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My Jungle is My Castle

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die hutz­lige Inde­rin mit dem freund­li­chen, zahn­lo­sen Lachen winkt mich wei­ter. Ich betrete einen Raum mit Lehm­bo­den, in dem ein Hocker vor einer der Fens­ter­öff­nun­gen steht. Auf einer Art Nacht­tisch steht ein Gane­sha, lan­des­ty­pisch mit Farbe bekle­ckert und von Blü­ten­blät­tern über­gos­sen. Die Zika­den im Dschun­gel, der gleich hin­ter dem ver­fal­le­nen Tem­pel beginnt, lär­men fast ohren­be­täu­bend. Ich setze mich und warte.

Nach eini­ger Zeit bringt mir die Alte einen Tee. Er sieht nicht aus, als würde er west­li­chen Hygie­ne­an­sprü­chen genü­gen. Als die Frau wie­der gegan­gen ist, schütte ich ihn weg. Ich bin wegen der Palm­blät­ter hier, nicht um Tee zu trin­ken.

Ein jun­ger Inder erscheint. Er trägt ein Zie­gen­bärt­chen und Pfer­de­schwanz, das offene Hawaii­hemd bringt seine haar­lose und scho­ko­la­den­braune Brust bes­tens zur Gel­tung. Er grinst mich unver­schämt an und klappt ein Lap­top auf. Ich muss noch ein­mal mei­nen Namen und mein Geburts­da­tum nen­nen. Er tippt bei­des ein, lässt mich jedoch nicht auf sei­nen Moni­tor gucken. Er hat schöne Hände mit schlan­ken bering­ten Fin­gern, aber offen­bar eine Ver­let­zung oder Ent­zün­dung am Nagel­bett des lin­ken Zei­ge­fin­gers.

Sein Eng­lisch ist halb­wegs ver­ständ­lich. Anschei­nend fin­det er das Palm­blatt für mich. »I got you«, sagt er. Die Pro­phe­zei­un­gen sind Jahr­hun­derte alt und muss­ten bis dato mehr­fach kopiert wer­den, da das orga­ni­sche Mate­rial, auf denen sie geschrie­ben ste­hen, mit der Zeit weg­fault. Es heißt, es seien hier die Lebens­ge­schich­ten all jener Men­schen ver­zeich­net, die her­kom­men und nach ihrem Blatt fra­gen. Ich habe acht­zig Dol­lar gezahlt, um zu erfah­ren, was die uralten Manu­skripte über mich wis­sen.

Sie sind in Pali ver­fasst, einer nicht mehr gebräuch­li­chen Schrift, und eigent­lich kön­nen sie nur geschulte Brah­ma­nen lesen. Dass hier das Com­pu­ter­zeit­al­ter Ein­gang gefun­den hat, über­rascht mich.

Der Halb­starke grinst. Sein schwar­zes Haar ist ölig, und irgend­wie kommt mir auch sein gan­zes Auf­tre­ten so vor. Wenigs­tens hat er bis­her noch nicht – wie es bei Indern zum guten Ton zu gehö­ren scheint – sei­nen Rotz hoch­ge­zo­gen und vor sich auf den Boden gespuckt. »I got your whole story here«, sagt er. Dann wird sein Grin­sen noch brei­ter: »Spoi­ler alert!« Den Witz macht er bestimmt jedes Mal.

Mir ist nicht nach Lachen zumute. In den alten Hand­schrif­ten soll auch das jewei­lige Todes­da­tum ver­zeich­net sein. Der »Spoi­ler alert«, in Beschrei­bun­gen von Fil­men oder Spie­len eine War­nung davor, dass hier über­ra­schende Wen­dun­gen und Ent­wick­lun­gen ver­ra­ten wer­den, ist also durch­aus ange­bracht.

