Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

244/398

The Key (to Hap­pi­ness?)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Der Fas­zi­na­tion des ver­schlos­se­nen, ver­bo­te­nen Zim­mers kann ich mich ein­fach nicht ent­zie­hen. Mein Gemahl ist ver­reist und hat mir den Bund mit Schlüs­seln hin­ter­las­sen, den Schlüs­seln, die mir Zutritt zu allen Sälen, Zim­mern, Keme­na­ten und Kam­mern im Schloss gewäh­ren. Nur die­ses eine Zim­mer soll ich mei­den, sonst ziehe ich mir, hat er mir ange­droht, sei­nen Zorn zu. Aber die Neu­gier ist über­mäch­tig.

Die Tür ist klein, ihr Holz dun­kel. Warum sollte ich nicht hin­ein­dür­fen? Ich bin doch die Frau Baro­nin, die Schloss­her­rin. Dies alles hier gehört jetzt auch mir! Eine Stimme mel­det sich in mei­nem Kopf, als ich aus­pro­biere, ob der Schlüs­sel über­haupt passt: Was ist mit den Frauen vor mir pas­siert, auch sie Schloss­her­rin­nen, auch sie mög­li­cher­weise allein im Schloss, als der Baron auf Rei­sen war? Sie sind ver­schwun­den. Wohin?

Der Schlüs­sel passt. Die Tür knarrt leise. Ich bli­cke mich um. Steht mein Gemahl, der Baron, in einer der Nischen und beob­ach­tet mich? Nein. Der Kor­ri­dor ist leer. Ich bin allein.

Jetzt ist die Tür auf­ge­sperrt. Ich lege meine Hand auf die Klinke. »… sonst wird mein Zorn über dich kom­men!«, hat er gedroht, er, mein Gemahl, der doch sonst so über­aus sanft und zuvor­kom­mend ist. Er wird mir doch wohl kein Leid zufü­gen, nur weil ich auch die­sen Raum in mei­nem neuen Heim inspi­ziert habe. Viel­leicht erwar­tet er sogar genau das von mir? Die Klinke ist kühl. Ich drü­cke sie her­un­ter.

Er hatte mich gefragt, ob ich neu­gie­rig bin. Das war, als er mich mit Geschen­ken über­häufte, um mich davon zu über­zeu­gen, dass er der Rich­tige ist – wenn auch schon ein wenig alt und unan­sehn­lich. Und trotz der Dinge, die man sich über ihn und seine Ehe­frauen erzählt, eroberte er schließ­lich mein Herz, und ich sagte Ja. Das hatte ich damals auch auf seine Frage nach der Neu­gier geant­wor­tet. Er hatte genickt und »Gut, gut« gemur­melt.

Die Tür steht schon einen Spalt weit offen. Gleich werde ich wis­sen, was sich hin­ter ihr ver­birgt. Obwohl ich eigent­lich ver­spro­chen habe, sie nicht zu öff­nen. Aber er wird es ja nicht erfah­ren! Den­noch: Will ich von nun an mit dem Wis­sen leben, ihn betro­gen und belo­gen zu haben, unsere noch so junge Ehe damit belas­ten, ihn zu hin­ter­ge­hen? Ich ziehe die Tür wie­der zu, lasse das Schloss ein­ras­ten, drehe den Schlüs­sel herum und ziehe ihn her­aus.

Es soll keine Lügen und Heim­lich­kei­ten zwi­schen uns geben. Ich werde ihn ein­fach nach dem Zim­mer fra­gen, wenn er wie­der heim­kommt. Er wird mir sagen, was hin­ter der Tür ist und warum ich sie nicht öff­nen sollte, und dies wird eines der Mär­chen wer­den, die glück­lich aus­ge­hen: »Und wenn sie nicht gestor­ben sind …«

 

246/398

Locus fac­tum enigma opus

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen Schlaf­zim­mer und Bad und habe damit schon den ers­ten Punkt mei­nes heu­ti­gen K‑Tags erfüllt. Vier Auf­ga­ben sind es, die ich mir täg­lich stelle: • ein Ort, • ein Tun, • ein Rät­sel und • ein Werk.

Ges­tern hatte ich es nicht so leicht. Mir wollte erst kein erreich­ba­rer Ort mit J ein­fal­len. Dann hatte ich aber doch eine Ein­ge­bung, als ich Eiern und Kar­tof­feln beim Bio­bau­ern kaufte. Ich fragte ihn, ob er eine Jau­che­grube hat und manch­mal hin­ein­stei­gen muss. Er sah mich schräg an und nickte. Indem ich dann frei­wil­lig seine Ganz­kör­per­gum­mi­stie­fel anzog und mit einer Mist­ga­bel bewaff­net ver­suchte, den Aus­fluss des Beckens frei­zu­be­kom­men, hatte ich eigent­lich gleich­zei­tig den gest­ri­gen Punkt 3, das Rät­sel, erfüllt. Denn mein Bauer wird sich wohl fortan den Leb­tag lang fra­gen, was einen sei­ner Kun­den dazu bewo­gen haben mag, frei­wil­lig in die Exkre­mente sei­ner Kühe und Schweine zu stei­gen.

Trotz­dem habe ich der Welt dann noch ein dezi­dier­tes Rät­sel mit J hin­ter­las­sen: Ich zer­schnitt alte Jute­ta­schen und nähte sie zu simp­len Socken um, knapp fünf­zig Stück, die ich, heim­lich natür­lich, über die Enden des Jäger­zauns stülpte, der den Wert­stoff­hof im Nach­bar­dorf ein­fasst. Das sieht nied­lich aus, und die Aktion hat, hoffe ich, zu erstaun­tem Kopf­schüt­teln geführt, auch wenn sie es ver­mut­lich nicht ein wei­te­res Mal in unser ört­li­ches Käse­blätt­chen geschafft hat.

Nach­dem ich mir abends dann noch das Jon­glie­ren mit drei Bäl­len bei­gebracht hatte – mehr schlecht als recht, muss ich zu mei­ner Schande geste­hen –, guckte ich dann noch Jumanji. Zwar kein Film aus der Bes­ten­liste der Inter­net Movie Data­base, die ich mei­ner Aus­wahl nor­ma­ler­weise zugrunde lege, aber der Jäger des ver­lo­re­nen Schat­zes war gerade aus­ge­lie­hen, und von einer Johanna von Orlé­ans aus dem Jahr 1928 hat­ten sie in mei­ner Video­thek noch nie gehört.

Neuer Tag, neues Glück, ein neuer Buch­stabe. Mit dem K fing ich noch vor dem mor­gend­li­chen Kor­ri­dor mit einer nächt­li­chen Aktion zur Geis­ter­stunde an. Ich hab mich schwarz ein­ge­klei­det, zwei Schnüre an die bei­den Enden eines Bret­tes gebun­den und an deren Enden die Hand­griffe eines Spring­seils befes­tigt. Damit bin ich dann raus auf eins der Wei­zen­fel­der unse­res Bio­bau­ern. Ohne unnö­tige Spu­ren zu hin­ter­las­sen hab ich mich bis in die unge­fähre Mitte durch­ge­schla­gen und dort ange­fan­gen, einen Korn­kreis anzu­le­gen. Die Form hatte ich vor­her mit Zir­kel und Lineal zu Papier gebracht. Frak­tale Geo­me­trie traute ich mir als Anfän­ger nicht zu, und weil es ja ein Rät­sel mit K wer­den sollte, ent­schied ich mich für ein zwan­zig Meter lan­ges Kel­ten­kreuz. Eine schweiß­trei­bende Arbeit, wie sich her­aus­stellte, und im Ergeb­nis ver­mut­lich ziem­lich krumm und schief. Mal sehen, was das Käse­blätt­chen schreibt. Viel­leicht wird ja von irgend­wem ein Luft­bild geschos­sen. Die über­di­men­sio­nale rote Clowns­nase vor andert­halb Wochen, die ich nachts um den Kirch­turm gebun­den hatte, brachte es jeden­falls auf die Titel­seite und zu einer Flut von erbos­ten Leser­brie­fen.

Dann mor­gens, hun­de­müde von der anstren­gen­den Nacht, der Kor­ri­dor zum Bad. Eigent­lich sol­len es ja neue Erfah­run­gen und Orte sein. Aber ich finde, mit der Jau­che­grube von ges­tern habe ich etwas gut. In der Mit­tags­pause im Büro betrachte ich auf mei­nem Moni­tor ein­ge­hend die »Krei­de­fel­sen von Rügen« von Cas­par David Fried­rich. Ich hatte mir schon gedacht, dass ich das Werk irgendwo im Inter­net in hoher Auf­lö­sung finde. Lange denke ich, indem ich mir Löf­fel um Löf­fel Kar­tof­fel­pü­ree aus der Kan­tine im Munde zer­ge­hen lasse, dar­über nach, was der alte Mann im blauen Geh­rock auf Hän­den und Knien am Boden zu suchen hat. Ist er umge­fal­len? Dafür würde der acht­los fort­ge­rollte Hut spre­chen, den schon ein leich­ter Wind­stoß in den Abgrund wehen könnte. Ver­sucht der Alte viel­leicht vor­sich­tig, über den Grat in die Tiefe zu schauen, dem Fin­ger­zeig der jun­gen Dame im roten Kleid fol­gend? Oder ist er Bota­ni­ker und hat ein sel­te­nes Gras ent­deckt, wor­auf­hin er sei­nen Stock nie­der­legte, sei­nen Hut ver­lor und sofort ein Exem­plar pflü­cken musste?

Auf der Fahrt nach Hause gehe ich den Tag noch ein­mal durch. • Rät­sel: Korn­kreis; • Ort: Kor­ri­dor; • Kunst­werk: Krei­de­fel­sen. War viel­leicht auch schon eine • Tätig­keit mit K dabei? Kopie­ren? Hm. Die Kon­fe­renz­schal­tung mit Reykja­vík? Hm. Krat­zen am Hin­ter­kopf? Nein, ich habe nichts Neues gemacht. Dann kommt mir aber doch noch ein ret­ten­der Ein­fall. Wenn mir schon die Szene an den Krei­de­fel­sen Rät­sel auf­ge­ge­ben hat, warum nicht vor dem Zubett­ge­hen noch ein wenig wei­ter­rät­seln. Obwohl ich die Tages­zei­tung jetzt schon lange abon­niert habe: Noch nie habe ich das Kreuz­wort­rät­sel im bei­lie­gen­den Frei­tags­ma­ga­zin gelöst. Es soll sehr kniff­lig sein, und man muss angeb­lich gehö­rig um die Ecke den­ken.

»Bro­same ist dem Bio­bau­ern alles« in fünf Buch­sta­ben. Es muss mit K anfan­gen, denn den »Kol­ben­fres­ser« quer hab ich schon, auch wenn ich mir anhand der Umschrei­bung »Tie­ri­scher Mais­räu­ber? Moto­ri­sier­ter GAU« erst ein­mal rein gar nichts vor­stel­len konnte, bis dann end­lich der Gro­schen fiel.

