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Fro­zen Depo­sit Pt. 1

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Ich betrete den Kor­ri­dor, den wir ins Eis getrie­ben haben, schräg hin­un­ter, fast zwei­hun­dert Schritte lang, und schlid­dere abwärts. Die Schreie und Kampf­ge­räu­sche hin­ter mir ersterben. Die ande­ren haben es offen­sicht­lich nicht geschafft, recht­zei­tig den Ein­stieg zu errei­chen oder zu flie­hen. Der Über­fall auf unser Lager kam, mit­ten in der Nacht, völ­lig über­ra­schend. Ich hatte gerade noch Zeit, meine Öllampe zu ent­zün­den. Damit war ich zwar ein leich­tes Ziel, aber sie war auch meine ein­zige Chance, die Glet­scher­spalte mit dem Zugang zu unse­rem Stol­len zu fin­den. Meine Kame­ra­den hat­ten nicht so viel Glück. Die ZEU-Pries­ter wer­den kei­nen von ihnen am Leben las­sen. Wir waren ihnen immer schon ein Dorn im Auge. Wer­den die Pries­ter und ihre Scher­gen mir fol­gen? Wohl kaum. Sie wer­den ein­fach den Ein­gang ver­sie­geln, um mich hier unten ersti­cken zu las­sen. Meine ein­zige Chance, zu über­le­ben, liegt unten, tief unter dem Eis.

Am Ende stößt unser Tun­nel auf die Reste der Stadt, die der Glet­scher unter sich begra­ben hat, und es zwei­gen die Gänge der ein­zel­nen Fled­de­rer ab – hier hatte unsere Zusam­men­ar­beit geen­det, von hier aus war jeder von uns auf eigene Rech­nung und auf eigene Gefahr unter­wegs. Doch in der Nacht vor dem end­gül­ti­gen Durch­bruch zu unse­rem Ziel hat­ten die Scher­gen der Pries­ter unser Lager ent­deckt und uns dort im Schlaf über­rascht. Ich zwänge mich durch den schma­len Ein­stieg, über den ich mit der Spitz­ha­cke »Khor­dat« ins Eis geritzt habe – den Namen, den ich mir als Fled­de­rer gege­ben habe. Ich will die Ent­de­ckung über­prü­fen, die ich ges­tern gemacht habe, nach­dem ich mich durch die Asche­schicht gegra­ben hatte.

Der Nord­kon­ti­nent, den die Men­schen vor den Gro­ßen Erup­tio­nen »Europa« nann­ten, liegt unter einer vier­zig Meter dicken Eis­schicht begra­ben, die ihre Städte unter sich zer­quetscht hat wie ein Fuß­tritt eine Ameise. Einige von uns Fled­de­rern, die »Spü­rer«, kön­nen der Glet­scher­ober­flä­che anse­hen, ob sich dar­un­ter eine der alten Städte fin­den lässt. Es ist mir ein Rät­sel, wie sie das machen. Jeden­falls führt unser Eis­kor­ri­dor angeb­lich tief hinab zu einer Stadt namens Rom. Das Fled­dern der ver­sun­ke­nen Städte ver­bie­tet die ZEU, die Zoro­as­tri­sche Äqua­to­rial-Union, in der die letz­ten Reste der Mensch­heit auf­ge­gan­gen sind, bei Todes­strafe. Aber es gibt Metall hier unten. Dass Her­stel­lung und Besitz gesetz­wid­rig sind, macht es nur umso wert­vol­ler.

Ich bin jedoch nicht auf der Suche nach Metall. Meine Spitz­ha­cke, kost­bars­ter Besitz jedes Fled­de­rers, lehnt neben einer Mauer. Das trübe Licht der töner­nen Öllampe zeigt mir das Loch, das ich in die Stein­wand geschla­gen habe. Es ist noch nicht groß genug für mich. Ich umfasse die Spitz­ha­cke und schlage zu.

Für die Amsch­as­pand, wie sich die selbst­er­nann­ten Boten Ahura Maz­das in ihrer maß­lo­sen Über­heb­lich­keit genannt haben, ist Ahri­man Schuld an der fast völ­li­gen Ver­nich­tung der Mensch­heit durch die mas­si­ven Tem­pe­ra­tur­stürze nach den gro­ßen Vul­kan­aus­brü­chen. Ein böser Gott muss als Feind­bild her­hal­ten, damit die weni­gen Über­le­ben­den im Gegen­zug Ahura Mazda und sei­nen Pries­tern für die wun­der­bare Erret­tung dan­ken zu kön­nen. Wer von Asche­wol­ken spricht oder gar vom Pazi­fi­schen Feu­er­ring, von Kon­ti­nen­tal­plat­ten oder der Erd­achse, wird eben­falls gna­den­los gestei­nigt: Die alte Mensch­heit war böse und musste ver­nich­tet wer­den. Also sind ihre Erkennt­nisse eben­falls teuf­lisch.

