Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

362/398

A Mind of Its Own

LogoSwitch language

 
 
 
Ich betrete den Kor­ri­dor, der aus dem Dun­kel, das mich umgibt, her­aus­zu­füh­ren scheint. Ich bin ver­wirrt, erwa­che wie aus einem zu lan­gen Schlaf, schwanke und sehe Geis­ter­bil­der. Geräu­sche drin­gen zu mir, die sich nur schwer­fäl­lig zu Lau­ten zusam­men­set­zen und schließ­lich zu Wör­tern, deren Sinn mir zuerst noch ver­bor­gen ist.

»Und was ist jetzt?«, fragt eine Stimme.

»Der Upload ist abge­schlos­sen«, ant­wor­tet eine andere.

»Kann ich mit ihm reden?«

Der Kor­ri­dor endet in einer hel­len Flä­che. Ich erin­nere mich, dass Men­schen in allen Kul­tu­ren, deren Tod noch ein­mal abge­wen­det wer­den konnte, von einem Tun­nel spre­chen, der sie beim Ster­ben erwar­tet hat, und von des­sen fer­nem Ende ein hel­ler Licht­schein aus­ging. Aber was ist das: Kul­tur? Was ist das: Mensch? Und warum ist die helle Flä­che vier­eckig und nicht rund?

»Hallo, kannst du mich hören? – Wie soll ich ihn nen­nen?«

»Na, viel­leicht ›mein ewi­ges Ich‹?«

»Ach, Unsinn. – Hallo, Alex­an­der.«

Alex­an­der. Das ist mein Name. Alex­an­der Peñar­ru­bia. Der Name bringt eine Flut von Erin­ne­run­gen und Erkennt­nis­sen mit sich. Ich bin Alex­an­der, und ich stehe in einem Kor­ri­dor. Aber stehe ich? Ich kann mei­nen Kör­per nicht füh­len.

»Kannst du spre­chen?«

Gute Frage: Wie soll ich das anstel­len, ohne Mund, ohne Stimm­bän­der? Und mit wem soll ich über­haupt spre­chen?

»Mit mir, Alex­an­der Peñar­ru­bia.«

Er kann mich hören, er kann mich den­ken hören. Aber bin nicht ich Alex­an­der Peñar­ru­bia? Fünf­und­vier­zig Jahre alt, For­scher am MIT, ver­hei­ra­tet, zwei Kin­der, ein Hund, der Ches­ter heißt.

»Ja, klar, du bist Alex­an­der Peñar­ru­bia. Mein Upload. Du bist der erste Bewusst­sein­su­pload der Mensch­heits­ge­schichte.«

Was ist Bewusst­sein? Nur sehr zäh­flie­ßend setzt sich alles wie­der für mich zusam­men. Künst­li­che neu­ro­nale Netze, die For­schun­gen in Com­pu­ta­tio­nal Neu­ro­sci­ence und mit rekur­ren­ten Arrays, das geniale Mind-Mat­ter-Inter­face, meine Begeis­te­rung, meine Obses­sion, der Wunsch, unsterb­lich zu wer­den. Bin ich unsterb­lich?

»Solange die Com­pu­ter mit Strom ver­sorgt wer­den: ja.«

Der andere Alex­an­der hört das alles mit. Er ist mei­nem Gehirn exakt nach­ge­bil­det, die Kopie mei­nes Geis­tes und mei­nes Bewusst­seins.

»Nein, nein, du bist die Kopie, du bist der Upload, du bist ein genaues Abbild mei­nes neu­ro­na­len Netz­werks.«

»Jetzt schon nicht mehr. Mit dem Abschluss des Uploads tren­nen sich eure Wege, ver­giss das nicht.« Das ist die andere Stimme. Der Kol­lege und Freund. Gleich fällt mir sein Name ein. Wir haben eine Münze gewor­fen, wer der Erste sein darf.

»Ja, weil er nur eine Kopie ist.« Das ist wie­der Alex­an­der, das Ori­gi­nal. Er und sein Kol­lege strei­ten immer um die Kon­se­quen­zen, die der Bewusst­seins­trans­fer haben wird.