Der »Kol­ben­fres­ser« jedoch war anschei­nend nur ein Glücks­tref­fer. Mir will ein­fach nichts mehr ein­fal­len. Ich gebe auf, aber noch beim Ein­schla­fen rotiert es durch mei­nen Kopf. Gibt’s »Bro­same« über­haupt in der Ein­zahl? Doch genauso wenig wie »Almose«, oder? Hm. Hier fin­det der dörf­li­che Rät­sel­ma­cher – ich sage nur: die Clowns­nase! – offen­bar sei­nen Meis­ter. Ich beschließe, beim nächs­ten Eier­kauf den Bio­bau­ern selbst zu fra­gen, was ihm »alles« ist. Einen Ruf habe ich bei dem seit ges­tern ja nicht mehr zu ver­lie­ren.

Mor­gen ist Wochen­ende, und ich werde nach die­ser anstren­gen­den Woche erst ein­mal aus­schla­fen. Mon­tag geht es dann wei­ter mit L.

 

247/398

The Sand’s Tale

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Kabi­nen. Heute ist es die Num­mer acht. Ich werfe mein Token ein. Das Hin­le­gen ist sehr schmerz­haft, aber dann ruhe ich end­lich aus­ge­streckt unter den wär­men­den und bräu­nen­den Strah­len der Son­nen­bank. Es ist der 14. Juli, und in Gedan­ken reise ich ein­und­vier­zig Jahre zurück. An die­sem Tag war ich mit Mau­ritz in San Fran­cisco.

Bei der jun­gen Frau, die im Son­nen­stu­dio in der Schil­ler­straße an der Kasse steht, wechsle ich jedes Mal, statt mir den Token am Auto­ma­ten zu zie­hen, einen Fünf-Euro-Schein und lasse ihr 50 Cent als Trink­geld lie­gen. Bestimmt komme ich ihr sehr selt­sam vor: Ein klei­ner Mann in einem schwar­zen Anzug mit son­nen­brau­nem Gesicht, der jeden Tag (außer sonn­tags) um die Mit­tags­zeit her­kommt und sich zwan­zig Minu­ten lang auf die Son­nen­bank legt, ohne sich vor­her sei­nes Anzugs und der schwar­zen Schuhe zu ent­le­di­gen. Aber sie kann ja auch nicht wis­sen, dass mich, seit meine Schul­ter zer­trüm­mert wurde, fast uner­träg­li­che Schmer­zen pla­gen, wenn ich mich an- oder aus­klei­den muss.

San Fran­cisco 1971. Was waren wir von die­ser Stadt beein­druckt, der Mau­ritz und ich! Wir lie­fen über die Gol­den-Gate-Brü­cke, quer über die Bucht bis zum ande­ren Ende und wie­der zurück. Was für eine groß­ar­tige Inge­nieurs­leis­tung! Ich konnte die vie­len Hände spü­ren, die Tau­sende von Arbei­tern, die die­ses Bau­werk errich­te­ten und Stück für Stück zusam­men­füg­ten.

Noch ein­mal male ich mir den vier­zehn­ten Juli in San Fran­cisco in allen Ein­zel­hei­ten aus, wäh­rend mein Gesicht und meine Hände ange­nehm warm wer­den. Es war der Tag, an dem wir abends zufäl­lig zwi­schen die Hip­pies gerie­ten und mich diese junge Frau, die ihre Schul­tern bunt bemalt hatte und bar­fuß lief, ohne Vor­war­nung geküsst hat. Ein beson­de­rer Tag.

Aber bald ist die Zeit abge­lau­fen, und die letzte Minu­ten unter der Höhen­sonne widme ich immer dem wich­tigs­ten Ereig­nis mei­nes Lebens: mei­ner Ankunft in der Wüste. Ich hatte unter Rei­se­angst gelit­ten und mir alle mög­li­chen Wid­rig­kei­ten aus­ge­malt, auf die ich, fern der Hei­mat, tref­fen könnte. Als ich jedoch aus dem Bus stieg, der uns in das Dorf brachte, waren alle Sor­gen wie weg­ge­bla­sen. Die Wüste! Der Him­mel! Die Weite! Ein Hoch­ge­fühl erfasste mich. Sand knirschte mir zwi­schen den Zäh­nen, und ich sog begie­rig die Luft eines frem­den Lan­des, eines frem­den Kon­ti­nents in mich ein.

Neben mir stand ein jun­ger Mann, Mau­ritz, der seine Glie­der streckte und sich zuse­hends freute, von den engen Sit­zen her­un­ter und aus dem schreck­li­chen Ben­zin­ge­stank im Bus her­aus­zu­kom­men. Ihm schien es ähn­lich wie mir zu gehen. Mau­ritz war von einer schwe­di­schen Bau­firma nach Ägyp­ten geschickt wor­den. Wir kamen in der­sel­ben Inge­nieurs­ba­ra­cke unter und stell­ten bald fest, dass wir uns gut ver­stan­den, auch ohne unser holp­ri­ges Eng­lisch, in unse­ren Mut­ter­spra­chen Deutsch und Schwe­disch und indem wir mit Hän­den und Füßen rede­ten.

Mit einem Pling ver­lischt die Sonne in der Kabine. Lang­sam und vor­sich­tig, um den rech­ten Arm nicht zu belas­ten, richte ich mich auf. Die junge Frau am Tre­sen wird wie immer mei­nen Abschieds­gruß nicht erwi­dern, aber auf­schauen und viel­leicht lächeln. Ich bin ein komi­scher alter Kauz in ihren Augen, so wie ich ein komi­scher alter Kauz in jeder­manns Augen gewor­den bin. Nie­mand weiß mehr von dem jun­gen Inge­nieur, der einen gan­zen ägyp­ti­schen Tem­pel ver­setzt hat, damit er nicht in den Flu­ten des Assuan-Stau­damms ver­sinkt und der Nach­welt ver­lo­ren geht.

Auch die Bedie­nung des Cafés im Münch­ner Haupt­bahn­hof wech­selt nur die nötigs­ten Worte mit mir, obwohl ich seit vie­len Jah­ren jeden Nach­mit­tag (außer sonn­tags) hier­her­komme und einen Kaf­fee trinke. Jetzt hat es einen ita­lie­ni­schen Namen und lau­ter Kaf­fee­spe­zia­li­tä­ten im Ange­bot, unter deren Namen ich mir nichts vor­stel­len kann. Die ein­fa­che Tasse Kaf­fee gibt es noch, aber sie ist heute vier­mal so teuer. Neben der Son­nen­bank ist sie der ein­zige Luxus, den ich mir gönne, und erin­nert mich ent­fernt an den ägyp­ti­schen Kaf­fee­sud, der unser Treib­stoff wurde für die gigan­ti­sche Auf­gabe. Auch in der Kli­nik, nach­dem mir ein rie­si­ger Stein­klotz – der linke Fuß einer Kolos­sal­sta­tue – die rechte Schul­ter zer­trüm­mert hatte, kam ich nicht ohne den bit­ter­sü­ßen Zau­ber­trank aus. Viel­leicht hoffte ich, er könne mir die Schmer­zen neh­men. Beson­ders die Schmer­zen dar­über, wie ein zer­bro­che­nes Werk­zeug fort­ge­wor­fen zu wer­den und ver­ges­sen zu sein. Nur Mau­ritz ver­gaß mich nicht.

Der Kaf­fee und die Son­nen­bank. Mehr ist mir nicht geblie­ben, auch nicht von den Rück­la­gen für meine Beer­di­gung. Bei der Bank hat­ten sie mir ver­si­chert, dass das Geld gut ange­legt ist und über die Jahre immer mehr dar­aus wer­den wird. Dann eines Tages war das Geld fort. Nie­mand ent­schul­digte sich. Es war ein­fach fort, und es macht mir das Herz eng, dass nichts mehr da sein wird, wenn ich ein­mal nicht mehr bin. Mau­ritz hin­ter­ließ immer­hin Frau und Kind. Aber das ist ja jetzt auch schon lange her.

Er war gleich Feuer und Flamme, als ich beschloss, die magere Abfin­dung, die mir meine Firma schließ­lich für den Unfall zahlte, zu ver­wen­den, um mir ein Jahr lang die Welt anzu­se­hen. Wir began­nen mit dem Eif­fel­turm und fach­sim­pel­ten als Inge­nieure über die groß­ar­tige Leis­tung, ein Bau­werk wie die­ses zu errich­ten. Nie­mand denkt an die Inge­nieure und Arbei­ter zurück. Das Monu­ment bleibt bestehen, und viel­leicht trägt es den Namen sei­nes Kon­struk­teurs und irgendwo ver­steckt eine Pla­kette, die an die Arbei­ter erin­nert, die wäh­rend des Baus ihr Leben gelas­sen haben. Aber die ande­ren vie­len hun­dert, vie­len tau­send namen­lo­sen Hel­fer, die mit ihrer Hände Arbeit das Werk in die Tat umsetz­ten – ver­ges­sen.

Ich werde auch ver­ges­sen sein. Oder nein: Ich bin schon ver­ges­sen. Des­halb erin­nere wenigs­tens ich mich auf der Son­nen­bank an unsere Reise um die Welt, Tag für Tag. Und immer wie­der an die­sen gro­ßen Moment mei­ner Ankunft in der Wüste, als mir mit einem Mal nichts unmög­lich schien und es mir wie ein Kin­der­spiel vor­kam, einen gewal­ti­gen, jahr­tau­sen­de­al­ten Tem­pel zu ver­set­zen. Und Mau­ritz ken­nen­lernte, der auch zu den Inge­nieu­ren gehörte. Und den Sand der Wüste schmeckte.

Der Anzug ist mir zu groß gewor­den. Genau wie der zer­schlis­sene braune, den ich trage, solange der gute schwarze in der Rei­ni­gung ist. Ich werde klei­ner. Irgend­wann werde ich nicht mehr da sein, und damit ver­schwin­den auch die Erin­ne­run­gen an den gro­ßen Tag mit sei­nem Hoch­ge­fühl und die an unsere große Reise, die fast ein gan­zes Jahr dau­erte.

Im Café sehe ich häu­fig Gäste, die einen trag­ba­ren Com­pu­ter auf­klap­pen oder mit dem Fin­ger über einen fla­chen Bild­schirm wischen. Im Inter­net soll alles gespei­chert und abruf­bar sein, heißt es. Und es ver­gisst nichts, habe ich gele­sen. Aber ich weiß nicht, wie ich meine Erin­ne­run­gen dort hin­ein­brin­gen soll. Ver­mut­lich würde sich sowieso nie­mand von den jun­gen Leu­ten für die Geschich­ten eines komi­schen alten Kau­zes inter­es­sie­ren, der einen Tem­pel ver­setzt hat, einen Tem­pel in der Wüste mit den stei­ner­nen Sta­tuen von alten Göt­tern, Göt­tern, die ihn einen Freund fin­den lie­ßen, ihm die Schul­ter zer­schmet­tert haben und ihn am Ende dazu brach­ten, ein­mal um die ganze Welt zu rei­sen.

