Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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The Cave of the Mori­bund

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die Lan­zen­spit­zen der Wachen ste­chen schmerz­haft in mei­nen Rücken. Der Zere­mo­nien­meis­ter geht vor­aus, dahin­ter das Königs­paar, und uns folgt das Volk, neu­gie­rig und rache­durs­tig: Sie haben viele Tote zu bekla­gen. Ich bin in einen Krieg zwi­schen zwei Stadt­staa­ten gera­ten und gefan­gen genom­men wor­den. Ver­mut­lich hal­ten sie mich – wegen mei­ner hel­len Haut und der blon­den Haare – für einen Zau­be­rer oder ein Halb­we­sen im Dienste der Feinde. Jeden­falls haben sie mich nicht sofort getö­tet, son­dern wol­len mir eine beson­dere Behand­lung zukom­men las­sen.

Ich habe mir den Weg gemerkt, vom Ban­kett­saal, in den man mich nur mit einem Len­den­schurz beklei­det vor das Herr­scher­paar geführt hatte, durch die laby­rin­thisch ange­leg­ten Kor­ri­dore des Lehm­pa­lasts ins Freie, durch die Stra­ßen der Stadt zu dem fel­si­gen Berg, der aus der Steppe auf­ragt – und hin­ein. Ein gewun­de­ner Höh­len­gang öff­net sich in einen von Fackeln erhell­ten Raum. Hier im Inne­ren haben sie eine gewal­tige runde Fels­platte auf­ge­bockt.

Die Pro­zes­sion stockt, Wäch­ter wer­den nach vorne geholt. Von allen Sei­ten hal­ten mich vor­ge­streckte Lan­zen in Schach. Ich ver­su­che, die Nach­wir­kun­gen mei­nes letz­ten Sprungs auf die Rück­seite der Zeit abzu­schüt­teln, und betrachte die Kon­struk­tion ein­ge­hend: Die runde behauene Stein­scheibe, etwa eine Arm­länge dick und gut sechs Schritte im Durch­mes­ser, liegt in der Mitte der Höhle waa­ge­recht auf star­ken, über­manns­ho­hen Holz­stäm­men. Sie muss ein unge­heu­res Gewicht haben.

Plötz­lich steht der alte Zere­mo­nien­meis­ter hin­ter mir und bohrt mir einen Fin­ger in den Anus. Ich zucke zusam­men, womit ich mir Schnitte in Brust und Rücken ein­handle. Der Zere­mo­nien­meis­ter zieht den Fin­ger wie­der her­aus und ruft etwas. Das Volk, das sich, von den Wachen zurück­ge­hal­ten, vor dem Zugang zum Höh­len­raum zusam­men­drängt, ant­wor­tet mit zustim­men­den Lau­ten. Was geschieht hier? Was wol­len sie mit mir machen? Die Stein­platte! Darum dreht es sich hier. Aber was hat es mit ihr auf sich?

Über der Platte erkenne ich eine selt­same Kon­struk­tion aus star­ken Tauen und Holz­stäm­men, zu der – über einen Haken in der Höh­len­wan­dung lau­fend – ein schwar­zer Strick führt, der an der Wand in Greif­höhe über dem Boden hängt.

Auf einen geknurr­ten Befehl des Zere­mo­nien­meis­ters hin sto­ßen mich die Lan­zen vor­wärts, unter die Stein­scheibe. Er hat an mei­nem Len­den­schurz eine lange Kor­del befes­tigt hat, die er in der Hand hält. Eigen­ar­tig. Was haben sie mit mir vor? Ich kann nun erken­nen, dass die mäch­tige Stein­platte in der Mitte durch­bohrt ist. Aus dem dün­nen Loch hängt eine Schnur, an der ein klei­ner Metall­ring befes­tigt ist.

Der Zere­mo­nien­meis­ter will mir ges­tisch etwas mit­tei­len, bil­det mit Zei­ge­fin­ger und Dau­men einen Ring und fasst mit der ande­ren Hand daran. Ich folge der Auf­for­de­rung, greife nach oben und halte den klei­nen Metall­ring fest. Eine der Wachen brüllt etwas, das wie ein Warn­ruf klingt. Die Köni­gin zieht an dem schwar­zen Strick. Über mir, ober­halb der Platte, knackt und pol­tert etwas. Auf einen Zuruf des Zere­mo­nien­meis­ters hin sto­ßen Wachen die Stütz­pfei­ler weg, und ich spüre am Ring jetzt einen leich­ten Zug nach oben – die Stein­scheibe hängt jetzt frei­schwe­bend in der Luft, und ich ahne bereits, dass sie nun nur noch von der dün­nen Schnur am Ring gehal­ten wird. Er ist ein wenig klei­ner als die Öff­nung im Stein: Lasse ich los, wird ein Mecha­nis­mus aus­ge­löst, der die Fels­scheibe her­un­ter­kra­chen lässt.

Plötz­lich ein Ruck: Der Zere­mo­nien­meis­ter reißt mir mit der Kor­del den Len­den­schurz vom Leib. Ich stehe nackt unter dem gewal­ti­gen Mühl­stein und halte mit aus­ge­streck­tem Arm den Ring. Das Volk lacht und ruft mir offen­bar hämi­sche Bemer­kun­gen zu.

Ich flu­che inner­lich. Ich hätte den Schurz in den Ring stop­fen kön­nen, so dass er nicht mehr durch die Öff­nung im Stein passt. Zu spät. Jetzt weiß ich auch, was der Alte in mei­nem Anus gesucht hat. Bestimmt hat­ten frü­here Delin­quen­ten, die wuss­ten, was sie erwar­tet, Hilfs­mit­tel am oder im Kör­per ver­steckt.

Es ist nicht schwer, mir aus­zu­ma­len, wel­ches Schick­sal sie mir zuge­dacht haben. Mein Arm wird müde wer­den, meine Fin­ger wer­den zu schmer­zen begin­nen. Ich werde den Arm wech­seln, doch ich kann nicht ewig durch­hal­ten und werde ich mich ent­schei­den müs­sen: Führe ich das Ende bewusst her­bei, oder warte ich, bis meine Kräfte end­gül­tig nach­las­sen?

Kann ich mich recht­zei­tig zur Seite wer­fen? Wohl kaum. Auf dem Boden unter der Platte ent­de­cke ich dunkle, unför­mige Fle­cke. Meine unglück­li­chen Vor­gän­ger sind nicht weit gekom­men. Viel­leicht kann ich den Ring aus­ein­an­der­bie­gen, so dass er nicht mehr durch die Öff­nung rut­schen kann! Ich presse Dau­men und Zei­ge­fin­ger zusam­men. Der Ring ist aus Metall – da müsste ich tat­säch­lich Zau­ber­kräfte besit­zen, um ihn ver­for­men zu kön­nen.

Ich schließe die Augen.

Als Wan­de­rer kann ich auf die Rück­seite der Zeit sprin­gen, um von dort aus zu einem Ort zu gelan­gen, an dem ich gebraucht werde. Ich will hier nicht ster­ben! Doch als ich mich tief in mei­nen Geist ver­senke und den Kris­tall­schä­del in die Hand nehme, den Kte­phaim im Mne­poketh, in mei­nem Tem­pel der flüch­ti­gen Bil­der, für mich zurück­ge­las­sen hat, wird mir klar, dass ich irgendwo hier in die­ser Welt gebraucht werde und erst wei­ter­rei­sen kann, wenn ich meine Auf­gabe erfüllt habe.

Ich öffne die Augen.

Die Köni­gin spricht leise mit dem Zere­mo­nien­meis­ter. Er ruft die Wachen zusam­men, um die Höhle zu ver­las­sen. Das Königs­paar folgt. Doch das Volk will den Ein­gang nicht frei­ge­ben. Sie mur­ren, wol­len sich an mei­nem Todes­kampf ergöt­zen. Erst als der Zere­mo­nien­meis­ter mit lau­ter Stimme eine Ankün­di­gung macht, bricht ver­hal­te­ner Jubel aus. Was immer die Bot­schaft ist: Sie wird wei­ter­ge­ge­ben, das Volk ver­lässt den Berg. Der König blickt sich noch ein­mal nach mir um. Er sagt etwas Abfäl­li­ges und feixt. Dann bin ich allein.

Zwar spüre ich schon ein Pochen in mei­nem lin­ken Unter­schen­kel, das mich daran erin­nert, dass ich damals, ehe alles begon­nen hatte, mit ein­ge­klemm­tem Bein dem Ertrin­kungs­tod aus­ge­lie­fert war. Aber ich werde ihnen nicht den Gefal­len tun, hier zu ster­ben!

Von drau­ßen dringt der Klang von Trom­meln und schril­len Pfei­fen zu mir in die Höhle. Sie fei­ern ein Fest. Gehen sie davon aus, dass ich die Nacht über durch­hal­ten werde? Dass sie sich mor­gen früh daran wei­den kön­nen, wie mich die letz­ten Kräfte ver­las­sen?

Die Zeit kriecht unmerk­lich lang­sam dahin. Einige der Fackeln sind erlo­schen. Wie lange halte ich die­sen Ring schon fest, wie lange stehe ich schon da mit schwit­zen­den Fin­gern und einem flauen Gefühl im Magen? Ein­mal wur­den meine Fin­ger gefühl­los, und ich dachte kurz, dass ich das alles nur geträumt habe. Als ich dann mit der freien Hand über mich tas­tete und die zusam­men­ge­press­ten Fin­ger der ande­ren Hand und den Ring fühlte, durch­fuhr mich ein eisi­ger Schreck.

Von dem Fest ist nichts mehr zu hören. Es muss tief in der Nacht sein. Jemand kommt mit einer Fackel zu mir in die Höhle – eine Frau. Sie trägt ein sack­ar­ti­ges Gewand und eine Maske. Die Fackel legt sie auf den Boden, wo sie fla­ckernd wei­ter­brennt. Die Frau lacht, kurz und hell, und steigt aus ihrem Umhang. Dar­un­ter ist sie nackt. Eine nackte Frau mit einer Maske, die einen Löwen oder einen Dämon mit auf­ge­ris­se­nem Maul zeigt, steht vor mir und beginnt, sich zu strei­cheln.

Ich drehe mich weg. Mit einem Laut der Ent­täu­schung nimmt die Frau die Fackel auf und geht ein paar Schritte um die Fels­scheibe herum, bis sie wie­der in mei­nem Blick­feld steht. Wie­der legt sie die Fackel ab. Sie fasst sich mit einer Hand an ihre Brust und streicht sich mit der ande­ren den Ober­schen­kel hoch zwi­schen ihre Beine, wobei sie woh­lige Kiek­ser aus­stößt. Trotz der Lebens­ge­fahr, in der ich schwebe, trotz der uner­träg­li­chen Situa­tion spüre ich, dass sich etwas in mir regt. Ich hasse die Frau dafür. Und mehr noch hasse ich mich selbst dafür.

Die Frau zeigt mir etwas. Ich erkenne einen dün­nen Stock. Er ist etwa so lang wie mein Unter­arm und weist, soweit sich das im Fackel­licht aus­ma­chen lässt, Ver­di­ckun­gen oder Dor­nen auf. Sie lacht wie­der und legt den Ste­cken quer über ihre Brust­war­zen. Dann tritt sie einen Schritt vor, gefähr­lich nah an den Rand der Platte. Ich starre den Stock an. Er würde meine Ret­tung bedeu­ten! Ich könnte ihn durch den Ring ste­cken und ihn so am Hoch­schnel­len hin­dern.

Aber ich habe den Ste­cken nicht. Die Frau benutzt ihn, um ihre Brust­war­zen zu mas­sie­ren. Sie stöhnt auf, scheint den Schmerz aller­dings gleich­zei­tig zu genie­ßen. Ich kann meine Augen nicht abwen­den, was es noch demü­ti­gen­der für mich macht.

Der Ste­cken fällt herab. Die Frau bückt sich danach und dreht sich, so dass ich sehen kann, wie sie den Stock längs zwi­schen ihre Hin­ter­ba­cken steckt und lang­sam bewegt. Sie schaut mich dabei zwi­schen ihren Bei­nen hin­durch inter­es­siert an, und ich bin mir der Tat­sa­che bewusst, dass ein bestimm­ter Kör­per­teil von mir inzwi­schen Paa­rungs­be­reit­schaft signa­li­siert. Die Frau zeigt mir, was sie von mir erwar­tet: Sie schließt ihre Rechte um einen ima­gi­nä­ren Phal­lus und bewegt sie auf und nie­der.

Ich werde von wider­sprüch­li­chen Gefüh­len über­schwemmt. Um ein Haar glei­tet mir der Ring aus den Fin­gern, und der Schreck ernüch­tert mich wie­der. Die Frau hat ver­sucht, sich den Ste­cken ein­zu­füh­ren, aber das tat wohl zu weh, denn jetzt nimmt sie die Fin­ger, wankt dabei, setzt sich neben die fla­ckernde Fackel, stöhnt vor Lust – hält dann jedoch plötz­lich inne, um mich noch ein­mal inten­siv zu betrach­ten. Dann beugt sie ihren Ober­kör­per zurück, stützt sich mit der freien Hand auf und stößt einen lan­gen, gut­tu­ra­len Schrei aus.

Es ist die Köni­gin! Plötz­lich bin ich mir sicher. Der Blick, mit dem sie mich im Ban­kett­saal gemus­tert hatte – und jetzt wei­det sie sich an mei­ner aus­sichts­lo­sen Lage. Wo ist der Stock? Ich kann ihn nir­gendwo mehr sehen. Wird sie ihn mir zuwer­fen? Oder … nur für die ver­langte Gegen­leis­tung? Doch die Erre­gung hat nach­ge­las­sen, und ich kann sie nicht wie­der wecken, obwohl ich mit mei­ner freien Hand ver­su­che, zu ret­ten, was zu ret­ten ist.

Die Frau rich­tet sich lang­sam wie­der auf. Sie lacht, als sie meine ver­zwei­fel­ten Bemü­hun­gen bemerkt. Offen­sicht­lich ist sie nun nicht mehr an mir inter­es­siert. Sie zieht sich ihren Umhang wie­der über, nimmt ihre Fackel auf und ver­lässt die Höhle.

Ich hebe die Hand, die ich zwi­schen mei­nen Bei­nen habe, um die andere über mir abzu­lö­sen. Ein Scham­haar steckt unter einem mei­ner Fin­ger­nä­gel.

Und plötz­lich weiß ich, was zu tun ist.

Ich beginne, mir Haare aus­zu­rei­ßen, reiße mir am Hin­ter­kopf jeweils ein Dut­zend mei­ner sträh­ni­gen blon­den Haare aus und sammle sie in mei­nem Mund – eine lang­wie­rige und ekel­er­re­gende Arbeit. Bald habe ich so viele Haare zwi­schen den Lip­pen, dass sie her­un­ter­zu­fal­len begin­nen, wenn ich neue dazu­ste­cke. Ich nehme das Büschel in die freie Hand, lecke die Spit­zen nass und drü­cke das Bün­del noch ein­mal mit den Lip­pen zusam­men, bevor ich es lang­sam und vor­sich­tig durch den Ring ste­cke, den ich mit den Fin­gern der ande­ren Hand am äußers­ten Rand halte.

Die meis­ten Haare gehen dane­ben, doch einige drü­cken sich durch den Ring hin­durch und hän­gen nun an bei­den Sei­ten her­un­ter. Ich lasse den Ring vor­sich­tig und mit ange­hal­te­nem Atem nach oben rut­schen, bis die Haare im Ring gegen das kleine Loch in der Stein­platte gedrückt wer­den. Sie wer­den durch den Zug an der Schnur zusam­men­ge­presst, aber viel­leicht …

Ich öffne die Fin­ger, spurte los, rut­sche dabei fast aus, werfe mich nach vorn, und in dem Moment, in dem ich auf dem Boden auf­komme, ertönt ein tro­cke­ner, har­ter Knall, und der Fels bebt. Das fol­gende Don­nern ist lau­ter als alles, was ich je im Leben gehört habe, den Unter­gang von Atlan­tis ein­ge­schlos­sen.

Ich richte mich auf. Meine Knie schmer­zen, ich bin genau auf den Ste­cken der Köni­gin gefal­len, und die Dor­nen haben sich mir in die Haut gegra­ben.

Ich höre Schritte. Schnell drü­cke ich mich an die Fels­wand. Eine Wache tritt in das Gewölbe und betrach­tet die Stein­platte. Im Licht der Fackel sehe ich nun die gewal­ti­gen Seile, die sie in der Luft gehal­ten hat­ten. Die Wache spuckt aus und ver­lässt die Höhle. Ich lasse einige Zeit ver­ge­hen und folge ihr dann vor­sich­tig.

Die Lehm­stadt liegt fried­lich im Ster­nen­licht. Vor der Höhle schla­fen die Fei­ern­den ihren Rausch aus. Es gab ein Fest­mahl – ich geneh­mige mir ein paar Bis­sen von den Res­ten.

