Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Past All Belief

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Ich betrete den Kor­ri­dor gleich hin­ter Albo. Er brummt, ohne sich umzu­dre­hen, einen Abschied und will hin­ter einer der Türen ver­schwin­den. Ich greife sei­nen Arm: »Uwe«, sage ich und weiß eigent­lich gar nicht, was ich sagen will. Er sieht mich fra­gend an. »Das ist eine ziem­lich ver­rückte Welt, in der wir leben«, sage ich und lasse wie­der los.

Albo weiß nichts davon, dass der Seri­en­kil­ler mich kon­tak­tiert hat, dem wir seit Anfang des Jah­res auf der Spur sind – ich bringe es ein­fach nicht übers Herz, es ihm zu erzäh­len. Den­noch spürt er, dass sich bei mir, sei­nem Freund und per­sön­li­chen »Pro­fi­ler«, etwas ver­än­dert hat. Und ver­mut­lich ahnt er auch, dass das heute ver­mut­lich unser letz­tes Zusam­men­tref­fen ist. Natür­lich ging es wie­der um das Täter­pro­fil. Albo hat sich schließ­lich doch dazu durch­ge­run­gen, die Texte des Mör­ders – drei­hun­dert sind inzwi­schen zusam­men­ge­kom­men – Stück für Stück ver­öf­fent­li­chen zu las­sen. Im Inter­net. Viel­leicht gehen, glaubt er, ver­wert­bare Hin­weise ein. Wir haben lange dar­über dis­ku­tiert. Dabei ging es haupt­säch­lich um meine Kor­ri­dor-Texte: Albo wollte unbe­dingt, dass die Morde und ihre Umstände beschrie­ben wer­den, damit sich die Leser ein Bild von der Sache machen kön­nen. Dar­auf­hin gab ich ihm meine Texte zu lesen. Wenigs­tens diese Ehr­lich­keit bin ich ihm schul­dig, dachte ich.

»Du hast dir drei Schreib­ma­schi­nen gekauft?«

Ich zog unwill­kür­lich die Schul­tern ein: »Fünf­zig wäre ein wenig über­trie­ben gewe­sen.«

»Und dann hast du abwech­selnd auf ihnen …?«

»Aber nicht täg­lich!«, unter­brach ich ihn. »Es ging mir darum, mich irgend­wie in seine Psy­che ein­zu­füh­len.«

»Und du hast über uns geschrie­ben?«

»Na ja. Für mich fing alles damit an, dass ich einen Kor­ri­dor betrat, in dem ein Sta­pel Papier lag – mit einem blu­ti­gen Herz drauf, frisch extra­hiert …«

Albo stülpte die Lip­pen vor und schien zu über­le­gen. »Ihr Psy­chofrit­zen seid schon ein komi­sches Völk­chen. Deine Texte jeden­falls könn­ten uns noch nütz­lich wer­den …«

Ich gab sie ihm – ohne die neus­ten natür­lich, die ich über meine Begeg­nung mit dem Mör­der geschrie­ben hatte. Und über des­sen Anruf bei mir. Denn rund drei Wochen nach unse­rem gemein­sa­men Abend­essen in mei­ner Woh­nung rief mich der Mör­der an, »für den Fall, dass du irgend­wel­che Fra­gen oder Zwei­fel hast«. Und ob ich die hatte!

Mein Alter Ego hatte auf alles eine Ant­wort. Nein, ich werde bei der Reise durch Zeit und Raum und wei­tere Dimen­sio­nen nicht im Welt­raum lan­den, weil ich ein, zwei Sekun­den zu spät komme und sich die Erde der­weil wei­ter durchs All gedreht hat: »Es geht dabei nicht um phy­si­sche Koor­di­na­ten, son­dern um psy­chi­sche.« Ich habe von dem Dimen­si­ons­sprung auch keine Wuche­run­gen im Gesicht zu erwar­ten, und ich werde auch nicht nackt inmit­ten einer Men­schen­menge appa­rie­ren. »Ehr­lich gesagt«, meinte er, »bin ich mir nicht hun­dert­pro­zen­tig sicher, ob es über­haupt funk­tio­niert. Falls nicht – dann habe ich es wenigs­tens ver­sucht, du kannst Plu­ra­belle ein­fach wie­der aus dem Käfig las­sen, und fer­tig.«

Ich fragte ihn, ob er mir, statt mich ohne die Mög­lich­keit einer Rück­kehr an den Ziel­ort zu schi­cken, das Par­al­lel­welt­rei­sen nicht bei­brin­gen könne. Seine Stimme am ande­ren Ende der Lei­tung klang ernst: »Nein, und du wür­dest es dir auch nicht wün­schen. Du hast mich gese­hen: Ich bin ein Mons­ter, eine Miss­ge­burt. Nie­man­dem sollte es erlaubt sein, hin­ter die Kulis­sen des Uni­ver­sums zu bli­cken.«

Meine wich­tigste Frage hatte ich mir bis zuletzt auf­ge­spart. Ist es wirk­lich unum­gäng­lich, den jun­gen Mann, der an einem Win­ter­tag einen zuge­fro­re­nen See betritt und ein­bricht – der Mör­der in jun­gen Jah­ren und irgend­wie ja auch mein frü­he­res Ich –, ster­ben zu las­sen? Oder ist das nicht nur ein ver­que­rer sui­zi­da­ler Wahn eines Ver­zwei­fel­ten, der mit der Schuld, die er auf sich gela­den hat, nicht zurande kommt?

Zum ers­ten Mal hörte ich den Mör­der stot­tern. »Es … es ist … Ich habe … Es gibt im Leben offen­bar Schick­sals­mo­mente, aber auch so etwas wie schick­sal­hafte Ent­wick­lun­gen – eine Art Strö­mung, zu stark, als dass du sie auf­hal­ten kannst. Sie reißt dich mit. Du musst schon an die Quelle gehen, und da reicht es nicht, dem Rinn­sal ein ande­res Bett zu gra­ben. Die Quelle selbst muss ver­sie­gen. Andern­falls sucht sich das Schick­sal sei­nen Weg. Ver­stehst du?«

»Das klingt furcht­bar fata­lis­tisch«, sagte ich in den Hörer.

»Nein, eben nicht! Es war ein qual­vol­ler Weg, bis ich end­lich wusste, wo ich jeweils den Hebel anset­zen kann. Und in die­sem Falle möchte ich ein­fach unbe­dingt sicher gehen. Sieh es als die Bitte, die letzte und ein­zige Bitte von jeman­dem, der tod­krank ist und sich von dir Ster­be­hilfe wünscht. Ver­stehst du denn nicht?«

Albo erzählte ich nichts von die­sem Tele­fo­nat. Aller­dings bekam ich einen Schreck, als er mich beim nächs­ten Tref­fen mit den Wor­ten »Jetzt weiß ich Bescheid!« begrüßte. Hatte er mein Tele­fon abhö­ren las­sen? Nein, es ging um meine Kor­ri­dor-Texte.

»Du hältst mich für einen alten Mann, was?«

Ich schüt­telte ver­dat­tert den Kopf.

»Trä­nen­sä­cke, miese Laune, schlecht­sit­zen­der Anzug, wüten­der ver­letz­ter Bär, wie ein Holz­fäl­ler in einer Par­fü­me­rie …«, zitiert er, und seine Augen zie­hen sich zu schma­len Schlit­zen zusam­men.

