Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Mir­ror­s­cape

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Ich betrete den Kor­ri­dor, eine schul­ter­hohe Röhre mit dem Quer­schnitt eines regel­mä­ßi­gen – ich zähle es ab – Sie­ben­ecks. Die Wan­dung ist schwarz, glatt und kalt, und vor mir schließt eine helle Flä­che den Kor­ri­dor ab. Eine Sack­gasse?

Ich weiß nicht, wer mich über­fal­len und gefan­gen hat. Es ging alles blitz­schnell, und ich ver­lor das Bewusst­sein. Mein Schwert, den Dolch und den Leder­schlauch mit Was­ser hat­ten sie mir abge­nom­men, und ich erwachte in einer Kam­mer mit Wän­den, Boden und Decke wie aus schwar­zem Metall. Ein­zi­ger Aus­gang: die sie­ben­eckige Röhre.

Wer immer die­ses Gefäng­nis erbaut hat: Sie ver­wen­den Mate­ria­lien, wie ich sie noch nie gese­hen habe. Dies ist offen­bar kein Volk, des­sen Künste sich dar­auf beschrän­ken, aus Holz­stäm­men Ein­bäume zu fer­ti­gen und Stroh­hüt­ten zu bauen. Alles hier ist streng geo­me­trisch, ohne die geringste Unre­gel­mä­ßig­keit. Was haben sie mit mir vor? Wie passe ich in diese Welt?

Die Flä­che am Ende des Kor­ri­dors leuch­tet und strahlt ein schwa­ches, kal­tes Licht aus, das meine Hände grün­lich aus­se­hen lässt. Ich glaube, ein lei­ses, bestän­di­ges Knar­ren zu hören, wie von einem rie­si­gen Baum, der sich im Wind wiegt. Als ich die helle Flä­che vor­sich­tig berühre, bie­tet sie mir kei­nen Wider­stand. Meine Fin­ger glei­ten hin­ein, aber ich ziehe sie mit einem Schmerz­laut wie­der hin­aus, da es heiß in mei­nen Fin­gern brennt. Doch die Hitze lässt schnell nach. Bie­tet sich mir hier ein Aus­weg?

Ich halte die Luft an und ste­cke mein Gesicht in die leuch­tende Flä­che. Es brennt, als hätte ich mei­nen Kopf in eine Flam­men­wand gesteckt, und ich ziehe ihn gleich wie­der zurück. Ich habe eine Land­schaft und einen Him­mel gese­hen, einen selt­sa­men, tür­ki­sen Him­mel – immer noch bes­ser als die­ses schwarze, kalte Gefäng­nis. Ich ziehe den Kopf ein und mache einen schnel­len Schritt durch das sie­ben­eckige Por­tal. Die Hitze dringt durch meine Haut in mei­nen Kör­per, aber ver­fliegt auch sofort wie­der.

Die Sonne steht in dem cyan­far­be­nen Him­mel am Zenit. Ich stehe auf einer Ebene, die sich end­los weit in alle Rich­tun­gen erstreckt, von blass­ro­tem, flaum­ar­ti­gem Gras bewach­sen. Der Hori­zont schim­mert. Hin­ter mir: ein sie­ben­ecki­ger Spie­gel, der mit einer Ecke im Boden steckt. Aus die­ser Spie­gel­flä­che bin ich offen­bar gerade hin­aus­ge­tre­ten. Das Selt­same aber ist: Sie spie­gelt mich nicht.

Bevor ich sie näher unter­su­chen kann, streift mich ein Schat­ten. Es fällt etwas Gro­ßes von oben herab, ein lau­tes Knir­schen und Bers­ten um mich her, instink­tiv ducke ich mich.

Als ich auf­bli­cke, bin ich von einer schwar­zen, dop­pelt manns­ho­hen, sie­ben­ecki­gen Mauer umge­ben – und wie­der gefan­gen, zusam­men mit der sie­ben­ecki­gen Spie­gel­flä­che. Ich spüre einen Wind­hauch an den Bei­nen, und erstaunt beob­achte ich, wie der blass­rote Flaum um mich herum bin­nen eines Wim­pern­schlags welkt und zu Staub wird. Der Boden dar­un­ter ist unre­gel­mä­ßig und rin­den­ar­tig. Er wirkt wie die Ober­flä­che eines gigan­ti­schen Astes – in den läng­li­chen, schlan­gen­för­mig ver­lau­fen­den Ver­tie­fun­gen die­ser Rie­sen­borke könnte ich mir glatt einen Fuß bre­chen. Der Spie­gel steckt fest im Holz, und auch die Mauer hat sich tief und unver­rück­bar in die Rin­den­wülste gebohrt. An einer Stelle hin­ter dem Spie­gel streckt der höl­zerne Boden an der Mauer wie aus Pro­test einige Späne hoch. Ich reiße einen davon ab. Keine Waffe zwar, aber etwas in der Hand zu haben, gibt mir das Gefühl, der Situa­tion nicht gänz­lich hilf­los aus­ge­lie­fert zu sein.

Ist dies ein frem­der Pla­net? Oder eine Ära weit in der Ver­gan­gen­heit oder der Zukunft?

Die Rück­seite des Spie­gels reflek­tiert weder mich noch das Stück Holz, nur die Mauer. Er scheint extrem dünn zu sein. Ich drü­cke den Span an die Kante, und er wird ohne Schwie­rig­kei­ten durch­trennt. Noch nie habe ich etwas der­ar­tig Schar­fes gese­hen. Ein Schat­ten, der über mich hin­weg­zuckt, lässt mich auf­bli­cken.

Es zischt, und unmit­tel­bar neben mir bohrt sich eine wei­tere Spie­gel­flä­che senk­recht in den Boden. Ich schlu­cke und trete – etwas zu spät, falls das Ding auf mich gezielt war – zur Seite. Es kam aus Rich­tung der Sonne. Mehr kann ich auch mit zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen nicht erken­nen.

Wie­der ein blitz­ar­ti­ger Schat­ten­wurf, wie­der zischt es, und jetzt steckt ein drit­ter Spie­gel ein paar Schritte ent­fernt in den Rin­den­wüls­ten. Die Geschosse sind so schnell, dass ein Aus­wei­chen unmög­lich ist. Und es kom­men mehr davon. Jedes Mal zucke ich zusam­men. Sie ver­tei­len sich unre­gel­mä­ßig und spie­geln den Unter­grund, die Mauer und den Him­mel – aber nicht mich und die ande­ren Spie­gel!

Aus den Augen­win­keln bemerke ich eine wei­tere Bewe­gung. Ich traue mei­nen Augen nicht: Aus einem der Spie­gel, der sich eher mit­tig in der Umfrie­dung befin­det, schwimmt jetzt ein Fisch her­aus. Er sieht aus wie ein Hai, ist viel­leicht zwei, drei Meter lang und schwebt etwa auf Höhe mei­nes Bauch­na­bels in der Luft.

Irgend­wie glaube ich nicht, dass es sich um eines der Wesen han­delt, die mich gefan­gen haben und Spie­gel auf mich wer­fen. Dies alles hier sieht mir nach einer Arena aus, in der ich als Gla­dia­tor gegen die­sen Hai antre­ten soll. Er peitscht jetzt mit sei­ner Schwanz­flosse und mus­tert offen­bar die Umge­bung. Ein silb­rig schim­mern­des Gerät ist um sei­nen Hals geschnallt. Das Wesen ent­deckt mich und öff­net sein zäh­ne­star­ren­des Maul. Mir stel­len sich die Nacken­haare auf. Dann zischen wei­tere Spie­gel aus dem Him­mel und boh­ren sich mit tro­cke­nen Tonks zwi­schen uns in den Unter­grund. Als es drei­ßig oder vier­zig sind, hört der Beschuss unver­mit­telt auf.

Die Arena steht jetzt vol­ler Spie­gel.

Nicht in ihnen reflek­tiert zu wer­den, erzeugt ein merk­wür­di­ges Gefühl bei mir – als sei ich gar nicht wirk­lich hier. Und nicht nur ich scheine nicht anwe­send zu sein, son­dern auch alle ande­ren Spie­gel. Denn kei­ner von ihnen zeigt die ande­ren – bis auf jeweils einen. Zum Nach­den­ken bleibt mir jedoch keine Zeit, denn jetzt schwebt der Hai aus einer nahen Spie­gel­flä­che her­aus, dreht sich mit einem Schlag sei­ner Schwanz­flosse in meine Rich­tung und spuckt etwas aus. Geis­tes­ge­gen­wär­tig ducke ich mich und springe hin­ter einen Spie­gel. Etwas sirrt an mir vor­bei. Ich stürze auf die unnach­gie­bige Rinde und prelle mir das Schien­bein.

Als ich auf­bli­cke, ist der Hai schon hin­ter mir her­ge­schwom­men. Ohne lang nach­zu­den­ken rolle ich mich durch den Spie­gel, vor dem ich liege – in der Hoff­nung, dass sie alle Por­tale dar­stel­len, die mich an einen ande­ren Ort brin­gen. Tat­säch­lich: Wie­der zieht mir bren­nende Hitze durch den Leib, und ich falle an einer ande­ren Stelle der Arena aus einem der Spie­gel, richte mich keu­chend auf, humple um den Spie­gel herum und springe von der ande­ren Seite hin­durch, als ich den Hai hin­ter mir her­kom­men sehe.

Es sind Por­tale! Von bei­den Sei­ten! Nur dumm, dass ich die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren habe und nicht mehr weiß, durch wel­ches die­ser Por­tale ich hier­her­ge­kom­men bin.