Gut, dass ich mir den Weg gemerkt habe. Unbe­merkt schlei­che ich an den Wachen vor­bei in den nied­ri­gen, aus Lehm erbau­ten Palast, gehe einem Schnar­chen nach und ent­de­cke den Zere­mo­nien­meis­ter. Der Alte hat eine hüb­sche junge Frau im Arm und liegt nackt auf Palm­blät­tern. Meine Klei­dung finde ich in einem Schilf­korb. Doch mein Schwert ist nicht hier. Ich ent­de­cke es in den Gemä­chern von König und Köni­gin – auch sie im tie­fen Schlaf. Eine Stimme in mir schreit nach Ver­gel­tung, aber gleich­zei­tig ist mir klar, dass sie in mir, dem Frem­den, den idea­len Sün­den­bock sahen. Ich war ein­fach nur zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort.

Die Befrie­di­gung mei­ner Rache­ge­lüste würde mich nur erneut in Gefahr brin­gen und wei­tere Gewalt her­auf­be­schwö­ren.

Beim Hin­aus­ge­hen ent­de­cke ich die Maske der Köni­gin, mit der sie mich – sicher­lich ohne Wis­sen des Königs – besucht hat. Ich setze meine Klinge nahe der Spitze an und zer­schneide sie mit einer laut­lo­sen glei­ten­den Bewe­gung in zwei Hälf­ten.

Im Licht der Sterne wan­dere ich auf das ferne, schnee­be­deckte Gebirge zu, mar­schiere ohne Pause, bis mich meine Kräfte ver­las­sen, weg von den bei­den ver­fein­de­ten Stadt­staa­ten, weg von der gewal­ti­gen Fel­sen­platte, die jetzt dar­auf war­tet, wie­der hoch­ge­wuch­tet zu wer­den von schweiß­glän­zen­den Män­nern, um neuen Gefan­ge­nen einer fürch­ter­li­chen Ner­ven­fol­ter aus­zu­set­zen und unwei­ger­lich den Tod zu brin­gen, weg vom König, der erstaunt sein wird, dass sich unter der Stein­scheibe keine blu­tige, brei­ige Masse fin­det, und weg natür­lich von der Köni­gin, die einen gewal­ti­gen Schreck bekom­men wird, wenn sie ihre zer­schnit­tene Maske ent­deckt. Den Dor­nen­stock habe ich dazu­ge­legt. Viel­leicht leis­tet er ihr noch ein­mal gute Dienste.

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Zer­klä­rung

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Mein Freund Norbu hat wie­der mal mein Klop­fen nicht gehört. Eine Klin­gel gibt es an sei­nem Haus­boot nicht. Dafür hat er mir einen Zweit­schlüs­sel gege­ben – und die offi­zi­elle Erlaub­nis, mir auf­zu­schlie­ßen, wenn er nicht ant­wor­tet.

Im Kor­ri­dor hängt oben eine Stange quer, und an der Wand ste­hen die berg­stie­fel­ar­ti­gen Schuhe, die an jeder Sohle einen Metall­ha­ken haben. Mit denen hängt er sich hier auf – soll gut für den Rücken und die Durch­blu­tung sein. Ich frage mich, was er dabei mit den Armen macht. Hän­gen die ein­fach locker run­ter, oder ver­schränkt er sie vor der Brust, wie man das aus Vam­pir­fil­men kennt?

Mein Freund Norbu sitzt auf sei­ner Ter­rasse und liest ein aus­ge­druck­tes PDF. »Wir sind elende Sexis­ten«, sagt er zur Begrü­ßung.

»Ich nicht«, erwi­dere ich.

»Oh doch«, sagt Norbu, sieht in sein Papier und fügt an: »Ent­we­der ein ›moder­ner Sexist‹ oder ein ›Neo-Sexist‹ oder ein ›wohl­mei­nen­der Sexist‹.«

»Ach, Norbu, Sexis­mus ist doch Schnee von ges­tern.«

Er hält den Zei­ge­fin­ger hoch: »Aha. Sagt der ›moderne Sexist‹!«

»Hörst du mir zu? Sexis­mus spielt doch keine wirk­li­che Rolle mehr in unse­rer Gesell­schaft. Fang jetzt bloß nicht mit irgend­ei­nem anti­se­xis­ti­schen Akti­vis­mus an.«

Wie­der geht sein Zei­ge­fin­ger hoch: »Aha. Da höre ich den Neo­se­xis­ten raus.« Ich will wis­sen, wer so eine Ein­tei­lung ver­zapft, und er zeigt mir ein wis­sen­schaft­li­ches Paper mit dem Titel »See­ing the Unseen: Atten­tion to Daily Encoun­ters With Sexism as Way to Reduce Sexist Beliefs«.

»Aber die schlimms­ten Sexis­ten«, erklärt er mir, »sind die wohl­mei­nen­den.«

»Die wohl mei­nen«, ver­su­che ich ein Aperçu zu set­zen, »dass das zarte Geschlecht beson­de­rer Für­sorge und Unter­stüt­zung bedarf, beim Ein­kaufs­tü­ten­tra­gen und Zünd­ker­zen­säu­bern?«

Mein Freund Norbu nickt. »Und der fes­ten Über­zeu­gung sind, Frauen seien letzt­lich etwas Bes­se­res, und wenn Sie das Sagen hät­ten, wäre dies eine deut­lich bes­sere Welt. Bist du so einer?«

Ich setze mich neben ihn in den zwei­ten Deck­stuhl. »Ver­mut­lich schon. Gibt es da noch eine Alter­na­tive?« Ich weise auf das Paper.

Mein Freund Norbu seufzt: »Nur den puren Anti­se­xis­mus. Dabei wäre es doch der bes­sere Schritt, vom wohl­mei­nen­den zum wert­schät­zen­den Sexis­mus über­zu­ge­hen.«

Ich lasse mir das Paper geben und über­fliege es. Zwei Frauen haben drei Stu­dien durch­ge­führt, in den USA und in Deutsch­land. Mit einer Hand­be­we­gung for­dere ich mei­nen Freund Norbu auf, seine Idee näher zu erläu­tern. Wert­schät­zen­der Sexis­mus?

»Na ja, es gibt nun mal Unter­schiede, und das ist auch gut so, und wenn wir sie jeweils indi­vi­du­ell und situa­tiv wert­schät­zen und nut­zen, dann sollte allen gehol­fen sein.«

»Dann bin ich also wei­ter für schwere Trag­las­ten und Auto­re­pa­ra­tu­ren zustän­dig? Und ich kann Frauen wei­ter­hin für die bes­se­ren Men­schen hal­ten?«

»Nicht pau­schal. Das wäre ›wohl­mei­nend‹. Aber je nach Situa­tion schon, wenn du deine indi­vi­du­el­len Kom­pe­ten­zen wert­schätzt und die jeder ein­zel­nen ande­ren Per­son – ob nun Mann oder Frau – ebenso.«

Ich gebe ihm den Sta­pel Papier zurück. »So, wie wir beide uns schät­zen?«

»Kor­rekt. So, wie wir uns gegen­sei­tig wert­schät­zen.«

»Und was schätzt du an mir? Ich meine: indi­vi­du­ell und situa­tiv natür­lich.«

Mein Freund Norbu zögert. Schließ­lich sagte er: »Dass du oft ziem­lich berech­tigte Ein­wände gegen meine Welt­ver­bes­se­rungs­vor­schläge ein­bringst.«

»Oh, echt? Dabei will ich gar nicht dau­ernd mäkeln. Rutscht mir nur immer so raus.«

Mein Freund Norbu lächelt. »Ich weiß. Situa­tiv, ver­mut­lich.«

Ich über­lege, ob ich uns einen Wein holen soll – tra­di­tio­nel­ler­weise meine Auf­gabe. Oder könnte sich das je nach Situa­tion auch mal anders erge­ben? Ich liege hier gerade so schön bequem im Deck­stuhl.

»Irgend­wie glaube ich«, sage ich nach einer kur­zen Denk­pause, »dass dein wert­schät­zen­der Sexis­mus in letz­ter Kon­se­quenz zu einem ziem­lich unschö­nen, ›wert­schät­zen­den‹ Kom­pe­tenz­ge­ran­gel zwi­schen Mann und Frau führt, der uns am Ende wie­der ganz am Anfang ste­hen lässt.«

»Siehst du, das meine ich!«, sagt mein Freund Norbu, steht auf und holt uns eine Fla­sche Wein.

