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The Sand’s Tale

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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Kabi­nen. Heute ist es die Num­mer acht. Ich werfe mein Token ein. Das Hin­le­gen ist sehr schmerz­haft, aber dann ruhe ich end­lich aus­ge­streckt unter den wär­men­den und bräu­nen­den Strah­len der Son­nen­bank. Es ist der 14. Juli, und in Gedan­ken reise ich ein­und­vier­zig Jahre zurück. An die­sem Tag war ich mit Mau­ritz in San Fran­cisco.

Bei der jun­gen Frau, die im Son­nen­stu­dio in der Schil­ler­straße an der Kasse steht, wechsle ich jedes Mal, statt mir den Token am Auto­ma­ten zu zie­hen, einen Fünf-Euro-Schein und lasse ihr 50 Cent als Trink­geld lie­gen. Bestimmt komme ich ihr sehr selt­sam vor: Ein klei­ner Mann in einem schwar­zen Anzug mit son­nen­brau­nem Gesicht, der jeden Tag (außer sonn­tags) um die Mit­tags­zeit her­kommt und sich zwan­zig Minu­ten lang auf die Son­nen­bank legt, ohne sich vor­her sei­nes Anzugs und der schwar­zen Schuhe zu ent­le­di­gen. Aber sie kann ja auch nicht wis­sen, dass mich, seit meine Schul­ter zer­trüm­mert wurde, fast uner­träg­li­che Schmer­zen pla­gen, wenn ich mich an- oder aus­klei­den muss.

San Fran­cisco 1971. Was waren wir von die­ser Stadt beein­druckt, der Mau­ritz und ich! Wir lie­fen über die Gol­den-Gate-Brü­cke, quer über die Bucht bis zum ande­ren Ende und wie­der zurück. Was für eine groß­ar­tige Inge­nieurs­leis­tung! Ich konnte die vie­len Hände spü­ren, die Tau­sende von Arbei­tern, die die­ses Bau­werk errich­te­ten und Stück für Stück zusam­men­füg­ten.

Noch ein­mal male ich mir den vier­zehn­ten Juli in San Fran­cisco in allen Ein­zel­hei­ten aus, wäh­rend mein Gesicht und meine Hände ange­nehm warm wer­den. Es war der Tag, an dem wir abends zufäl­lig zwi­schen die Hip­pies gerie­ten und mich diese junge Frau, die ihre Schul­tern bunt bemalt hatte und bar­fuß lief, ohne Vor­war­nung geküsst hat. Ein beson­de­rer Tag.

Aber bald ist die Zeit abge­lau­fen, und die letzte Minu­ten unter der Höhen­sonne widme ich immer dem wich­tigs­ten Ereig­nis mei­nes Lebens: mei­ner Ankunft in der Wüste. Ich hatte unter Rei­se­angst gelit­ten und mir alle mög­li­chen Wid­rig­kei­ten aus­ge­malt, auf die ich, fern der Hei­mat, tref­fen könnte. Als ich jedoch aus dem Bus stieg, der uns in das Dorf brachte, waren alle Sor­gen wie weg­ge­bla­sen. Die Wüste! Der Him­mel! Die Weite! Ein Hoch­ge­fühl erfasste mich. Sand knirschte mir zwi­schen den Zäh­nen, und ich sog begie­rig die Luft eines frem­den Lan­des, eines frem­den Kon­ti­nents in mich ein.

Neben mir stand ein jun­ger Mann, Mau­ritz, der seine Glie­der streckte und sich zuse­hends freute, von den engen Sit­zen her­un­ter und aus dem schreck­li­chen Ben­zin­ge­stank im Bus her­aus­zu­kom­men. Ihm schien es ähn­lich wie mir zu gehen. Mau­ritz war von einer schwe­di­schen Bau­firma nach Ägyp­ten geschickt wor­den. Wir kamen in der­sel­ben Inge­nieurs­ba­ra­cke unter und stell­ten bald fest, dass wir uns gut ver­stan­den, auch ohne unser holp­ri­ges Eng­lisch, in unse­ren Mut­ter­spra­chen Deutsch und Schwe­disch und indem wir mit Hän­den und Füßen rede­ten.

Mit einem Pling ver­lischt die Sonne in der Kabine. Lang­sam und vor­sich­tig, um den rech­ten Arm nicht zu belas­ten, richte ich mich auf. Die junge Frau am Tre­sen wird wie immer mei­nen Abschieds­gruß nicht erwi­dern, aber auf­schauen und viel­leicht lächeln. Ich bin ein komi­scher alter Kauz in ihren Augen, so wie ich ein komi­scher alter Kauz in jeder­manns Augen gewor­den bin. Nie­mand weiß mehr von dem jun­gen Inge­nieur, der einen gan­zen ägyp­ti­schen Tem­pel ver­setzt hat, damit er nicht in den Flu­ten des Assuan-Stau­damms ver­sinkt und der Nach­welt ver­lo­ren geht.