Der Tem­pel wird noch lange ste­hen, die Wüs­ten­sonne noch lange glei­ßend auf ihn nie­der­bren­nen. Viel­leicht hat es sich dafür gelohnt – und für die täg­li­che Vier­tel­stunde auf der wär­men­den Son­nen­bank mit mei­nen Erin­ne­run­gen an Mau­ritz, unsere Reise und meine Ankunft in der Wüste, als ich win­zig klein vor den Kolos­sal­sta­tuen stand, die wir 64 Meter in die Höhe hie­ven muss­ten, um sie vor dem Ertrin­ken im Stau­damm zu ret­ten. Unbe­ein­druckt von allem mensch­li­chen Gewu­sel blick­ten sie in die Ferne, und auf eine unheim­li­che Weise wusste ich plötz­lich, eigent­lich bin ich, genau wie sie, unsterb­lich.

 

[erzählt von Hans-Heri­bert Gütt­mann, auf­ge­schrie­ben von Cory d’Or

 

 

251/398

O nada o todo

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg zu mei­nem klin­geln­den Tele­fon. Wer ruft mich so früh an? Albo? Um mich dar­über zu infor­mie­ren, wo die nächs­ten fünf­zig Texte des Seri­en­kil­lers gefun­den wur­den? Es sind näm­lich wie­der fünf­zig Tage rum seit unse­rem letz­ten Fund. Ich nehme den Hörer ab, doch erst ein­mal höre ich nur Stör­ge­räu­sche und Rau­schen. Das kenne ich schon. Da bin ich wohl ges­tern wie­der mit dem Staub­sauger an die Wand­buchse unterm Schrank gesto­ßen. Ich lasse mich auf die Knie run­ter und angle unter dem High­board nach dem Tele­fon­ka­bel. Die Hoff­nung, dass mein Arm dies­mal lang genug ist, erfüllt sich erwar­tungs­ge­mäß nicht. Also lege ich mich äch­zend auf den Bauch, schiebe meine Schul­ter unter den Schrank, bis ich mit den Fin­ger­spit­zen die Wand­buchse errei­che und daran rüt­teln kann. Einen Moment lang werde ich durch Plu­ra­belle abge­lenkt, die miau­end her­an­trabt, um die Gele­gen­heit zu nut­zen, ihr Gesicht an mei­nem rei­ben zu kön­nen. Dann macht es Klick.

Meine aus­ge­streckte Hand sitzt fest, küh­les Metall hat sich um das Gelenk gelegt. Flu­chend zerre und ziehe ich, aber ich komme nicht wie­der los.

»Ist unbe­quem, ich weiß«, sagt eine Stimme in mei­nem Rücken. Ich will mich umdre­hen, was mir jedoch den Arm bre­chen würde. Keu­chend beob­achte ich, wie die Spitze eines schwar­zen Leder­schuhs einen Kar­ton in mein Blick­feld schiebt.

»Wird aller­dings nicht lange dau­ern, ver­spro­chen!«, fährt die Stimme des Unbe­kann­ten fort. »Wenn ich weg bin, springt die Hand­schelle wie­der auf.« Der Mann tritt hin­ter mich.

»Wer zur Hölle sind Sie?« Aber ich ahne bereits, mit wem ich es zu tun habe und wer mich hier mit einer fern­ge­steu­er­ten Hand­schelle unters High­board geklemmt hat.

»Ver­mut­lich ist dir längst klar­ge­wor­den, dass die Sache mit den raus­ge­schnit­te­nen Her­zen ganz auf dich gemünzt ist. Es ist eine Bot­schaft an dich. Ich werde dir jetzt in aller Ruhe erklä­ren, was es damit auf sich hat und wie in aller Welt es drei Her­zen geben kann, die deine DNA haben. Dann geh ich wie­der, und du bist frei.«

Die Stimme kommt mir bekannt vor, nur weiß ich nicht, wo ich sie ein­ord­nen soll. Irgend­je­mand aus mei­ner Jugend?

»Na, da bin ich aber gespannt«, presse ich her­vor. Auch wenn der Mann momen­tan ganz gelas­sen klingt: Ich habe es mit einem mehr­fa­chen Mör­der zu tun. Und mir sind buch­stäb­lich die Hände gebun­den.

»Du hast doch sicher die Kor­ri­dore gele­sen, die ich dir geschickt habe …« Damit meint er wohl die zwei­hun­dert Texte, die Albo und mir bereits vor­lie­gen. Ich gebe einen zustim­men­den Laut von mir.

»Da geht es doch auch immer wie­der um Par­al­lel­wel­ten, rich­tig?«

Ich schnaube. Das kann er ver­ste­hen, wie er will.

»Neh­men wir ein­mal an, es gibt, wie einige Phy­si­ker pos­tu­lie­ren, unzäh­lige Par­al­lel­wel­ten, die sich nur in win­zi­gen Details von unse­rer unter­schei­den.«

Ich habe es mit einem Ver­rück­ten zu tun. Was wird er mit mir anstel­len? Mir auch das Herz her­aus­schnei­den, wie er es schon mit sei­nen letz­ten drei oder mehr Opfern getan hat? Nur nicht hys­te­risch wer­den!, schärfe ich mir ein. Viel­leicht macht er einen Feh­ler, und ich bekomme eine Chance.

»Dann gibt es auch«, fährt er see­len­ru­hig fort, »zahl­rei­che par­al­lele Ver­sio­nen von dir.« Er macht eine Pause.

»Willst du etwa sagen …?« Ich bre­che mit­ten im Satz ab. Das kann er nicht ernst mei­nen, oder?

»Genau«, sagt er, »die drei Her­zen stam­men von drei par­al­le­len Dop­pel­gän­gern von uns. Denn falls dir meine Stimme bekannt vor­kommt: Auch ich bin eine alter­na­tive Ver­sion von dir. Oder du eine von mir. Wie auch immer. Wir haben die glei­che DNA, aber unsere Lebens­ge­schich­ten unter­schei­den sich in eini­gen Details.«

»Zum Bei­spiel darin, dass ich kein Mör­der bin«, presse ich wütend her­vor.

»Ich wollte ein­fach nur Schlim­me­res ver­hin­dern.« Er klingt nach­denk­lich, als er das sagt. Wenn ich ihn doch nur sehen könnte! Aber genau das hat er mit der Hand­schelle erfolg­reich ver­hin­dert. »Die drei Her­zen habe ich hier­her­ge­schafft, um dich ganz hand­fest davon zu über­zeu­gen, dass meine Geschichte, so ver­rückt sie klingt, wahr ist. Wahr sein muss! Es gibt keine andere ver­nünf­tige Erklä­rung – oder fällt dir viel­leicht eine ein?«

Der Mann folgt einem Kon­zept, einem Skript, das er sich zurecht­ge­legt hat. »Ich will die Geschichte nicht hören«, sage ich, um ihn aus dem Tritt zu brin­gen.

Er lacht leise. »Du ver­gisst, mein Lie­ber, dass ich dich sehr gut kenne. Wir sind wie ein­ei­ige Zwil­linge, die getrennt von­ein­an­der auf­ge­wach­sen sind. Und vie­les in unse­ren par­al­le­len Leben gleicht sich auf eine rät­sel­hafte, fast schon erschre­ckende Weise. Wovon die Quan­ten­phy­si­ker näm­lich kei­nen Schim­mer haben, das sind die vie­len Über­lap­pun­gen und Über­schnei­dun­gen. Das Mul­ti­ver­sum ist da sehr öko­no­misch.«

»Hast du all diese Texte geschrie­ben?« Viel­leicht habe ich die Chance, ihn von dem abzu­brin­gen, was er augen­schein­lich mit mir vor­hat, wenn es mir gelingt, die Gesprächs­füh­rung zu über­neh­men: »Auch die hier, die ver­mut­lich in dem Kar­ton sind, den du mir hin­ge­stellt hast. Wie­der fünf­zig, nehme ich an.«

»Ich habe«, sagt er, »Dut­zende unse­rer par­al­le­len Alter Egos ken­nen­ge­lernt. Viele von uns schrei­ben diese Texte. Es ist eigen­ar­tig. Sie tun es aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den. Und sie fan­gen alle mit dem­sel­ben Satz an, immer wie­der. So wie deine auch.«

»Meine? Ich habe keine geschrie­ben.«

»Ach, komm schon. Du hast dir drei Schreib­ma­schi­nen besorgt, weil dir fünf­zig zu viel waren, und um dich in die Psy­che des Mör­ders hin­ein­zu­ver­set­zen, hast du Kor­ri­dore geschrie­ben, Tag für Tag einen, immer mit der jeweils nächs­ten Schreib­ma­schine.«

Ich schweige. Woher weiß er das? Wie kommt er in meine Woh­nung? Hat er mich von Anfang an über­wacht und beob­ach­tet?

»Es geht aber letzt­lich nur um einen Text. Einen, den ich geschrie­ben habe, und den auch nur ich schrei­ben konnte. Weißt du, wel­chen ich meine?«

Bruch­stü­cke der Minia­tu­ren und Kurz­ge­schich­ten rasen mir durch den Kopf. Meint er den Mino­tau­rus? Die Begeg­nung mit Korian? Den kopf­schmerz­ge­plag­ten Zeit­geist­rei­sen­den? Den Rin­po­che aus dem Hima­laja? Den Unter­gang von Atlan­tis? Die geis­ter­haf­ten Besu­cher in Zim­mer 27? …

»Es ist der Text, in dem ich erzähle – etwas ver­klau­su­liert, gebe ich zu – wie ich mit mei­ner ver­fluch­ten Freie-Ener­gie-Maschine die Vaku­um­fluk­ta­tion ange­zapft und ein Loch ins Uni­ver­sum gebla­sen habe.«

»Ein Loch ins Uni­ver­sum?« Im Kopf gehe ich die Erfin­dun­gen von Pro­fes­sor Ceril, dem ver­rück­ten Wis­sen­schaft­ler, durch. Dann fällt mir schlag­ar­tig die äußerst selt­same Geschichte ein, in der jemand erfährt, dass er im Traum die gesamte Mensch­heit ver­nich­tet hat – die Mensch­heit einer Par­al­lel­welt.

»Nur dass es kein Traum war«, sagt er hei­ser. »Ich bin selbst der Phy­si­ker, der – mit bes­ten Absich­ten – eine Ket­ten­re­ak­tion in Gang gesetzt hat, die einen gan­zen Spi­ral­arm unse­rer Milch­straße in einen Dimen­si­ons­ab­grund riss. Und das möchte ich wie­der rück­gän­gig machen.«

Ich will irgend­et­was sagen, das mir einen psy­cho­lo­gi­schen Vor­teil ver­schafft, aber alles, was ich her­vor­bringe, ist: »Das … Das ist doch Irr­sinn!« Mein Hand­ge­lenk schmerzt. Immer wie­der ver­su­che ich, mich unauf­fäl­lig aus der Schelle zu befreien, aber ohne Erfolg.

»Was willst du von mir?«, frage ich hei­ser. »Mich töten?«

Ein Psy­cho­ti­ker glaubt an seine wahn­hafte Geschichte und deu­tet alle Erleb­nisse als Beweise für seine Para­noia. Die­ser Mann glaubt, er könne in Par­al­lel­wel­ten rei­sen und par­al­lele Ver­sio­nen sei­ner selbst auf­spü­ren. Viel­leicht bringt er sie alle um, weil er der Ein­zige sein will. Natur­völ­ker glau­ben oft, die Kraft, das »Mana« der von ihnen Getö­te­ten könne auf sie über­ge­hen, indem sie bei­spiels­weise deren Herz oder Hirn essen.