»Oh, tut mir leid, Uwe, ich wollte nur ein wenig Farbe mit rein­brin­gen.«

»Schon gut, schon gut«, brummt er und klopft mir auf die Schul­ter. »Bin über das Alter drü­ber, wo ich mir Eitel­keit erlau­ben könnte.« Dabei grinst er jun­gen­haft. »Aber wie du die Poli­zei­ar­beit dar­ge­stellt hast … Da scheint’s ja nur mich und dich zu geben. Die Staats­an­walt­schaft hast du mit kei­nem Wort erwähnt, und …«

Ich hake gleich ein: »Das kann ich alles noch ändern. Die Texte waren doch gar nicht für die Ver­öf­fent­li­chung bestimmt.«

»Nee, nee, das ist schon ganz gut so. Das passt per­fekt für die Ver­öf­fent­li­chung. Genau so, wie sie sind. An dir ist ja ein Heft­chen­schrei­ber ver­lo­ren­ge­gan­gen.«

Dar­auf gehe ich nicht ein. An der Tür halte ich ihn noch ein­mal auf: »Eine ziem­lich ver­rückte Welt, in der wir leben«, sage ich.

»Ja, ziem­lich. Hast du auch irgend­was Sub­stan­zi­el­les? Ich hab zu tun, weißt du?«

Ich nicke. Ob sich das auf den ers­ten oder zwei­ten Teil bezieht, lasse ich offen. »Als du mich damals aus dem See gezo­gen und wie­der­be­lebt hast …«

»Wenn’s darum geht: Nein, du küsst nicht gut. Nicht, wenn du bewusst­los bist.«

»Ich war nicht bewusst­los.«

»Was …?«

»Nein, anders. Ich war … Mein Geist war an einem ande­ren Ort.«

»Und hörte die Eng­lein sin­gen?«

»So ähn­lich. Seit­dem habe ich jeden­falls keine Angst vor dem Tod mehr.«

»Gut zu wis­sen«, sagt Albo. Er sieht mich inter­es­siert an.

»Eigent­lich vor gar nichts mehr. Außer …« Fal­ten bil­den sich auf Albos Stirn. Offen­bar hat er keine Ahnung, wor­auf ich hin­aus­will. Ich auch nicht. »Außer viel­leicht, dass ich dich mal ent­täu­schen könnte, Uwe.«

Er bläst Luft aus der Nase und lacht auf, schlägt mir auf die Schul­ter. »Mach dir da mal keine Sor­gen. Mir musst du nichts bewei­sen. Na komm schon, das haben wir doch längst hin­ter uns, oder?«

»Gut«, sage ich, »dann …«

Er hebt die Hand zum Abschied. Ich wende mich um und gehe Rich­tung Aus­gang. Obwohl ich sei­nen leicht ver­wun­der­ten Blick in mei­nem Rücken spüre, wider­stehe ich dem Impuls, mich noch ein letz­tes Mal zu ihm umzu­dre­hen.

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Boo­jums Ever­y­where

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Ich betrete den Kor­ri­dor durch die Ein­stiegs­luke, die mir kei­nen gro­ßen Wider­stand ent­ge­gen­ge­setzt hat, und suche in der Kapi­täns­ka­jüte nach Kar­ten­ma­te­rial. Die Marina bot mir eine große Aus­wahl, und diese Jacht hat genau die rich­tige Größe für mich. Tat­säch­lich: Wie erhofft ent­de­cke ich hier See­kar­ten. Ich schließe die Zün­dung kurz – auch das funk­tio­niert. Mit dem ein­ge­bau­ten GPS sollte ich mein Ziel errei­chen kön­nen, auch ohne jemals zuvor ein Motor­boot gesteu­ert zu haben. Die ent­spre­chen­den Satel­li­ten jeden­falls funk­tio­nie­ren – noch. Bevor ich ablege, bun­kere ich wei­te­ren Schiffs­die­sel und Lebens­mit­tel.

Ich war im Kel­ler, um meine Wasch­ma­schine zu befül­len. Als ich hoch­kam, war es selt­sam still auf der Straße. Ich ging nach­gu­cken. Alle Autos stan­den still, und es saß nie­mand drin. Neben ihnen kleine Hau­fen: ein Paar Schuhe und, fein säu­ber­lich gefal­tet, die Klei­dung. Zuerst konnte ich es nicht begrei­fen. Ich lief wei­ter bis zur Ein­kaufs­pas­sage. Auch hier: keine Men­schen­seele mehr. Alle Bewoh­ner Ham­burgs waren ver­schwun­den und hat­ten nur, fein säu­ber­lich gefal­tet, ihre Klei­dung hin­ter­las­sen.

Am Tele­fon mel­dete sich nie­mand, im Fern­se­hen lie­fen zwar noch eine Zeit­lang Sen­dun­gen, doch es gab keine Nach­rich­ten, auch im Radio nicht. Auch von mei­ner Fami­lie, von den Freun­den waren nur Schuhe und die Klei­dung übrig, säu­ber­lich gefal­tet. Ein­mal ent­deckte ich auf einem der Klei­der­hau­fen eine künst­li­che Hüfte, ein­mal ein Glas­auge.

Wo auch immer sie jetzt sind: Sie haben mich ver­ges­sen. Ich bin der letzte Mensch auf der Erde. Aber glau­ben Sie mir, es macht kei­nen Spaß, schwere Motor­rä­der zu fah­ren, Juwe­len zu tra­gen, teure Spe­zia­li­tä­ten zu fut­tern und in Luxus­sui­ten zu schla­fen – wenn nie­mand sonst mehr da ist. Ich schrie und weinte viel, suchte ver­zwei­felt nach wei­te­ren Übrig­ge­blie­be­nen. Ohne Erfolg.

Der Ver­fall setzte ein. Nach kur­zer Zeit fiel der Strom aus, und ich kam nicht mehr ins Inter­net – da nütz­ten mir dann auch die Bat­te­rien und Akkus nicht mehr, mit denen ich mich fürs Lap­top ein­ge­deckt hatte. Die Zoos fie­len mir ein, und ich über­legte, ob ich die Tiere befreien sollte, die jetzt dem Hun­ger­tod aus­ge­setzt waren. Lei­der gibt es so viele davon, und einen Tiger oder Eis­bä­ren zu befreien könnte sich als gefähr­lich für mich erwei­sen.

Was war gesche­hen? Irgend­eine Macht hatte alle Men­schen ver­schwin­den las­sen – und dazu alle Autos ange­hal­ten. Was war mit den Flug­zeu­gen? Waren auch sie vor­her sanft gelan­det? Zumin­dest fand ich keine Hin­weise auf Abstürze. Wem wäre so etwas zuzu­trauen? Doch nur Außer­ir­di­schen oder Gott. Wer auch immer dahin­ter­steckte: Sie hör­ten mein Rufen nicht. Sie waren nicht mehr da, fort mit denen, die sie, pudel­nackt offen­bar und ohne künst­li­che Ersatz­teile, ent­führt hat­ten. Keine Hor­den fremd­ar­ti­ger Wesen plün­der­ten die Ein­kaufs­zen­tren oder schaff­ten unsere Gold­re­ser­ven in ihren Raum­schif­fen weg.

Oder, wenn es Gott war: War das sein Update der Sint­flut? Das Jüngste Gericht? Wie hatte er mich über­se­hen kön­nen? Oder könnte das alles viel­leicht Vor­se­hung sein, war es ein Neu­an­fang, hatte er einen neuen Adam und eine neue Eva zurück­ge­las­sen?

