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Fro­zen Depo­sit Pt. 2

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Wie kann es hier unten tief unter dem Eis, in einer seit über einem Jahr­hun­dert ver­las­se­nen Stadt, ein Kamin­feuer geben? Wie kann es hier Leben geben?

Etwas bewegt sich vor mir. Mein Herz setzt für ein paar Schläge aus. Ent­setzt wei­che ich zurück, stoße mit dem Rücken an die Wand, hebe die Hände schüt­zend vor mein Gesicht.

Eine Stimme spricht mich an, die sanfte Stimme eines Man­nes, doch da ist kein Mensch. Da ist ein – Ding. Ein Gegen­stand, ein Gerät aus Metall und Kunst­stoff. Es kommt lang­sam auf mich zu. Ein gro­ßer Kas­ten, aber mit run­den For­men. Mit Armen und Greif­werk­zeu­gen. Und so etwas wie einem Gesicht. Ich ver­stehe nicht, was es sagt.

»Ahri­mans Fluch«, schießt mir durch den Kopf, obwohl ich an die­sen Unsinn gar nicht glaube.

Einen Fled­de­rer kann nichts aus der Ruhe brin­gen, behaup­ten wir gerne von uns. Wir sind Stra­pa­zen gewohnt, trot­zen Gefah­ren, bege­ben uns in die Glet­scher­wüs­ten und suchen nach Metall in den alten Städ­ten, bedroht von der Stei­ni­gung durch die zoro­as­tri­schen Pries­ter, die die Welt­herr­schaft über­nom­men haben – über den kläg­li­chen Rest, der von der Mensch­heit übrig­ge­blie­ben ist. Viele von uns ster­ben. Doch nicht durch die Todes­strafe, denn bis zu dem fei­gen Über­fall auf das Lager oben im Eis waren nur wenige von uns den Amsch­as­pand in die Hände gefal­len. Zum Ver­häng­nis wur­den uns viel­mehr Glet­scher­spal­ten, Tem­pe­ra­tur­stürze oder töd­li­che Unfälle in den alten Städ­ten. Nichts davon konnte mich auf dies hier vor­be­rei­ten.

Ich schreie, renne weg, zurück in den Kor­ri­dor, die Stu­fen hin­auf. Doch die Tür ist fest ver­rie­gelt. Am gan­zen Leib zit­ternd sinke ich auf der obers­ten Stufe zu Boden. Unten, am Fuß der Treppe, steht das spre­chende Gerät. »Geh weg! Lass mich!«, rufe ich. Doch das Ding rührt sich nicht vom Fleck.

»Du bist ver­wirrt. Aber das macht nichts.« Jetzt ist es eine Frau, die zu mir spricht – in mei­ner Spra­che. »Ich kann dir alles erklä­ren, und dir droht kei­ner­lei Gefahr. Für alles ist gesorgt. Beru­hige dich. Atme tief durch. Du bist hier bei mir in Sicher­heit.«

Sie hat einen selt­sa­men Akzent. »Wer bist du?«, frage ich.

»Rova. Deine Betreu­ungs­ein­heit. Ich sorge mit allem, was mir zur Ver­fü­gung steht, für dein Wohl­be­fin­den. Hast du Hun­ger? Durst? Möch­test du aus­ru­hen?«

Ja, ich habe Hun­ger und Durst und möchte aus­ru­hen. Aber all dies wird von nack­ter Panik über­deckt. Nur lang­sam sickert die Erkennt­nis zu mir durch, dass dies ein Gerät aus der alten Zeit sein muss, nach all den Jah­ren immer noch funk­ti­ons­tüch­tig. Ich krame das spär­li­che Wis­sen zusam­men, das ich mir bei den ver­gan­ge­nen Fled­der-Expe­di­tio­nen ins Eis ange­eig­net habe. Sie konn­ten Infor­ma­tio­nen spei­chern und mit ihren Maschi­nen reden. Dies muss eine davon sein.

Kann sie mir gefähr­lich wer­den? Meine Spitz­ha­cke habe ich als Weg­marke zurück­ge­las­sen, kurz nach­dem ich mei­nen Glet­scher­stol­len ver­las­sen und das unzer­störte Gebäude betre­ten hatte. Ich sehe mich um: Hier ist nichts, das sich als Waffe eig­nen würde. Aber viel­leicht brau­che ich ja auch keine. Ich werde jeden­falls nicht ange­grif­fen.

