – seine dunklen Tränensäcke scheinen noch mehr vom Leid der Welt absorbiert zu haben. »Durchnummeriert.« Er lässt sich auf seinen Drehstuhl fallen. »Sonst haben wir nichts. Täter-DNA, Fingerabdrücke, Fußspuren: Fehlanzeige.« Ich sehe die Blätter durch. Maschinegeschriebenes. Kurze Texte. Geschichten. Kein Bekennerbrief allem Anschein nach. Auch keine Liebesbriefe. »Das Herz?«, frage ich.

Albo greift nach seinem Handy, als habe es gerade vibriert. Aber er muss sich getäuscht haben, steckt es mit einem fast unmerklichen Kopfschütteln wieder weg. »Das Herz, ja. Das Opfer ist männlich, dem Blut nach. Vom Rest keine Spur.«

Ich stehe auf und winke mit dem Blätterstapel: »Guck ich mir zuhause mal näher an.« Albo sieht mich an, als hätte ich gerade mein Jackett geöffnet und ihm einen Sprengstoffgürtel präsentiert: »Die kannst du nicht mitnehmen. Hast du sie noch alle? Das ist wichtiges Beweismaterial.« Ich mache die drei Schritte zum Kopierer und hebe den Deckel hoch. Der Schnelleinzug nützt mir hier nichts, mit dem Plastik um die Blätter. Albo sieht aus, als wolle er protestieren. Grünes Leuchten fährt unter dem Deckel entlang. Kann das Kopiererlicht irgendwelche Spuren vernichten? Albo scheint zu dem Ergebnis zu kommen, dass das eher unwahrscheinlich ist. Er sackt wieder auf seinen Stuhl zurück. Dass wir es mit einer kranken Psyche zu tun haben, muss er gleich gespürt haben. Sonst wär ich jetzt nicht hier.

Ich lege das zweite Blatt auf. Auf dem ersten, das ich zur Seite lege, ist jede Menge eingetrocknetes Blut, das auf der Kopie hässliche schwarze Kontinente hinterlassen hat, ähnlich der Tintenkleckse für einen Rorschachtest. Die Flecke umfließen den Text mit der Nummer 1 auf dem Blatt. Es ist nur ein einziger Satz. Er lautet: »Ich betrete den Korridor …«

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Das Titelbild, ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand, zeigt einen Blick aus einem Büro mit Schreibtisch, Telefonen und Papieren auf eine Stadt mit Feuerwerk über einem Fluss bei Nacht.

♫ Under the Throne ♫


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Ich betrete den Korridor. Die Neonröhre flackert. Die Tür zu Albos Büro ist nur angelehnt. »Komm rein«, ruft er, »frohes Neues!«. Er sitzt halb im Lichtkegel seiner Schreibtischlampe. Der Rest des Zimmers ist dunkel. Draußen gehen ein paar verspätete Raketen hoch. Es ist lange nach Mitternacht.

»Frohes Neues!«, antworte ich, obwohl mich der grausige Fund vom Morgen des Tages nicht gerade froh gestimmt hat.

»Und?«, fragt er. Mir ist klar, was er von mir will. Albo muss einen Mörder finden, und ich soll ihm dabei helfen. Ich gehe erst mal zur Kaffeemaschine. Ihr rotes Betriebslämpchen leuchtet mir den Weg. Schlechte Angewohnheit, aber sicherlich besser, als immer sofort zu was Hochprozentigem zu greifen.

Auch Albo hat dieses Silvester offenbar mit Kaffee begangen. Und er hat sich, sehe ich, ebenfalls Kopien der fünfzig Blätter gemacht. Vermutlich hat er sie in den letzten Stunden ebenso oft gelesen wie ich. Wäre sogar eine ganz nette Lektüre für den Jahreswechsel gewesen, wenn nicht gerade ein menschliches Herz drauf gelegen hätte.

Albos Kopf bleibt im Dunkeln. Vielleicht sogar besser so. Ich setze mich ihm gegenüber: »Alles maschinegeschrieben. Also Schreibmaschine, meine ich. Und zwar unterschiedliche Schreibmaschinen, dem Schriftbild nach zu urteilen.«

»Fünfzig verschiedene Schreibmaschinen. Ich hab das schon checken lassen. Es gibt da einen Ebay-Account, Rechtschreibfehler68, der hat sich vor Monaten fünfzig alte Schreibmaschinen gekauft und den Account dann deaktiviert. Wir haben Ebay und die Verkäufer kontaktiert – bisher nichts Verwertbares, soweit wir’s an ‘nem Feiertag rausfinden konnten. Hat seine Spuren offenbar gründlich verwischt.«