 

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ο άγγελος του ύπνου

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Ich betrete den Kor­ri­dor in der fes­ten Über­zeu­gung, hier end­lich zum Aus­gang zu gelan­gen, doch es zwei­gen nur wei­tere Kata­kom­ben ab. Ich habe mich in die­ser unter­ir­di­schen Toten­stadt ver­irrt, und lang­sam beschleicht mich Panik, denn meine Taschen­lampe wird schwä­cher. Nicht, dass ich mich am Ende zu den vie­len Ver­stor­be­nen geselle, die hier in Ephe­sos bestat­tet wur­den!

Ich irre wei­ter umher. Schließ­lich ver­lischt meine Taschen­lampe gänz­lich und lässt sich auch durch Schüt­teln und gezielte Schläge nicht wie­der zum Leuch­ten bewe­gen. Da bemerke ich in eini­ger Ent­fer­nung einen Licht­schein. Er scheint sich von mir weg­zu­be­we­gen. Ich folge ihm und komme einer gro­ßen, schlan­ken Gestalt näher, die aus sich selbst her­aus zu strah­len scheint. Sie beugt sich über einen leb­los dalie­gen­den Kör­per und wen­det ihn auf die andere Seite, um dann ein­fach in den Fels hin­ein­zu­schwe­ben und darin zu ver­schwin­den. Undurch­dring­li­che Dun­kel­heit bleibt zurück.

Ich betaste den Kör­per, über den sich die Gestalt gebeugt hat. Er ist warm. Ich schüttle ihn. Der Mann wacht auf, mur­melt ver­schla­fen etwas, aus dem ich so etwas wie »som­nus longus« her­aus­höre. Mein Schul­la­tein ist mehr als ein­ge­ros­tet, und so ist unsere Ver­stän­di­gung schwie­rig, zumal wir sie im Dun­keln nicht mit Ges­ten unter­stüt­zen kön­nen.

Er fragt, wie lange er geschla­fen hat. Wo seine sie­ben Freunde – ubi sep­tem amici? – sind. Ich glaube an einen Scherz oder die Ver­steckte Kamera, die aller­dings in der Dun­kel­heit nichts auf­zeich­nen würde. Das aus­ge­dehnte Höh­len­sys­tem, in dem ich mich ver­lau­fen habe, ver­dankt sei­nen Namen einer Legende, nach der hier sie­ben Jüng­linge die reli­giöse Ver­fol­gung über­stan­den, indem Gott sie meh­rere hun­dert Jahre sicher schla­fen ließ.

Der Mann will nicht län­ger auf meine gestot­ter­ten Ant­wor­ten war­ten. Er scheint sich gut aus­zu­ken­nen, denn ich höre ihn ziel­si­cher fort­ge­hen. Ich folge ihm mit aus­ge­streck­ten Armen durch die Dun­kel­heit, stoße immer wie­der an die Fels­wände. Doch die Schürf­wun­den zah­len sich aus. Hin­ter einer Win­dung des Gan­ges wird es hell, und ich klet­tere hin­ter dem Schlä­fer durch einen halb ein­ge­stürz­ten Höh­len­aus­gang geblen­det ins Tages­licht. Uns umgibt eine fel­sige Ödnis, und ich habe keine Ahnung, wo ich mich befinde. Aber das Tou­ris­ten­büd­chen sollte nicht allzu weit sein.

Sofort zücke ich mein Handy, um meine Mut­ter anzu­ru­fen, mit der ich hier das »Haus der Maria« besu­che und die sich bestimmt schon fürch­ter­li­che Sor­gen um mich macht. Der Mann, der eine zer­schlis­sene Toga trägt und sich offen­bar lange nicht rasiert hat, starrt auf mein Handy, mur­melt erschreckt etwas von »opus dia­bo­li­cum«, macht ein Kreuz­zei­chen vor der Brust und rennt davon.

Ich schlage mir vor die Stirn. Mit dem Han­dy­dis­play hätte ich mir ein wenig Licht machen kön­nen! Dass ich mir einen Knö­chel ver­knackst, mir Hände und Schul­tern auf­ge­schürft und böse den Kopf ange­schla­gen habe – nichts als meine eigene Blöd­heit.

 

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Saba­di­bix

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg in mein Büro, auch hier dar­auf bedacht, mög­lichst wenig Spu­ren zu hin­ter­las­sen: Ich schließe die Ein­gangs­tür, wenn sie vor­her geschlos­sen war, oder ver­schaffe ihr wie­der den Win­kel, den sie vor mei­nem Ein­tre­ten hatte. Ich achte auf sau­bere Schuh­soh­len, die kei­nen Dreck hin­ter­las­sen auf den Fuß­mat­ten, wel­che ich um kei­nen Deut ver­rü­cke, und ich schleich alle­weil mucks­maus­erl­still drü­ber.

Sollte ich einem der Dampf­plau­de­rer aus dem Amts­haus begeg­nen, so nuschel ich nur das Aller­not­wen­digste, mit gesenk­tem Kopf, um dann mög­lichst schnell hin­ter mei­ner Tür zu ver­schwin­den.

Dan­kens­wer­ter­weise habe ich gleich nach der Matura eine Stelle als Akzes­sist im Wie­ner Bun­des­denk­mal­amt bekom­men und konnte mich da der Bewah­rung von Din­gen und Zustän­den wid­men, inzwi­schen in Defi­ni­tiv­stel­lung bei die­ser wun­der­ba­ren und ehr­wür­di­gen Insti­tu­tion, der ich meine beschei­de­nen Dienste gern zur Ver­fü­gung stelle.

Auch in mei­nem Büro ver­meide ich jedes Gepräge, das auf mich zurück­geht: Nichts Per­sön­li­ches steht auf mei­nem Schreib­tisch, ich habe keine Bil­der auf­ge­hängt und keine Kraut­stau­den auf­ge­stellt. Schon lange bevor der Aus­druck »öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck« modisch wurde, habe ich alles getan, um über­haupt kei­nen Fuß­tap­per in der Welt zu hin­ter­las­sen. Mit mei­nem not­wen­di­gen Kon­sum für Gewand und Nah­rungs­mit­tel beschränke ich mich auf Dinge, die in gro­ßen Men­gen her­ge­stellt wer­den, so dass mein Anteil daran mög­lichst wenig ins Gewicht fällt.

Hier im Amt sind in den vie­len Jah­ren wohl viele Beför­de­rungs­mög­lich­kei­ten und Bien­nal­sprünge an mir vor­über­ge­gan­gen, weil ich mich immer mög­lichst unauf­fäl­lig ver­hal­ten habe. Es macht mich stolz, dass, ver­schwände ich eines Tages spur­los, wohl nie­mand auf die Idee käme, eine Abgän­gig­keits­an­zeige auf­zu­ge­ben.

Manch­mal – und das sind über­aus selige Momen­terl – ver­schwinde ich vor mir selbst. Ich fühle keine Anwe­sen­heit mehr und ent­de­cke erst hin­ten­nach, wie viel Zeit wäh­rend mei­ner Absenz ver­gan­gen ist.

Selt­sa­mer­weise scheint sonst nie­mand so wie ich zu den­ken. Alle Leut pudeln sich heuer furcht­bar auf und wol­len alle dam­lang Ein­fluss neh­men. Viele wol­len sogar aus­drück­lich etwas bewe­gen. Das ist mir fremd.

Dann die­ser Schmet­ter­ling. Was macht die­ser Schmet­ter­ling in mei­nem Büro? Wie kommt er hier her­ein, wo ich doch das Fens­ter nie öffne? Er ist weiß und flat­tert vor die Scheibe, dreht dann eine pat­scherte Runde durch die kleine, schmuck­lose Kam­mer. Hin­aus kann er nicht, denn die Tür war geschlos­sen, als ich sie vor­fand, und so halte ich es seit­dem.

»Wie ein Schmet­ter­ling«, flüs­tert sie und legt den Fin­ger auf die Lip­pen, »sei leise wie ein Schmet­ter­ling.« Sie ist schon lange tot, meine Mut­ter, genau wie mein Vater, der »Herr Dok­tor« in Weiß, der nie gestört wer­den durfte, sei es durch die Fra­gen sei­nes her­an­wach­sen­den Soh­nes, sei es durch Radau und ein­fach nur Unruhe. Und kam er aus der Apo­theke nach oben, so war es oft Mut­ter, die Migräne hatte, und keins der Pul­verl des Vaters half, und ich musste wie­der unsicht­bar sein und kei­nen Mucks von mir geben. Das ist vor­bei. Sie sind dahin. Oh, und sie haben Spu­ren hin­ter­las­sen: mich. Ich würde nie ein Kind in die Welt set­zen. Allein schon die Wir­kung, die ich auf die­sen ande­ren Men­schen, diese Frau, aus­üben würde, und sie auf mich. Spu­ren. Wun­den und Nar­ben womög­lich. Nicht aus­zu­den­ken.