Auch die Bedie­nung des Cafés im Münch­ner Haupt­bahn­hof wech­selt nur die nötigs­ten Worte mit mir, obwohl ich seit vie­len Jah­ren jeden Nach­mit­tag (außer sonn­tags) hier­her­komme und einen Kaf­fee trinke. Jetzt hat es einen ita­lie­ni­schen Namen und lau­ter Kaf­fee­spe­zia­li­tä­ten im Ange­bot, unter deren Namen ich mir nichts vor­stel­len kann. Die ein­fa­che Tasse Kaf­fee gibt es noch, aber sie ist heute vier­mal so teuer. Neben der Son­nen­bank ist sie der ein­zige Luxus, den ich mir gönne, und erin­nert mich ent­fernt an den ägyp­ti­schen Kaf­fee­sud, der unser Treib­stoff wurde für die gigan­ti­sche Auf­gabe. Auch in der Kli­nik, nach­dem mir ein rie­si­ger Stein­klotz – der linke Fuß einer Kolos­sal­sta­tue – die rechte Schul­ter zer­trüm­mert hatte, kam ich nicht ohne den bit­ter­sü­ßen Zau­ber­trank aus. Viel­leicht hoffte ich, er könne mir die Schmer­zen neh­men. Beson­ders die Schmer­zen dar­über, wie ein zer­bro­che­nes Werk­zeug fort­ge­wor­fen zu wer­den und ver­ges­sen zu sein. Nur Mau­ritz ver­gaß mich nicht.

Der Kaf­fee und die Son­nen­bank. Mehr ist mir nicht geblie­ben, auch nicht von den Rück­la­gen für meine Beer­di­gung. Bei der Bank hat­ten sie mir ver­si­chert, dass das Geld gut ange­legt ist und über die Jahre immer mehr dar­aus wer­den wird. Dann eines Tages war das Geld fort. Nie­mand ent­schul­digte sich. Es war ein­fach fort, und es macht mir das Herz eng, dass nichts mehr da sein wird, wenn ich ein­mal nicht mehr bin. Mau­ritz hin­ter­ließ immer­hin Frau und Kind. Aber das ist ja jetzt auch schon lange her.

Er war gleich Feuer und Flamme, als ich beschloss, die magere Abfin­dung, die mir meine Firma schließ­lich für den Unfall zahlte, zu ver­wen­den, um mir ein Jahr lang die Welt anzu­se­hen. Wir began­nen mit dem Eif­fel­turm und fach­sim­pel­ten als Inge­nieure über die groß­ar­tige Leis­tung, ein Bau­werk wie die­ses zu errich­ten. Nie­mand denkt an die Inge­nieure und Arbei­ter zurück. Das Monu­ment bleibt bestehen, und viel­leicht trägt es den Namen sei­nes Kon­struk­teurs und irgendwo ver­steckt eine Pla­kette, die an die Arbei­ter erin­nert, die wäh­rend des Baus ihr Leben gelas­sen haben. Aber die ande­ren vie­len hun­dert, vie­len tau­send namen­lo­sen Hel­fer, die mit ihrer Hände Arbeit das Werk in die Tat umsetz­ten – ver­ges­sen.

Ich werde auch ver­ges­sen sein. Oder nein: Ich bin schon ver­ges­sen. Des­halb erin­nere wenigs­tens ich mich auf der Son­nen­bank an unsere Reise um die Welt, Tag für Tag. Und immer wie­der an die­sen gro­ßen Moment mei­ner Ankunft in der Wüste, als mir mit einem Mal nichts unmög­lich schien und es mir wie ein Kin­der­spiel vor­kam, einen gewal­ti­gen, jahr­tau­sen­de­al­ten Tem­pel zu ver­set­zen. Und Mau­ritz ken­nen­lernte, der auch zu den Inge­nieu­ren gehörte. Und den Sand der Wüste schmeckte.

Der Anzug ist mir zu groß gewor­den. Genau wie der zer­schlis­sene braune, den ich trage, solange der gute schwarze in der Rei­ni­gung ist. Ich werde klei­ner. Irgend­wann werde ich nicht mehr da sein, und damit ver­schwin­den auch die Erin­ne­run­gen an den gro­ßen Tag mit sei­nem Hoch­ge­fühl und die an unsere große Reise, die fast ein gan­zes Jahr dau­erte.

Im Café sehe ich häu­fig Gäste, die einen trag­ba­ren Com­pu­ter auf­klap­pen oder mit dem Fin­ger über einen fla­chen Bild­schirm wischen. Im Inter­net soll alles gespei­chert und abruf­bar sein, heißt es. Und es ver­gisst nichts, habe ich gele­sen. Aber ich weiß nicht, wie ich meine Erin­ne­run­gen dort hin­ein­brin­gen soll. Ver­mut­lich würde sich sowieso nie­mand von den jun­gen Leu­ten für die Geschich­ten eines komi­schen alten Kau­zes inter­es­sie­ren, der einen Tem­pel ver­setzt hat, einen Tem­pel in der Wüste mit den stei­ner­nen Sta­tuen von alten Göt­tern, Göt­tern, die ihn einen Freund fin­den lie­ßen, ihm die Schul­ter zer­schmet­tert haben und ihn am Ende dazu brach­ten, ein­mal um die ganze Welt zu rei­sen.

Der Tem­pel wird noch lange ste­hen, die Wüs­ten­sonne noch lange glei­ßend auf ihn nie­der­bren­nen. Viel­leicht hat es sich dafür gelohnt – und für die täg­li­che Vier­tel­stunde auf der wär­men­den Son­nen­bank mit mei­nen Erin­ne­run­gen an Mau­ritz, unsere Reise und meine Ankunft in der Wüste, als ich win­zig klein vor den Kolos­sal­sta­tuen stand, die wir 64 Meter in die Höhe hie­ven muss­ten, um sie vor dem Ertrin­ken im Stau­damm zu ret­ten. Unbe­ein­druckt von allem mensch­li­chen Gewu­sel blick­ten sie in die Ferne, und auf eine unheim­li­che Weise wusste ich plötz­lich, eigent­lich bin ich, genau wie sie, unsterb­lich.

 

[erzählt von Hans-Heri­bert Gütt­mann, auf­ge­schrie­ben von Cory d’Or

 

 

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Der Tem­pel von Abu Sim­bel: