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Boojums Everywhere
Ich betrete den Korridor durch die Einstiegsluke, die mir keinen großen Widerstand entgegengesetzt hat, und suche in der Kapitänskajüte nach Kartenmaterial. Die Marina bot mir eine große Auswahl, und diese Jacht hat genau die richtige Größe für mich. Tatsächlich: Wie erhofft entdecke ich hier Seekarten. Ich schließe die Zündung kurz – auch das funktioniert. Mit dem eingebauten GPS sollte ich mein Ziel erreichen können, auch ohne jemals zuvor ein Motorboot gesteuert zu haben. Die entsprechenden Satelliten jedenfalls funktionieren – noch. Bevor ich ablege, bunkere ich weiteren Schiffsdiesel und Lebensmittel.
Ich war im Keller, um meine Waschmaschine zu befüllen. Als ich hochkam, war es seltsam still auf der Straße. Ich ging nachgucken. Alle Autos standen still, und es saß niemand drin. Neben ihnen kleine Haufen: ein Paar Schuhe und, fein säuberlich gefaltet, die Kleidung. Zuerst konnte ich es nicht begreifen. Ich lief weiter bis zur Einkaufspassage. Auch hier: keine Menschenseele mehr. Alle Bewohner Hamburgs waren verschwunden und hatten nur, fein säuberlich gefaltet, ihre Kleidung hinterlassen.
Am Telefon meldete sich niemand, im Fernsehen liefen zwar noch eine Zeitlang Sendungen, doch es gab keine Nachrichten, auch im Radio nicht. Auch von meiner Familie, von den Freunden waren nur Schuhe und die Kleidung übrig, säuberlich gefaltet. Einmal entdeckte ich auf einem der Kleiderhaufen eine künstliche Hüfte, einmal ein Glasauge.
Wo auch immer sie jetzt sind: Sie haben mich vergessen. Ich bin der letzte Mensch auf der Erde. Aber glauben Sie mir, es macht keinen Spaß, schwere Motorräder zu fahren, Juwelen zu tragen, teure Spezialitäten zu futtern und in Luxussuiten zu schlafen – wenn niemand sonst mehr da ist. Ich schrie und weinte viel, suchte verzweifelt nach weiteren Übriggebliebenen. Ohne Erfolg.
Der Verfall setzte ein. Nach kurzer Zeit fiel der Strom aus, und ich kam nicht mehr ins Internet – da nützten mir dann auch die Batterien und Akkus nicht mehr, mit denen ich mich fürs Laptop eingedeckt hatte. Die Zoos fielen mir ein, und ich überlegte, ob ich die Tiere befreien sollte, die jetzt dem Hungertod ausgesetzt waren. Leider gibt es so viele davon, und einen Tiger oder Eisbären zu befreien könnte sich als gefährlich für mich erweisen.
Was war geschehen? Irgendeine Macht hatte alle Menschen verschwinden lassen – und dazu alle Autos angehalten. Was war mit den Flugzeugen? Waren auch sie vorher sanft gelandet? Zumindest fand ich keine Hinweise auf Abstürze. Wem wäre so etwas zuzutrauen? Doch nur Außerirdischen oder Gott. Wer auch immer dahintersteckte: Sie hörten mein Rufen nicht. Sie waren nicht mehr da, fort mit denen, die sie, pudelnackt offenbar und ohne künstliche Ersatzteile, entführt hatten. Keine Horden fremdartiger Wesen plünderten die Einkaufszentren oder schafften unsere Goldreserven in ihren Raumschiffen weg.
Oder, wenn es Gott war: War das sein Update der Sintflut? Das Jüngste Gericht? Wie hatte er mich übersehen können? Oder könnte das alles vielleicht Vorsehung sein, war es ein Neuanfang, hatte er einen neuen Adam und eine neue Eva zurückgelassen?
Aber ich fand niemanden. Und niemand fand mich. Stattdessen wurde mir irgendwann klar, dass ich in großer Gefahr war. Ein Fernsehsender läuft noch eine Zeitlang weiter wie programmiert. Doch einem Atomkraftwerk ohne Wartung und Strom droht nach einiger Zeit die Kernschmelze. Wo stehen diese Dinger? Leider habe ich verpasst, mir die Standorte im Internet anzusehen, als es noch funktionierte. Ein Geigerzähler wär jetzt nützlich, aber wo sucht man nach so einem Gerät? Im Elektrofachhandel? Niemand da, den ich hätte fragen können. Schließlich beschloss ich, schnellstmöglich das Weite zu suchen. Ein Flugzeug kann ich nicht fliegen, eine Motorjacht zu steuern jedoch: Das traue ich mir zu. Hochseetüchtig soll sie sein, denn ich will raus zu den Azoren. Da haben sie keine Atomkraftwerke (soweit ich weiß zumindest), die großen Landmassen sind weit entfernt, und es gibt genügend Zivilisation und damit Treibstoff, Batterien und vor allem unverderbliche Lebensmittel dort, bis ich etwas angepflanzt habe und mich selbst versorgen kann.
Mir tun die Arme weh vom Schleppen der Kanister. Ich habe alles an Bord. Trotzdem bin ich plötzlich wie gelähmt, und meine ganze Aktion erscheint mir völlig sinnlos. Alles erscheint mir sinnlos.
Als Kind, fällt mir ein, hatte ich auf dem Rückweg von der Grundschule manchmal Angst, ein verlassenes Zuhause vorzufinden. Ich saß auf dem Fahrrad, trat mit voller Kraft in die Pedale und malte mir aus, meine Eltern und Geschwister hätten von einem drohenden Vulkanausbruch erfahren und seien geflohen, ohne an mich zu denken. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf diesen Gedanken kam und ob er mir wirklich Angst bereitete oder doch eher einen wohligen Schrecken, den ich nutzte, um schneller nach Hause zu kommen – wo natürlich alles in bester Ordnung war. Jetzt jedenfalls packt mich eine tiefe existenzielle Angst, und ich habe das Gefühl, ich müsse zerspringen oder ein gewaltiger Komet müsse einschlagen, der die Erde zertrümmert. Doch nichts passiert. Die Wimpel wehen in der Brise, die Stahlseile schlagen an die Metallmasten, das Wasser gluckert vergnügt zwischen Rumpf und Kai.
Langsam komme ich wieder zu Sinnen. Ich sitze zusammengekauert unter dem Steuerruder und zittere am ganzen Leib. Wenn Gott noch jemand anderen vergessen und zurückgelassen hat, sollte ich ihm die Chance geben, mich zu finden.
Wenig später bin ich ein letztes Mal in der Stadt. Ich steige in stehengebliebene Autos, brettere mit ihnen gnadenlos durch die kniehohe Hecke auf die Liegewiese an der Alster und parke sie da ohne Rücksicht auf Blechschäden Stoßstange an Stoßstange. Ein bisschen ist es wie beim Autoscooter auf dem Jahrmarkt – nur dass die anderen Fahrzeuge unbeweglich und leichte Ziele für mich sind, während ich sie in Form großer Buchstaben anordne. Die Freifläche reicht nicht ganz aus, und den letzten Buchstaben des Wortes kann ich nur noch andeuten. »Azoren« buchstabieren die verkeilten Autos jetzt. So ist mein Ziel auch von einem Flugzeug aus zu erkennen – für den Fall, dass es doch einen Adam geben sollte, der auf der Suche nach seiner Eva ist …