»Ich sage doch: Ent­spann dich. Du hast nichts zu befürch­ten. Du bist keine der par­al­le­len Ver­sio­nen von uns, die mehr oder weni­ger wis­sent­lich die Mensch­heit ver­nich­ten. Das sind die, die Phy­si­ker gewor­den sind. Du bist Psy­cho­loge, schon ver­ges­sen? Ich möchte im Gegen­teil von dir, dass du mich tötest.«

Als er den Satz been­det, höre ich ein Schnur­ren. Es kommt aus sei­ner Rich­tung. Erneut ver­su­che ich, mich zu ihm umzu­dre­hen, auch wenn ich mir dabei die Haut auf­schürfe und fast mein Hand­ge­lenk aus­kugle. In den Augen­win­keln kann ich nun sche­men­haft erken­nen, dass er sich auf den Stuhl neben der Tür zur Küche gesetzt hat, auf dem ich sonst immer erst mal meine Ein­käufe depo­niere. Und ver­mut­lich hat er meine Katze auf dem Schoß. Dabei faucht sie Fremde sonst immer an.

»Weißt du, mein Lie­ber«, sagt er, »in einem Film würde ich dir jetzt lau­ter Ein­zel­hei­ten aus dei­nem Leben auf­zäh­len, die nur dir und sonst nie­man­dem bekannt sind, um zu bewei­sen, dass ich mit mei­ner Geschichte recht habe und wirk­lich ein Rei­sen­der aus einer Par­al­lel­welt bin. Ich würde zum Bei­spiel behaup­ten, dass du deine Katze ›Plu­ra­belle‹ genannt hast, oder genauer ›Anna Livia Plu­ra­belle‹ – nach der weib­li­chen Haupt­fi­gur aus Fin­ne­gans Wake. Ist dir eigent­lich noch gar nicht auf­ge­fal­len, wie viel all diese Kor­ri­dore mit dir zu tun haben?«

Ich schüttle den Kopf. Ich will es nicht wahr­ha­ben. Doch plötz­lich höre ich mich selbst schluch­zen, fühle ich eine Trau­rig­keit ganz tief in mir auf­wal­len, wie sie mich schon vor fünf­zig Tagen ein­mal ganz unver­mit­telt ansprang, als ich die Sache mit der DNA erfuhr. Wie­der dau­ert das Gefühl nur einen kur­zen Moment.

Als ob er auf die­ses Auf­schluch­zen gewar­tet hätte, sagt der Mann hin­ter mir jetzt mit lei­ser, aber ein­drück­li­cher Stimme: »Wir Men­schen haben eine weise Instanz in uns, die wir lei­der nur sel­ten oder im Grunde genom­men nie in Anspruch neh­men. Wenn wir sie befra­gen, wird sie uns sagen, dass es – kos­misch, uni­ver­sal, von einem all­um­fas­sen­den Stand­punkt aus betrach­tet –, wenn es schon nicht nichts gibt, dann alles geben muss, alles nur denk­bar Mög­li­che, wie es die Anfangs­be­din­gun­gen des Kos­mos erlau­ben. Und ver­mut­lich auch alles Unmög­li­che, Undenk­bare. Ein­fach kom­plett­amente und ulti­ma­tiv alles. Punkt. Drun­ter macht es das Mul­ti­ver­sum nicht.«

Als er ver­stummt, höre ich drau­ßen im Trep­pen­flur Schritte. Ein Nach­bar. Ich könnte um Hilfe rufen, aber: Was, wenn er recht hat? Wenn er tat­säch­lich eine par­al­lele Ver­sion von mir ist? Viel­leicht wollte die unver­mit­telte Trau­rig­keit in mir nichts ande­res sagen als: Genau so ist es – es gibt unzäh­lige Vari­an­ten von dir in unend­lich vie­len Wel­ten des Mul­ti­ver­sums, und einige davon sind Mör­der, Mas­sen­mör­der, die ganze Pla­ne­ten­sys­teme auf dem Gewis­sen haben.

»Ich kann in einen schma­len Bereich die­ser Wel­ten hin­ein­sprin­gen. Die, die mei­ner nicht zu ähn­lich sind, aber auch nicht allzu weit von ihr abwei­chen. Den Zeit­punkt kann ich jeweils belie­big ansteu­ern. Nur kann ich nicht zurück in meine eigene Welt, ver­stehst du? Und so kann ich mich lei­der Got­tes auch nicht selbst daran hin­dern, sie zu zer­stö­ren.«

Er wirkt ruhig, wäh­rend er das sagt. Auch Plu­ra­belle schnurrt nur so, wenn sie völ­lig ent­spannt ist. Ich bin der Ein­zige hier, des­sen Ner­ven flat­tern, der schwitzt wie ein Schwein und kei­nen ver­nünf­ti­gen Gedan­ken zuwege bringt.

»Du jedoch kannst es«, sagt er nach einer Weile. »Du kannst in meine Welt rei­sen, in die Zeit, bevor ich die Maschine ange­schal­tet, ja, bevor ich sie über­haupt kon­stru­iert oder erdacht habe. Du kannst den größ­ten und tra­gischs­ten Feh­ler ver­hin­dern, den je ein Mensch gemacht hat.«

Seine Stimme ist jetzt drän­gend, fast ein wenig fle­hend. Dann schweigt er. Auch Plu­ra­belle schnurrt nicht mehr. Ich höre nur mei­nen eige­nen keu­chen­den Atem.

»Du willst mich zum Mör­der machen? Ich soll dich umbrin­gen, damit du deine Maschine nicht in Gang setzt? Aber das ist kom­plet­ter Wahn­sinn: Es ist doch alles schon gesche­hen! Es lässt sich nicht mehr ver­hin­dern. Wie stellst du dir das vor?«

Er ant­wor­tet nicht.

Dann klickt es unter dem High­board. Meine Hand ist frei. Ich wälze mich herum, doch der Küchen­stuhl hin­ter mir ist leer. Plu­ra­belle liegt dar­auf und schläft selig.

252/398

Bal­ni­barbi World Impro­ve­ment

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich in den Süd­trakt führt. Bereits jetzt hat die »Aka­de­mie der Pro­jek­teure« in Lag­ado alle meine Erwar­tun­gen über­trof­fen:

Da war der Wis­sen­schaft­ler, der Son­nen­schein aus Gur­ken extra­hie­ren will (und der meinte, ohne Zwei­fel werde er bin­nen acht Jah­ren imstande sein, damit auf wett­be­werbs­fä­hige Her­stel­lungs­kos­ten zu kom­men).

Da war der For­scher, der Eis zu Schieß­pul­ver kal­zi­nie­ren wollte (also durch Erhit­zen ent­wäs­sern und umwan­deln – er zeigte mir dar­über hin­aus eine Abhand­lung über die Schmied­bar­keit des Feu­ers, die er bald ver­öf­fent­li­chen will).

Da war das Genie, das die Archi­tek­tur revo­lu­tio­nie­ren will, indem man beim Bau mit dem Dach anfängt (und der mich mit Ver­wei­sen auf die erstaun­li­chen archi­tek­to­ni­schen Leis­tun­gen der Bie­nen und Spin­nen zu über­zeu­gen suchte).

Da war wie­derum ein Gelehr­ter, der Spin­nen züch­tete und aus ihren Spinn­we­ben die halt­ba­rere und bes­sere Seide gewin­nen will (und mir mir eine Menge schön gefärb­ter Flie­gen zeigte, mit denen er seine Spin­nen füt­tert, damit der Web­fa­den gleich die gewünschte Farbe annimmt).

Und ich traf einen wahr­haf­ten Künst­ler, des­sen zwei Labo­ra­to­rien mit wun­der­ba­ren Sel­ten­hei­ten gefüllt sind – und fünf­zig Hel­fern. Einige ver­di­cken die Luft zu einer tro­cke­nen, fes­ten Sub­stanz, indem sie den Stick­stoff aus­schei­den und die flüs­si­gen Bestand­teile ver­duns­ten las­sen; andere erwei­chen Mar­mor zu Kis­sen (er habe, ver­si­cherte er mir, seit bereits drei­ßig Jah­ren aus­schließ­lich die Ver­bes­se­rung des mensch­li­chen Lebens vor Augen).

 

Ich besuchte noch Hun­derte ande­rer Zim­mer, werde aber den Leser mit allen von mir beob­ach­te­ten Merk­wür­dig­kei­ten nicht lang­wei­len, son­dern mich der Kürze beflei­ßi­gen.

Durch den Kor­ri­dor errei­che ich die andere Seite der Aka­de­mie, wo sich die hier ansäs­si­gen Pro­jek­to­ren, anders als es im Nord­trakt bei den anwen­dungs­na­hen Vor­ha­ben der Fall ist, in spe­ku­la­ti­ven Wis­sen­schaf­ten erge­hen sol­len.

Der erste Pro­fes­sor, den ich sehe, befin­det sich in einem gro­ßen Zim­mer und ist von vier­zig Schü­lern umge­ben. Nach der Begrü­ßung bemerkt er, dass ich inter­es­siert einen Rah­men betrachte, der den größ­ten Teil des Zim­mers in Länge und Breite aus­füllt. Er meint zu mir, ein jeder wisse doch, wie viel Mühe für gewöhn­lich das Erler­nen der Künste und Wis­sen­schaf­ten bei den Men­schen erfor­dere – er sei über­zeugt, durch seine Erfin­dung werde noch die unge­bil­detste Per­son bei mäßi­gen Kos­ten und bei gerin­ger kör­per­li­cher Anstren­gung Bücher über Phi­lo­so­phie, Poe­sie, Mathe­ma­tik und Quan­ten­phy­sik schrei­ben kön­nen.

Er führt mich zu dem gro­ßen Holz­ge­viert, an dem alle seine Schü­ler in Rei­hen auf­ge­stellt sind. Die Ober­flä­che besteht aus ein­zel­nen wür­fel­för­mi­gen Holz­stü­cken, sämt­lich durch Drähte mit­ein­an­der ver­bun­den und an jeder Flä­che mit Papier über­klebt, auf dem alle Worte der Lan­des­spra­che in Kon­ju­ga­tio­nen und Dekli­na­tio­nen, jedoch ohne alle Ord­nung auf­ge­schrie­ben sind.

Der Pro­fes­sor bit­tet mich acht­zu­ge­ben, da er seine Maschine in Bewe­gung set­zen will: Jeder Zög­ling nimmt auf sei­nen Befehl einen der vier­zig eiser­nen Griffe zur Hand, die am Rande des Holz­ge­vierts befes­tigt sind. Durch Dre­hen der Griffe wird die ganze Anord­nung ver­än­dert. Dann befiehlt er sech­zehn Kna­ben, die ver­schie­de­nen Wür­fel­rei­hen wie Zei­len eines Buches zu lesen, und wenn sie drei oder vier Wör­ter gefun­den haben, die einen sinn­vol­len Satz bil­den, wer­den sie sogleich nie­der­ge­schrie­ben.