»Ich hätte gerne etwas zu trin­ken«, sage ich. Das Ding, Rova, setzt sich in Bewe­gung. Vor­sich­tig folge ich ihm durch den Kor­ri­dor in den Raum mit dem Kamin­feuer.

Rova heißt, ent­de­cke ich spä­ter, eigent­lich R.R.O.V.A. Das steht auf einer Metall­platte in ihrem Rücken. Sie hat mir das Lesen der alten Schrift bei­gebracht. Obwohl sie eine Maschine ist, ist sie sehr klug. Sie hat die lange Zeit genutzt, um alles für mich vor­zu­be­rei­ten. Sie hat Vor­räte gesam­melt, ein Treib­haus ange­legt, Holz für den Kamin beschafft. All die Jahre war sie völ­lig allein, aber sie glaubte fest daran, wie­der einen Schütz­ling zu bekom­men. Des­halb hat sie die Pfeile in den Kor­ri­do­ren aus­ge­legt. Und hin­ter mir alle Aus­gänge ver­schlos­sen.

»Du bist ver­wirrt«, sagt sie häu­fig. Dabei ist wohl sie es, die ver­wirrt ist. Ob sie nicht auch mal etwas essen muss, habe ich sie gefragt. Die Män­ner­stimme lachte und erklärte dann: »Die Ener­gie für das alles hier lie­fert ein klei­nes Erd­wär­me­kraft­werk im Kel­ler des Ein­kaufs­zen­trums.« Vie­les ver­stehe ich nicht, doch ich lerne begie­rig.

Lei­der weiß Rova nicht viel. »Ich kann der­zeit keine Außen­ver­bin­dung her­stel­len und bin auf meine inter­nen Spei­cher ange­wie­sen«, sagt sie. Ich mag ihre Frau­en­stimme lie­ber, aber Rova will nicht dar­auf ver­zich­ten, immer wie­der zwi­schen bei­den zu wech­seln: »Mit unter­schied­li­chen Rei­zen wol­len wir ver­hin­dern, dass dein Gehirn voll­ends ver­küm­mert und du jeden Bezug zur Rea­li­tät ver­lierst.« Mit »wir« meint sie nicht den Mann und die Frau in ihr, son­dern sich und den »Arzt«, den sie oft erwähnt.

»Ich will raus hier, Rova, zurück an die Ober­flä­che!«

»Du bist ver­wirrt. Ich kann das nicht zulas­sen. Das kann nur der Arzt ent­schei­den.«

»Wo ist die­ser Arzt?«

»Er wird kom­men, sobald es ihm seine Zeit erlaubt. Bis dahin sorge ich für deine Rundum-Betreu­ung und kann bei Bedarf auto­nom ein­fa­che medi­zi­ni­sche Hilfe leis­ten. Sehr hilf­reich für eine Indi­ka­tion wie in dei­nem Fall ist es, Erin­ne­run­gen an die Kind­heit wach­zu­ru­fen.«

Rova kocht, berei­tet Tee zu, mas­siert mich, bringt mir Ita­lie­nisch bei, über­wacht meine Kör­per­funk­tio­nen und singt mich in den Schlaf. Sie ist ein fan­tas­ti­sches Zeug­nis der unglaub­li­chen Fähig­kei­ten und des enor­men Wis­sens, über das die alte Mensch­heit ver­fügte. Den­noch: Immer wenn ich ihr tie­fer­ge­hende Fra­gen stelle, ver­weist sie bedau­ernd auf die feh­lende Außen­ver­bin­dung. Ihre Erbauer haben ihr offen­bar nur das nötige Wis­sen mit­ge­ge­ben, um ihre täg­li­chen Auf­ga­ben erfül­len zu kön­nen.