»Rechtschreibfehler?«

»Ja, gibt da zahlreiche Accounts, die so heißen. Wieso?«

»Weil er keine macht.«

»Wenn du meinst, das ist ein Widerspruch, dann doch nur einer von zahlreichen, oder?« Albo legt seine Handfläche mit gespreizten Fingern auf die Kopien, als wolle er sie mit einem Fluch belegen. »Mal Mann, mal Frau, mal alt, mal jung, mal tut er doof, mal tut er klug …«

»Was sagt dir, dass das vom Mörder geschrieben wurde?«

Albo zieht die Hand zurück: »Der Anfang. Immer der gleiche. Ein Korridor. Weißt du noch, wo wir das rausgeschnittene Herz gefunden haben? In einem Korridor.«

»Ist ja wohl kein Beweis«, sage ich, »und außerdem: Wer sagt dir, dass das eine einzelne Person geschrieben hat. Könnten auch mehrere sein.« Albo beugt sich vor und taucht sein Stoppelkinn in den Lichtkegel. »Komm schon, Mann« sagt er, »ich brauche Ergebnisse, Hinweise, Spuren, irgendwas!«

Ich zerknittere den leeren Pappbecher und werfe ihn in die Richtung, wo bei Tageslicht sonst der Papierkorb steht.

Albo fuchtelt mit den Händen. »Ist es ein Verrückter? Ein verkannter Künstler? Ein Deutschlehrer? Jemand, dem man seine Texte gestohlen hat und der sich blutig rächt? Der glaubt, er schafft’s so auf den Titel der BZ? Du bist der Profiler, also sag schon, Mann.«

»Falls es ein Autor ist, und falls es ein Autor und keine Autorin ist – was ich beides für wahrscheinlich halte –, dann ist es jemand, der gerne mit Möglichkeiten jongliert. Und der offenbar gerne Versteck spielt.«

»Was soll das heißen?«, poltert Albo wie in seinen besten Jahren. »Dass er es drauf anlegt, dass wir ihn jagen? Dass der Kerl den Mord als Spiel ansieht?«

Ich verziehe die Lippen und wiege den Kopf. Vermutlich kann mich Albo ebenso wenig sehen wie ich ihn. Aber ich brauche das für mich. Hier klare Aussagen zu treffen heißt, sich weit auf dünnes Eis rauszuwagen. »Ein Spiel, ja. Oder eine Art Rätselparcours durch Korridore. Irgendwo ist von insgesamt rund vierhundert Texten die Rede: Wenn wir Pech haben, wird es weitergehen.«

»Das werden wir verhindern. Und deshalb brauch ich irgendwelche Anhaltspunkte!«

»Was willst du hören? Dass er gebildet ist, vermutlich studiert hat, die neue deutsche Rechtschreibung beherrscht, sich für ein breites Themenspektrum interessiert, das Märchen, Mythen, Historie und Science-Fiction mit einschließt, trockenen Humor besitzt, sich für einen Dichter oder ›Kurzprosaschreiber‹ zu halten scheint, zu Sprachspielereien und existenzialischen Tiraden neigt und eine Obsession mit Korridoren pflegt? Dass er dreiundvierzig Jahre alt ist?«

»Dreiundvierzig? Schreibt er das?«

»Nur so ’ne Vermutung, wegen ›Rechtschreibfehler68‹ – da könnte er sein Geburtsjahr genommen haben. Machen viele.«

Albo beugt sich wieder vor, diesmal, um mir zu zeigen, dass er lächelt. »Na, das ist doch schon was. Da haben wir ihn doch schon eingekreist. Was ist mit der Frau, von der er am Anfang schreibt?«

»Könnte eine unglückliche Liebesgeschichte sein. Sie taucht später als Anagramm noch mal auf – ich hoffe nur, der ›Auserkorenen‹ fehlt seit gestern nicht das Herz.«

Albo brummt. »Das Opfer war männlich.«

»Stimmt, ja. Vielleicht bringt uns Text Nummer 50 auf seine Spur.«

Albo kramt durch die Kopien, bis er die richtige gefunden hat: »Die Therapeutin?«

»Japp. Da könnte was dran sein: Ein Trauma, Alpträume, eine Therapie. Und das blutige Herz könnte ein Manifest sein. Oder ein Hilferuf.«

»Also lasse ich alle Berliner Traumatherapeutinnen durchchecken, ob sie einen mit einer Korridor-Obsession auf der Couch haben …«

»Ich würde da auch eher die männlichen Therapeuten checken. In den Texten ist immer irgendwas verdreht.«

Albo hält mir eine der Kopien hin. »Wer ist R. L. St.?«

Ich stehe auf und trete an Fenster. Es regnet, was die Straßenbeleuchtung vor der Wache noch trüber als ohnehin schon wirken lässt. Immerhin kann ich von hier aus zwei schimmernde Flecke in dem schwarzen Loch sehen, das Albos Kopf sein muss. »Robert Louis Stevenson. Hat Jekyll and Hyde geschrieben und sich dabei von halluzinierten kleinen Männchen inspirieren lassen.«

»Jekyll and Hyde. Das kann ja heiter werden«, grunzt er.

»Ich brauche mehr Zeit, Uwe«, sage ich. Albo brummt etwas, das ich als ärgerliche Zustimmung verstehe. Ich lasse ihn allein. Das neue Jahr ist jetzt schon ein paar Stunden alt, und als ich auf die Straße trete, hört der Schneeregen auf, als hätte plötzlich jemand die Hand über die nächtliche Stadt gehalten.

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Das Titelbild zeigt eine schwarz-weiße Aufnahme eines Schreibtischs mit Schreibmaschine der Marke Adler, altem Wählscheibentelefon, Tasse Kaffee, kleinem Blumentopf, Stift auf Papier und einem gerahmten Bild, das eine menschenähnliche Gestalt mit Stierkopf zeigt.

♫ Wimmelbild ♫


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Ich betrete den Korridor auf der Wache. Schon von hier höre ich Albo brüllen. Scheint miese Laune zu haben. Kein Wunder. Als er mich sieht, schmeißt er die Grünschnäbel aus dem Büro. Rückt mir sogar den Stuhl hin. Tut er sonst nie, der Kommissar.

»Was rausgefunden?« Er klingt heiser. Mit dem Kinn zeigt er auf die Kopien mit dem Blutfleck, der bis zu Text Nr. 10 runter langsam verblasst. »Hier im Team heißt es, er sei Kannibale und hat bis auf das Herz einfach alles verputzt.«

Ich nehme mir einen Kaffee. »Die meinen wohl Text Nr. 15, den ›Menschenfresser‹. Ist eine literarische Anspielung auf den Minotaurus-Mythos. Unwahrscheinlich, dass er sich auf die Weise mit ihm identifiziert.«

Albo setzt sich auf den Schreibtisch und reibt sich seinen rechten Oberschenkel. »Es gibt aber keine Leiche. Und auch keine Vermisstenmeldung, die passen würde. Das Herz hat er mit einem Messer rausgeschnitten, das, sagen die Experten, ›weder sonderlich scharf noch sonderlich stumpf war‹. Na toll! Hast wenigstens du irgendwas vorzuweisen?«

»Ist alles nicht so richtig festzunageln. Den Texten nach schätze ich, dass er Single und Einzelgänger ist, nicht gern unter Menschen.«

»Die Sache mit dem Olymp?«

»Japp. Aber auch die mit den Hippies. Und er hat was gegen staatliche Einrichtungen und Bürokratie. Die Nr. 42 mit dem angekündigten Blutbad …«

»Könnte aber auch sein, dass er nur Ärger mit seinem Finanzamt hat. Das ist doch alles Schmarrn, Mann. Ich sag’s noch mal für Doofe: Wonach soll ich fahnden lassen? Und jetzt erzähl mir nicht, nach einer jungen Bauamtsangestellten namens Cory d’Or!«

»Das ist nur eine der vielen falschen Spuren, klar. Obwohl …«

Albo versucht, sich bequemer hinzusetzen, und fegt dabei einen Bleistiftspitzer vom Schreibtisch. Ächzend beugt er sich hinunter. »Was obwohl?«

»Es besteht eine gewisse Chance, dass er tatsächlich auch im richtigen Leben Cory heißt. Ist ja auch ein Männername.«

Albo angelt mit ausgestreckten Fingerspitzen, aber der Anspitzer rutscht nur weiter unter den Tisch.

»Die Nr. 8 mit Hohlraum, Horn und Siedebecken etcetera«, setze ich nach.

»Ja?« Er gibt es auf, lässt sich wieder in seinen Drehstuhl fallen und sieht mich erwartungsvoll an.