Aber ich fand nie­man­den. Und nie­mand fand mich. Statt­des­sen wurde mir irgend­wann klar, dass ich in gro­ßer Gefahr war. Ein Fern­seh­sen­der läuft noch eine Zeit­lang wei­ter wie pro­gram­miert. Doch einem Atom­kraft­werk ohne War­tung und Strom droht nach eini­ger Zeit die Kern­schmelze. Wo ste­hen diese Din­ger? Lei­der habe ich ver­passt, mir die Stand­orte im Inter­net anzu­se­hen, als es noch funk­tio­nierte. Ein Gei­ger­zäh­ler wär jetzt nütz­lich, aber wo sucht man nach so einem Gerät? Im Elek­tro­fach­han­del? Nie­mand da, den ich hätte fra­gen kön­nen. Schließ­lich beschloss ich, schnellst­mög­lich das Weite zu suchen. Ein Flug­zeug kann ich nicht flie­gen, eine Motor­jacht zu steu­ern jedoch: Das traue ich mir zu. Hoch­see­tüch­tig soll sie sein, denn ich will raus zu den Azo­ren. Da haben sie keine Atom­kraft­werke (soweit ich weiß zumin­dest), die gro­ßen Land­mas­sen sind weit ent­fernt, und es gibt genü­gend Zivi­li­sa­tion und damit Treib­stoff, Bat­te­rien und vor allem unver­derb­li­che Lebens­mit­tel dort, bis ich etwas ange­pflanzt habe und mich selbst ver­sor­gen kann.

Mir tun die Arme weh vom Schlep­pen der Kanis­ter. Ich habe alles an Bord. Trotz­dem bin ich plötz­lich wie gelähmt, und meine ganze Aktion erscheint mir völ­lig sinn­los. Alles erscheint mir sinn­los.

Als Kind, fällt mir ein, hatte ich auf dem Rück­weg von der Grund­schule manch­mal Angst, ein ver­las­se­nes Zuhause vor­zu­fin­den. Ich saß auf dem Fahr­rad, trat mit vol­ler Kraft in die Pedale und malte mir aus, meine Eltern und Geschwis­ter hät­ten von einem dro­hen­den Vul­kan­aus­bruch erfah­ren und seien geflo­hen, ohne an mich zu den­ken. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die­sen Gedan­ken kam und ob er mir wirk­lich Angst berei­tete oder doch eher einen woh­li­gen Schre­cken, den ich nutzte, um schnel­ler nach Hause zu kom­men – wo natür­lich alles in bes­ter Ord­nung war. Jetzt jeden­falls packt mich eine tiefe exis­ten­zi­elle Angst, und ich habe das Gefühl, ich müsse zer­sprin­gen oder ein gewal­ti­ger Komet müsse ein­schla­gen, der die Erde zer­trüm­mert. Doch nichts pas­siert. Die Wim­pel wehen in der Brise, die Stahl­seile schla­gen an die Metall­mas­ten, das Was­ser glu­ckert ver­gnügt zwi­schen Rumpf und Kai.

Lang­sam komme ich wie­der zu Sin­nen. Ich sitze zusam­men­ge­kau­ert unter dem Steu­er­ru­der und zit­tere am gan­zen Leib. Wenn Gott noch jemand ande­ren ver­ges­sen und zurück­ge­las­sen hat, sollte ich ihm die Chance geben, mich zu fin­den.

Wenig spä­ter bin ich ein letz­tes Mal in der Stadt. Ich steige in ste­hen­ge­blie­bene Autos, bret­tere mit ihnen gna­den­los durch die knie­hohe Hecke auf die Lie­ge­wiese an der Als­ter und parke sie da ohne Rück­sicht auf Blech­schä­den Stoß­stange an Stoß­stange. Ein biss­chen ist es wie beim Auto­scoo­ter auf dem Jahr­markt – nur dass die ande­ren Fahr­zeuge unbe­weg­lich und leichte Ziele für mich sind, wäh­rend ich sie in Form gro­ßer Buch­sta­ben anordne. Die Frei­flä­che reicht nicht ganz aus, und den letz­ten Buch­sta­ben des Wor­tes kann ich nur noch andeu­ten. »Azo­ren« buch­sta­bie­ren die ver­keil­ten Autos jetzt. So ist mein Ziel auch von einem Flug­zeug aus zu erken­nen – für den Fall, dass es doch einen Adam geben sollte, der auf der Suche nach sei­ner Eva ist …

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My Jungle is My Castle

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die hutz­lige Inde­rin mit dem freund­li­chen, zahn­lo­sen Lachen winkt mich wei­ter. Ich betrete einen Raum mit Lehm­bo­den, in dem ein Hocker vor einer der Fens­ter­öff­nun­gen steht. Auf einer Art Nacht­tisch steht ein Gane­sha, lan­des­ty­pisch mit Farbe bekle­ckert und von Blü­ten­blät­tern über­gos­sen. Die Zika­den im Dschun­gel, der gleich hin­ter dem ver­fal­le­nen Tem­pel beginnt, lär­men fast ohren­be­täu­bend. Ich setze mich und warte.

Nach eini­ger Zeit bringt mir die Alte einen Tee. Er sieht nicht aus, als würde er west­li­chen Hygie­ne­an­sprü­chen genü­gen. Als die Frau wie­der gegan­gen ist, schütte ich ihn weg. Ich bin wegen der Palm­blät­ter hier, nicht um Tee zu trin­ken.

Ein jun­ger Inder erscheint. Er trägt ein Zie­gen­bärt­chen und Pfer­de­schwanz, das offene Hawaii­hemd bringt seine haar­lose und scho­ko­la­den­braune Brust bes­tens zur Gel­tung. Er grinst mich unver­schämt an und klappt ein Lap­top auf. Ich muss noch ein­mal mei­nen Namen und mein Geburts­da­tum nen­nen. Er tippt bei­des ein, lässt mich jedoch nicht auf sei­nen Moni­tor gucken. Er hat schöne Hände mit schlan­ken bering­ten Fin­gern, aber offen­bar eine Ver­let­zung oder Ent­zün­dung am Nagel­bett des lin­ken Zei­ge­fin­gers.

Sein Eng­lisch ist halb­wegs ver­ständ­lich. Anschei­nend fin­det er das Palm­blatt für mich. »I got you«, sagt er. Die Pro­phe­zei­un­gen sind Jahr­hun­derte alt und muss­ten bis dato mehr­fach kopiert wer­den, da das orga­ni­sche Mate­rial, auf denen sie geschrie­ben ste­hen, mit der Zeit weg­fault. Es heißt, es seien hier die Lebens­ge­schich­ten all jener Men­schen ver­zeich­net, die her­kom­men und nach ihrem Blatt fra­gen. Ich habe acht­zig Dol­lar gezahlt, um zu erfah­ren, was die uralten Manu­skripte über mich wis­sen.

Sie sind in Pali ver­fasst, einer nicht mehr gebräuch­li­chen Schrift, und eigent­lich kön­nen sie nur geschulte Brah­ma­nen lesen. Dass hier das Com­pu­ter­zeit­al­ter Ein­gang gefun­den hat, über­rascht mich.

Der Halb­starke grinst. Sein schwar­zes Haar ist ölig, und irgend­wie kommt mir auch sein gan­zes Auf­tre­ten so vor. Wenigs­tens hat er bis­her noch nicht – wie es bei Indern zum guten Ton zu gehö­ren scheint – sei­nen Rotz hoch­ge­zo­gen und vor sich auf den Boden gespuckt. »I got your whole story here«, sagt er. Dann wird sein Grin­sen noch brei­ter: »Spoi­ler alert!« Den Witz macht er bestimmt jedes Mal.