In eini­ger Ent­fer­nung sehe ich mei­nen Geg­ner kurz vor einem Spie­gel schwe­ben, bevor er in ihm ver­schwin­det, als werde er von einer senk­recht ste­hen­den Queck­sil­ber­pfütze ver­schluckt. Auch er spie­gelt sich nicht.

Eine Zeit­lang, traue ich mir zu, kann ich mit dem Hai Ver­steck spie­len. Aller­dings graust mir bei dem Gedan­ken, bei einem eili­gen Durch­gang durch einen der rah­men­lo­sen Spie­gel des­sen Flä­che nicht genau zu tref­fen. Ver­mut­lich würde es mir dann wie dem Holz­span erge­hen: Es könnte sein, dass ich dann einen Arm oder ein hal­bes Bein zurück­lasse – und noch unan­ge­neh­mer ist natür­lich die Vor­stel­lung, bei einem Spie­gel­sprung in mei­ner Hast eine Kopf­länge zu hoch zu gera­ten.

Habe ich eine Chance? Der Fisch ist bewaff­net – ich nicht. Er ist um eini­ges gewand­ter als ich und wird nicht durch den wel­li­gen Unter­grund behin­dert, der sich für Spurts nicht gerade eig­net. Könnte es mir gelin­gen, ihm auf den Rücken zu sprin­gen? Oder kann ich ent­kom­men, indem ich die Mauer erklet­tere? Doch die ist makel­los glatt.

Nur einen Wim­pern­schlag lang habe ich in mei­ner Auf­merk­sam­keit nach­ge­las­sen, da schwimmt der Hai aus einem nahen Spie­gel. Wie­der sirrt etwas aus sei­nem Maul. Ich ducke mich unter dem Geschoss weg und springe durch eine der Spie­gel­flä­chen. Ich renne, soweit sich das bei der Boden­be­schaf­fen­heit bewerk­stel­li­gen lässt, schlage einen Haken und und benutze ein wei­te­res Por­tal. Den Hai habe ich aus den Augen ver­lo­ren – genauso wie er hof­fent­lich auch mich.

Es ist ein unglei­ches Duell. »Was wollt ihr von mir?«, rufe ich wütend in den Him­mel – dahin, von wo die Mauer der Arena und all die Spie­gel auf die Ebene her­ab­fie­len. »Was habe ich euch getan?« Es macht mich wütend, dass sich die­je­ni­gen, die mich in diese Arena gesteckt haben, nicht zei­gen. Es gibt Hun­derte von klei­nen Öff­nun­gen unter­halb des Mau­er­rands: Sind das ihre Augen? Wei­den sie sich – irgendwo von ferne, viel­leicht ja sogar von einem ande­ren Pla­ne­ten aus – an dem Kampf?

Aber Zorn hilft mir nicht wei­ter. Ich ver­su­che, einen Über­blick über das Spie­gel­la­by­rinth zu gewin­nen. Nur sind es lei­der zu viele Spie­gel, als dass ich mir eine innere Land­karte von ihren Ver­bin­dun­gen unter­ein­an­der zeich­nen könnte. Ich erha­sche einen Blick auf den Fisch, der vor einem Spie­gel hin- und her­schwimmt, als würde er Maß neh­men.

Er wen­det sich einem ande­ren Spie­gel zu, so dass ich nur noch seine Schwanz­flosse sehe. Plötz­lich kommt eines sei­ner Geschosse aus einem Spie­gel geschos­sen, sirrt haar­scharf an mei­ner Hüfte vor­bei und kracht gegen die schwarze Metall­wan­dung. Ich hebe es auf. Der Hai ist sei­nem Geschoss gefolgt – ich springe durch den nächst­bes­ten Spie­gel, dann durch einen wei­te­ren.

Der Hai ist nir­gends mehr zu sehen. Selbst wenn er den Weg sei­ner Geschosse durch meh­rere Spie­gel hin­durch vor­her­se­hen kann: Er muss mich sehen, um auf mich schie­ßen zu kön­nen. Ich setze mich mit dem Rücken vor die Wand der Arena und unter­su­che den Pfeil. Es ist ein spitz zulau­fen­der Bol­zen, eine schlanke, sie­ben­eckige Pyra­mide aus einem leich­ten, fes­ten Metall, voll­kom­men schwarz.

Eine Bewe­gung in mei­nen Augen­win­keln lässt mich her­um­fah­ren: Der Hai schiebt sich aus einem nahen Spie­gel, und ich sitze für ihn wie auf dem Prä­sen­tier­tel­ler. Mit einem Angst­schrei schleu­dere ich den Bol­zen, den ich in der Hand habe, in seine Rich­tung und robbe weg. Sein Schuss ver­fehlt mich. Ich haste durch meh­rere Spie­gel, stehe plötz­lich eine Arm­länge von ihm ent­fernt, stol­pere zurück und gerate in Panik.

Schließ­lich bleibe ich ste­hen, wo ich gerade bin, um wie­der zu Atem zu kom­men. Ein schwar­zer Bol­zen durch­misst in eini­ger Ent­fer­nung die Stre­cke zwi­schen zwei Spie­geln. Ich ducke mich. Er bleibt einen Atem­zug lang ver­schwun­den und prallt dann mit vol­ler Wucht auf ein knorp­li­ges Rin­den­stück in mei­ner Nähe. Ich ziehe den Bol­zen her­aus und ver­schwinde vor den Augen des Fischs, der sei­nem Geschoss wie­der folgt, in einer Spie­gel­flä­che. Zer­schnei­det ihre Kante auch den Metall­pfeil des Hais? Ich presse ihn dage­gen. So scharf die Kante auch sein mag: Der Bol­zen bie­tet ihr Wider­stand. Ich warte.

Schweiß rinnt mir bei­ßend in die Augen, und ich spüre ein dump­fes Pochen in mei­nem Schien­bein, aber erst muss ich die­ses Fisch­we­sen aus­schal­ten, bevor ich an mich und meine Bles­su­ren den­ken kann.

Etwas Schwar­zes sirrt aus dem Spie­gel, neben des­sen Kante ich warte. Ich ver­folge den Weg des Pfeils nicht wei­ter, son­dern benutze den Bol­zen jetzt als Hebel. Der Spie­gel sitzt höl­lisch fest, zwei­mal glei­ten meine schweiß­feuch­ten Fin­ger ab und wären um ein Haar von der Spie­gel­flä­che abge­trennt wor­den – dann end­lich ruckt der Spie­gel aus dem Holz. Wie erwar­tet folgt der Hai sei­nem Geschoss. Seine Nase schiebt aus der umfal­len­den Spie­gel­flä­che, die jetzt wie erhofft sei­nen Kör­per in zwei Hälf­ten schnei­det. Die vor­dere schwebt über dem umge­fal­le­nen Spie­gel wei­ter­hin in der Luft. Der Hai quiekt, oder zumin­dest glaube ich ein Quie­ken zu hören, und die Bol­zen­schleu­der in sei­nem Inne­ren spuckt noch ein hal­bes Dut­zend Mal. Sein Hin­ter­teil dürfte vor dem Spie­gel geblie­ben sein, den er nur halb durch­schwim­men konnte.

Ich warte, bis meh­rere satte Tonks anzei­gen, dass seine Bol­zen ihre Flug­bahn been­det haben – es wäre eine böse Iro­nie des Schick­sals, jetzt noch von einem Quer­schlä­ger erwischt zu wer­den.

Innen ist der Hai mecha­nisch: kein leben­des Wesen, son­dern eine Maschine, eine Kampf­ma­schine. Ihre Hülle ent­hält neben der Bol­zen­ka­none ein rotes, zap­fen­för­mi­ges Etwas. Als ich es her­aus­ziehe, fällt alles andere zu Boden. Der feu­er­far­bene Metall­zap­fen hat die Länge mei­nes Unter­arms und schwebt wei­ter­hin in der Luft. Die­ses Ding hat ihn durch die Luft schwim­men las­sen! Ein fla­cher, schma­ler Ring ver­läuft um den Zap­fen. Ich drehe vor­sich­tig daran, und der Zap­fen sinkt ein Stück.

Schmat­zende Geräu­sche las­sen mich her­um­fah­ren. Die Spie­gel ver­schwin­den jetzt, einer nach dem ande­ren: Spiffzspiffzspiffz, und die Arena ist leer bis auf mich, die am Boden lie­gen­den Hälf­ten des Maschi­nen­hais, den roten Zap­fen und einen ein­zi­gen letz­ten Spie­gel.

Ich bli­cke hoch zu den Öff­nun­gen in der Mauer. Ver­mut­lich war­tet auf jen­seits des übrig­ge­blie­be­nen Spie­gels das Publi­kum, aber mir kön­nen Ruhm und Ehre oder nach unten wei­sende Dau­men (oder Flos­sen, wer weiß?) gestoh­len blei­ben. Irgendwo in die­ser Zeit und an die­sem Ort war­tete eine Auf­gabe auf mich, und sie hatte gewiss nichts mit die­sen per­ver­sen Wesen zu tun, die mich gefan­gen­ge­nom­men haben, um mich gegen ihren Kampf­fisch antre­ten zu las­sen.

Ich fühle keine Freude. So kenne ich es schon. Obwohl dem Tod mit knap­per Not ent­kom­men, bleibt zuerst ein­mal nur Leere zurück, viel­leicht weil ich zu aus­ge­laugt bin, um das neu­errun­gene Leben wirk­lich schät­zen zu kön­nen.