Sechs Stun­den müs­sen die Schü­ler täg­lich bei die­ser Arbeit zubrin­gen, erklärt mir der Pro­fes­sor und ver­si­chert mir, er habe sei­nen Rah­men so ein­ge­rich­tet, dass er den gan­zen Sprach­reich­tum umfasse. Zu die­sem Behufe habe er sogar das all­ge­meine Ver­hält­nis berech­net, nach dem in Büchern Par­ti­kel, Haupt- und Zeit­wör­ter und andere Rede­teile vor­kom­men. Stolz zeigt er mir meh­rere Foli­an­ten mit den Nie­der­schrif­ten. Aus die­sem rei­chen Mate­rial werde er einen voll­stän­di­gen Inbe­griff aller Wis­sen­schaf­ten und Künste bil­den; ein Ver­fah­ren, das er jedoch ver­bes­sern und schnel­ler been­di­gen könne, wenn man das nötige Kapi­tal auf­brächte, um in Lag­ado auf einen Streich ganze fünf­hun­dert sol­cher Rah­men auf­zu­stel­len.

 

aus den Auf­zeich­nun­gen des Lemuel Gul­li­ver

 

253/398

Bal­ni­bari Lan­guage Impro­ve­ment

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor gleich hin­ter dem Direk­tor. Er will mich in die Sprach­schule sei­ner »Aka­de­mie der Pro­jek­to­ren« auf der Insel Bal­ni­barbi füh­ren, in der drei mit­ein­an­der kon­kur­rie­rende Pro­fes­so­ren an der zweck­mä­ßigs­ten Methode for­schen, die Lan­des­spra­che zu ver­bes­sern.

Das Pro­jekt des Ers­ten besteht darin, die Rede dadurch abzu­kür­zen, dass man viel­sil­bige Worte in ein­sil­bige ver­wan­delt und dazu noch alle Ver­ben und Par­ti­zi­pien aus­lasse, denn in Wirk­lich­keit seien alle vor­stell­ba­ren Dinge doch allein Haupt­wör­ter. Offen­bar scheint er mir mei­nen nicht uner­heb­li­chen Zwei­fel an sei­nen Theo­rien anzu­mer­ken, denn er folgt mir auf dem Weg zum zwei­ten Raum der Sprach­schule in den Kor­ri­dor, was er mir mit der blu­mi­gen Beschrei­bung »Ich Korr! Wir Korr Sie?« und der ein­drück­li­chen Beschwö­rung »Dirr Ansst Plan Welt Glück, Mensch Verstnd Tolnz Är Frschritt!« ein­sil­big vor Augen füh­ren möchte. Ich nicke und lächle, was ihn zufrie­den­zu­stel­len scheint.

Das Pro­jekt des zwei­ten Pro­fes­sors bezweckt in sei­ner Radi­ka­li­tät die kom­plette Abschaf­fung aller Wör­ter, was die Gesund­heit ver­bes­sern und unser Leben ver­län­gern soll. Denn es sollte klar sein, dass jedes von uns gespro­chene Wort unsere Lun­gen bean­sprucht und abnutzt und folg­lich die Ver­kür­zung unse­res Lebens bedeu­tet. Es sei, um dem abzu­hel­fen, so der Pro­fes­sor, drin­gend anzu­ra­ten, dass wir alles, was wir über uns und unsere Ange­le­gen­hei­ten zu sagen haben, in Form genau der Gegen­stände mit uns her­um­trü­gen, über die wir sonst unsere Worte ver­lö­ren.

Der Pöbel und das weib­li­che Geschlecht hät­ten jedoch, so der Pro­fes­sor wei­ter, mit einer Rebel­lion gedroht, um die Frei­heit ihrer Zun­gen zu ver­tei­di­gen, nicht ein­ge­denk der Tat­sa­che, dass es doch gerade diese sei, die ihr vor­zei­ti­ges Able­ben beför­dere. Doch der Pöbel sei ja ohne­hin der unver­söhn­li­che Feind jeder Wis­sen­schaft.

Die Klügs­ten und Wei­ses­ten jedoch beflei­ßi­gen sich bereits der neuen Methode, sich durch die Dinge selbst statt nur der Begriffe dafür aus­zu­drü­cken; die ein­zige Unbe­quem­lich­keit, die sich dar­aus ergibt, besteht nur darin, dass jemand mit Ange­le­gen­hei­ten umfang­rei­cher Natur ein ganz statt­li­ches Bün­del auf sei­nem Rücken her­um­tra­gen muss.

Kürz­lich wurde ich bereits Zeuge einer sol­chen wort­lo­sen und lun­gen­scho­nen­den Unter­re­dung – aller­dings noch ohne zu ahnen, wes­sen ich da eigent­lich ange­sich­tig wurde. Zwei Bal­ni­bar­bier begeg­ne­ten sich auf der Straße, leg­ten ihre Last nie­der, öff­ne­ten ihre Säcke und beschäf­tig­ten sich stun­den­lang mit Gegen­stän­den, die sie sich gegen­sei­tig schwei­gend vor­leg­ten; als­dann füll­ten sie ihre Behäl­ter aufs Neue, hal­fen ein­an­der dabei, sich ihre Last wie­der auf den Rücken zu laden, und emp­fah­len sich mit einer ange­le­gent­li­chen Geste. Mei­nen Ein­druck, die kör­per­li­che Anstren­gung einer sol­chen Kon­ver­sa­tion über­steige den des übli­chen Zun­gen­schlags um ein Mehr­fa­ches, behalte ich gegen­über dem von auf­rich­ti­gem Pflicht­ge­fühl erfüll­ten Pro­fes­sor wohl­weis­lich für mich.

Ein wei­te­rer Pro­jek­tor der Anstalt beschäf­tigt sich mit der Aus­ar­bei­tung der Meta­spra­che und will mir dies auch gleich lang und breit erklä­ren: »Opti­mel 1 im n‑Kobereich zum n‑t-Syn­klus­de­bel«. So jeden­falls lau­tet, erfahre ich von dem stol­zen Wis­sen­schaft­ler, seine min­des­tens ein­stün­dige Aus­füh­rung in der gebräuch­li­chen Spra­che, über­führt man sie in die Meta­spra­che 1. Er arbeite jedoch schon an der Meta­spra­che 2, wel­che wie­derum mehr­stün­dige Aus­füh­run­gen in Meta­spra­che 1 zu kur­zen Bon­mots zusam­men­fasse. Ich frage ihn, wie man denn meta­sprach­lich »Vie­len Dank, fro­hes Schaf­fen noch und auf Wie­der­se­hen« sagt, wor­auf­hin er sich begeis­tert in seine Auf­zeich­nun­gen ver­gräbt, bis ich und der Direk­tor nach einer Weile höf­li­chen War­tens das Stu­dier­zim­mer ver­las­sen.

Als Glanz­punkt sei­ner Füh­rung hat sich der Direk­tor eine neue Lehr­me­thode der mathe­ma­ti­schen Schule auf­ge­ho­ben, die mir von ihrem Erfin­der anschau­lich erklärt wird: Satz und Beweis wer­den mit einer orga­ni­schen Tink­tur, die den Gehir­nen der auf Bal­ni­barbi als schlau gel­ten­den Rat­ten ent­nom­men ist, auf einer dün­nen Oblate auf­ge­zeich­net. Diese muss der Schü­ler schnell hin­un­ter­schlu­cken, um anschlie­ßend drei Tage lang nichts als Brot und Was­ser zu sich zu neh­men. Ist die Oblate schließ­lich ver­daut, so steigt die Tink­tur ins Hirn und prägt dort den ent­spre­chen­den mathe­ma­ti­schen Satz ein.

Bis­her aller­dings hat sich der Erfolg noch nicht erwie­sen, ein Umstand, der teil­weise aus einem Feh­ler in der Quan­ti­tät oder Kom­po­si­tion der Arz­nei her­rüh­ren mag, teil­weise aber auch aus der Stör­rig­keit der Kna­ben, denen diese Medi­zin so ekel­haft ist, dass sie sich gewöhn­lich fort­steh­len und sich des Lern­stof­fes durch Her­aus­wür­gen ent­le­di­gen, bevor er seine Wir­kung ent­fal­ten kann.

 

aus den Auf­zeich­nun­gen des Sta­nisław Lemuel Gul­li­ver

 

254/398

The Two Way Frog (in My Throat)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Albo steht in der Tür zu sei­nem Büro und dis­ku­tiert mit einem Kol­le­gen. Als er mich kom­men sieht, ein Päck­chen unter dem Arm, schickt er den Poli­zis­ten mit einer Hand­be­we­gung fort. »Woher?«, fragt er und erkun­digt sich gar nicht erst, ob ich tat­säch­lich die nächs­ten fünf­zig Texte des Mör­ders dabei­habe.

Ein flaues Gefühl macht sich in mei­ner Magen­ge­gend breit. Wie soll ich ihm nur erklä­ren, was mir der Mör­der erzählt hat? Zwei Tage lang habe ich mich von der Welt abge­schot­tet, Ter­mine abge­sagt, nach­ge­dacht, ver­sucht, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, sie wie­der ver­wor­fen. Schließ­lich bin ich ein­fach mit dem Päck­chen zur Wache auf­ge­bro­chen, ohne einen Plan zu haben.

»Kam mit der Post.« Ich muss Albo lang­sam vor­be­rei­ten. Und auf dem Päck­chen steht tat­säch­lich meine Adresse, und es sind die rich­ti­gen Auf­kle­ber und Stem­pel drauf. Mein Alter Ego, der Kil­ler, hat wohl mit ein­kal­ku­liert, dass ich die Texte zu Albo schleppe – und mir so die Tür offen­ge­hal­ten, ihm nichts von sei­nem Besuch bei mir erzäh­len zu müs­sen.

»Und?«, fragt Albo, wäh­rend wir sein Büro betre­ten, »Blut? Ein Herz? Rasier­klin­gen?«

Ich schüttle den Kopf und hole den Papier­sta­pel aus dem Päck­chen her­aus. Er ist unbe­fleckt.

»Das hätte trotz­dem alles in die Foren­sik gemusst!«, meint Albo tadelnd.

»Ich weiß«, sage ich, »sorry.« Ich winde mich ein wenig unter sei­nem Blick.

»Na, mal sehen, was er dies­mal schreibt.« Albo blät­tert die Sei­ten durch. Ich will ihm sagen, dass das alles von par­al­le­len Ichs von mir stammt, gesam­melt vom Mör­der, der ver­sucht, seine Alter Egos von einer Untat abzu­hal­ten, die er selbst began­gen hat – und der tötet, wenn sonst nichts hilft.

»Bin ja schon froh, wenn kein blu­ti­ges Herz drauf liegt«, mur­melt Albo mehr zu sich selbst als zu mir. Die Her­zen, will ich ihm sagen, hat der Mör­der drauf­ge­legt, um mich davon zu über­zeu­gen, dass stimmt, was er behaup­tet – und mit den Mor­den hat er jeweils das Ende der Welt ver­hin­dert. Es ist Irr­sinn. Ich bin die ganze Geschichte immer wie­der durch­ge­gan­gen. Wenn sie wahr wäre, ging mir irgend­wann auf, hätte ich an sei­ner Stelle viel­leicht genauso gehan­delt. Denn ohne die Her­zen, ohne die inzwi­schen zwei­hun­dert­fünf­zig Texte hätte ich mei­nem par­al­lel­welt­rei­sen­den Gegen­stück das Gru­sel­mär­chen nie­mals geglaubt.