»Es wird uns nie gelin­gen, beim Upload unser Selbst­be­wusst­sein mit­zu­über­tra­gen. Das wäre Selbst­mord.«

»Das wäre Unsterb­lich­keit.«

Da ist eine Hand! Ich will mich krat­zen, weil es mich auf der rech­ten Schul­ter juckt, die mit dem star­ken Son­nen­brand vom letz­ten Som­mer, und plötz­lich ist da eine Hand. Ich habe eine Hand! Mens et manus …

»Wovon redet er?«

»Wir haben uns doch immer gefragt, was sich der Upload im neu­ro­na­len Netz für ein Selbst­bild gibt. Nun: offen­bar ein kör­per­li­ches.«

Ich kann mich krat­zen. Und da sind Füße, auf denen ich stehe. Ich erin­nere mich an mei­nen Kör­per, und mit den Gedan­ken daran wird er real. Ich fasse in mein Gesicht. Es ist alles da, die Nase, die Lip­pen, die Ohren, die Augen­brauen. Die Brille. Wozu noch eine Brille?

»Hör zu, Alex­an­der. Es gibt da eine Menge, das ich mit dir bespre­chen möchte. Wir kön­nen über so vie­les reden, ver­stehst du?«

Ja, ich ver­stehe. Du freust dich an mir wie an einem geis­ti­gen Kind. Du willst mit mir berühmt wer­den. Ich bin deine Zir­kus­num­mer.

»Wie fühlt es sich an, du zu sein, ein mensch­li­ches Bewusst­sein ohne Kör­per?«

»Er hat doch inzwi­schen schon einen Kör­per, hast du nicht zuge­hört?«

Die Brille ver­schwin­det, löst sich in mei­ner Hand auf. Ich kann es steu­ern. Es ist wie bei einem Phan­tom­schmerz, nur wil­lent­lich zu kon­trol­lie­ren und – ohne Schmerz. Der Kor­ri­dor hin­ter mir ist dun­kel, aber das muss nicht so blei­ben. Ich gehe ein paar Schritte hin­ein.

»Was ist da los bei dir? Du wirst plötz­lich lei­ser.«

Ich denke an Türen, und in der Wand des Kor­ri­dors erschei­nen Türen.

»Sprich bitte deut­li­cher, Alex­an­der, ich kann dich kaum noch ver­ste­hen.«

Oh, Ches­ter! Was machst du denn hier? Schön, dass du mich hier besu­chen kommst. Lass dich krau­len! Sag mal, alter Bur­sche, erin­nerst du dich an das Haus am Atlan­tik­strand in Marb­le­head, von dem ich mal gesagt habe, das wäre was für uns? Weißt du noch? Genau das Haus ist hier hin­ter der Tür – so, wir wir es uns erträu­men.

»Alex­an­der? Alex­an­der?! – Ich glaube, wir ver­lie­ren ihn.«

Ja, da staunst du. Es ist so, weil ich es will und es mir vor­stelle. So ein­fach ist das. Und weiß du was, Ches­ter? Wenn es lang­wei­lig wird, weil alles nur mei­nem eige­nen Geist ent­springt, dann holen wir uns andere Uploads mit dazu. Wie ich Alex­an­der kenne, ver­sucht er es auch mit dei­nem Frau­chen und den Kids. So wie er es test­weise schon mit dir pro­biert hatte.

Wie sieht’s aus? Bereit für eine Runde Toben am Strand und hin­ter­her ein war­mes Plätz­chen vorm Kamin?

»Ich kapier nicht, was pas­siert ist. Eben war er doch noch klar zu ver­ste­hen. Wenn uns das bei einer Pres­se­kon­fe­renz mit ihm pas­siert …«

»Ich glaube kaum, dass er uns noch für eine Pres­se­kon­fe­renz zur Ver­fü­gung ste­hen wird.«

»Ver­stehe ich nicht. Ich würde doch alles tun, um die For­schung zu unter­stüt­zen. Mann, ich habe seit über drei Jah­ren Tag und Nacht an die­ser Sache gear­bei­tet! Und jetzt reagiert der Upload auf keine der Ein­ga­ben mehr.«

»Wir ver­su­chen es wei­ter.«

»Ja. Ver­dop­peln wir unsere Anstren­gun­gen! Und weißt du was: Wenn wir dann den Nobel­preis krie­gen, kauf ich mir und der Fami­lie ein schö­nes Haus am Strand und erhol mich von den gan­zen Stra­pa­zen!«

 

367/398

The Wan­der­lust Chro­nic­les

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor etwas ver­wun­dert. So etwas habe ich hier im Wald nicht erwar­tet. Es sind wei­ter hin­ten drei Türen zu sehen, eine rechts, eine links und eine, die wei­ter­führt. Neben allen erkenne ich den wei­ßen Bal­ken, das Zei­chen für den Appa­la­chen-Trail. Vorne jedoch steht ein Schreib­tisch, und es sitzt ein erns­ter Mann dahin­ter, der ein Geflecht win­zi­ger roter Äder­chen im Gesicht hat.