Ich fühle mich wund vom stän­di­gen feu­er­hei­ßen Spie­gel­durch­schrei­ten. Auch habe ich mir mein Schien­bein geprellt und irgend­wann mein lin­kes Hand­ge­lenk ver­staucht. Aber ich lebe und besitze noch alle Glied­ma­ßen. Tau­send Augen star­ren von der Are­naum­frie­dung zu mir herab – zumin­dest glaube ich das zu spü­ren – und erwar­ten, dass ich zum letz­ten Spie­gel humple und hin­durch­gehe. Doch da habe ich eine bes­sere Idee. Mit ein wenig Glück befin­den sich die Zuschauer des Kamp­fes wirk­lich weit ent­fernt von die­sem Ort und kön­nen hier nichts wei­ter aus­rich­ten.

Ich hänge mich bäuch­lings über den Zap­fen. Er trägt mich ohne Schwie­rig­kei­ten. Es ist nicht ganz ein­fach, den Steue­rungs­ring zu bewe­gen, aber es gelingt mir: Lang­sam lasse ich uns höher­stei­gen. Ich schlen­kere mit den Bei­nen und rucke so etwas unele­gant durch die Luft und über die Mauer hin­weg. Auf der ande­ren Seite lasse ich mich hin­un­ter sin­ken und lande auf dem blass­ro­ten Flaum. Nie­mand hält mich auf. Ich beginne, den schwe­ben­den roten Zap­fen vor mir her­schie­bend, in Rich­tung des Glit­zerns am Hori­zont zu wan­dern, das ich für das Meer halte.

Soll die Sie­ges­feier ohne mich statt­fin­den!

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Schiz-o-rama (We Are Many)

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Ich betrete den Kor­ri­dor im Kabi­nett des Dr. Cali­gari. Eine ver­rückte schwarz-weiße Geo­me­trie mit kon­fus stür­zen­den Linien umfängt mich, der Kor­ri­dor scheint sich ins Unend­li­che zu deh­nen – oder ist es so, dass ich schrumpfe und sich die Welt um mich herum in irr­sin­nige Dimen­sio­nen ver­zerrt? Abgründe tut sich vor mir auf, ein geis­tes­ge­stör­ter Stru­del ent­ar­te­ter Un- oder Über­mensch­lich­keit zerrt mich unsanft in tiefste Umnach­tung und gro­teske All­machts­ge­fühle.

»Auf­hö­ren, auf­hö­ren!«, rufe ich, und schließ­lich zieht mich eine Hand aus dem Kor­ri­dor her­aus. Ich muss mich an eine Wand stüt­zen und erst ein­mal den Schwin­del und den Aber­witz, die mich gepackt hat­ten, aus mir her­aus­schüt­teln.

»Alles klar, Pro­fes­sor?«, fragt einer der Stu­den­ten, die mir ihren Schi­zo­phre­nie-Simu­la­tor vor­füh­ren woll­ten.

»Wahn­sinn«, sage ich, und sie klop­fen sich stolz auf die Schul­tern. Nette und ambi­tio­nierte Jungs und Mädels eigent­lich, aber plötz­lich kom­men sie mir wie Insek­ten vor, Amei­sen, die man zer­tre­ten oder mit kochen­dem Was­ser über­gie­ßen sollte. Ich sollte jedoch klug vor­ge­hen und darf mir nichts anmer­ken las­sen. Ich werde ihren Simu­la­tor kon­fis­zie­ren und offi­zi­ell aus­ein­an­der­bauen las­sen. Ich behaupte ein­fach, er löse psy­cho­ti­sche Schübe aus. Viel­leicht halte ich sogar eine Vor­le­sung dar­über. Tat­säch­lich aber werde ich ihren Simu­la­tor zu mir nach Hause schaf­fen und ihn für meine Zwe­cke nut­zen. Viel­leicht bin ich gnä­dig und mache sie zu mei­nen wil­len­lo­sen Skla­ven: eine Armee erge­be­ner Scher­gen, die mir hel­fen wird, die Welt­herr­schaft zu errin­gen.

 

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A vida é um cír­culo

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Ich betrete den Kor­ri­dor und stoße mit dem Schuh an ein Drei­rad aus Plas­tik. Dafür bin ich zwar deut­lich zu groß, aber ich mache den Zwil­lin­gen die Freude und hocke mich unge­lenk auf den klei­nen Kin­der­sitz. Sie haben aus gro­ßen Kar­tons und Span­plat­ten in unse­rem klei­nen Gar­ten eine »Geis­ter­bahn« gebaut, und jetzt darf ihr Papa sie tes­ten.

Meine Beine sind zu lang, und meine Füße pas­sen nicht auf die Pedale. Also drü­cke ich sie in den Rasen und schiebe das Drei­rad durchs Gras voran ins Dun­kel. Links steht eine Art Vogel­scheu­che mit her­aus­hän­gen­den Aug­äp­feln. Ich höre sie keu­chen. Ein wenig gru­se­lig ist es schon. Mit ihren Lum­pen erin­nert sie mich an meine heim­lich Angst davor, das ganze Sys­tem könne schon bald zusam­men­bre­chen und uns alle zu Bett­lern machen.

Am Ende des Tun­nels fla­ckert ein Licht, ver­lischt aber dann. Ich stehe im Dun­keln, wie damals, als es kurz so aus­sah, dass die Par­tei mich fal­len­lässt und meine Frau mir den Lauf­pass gibt. Eulen flat­tern auf und krei­schen, ich spüre ihre Flü­gel in mei­nen Haa­ren und erschre­cke ein wenig, weil ich die Ori­en­tie­rung ver­liere. Erst letz­tens hatte ich wie­der einen die­ser Alp­träume vom Abitur, in denen ich den rich­ti­gen Klas­sen­raum nicht finde und völ­lig unvor­be­rei­tet bin.

Es fällt Schnee, und plötz­lich starrt mich von rechts mit glü­hen­den Augen ein Mons­ter an. Es sagt mit dunk­ler Stimme: »Wenn du nicht brav bist, mein Klei­ner, holt dich der schwarze Streu­ner!« Meine Füße fin­den jetzt doch Platz auf den Peda­len, und ich trete kräf­tig hin­ein, um schnell an dem Mons­ter vor­bei­zu­kom­men. Zwar habe ich es noch nie gese­hen, aber die Stimme und seine schre­cken­er­re­gende Ankün­di­gung habe ich schon oft gehört, im Kel­ler mei­ner Kind­heit, und längst wie­der ver­ges­sen. Erst jetzt kommt mir das alles wie­der zu Bewusst­sein.

Selt­sam. Ich habe mei­ner Frau und mei­nen Kin­dern nie von dem Mons­ter erzählt.

Der Kor­ri­dor macht eine Bie­gung und führt ins Freie, ins helle Tages­licht. Ich strample mit aller Kraft, um über das Gras zu kom­men. Eigent­lich erwarte ich das Lachen und Krei­schen der Zwil­linge, aber der Gar­ten ist leer. Merk­wür­dig ist: Er sieht genau aus wie der kleine Gar­ten an mei­nem Eltern­haus, einer Dop­pel­haus­hälfte in der Vor­stadt. Am stäm­mi­gen, knor­ri­gen Kirsch­baum hängt eine Schau­kel. Meine Schau­kel.

Ich steige ab. Das Gras kit­zelt mir die nack­ten Füße. Die Schau­kel hängt hoch. Seit ich lau­fen kann, hängt mein Vater sie, je grö­ßer ich werde, immer höher, damit ich klet­tern lerne und kräf­tige Arme bekomme. Ich ziehe mich hin­auf.

»Essen fas­sen!«, ruft meine Mut­ter aus der Veran­da­tür, »Füt­te­rung der Raub­tiere!« Ich springe von der Schau­kel und laufe die Stu­fen zur Veranda hoch, stol­pere fast vor Begeis­te­rung über meine eige­nen Füße: Hieß es nicht, heute gibt es Pom­mes mit Ket­chup?

»Holst du mir schnell noch ein Glas Apfel­mus aus dem Kel­ler?«, fragt mich Mama. Ich erstarre und schüttle den Kopf. »Jetzt komm schon, du bist doch schon groß. Da hat man doch keine Angst mehr vor Mons­tern.« Ich schüttle ver­stockt den Kopf. »So ein klei­ner Schis­ser«, sagt meine Mut­ter kopf­schüt­telnd, aber sie lächelt dabei und strei­chelt mir durch die Haare. »Was soll bloß mal aus dir wer­den?«

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See­ing Is Belie­ving

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Ich betrete den Kor­ri­dor wie jeden Tag, bevor die Ver­hand­lun­gen begin­nen. Die­sen Moment liebe ich – der Klang des Kor­ri­dors, sein Nach­hall, ist ein ganz ande­rer als der im Trep­pen­haus, auch wenn hier der Boden eben­falls aus Mar­mor ist. Tep­pich und Tape­ten wür­den ihn für mich zu einem unbe­stimm­ten Etwas wer­den las­sen, zu einem dunk­len Loch, des­sen Begren­zun­gen ich nur schwer erlau­schen kann. Doch der Mar­mor­bo­den und die glat­ten Stein­wände zei­gen sich mir deut­lich und geben mir ein Gefühl der Sicher­heit und Ver­traut­heit.

Mein Stock stößt an etwas, das einen dump­fen Ton erzeugt. Hier ste­hen große, schwere Vasen an den Wän­den zwi­schen den Türen zu den Sälen. Eigent­lich könnte ich den Stab schon ein­klap­pen und ver­schwin­den las­sen, denn ich kenne hier jeden Schritt. Aber ich mag die ver­trau­ten Geräu­sche: die gro­ßen Ton­va­sen, die Holz­rah­men der Türen, das Metall der Stuhl­beine. Es ist jeden Mor­gen mein per­sön­li­ches klei­nes Kon­zert, der Blin­den­stock mein Instru­ment.

