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Lomit­tu­mi­nen

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Ich betrete den Kor­ri­dor mit dem Rücken voran. Mit ein wenig Übung ist es gar nicht so schwie­rig, alles rück­wärts zu machen. Die Arthri­tis ist stark zurück­ge­gan­gen, und ich fühle mich um Jahre ver­jüngt. Der Kurs hat nicht zu viel ver­spro­chen.

Zuerst erreichte mich eine Teil­nah­me­be­schei­ni­gung, aus der ich lange nicht schlau wurde. Mir wurde zum erfolg­rei­chen Abschluss eines Kur­ses gra­tu­liert, eines Kur­ses, der, so hieß es da, auf einen Mann zurück­geht, wel­cher fest­ge­stellt habe, dass sich mit Hilfe der Quan­ten­ver­schrän­kung die Zeit zurück­dre­hen lässt – ein wenig zumin­dest. Das erfuhr ich aller­dings erst aus der zehn­ten und »letz­ten« Lek­tion, die eine Woche spä­ter ein­traf. Sie war sehr anspruchs­voll, was das Rück­wärts­le­ben anging, und ich tat mein Bes­tes, mit­zu­hal­ten und das ein­zu­trai­nie­ren, was ich eigent­lich schon neun Lek­tio­nen lang hätte üben sol­len. Rück­wärts lau­fen ist da noch das Ein­fachste.

Wei­tere Lek­tio­nen folg­ten, die stän­dig leich­ter zu bewäl­ti­gen waren. Heute erwarte ich die Erste von ihnen. Und tat­säch­lich, unter dem Brief­schlitz mei­ner Woh­nungs­tür liegt der Brief im flie­der­far­be­nen Umschlag. Natür­lich ist er bereits auf­ge­ris­sen. Ich ent­nehme das Schrei­ben und fange – hin­ten – mit dem Lesen an.

Rück­wärts­spre­chen! Und rück­wärts­den­ken! Bei­des wird hier als Grund­lage für das ganze Trai­ning genannt. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. In den letz­ten Wochen habe ich mich bemüht, rück­wärts zu atmen, rück­wärts zu essen, rück­wärts zu schla­fen und rück­wärts zu träu­men, Filme rück­wärts zu sehen und Musik von hin­ten nach vorne abzu­spie­len. Es dreht sich alles darum, weiß ich inzwi­schen, kleine rück­wärts­ge­rich­tete Quan­ten­fel­der in mei­ner unmit­tel­ba­ren Umge­bung zu erzeu­gen, inner­halb derer sich dann auch Zell­al­te­rungs- und Zer­falls­pro­zesse umkeh­ren kön­nen.

Jetzt also das Spre­chen! Ich hätte selbst dar­auf kom­men kön­nen. Es liegt nahe, denn das Spre­chen und beson­ders das Den­ken sind doch unsere direk­teste Ver­bin­dung mit der Quan­ten­wirk­lich­keit. Den­ken, heißt es im Kurs, ist ein Quan­ten­pro­zess. Aber das alles ist immer noch sehr ver­wir­rend für mich. Wer­den mir jetzt, nach der ers­ten Lek­tion, die – nie gezahl­ten – Kos­ten für den Kurs auf mein Konto gut­ge­schrie­ben? Ich gehe rück­wärts in die Küche, ste­cke dort die Lek­tion in den Umschlag zurück und ver­schließe ihn fein säu­ber­lich mit Kle­be­band. Er sieht nicht ganz per­fekt aus. Doch das gilt für vie­les. Damit muss sich ein Rück­wärts­le­ben­der abfin­den. Diese vor­wärts­pre­schende Welt ist nicht unser Freund, heißt es im Kurs. Er steht übri­gens allen Inter­es­sier­ten offen, weil sein zurück­ge­zo­gen leben­der Autor – angeb­lich schon 130 Jahre alt und bei bes­ter Gesund­heit – erkannt hat, dass es selbst­süch­tig und unmo­ra­lisch wäre, das Geheim­nis für sich zu behal­ten. Jeder soll von die­ser letzt­lich ver­blüf­fend ein­fa­chen Methode, das Altern auf­zu­hal­ten oder sogar umzu­keh­ren, pro­fi­tie­ren kön­nen.

Nun muss ich die Lek­tion wie­der durch den Brief­schlitz schie­ben. Natür­lich mache ich mich wie­der rück­wärts auf den Weg zu mei­ner Woh­nungs­tür und übe dabei in Gedan­ken schon ein­mal die neuste und erste Lek­tion: Kor­ri­dor den betrete ich.

Rod­ir­rok ned eter­teb hci.

 

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