Mir ist nicht nach Lachen zumute. In den alten Hand­schrif­ten soll auch das jewei­lige Todes­da­tum ver­zeich­net sein. Der »Spoi­ler alert«, in Beschrei­bun­gen von Fil­men oder Spie­len eine War­nung davor, dass hier über­ra­schende Wen­dun­gen und Ent­wick­lun­gen ver­ra­ten wer­den, ist also durch­aus ange­bracht.

Der junge Inder zieht einen alters­schwa­chen Cas­set­ten­re­cor­der vom unte­ren Bord des Gane­sha-Altars her­vor – so viel zum Com­pu­ter­zeit­al­ter in Indien. Er war­tet erst mein Nicken ab, bevor er auf die Auf­nahme-Taste drückt. Dann liest er von sei­nem Moni­tor meine bis­he­rige Lebens­ge­schichte ab. Die beschrie­be­nen Ereig­nisse sind nicht sehr spe­zi­fisch, und wenig über­ra­schend wird dann meine große Indi­en­reise erwähnt.

Da lerne ich, heißt es, eine Frau ken­nen, Indraea, eine Inde­rin, die ich bald dar­auf hei­rate. Sie bekommt Zwil­linge, und ich mache in Köln ein Restau­rant auf, ein indi­sches Restau­rant. Viele Jahre spä­ter werde ich bei einer Aus­ein­an­der­set­zung um Schutz­gel­der für mein Restau­rant ver­prü­gelt und falle in ein Koma, aus dem ich – ein genauer Ster­be­tag wird nicht genannt – nicht mehr erwa­che.

Damit endet der Bericht.

Der Inder drückt auf die Stopp­taste des Recor­ders, lässt die Cas­sette her­aus­sprin­gen und über­reicht sie mir. Ich nehme sie nicht an.

»Hör mal, Jung­chen«, sage ich, natür­lich auf Eng­lisch, »ich bin schwul und mache mir nichts aus Frauen, und aus Inde­rin­nen schon gar nicht. Außer­dem arbeite ich erfolg­reich als Case Mana­ger in einem gro­ßen deut­schen Kran­ken­haus und werde den Teu­fel tun und ein Restau­rant auf­ma­chen! Das ist doch alles bull­shit.«

Plötz­lich ver­steht der Kerl kein Eng­lisch mehr. »No, no«, beschwich­tigt er mich, »it’s all true, all true. Never fail. Will be happy life for you. You will see, happy life.« Er legt mir die Cas­sette in den Schoß. Dann klappt er sein Lap­top zu und ver­schwin­det.

Irgend­wie komme ich mir ver­arscht vor. Das war doch reine Abzo­cke. Wäre ich hier in einem Rechts­staat, würde ich die­sen Palm­blatt-Filou und seine Oma vor Gericht zer­ren und ihnen gründ­lich das Hand­werk legen.

Die zahn­lose Alte kommt, um mich abzu­ho­len und nach drau­ßen zu brin­gen. Sie nimmt mir die Cas­sette aus dem Schoß, hält sie hoch, schüt­telt sie ein wenig, hält sie ans Ohr und mimt dann gro­ßes Erstau­nen: »Ah! Oh! Happy life!« Ver­mut­lich die ein­zi­gen Worte, die sie auf Eng­lisch beherrscht. Sie reicht mir die Cas­sette zurück, legt die Hände vor ihrer Brust zusam­men, ver­neigt sich vor mir und zieht mich dann, mäd­chen­haft kichernd, an einer Hand aus dem Raum zurück in den Kor­ri­dor, einem Bret­ter­ver­hau, der in den Ein­gangs­be­reich führt.

Hier war­tet inzwi­schen ein wei­te­rer Besu­cher, offen­bar eben­falls Deut­scher. Sein T‑Shirt ist durch­ge­schwitzt, mit einem Taschen­tuch tupft er sich den Schweiß von der Stirn. Er sieht furcht­bar ner­vös aus. Ich grinse ihn an, hole die Cas­sette her­vor, schüttle sie, imi­tiere ein indi­sches »Happy life, happy life for you!« und rei­che sie ihm. Ver­dat­tert sieht der Mann mir nach.

Die­ses Schick­sal kann ich nicht akzep­tie­ren. Es gibt noch wei­tere Palm­blatt­bi­blio­the­ken im Land, die aus­län­di­schen Besu­chern das Geld aus der Tasche zie­hen. Ich besteige mein Miet-Motor­rad. Es muss etwas Bes­se­res für mich bestimmt sein.

 

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Beach Scene

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Ich betrete den Kor­ri­dor, den jemand akku­rat in den Sand gezeich­net hat. Zwar hatte ich eigent­lich den Plan, mich an die­ser ein­sa­men Bucht auf mein Hand­tuch zu legen und mir ein­fach nur die Sonne auf den Bauch schei­nen zu las­sen, doch das Strand-Graf­fito macht mich neu­gie­rig: Eine Tür führt in den Kor­ri­dor – die Linien im Sand bil­den einen sau­ber aus­ge­führ­ten Grund­riss im Maß­stab eins zu eins. Offen­bar bin ich nicht der ein­zige Archi­tekt oder Bau­zeich­ner, der hier Urlaub macht.

Nach rechts zum Was­ser hin gibt es Fens­ter, frisch in den Sand geritzt; Fuß­spu­ren kann ich zwi­schen den Sym­bo­len nicht ent­de­cken. Die Wände bestehen – wie die durch­ge­hende Schraf­fur zeigt – aus Mau­er­werk, ich komme an einer Ses­sel­gruppe vor­über. Eine Gar­de­robe ist ein­ge­zeich­net, wenn auch nicht ganz DIN-gerecht, dann ein Sofa zwi­schen den Fens­tern, neben dem, wenn ich das Sym­bol rich­tig deute, eigen­ar­ti­ger­weise eine Wasch­ma­schine steht. Hier schwap­pen gerade die aus­lau­fen­den Wel­len über die Zeich­nung: Die­ser Kor­ri­dor ist ein­deu­tig nicht für die Ewig­keit gebaut.

Ich komme zu einem Auf­zug, des­sen Türen ein­la­dend offen ste­hen, und kann der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen: Ich trete hin­ein. Das hätte ich bes­ser nicht getan! Der Sand unter mir gibt nach, der Auf­prall raubt mir die Sinne.

Als ich zu mir komme, ist mir sofort klar, dass es eine Falle ist. Der Sand lag auf einer Schicht Pal­men­blät­ter, die unter mir sofort nach­ge­ge­ben haben. Die Grube ist tief, und es würde mich Stun­den kos­ten, mich hier wie­der her­aus­zu­gra­ben. Schon höre ich die Trom­meln der Kan­ni­ba­len. Sie kom­men näher. ›Fall­grube‹, denke ich, ›dafür gibt es gar kein DIN-Sym­bol.‹ Hätte ich nur den War­nun­gen im Rei­se­füh­rer Glau­ben geschenkt, dass ihre Jagd­me­tho­den immer aus­ge­fuchs­ter wer­den …

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The Blue Hour­glass

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Ich betrete den Kor­ri­dor, seit vie­len Jah­ren schon ein Ritual, das ich lieb­ge­won­nen habe. Als ich damals als jun­ger Mann, vor über fünf­zig Jah­ren, in den Plat­ten­bau zog, machte am glei­chen Tag auch ein ande­rer jun­ger Mann den Umzug hier­her. Wir waren uns von Anfang an suspekt: Stän­dig lud er unter­schied­li­che junge Frauen zu sich ein, und es dröhnte bei ihm oft laute West­mu­sik. Ich hoffte ins­ge­heim, irgend­je­mand hier bei uns in der Platte schwärzt ihn an, aber es ist nie etwas pas­siert.