Mein Platz vor der Schreib­ma­schine. Ich setze mich, klappe mei­nen Stock zusam­men, ver­staue ihn in der Schub­lade, und mit weni­gen Hand­grif­fen ver­ge­wis­sere ich mich, dass alles an sei­nem Platz ist.

»Jus­ti­tia ist auch blind, oder?«, hatte ich gefragt, als ich spürte, dass meine Gegen­über kon­ster­niert waren und nicht wuss­ten, wie sie das Bewer­bungs­ge­spräch eröff­nen soll­ten. Letzt­lich haben sie dann meine Fähig­kei­ten über­zeugt: schnelle Fin­ger, sechs Fremd­spra­chen und ein unbe­stech­li­ches Ohr.

Ich komme immer vor allen ande­ren hier­her. Das ist dann der Moment, in dem ich lau­sche. Ich kann den Ver­kehr drau­ßen hören, die Vögel in den Bäu­men, und dann wenig spä­ter, wie das Gerichts­ge­bäude lang­sam erwacht: ferne gedämpfte Stim­men, Schritte, Türen­schla­gen, das Quiet­schen des Wägel­chens mit den Akten …

Nie­mand beach­tet mich, wäh­rend die Haupt­ver­hand­lun­gen im Gange sind. Ich sitze mit dem Rücken zum Publi­kum, aber auch die Klä­ger oder Ange­klag­ten sehen mir nicht ins Gesicht. Nie­man­dem fällt etwas auf. Meine Fin­ger huschen über die Tas­ten der Ste­no­gra­fie-Schreib­ma­schine, ein lei­ses bestän­di­ges Kli­cken nur, das bald kei­ner der Anwe­sen­den mehr bewusst wahr­nimmt.

Ich stehe erst auf und gehe wie­der, wenn der Saal sich geleert hat. Vor­her tue ich beschäf­tigt und säu­bere mit einem Tuch peni­bel meine Schreib­ma­schine.

Manch­mal kann ich die Lügen her­aus­hö­ren. Oder das Ver­schwei­gen. Manch­mal Ver­zweif­lung und Unver­ständ­nis. Manch­mal, dass sich der Anwalt beson­ders schlau vor­kommt, oder auch die Vor­ein­ge­nom­men­heit des Rich­ters oder der Rich­te­rin. Oft geht es laut und direkt und auf­ge­bracht zu. Lie­ber jedoch sind mir die lei­sen Zwi­schen­töne. Sie ste­hen nicht in mei­nem Pro­to­koll – eben­so­we­nig wie die Wut, mit der man­che Tira­den vor­ge­tra­gen wer­den. Das gibt nur den genauen Wort­laut wie­der und nicht, wie die Worte gespro­chen wur­den.

Auch die Urteils­ver­kün­dung pro­to­kol­liere ich wört­lich mit. Manch­mal sträu­ben sich meine Fin­ger dage­gen, wenn ich es für ein Fehl­ur­teil halte – ob es nun ein Frei­spruch ist oder eine zu hohe Strafe. Aber auch dies muss, Wort für Wort, nie­der­ge­schrie­ben wer­den. Meine Mei­nung tut da nichts wei­ter zur Sache.

Viel­leicht trägt Jus­ti­tia ja ihre Augen­binde, damit man sie nicht wei­nen sieht.

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Auf ewig dein

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Ich betrete den Kor­ri­dor, oder nein, meine The­ra­peu­tin hat gesagt, ich soll mich nicht immer gleich iden­ti­fi­zie­ren und schön auf die Tren­nung zwi­schen ihm und mir ach­ten, also: Er betritt den Kor­ri­dor, er, die Licht­ge­stalt, mein See­len­zwil­ling, dem die Her­zen der Men­schen zuflie­gen, der ihnen Hoff­nung macht und unter uns allen Zuver­sicht ver­brei­tet. Er ist jetzt auf dem Weg auf die Bühne, ich spüre es, ich sehe es förm­lich, als sei ich bei ihm, als sei ich er, als blickte ich aus sei­nen Augen, und tat­säch­lich sind wir im Grunde eins.

Er spürt es auch, das weiß ich genau, er spürt es, aber er weiß es nicht. Er spürt die Sehn­sucht und ahnt, dass ich ihm ganz nah bin, dass er mir näher und näher kommt, wenn er in weni­gen Augen­bli­cken hin­aus­tritt vor sein Publi­kum, vor die Fern­seh­ka­me­ras.

Sein Blick wird lächelnd über seine Zuschauer und Fans glei­ten – auch über mich, die ich ganz vorne stehe. Irgend­wann, eines Tages, wird er mich wie­der­erken­nen, wird es ihm einen Stich ins Herz tun, und er wird sich erin­nern, dass ich immer da war, immer, bei jedem sei­ner Auf­tritte, aus der ers­ten Reihe zu ihm auf­schaute, und er wird wis­sen, dass wir zusam­men­ge­hö­ren, dass wir See­len­ge­fähr­ten sind seit Anbe­ginn der Zeit, uns hier end­lich wie­der­ge­fun­den haben und von nun an nicht mehr aus­ein­an­der­ge­hen.

Wir wer­den uns in die Arme schlie­ßen. Worte wer­den über­flüs­sig sein. Wir las­sen unsere äonen­alte Sehn­sucht und unsere uni­ver­sums­wei­ten Gefühle zuein­an­der spre­chen, und mein Mes­ser wird dafür sor­gen, dass der Moment unse­res höchs­ten Glücks nie­mals ver­geht. Die Klinge ist so lang, dass sie gleich­zei­tig auch mein Herz durch­boh­ren wird. Auch er wird in die­sem Moment wis­sen, dass sich nur so unsere Liebe erfül­len kann. Die Liebe und der Tod wer­den uns ver­ei­nen. Wir wer­den nie mehr getrennt sein. Nie mehr.

Da. Er tritt aus dem Kor­ri­dor auf die Bühne. Der Applaus und die Hoch­rufe, die uns emp­fan­gen, sind über­wäl­ti­gend. Ich lächle ins Publi­kum. Trete ans Mikro­fon. Lasse mei­nen Blick schwei­fen.

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Enga undank­o­mu­leið

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und gleich­zei­tig zer­platzt meine Hoff­nung, hier end­lich den Aus­gang zu fin­den, wie eine Sei­fen­blase: In die­sem Kor­ri­dor war ich schon! Ich muss im Kreis gelau­fen sein. Zu dumm aber auch.

»Nimm’s nicht per­sön­lich, mein Freund«, ertönt eine Stimme. Doch es ist kein »Freund«, der da in einer Nische seine Staf­fe­lei auf­ge­baut hat und sei­nen Pin­sel schwingt. Ich ant­worte mit einem abfäl­li­gen Lachen, wäh­rend ich zu ihm trete.

»Am Anfang«, sagt er, ohne den Blick von sei­ner Lein­wand zu wen­den, »habe ich auch wie ein Ver­rück­ter den Aus­gang gesucht. Obwohl ich ja wusste, du hat­test alles dafür getan, dass ich ihn nie­mals fin­den kann.«

Ich ver­su­che, einen Blick auf das Bild zu erha­schen, das er malt, doch ver­tritt er mit mit sei­nem mas­si­gen Kör­per den Weg.

»Irgend­wann«, fährt er unge­rührt fort, »wurde mir klar, dass es nicht um den Aus­gang geht. So wenig wie um den Ein­gang. Selbst wenn ich das Ende die­ser end­los ver­schlun­ge­nen Flure und Gänge erreicht hätte, wäre es nur ein neuer Anfang gewe­sen.«

Dass er immer gleich in Pathos ver­fal­len muss! Aber es fällt nie­man­dem leicht, das eigene Schei­tern ein­zu­ge­ste­hen. Ver­mut­lich braucht er das so. Als er ein wenig zur Seite tritt, um an einer ande­ren Ecke sei­nes Bil­des wei­ter­zu­ar­bei­ten, nutze ich die Gele­gen­heit und beuge mich vor, zu ihm in die Nische hin­ein. Sein Gemälde zeigt den Kor­ri­dor, in dem wir uns befin­den; jeder ein­zelne Stein­block in den Wän­den ist kunst­voll aus­ge­führt. Eine Stelle in der Mitte des Bil­des aller­dings hat er frei­ge­las­sen, ver­mut­lich, um eine Figur hin­ein­zu­zeich­nen. Ihn selbst? Oder mich, den Erbauer, gefan­gen in sei­ner eige­nen Schöp­fung?

»Es geht«, fährt er fort, »um die Erkennt­nisse am Weges­rand. Um die Dinge, an denen wir bei unse­rer mani­schen Suche nach dem Aus­weg acht­los vor­über­ge­hen. Du bemerkst sie erst beim zwei­ten oder drit­ten Mal. Hin­ter­her kannst du kaum ver­ste­hen, wie du sie jemals über­se­hen konn­test.«

»Wovon sprichst du?«, frage ich unge­hal­ten.

»Von dem, was dir Halt gibt. Von dem, was dich mit einer Freude erfüllt, die nichts und nie­mand trü­ben kann. Von Erleuch­tung, einem inne­ren Licht, das nie wie­der ver­lö­schen wird. Von etwas, das man nicht suchen kann, nur fin­den.«

»Wenn du brüllst und wütest ist mir das viel lie­ber, als wenn du so pathe­tisch daher­re­dest. Du bist das Unge­heuer, das Ani­ma­li­sche, der Men­schen­fres­ser. Es wirkt lächer­lich, wenn du aus der Rolle fällst.«

Er skiz­ziert jetzt eine Figur mit selt­sa­mer, eng anlie­gen­der Klei­dung. Ich kann nicht erken­nen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau han­delt. »Wer soll das sein?«, frage ich.