Albo blät­tert inter­es­siert und scannt die neuen Texte durch. »Hm, da sind ja wie­der unsere zwei Gra­zien aus dem Amt. Offen­bar auch unser alter Bekann­ter, der Atlan­ter – wow, lange Geschichte dies­mal, hüb­sche Tipp­ar­beit. Und die­ser Norbu auf dem Haus­boot hat auch wie­der einen Auf­tritt. Gehö­ren ja alle sozu­sa­gen schon zur Fami­lie.« Er wirft mir einen Blick zu. »Irgend­was Neues oder Auf­fäl­li­ges dabei?«

»Wir müs­sen reden, Uwe«, ant­worte ich. Das mit dem flauen Gefühl wird schlim­mer. Aber ich kann nicht noch län­ger war­ten. Zuerst fülle ich mir an der Kaf­fee­ma­schine einen Plas­tik­be­cher. Mir ist woh­ler, solange ich Albo den Rücken zuwende. »Es ist da in den Tex­ten doch immer wie­der von Par­al­lel­wel­ten die Rede …«

Albo brummt. »Cerils Gra­vi­ta­ti­ons­te­le­fon? Oder was meinst du?«

»Ich meine die­sen Text, wo er schreibt, dass er Anhän­ger der Viele-Wel­ten-Theo­rie ist. Was ja immer wie­der Thema ist. Bis hin zu Rei­sen in diese par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten.«

Der Kaf­fee ist ein­ge­schüt­tet, gezu­ckert, gerührt – ich muss mich wie­der zu Albo umdre­hen.

»Wor­auf willst du hin­aus?«, fragt er und sieht mich miss­trau­isch an.

»Auf die drei Her­zen mit iden­ti­scher DNA.«

»Vier Her­zen. Und eines schlägt noch. Gott­lob.«

Ich setze mich ihm gegen­über und stelle den Papp­be­cher auf sei­nem Schreib­tisch ab. »Was für eine Erklä­rung kann es für die Her­zen geben?«

»Klone«, sagt Albo, »oder er kann Organe wach­sen las­sen. Oder er ist Spe­cial-Effects-Tech­ni­ker und kann Her­zen täu­schend echt nach­bauen.« Er zieht eine sei­ner Brauen hoch. »Aber wahr­schein­lich gibt es eine ganz simple Erklä­rung, eine, auf die wir noch gar nicht gekom­men sind. Wenn wir ihn erst haben, fin­den wir auch die Erklä­rung.«

»Und wenn es sich nun vier­mal um die glei­che Per­son han­delt?«

Albo wirft mir einen über­rasch­ten Blick zu. »Jeman­den mit mul­ti­plen Her­zen? Nie davon gehört.«

»Nein. Es ist die­selbe Per­son – in ver­schie­de­nen par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten.«

Wie­der weckt Albos Blick in mir das drin­gende Bedürf­nis, mich unter sei­nem Tisch zu ver­krie­chen. Er öff­net den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn dann aber wie­der. Ich halte es nicht aus und bli­cke zu Boden. Und ich muss nicht Psy­cho­loge sein, um zu wis­sen, dass ich damit ver­lo­ren habe.

»Wenn ich in andere Wel­ten rei­sen könnte, ein­fach so …« Albo schnippt. Ich hebe mei­nen Blick wie­der. »Dann hätte ich echt was Bes­se­res zu tun als Leu­ten ihre Pumpe raus­zu­schnei­den, mir in einer der vie­len Wel­ten eine raue, graue, schmut­zige Stadt raus­zu­su­chen und die Her­zen in irgend­wel­chen Sehens­wür­dig­kei­ten auf irgend­wel­chen splee­ni­gen Geschicht­chen zu plat­zie­ren, damit sich die Mord­kom­mis­sion auf meine Spur setzt.«

Aber er ist eine geschun­dene Seele, will ich sagen, er hat eine mons­tröse Schuld auf sich gela­den, und er sieht nur eine Mög­lich­keit, für sei­nen Feh­ler gera­de­zu­ste­hen! All das will ich Albo erklä­ren, ihn beschwö­ren, ihm alles erzäh­len vom Besuch des Mör­ders bei mir und dass ich ihm hel­fen soll. Dass ich vor der wohl schwers­ten und fol­gen­reichs­ten Ent­schei­dung mei­nes Lebens stehe und jetzt nichts drin­gen­der bräuchte als den Rat eines Freun­des.

All das bringe ich jedoch nicht über die Lip­pen.

»Wir suchen einen Mör­der. Hast du etwas Neues dazu bei­zu­tra­gen?«

Albo ist sauer. Das ist nicht zu über­hö­ren. Der erste Mord ist schon über ein hal­bes Jahr her, und mit der Fahn­dung ist er keine Hand­breit wei­ter­ge­kom­men.

»In Text 233 schreibt er«, sage ich und hasse mich gleich­zei­tig dafür, »dass er die Texte im Inter­net hat schrei­ben las­sen, von irgend­wel­chen Leu­ten, die für ein Taschen­geld mehr oder weni­ger krea­tive Mikro­jobs über­neh­men. Mecha­ni­cal Turk heißt die Methode. Viel­leicht stimmt’s, und wir kön­nen ihn dar­über ding­fest machen.«

»Lass ich che­cken«, meint Albo. Seine Augen blit­zen – der alte Spür­hund hat wie­der eine Fährte auf­ge­nom­men. Sie wird ins Leere füh­ren. Es macht mich trau­rig, mei­nen Freund belü­gen zu müs­sen.

»Den Zodiac-Kil­ler haben sie nie gefasst, obwohl er zahl­rei­che Briefe und Kar­ten geschrie­ben hat.« Mit mei­nem hilf­lo­sen Ver­such, Albo dar­auf vor­zu­be­rei­ten, dass seine Fahn­dung erfolg­los blei­ben wird, mache ich alles nur noch schlim­mer. In sei­nem Blick lese ich seine abgrund­tiefe Ent­täu­schung dar­über, ihn und die Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion mit dem glück­lo­sen FBI zu ver­glei­chen.

Ich muss schlu­cken. »Schick mir Kopien«, sage ich hei­ser und mit Fin­ger­zeig auf den Papier­sta­pel auf sei­nem Schreib­tisch, »viel­leicht find ich noch was raus.« Auch das eine Not­lüge. Ehr­lich wäre, ein »über mich« anzu­fü­gen.

»Mach ich«, sagt er kurz ange­bun­den.

Der Papp­be­cher ist leer­ge­trun­ken. Ich werfe ihn im hohen Bogen in den Papier­korb. Einen klei­nen Augen­blick lang tanzt er auf dem Rand, bevor er hin­ein­fällt. Das Zei­chen für mei­nen Auf­bruch. Auch Albo erhebt sich. Ein wenig erstaunt es ihn, als ich ihn kurz umarme. Er grunzt leise, und ich drehe mich schnell von ihm weg, weil ich Angst habe, er sieht, dass mir Trä­nen in den Augen ste­hen.

 

256/398

Lomit­tu­mi­nen

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor mit dem Rücken voran. Mit ein wenig Übung ist es gar nicht so schwie­rig, alles rück­wärts zu machen. Die Arthri­tis ist stark zurück­ge­gan­gen, und ich fühle mich um Jahre ver­jüngt. Der Kurs hat nicht zu viel ver­spro­chen.

Zuerst erreichte mich eine Teil­nah­me­be­schei­ni­gung, aus der ich lange nicht schlau wurde. Mir wurde zum erfolg­rei­chen Abschluss eines Kur­ses gra­tu­liert, eines Kur­ses, der, so hieß es da, auf einen Mann zurück­geht, wel­cher fest­ge­stellt habe, dass sich mit Hilfe der Quan­ten­ver­schrän­kung die Zeit zurück­dre­hen lässt – ein wenig zumin­dest. Das erfuhr ich aller­dings erst aus der zehn­ten und »letz­ten« Lek­tion, die eine Woche spä­ter ein­traf. Sie war sehr anspruchs­voll, was das Rück­wärts­le­ben anging, und ich tat mein Bes­tes, mit­zu­hal­ten und das ein­zu­trai­nie­ren, was ich eigent­lich schon neun Lek­tio­nen lang hätte üben sol­len. Rück­wärts lau­fen ist da noch das Ein­fachste.

Wei­tere Lek­tio­nen folg­ten, die stän­dig leich­ter zu bewäl­ti­gen waren. Heute erwarte ich die Erste von ihnen. Und tat­säch­lich, unter dem Brief­schlitz mei­ner Woh­nungs­tür liegt der Brief im flie­der­far­be­nen Umschlag. Natür­lich ist er bereits auf­ge­ris­sen. Ich ent­nehme das Schrei­ben und fange – hin­ten – mit dem Lesen an.

Rück­wärts­spre­chen! Und rück­wärts­den­ken! Bei­des wird hier als Grund­lage für das ganze Trai­ning genannt. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. In den letz­ten Wochen habe ich mich bemüht, rück­wärts zu atmen, rück­wärts zu essen, rück­wärts zu schla­fen und rück­wärts zu träu­men, Filme rück­wärts zu sehen und Musik von hin­ten nach vorne abzu­spie­len. Es dreht sich alles darum, weiß ich inzwi­schen, kleine rück­wärts­ge­rich­tete Quan­ten­fel­der in mei­ner unmit­tel­ba­ren Umge­bung zu erzeu­gen, inner­halb derer sich dann auch Zell­al­te­rungs- und Zer­falls­pro­zesse umkeh­ren kön­nen.

Jetzt also das Spre­chen! Ich hätte selbst dar­auf kom­men kön­nen. Es liegt nahe, denn das Spre­chen und beson­ders das Den­ken sind doch unsere direk­teste Ver­bin­dung mit der Quan­ten­wirk­lich­keit. Den­ken, heißt es im Kurs, ist ein Quan­ten­pro­zess. Aber das alles ist immer noch sehr ver­wir­rend für mich. Wer­den mir jetzt, nach der ers­ten Lek­tion, die – nie gezahl­ten – Kos­ten für den Kurs auf mein Konto gut­ge­schrie­ben? Ich gehe rück­wärts in die Küche, ste­cke dort die Lek­tion in den Umschlag zurück und ver­schließe ihn fein säu­ber­lich mit Kle­be­band. Er sieht nicht ganz per­fekt aus. Doch das gilt für vie­les. Damit muss sich ein Rück­wärts­le­ben­der abfin­den. Diese vor­wärts­pre­schende Welt ist nicht unser Freund, heißt es im Kurs. Er steht übri­gens allen Inter­es­sier­ten offen, weil sein zurück­ge­zo­gen leben­der Autor – angeb­lich schon 130 Jahre alt und bei bes­ter Gesund­heit – erkannt hat, dass es selbst­süch­tig und unmo­ra­lisch wäre, das Geheim­nis für sich zu behal­ten. Jeder soll von die­ser letzt­lich ver­blüf­fend ein­fa­chen Methode, das Altern auf­zu­hal­ten oder sogar umzu­keh­ren, pro­fi­tie­ren kön­nen.