In meine Woh­nung lud ich, und da war ich eigent­lich schon kein jun­ger Mann mehr, nur eine ein­zige Frau ein, und das war dann auch gleich die, die ich hei­ra­tete und die wenig spä­ter zu mir zog. Eine grö­ßere Woh­nung hät­ten wir wohl nur bekom­men, wenn wir Kin­der in die Welt gesetzt hät­ten, aber wir hat­ten ja unsere Dat­sche an der Bahn­trasse.

Bei mei­nem Nach­barn den Flur run­ter zog nie­mand ein, und er hatte auch keine Dat­sche, son­dern ein Motor­rad. Er ließ sich einen Bart ste­hen und lange Haare, um die er irgend­wann ein Gummi drum­bin­den musste. Die Frauen, die er zu sich holte, wur­den jün­ger und blie­ben oft nicht mal bis zum Mor­gen. Die Jahre zogen ins Land. Die Mauer fiel. Jetzt dröhnte über­all West­mu­sik. Viele zogen weg. Ich und mein Nach­bar vom Ende des Flurs – wir hiel­ten die Stel­lung.

Als meine Frau starb, blieb mir unser Kana­ri­en­vo­gel und die Dat­sche. Ich bean­tragte Früh­rente und bekam dann wenig spä­ter tat­säch­lich den Bescheid.

Das war an dem Tag, an dem sie die Platte gegen­über spreng­ten. Jetzt konnte man von den Fens­tern im Woh­nungs­flur aus die Sonne unter­ge­hen sehen. Ich hatte mir immer schon irgend­was Bes­se­res als das Fern­seh­pro­gramm gewünscht. Jetzt stellte ich mich Abend für Abend an eines der Fens­ter im Kor­ri­dor, sah der Sonne zu, wie sie hin­ter die Bäume sank, und blickte auf den Ver­kehr run­ter und auf die Pas­san­ten.

Und er, der Kerl vom Ende des Flurs, immer noch mit Bart und Pfer­de­schwanz, wenn auch inzwi­schen grau, stellte sich eines Tages zu mir. Zuerst stan­den wir schwei­gend da und sahen, jeder für sich, der Sonne zu, wie sie unmerk­lich tie­fer rutschte. Dann räus­perte er sich und sagte: »Ich erin­nere mich, dass …«, wor­auf er begann, etwas aus der Zeit damals zu erzäh­len, als wir noch jung waren und Bür­ger der DDR. Ich sagte nichts dazu. Wir schwie­gen wie­der, bis die Sonne end­gül­tig unter­ge­gan­gen war, und gin­gen zurück in unsere Woh­nun­gen.

Am nächs­ten Abend hatte er zwei Bier­fla­schen dabei. Eine gab er mir. Wir pros­te­ten uns nicht zu, son­dern tran­ken schwei­gend. Der Him­mel war bewölkt. Ich sagte nach einer Weile: »Also ich erin­nere mich daran, dass …« und erzählte von einer Urlaubs­reise nach Ungarn mit mei­ner Frau vor vie­len, vie­len Jah­ren. Er hörte schwei­gend zu und – das sah ich als Bewe­gung in der Fens­ter­spie­ge­lung – nickte manch­mal.

Seit­dem stan­den wir jeden Abend dort und erzähl­ten uns abwech­selnd eine Erin­ne­rung aus unse­rem Leben. Oft waren es ganz banale Dinge. Aber es tat gut, sie jeman­dem erzäh­len zu kön­nen.

Bis ges­tern.

Ges­tern war alles anders. Mein Nach­bar war an der Reihe mit sei­ner Geschichte, doch er stand lange schwei­gend da. Seine Bier­fla­sche war schon fast leer, als er end­lich etwas sagte.

»Ich habe einen Sohn. Er hat mir einen Platz in einem Alten­heim besorgt. Ich habe ein wenig Angst, aber alle sagen, es sei das Beste so.«

Ein Sohn? Das wusste ich nicht, davon hatte er nie erzählt. Ich sah ihn an. Sonst schau­ten wir immer nur raus in den Him­mel und auf die Straße, und ich hatte ihn noch nie ein­ge­hend betrach­tet. Er war fal­tig und dürr gewor­den, mit Fle­cken auf den Hän­den, dem Hals und im Gesicht. Ich sah gleich wie­der aus dem Fens­ter, denn ver­mut­lich war es mit mir genauso. Fal­tig und dürr.

»Gleich mor­gen früh ist der Umzug«, sagte er. Und: »Ich hoffe, da gibt es auch so ein Fens­ter. Und so jeman­den wie dich.«

Wir duzen uns also, dachte ich. Hatte ich noch nie drü­ber nach­ge­dacht. Aber warum eigent­lich nicht?

Als er ging, sah ich ihm nach, bis er seine Woh­nungs­tür erreicht hatte. Er blickte zu mir. Ich nickte ihm zu, und er nickte zurück, bevor er hin­ter sei­ner Woh­nungs­tür ver­schwand.

Heute stehe nur ich vor dem Fens­ter. Graue Wol­ken ver­de­cken die Sonne, aber ich weiß, dass sie trotz­dem unter­geht. Ich stelle mir vor, er stünde neben mir. »Ich erin­nere mich noch, als …«, fange ich an. Dann sto­cke ich. Ist das nicht der Anfang geis­ti­ger Ver­wir­rung? Aber was soll’s. Ich bin alt genug, um Selbst­ge­sprä­che zu füh­ren. Was schert mich, was andere von mir den­ken!

»Ich erin­nere mich …«, sage ich und erzähle mir von mei­nem Leben. Es ist ein lieb­ge­won­ne­nes Ritual. Nur der graue, fle­ckige Him­mel hört zu.

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Ich betrete den Kor­ri­dor. End­lich! Es hat an der Haus­tür geklin­gelt. Das wird er sein. Schon seit Stun­den bin ich unru­hig, gehe im Wohn­zim­mer auf und ab. Rei­se­angst. Heute ist der Tag: Ich werde in eine andere Welt rei­sen. Immer wie­der zer­mar­tere ich mir das Hirn: Wie konnte ich mich nur auf die­sen Irr­sinn ein­las­sen? Aber jetzt ist es zu spät.

Ich öffne. Der Mör­der steht da. Er trägt Er trägt einen grauen Hoo­die – die Kapuze ver­deckt ein wenig die Fleisch­wu­che­run­gen in sei­nem Gesicht. Er zieht sie her­un­ter und tritt zu mir her­ein.

»Konn­test du dich ver­ab­schie­den?«

Ich ant­worte nicht dar­auf. Was soll ich schon sagen?

Wir gehen ins Wohn­zim­mer. Plu­ra­belle habe ich bereits in den Trans­port­kä­fig gesteckt. Anfangs miaute sie pro­tes­tie­rend, aber inzwi­schen hat sie sich mit der unge­wohn­ten Situa­tion abge­fun­den und es sich bequem gemacht.