»Jemand aus fer­ner Zukunft. Ein Mensch, der sich fragt, was er in den Kor­ri­do­ren wohl über­se­hen haben könnte. Woran er acht­los vor­über­ge­schrit­ten ist.«

»Ja, gewiss, und der Kor­ri­dor ist das Leben, das Laby­rinth ist die Welt, und Schweine kön­nen flie­gen. Ich sag dir was, auch wenn’s dir nicht gefal­len wird: Du bist in die­sen Gemäu­ern ver­rückt gewor­den und hast den Ver­stand ver­lo­ren. Wenn du je wel­chen beses­sen hast.«

Er schnaubt bedroh­lich, und ich trete schnell einen Schritt zurück, aus der Reich­weite sei­ner Hör­ner her­aus.

»Versuch’s mit Bie­nen­wachs und einem Hau­fen Federn«, sagt er. Ich weiß nicht, wovon er spricht. Aber was erwarte ich mir auch von ihm? Er kann mir bei der Suche nicht hel­fen. Ich bin es, der sich hier selbst über­tref­fen muss. Wie konnte ich mich nur vom König aus­trick­sen und in die eigene Falle wer­fen las­sen?

Ich eile wei­ter durch das Laby­rinth, ein Bau­werk, das ich zu dem Zweck ent­wor­fen habe, dass es unmög­lich ist, hin­aus­zu­fin­den. Aber das soll mich nicht wei­ter auf­hal­ten.

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Play­ing Dead

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Ich betrete den Kor­ri­dor, ent­si­chere Papas Gewehr. Gemur­mel dringt aus den Klas­sen­zim­mern. Non scho­lae sed vitae. Wie kurz es auch sein mag.

Doch plötz­lich fla­ckert und ver­schwimmt der Kor­ri­dor, und ich stehe in einem weiß­ge­ka­chel­ten Raum einem Paar­und­zwan­zig­jäh­ri­gen mit Horn­brille gegen­über. »Hallo, Frau Hartl.« Frau Hartl? Ah, rich­tig, ich bin nicht mehr Car­los, der psy­cho­pa­thi­sche Amok­schü­ler, son­dern wie­der seine Latein­leh­re­rin. Auch das Gewehr mit dem Schall­dämp­fer halte ich nicht mehr in der Hand. Aber wer ist der junge Kerl?

»Ich bin der Pro­gram­mie­rer die­ser Amok-Simu­la­tion. Eine reine Rou­ti­ne­über­prü­fung unse­rer Kun­den.«

»Ihre Simu­la­tion funk­tio­niert feh­ler­los und ist für uns Leh­rer äußerst, äh, lehr­reich.«

»Ja, danke. Nur dass aus­schließ­lich Sie die Sim zu nut­zen schei­nen.«

»Ach ja?«

»Ja, vor dem Unter­richt. Mehr­fach. Immer das ›Overkill‹-Szenario. Ohne Blut­fil­ter. Und regel­mä­ßig nur die die letz­ten Minu­ten.«

»Oh, ich … Nun, wir sol­len die Simu­la­tion doch nut­zen, um uns in die Psy­che eines Amok­läu­fers hin­ein­ver­set­zen zu kön­nen.«

»Und in seine Vor­ge­hens­weise. Mich wun­dert nur ein biss­chen, dass Sie es den letz­ten zwei Mona­ten schon an die zwei­hun­dert Mal durch­ge­spielt haben …«

»Nun, wis­sen Sie, ich will ein­fach auf alle Even­tua­li­tä­ten vor­be­rei­tet sein. Sie sind Pro­gram­mie­rer, Sie ahnen ja nicht, was es heut­zu­tage heißt, Unter­richt zu geben. Apro­pos, ich muss dann auch mal los.«

»Ver­stehe. Dann will ich Sie nicht län­ger von Ihren Auf­ga­ben abhal­ten.« Er ver­schwin­det mit einem Fla­ckern.

Ich nehme das Brain­Set ab, steige aus der Liege, schalte den Simu­la­tor aus und schließe den klei­nen Raum, der in vie­len Schu­len genau für die­sen Zweck ein­ge­rich­tet wurde, hin­ter mir ab.

Mit dem Bild vor Augen, wie Car­los das Klas­sen­zim­mer betritt und zuerst auf seine Latein­leh­re­rin anlegt, eile ich zur 9E, mei­ner ers­ten Klasse heute Mor­gen.

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Arri­val Orbit

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Ich betrete den Kor­ri­dor in den Mann­schafts­quar­tie­ren. Der Com­man­der hat eine Bespre­chung ange­setzt. Wir haben das erste Ziel unse­rer drei­ßig­jäh­ri­gen Rund­reise durchs All erreicht: einen Pla­ne­ten, von dem anschei­nend intel­li­gente Radio­si­gnale aus­ge­sen­det wer­den. Lei­der blie­ben unsere Funk­bot­schaf­ten, die wir auf den glei­chen Fre­quen­zen sen­den, bis­lang unbe­ant­wor­tet. Inzwi­schen haben wir den Orbit erreicht, und es muss die Ent­schei­dung getrof­fen wer­den, ob wir einen Lan­de­trupp hin­un­ter­schi­cken.

*

Fünf­zehn Jahre lang waren wir unter­wegs, um hier­her zu gelan­gen. Wie das mög­lich war trotz fünf­und­zwan­zig Licht­jah­ren Ent­fer­nung, ver­stehe ich immer noch nicht rich­tig. Unser Schiff hat meh­rere Mil­lio­nen klei­ner »Bra­nen-Sprünge« zurück­ge­legt und dabei jeweils für wenige Minu­ten die drei Raum­di­men­sio­nen »gequetscht« – so klingt das jeden­falls, wenn die Phy­si­ker drü­ber reden. Wirk­lich nach­voll­zieh­bar hat mir das aber noch kei­ner der Wis­sen­schaft­ler an Bord erklä­ren kön­nen. Wie auch immer wir es geschafft haben: Wir sind da! Der Pla­net dreht sich unter uns. Rotorange und fremd­ar­tig schön fun­kelt er im Licht sei­nes Sterns, von Dut­zen­den lang­ge­streck­ten, sich wurm­ar­tig win­den­den Can­yons durch­zo­gen. Aus einem von ihnen kommt das starke Funk­si­gnal, das uns hier­her­ge­führt hat. Und aus allen ande­ren kom­men eben­falls Funk­si­gnale, die aller­dings viel schwä­cher sind.

Die Ober­flä­che ist wüs­ten­ar­tig, es toben stän­dig Wir­bel­stürme dar­über. Dort bewegt sich etwas. Rie­sige, selt­sam aus­se­hende intel­li­gente Lebe­we­sen? Unser Bio­loge bezwei­felt das. Er hält das eher für etwas wie diese kugel­för­mi­gen Büsche, die durch die mexi­ka­ni­sche Wüste geweht wer­den. Die intel­li­gen­ten Bewoh­ner des Pla­ne­ten, meint er, wer­den wir eher in den Can­yons fin­den, die mit einem für unsere Tele­skope und Instru­mente undurch­dring­li­chen Nebel ange­füllt sind. Fin­den wir hier unsere erste extra­ter­res­tri­sche Zivi­li­sa­tion?

An mir wird es lie­gen, ob mit den Außer­ir­di­schen irgend­ein Aus­tausch zustande kommt. Als Xeno-Lin­gu­is­tin bin ich dafür ver­ant­wort­lich, eine Basis für den kom­mu­ni­ka­ti­ven Aus­tausch zu schaf­fen. Ich bin ziem­lich auf­ge­regt, denn ange­sichts etwas uns völ­lig Frem­den garan­tiert nichts den Erfolg. Wir Men­schen haben es ja nicht ein­mal geschafft, mit Walen und Del­fi­nen zu kom­mu­ni­zie­ren – obwohl sie von unse­rem eige­nen Pla­ne­ten stam­men, DNA mit uns gemein­sam haben und zumin­dest im Falle der Del­fine offen­bar über eine Art sono-pik­to­riale Spra­che ver­fü­gen. Wie will ich mich dann mit Außer­ir­di­schen ver­stän­di­gen?

*

Auf dem Weg zum Kom­man­do­raum gehen mir die vie­len SciFi-Romane und ‑Geschich­ten durch den Kopf, die ich in den Jah­ren unse­rer Reise stu­diert habe: Sto­rys über die Begeg­nung mit frem­den Intel­li­gen­zen. Schon in der Antike hat man über Wesen auf fer­nen Gestir­nen spe­ku­liert, aber erst moderne Schrift­stel­ler haben Begeg­nun­gen mit ihnen geschil­dert. Beson­ders auf­schluss­reich fand ich dabei Fan­ta­sien – denn natür­lich ist kei­ner der Autoren je einer wirk­li­chen außer­ir­di­schen Intel­li­genz begeg­net – dar­über, wie der Ver­such einer Kom­mu­ni­ka­tion auf­grund der gegen­sei­ti­gen Fremd­ar­tig­keit auf gan­zer Länge fehl­schlägt.