Die­ser Schmet­ter­ling irri­tiert mich. Er fin­det kei­nen Aus­gang. Dies ist kein Ort für ihn. Er wird ver­durs­ten und ver­hun­gern, liegt auf dem Fens­ter­brett, ver­gilbt und ver­staubt. So sieht es die Natur vor. Ich mische mich da nicht ein, son­dern halte mich fein zurück. Andere mögen sich mit der Natur und dem Lauf der Dinge anle­gen wol­len. Nicht so ich, der ich tun­lichst ver­meide, irgend­wel­che Spu­ren zu hin­ter­las­sen, an denen abzu­le­sen wäre, dass es mich je gege­ben hat.

Ich könnte sein Lei­den abkür­zen. Ihn in der hoh­len Hand fan­gen und dann kurz eine Faust bal­len. Aber so ist es nicht vor­ge­se­hen. Er flat­tert um mich herum. Kann er nicht so wie­der hin­aus, wie er hier her­ein­ge­kom­men ist?

Ich stehe auf. Rede mit ihm. Rede auf ihn ein. Dass alles gut wird. Dass er so tun soll, als sei er gar nicht da. (Der ewige Ser­mon mei­ner Mut­ter.) Dass er sich gefäl­ligst zusam­men­rei­ßen soll! (Im flüs­ternd dro­hen­den Ton­fall mei­nes Vaters.)

Dann öffne ich das Fens­ter. Ein Wind­stoß fegt Bewil­li­gungs­an­su­chen und Ein­reich­pläne (in drei­fa­cher Aus­füh­rung, gefär­belt und unter­schrie­ben) von mei­nem Tisch. Doch der Schmet­ter­ling scheint jetzt ein Ziel zu haben: der Brise ent­ge­gen in die Frei­heit. Er flat­tert hin­aus. Und irgend­wie fliegt auch ein Teil von mir mit ihm, zu den mäch­ti­gen grü­nen Buchen unter dem blauen Him­mel.

Schnell schließe ich das Fens­ter. Was ist nur in mich gefah­ren? Ich habe den Lauf der Dinge ver­än­dert! Mut­wil­lig habe ich ein­ge­grif­fen! Fast erwarte ich, ein Blitz führe vom Him­mel. Dann wische ich über mei­nen Schreib­tisch und fege so auch die rest­li­chen Anbrin­gen und Papiere zu Boden. Und lache, lache laut, lache wie lange nicht mehr.

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Today’s the Day!

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Nur noch wenige Schritte, und ich stehe im Stu­dio. Über den Durch­gang leuch­tet das rote Licht. Werde ich das Publi­kum, werde ich die Jury über­zeu­gen kön­nen? Wel­cher Teu­fel hat mich gerit­ten, hier auf­tre­ten zu wol­len, hier gewin­nen zu wol­len? Habe ich wirk­lich das Zeug zum Super­star? Nun, ich sehe ver­dammt gut aus, und meine Samt­stimme lässt Frau­en­her­zen gleich rei­hen­weise schmel­zen. Bis zum Erbre­chen habe ich mit der Cho­reo­gra­fin die ero­ti­schen Tanz­schritte ein­ge­übt, und auch immer wie­der das geheim­nis­volle Lächeln, mit dem ich die Lyrics an den neur­al­gi­schen Stel­len unter­le­gen soll. Und dann, wenn ich rüber zur Band gehe, den Schlag­zeu­ger vom Hocker schubse und mein Solo hin­lege, damit alle über­rascht fest­stel­len, dass ich eigent­lich Drum­mer bin … Die Frauen lie­ben Drum­mer. Aber die Jury? Haben Sie mich nur so weit kom­men las­sen, um mich lächer­lich zu machen? Werde ich gleich abser­viert? Die Mas­ken­bild­ne­rin, auf deren Stuhl ich vor weni­gen Augen­bli­cken noch saß, hat mir flüs­ternd Mut gemacht, wäh­rend der Auf­nah­me­lei­ter die ganze Zeit auf mich ein­ge­re­det hat: Bis tau­send schnell durch, nie irgend­wel­che Fra­gen kom­men­tie­ren, dass sie zu leicht oder zu schwer sind, und wenn, dann »Abend« sagen und bloß nicht »Nach­mit­tag«.

Das Publi­kum emp­fängt mich mit Applaus. Jauch legt mir von links die Hand auf die Schul­ter. Das ist der Moment, wo sie spä­ter schnei­den, wenn es ein Kan­di­dat auf den hei­ßen Stuhl schafft, damit er in die Maske kann und ihm das Mikro ange­klemmt wird, wäh­rend sie seine Beglei­tung auf den dafür vor­ge­se­he­nen Platz im Publi­kum plat­zie­ren. Es ist Nach­mit­tag, die Sen­dung wird auf­ge­zeich­net, aber es soll dann am Abend der Aus­strah­lung so aus­se­hen, als sei das alles live.

Ich bin ver­wirrt, setze mich, nippe vom Was­ser­glas, ver­su­che zu ver­ste­hen, was Jauch von mir wis­sen will. Wer da oben sitzt? Das ist mein Ver­mie­ter. Jauch fragt nicht wei­ter nach. Wahr­schein­lich will er sich meine Story mit dem Feu­er­scha­den durch das Cand­le­light-Din­ner, den zu über­neh­men meine Ver­si­che­rung sich wei­gert, für spä­ter auf­spa­ren. Zusatz­jo­ker? Nein danke, ich brau­che die 16000 drin­gend, um den Scha­den zu bezah­len.

Und dann erscheint auch schon die erste Frage auf dem Moni­tor, ganz ohne die gewohnte Span­nungs­mu­sik, die sie natür­lich erst spä­ter dazu­mi­schen: »Sprich­wört­lich heißt es: Wie gewon­nen, so … a) ver­bum­melt, b) getrom­melt, c) ent­kom­men, d) zer­schram­melt.«

Ich bin ver­wirrt. Die 50-Euro-Frage ist eigent­lich immer die leich­teste. »Getrom­melt« muss es hei­ßen, klar, eigent­lich »getrom­melt und gepfif­fen«, hier aller­dings nur »getrom­melt«, weil es sich auf »gewon­nen« rei­men soll, wenigs­tens halb­wegs. »B«, sage ich, und B ist es doch auch meis­tens, oder? Oder C? Ich bin immer noch etwas ver­wirrt, glaube ich. Jauch fragt nach, aber jetzt bin ich mir sicher, nicke, bestehe dar­auf. Er kann mich nicht davon abbrin­gen, und ich soll bis tau­send ja auch schnell machen und nicht lange drum­rum­re­den. Er loggt B ein. »Idiot!«, brüllt mein Ver­mie­ter quer durch die Halle.

Ich hab’s ver­geigt. Boh­lens Häme sticht mir ins Herz, und die Lacher aus dem Publi­kum tref­fen mich tief. Ich stehe allein auf der gro­ßen Stu­dio­bühne, erlebe mein Water­loo und ver­ziehe keine Miene – die­sen Tri­umph will ich ihnen nicht gön­nen. Inner­lich aller­dings beschließe ich, nie wie­der vor Fern­seh­ka­me­ras zu tre­ten und zu glau­ben, in mir ste­cke ein Star.

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Trial Ver­sion

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Ich betrete den Kor­ri­dor schwan­kend und muss mich am Bücher­re­gal fest­hal­ten, weil mir ganz flau im Magen ist. Es ist das Bord, auf dem meine Lieb­linge ste­hen, näm­lich jene Romane unter den Hun­der­ten hier auf­ge­reih­ten, die mir beson­ders ver­gnüg­li­che Stun­den berei­tet haben. Mein Ex-Mann hat damals immer den Kopf geschüt­telt und konnte mei­nen Lese­hun­ger nie so rich­tig ver­ste­hen.