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie dank­bar ich dir bin.«

»Keine Texte?«, frage ich kurz ange­bun­den. »Keine Maschine?«

Er zieht etwas aus der Tasche, das wie ein klei­nes Touch­pad aus­sieht. »Die Texte«, sagt er, »habe ich direkt an Albo geschickt. Und die Maschine, von der du sprichst, ist hier drin.« Er zeigt auf mei­nen Kopf. »Kön­nen wir?«

»Und es besteht wirk­lich kei­ner­lei Gefahr? Für mich, für Plu­ra­belle – und für den Spi­ral­arm der Milch­straße, in der sich unser Son­nen­sys­tem befin­det?«

Er lacht kurz auf. »Nein«, sagt er, »das Schlimmste, was pas­sie­ren kann, ist, dass nichts pas­siert. Hier.« Er schal­tet das Dis­play ein und zeigt es mir. Ich sehe einen lan­gen Schacht, in dem tief unten ein Licht wabert. Nein, jetzt erkenne ich es, wie könnte es auch anders sein: ein Kor­ri­dor! Er wabert, bläht sich auf und ver­jüngt sich wie­der – das Bild auf dem Dis­play ist ani­miert. Das Ganze erin­nert mich an die Peris­tal­tik eines Darms, und an sei­nem Ende zuckt der Kor­ri­dor leicht, ähn­lich wie die Schwanz­spitze einer Katze auf der Jagd. »Sieh’s dir gut an.«

»Kann ich das mit­neh­men?« Irgend­wie habe ich immer noch die schwa­che Hoff­nung, zurück­keh­ren zu kön­nen, wenn ich mei­nen Auf­trag erfüllt habe. Könnte das hier mein Ticket dafür sein?

»Das allein würde dir nichts nüt­zen. Ich muss dich schub­sen. Fer­tig? Siehst du ihn vor dir?« Er meint den pul­sie­ren­den Kor­ri­dor. Ich nicke und nehme den Griff des Trans­port­kä­figs fest in die Hand.

»Denke an den Über­gang und sieh mir in die Augen.«

Doch in die­sem Moment zucken wir beide zusam­men, weil es im Woh­nungs­flur einen lau­ten Knall gibt, gefolgt von einem Pol­tern. Fast hätte ich vor Schreck Plu­ra­belle fal­len las­sen. Ich setze sie ab. Der Mör­der fasst sich schnel­ler wie­der als ich und zieht eine Pis­tole aus der Jacken­ta­sche, die er auf mich rich­tet. Schon ist der Raum vol­ler Uni­for­mier­ter mit gezo­ge­nen Waf­fen.

»Fal­len las­sen!«, bellt Albo mei­nen Besu­cher an. Fünf, sechs Dienst­waf­fen zie­len auf ihn. Er zögert kurz, lässt dann aber seine Pis­tole fal­len und schiebt sie mit dem Fuß in Rich­tung des Kom­mis­sars. Ein Beam­ter dreht ihm die Hände auf den Rücken und legt ihm Hand­schel­len an. »Ist das Lepra?«, fragt er ange­wi­dert und viel­leicht auch mit der Sorge, er könne sich anste­cken.

»Ich komme aus der Zukunft, und das ist da der­zeit Mode«, ant­wor­tet der Mör­der. Er grinst – zumin­dest rechts.

Albo bleibt völ­lig unge­rührt. »Ich ver­hafte Sie wegen Ein­bruchs, Land­frie­dens­bruchs und Mord in min­des­tens drei Fäl­len.« Mit einer Kopf­be­we­gung lässt er mein Alter Ego abfüh­ren. Dann wen­det er sich mir zu, bedenkt den Trans­port­kä­fig in mei­ner Hand mit einem Stirn­run­zeln. »Was machst du nur für Sachen?«

Meine Gedan­ken rasen. Was weiß Albo? Hat er unsere Gesprä­che abhö­ren las­sen?

»Oder willst du als blu­ti­ges Herz auf einem Sta­pel lite­ra­risch frag­wür­di­ger Texte enden?« Ich schüttle den Kopf. »Er ist es, oder? Wir haben ihn end­lich erwischt!«

»Und was jetzt?«, frage ich.

»Wir ver­hö­ren den Kerl. Oder hat er dir irgend­was erzählt?«

Also weiß er von nichts. Da mein Alter Ego geis­tes­ge­gen­wär­tig seine Pis­tole auf mich rich­tete, muss Albo anneh­men, ich sei bedroht wor­den.

Immer wie­der hatte ich über­legt, ob ich den Mör­der aus­lie­fere. Er will bestraft wer­den für seine Taten? Kein Pro­blem. Albo wird ihn in die Man­gel neh­men, die Gerichte wer­den ihn für geis­tes­ge­stört erklä­ren und für den Rest sei­nes Lebens hin­ter Git­ter brin­gen. Aber jetzt, mit genau die­sen Aus­sich­ten, weiß ich, dass das nicht das Ende der Geschichte sein kann.

»Wie …?« Meine Hand­be­we­gung umfasst Albo und alles, was gerade hier in mei­nem Wohn­zim­mer pas­siert ist.

»Ich habe eine Über­wa­chungs­ka­mera im Trep­pen­flur vor dei­ner Woh­nung instal­lie­ren las­sen, mit Funk­über­tra­gung.« Ich ver­zichte dar­auf, nach­zu­fra­gen, ob das legal ist.

»Kommst du mit?«, fragt mich Albo.

Den Man­tel habe ich ja bereits an. Albo bemerkt stirn­run­zelnd, dass ich den Käfig mit Plu­ra­belle mit­nehme, sagt aber nichts dazu.

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Under Sur­veil­lance

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier ist die Luft nicht ganz so sti­ckig. Stunde um Stunde haben Albo und seine Kol­le­gen den Mör­der ins Kreuz­feuer genom­men. Ohne Ergeb­nis. Sie erfah­ren nichts. Nichts über die Morde, die Schreib­ma­schi­nen, die Her­zen, die iden­ti­sche DNA, nichts dar­über, was das alles mit mir zu tun hat, und auch nichts über die ver­stö­ren­den Fotos. Auf den schwarz­wei­ßen Über­wa­chungs­mo­ni­to­ren sieht das end­lose Ver­hör aus wie ein Hor­ror­film aus Stumm­film­zei­ten – mit dem eigent­li­chen Hor­ror, dass der Ver­haf­tete völ­lig ruhig bleibt und die Situa­tion sogar nicht ganz unko­misch zu fin­den scheint.

Albo und ich haben lange über den sicher­ge­stell­ten digi­ta­len Bil­der­rah­men dis­ku­tiert, auf dem mir der Mör­der die Film­ani­ma­tion des peris­tal­ti­schen Wel­ten­wech­sel­kor­ri­dors gezeigt hatte. Im Spei­cher fand sich nicht nur das kleine Film­chen: Albo war ziem­lich kon­ster­niert, als er eine ganze Reihe von Fotos auf das Dis­play holte, die uns eigen­tüm­lich bekannt vor­ka­men.

Ein Raum, der das Innere einer Berg­hütte aus dicken Holz­boh­len sein könnte. Er ist vol­ler unter­schied­li­cher Schreib­ma­schi­nen, die sich teil­weise an den Wän­den sta­peln. Ich muss nicht erst zäh­len, um zu wis­sen, dass es fünf­zig sind.

Ein Dop­pel­de­cker­bus auf einem Schrott­platz. Meh­rere Fotos zei­gen ein teil­weise aus­ge­schlach­te­tes Wrack, in das jemand anstelle der Fahr­gast­sitze Schlaf­ko­jen ein­ge­baut hatte. Jetzt ist es nur noch Schrott.