Sta­nisław Lem hat sol­che Fias­kos scho­nungs­los beschrie­ben, und wenn ich an Mar­sia­ner Tweel denke, eine Erfin­dung von Stan­ley G. Wein­baum: Bei ihm würde ver­mut­lich auch unser Mathe­ma­ti­ker ver­zwei­feln. Mas­an­ori ist näm­lich der fes­ten Über­zeu­gung, Mathe­ma­tik sei die grund­le­gende Spra­che jeder Intel­li­genz – wer es schaffe, Funk­si­gnale ins All zu sen­den, müsse über phy­si­ka­li­sche und damit auch mathe­ma­ti­sche Kennt­nisse ver­fü­gen.

Aller­dings hat bis­her alle Phy­sik und Mathe­ma­tik nicht hel­fen kön­nen, die Funk­si­gnale, die wir seit Auf­he­bung der E.T.-Quarantäne plötz­lich aus allen Gegen­den des Welt­raums emp­fin­gen, zu ent­schlüs­seln. Und letzt­lich – das hat mir der Com­man­der bereits klar­ge­macht – werde ich es sein, die vor unsere Dele­ga­tion tritt, die Hand hebt und die ers­ten Gruß­worte an die Frem­den rich­ten wird. Lei­der gibt es dafür kei­nen elek­tro­ni­schen Uni­ver­sal­über­set­zer, wie ihn Kirk von der Enter­prise zur Ver­fü­gung hatte, geschweige denn einen »Babel­fisch«.

Jeden­falls ist das alles mehr als auf­re­gend und gewiss weit aben­teu­er­li­cher als meine Begeg­nun­gen mit den Ein­woh­nern Papua-Neu­gui­neas! Noch vor nicht allzu lan­ger Zeit haben Ent­de­ckungs­rei­sende auf der Erde bei sol­chen Gele­gen­hei­ten Glas­per­len und Kugel­schrei­ber als Gast­ge­schenke ver­teilt. Aber ver­mut­lich hat kei­ner von ihnen auch nur im Traum daran gedacht, er könne viel­leicht einer höher­ste­hen­den Zivi­li­sa­tion begeg­nen …

Ob die Außer­ir­di­schen uns Men­schen nun vor­aus sind oder nicht: Der Gedanke, dass wir auf uns feind­lich gesinnte Wesen tref­fen könn­ten, gilt bei uns an Bord als unwahr­schein­lich. Wir sind ja keine Inva­si­ons­flotte, und ver­mut­lich hof­fen wir alle ins­ge­heim, dass uns die Galak­ti­sche Föde­ra­tion nicht ein­fach in ein offe­nes Mes­ser lau­fen lässt. Jeden­falls sind wir nicht bewaff­net – und gegen den inter­stel­la­ren Dra­chen, der uns außer­halb unse­res Son­nen­sys­tems auf­ge­lau­ert hat, hätte uns auch keine Waffe etwas genützt. Wenn Lady Wow nicht gewe­sen wäre …

Unser Tod jeden­falls oder unsere Gefan­gen­nahme sind ein­kal­ku­liert. Dem Schiffs­com­pu­ter muss regel­mä­ßig ein kom­ple­xer, stän­dig wech­seln­der Code ein­ge­ge­ben wer­den. Tut das nie­mand mehr von uns, ver­rie­gelt das Schiff seine Schleu­sen und macht sich selbst­tä­tig und mit­samt all unse­ren For­schungs­er­geb­nis­sen auf den Weg zurück zur Erde.

*

Lady Wow streicht um meine Beine und schnurrt. Sie könnte die Erde in so einem Fall viel­leicht sogar wie­der errei­chen, denn sie wird an Bord voll­au­to­ma­tisch mit Fut­ter und Was­ser ver­sorgt. Aller­dings würde sie wohl sehr, sehr ein­sam sein …

Ich schüttle die sor­gen­vol­len Gedan­ken ab, nehme Lady Wow auf den Arm und betrete als Letzte den Kom­man­do­raum. Eine Ent­schei­dung steht an.

 

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The Gues­sing Game

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Ich betrete den Kor­ri­dor zu den Mann­schafts­quar­tie­ren. Seit über vier­zig Stun­den bin ich auf den Bei­nen, und der Kom­man­dant hat allen die Order erteilt, sich schla­fen zu legen. Dabei bin ich über­haupt nicht müde, son­dern hell­wach – auf eigen­tüm­li­che Weise: Meine Sinne sind geschärft und über­emp­find­lich, mein Kör­per fühlt sich dage­gen ein wenig dumpf und taub an. Hin und wie­der fal­len mir für Sekun­den die Augen­li­der zu, und ich gleite für kurze Momente in selt­same Erleb­nisse aus mei­ner Kind­heit ab.

Dabei spielt sich gerade die selt­samste Geschichte, die man sich den­ken kann, in der Wirk­lich­keit ab, auch wenn ich es kaum fas­sen kann: Wir haben Kon­takt mit einer frem­den Zivi­li­sa­tion auf­ge­nom­men!

*

Unser Lan­dungs­boot setzte in der sturm­durch­tos­ten Wüste auf, die die Ober­flä­che des Pla­ne­ten bil­det – zwi­schen bizar­ren halb­trans­pa­ren­ten Kon­struk­tio­nen, die lang­sam durch den Sand robb­ten, roll­ten und stak­ten, ange­trie­ben durch Segel und mecha­ni­sche Feder­werke. Viele von ihnen waren umge­fal­len oder im Sand ste­cken­ge­blie­ben und ver­fie­len lang­sam. Eine gro­tes­kere Sze­ne­rie für den Erst­kon­takt hätte ich mir kaum vor­stel­len kön­nen.

Uns war sofort klar, dass es sich bei die­sen offen­bar fern­ge­lenk­ten Fort­be­we­gungs­mit­teln nicht um intel­li­gen­tes Leben han­delte, son­dern um etwas, das von den Bewoh­nern die­ses Pla­ne­ten erschaf­fen wor­den war. Wir waren am Rand eines läng­li­chen Can­yons gelan­det, von denen Dut­zende die pla­ne­ten­weite sturm­durch­toste Wüste durch­zie­hen. Aus die­sem hier kam das starke Funk­si­gnal, und wir hat­ten beschlos­sen, nach dem Sen­der zu suchen.

Also zogen wir uns die Ska­p­hander über, ver­lie­ßen unser Lan­dungs­boot und stie­gen in die Schlucht hinab. Es tat gut, aus dem wüten­den Sturm und dem unauf­hör­li­chen Beschuss mit Sand­kör­nern her­aus­zu­kom­men. Der graue, zähe Nebel hier unten, der unsere Sicht­weite zwar auf wenige Schritte beschränkte, uns sonst aber nicht wei­ter störte, wurde nur an der Ober­flä­che von den stän­di­gen Sand­stür­men auf­ge­wühlt: Je tie­fer wir klet­ter­ten, desto stil­ler und trä­ger las­tete er. Obwohl sich die Fel­sen, über die wir kra­xel­ten, in nichts von denen auf der Erde unter­schie­den, hatte die ganze Situa­tion etwas Unheim­li­ches, und das Herz schlug mir bis zum Hals. Zum ers­ten Mal wür­den Men­schen auf lebende Außer­ir­di­sche tref­fen!

Kurz bevor wir den san­di­gen Boden der Schlucht erreich­ten, kroch aus dem Dunst ein Wesen heran, rich­tete sich vor uns auf – und redete uns an! Es war ein wurm­ar­ti­ges Geschöpf von der Größe eines See­ele­fan­ten, ohne Glied­ma­ßen, mit grauer, rin­den­ar­ti­ger Haut und einem Gesicht, das einem Tapir ähnelte. Aus der Mund­öff­nung unter dem kur­zen Rüs­sel drang ein modu­lier­tes Gur­geln, eine Abfolge von Schlürf- und Blub­ber­lau­ten. Dann begann sich auf rät­sel­hafte Weise der Nebel vor sei­ner Brust zu ver­dich­ten und zu einer grauen Minia­tur­aus­gabe mei­ner selbst zu for­men, wie ich dem Wesen mit grü­ßend erho­be­ner Hand gegen­über­stand.

So befremd­lich das alles war: Das Wesen stellte sich als freund­lich und recht kom­mu­ni­ka­tiv her­aus. Zu mei­ner Erleich­te­rung war es nicht wei­ter schwie­rig, seine Spra­che zu erler­nen, denn es konnte aus dem grauen Dunst belie­bige Gebilde for­men – anschei­nend allein mit der Kraft sei­ner Gedan­ken. Indem es diese Dinge immer gleich mit Gur­gel­lau­ten benannte, erwei­terte sich mein Wort­schatz schnell.

Ich zeich­nete unser Lan­dungs­boot in den Sand. Als unser Gegen­über begriff, dass es sich um unser Fort­be­we­gungs­mit­tel han­delte, wirkte es sehr auf­ge­regt und wollte mehr dar­über erfah­ren. Es mate­ria­li­sierte Räder, Feder­werke, Segel und Stel­zen mit Gelen­ken – und konnte offen­bar nicht begrei­fen, dass unser Schiff ohne all diese Hilfs­mit­tel von der Stelle kommt. Ver­bren­nungs­mo­to­ren schei­nen hier unbe­kannt zu sein, und der Kom­man­dant ver­bot mir, dem Wesen dar­über nähere Aus­kunft zu ertei­len.

Immer wie­der musste ich mir vor Augen füh­ren, dass ich nicht träumte – einem gro­ßen grauen Wurm mit sanf­ten Tapirau­gen gegen­über, der sich halb auf­ge­rich­tet hatte und zwi­schen uns auf geis­ter­hafte Weise Gegen­stände mate­ria­li­sierte und mit arti­ku­lier­ten Grunz­lau­ten benannte. Mit der Zeit ermög­lichte mir mein Com­pu­ter ein ers­tes sto­cken­des Gespräch, und immer mehr der Gurg­ler beka­men einen Sinn. Natür­lich ver­suchte ich mich nicht etwa selbst an den Lau­ten sei­ner Spra­che, son­dern ließ sie abspie­len, wäh­rend ich meine Fra­gen ein­tippte.