»Alles eine mögliche Herkunft des Namens ›Cory‹. Und wenn er nicht gerade Sprachforscher ist, was ich nicht ganz ausschließen kann, dann weiß das wohl nur jemand, der auch so heißt.«

Albo streicht sich über die Stoppeln. »Lass ich checken. ‚Ne dünne Spur und nur ’ne dünne Chance, aber ich lass es checken. So viele Corys wird’s in Berlin und Umgebung ja nicht geben.«

»Und noch was, Uwe.« Albo nimmt die Hand runter. »Ich hab überlegt, ob wir die Texte, einige davon, veröffentlichen sollten. Mit irgendwas, das klarmacht, dass wir den Autor suchen.«

»Und du meinst nicht, dass der das beabsichtigt haben könnte?«

Die Frage habe ich erwartet. »Doch, ja, könnte sein. Aber wir veröffentlichen nur Teile, und wir bauen ein paar Rechtschreibfehler ein. So dass er sich grün und blau ärgert. Was meinst du? Vielleicht kennt jemand die Texte. Oder erkennt den Stil oder irgendeine Anspielung.«

»Mehr hast du nicht? Wenn er sich nun provoziert fühlt? Ich will nicht morgen irgendwo ’ne Leber finden, oder ’ne Lunge, rauspraktiziert mit einem nicht zu stumpfen, aber auch nicht zu scharfen Messer.«

Ich deute auf die Kopien: »Ich hab die ausgepresst wie eine Zitrone. Das Ganze ist ein Verwirrspiel und führt einen dauernd an der Nase rum. Ich kann nicht einfach mit dem Finger auf jemanden zeigen und sagen, der ist’s, der hat sie geschrieben, in seiner Garage findest du fünfzig Schreibmaschinen und in seinem Küchenschrank das Messer mit dem Blut.«

Albo wiegt den Kopf. Wir kennen uns jetzt schon so viele Jahre – immer mal wieder hat er sich bei kniffligen Mordfällen von mir, seinem alten Psychologen-Freund, beraten lassen. Aber trotz der wichtigen Hinweise, die ich ihm gelegentlich geben konnte: Ihm sollte klar sein, dass ich nicht zaubern kann. Er senkt die Stimme, um mir keinen Zweifel daran zu lassen, dass das, was jetzt kommt, wichtig ist. »Ich will ein Profil, schriftlich, möglichst exakt, klar? Eines, das sagt, dass er kein Menschenfresser ist, sondern ein Intellektueller mit Spaß an grausamen Spielchen. Der vielleicht Cory heißt und deswegen ein Trauma hat und ’ne Obsession mit Korridoren entwickelt hat. Klar?!«

»Viel mehr habe ich aber gar nicht.«

»Schreib’s auf. Ich brauch’s für die Rechnungsstelle. Wenn dir dabei zufällig etwas Brauchbares einfallen sollte: meld dich! Und was die Sache mit dem Veröffentlichen angeht – ich denk drüber nach.«

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Das Titelbild zeigt eine junge Frau mit Kopftuch in einem eleganten Café. Sie macht lächelnd ein Selfie mit einer Person, deren Gesicht geblurrt ist, an einem Tisch mit Kaffeetasse und einem Stapel Papier.

♫ Corrispondenza ♫


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»›Ich betrete den Korridor‹ – warum dieser Satz? Was macht ihn so besonders?« Ich saß in einem Wiener Kaffeehaus Cory d’Or gegenüber. Die Antwort auf meine E-Mail-Anfrage war prompt eingetroffen, und zu meiner Überraschung musste ich für das Interview gar nicht nach Berlin oder in eine andere deutsche Stadt reisen, sondern konnte es gleich um die Ecke in meinem Lieblings-Café führen. Die zweite Überraschung war: Cory ist eine junge Frau. Natürlich heißt Cory d’Or nicht wirklich so. Ihren wahren Namen verrät sie nicht. Anders als in ihrer eloquenten Kurzprosa, die manchmal an Phantastischen Realismus erinnert, formuliert Cory schwerfällig, sich selbst ständig verbessernd und in Widersprüche verwickelnd. Dabei habe ich mir echt schöne Fragen ausgedacht: »Was willst du mit diesem Blog erreichen? Steckt eine bestimmte Absicht dahinter, oder ist es nur ein Spiel mit Worten, Konnotationen, Topoi?« Sie ringt die Hände, fährt sich durchs Haar, sucht nach passenden Worten. Ich frage tastend weiter: »Woher kommen all diese Ideen? Gibt es reale Vorbilder für die Figuren, die immer wieder auftauchen?« Cory nickt, setzt an, schüttelt den Kopf, beißt sich auf die Lippen. Bevor sie mir auch nur eine verwertbare Antwort gegeben hat, bricht sie das Interview ab und liest mir stattdessen, von lebhafter Gestik begleitet, Passagen aus dem Typoskript ihres neuen Romans vor, dem sie den Arbeitstitel Kein Korridor, nirgends gegeben hat.