Der junge Inder zieht einen alters­schwa­chen Cas­set­ten­re­cor­der vom unte­ren Bord des Gane­sha-Altars her­vor – so viel zum Com­pu­ter­zeit­al­ter in Indien. Er war­tet erst mein Nicken ab, bevor er auf die Auf­nahme-Taste drückt. Dann liest er von sei­nem Moni­tor meine bis­he­rige Lebens­ge­schichte ab. Die beschrie­be­nen Ereig­nisse sind nicht sehr spe­zi­fisch, und wenig über­ra­schend wird dann meine große Indi­en­reise erwähnt.

Da lerne ich, heißt es, eine Frau ken­nen, Indraea, eine Inde­rin, die ich bald dar­auf hei­rate. Sie bekommt Zwil­linge, und ich mache in Köln ein Restau­rant auf, ein indi­sches Restau­rant. Viele Jahre spä­ter werde ich bei einer Aus­ein­an­der­set­zung um Schutz­gel­der für mein Restau­rant ver­prü­gelt und falle in ein Koma, aus dem ich – ein genauer Ster­be­tag wird nicht genannt – nicht mehr erwa­che.

Damit endet der Bericht.

Der Inder drückt auf die Stopp­taste des Recor­ders, lässt die Cas­sette her­aus­sprin­gen und über­reicht sie mir. Ich nehme sie nicht an.

»Hör mal, Jung­chen«, sage ich, natür­lich auf Eng­lisch, »ich bin schwul und mache mir nichts aus Frauen, und aus Inde­rin­nen schon gar nicht. Außer­dem arbeite ich erfolg­reich als Case Mana­ger in einem gro­ßen deut­schen Kran­ken­haus und werde den Teu­fel tun und ein Restau­rant auf­ma­chen! Das ist doch alles bull­shit.«

Plötz­lich ver­steht der Kerl kein Eng­lisch mehr. »No, no«, beschwich­tigt er mich, »it’s all true, all true. Never fail. Will be happy life for you. You will see, happy life.« Er legt mir die Cas­sette in den Schoß. Dann klappt er sein Lap­top zu und ver­schwin­det.

Irgend­wie komme ich mir ver­arscht vor. Das war doch reine Abzo­cke. Wäre ich hier in einem Rechts­staat, würde ich die­sen Palm­blatt-Filou und seine Oma vor Gericht zer­ren und ihnen gründ­lich das Hand­werk legen.

Die zahn­lose Alte kommt, um mich abzu­ho­len und nach drau­ßen zu brin­gen. Sie nimmt mir die Cas­sette aus dem Schoß, hält sie hoch, schüt­telt sie ein wenig, hält sie ans Ohr und mimt dann gro­ßes Erstau­nen: »Ah! Oh! Happy life!« Ver­mut­lich die ein­zi­gen Worte, die sie auf Eng­lisch beherrscht. Sie reicht mir die Cas­sette zurück, legt die Hände vor ihrer Brust zusam­men, ver­neigt sich vor mir und zieht mich dann, mäd­chen­haft kichernd, an einer Hand aus dem Raum zurück in den Kor­ri­dor, einem Bret­ter­ver­hau, der in den Ein­gangs­be­reich führt.

Hier war­tet inzwi­schen ein wei­te­rer Besu­cher, offen­bar eben­falls Deut­scher. Sein T‑Shirt ist durch­ge­schwitzt, mit einem Taschen­tuch tupft er sich den Schweiß von der Stirn. Er sieht furcht­bar ner­vös aus. Ich grinse ihn an, hole die Cas­sette her­vor, schüttle sie, imi­tiere ein indi­sches »Happy life, happy life for you!« und rei­che sie ihm. Ver­dat­tert sieht der Mann mir nach.

Die­ses Schick­sal kann ich nicht akzep­tie­ren. Es gibt noch wei­tere Palm­blatt­bi­blio­the­ken im Land, die aus­län­di­schen Besu­chern das Geld aus der Tasche zie­hen. Ich besteige mein Miet-Motor­rad. Es muss etwas Bes­se­res für mich bestimmt sein.

 

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