*

Die Ver­mo­iden – ihre gegrunzte Gat­tungs­be­zeich­nung lässt sich schlecht in mensch­li­cher Spra­che wie­der­ge­ben, so dass unser Exo-Bio­loge auf das gute alte Latein zurück­griff – ken­nen keine Kriege, Hun­gers­nöte oder Ver­bre­chen. Sie wei­den mit ihren beweg­li­chen Nasen win­zig­kleine algen­ar­tige Gewächse zwi­schen den Sand­kör­nern am Boden der Can­yons ab, eine Art Wüs­ten­plank­ton, das im Über­fluss vor­han­den ist. Anschei­nend ver­meh­ren sie sich unge­schlecht­lich – ver­mut­lich durch Abschnü­ren eines Teils ihres Kör­pers. Unser Mathe­ma­ti­ker spe­ku­lierte, dass sie womög­lich auch gleich ihre Nach­kom­men aus dem psy­cho­ak­ti­ven Nebel for­men, doch unse­rem Bio­lo­gen schien das völ­lig abwe­gig. Ich ver­suchte, eine ent­spre­chende Frage zu for­mu­lie­ren, aber unser Gegen­über reagierte aus­wei­chend. Auch Fra­gen nach dem Welt­raum, den Ster­nen, ande­ren Zivi­li­sa­tio­nen irri­tier­ten unse­ren Gesprächs­part­ner. Ich bekam den Ein­druck, dass die Ver­mo­iden, obwohl sie doch über eine Spra­che ver­fü­gen, ein­an­der eher mei­den und Ein­zel­gän­ger sind. Unser Gegen­über jeden­falls schien nur an einer Sache Inter­esse zu haben: am Kon­stru­ie­ren und Mate­ria­li­sie­ren von Maschi­nen, von füh­rer­lo­sen, fern­ge­steu­er­ten Fahr­zeu­gen, wie wir sie in der Wüste beob­ach­tet hat­ten.

Dank des Nebels, von dem unser Bio­loge meint, er sei mög­li­cher­weise bio­lo­gisch und mit den Ver­mo­iden eine Sym­biose ein­ge­gan­gen, genügt dazu offen­bar eine geschulte Vor­stel­lungs­kraft: Der Ver­mo­ide malt sich sein Werk in allen Ein­zel­hei­ten gedank­lich aus, und schon beginnt sich der Nebel zu ver­dich­ten und aus der Fan­ta­sie wird graue, hand­feste Wirk­lich­keit. Was auf uns wie Zau­be­rei wirkt, ist hier All­tag – jeder hier beherrscht diese Kunst.

*

Mir schwirrt der Kopf von all dem. Stand ich tat­säch­lich eben noch auf einem frem­den Pla­ne­ten und habe mich mit extra­ter­res­tri­schen Intel­li­gen­zen über ihr Leben unter­hal­ten?

Zwar schien der Ver­mo­ide an der Funk­ti­ons­weise unse­res Lan­dungs­boots inter­es­siert, nicht aber an uns selbst. Ich glaube, das lag daran, dass zwar alle in unse­rem Team ver­such­ten, eben­falls mit blo­ßer Gedan­ken­kraft etwas aus dem Nebel zu for­men, es jedoch kei­nem von uns gelang.

»Warum nur immer Fahr­zeuge? Warum nicht etwa … sta­tio­näre Maschi­nen? Oder ein­fach Häu­ser?« Wir waren auf kein ein­zi­ges Bau­werk gesto­ßen, und die Frage drängte sich für uns auf, rief jedoch Unver­ständ­nis her­vor. Es könne ihn, erklärte mir Verm, wie wir ihn unter­ein­an­der nann­ten, aus­schließ­lich ein per­fekt kon­zi­pier­tes Fahr­zeug von einem Nebel­gra­ben – so nen­nen sie die Can­yons auf der Pla­ne­ten­ober­flä­che – zum nächs­ten trans­por­tie­ren. So, wie es ja auch uns gelun­gen sei, zu flie­hen.

Es war anfangs nicht leicht her­aus­zu­be­kom­men, was er mit »flie­hen« meinte. Dann begrif­fen wir, dass er von Lärm sprach. Tat­säch­lich hatte unser Com­man­der bei den Gerä­ten, mit denen wir diese Begeg­nung akus­tisch auf­zeich­ne­ten, starke Aus­schläge bemerkt. Eine Über­prü­fung vor Ort ergab schnell, dass es sich um hoch­fre­quente Töne han­delte, ein stän­di­ges Sir­ren, das den mensch­li­chen Hör­be­reich über­schrei­tet und für uns unhör­bar bleibt. Schließ­lich ver­stand ich, was der Ver­mo­ide uns klar­ma­chen wollte: Im Can­yon herrscht für ihn ein stän­di­ger und kaum zu ertra­gen­der Lärm, den er mit Sin­nes­zel­len wahr­nimmt, die sei­nen gan­zen Kör­per über­zie­hen. Und des­halb will er flie­hen!

Zuerst nah­men wir an, die­ses für uns unhör­bare Sir­ren würde durch die Wech­sel­wir­kung der Ober­flä­chen­stürme mit dem Nebel in den Can­yons erzeugt, doch dann erkann­ten wir, dass der Nebel selbst die­sen Lärm ver­ur­sacht, und zwar immer dann, wenn aus ihm irgend­et­was geformt wird: Der Pro­zess der Ver­dich­tung lässt ihn sir­ren – und zwar desto lau­ter, je grö­ßer der mate­ria­li­sierte Gegen­stand ist. Der Com­man­der schwenkte das Mikro­fon im Kreis, und uns wurde bewusst, dass in die­sem Can­yon – hin­ter den Nebel­schwa­den ver­bor­gen – offen­bar Tau­sende, wenn nicht Zehn­tau­sende von Ver­mos damit beschäf­tigt waren, mit­tels Gedan­ken­kraft immer neue Kon­struk­tio­nen zu mani­fes­tie­ren. Daher der stän­dige Lärm.

Zur Ent­täu­schung unse­res Mathe­ma­ti­kers konnte uns Verm keine Bevöl­ke­rungs­zahl nen­nen. Er schien nicht wei­ter als bis vier­zehn zäh­len zu kön­nen. Aber er bekräf­tige, dass auch alle ande­ren Ver­mo­iden nur ein ein­zi­ges Inter­esse haben: ein funk­tio­nie­ren­des Fahr­zeug zu kon­stru­ie­ren, dass als Flucht­fahr­zeug die­nen kann, um dem stän­di­gen Lärm zu ent­kom­men – hin zu einem lee­ren, unbe­wohn­ten Can­yon, einem Nebel­gra­ben, in dem es still ist. Auch Verm selbst setzte alles daran, ein Fahr­zeug zu kon­stru­ie­ren, wel­ches in der Lage ist, ihn durch die erbar­mungs­lo­sen Sand­stürme zu einem der ande­ren Can­yons auf dem Pla­ne­ten zu brin­gen.

Ver­mo­iden schei­nen kei­ner­lei Schlaf zu brau­chen. Wir waren jetzt schon über vier­zig Stun­den auf den Bei­nen, und meine Kon­zen­tra­tion ließ nach. Ich war mir nicht sicher, ob ich all das rich­tig ver­stan­den hatte. Auf Bit­ten des Bio­lo­gen hin fragte ich nach, wie oft denn Ver­mo­iden in einem ihrer Fahr­zeuge in einen ande­ren Can­yon gelan­gen. Doch als Ant­wort dar­auf war mei­nem sonst recht aus­kunfts­freu­di­gen Gesprächs­part­ner nur zu ent­lo­cken, dass die Kon­struk­tio­nen erst aus­führ­lich getes­tet wer­den müss­ten: Erst einem Fort­be­we­gungs­mit­tel, das es wirk­lich bis zu einem ande­ren Nebel­gra­ben geschafft hat, will sich ein Ver­mo­ide anver­trauen. Lei­der jedoch hal­ten die Fahr­zeuge den grau­sa­men Stür­men nicht stand und stel­len meist irgendwo auf hal­ber Stre­cke mit Sand im Getriebe ihre Funk­tion ein. Stolz ver­riet Verm uns, dass er auch Maschi­nen ersinnt, die die­sen Schrott in den Wüs­ten auf­le­sen und zurück in die Nebel­grä­ben kip­pen, wo sie sich dann auf­lö­sen und neues Roh­ma­te­rial erge­ben. Aller­dings – so glaubte ich her­aus­zu­hö­ren – blei­ben auch diese Schrott­samm­ler oft lie­gen.

In mei­nen Ohren klang das alles ziem­lich ver­rückt, auch wenn ich lang­sam den Faden ver­lor, aber die ande­ren waren eher an den tech­ni­schen Details inter­es­siert, was Verm zu freuen schien. Gesteu­ert und über­wacht wür­den die Kon­struk­tio­nen, die füh­rer­los durch die Wüs­ten­stürme roll­ten, stak­ten und robb­ten, durch Signale, wel­che von Funk­strah­lern stamm­ten, die für die­sen Zweck eben­falls aus Nebel geformt wur­den.