Ein Mann mit asia­ti­schen Gesichts­zü­gen steht in der Tür sei­nes Haus­boots und winkt lächelnd in die Kamera. Norbu?

Mathe­ma­ti­sche For­meln in Form von Filz­stift-Graf­fiti, die sämt­li­che Wände eines Hotel­zim­mers bede­cken.

Ein abfo­to­gra­fier­ter Zei­tungs­ar­ti­kel mit der Über­schrift »Unbe­kann­ter macht Kir­che zum Clown« und einem Foto von einem Kirch­turm, der mit einer rie­sen­gro­ßen Plas­tik­nase ver­un­stal­tet ist.

Der Blick in einen Woh­nungs­flur mit unzäh­li­gen Kar­teik­ärt­chen an Wän­den, Decke und Boden – mit bun­ten Schnü­ren unter­ein­an­der ver­bun­den. Seit­lich erkennt man einen Holz­kas­ten mit Knöp­fen und Anzei­gen.

Albo ver­steifte sich sofort dar­auf, dass das alles Fäl­schun­gen sein müs­sen: »Er hat offen­bar ver­sucht, sich seine kranke Welt am Com­pu­ter nach­zu­bauen. Ich lass das sofort von unse­ren Exper­ten über­prü­fen.«

Ich fürchte, die Exper­ten wer­den keine Hin­weise auf Mani­pu­la­tio­nen fin­den. Und genauso wenig wird Albo jemals her­aus­be­kom­men, wo und wie diese Fotos ent­stan­den sind: Sie sind buch­stäb­lich nicht von die­ser Welt.

Plu­ra­bel­les Käfig habe ich in den Gang vor das Ver­hör­zim­mer gestellt. Jetzt, als sie meine Anwe­sen­heit spürt, beginnt sie sofort, for­dernd zu miauen. Ich öffne eine Dose Kat­zen­fut­ter – Rei­se­pro­vi­ant für sie im klei­nen Stau­fach unter der Plas­tik­ver­scha­lung. Das Miauen wird von lust­vol­len Fress­ge­räu­schen abge­löst.

Albo kommt aus dem Ver­hör­raum. »Harte Nuss, der Kerl«, sagt er, »hab nicht übel Lust, zu här­te­ren Metho­den zu grei­fen.«

»Soll ich mal über­neh­men?«

Albo schürzt die Lip­pen und sieht mich abschät­zig an. Dann nickt er lang­sam. »Wär einen Ver­such wert, ja.«

Ich greife zum Trans­port­kä­fig.

»Äh …«, setzt Albo an, doch ich habe mir schon etwas zurecht­ge­legt: »Psy­cho­lo­gie«, sage ich mit Blick auf Plu­ra­belle.

»Okay«, sagt Albo, »aber lass dich zu nichts hin­rei­ßen.«

Der Mör­der sitzt in Hand­schel­len hin­ter dem Tisch, die Beine über­ein­an­der­ge­schla­gen. »Die Fotos«, sagt er unauf­ge­for­dert, »waren wei­tere Beweise für dich, falls das nötig gewe­sen wäre.«

War es nicht. Ich setze mich ihm gegen­über und lasse die Hand nicht vom Käfig­griff. »Und was jetzt?«

»Ich dachte, ich gehe zur Abwechs­lung mal wie jeder nor­male Mensch die Treppe hoch und klingle bei dir. War ein Feh­ler.«

»Und all das andere? Die Morde? Kann das auch ein Feh­ler gewe­sen sein?«

Seine zer­störte Gesichts­hälfte leuch­tet signal­rot. Er presst die Lip­pen auf­ein­an­der. »Es tut höl­lisch weh«, hat er mal gesagt, aber auch ohne Schmer­zen sollte nie­mand so gestraft wer­den. Ganz gleich, was er auch getan hat.

Er ringt um Worte. Die Ant­wort fällt ihm schwer: »Ich hätte das alles gerne in Ruhe mit dir dis­ku­tiert. Aber …« Er spricht den Satz nicht zuende. Wir schwei­gen.

»Hast du es noch vor Augen?«, fragt er nach einer Weile. Er meint sein Film­chen mit der pul­sie­ren­den Peris­tal­tik. Ich nicke. »Albo wird irgend­wann klar wer­den«, sagt er, »dass das kein Zufall war.« Er deu­tet auf den Kat­zen­kä­fig.

Ich beuge mich vor zu ihm. »Was ist mit dir?«

»Ich hab nur auf dich gewar­tet.«

»Aber Albo …« Ich ertappe mich dabei, dass ich mir Sor­gen mache, wie mein alter Freund mit all­dem zurecht­kom­men wird. Natür­lich weiß ich, dass er jedes Wort mit­hört. Und ver­mut­lich wird er sich die Video­auf­zeich­nung davon noch oft anse­hen, wie­der und wie­der.

Denn ich habe mich ent­schie­den. Ich bli­cke dem Mör­der in die Augen und denke inten­siv an das peris­tal­ti­sche Zucken des Gangs, an des­sen Ende ein Licht strahlt. Ein Ruck geht durch mei­nen Kör­per. Irgend­wie hat er mich, nicht kör­per­lich natür­lich, geschubst. Es ist wie bei mei­nem Nah­tod­e­s­er­leb­nis, als ich ins Eis ein­brach und ertrank: Ich befinde mich plötz­lich über mei­nem Kör­per, sehe mich selbst, den Trans­port­kä­fig in der Hand, dem Mör­der gegen­über­sit­zen. Dann treibe ich ab, gelange in den Neben­raum, schwebe über Albo und sei­nen Kol­le­gen. Ein hel­ler Glanz ist neben mir, ein strah­len­des Wesen. Ein Engel? Bin ich tot? Es herrscht auf ein­mal große Auf­re­gung im Zim­mer.

»Wo zum Teu­fel ist er hin?«, brüllt Albo irri­tiert und vol­ler Zorn. Er stürmt aus dem Raum. Ich ver­su­che, auf den Moni­tor zu sehen, weiß aber schon, dass der Mör­der jetzt allein im Ver­hör­zim­mer sitzt. Oder eben­falls fort ist. Der Glanz an mei­ner Seite zieht mich sanft wei­ter. Plötz­lich weiß ich, wer das ist. Zwi­schen den Wel­ten, zwi­schen Zeit und Raum, ver­lie­ren wir offen­bar die gewohnte Gestalt. Es ist meine Katze! Alles glit­zert, als wür­den, wie Heer­scha­ren von Pflan­zen­sa­men in einem Som­mer­wind, win­zige Kris­talle durch die Luft wehen. Plu­ra­belle und ich haben uns auf die Reise bege­ben.

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In preda al ter­rore (Exc)

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Ich betrete den Kor­ri­dor und mache es wie damals, als ich – mor­gens kurz nach Öff­nung der Museen – mit schnel­len Schrit­ten die Gale­rien ent­lang­lief, um die Six­ti­ni­sche Kapelle vor dem gro­ßen Besu­cher­an­sturm erle­ben zu kön­nen. Dies­mal eile ich mit schnel­len Klicks voran – Goo­gles Art Pro­ject sei Dank. Der knapp drei­hun­dert Meter lange Kor­ri­dor, der zu den berühm­ten Michel­an­gelo-Fres­ken führt, ist selbst über­aus präch­tig aus­ge­stat­tet. Doch für die bemal­ten Schränke, die Säu­len­bö­gen und die Fres­ken an den Gewöl­be­de­cken habe ich erst ein­mal keine Zeit.