Vor weni­gen Augen­bli­cken noch saß ich mit ange­zo­ge­nen Knien in mei­nen Lese­ses­sel geku­schelt und las. Ein umfang­rei­cher Roman, so wie ich es liebe: Bereits in der Hand fühlt sich das Buch nach einer aus­ge­dehn­ten, weit­ver­zweig­ten Welt an, in die ich mich für lange Zeit ver­lie­ren kann. Und dann – die­ser Recht­schreib­feh­ler! Nor­ma­ler­weise lese ich über so etwas ein­fach weg, aber dies­mal setzte er eine fatale Kette von Gedan­ken in Gang. Der Autor muss ihn über­se­hen haben, genau wie der Lek­tor des Buches. Und über­haupt – ich ver­suchte der­weil, wei­ter­zu­le­sen, aber hörte unge­wollt mehr mei­nen Gedan­ken zu als dem, was der Roman mir erzäh­len wollte – sind das ja nur Worte, ist das nur ein Text, eine Ver­sion eines Tex­tes, von dem ich gar nicht ahne, wel­che Meta­mor­pho­sen er mög­li­cher­weise durch­ge­macht hat. Natür­lich weiß ich beim Lesen von Roma­nen immer irgend­wie, dass es sich um aus­ge­dachte Geschich­ten han­delt. Nur wird mir das jetzt ebenso hef­tig wie bit­ter bewusst, wie durch eine neue Brille, die mir gna­den­los all die Kulis­sen, Requi­si­ten, Behaup­tun­gen und Kunst­griffe vor Augen führt, aus denen sich mehr oder weni­ger erfin­dungs­reich zusam­men­setzt, was mir vor­her wie eine Wahr­heit höhe­rer Ord­nung erschien.

Diese Gedan­ken bekam ich ein­fach nicht mehr aus mei­nem Kopf, und dann ver­schwam­men auch noch die gedruck­ten Worte auf den Sei­ten vor mei­nen Augen, bil­de­ten ein Mus­ter, schwarz auf weiß, und es war, als sähe ich darin eine Gestalt – ich kann nicht sagen, ob Mann oder Frau –, die wie beses­sen tippt, beschrie­bene Sei­ten zer­knüllt, quä­lend lange auf eine ange­fan­gene Zeile starrt und sich die Haare rauft, Kom­ma­re­geln nach­schlägt, einen Aus­druck mit Kor­rek­tu­ren über­sät, an fau­li­gen Äpfeln riecht und sich auf dem Boden wälzt, weil sich das rich­tige Wort nicht ein­stel­len will, Figu­ren erschafft und ver­wirft, Namen und Bio­gra­fien für sie erfin­det, sie durch Höhen und Tie­fen schickt, an Beschrei­bun­gen feilt, aus dem Fun­dus eige­ner Erfah­run­gen schöpft, Sze­nen zusam­men­streicht und ganze Kapi­tel wie­der löscht – und das alles, um mir eine Geschichte zu erzäh­len.

Warum?, frage ich das Buch in mei­ner Hand, denn offen­bar habe ich, wäh­rend ich schwan­kend im Kor­ri­dor stand, zu einem mei­ner Lieb­lings­ro­mane gegrif­fen, um ihn jetzt wie ein Ertrin­ken­der zu umklam­mern.

Ich schlage den Band auf, wahl­los irgendwo in der Mitte, will wie­der ein­tau­chen, mich hin­ein­zie­hen und mit­rei­ßen las­sen, will mit den Hel­den kämp­fen und sie­gen, lachen und wei­nen, lei­den und mein Glück fin­den, will mich gru­seln, amü­sie­ren, ver­lie­ben, Unmög­li­ches ver­su­chen, ver­zwei­feln und cou­ra­giert Gefah­ren und Wid­rig­kei­ten ent­ge­gen­tre­ten, will mich fes­seln, über­ra­schen und in Atem hal­ten las­sen. Doch gleich­zei­tig weiß ich, dass der Zau­ber gebro­chen und der Schleier unwi­der­ruf­lich zer­ris­sen ist. Ein dum­mer klei­ner Recht­schreib­feh­ler hat mich unwie­der­bring­lich die Unschuld ver­lie­ren las­sen und mir vor Augen geführt, dass das alles nur Erfin­dung ist, eine mehr oder weni­ger gut kon­stru­ierte Fik­tion, bei der alles auch ganz anders sein könnte.

Ich bli­cke auf. Rei­hen um Rei­hen fein säu­ber­lich auf­ge­reih­ter Buch­rü­cken star­ren mich an. Ein mit­leids­lo­ser Engel hat mich aus dem Gar­ten Eden des kind­li­chen Lese­ver­gnü­gens ver­trie­ben. Es könnte alles auch ganz anders sein! Viel­leicht, denke ich, ist das ein Weck­ruf, der mich ins Leben ruft, mein eige­nes Leben, das echte und wahre Leben mit sei­ner ganz eige­nen Magie. Will ich mich denn nicht wie­der ver­lie­ben, Unmög­li­ches ver­su­chen, mein Glück fin­den? Den Gedan­ken, dass auch dies alles nur eine Geschichte sein könnte, die ich mir selbst erzähle, schüttle ich unwil­lig ab.

Nach­dem ich den Roman in die Lücke zurück­ge­stellt habe, mache ich kehrt. Im Wohn­zim­mer stehe ich eine Zeit­lang unschlüs­sig herum. Also das eigent­li­che, das wirk­li­che Leben. Wo anfan­gen? Am bes­ten ganz vorn. Ich greife in der Vitrine zu dem Foto­al­bum mit mei­nen Kind­heits­fo­tos …
 

* * *

 

Korridorium-Serviette 234 mit MindmapSwitch language

 

* * *

 

Zweite Fas­sung:
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Im Gar­de­ro­ben­schrank könnte ich noch Bat­te­rien haben. So ein Mist auch. Da sitze ich bequem im Fern­seh­ses­sel, guck das End­spiel, will rüber zu den Erd­nüs­sen grei­fen und muss fest­stel­len, dass ich auf der Fern­be­die­nung sitze und es jetzt irgend­wie schaffe, mit dem Hin­tern die Stumm-Taste aus­zu­lö­sen. Will den Ton wie­der ein­schal­ten, aber die Fern­be­die­nung reagiert auf ein­mal nicht mehr. Drü­cke wild drauf rum, schüt­tel das Teil, und als das nix nützt, mach ich das Bat­te­rie­fach auf, drehe an den Din­gern, und, he, geht doch plötz­lich der CD-Player an. Dixie­land? Muss eine CD von Ellie sein, die sie ver­ges­sen hat. Hab den Player offen­bar seit­dem nicht mehr benutzt. Wie auch immer. War das letzte Lebens­zei­chen der Fern­be­die­nung, denn jetzt tut sich gar nix mehr. Muss wohl doch auf­ste­hen und Bat­te­rien suchen, denke ich, aber starre erst mal in die Glotze wie Kanin­chen auf Schlange: Mit dem Dixie­land-Jazz wirkt das plötz­lich ganz anders. Kommt mir vor, als bin ich in einem kom­plett ande­ren Film: ner Slap­stick-Komö­die.

Jeden­falls finde ich auch hier im Gar­de­ro­ben­schrank keine neuen Bat­te­rien. Wo könnte ich noch wel­che haben? Ich will das Spiel nicht ver­pas­sen! Aber bei dem fröh­li­chen Geplärre aus dem Wohn­zim­mer ist es fast unmög­lich, genervt zu sein. Wenn’s mich auch trau­rig macht. Wegen Ellie. Mit ande­rem Sound­track wär mein Leben wahr­schein­lich auch kom­plett anders ver­lau­fen. Komi­sche Vor­stel­lung. Dass alles auch ganz anders sein könnte. Dass Ellie noch hier sein könnte. Und dass das im End­spiel genauso gut unsre Natio­nal­elf sein könnte …

Im Schlaf­zim­mer werd ich fün­dig: Die Bat­te­rien im Wecker haben die rich­tige Größe. Kein wei­te­res Tor gefal­len. Ein Tas­ten­druck, der Jazz ver­stummt, ohren­be­täu­bend set­zen die Fan­ge­sänge und Trom­meln ein, und damit bin ich wie­der mit­ten im Drama von Kiew. Ich lass mich in den Ses­sel plump­sen. Geht doch!

* * *

 

Korridorium-Tagebucheintrag 234

 

* * *

Dritte, finale Fas­sung:

 

Ich betrete den Kor­ri­dor. (Pst! Ist nur eine Geschichte. Könnte alles auch ganz anders sein. Aber nicht wei­ter­sa­gen. Will kei­ner wis­sen.)

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The Unbe­lie­ver

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Ich betrete den Kor­ri­dor, oder genauer: den Wild­kor­ri­dor, mit dem laut Gene­ral­wild­we­ge­plan das Schran­gen­bach­tal die Lons­wi­cker Heide mit dem Wald­ge­biet um Wus­sen­ha­gen ver­bin­den soll.