Unser Gesprächs­part­ner kannte den star­ken Sen­der, nach dem mich der Com­man­der fra­gen ließ, und führte uns ein Stück weit in den Can­yon hin­ein, wobei er ande­ren Ver­mos geflis­sent­lich aus­wich. Manch­mal sahen wir sie sche­men­haft im Nebel, beschäf­tigt mit gro­ßen, kom­ple­xen Kon­struk­tio­nen: Fahr­zeu­gen auf Stel­zen oder mit Wal­zen oder Rädern – Flucht­fahr­zeuge, um dem all­ge­gen­wär­ti­gen Lärm zu ent­kom­men, den wir zum Glück nicht wahr­neh­men konn­ten.

*

Tau­sende inein­an­der ver­schlun­gene graue Rohre und Röhr­chen, bedeckt von schnell vibrie­ren­den Här­chen: der Funk­strah­ler. Er sah eher orga­nisch aus als wie eine Maschine, fast wie ein Lebe­we­sen. Unglaub­lich, dass sich so etwas ein­fach erdenken lässt. Ich hörte, wie unser Bio­loge mur­melte, die­ser Pla­net hier würde all unsere Vor­stel­lun­gen von Leben und Evo­lu­tion kom­plett auf den Kopf stel­len.

Der Erbauer des Sen­ders, erklärte mir Verm, sei schon lange tot. Er habe damals ver­sucht, alle Ver­mo­iden im Can­yon davon zu über­zeu­gen, dass sie das Kon­stru­ie­ren von Fahr­zeu­gen been­den müss­ten, ja, dass sie gänz­lich auf­hö­ren soll­ten, etwas aus Nebel zu for­men. Gemein­sam könn­ten sie so einen »Nebel­gra­ben der Stille« schaf­fen, einen Ort, wie sie ihn alle zu fin­den hof­fen – den es aller­dings nir­gendwo gebe, da alle Can­yons von lär­men­den Ver­mos bewohnt seien.

Doch die­ser Vor­schlag – unser Gesprächs­part­ner belegte ihn mit einem Begriff, der mir abfäl­lig zu sein schien – spornte alle nur noch mehr an, end­lich ein funk­tio­nie­ren­des, wüs­ten­taug­li­ches Flucht­fahr­zeug zu erfin­den, wor­auf der Ver­mo­ide die­sen Sen­der zu kon­stru­ie­ren begann, wohl in der Hoff­nung, damit Hilfe her­bei­ho­len zu kön­nen.

Viel­leicht hatte er ja sogar auf uns gehofft, dachte ich, aber bevor ich mei­nen Gesprächs­part­ner wei­ter befra­gen konnte, ließ der Com­man­der abbre­chen. Wir nick­ten alle schon fast im Ste­hen ein. Also ver­ab­schie­de­ten wir uns und kehr­ten zum Lan­dungs­boot zurück.

*

Auf dem Rück­flug zum Schiff ent­zün­dete sich eine Dis­kus­sion zwi­schen uns, die aller­dings ziem­lich schnell wie­der ein­schlief, als wir alle fest­stell­ten, dass uns jeweils ganz unter­schied­li­che Dinge auf der Seele brann­ten. Unser Com­man­der ent­deckte, dass sich die Nebel­pro­ben, die wir zur Unter­su­chung mit­ge­nom­men hat­ten, mit stei­gen­der Ent­fer­nung von der Pla­ne­ten­ober­flä­che auf­zu­lö­sen began­nen, ohne Rück­stände zu hin­ter­las­sen. Befrie­digt stellte er fest, dass die Ver­mos zwar in der Lage sein dürf­ten, Flug­ma­schi­nen zu bauen, aber nie­mals Raum­schiffe, weil ihr Bau­ma­te­rial ihren Pla­ne­ten nicht ver­las­sen kann. Damit stell­ten sie kei­ner­lei Gefahr für die Mensch­heit dar. Unser Bio­loge konnte immer noch nicht fas­sen, was für Kon­se­quen­zen diese Begeg­nung mit einer frem­den Intel­li­genz und ihren Fähig­kei­ten für unser Ver­ständ­nis davon bedeu­tet, was Leben ist, wie es ent­steht und sich wei­ter­ent­wi­ckelt. Mas­an­ori, unser Mathe­ma­ti­ker kam nicht dar­über hin­weg, dass die Ver­mos weder wei­ter als Klein­kin­der zäh­len kön­nen noch über phy­si­ka­li­sche Kennt­nisse ver­fü­gen – und trotz­dem einen Radio­sen­der kon­stru­ie­ren konn­ten, der fünf­zehn Licht­jahre über­brü­cken kann. Ich dage­gen wollte über den Erbauer des Sen­ders spre­chen, den unver­stan­de­nen »Pro­phe­ten« der Ver­mos, der uns ja sozu­sa­gen geholt oder zumin­dest her­bei­ge­lockt hatte. Tru­gen wir damit nicht die Ver­ant­wor­tung, den Ver­mo­iden ihr Pro­blem vor Augen zu füh­ren, für das sie offen­bar betriebs­blind zu sein schie­nen?

Die ande­ren sahen mich irri­tiert an. »Betriebs­blind? Was meinst du damit?«, fragte mich der Bio­loge ver­dat­tert. Da wir alle drin­gend Schlaf benö­tig­ten, ver­scho­ben wir alle wei­te­ren Dis­kus­sio­nen und Unter­su­chun­gen auf spä­ter.

*

Jetzt liege ich in mei­ner Koje, gleich­zei­tig hell­wach und hun­de­müde, und will das alles noch ein­mal Revue pas­sie­ren las­sen. Doch es fällt mir immer schwe­rer, klar zu den­ken.

Eigent­lich haben wir ein Para­dies ent­deckt, denke ich. Nicht für uns Men­schen natür­lich, aber doch wohl für die Bewoh­ner die­ses Pla­ne­ten. Wenn nur nicht der Nebel krei­schen würde! Na, das tut er ja auch nur, weil … Ich glaube, jetzt höre ich es auch. Das Sir­ren kommt von allen Sei­ten, an- und abschwel­lend. Ich bin wütend. Aber nein, ich muss mich kon­zen­trie­ren! Was, wenn wir Men­schen so ein Mate­rial hät­ten, das wir durch Gedan­ken­kraft in jede belie­bige Form brin­gen könn­ten? Oder ist gar nicht die Frage? Meine Oma will mich mit­neh­men zu einem Zau­be­rer, der in der Stadt ist, doch dann fällt des­sen Vor­stel­lung ein­fach aus. Ich bin trau­rig und ent­täuscht, weil ich mich doch so dar­auf gefreut hatte! Magie! Kanin­chen aus dem Hut. Ohne Hut. Ex nihilo. Es stellt alles völ­lig auf den Kopf, was wir wis­sen und ken­nen. Und jetzt das! Ich bin wütend, ent­täuscht und trau­rig. Dabei hatte ich eben noch einen wich­ti­gen Gedan­ken. Mich kon­zen­trie­ren zu wol­len, ist jedoch ein Lösungs­ver­such, der das Pro­blem erst schafft. Ich stelle erfreut fest, dass es mir ohne Anstren­gung gelingt, aus dem Nebel einen rie­si­gen Ohren­schüt­zer zu mani­fes­tie­ren, in den ich und Lady Wow uns bequem hin­ein­ku­scheln kön­nen. Hier ist es wun­der­bar still.

Aber da sind mir die Augen schon zuge­fal­len, und ich bin end­lich selig ein­ge­schla­fen.

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Hell­is­lí­king

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»Ich betrete den Kor­ri­dor«, rief der Wald­mäu­se­rich, was in unkun­di­gen Ohren wie eine Reihe kur­zer Pfiffe geklun­gen hätte, »und: nichts.«

Die Wald­mäu­sin brummte unwirsch, und als ihr aus dem Kor­ri­dor ent­ge­gen­schallte »Ich komme dann jetzt zurück«, pfiff sie erregt: »Sieh gefäl­ligst noch drau­ßen vor der Tür nach. Ich bin sicher, etwas gehört zu haben.«

Der Mäu­se­rich schlich unschlüs­sig im Kor­ri­dor ihrer Wohn­höhle umher. »Es riecht ein wenig nach Fuchs«, rief er sei­ner Frau zu, die dar­auf aber nicht ant­wor­tete. Schließ­lich meinte er mit mög­lichst ent­schlos­se­ner Stimme: »Ich glaube, du hast geträumt, und wir soll­ten ein­fach wei­ter­schla­fen!« Prompt pfiff seine Gat­tin: »Ich habe Ein­bre­cher gehört, und es ist deine Auf­gabe und Pflicht, sie zu stel­len und zu ver­trei­ben. Denk nur an unsere kost­ba­ren Win­ter­vor­räte!«

»Ich bin jetzt im Ein­gangs­be­reich«, rief der Mäu­se­rich, »und: nichts. Hier ist nichts.« Das ließ die Mäu­sin nicht gel­ten: »Ich habe aber etwas gehört!«

Der Mäu­se­rich ließ die Schul­tern hän­gen und suchte wei­ter. »Ich bin jetzt drau­ßen vor der Tür«, rief er. Und: nichts.

Nach einer Weile fragte die Mäu­sin nach, doch ihr Gatte ließ nichts mehr von sich hören. Schließ­lich betrat die Wald­maus­frau höchst­selbst den Kor­ri­dor, in dem aber auch sie nichts Unge­wöhn­li­ches ent­de­cken konnte. »Muss man denn alles sel­ber machen?«, brummte sie und trat vor die Wohn­höhle, wo es ihr erging wie ihrem Gat­ten.

 

Wer war­ten kann, dem – so die Moral die­ser Fabel – springt der Fraß von selbst auf die Gabel.