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The Blue Hourglass
Ich betrete den Korridor, seit vielen Jahren schon ein Ritual, das ich liebgewonnen habe. Als ich damals als junger Mann, vor über fünfzig Jahren, in den Plattenbau zog, machte am gleichen Tag auch ein anderer junger Mann den Umzug hierher. Wir waren uns von Anfang an suspekt: Ständig lud er unterschiedliche junge Frauen zu sich ein, und es dröhnte bei ihm oft laute Westmusik. Ich hoffte insgeheim, irgendjemand hier bei uns in der Platte schwärzt ihn an, aber es ist nie etwas passiert.
In meine Wohnung lud ich, und da war ich eigentlich schon kein junger Mann mehr, nur eine einzige Frau ein, und das war dann auch gleich die, die ich heiratete und die wenig später zu mir zog. Eine größere Wohnung hätten wir wohl nur bekommen, wenn wir Kinder in die Welt gesetzt hätten, aber wir hatten ja unsere Datsche an der Bahntrasse.
Bei meinem Nachbarn den Flur runter zog niemand ein, und er hatte auch keine Datsche, sondern ein Motorrad. Er ließ sich einen Bart stehen und lange Haare, um die er irgendwann ein Gummi drumbinden musste. Die Frauen, die er zu sich holte, wurden jünger und blieben oft nicht mal bis zum Morgen. Die Jahre zogen ins Land. Die Mauer fiel. Jetzt dröhnte überall Westmusik. Viele zogen weg. Ich und mein Nachbar vom Ende des Flurs – wir hielten die Stellung.
Als meine Frau starb, blieb mir unser Kanarienvogel und die Datsche. Ich beantragte Frührente und bekam dann wenig später tatsächlich den Bescheid.
Das war an dem Tag, an dem sie die Platte gegenüber sprengten. Jetzt konnte man von den Fenstern im Wohnungsflur aus die Sonne untergehen sehen. Ich hatte mir immer schon irgendwas Besseres als das Fernsehprogramm gewünscht. Jetzt stellte ich mich Abend für Abend an eines der Fenster im Korridor, sah der Sonne zu, wie sie hinter die Bäume sank, und blickte auf den Verkehr runter und auf die Passanten.
Und er, der Kerl vom Ende des Flurs, immer noch mit Bart und Pferdeschwanz, wenn auch inzwischen grau, stellte sich eines Tages zu mir. Zuerst standen wir schweigend da und sahen, jeder für sich, der Sonne zu, wie sie unmerklich tiefer rutschte. Dann räusperte er sich und sagte: »Ich erinnere mich, dass …«, worauf er begann, etwas aus der Zeit damals zu erzählen, als wir noch jung waren und Bürger der DDR. Ich sagte nichts dazu. Wir schwiegen wieder, bis die Sonne endgültig untergegangen war, und gingen zurück in unsere Wohnungen.
Am nächsten Abend hatte er zwei Bierflaschen dabei. Eine gab er mir. Wir prosteten uns nicht zu, sondern tranken schweigend. Der Himmel war bewölkt. Ich sagte nach einer Weile: »Also ich erinnere mich daran, dass …« und erzählte von einer Urlaubsreise nach Ungarn mit meiner Frau vor vielen, vielen Jahren. Er hörte schweigend zu und – das sah ich als Bewegung in der Fensterspiegelung – nickte manchmal.
Seitdem standen wir jeden Abend dort und erzählten uns abwechselnd eine Erinnerung aus unserem Leben. Oft waren es ganz banale Dinge. Aber es tat gut, sie jemandem erzählen zu können.
Bis gestern.
Gestern war alles anders. Mein Nachbar war an der Reihe mit seiner Geschichte, doch er stand lange schweigend da. Seine Bierflasche war schon fast leer, als er endlich etwas sagte.
»Ich habe einen Sohn. Er hat mir einen Platz in einem Altenheim besorgt. Ich habe ein wenig Angst, aber alle sagen, es sei das Beste so.«
Ein Sohn? Das wusste ich nicht, davon hatte er nie erzählt. Ich sah ihn an. Sonst schauten wir immer nur raus in den Himmel und auf die Straße, und ich hatte ihn noch nie eingehend betrachtet. Er war faltig und dürr geworden, mit Flecken auf den Händen, dem Hals und im Gesicht. Ich sah gleich wieder aus dem Fenster, denn vermutlich war es mit mir genauso. Faltig und dürr.
»Gleich morgen früh ist der Umzug«, sagte er. Und: »Ich hoffe, da gibt es auch so ein Fenster. Und so jemanden wie dich.«
Wir duzen uns also, dachte ich. Hatte ich noch nie drüber nachgedacht. Aber warum eigentlich nicht?
Als er ging, sah ich ihm nach, bis er seine Wohnungstür erreicht hatte. Er blickte zu mir. Ich nickte ihm zu, und er nickte zurück, bevor er hinter seiner Wohnungstür verschwand.
Heute stehe nur ich vor dem Fenster. Graue Wolken verdecken die Sonne, aber ich weiß, dass sie trotzdem untergeht. Ich stelle mir vor, er stünde neben mir. »Ich erinnere mich noch, als …«, fange ich an. Dann stocke ich. Ist das nicht der Anfang geistiger Verwirrung? Aber was soll’s. Ich bin alt genug, um Selbstgespräche zu führen. Was schert mich, was andere von mir denken!
»Ich erinnere mich …«, sage ich und erzähle mir von meinem Leben. Es ist ein liebgewonnenes Ritual. Nur der graue, fleckige Himmel hört zu.