Doch damit gebe ich mich nicht zufrie­den. Der größte Schatz, der sich hier unten in den alten Städ­ten fin­den lässt, ist nicht Metall. Es ist Wis­sen: das Wis­sen von den unglaub­li­chen Errun­gen­schaf­ten, zu denen es ihre Bewoh­ner gebracht hat­ten.

Mit Öllampe und Spitz­ha­cke zwänge ich mich durch das Loch in der Mauer. Dahin­ter ist es tro­cken. Trüm­mer lie­gen am Boden, doch Wände und Decken haben dem Gewicht des Glet­schers stand­hal­ten kön­nen. Stau­nend und vol­ler Ehr­furcht betrete ich ein Gebäude des alten Roms.

Mir stockt der Atem. Lei­chen? Nein, die nack­ten Men­schen, die in gro­tes­ken Ver­ren­kun­gen am Boden lie­gen, sind Kunst­werke, Sta­tuen, lebens­echt nach­ge­bil­det, aller­dings ohne aus­ge­prägte Geschlechts­merk­male. Sie sind aus Kunst­stoff, einem Erzeug­nis der dama­li­gen Zeit, das wie Metall prak­tisch unver­gäng­lich ist, aber viel wei­cher und unge­eig­net für eine Spitz­ha­cke. Die bun­ten Stoff­fet­zen zwi­schen den Figu­ren legen nahe, dass sie ein­mal beklei­det waren.

Vor­sich­tig steige ich über sie hin­weg. Eigen­ar­tige Gegen­stände lie­gen am Boden. Glän­zende Metall­ge­stänge, ver­mo­derte Stoffe, Bruch­stü­cke eines Spie­gels – ein Bild der Zer­stö­rung, und den­noch erfüllt mich Ehr­furcht. Die Men­schen aus der Zeit vor der »Strafe Ahri­mans« haben Unglaub­li­ches geleis­tet.

Das Gebäude, das ich ent­deckt habe, besteht aus vie­len gro­ßen Räu­men und Gän­gen. Wenig spä­ter stoße ich auf den ers­ten Pfeil. Er schim­mert grün­lich in der Dun­kel­heit, als würde er aus sich selbst her­aus leuch­ten. Doch er fängt nur den Wider­schein mei­ner Lampe ein. In den Staub und Schutt auf dem Boden eines lan­gen Kor­ri­dors ist ein Bereich in Form eines Pfeils frei­ge­räumt, und darin bil­det eine grüne Paste das Weg­zei­chen.

Ich folge ihm. Kann das Zei­chen von einem Fled­de­rer stam­men? Hat schon jemand vor uns das alte Rom ent­deckt? An einer Abzwei­gung in die­sem Gewirr von Gän­gen und Flu­ren erwar­tet mich ein wei­te­rer Pfeil. Könnte es eine Falle der Zara­thus­tra-Pries­ter sein? Nein. Für sie wäre dies hier das Reich des Bösen, sie wür­den sich nie­mals her­un­ter trauen. Mir wird bewusst, dass ich nicht nur den Pfei­len folge, son­dern auch einer Spur neben ihnen, einer Schneise im Staub. Sie erin­nert mich an die oft kaum sicht­ba­ren Pfade, die das Klein­wild in den äqua­to­ria­len Nadel­wäl­dern anlegt – und auf­merk­sa­men Jägern die Aus­sicht auf Jagd­beute erhöht.

Dann treffe ich auf das Licht. Es fla­ckert nicht, son­dern glüht gleich­mäßig. Ich wage nicht, es zu berüh­ren. Die Lampe erleuch­tet eine schwere Metall­tür, von der in gro­ßen Pla­cken der dun­kel­rote Lack abge­platzt ist. Ich öffne sie. Hin­ter ihr geht eben­falls ein Licht an, das eine abwärts füh­rende Stein­treppe erhellt. Sie glänzt. Kein Staub, keine Trüm­mer­teile. Ein selt­sa­mes Gefühl beschleicht mich. Ich steige die Stu­fen hinab. Mit einem dump­fen Knall schlägt hin­ter mir die Metall­tür zu. Hier unten gibt es kei­nen Wind. Was hat sie zufal­len las­sen?

Die Treppe öff­net sich in einen Kor­ri­dor, den meh­rere Lam­pen an der Decke beleuch­ten. Durch eine offene Tür am Ende bli­cke ich auf ein Feuer, ein klei­nes, war­mes, pras­seln­des Feuer in einem gemau­er­ten Kamin.

[wird mor­gen fort­ge­setzt mit 258/398

 

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