Und er wird genutzt! Meine Foto­fal­len haben schon Füchse, Dachse und sogar einen Luchs auf ihrer Durch­reise ein­ge­fan­gen, dazu natür­lich aller­lei Klein­wild wie Wie­sel und Baum­mar­der. Um nun auch die Schnapp­schüsse der letz­ten Woche her­un­ter­zu­la­den, schließe ich mein Lap­top an die Wild­ka­mera an. Foto für Foto erscheint auf dem Dis­play. He, dies­mal habe ich eine kom­plette Wild­schwein­fa­mi­lie mit drei Frisch­lin­gen abge­lich­tet!

Doch das letzte Foto ist eigen­ar­tig: Ein affen­ar­ti­ges Wesen in gebück­ter, aber auf­rech­ter Hal­tung wen­det der Kamera halb den Rücken zu. Das Gesicht liegt im Halb­pro­fil; es ist dun­kel und leder­ar­tig. Das Foto ist gesto­chen scharf, alle Details sind genau zu erken­nen. Und es sieht alles echt aus.

Im Hima­laja wäre so ein Foto eine Sen­sa­tion. Oder in Nord­ame­rika. Sas­quatch oder Big­foot wer­den sie da genannt. Aber hand­feste Beweise für diese Lieb­linge der Kryp­to­zoo­lo­gen gibt es nicht.

Hier, mit­ten in Deutsch­land, gibt es weder Sich­tun­gen sol­cher Wesen noch uralte Legen­den über sie. Ein Scherz ver­mut­lich, mit der Hoff­nung, ich würde mich damit zum Gespött machen. Aber, ha, dar­auf falle ich nicht rein. Ein Klick, und das Foto ist gelöscht. Außer­dem: »Yeti« ist im Zähl­for­mu­lar der Forst­be­hörde auch gar nicht mit auf­ge­führt.

 

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Live in The Cor­ri­dor (May 10th 2008)

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Ich betrete den Kor­ri­dor-Pub im male­ri­schen Dörf­chen Trow­don. Er ist wei­ter­hin in Fami­li­en­be­sitz und schenkt auch immer noch sein Ale aus – und das seit fast 150 Jah­ren. Steu­er­frei! Die­ser Trick hat dem ein­zi­gen ech­ten Kor­ri­dor-Pub der Welt zu einer gewis­sen Berühmt­heit (und zu einem kur­zen Auf­tritt in Fin­ne­gans Wake) ver­hol­fen.

Es ist eng. Ich betrete einen Gang, an des­sen rech­ter Seite sich Bar­ho­cker um kleine höl­zerne Klapp­tisch­chen grup­pie­ren, die denen in alten ICEs ähneln. Es ist schwie­rig, einen freien Platz zu ergat­tern. Man quetscht sich, jeweils mit einem freund­li­chen Gruß, an den Gäs­ten ent­lang, um in einen wei­te­ren Kor­ri­dor zu gelan­gen, der leicht nach rechts abknickt, ansons­ten aber genauso aus­sieht. In der Mitte, eben­falls rechts in der Wand, auch hier wie­der eine Durch­rei­che, durch die man seine Getränke erhält.

Die beeng­ten Ver­hält­nisse im Kor­ri­dor-Pub sind einem Lizen­zie­rungs­ge­setz zu ver­dan­ken, das Köni­gin Vic­to­ria zusätz­li­che Ein­nah­men besche­ren sollte. 1869 besteu­erte ihr »Wine and Beer­house Act« alle Ale­häu­ser ab einer gewis­sen Schank­raum­größe und schränkte die Grün­dung neuer Taver­nen stark ein. Die pfif­fi­gen Bier­brauer der Fami­lie Stroud umbau­ten ihren Braue­rei mit einem schma­len acht­ecki­gen Kor­ri­dor, der die gesetz­li­chen Min­dest­maße um ein Gerin­ges unter­schritt – und konn­ten so ihr »Stroud’s« steu­er­frei aus­schen­ken.

Heute ist der Kor­ri­dor-Pub (nicht zu ver­wech­seln mit dem reiz­lo­sen Nach­ah­mer The Cor­ri­dor in Oxford) eine Tou­ris­ten­at­trak­tion in Wiltshire – mit über­höh­ten Prei­sen, aber einer ein­zig­ar­ti­gen Atmo­sphäre. Tra­di­tio­nel­ler­weise wan­dert man nur im Uhr­zei­ger­sinn durch die Kor­ri­dore, weil es sonst zu Staus käme, und der Legende nach geneh­migte man sich frü­her bei sei­ner »Lokal­runde« min­des­tens ein Pint in jedem der acht Kor­ri­dor­ab­schnitte, bevor man wie­der aus der Tür tor­kelte.

Mir jedoch reicht schon das erste Ale, das mir der kraus­köp­fige Tom Stroud per­sön­lich in die Durch­rei­che stellt. Er ist der direkte Nach­fahre der eins­ti­gen Pub-Grün­der, was ich weiß, weil sein Foto in mei­nem Rei­se­füh­rer prangt. Der Hin­weis auf seine Hals­ab­schnei­der­preise aller­dings fehlt darin. Aber ich bin die­sen Som­mer ja eigent­lich auch wegen ganz ande­rer Kor­ri­dore nach Süd­eng­land gereist: denen, die sich auf uner­klär­li­che Weise über Nacht – und durch­aus auch mal acht­eckig – in das eine oder andere Korn­feld legen. Wer weiß, ob die Gerste in mei­nem Ale nicht von so einem Feld stammt.

Dann also: Che­ers!

 

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In the Mind of a Bat­ter

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Ich betrete den Kor­ri­dor und lasse kurz meine Taschen­lampe hin­ein­leuch­ten, um mich zu ori­en­tie­ren. Ob hier damals mei­nem alten Herrn auch das Herz bis zum Hals geschla­gen hat?

Nur noch eine letzte Tür trennt mich von der Schatz­kam­mer. So nen­nen sie hier den Raum, in dem sie jeweils ein Exem­plar aller ihrer Modelle lagern, in rie­si­gen Rega­len, immer mit dem Knauf nach vorne.

Einen die­ser Schätze trage ich bei mir. Den »HG 125«, einen Louis­ville Slug­ger. Hank Green­berg hat damit geschla­gen. Ich war sie­ben Jahre alt und soll, auch wenn ich mich selbst nicht erin­nern kann, geweint haben: Mein alter Herr schenkte mir zum Geburts­tag einen neuen Base­ball­schlä­ger, und ich ent­deckte, dass es nur ein bil­li­ger Nach­bau war und nicht der »echte« Hank Green­berg, wie ich ihn mir sehn­lichst gewünscht hatte.

Die Tür ist nicht ver­schlos­sen. Ich betrete das Aller­hei­ligste von Hil­le­rich & Brad­sby. Tau­sende von Schlä­gern, jeder aus einem bestimm­ten Holz, mit einer bestimm­ten Länge und Dicke, Knauf, Hand­griff und Schlag­holz indi­vi­du­ell geformt. Eigent­lich müsste ich von Ehr­furcht ergrif­fen sein, aber statt­des­sen habe ich ein­fach nur Angst, unter den Tau­sen­den von Schlä­gern nicht den rich­ti­gen zu fin­den.

Ich bin kein Dieb. Mein alter Herr, Gott hab ihn selig, hatte sich, nach mei­nem Wut­an­fall wäh­rend der Geburts­tags­feier, in den Kopf gesetzt, mir den rich­ti­gen, ech­ten Schlä­ger von Hank Green­berg zu beschaf­fen. Natür­lich sind Schlä­ger die­ser Art unver­käuf­lich. Also schlich er sich wie ich heute in die Schatz­kam­mer der Louis­ville Slug­ger und tauschte den Schlä­ger aus: die bil­lige Kin­der­va­ri­ante gegen das Ori­gi­nal, das sie bei Hil­le­rich & Brad­sby lager­ten, um es jeder­zeit wie­der detail­ge­treu repro­du­zie­ren zu kön­nen.

Wäh­rend ich nach der Ord­nung in ihrem Lager­sys­tem suche, höre ich wie ein Echo in mei­nem Kopf die Stimme mei­nes Vaters: »Du kannst ein zwei­ter Hank Green­berg wer­den, Sonny, du hast alle­mal das Zeug dazu. Du hast Talent!« Aber ich hatte kein Talent. Auch nicht mit dem neuen Schlä­ger, der eines Mor­gens in mei­nem Zim­mer stand. Ich stellte keine Fra­gen. Er war unglaub­lich schwer – ein Erwach­se­nen­schlä­ger. Mein Vater war immer da, wenn ich spielte und müh­sam das unhand­li­che Ding zu schwin­gen ver­suchte. Aber er hat nie etwas gesagt, nie.