»Stimmt es, dass die Men­schen flie­gen konn­ten?«

»Ob du eine Reise machen kannst, muss der Arzt ent­schei­den.«

»Du hast mir meine Frage nicht beant­wor­tet, Rova.«

»Falls die Erlaub­nis vor­liegt und die Außen­ver­bin­dung wie­der­her­ge­stellt ist, kann ich dir einen Flug buchen.«

»Aha. Und dann kann ich flie­gen?«

»Ich bringe dich zum Flug­ha­fen und zum rich­ti­gen Gate. Dort besteigst du das Flug­zeug.«

»Flug­zeug … Wie kann etwas flie­gen, das schwe­rer als Luft ist?«

»Das kann ich dir momen­tan lei­der nicht sagen.«

»Aber du musst doch irgend­wie eine Ahnung haben, wie das mög­lich sein kann!«

»Es tut mir leid. Wenn die Außen­ver­bin­dung wie­der­her­ge­stellt, kann ich dir das alles detail­liert erklä­ren.«

»Weißt du etwas über den pazi­fi­schen Feu­er­ring?«

»Feu­er­ring? Was soll das sein? Du bist ver­wirrt. Aber das macht nichts. Ich sorge für dich, und es wird dir an nichts feh­len. Du könn­test ein wenig Kamin­holz nach­le­gen.«

Die Erin­ne­rung an meine Zeit in den Dör­fern der ZEU und an meine Aben­teuer als Fled­de­rer ver­blasst lang­sam. Es kommt mir vor, als hätte ich nie etwas ande­res gekannt als Rova und ihre kleine Welt. Sie stellt mir stän­dig Auf­ga­ben: Ich muss für geo­me­tri­sche Kör­per die pas­sen­den Öff­nun­gen fin­den oder bekomme mein Abend­essen erst, nach­dem ich ein paar Rechen­auf­ga­ben gelöst habe, soll ihr beim Put­zen und beim Kochen hel­fen.

Immer wie­der ver­su­che ich zu flie­hen. Ein­mal habe ich dabei ein abge­schlos­se­nes Zim­mer auf­ge­bro­chen, in dem ich zu mei­nem Ent­set­zen Kör­per­teile von Rova fand. Offen­bar hat sie Bru­der- und Schwes­ter­ma­schi­nen aus­ein­an­der­ge­nom­men und sich damit ein Ersatz­teil­la­ger ange­legt. Ich habe sie danach gefragt, aber sie ant­wor­tete nur aus­wei­chend. Ein ande­res Mal habe ich Feuer gelegt, um sie zu zwin­gen, die Türen zu öff­nen, weil sie sonst eine Rauch­ver­gif­tung oder Schlim­me­res bei mir ris­kiert hätte. Doch sie konnte das Feuer recht­zei­tig löschen.

»Wo sind wir hier?«, frage ich sie.

»Im Kel­ler eines Ein­kaufs­zen­trums. Ich musste impro­vi­sie­ren. Es war vie­les zer­stört. Doch hier habe ich für dich und mich eine neue Bleibe gefun­den.

»Es ist doch Rom, oder?«

»So ist es. Das alte Rom. Die Ewige Stadt. Möch­test du das Kärt­chen­spiel spie­len?«

Sie weiß, dass es meine Lieb­lings­be­schäf­ti­gung ist. Die Kärt­chen wei­sen mir am Anfang alle den Rücken zu, und ich muss jeweils zwei mit der glei­chen Abbil­dung fin­den. Wenn ich sie umdrehe, zei­gen sie die unglaub­li­chen Bau­werke, zu denen die Men­schen im Zenit ihrer Errun­gen­schaf­ten kurz vor den Gro­ßen Erup­tio­nen fähig waren.

Ver­mut­lich ist nie­mand der Über­le­ben­den dem Wis­sen unse­rer Ahnen näher­ge­kom­men als ich. Es ist trau­rig, dass ich wohl nie­mals die Gele­gen­heit bekom­men werde, es den Zoro­as­tri­ern mit­zu­tei­len und so die Herr­schaft der Amsch­as­pand zu unter­gra­ben. Lei­der kann mir Rova nicht mehr über die Abbil­dun­gen sagen. Trotz­dem werde ich nicht müde, die­ses Spiel mit ihr zu spie­len.

»Das Pan­theon«, erklärt mir Rova. Ehr­furcht erfasst mich. »Die Fon­tana di Trevi.« Hier haben sich unsere Vor­fah­ren in Stein ver­ewigt, aus dem Was­ser spru­delt. »Der Peters­dom, die Engels­burg …« Kärt­chen um Kärt­chen decke ich auf, bis ich schließ­lich mein Lieb­lings­bild finde. »Das Kolos­seum«, sagt Rova. Ein gewal­ti­ges Bau­werk und ver­mut­lich eines der letz­ten Bil­der aus dem alten Rom, denn es zeigt bereits Spu­ren der Zer­stö­rung.