Nun muss ich die Lek­tion wie­der durch den Brief­schlitz schie­ben. Natür­lich mache ich mich wie­der rück­wärts auf den Weg zu mei­ner Woh­nungs­tür und übe dabei in Gedan­ken schon ein­mal die neuste und erste Lek­tion: Kor­ri­dor den betrete ich.

Rod­ir­rok ned eter­teb hci.

 

257/398

Fro­zen Depo­sit Pt. 1

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, den wir ins Eis getrie­ben haben, schräg hin­un­ter, fast zwei­hun­dert Schritte lang, und schlid­dere abwärts. Die Schreie und Kampf­ge­räu­sche hin­ter mir ersterben. Die ande­ren haben es offen­sicht­lich nicht geschafft, recht­zei­tig den Ein­stieg zu errei­chen oder zu flie­hen. Der Über­fall auf unser Lager kam, mit­ten in der Nacht, völ­lig über­ra­schend. Ich hatte gerade noch Zeit, meine Öllampe zu ent­zün­den. Damit war ich zwar ein leich­tes Ziel, aber sie war auch meine ein­zige Chance, die Glet­scher­spalte mit dem Zugang zu unse­rem Stol­len zu fin­den. Meine Kame­ra­den hat­ten nicht so viel Glück. Die ZEU-Pries­ter wer­den kei­nen von ihnen am Leben las­sen. Wir waren ihnen immer schon ein Dorn im Auge. Wer­den die Pries­ter und ihre Scher­gen mir fol­gen? Wohl kaum. Sie wer­den ein­fach den Ein­gang ver­sie­geln, um mich hier unten ersti­cken zu las­sen. Meine ein­zige Chance, zu über­le­ben, liegt unten, tief unter dem Eis.

Am Ende stößt unser Tun­nel auf die Reste der Stadt, die der Glet­scher unter sich begra­ben hat, und es zwei­gen die Gänge der ein­zel­nen Fled­de­rer ab – hier hatte unsere Zusam­men­ar­beit geen­det, von hier aus war jeder von uns auf eigene Rech­nung und auf eigene Gefahr unter­wegs. Doch in der Nacht vor dem end­gül­ti­gen Durch­bruch zu unse­rem Ziel hat­ten die Scher­gen der Pries­ter unser Lager ent­deckt und uns dort im Schlaf über­rascht. Ich zwänge mich durch den schma­len Ein­stieg, über den ich mit der Spitz­ha­cke »Khor­dat« ins Eis geritzt habe – den Namen, den ich mir als Fled­de­rer gege­ben habe. Ich will die Ent­de­ckung über­prü­fen, die ich ges­tern gemacht habe, nach­dem ich mich durch die Asche­schicht gegra­ben hatte.

Der Nord­kon­ti­nent, den die Men­schen vor den Gro­ßen Erup­tio­nen »Europa« nann­ten, liegt unter einer vier­zig Meter dicken Eis­schicht begra­ben, die ihre Städte unter sich zer­quetscht hat wie ein Fuß­tritt eine Ameise. Einige von uns Fled­de­rern, die »Spü­rer«, kön­nen der Glet­scher­ober­flä­che anse­hen, ob sich dar­un­ter eine der alten Städte fin­den lässt. Es ist mir ein Rät­sel, wie sie das machen. Jeden­falls führt unser Eis­kor­ri­dor angeb­lich tief hinab zu einer Stadt namens Rom. Das Fled­dern der ver­sun­ke­nen Städte ver­bie­tet die ZEU, die Zoro­as­tri­sche Äqua­to­rial-Union, in der die letz­ten Reste der Mensch­heit auf­ge­gan­gen sind, bei Todes­strafe. Aber es gibt Metall hier unten. Dass Her­stel­lung und Besitz gesetz­wid­rig sind, macht es nur umso wert­vol­ler.

Ich bin jedoch nicht auf der Suche nach Metall. Meine Spitz­ha­cke, kost­bars­ter Besitz jedes Fled­de­rers, lehnt neben einer Mauer. Das trübe Licht der töner­nen Öllampe zeigt mir das Loch, das ich in die Stein­wand geschla­gen habe. Es ist noch nicht groß genug für mich. Ich umfasse die Spitz­ha­cke und schlage zu.

Für die Amsch­as­pand, wie sich die selbst­er­nann­ten Boten Ahura Maz­das in ihrer maß­lo­sen Über­heb­lich­keit genannt haben, ist Ahri­man Schuld an der fast völ­li­gen Ver­nich­tung der Mensch­heit durch die mas­si­ven Tem­pe­ra­tur­stürze nach den gro­ßen Vul­kan­aus­brü­chen. Ein böser Gott muss als Feind­bild her­hal­ten, damit die weni­gen Über­le­ben­den im Gegen­zug Ahura Mazda und sei­nen Pries­tern für die wun­der­bare Erret­tung dan­ken zu kön­nen. Wer von Asche­wol­ken spricht oder gar vom Pazi­fi­schen Feu­er­ring, von Kon­ti­nen­tal­plat­ten oder der Erd­achse, wird eben­falls gna­den­los gestei­nigt: Die alte Mensch­heit war böse und musste ver­nich­tet wer­den. Also sind ihre Erkennt­nisse eben­falls teuf­lisch.

Doch damit gebe ich mich nicht zufrie­den. Der größte Schatz, der sich hier unten in den alten Städ­ten fin­den lässt, ist nicht Metall. Es ist Wis­sen: das Wis­sen von den unglaub­li­chen Errun­gen­schaf­ten, zu denen es ihre Bewoh­ner gebracht hat­ten.

Mit Öllampe und Spitz­ha­cke zwänge ich mich durch das Loch in der Mauer. Dahin­ter ist es tro­cken. Trüm­mer lie­gen am Boden, doch Wände und Decken haben dem Gewicht des Glet­schers stand­hal­ten kön­nen. Stau­nend und vol­ler Ehr­furcht betrete ich ein Gebäude des alten Roms.

Mir stockt der Atem. Lei­chen? Nein, die nack­ten Men­schen, die in gro­tes­ken Ver­ren­kun­gen am Boden lie­gen, sind Kunst­werke, Sta­tuen, lebens­echt nach­ge­bil­det, aller­dings ohne aus­ge­prägte Geschlechts­merk­male. Sie sind aus Kunst­stoff, einem Erzeug­nis der dama­li­gen Zeit, das wie Metall prak­tisch unver­gäng­lich ist, aber viel wei­cher und unge­eig­net für eine Spitz­ha­cke. Die bun­ten Stoff­fet­zen zwi­schen den Figu­ren legen nahe, dass sie ein­mal beklei­det waren.

Vor­sich­tig steige ich über sie hin­weg. Eigen­ar­tige Gegen­stände lie­gen am Boden. Glän­zende Metall­ge­stänge, ver­mo­derte Stoffe, Bruch­stü­cke eines Spie­gels – ein Bild der Zer­stö­rung, und den­noch erfüllt mich Ehr­furcht. Die Men­schen aus der Zeit vor der »Strafe Ahri­mans« haben Unglaub­li­ches geleis­tet.

Das Gebäude, das ich ent­deckt habe, besteht aus vie­len gro­ßen Räu­men und Gän­gen. Wenig spä­ter stoße ich auf den ers­ten Pfeil. Er schim­mert grün­lich in der Dun­kel­heit, als würde er aus sich selbst her­aus leuch­ten. Doch er fängt nur den Wider­schein mei­ner Lampe ein. In den Staub und Schutt auf dem Boden eines lan­gen Kor­ri­dors ist ein Bereich in Form eines Pfeils frei­ge­räumt, und darin bil­det eine grüne Paste das Weg­zei­chen.

Ich folge ihm. Kann das Zei­chen von einem Fled­de­rer stam­men? Hat schon jemand vor uns das alte Rom ent­deckt? An einer Abzwei­gung in die­sem Gewirr von Gän­gen und Flu­ren erwar­tet mich ein wei­te­rer Pfeil. Könnte es eine Falle der Zara­thus­tra-Pries­ter sein? Nein. Für sie wäre dies hier das Reich des Bösen, sie wür­den sich nie­mals her­un­ter trauen. Mir wird bewusst, dass ich nicht nur den Pfei­len folge, son­dern auch einer Spur neben ihnen, einer Schneise im Staub. Sie erin­nert mich an die oft kaum sicht­ba­ren Pfade, die das Klein­wild in den äqua­to­ria­len Nadel­wäl­dern anlegt – und auf­merk­sa­men Jägern die Aus­sicht auf Jagd­beute erhöht.

Dann treffe ich auf das Licht. Es fla­ckert nicht, son­dern glüht gleich­mäßig. Ich wage nicht, es zu berüh­ren. Die Lampe erleuch­tet eine schwere Metall­tür, von der in gro­ßen Pla­cken der dun­kel­rote Lack abge­platzt ist. Ich öffne sie. Hin­ter ihr geht eben­falls ein Licht an, das eine abwärts füh­rende Stein­treppe erhellt. Sie glänzt. Kein Staub, keine Trüm­mer­teile. Ein selt­sa­mes Gefühl beschleicht mich. Ich steige die Stu­fen hinab. Mit einem dump­fen Knall schlägt hin­ter mir die Metall­tür zu. Hier unten gibt es kei­nen Wind. Was hat sie zufal­len las­sen?

Die Treppe öff­net sich in einen Kor­ri­dor, den meh­rere Lam­pen an der Decke beleuch­ten. Durch eine offene Tür am Ende bli­cke ich auf ein Feuer, ein klei­nes, war­mes, pras­seln­des Feuer in einem gemau­er­ten Kamin.

[wird mor­gen fort­ge­setzt mit 258/398

 

258/398

Fro­zen Depo­sit Pt. 2

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Wie kann es hier unten tief unter dem Eis, in einer seit über einem Jahr­hun­dert ver­las­se­nen Stadt, ein Kamin­feuer geben? Wie kann es hier Leben geben?

Etwas bewegt sich vor mir. Mein Herz setzt für ein paar Schläge aus. Ent­setzt wei­che ich zurück, stoße mit dem Rücken an die Wand, hebe die Hände schüt­zend vor mein Gesicht.

Eine Stimme spricht mich an, die sanfte Stimme eines Man­nes, doch da ist kein Mensch. Da ist ein – Ding. Ein Gegen­stand, ein Gerät aus Metall und Kunst­stoff. Es kommt lang­sam auf mich zu. Ein gro­ßer Kas­ten, aber mit run­den For­men. Mit Armen und Greif­werk­zeu­gen. Und so etwas wie einem Gesicht. Ich ver­stehe nicht, was es sagt.

»Ahri­mans Fluch«, schießt mir durch den Kopf, obwohl ich an die­sen Unsinn gar nicht glaube.

Einen Fled­de­rer kann nichts aus der Ruhe brin­gen, behaup­ten wir gerne von uns. Wir sind Stra­pa­zen gewohnt, trot­zen Gefah­ren, bege­ben uns in die Glet­scher­wüs­ten und suchen nach Metall in den alten Städ­ten, bedroht von der Stei­ni­gung durch die zoro­as­tri­schen Pries­ter, die die Welt­herr­schaft über­nom­men haben – über den kläg­li­chen Rest, der von der Mensch­heit übrig­ge­blie­ben ist. Viele von uns ster­ben. Doch nicht durch die Todes­strafe, denn bis zu dem fei­gen Über­fall auf das Lager oben im Eis waren nur wenige von uns den Amsch­as­pand in die Hände gefal­len. Zum Ver­häng­nis wur­den uns viel­mehr Glet­scher­spal­ten, Tem­pe­ra­tur­stürze oder töd­li­che Unfälle in den alten Städ­ten. Nichts davon konnte mich auf dies hier vor­be­rei­ten.

Ich schreie, renne weg, zurück in den Kor­ri­dor, die Stu­fen hin­auf. Doch die Tür ist fest ver­rie­gelt. Am gan­zen Leib zit­ternd sinke ich auf der obers­ten Stufe zu Boden. Unten, am Fuß der Treppe, steht das spre­chende Gerät. »Geh weg! Lass mich!«, rufe ich. Doch das Ding rührt sich nicht vom Fleck.

»Du bist ver­wirrt. Aber das macht nichts.« Jetzt ist es eine Frau, die zu mir spricht – in mei­ner Spra­che. »Ich kann dir alles erklä­ren, und dir droht kei­ner­lei Gefahr. Für alles ist gesorgt. Beru­hige dich. Atme tief durch. Du bist hier bei mir in Sicher­heit.«

Sie hat einen selt­sa­men Akzent. »Wer bist du?«, frage ich.

»Rova. Deine Betreu­ungs­ein­heit. Ich sorge mit allem, was mir zur Ver­fü­gung steht, für dein Wohl­be­fin­den. Hast du Hun­ger? Durst? Möch­test du aus­ru­hen?«

Ja, ich habe Hun­ger und Durst und möchte aus­ru­hen. Aber all dies wird von nack­ter Panik über­deckt. Nur lang­sam sickert die Erkennt­nis zu mir durch, dass dies ein Gerät aus der alten Zeit sein muss, nach all den Jah­ren immer noch funk­ti­ons­tüch­tig. Ich krame das spär­li­che Wis­sen zusam­men, das ich mir bei den ver­gan­ge­nen Fled­der-Expe­di­tio­nen ins Eis ange­eig­net habe. Sie konn­ten Infor­ma­tio­nen spei­chern und mit ihren Maschi­nen reden. Dies muss eine davon sein.

Kann sie mir gefähr­lich wer­den? Meine Spitz­ha­cke habe ich als Weg­marke zurück­ge­las­sen, kurz nach­dem ich mei­nen Glet­scher­stol­len ver­las­sen und das unzer­störte Gebäude betre­ten hatte. Ich sehe mich um: Hier ist nichts, das sich als Waffe eig­nen würde. Aber viel­leicht brau­che ich ja auch keine. Ich werde jeden­falls nicht ange­grif­fen.

»Ich hätte gerne etwas zu trin­ken«, sage ich. Das Ding, Rova, setzt sich in Bewe­gung. Vor­sich­tig folge ich ihm durch den Kor­ri­dor in den Raum mit dem Kamin­feuer.

Rova heißt, ent­de­cke ich spä­ter, eigent­lich R.R.O.V.A. Das steht auf einer Metall­platte in ihrem Rücken. Sie hat mir das Lesen der alten Schrift bei­gebracht. Obwohl sie eine Maschine ist, ist sie sehr klug. Sie hat die lange Zeit genutzt, um alles für mich vor­zu­be­rei­ten. Sie hat Vor­räte gesam­melt, ein Treib­haus ange­legt, Holz für den Kamin beschafft. All die Jahre war sie völ­lig allein, aber sie glaubte fest daran, wie­der einen Schütz­ling zu bekom­men. Des­halb hat sie die Pfeile in den Kor­ri­do­ren aus­ge­legt. Und hin­ter mir alle Aus­gänge ver­schlos­sen.

»Du bist ver­wirrt«, sagt sie häu­fig. Dabei ist wohl sie es, die ver­wirrt ist. Ob sie nicht auch mal etwas essen muss, habe ich sie gefragt. Die Män­ner­stimme lachte und erklärte dann: »Die Ener­gie für das alles hier lie­fert ein klei­nes Erd­wär­me­kraft­werk im Kel­ler des Ein­kaufs­zen­trums.« Vie­les ver­stehe ich nicht, doch ich lerne begie­rig.

Lei­der weiß Rova nicht viel. »Ich kann der­zeit keine Außen­ver­bin­dung her­stel­len und bin auf meine inter­nen Spei­cher ange­wie­sen«, sagt sie. Ich mag ihre Frau­en­stimme lie­ber, aber Rova will nicht dar­auf ver­zich­ten, immer wie­der zwi­schen bei­den zu wech­seln: »Mit unter­schied­li­chen Rei­zen wol­len wir ver­hin­dern, dass dein Gehirn voll­ends ver­küm­mert und du jeden Bezug zur Rea­li­tät ver­lierst.« Mit »wir« meint sie nicht den Mann und die Frau in ihr, son­dern sich und den »Arzt«, den sie oft erwähnt.

»Ich will raus hier, Rova, zurück an die Ober­flä­che!«

»Du bist ver­wirrt. Ich kann das nicht zulas­sen. Das kann nur der Arzt ent­schei­den.«

»Wo ist die­ser Arzt?«

»Er wird kom­men, sobald es ihm seine Zeit erlaubt. Bis dahin sorge ich für deine Rundum-Betreu­ung und kann bei Bedarf auto­nom ein­fa­che medi­zi­ni­sche Hilfe leis­ten. Sehr hilf­reich für eine Indi­ka­tion wie in dei­nem Fall ist es, Erin­ne­run­gen an die Kind­heit wach­zu­ru­fen.«

Rova kocht, berei­tet Tee zu, mas­siert mich, bringt mir Ita­lie­nisch bei, über­wacht meine Kör­per­funk­tio­nen und singt mich in den Schlaf. Sie ist ein fan­tas­ti­sches Zeug­nis der unglaub­li­chen Fähig­kei­ten und des enor­men Wis­sens, über das die alte Mensch­heit ver­fügte. Den­noch: Immer wenn ich ihr tie­fer­ge­hende Fra­gen stelle, ver­weist sie bedau­ernd auf die feh­lende Außen­ver­bin­dung. Ihre Erbauer haben ihr offen­bar nur das nötige Wis­sen mit­ge­ge­ben, um ihre täg­li­chen Auf­ga­ben erfül­len zu kön­nen.

»Stimmt es, dass die Men­schen flie­gen konn­ten?«

»Ob du eine Reise machen kannst, muss der Arzt ent­schei­den.«

»Du hast mir meine Frage nicht beant­wor­tet, Rova.«

»Falls die Erlaub­nis vor­liegt und die Außen­ver­bin­dung wie­der­her­ge­stellt ist, kann ich dir einen Flug buchen.«

»Aha. Und dann kann ich flie­gen?«

»Ich bringe dich zum Flug­ha­fen und zum rich­ti­gen Gate. Dort besteigst du das Flug­zeug.«

»Flug­zeug … Wie kann etwas flie­gen, das schwe­rer als Luft ist?«

»Das kann ich dir momen­tan lei­der nicht sagen.«

»Aber du musst doch irgend­wie eine Ahnung haben, wie das mög­lich sein kann!«

»Es tut mir leid. Wenn die Außen­ver­bin­dung wie­der­her­ge­stellt, kann ich dir das alles detail­liert erklä­ren.«

»Weißt du etwas über den pazi­fi­schen Feu­er­ring?«

»Feu­er­ring? Was soll das sein? Du bist ver­wirrt. Aber das macht nichts. Ich sorge für dich, und es wird dir an nichts feh­len. Du könn­test ein wenig Kamin­holz nach­le­gen.«

Die Erin­ne­rung an meine Zeit in den Dör­fern der ZEU und an meine Aben­teuer als Fled­de­rer ver­blasst lang­sam. Es kommt mir vor, als hätte ich nie etwas ande­res gekannt als Rova und ihre kleine Welt. Sie stellt mir stän­dig Auf­ga­ben: Ich muss für geo­me­tri­sche Kör­per die pas­sen­den Öff­nun­gen fin­den oder bekomme mein Abend­essen erst, nach­dem ich ein paar Rechen­auf­ga­ben gelöst habe, soll ihr beim Put­zen und beim Kochen hel­fen.

Immer wie­der ver­su­che ich zu flie­hen. Ein­mal habe ich dabei ein abge­schlos­se­nes Zim­mer auf­ge­bro­chen, in dem ich zu mei­nem Ent­set­zen Kör­per­teile von Rova fand. Offen­bar hat sie Bru­der- und Schwes­ter­ma­schi­nen aus­ein­an­der­ge­nom­men und sich damit ein Ersatz­teil­la­ger ange­legt. Ich habe sie danach gefragt, aber sie ant­wor­tete nur aus­wei­chend. Ein ande­res Mal habe ich Feuer gelegt, um sie zu zwin­gen, die Türen zu öff­nen, weil sie sonst eine Rauch­ver­gif­tung oder Schlim­me­res bei mir ris­kiert hätte. Doch sie konnte das Feuer recht­zei­tig löschen.

»Wo sind wir hier?«, frage ich sie.

»Im Kel­ler eines Ein­kaufs­zen­trums. Ich musste impro­vi­sie­ren. Es war vie­les zer­stört. Doch hier habe ich für dich und mich eine neue Bleibe gefun­den.

»Es ist doch Rom, oder?«

»So ist es. Das alte Rom. Die Ewige Stadt. Möch­test du das Kärt­chen­spiel spie­len?«

Sie weiß, dass es meine Lieb­lings­be­schäf­ti­gung ist. Die Kärt­chen wei­sen mir am Anfang alle den Rücken zu, und ich muss jeweils zwei mit der glei­chen Abbil­dung fin­den. Wenn ich sie umdrehe, zei­gen sie die unglaub­li­chen Bau­werke, zu denen die Men­schen im Zenit ihrer Errun­gen­schaf­ten kurz vor den Gro­ßen Erup­tio­nen fähig waren.

Ver­mut­lich ist nie­mand der Über­le­ben­den dem Wis­sen unse­rer Ahnen näher­ge­kom­men als ich. Es ist trau­rig, dass ich wohl nie­mals die Gele­gen­heit bekom­men werde, es den Zoro­as­tri­ern mit­zu­tei­len und so die Herr­schaft der Amsch­as­pand zu unter­gra­ben. Lei­der kann mir Rova nicht mehr über die Abbil­dun­gen sagen. Trotz­dem werde ich nicht müde, die­ses Spiel mit ihr zu spie­len.

»Das Pan­theon«, erklärt mir Rova. Ehr­furcht erfasst mich. »Die Fon­tana di Trevi.« Hier haben sich unsere Vor­fah­ren in Stein ver­ewigt, aus dem Was­ser spru­delt. »Der Peters­dom, die Engels­burg …« Kärt­chen um Kärt­chen decke ich auf, bis ich schließ­lich mein Lieb­lings­bild finde. »Das Kolos­seum«, sagt Rova. Ein gewal­ti­ges Bau­werk und ver­mut­lich eines der letz­ten Bil­der aus dem alten Rom, denn es zeigt bereits Spu­ren der Zer­stö­rung.