Die Slug­ger-Modelle sind nach Buch­sta­ben geord­net und damit nach den Initia­len der Base­ball­spie­ler, die ihnen die Namen gege­ben haben. Ich ziehe einen Hocker ans Regal, denn das Fach für den HG 125 ist ziem­lich weit oben. Es liegt ein Schlä­ger im Fach, und mein Herz setzt einen Schlag lang aus, als ich ihn in der Hand halte. Es ist der bil­lige, kind­ge­rechte Nach­bau, den mir mein alter Herr damals zum Geburts­tag geschenkt hatte. Hier hat in den acht­zehn Jah­ren nie jemand den Aus­tausch bemerkt.

Ich ste­cke den ech­ten HG 125 ins Fach, aber nicht, ohne ihn vor­her noch ein­mal geküsst zu haben. Ich bin kein Spie­ler, habe seit bestimmt zehn Jah­ren kei­nen Ball geschla­gen. Trotz­dem: Irgend­ein archai­scher Instinkt treibt mich dazu, den Schlä­ger zu küs­sen, damit er mir Glück bringt und seine Kraft auf mich über­trägt. Erst mit den Lip­pen am Holz wird mir bewusst, was ich da gerade tue. Ein selt­sa­mes Gefühl, von Kräf­ten bestimmt zu sein, die ich nicht unter Kon­trolle habe, ja, nicht ein­mal kenne.

Ich schiebe den Hocker an sei­nen Platz zurück. Nie­mand soll bemer­ken, dass ich hier war. Ich schlei­che mich aus dem Regal­la­ger, so wie mein alter Herr es damals auch getan haben muss. Ein paar Momente lang fühle ich mich ihm ganz nahe. Was muss er sich gefreut haben.

Erst nach sei­nem frü­hen Tod, beim Aus­räu­men sei­nes klei­nen Hau­ses, fiel mir der HG 125 wie­der in die Hände. Ich sah mir den Schlä­ger genauer an: die Mase­rung des Ahorns, die Lackie­rung, die Auf­dru­cke und den Brand­stem­pel. Zuerst wollte ich es nicht glau­ben, bis mir all­mäh­lich klar­wurde, dass ich ein Ori­gi­nal in den Hän­den hielt, unschätz­bar wert­voll. Ich rief meine Mut­ter. »Er ist damals nach Louis­ville gefah­ren, war drei Tage lang unter­wegs. Und kam damit zurück.« Sie glaubt, er habe den Schlä­ger für mich gekauft. Aber das ist unmög­lich: Die­ser Schlä­ger stand nie zum Ver­kauf.

Hank Green­berg war Jude. Wie mein alter Herr. Die Juden legen, warum auch immer, kleine Stein­chen auf die Grab­steine ihrer Alt­vor­de­ren. Es ist mir egal, wenn die ande­ren Besu­cher auf dem Fried­hof es selt­sam fin­den: Ich lege das bil­lige HG-125-Imi­tat auf sein Grab. Er hat das für mich getan. Weil er an mich geglaubt hat. Ich wünschte, ich könnte das auch von mir sagen.

 

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For the Very Last Time

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Ich betrete den Kor­ri­dor. »Na ja, du siehst ja selbst, was Sache ist«, meint Jür­gen zu mir, »dein Zim­mer ist das ›Navier-Sto­kes‹. Und denk dran: Mor­gen früh musst du um spä­tes­tens acht hier ver­schwun­den sein.« Damit macht er kehrt. Ich aber bleibe erst ein­mal stau­nend im Kor­ri­dor ste­hen. Von den hell­ge­stri­che­nen Wän­den hän­gen an Schnü­ren dicke Filz­stifte her­un­ter, und sie wur­den flei­ßig genutzt.

Ich bin der letzte Gast. Das »P=NP« ist an eine Hotel­kette ver­kauft, die sich damit brüs­tet, dass sich all ihre Häu­ser welt­weit wie ein Ei dem ande­ren glei­chen. Mor­gen früh wird der Bau­trupp anrü­cken, und das »P=NP« wird Geschichte sein.

Es stand seit knapp 20 Jah­ren aus­schließ­lich Mathe­ma­ti­kern offen, man musste ein Diplom oder einen Magis­ter vor­wei­sen, um hier ein Zim­mer zu bekom­men. Meist war das kleine Hotel mit Gast­do­zen­ten der nahen Uni belegt. »P=NP« steht für ein Pro­blem aus der Opti­mie­rungs­theo­rie. Als Bei­spiel dient in der klei­nen Bro­schüre, die an der Rezep­tion aus­liegt, ein Hand­lungs­rei­sen­der, der zwan­zig Städte besu­chen muss und nach der kür­zes­ten Route sucht – und das unter zwei Tril­lio­nen ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten.

Von den Gäs­ten hier, Hand­lungs­rei­sen­den in Sachen Mathe­ma­tik, haben viele in der Lobby dem Hotel ein Dan­ke­schön hin­ter­las­sen, pas­sen­der­weise – statt Schwarz­weiß-Fotos mit Poe­sie­al­bum­spruch und Unter­schrift – Deck­blät­ter ihrer Ver­öf­fent­li­chun­gen, die illus­tre Titel haben wie zum Bei­spiel: »Lyapu­nov expon­ents, peri­odic orbits and hor­se­s­hoes for map­pings of Hil­bert spaces«.

Jür­gen, der Nacht­por­tier, hat mich hier gegen zwei Packun­gen Ziga­ret­ten und eine Fla­sche Averna ein­ge­schleust. Früh­stück gibt es mor­gen nicht. Das »P=NP« hat schon vor Tagen end­gül­tig dicht gemacht, ohne dass jemand hier in der »Stadt der Mathe­ma­tik« groß davon Kennt­nis genom­men hätte.

Ich hatte zwar Mathe im Abitur, aber meine Kennt­nisse rei­chen lei­der nicht aus, um die alge­bra­ischen Graf­fiti an den Wän­den zu lesen, die hier im Laufe der Jahre von den Gäs­ten hin­ter­las­sen wur­den. Trotz­dem stu­diere ich die For­meln und Kom­men­tare inter­es­siert, denn den unter­schied­li­chen Hand­schrif­ten ist zu ent­neh­men, dass hier von vie­len Betei­lig­ten ein mathe­ma­ti­scher Dia­log geführt wurde – und viel­leicht sogar der eine oder andere Dis­put zwi­schen Mathe­ma­ti­kern ent­brannt ist.

Aus­ru­fe­zei­chen, unge­lenkt gezeich­nete Fäuste mit erho­be­nem Dau­men, aber auch fette rote Fra­ge­zei­chen und das eine oder andere »rub­bish« oder »N’im­porte quoi!« säu­men die For­meln. Ich ent­de­cke auch den Wiki­pe­dia-Link zu »Men­gen­lehre«, der wohl sagen soll: »Kümmre dich erst mal um die Grund­la­gen, du Möch­te­gern-Genie!«

Jedes Zim­mer im »P=NP« ist oder bes­ser war einem eige­nen unge­lös­ten Mathe­ma­tik-Pro­blem gewid­met. Auf mei­nem Nacht­tisch liegt ein abge­grif­fe­ner, maschi­n­ege­schrie­be­ner Zet­tel in einer Klar­sicht­hülle, der in Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch und Ita­lie­nisch das Pro­blem beschreibt, das Navier und Sto­kes in der ers­ten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts ihren Kol­le­gen hin­ter­las­sen haben. Nicht nur die Wände der Kor­ri­dore, auch die Wände der Zim­mer dien­ten den Gäs­ten als Lein­wand und Tafel, und hier im »Navier-Sto­kes« sind sie – zumin­dest nehme ich das stark an – über­sät mit Ansät­zen, deren Glei­chun­gen exakt zu lösen. An einer Stelle steht ein »wow« mit gleich drei Aus­ru­fe­zei­chen.

Schade, dass ich nichts bei­zu­tra­gen habe. Ich stehe wie ein Archäo­loge vor anti­ken Ste­len mit einer ihm gänz­lich unbe­kann­ten Schrift und bin gespannt, was ich hier, als defi­ni­tiv letz­ter Gast im »P=NP«, heute Nacht für Träume haben werde.