Sonst sind die Museen, die die Google-Kamera durch­fah­ren hat, men­schen­leer. Hier bewege ich mich, viel­leicht aus Copy­right-Grün­den, inmit­ten des Besu­cher­stroms. Ich hoffe, schnell genug zu sein. Trotz­dem: Als ich in die Six­ti­ni­sche Kapelle gelange, ist sie bereits mit Hun­der­ten von Men­schen gefüllt, die gro­ßen­teils offe­nen Mun­des an die Decke star­ren. Immer wie­der müs­sen – zusätz­lich zu den regel­mä­ßi­gen Laut­spre­cher­durch­sa­gen – die Wach­män­ner in die Hände klat­schen und die Besu­cher zur Ruhe gemah­nen. Das Foto­gra­fie­ren ist ver­bo­ten, aber hier beim Google Art Pro­ject sind es ja eh Fotos. Was aller­dings viele der Besu­cher – die, viele Ita­lie­ner dar­un­ter, nicht etwa sprach­los vor Stau­nen sind, son­dern gerade jetzt furcht­bar wich­tige Fami­li­en­ge­sprä­che und Dis­kus­sio­nen mit Freun­den füh­ren müs­sen – nicht vom Fil­men und Foto­gra­fie­ren mit Han­dy­ka­me­ras, Touch­pads und selbst einer Lomo mit Vier­fach­op­tik abhält.

Das ist mir ent­schie­den zu viel Tru­bel hier! Ein klein wenig ent­täuscht ziehe ich mich in die lan­gen Muse­ums­kor­ri­dore zurück. Hier herrscht keine Bahn­hofs­at­mo­sphäre, und auch hier gibt es – in einer beein­dru­cken­den Archi­tek­tur – bemer­kens­werte Kunst­werke zu ent­de­cken. Ich ver­liere mich in der Gal­le­ria Lapi­da­ria mit ihren stei­ner­nen Zeug­nis­sen, der umwer­fen­den Gal­le­ria dei Can­de­labri und der über­bor­den­den Gal­le­ria degli Arazi. Mit dem dop­pel­stö­cki­gen Kor­ri­dor auf dem Hin­weg zur Kapelle und dem Par­al­lel­kor­ri­dor addiert sich das zu fast einem Kilo­me­ter Fuß­weg zwi­schen ein­zig­ar­ti­gen Kunst­wer­ken hin­durch.

Meine Betrach­tun­gen wer­den unter­bro­chen, als mich ein Wäch­ter anspricht und unsanft in die Wirk­lich­keit zurück­holt: »Il museo è chi­uso.« Ich reiße mich von einem der fan­ta­sie­reich und detail­liert aus­ge­mal­ten, über­di­men­sio­na­len Kar­ten­ge­mälde in der Gal­le­ria della Carte Geo­gra­fi­che los. Schon? Mein Magen signa­li­siert mir, dass ich mich in den vati­ka­ni­schen pass­aggi und cor­ri­doi tat­säch­lich schon seit vie­len Stun­den auf­hal­ten muss.

Das ist das Pro­blem mit dem Inter­net: Man ver­liert jeden Sinn für die Zeit, die ver­geht, wäh­rend man stau­nend wei­ter­klickt und wei­ter­klickt … Wie auch immer. Dann jetzt schnell zu dem klei­nen ita­lie­ni­schen Restau­rant mit Blick aufs Kolos­seum, das mir Freunde, die sich in Rom gut aus­ken­nen, wärms­tens ans Herz gelegt haben.

 

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Ver­sus

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Jemand ruft. Kann denn schon wie­der Zeit für das jähr­li­che Opfer sein? Aber dann erkenne ich die Stimme. Ich kenne sie gut. Es ist Däda­lus. Mein Schöp­fer, Herr und Fol­ter­meis­ter.

»Die Zeit für den Abschied ist gekom­men«, sagt er, und seine Worte schei­nen von über­all­her zu kom­men.

»Zeig dich mir!«, brülle ich. »Tritt mir gegen­über! Dass ich dir das Fleisch auf­reiße und dich zer­fetze!«

»Sei nicht wütend. Damit änderst du nichts, nichts an dei­ner Ver­gan­gen­heit und nichts an dei­ner Zukunft. Ich dachte, du wärst viel­leicht ein wenig weise gewor­den mit der Zeit.«

»Wo bist du?«, brülle ich. »Komm her­aus und stell dich mir!« Ich zit­tere am gan­zen Leib, denn all der Zorn und die Ver­zweif­lung, die sich in den vie­len, vie­len Jah­ren in mir auf­ge­staut haben, bre­chen sich nun Bahn.

»Ika­rus kommt mit mir. Wir müs­sen fort. Aber ich wollte Kreta nicht ver­las­sen, ohne mich von dir ver­ab­schie­det zu haben. In gewis­ser Weise bist du eben­falls – mein Sohn.«

Ich ver­stumme. Däda­lus bleibt wohl­weis­lich eine kör­per­lose Stimme. Er weiß, dass ich ihn töten würde, bekäme ich ihn zu fas­sen.

»Lebe wohl«, sagt er.

Ich heule auf. Ich tobe, stampfe im Sand auf, renne eine Tür ein und schleu­dere mit den Hör­nern die Holz­trüm­mer durch die Gänge. Sie lie­gen still und teil­nahms­los da. Däda­lus ist fort. Ich rut­sche an der Wand her­un­ter und weine leise in mich hin­ein. Aber irgend­wann ver­sie­gen die Trä­nen. Schließ­lich erhebe ich mich wie­der und sehe mich um. Wo bin ich hier? Ist das etwa ein Teil des Palas­tes, den ich noch nicht kenne? Es ste­hen Worte an der Wand. Das war ich. Vor lan­ger, lan­ger Zeit ein­mal. Ich erin­nere mich kaum. Ich habe wohl einen spit­zen Stein genom­men und die Buch­sta­ben in die Wand geritzt, zu einer Zeit, als ich noch ver­suchte, das Beste aus mei­nem Schick­sal zu machen und daran zu wach­sen.

»Nie­mand ist frei. Jeder lebt in einem Palast, der nur schein­bar unend­lich groß ist. Wenige bekom­men die Gele­gen­heit, das zu erken­nen.«

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Coup tout-fou

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die magi­schen Worte »Sesam öffne dich« haben mir den Zugang ver­schafft. (Na gut, doch wohl eher die rich­tige Zah­len­kom­bi­na­tion für die Zugangs­si­che­rung.) Der enge Gang wei­tet sich bald, und die Schatz­höhle der 40 Räu­ber liegt vor mei­nen Füßen. (Oder bes­ser gesagt die Asser­va­ten­kam­mer der PD Olden­burg.) Ich schaffe so viel Gold, wie ich tra­gen kann, zu mei­nen drei Eseln. (In Wirk­lich­keit sind es sicher­ge­stellte Falsch­geld­bün­del, und, na ja, ich schaufle sie in die Ein­kaufs­tüte, die ich dabei habe.) Als sich meine Frau spä­ter von ihrem Schre­cken und Erstau­nen erholt hat, will sie die Gold­stü­cke zäh­len. (Schön wärs, aber mein Mann hält mir eine Moral­pre­digt, die sich gewa­schen hat, macht mich zur Schne­cke und lässt mich die Blü­ten noch in der glei­chen Nacht wie­der zurück­brin­gen. Ich soll ihm keine Mär­chen erzäh­len und mein Geld auf ehr­li­che Weise ver­die­nen. Also doch wie­der in die Poli­zei­di­rek­tion put­zen gehen …)