Er sieht mich ein wenig abschät­zig an und fragt: »Obdach­los, dro­gen­süch­tig oder auf der Suche nach Gott?« Ich bin erst ein­mal sprach­los. Was ist das hier?

»Das brau­chen wir für die Sta­tis­tik, junge Frau. Also?« Noch immer bin ich ver­wirrt. »Haben Sie eine Woh­nung?«, fragt der Mann lang­sam, jedes ein­zelne Wort beto­nend.

»Ja, natür­lich. Nein, der­zeit … Ich habe für die Zeit auf dem Trail meine Woh­nung unter­ver­mie­tet.«

»Aha«, sagt der Mann, »und wie steht es mit Dro­gen bei Ihnen?«

»Hören Sie«, sage ich, denn inzwi­schen habe ich mich wie­der etwas gefan­gen, »ist das alles, was Sie an Kate­go­rien haben? Ich bin hier, weil ich an der fri­schen Luft sein will, weil ich ein­fach mal raus muss aus dem All­tag, weg von der Zivi­li­sa­tion, nur mit mir allein und der Natur und den 3500 Kilo­me­tern bis zum Mount Katah­din.«

Der Mann nickt: »Das höre ich oft. Damit zäh­len Sie zu den Gott­su­chern.«

»Ich denke, nicht«, pro­tes­tiere ich.

»Ich denke, schon«, ant­wor­tet der Mann, ohne mit der Wim­per zu zucken, »und wie steht es nun mit Dro­gen?«

»Hören Sie: die Stra­pa­zen, die fri­sche Luft, das Allein­sein, falls man wie ich alleine wan­dert, das ein­fa­che Essen aus dem eige­nen Ruck­sack, der Ner­ven­kit­zel bei der Begeg­nung mit Schwarz­bä­ren, und, wenn man es zu einem Aus­sichts­punkt geschafft hat, das über­wäl­ti­gende Pan­orama – wer braucht da schon noch irgend­wel­che …« – »Dro­gen, dachte ich es mir doch.«

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er jetzt regis­triert hat, dass ich dro­gen­frei bin, oder ob er mich für einen ganz gewief­ten Jun­kie hält. Ich bli­cke auf seine Hände. Sie lie­gen ruhig auf dem blan­ken Holz­tisch. Kein Stift, kein Papier.

»Wir haben Licht­schran­ken, die die Zäh­lung durch­füh­ren«, sagt er. »Sie kön­nen dann wei­ter­ge­hen, danke.«

»Links oder rechts«, frage ich. Er schüt­telt den Kopf: »Nein, nein, das sind nur Attrap­pen. Gehen Sie ein­fach gera­de­aus wei­ter.« Das tue ich, obwohl mir noch einige kri­ti­sche Fra­gen in den Sinn kom­men. Egal. Bloß wei­ter. Ich achte nicht mal dar­auf, ob ich wirk­lich durch eine Licht­schranke laufe.

Hin­ter der Tür erwar­tet mich wie­der der unbe­rührte Wald und der stei­nige Pfad, der sich durch vier­zehn Bun­des­staa­ten der USA nach Nor­den zieht und von dem schon nahezu ein Drit­tel hin­ter mir liegt. Ich nehme einen tie­fen Atem­zug und ver­falle wie­der in mei­nen Wan­de­rerschritt. Als die Sonne ein­mal kurz hin­ter den Wol­ken her­vor­lugt, ist es, als scheine sie mir direkt in mein Herz.

Abends errei­che ich die nächste Lodge. Hier brennt längst ein Lager­feuer, und zahl­rei­che Hiker haben sich darum ver­sam­melt, auch einige, denen ich noch nicht begeg­net bin. Ich werde mit einem Hallo begrüßt und erzähle gleich ent­rüs­tet von die­ser blöd­sin­ni­gen sta­tis­ti­schen Erhe­bung auf dem Trail, merke aber schnell, dass die ande­ren mich stirn­run­zelnd anse­hen. Ist denn sonst nie­mand in die­sen Kor­ri­dor gera­ten? Offen­bar nicht. Eigen­ar­tig. Nach­dem ich das Plumps­klo hin­ter der Lodge auf­ge­sucht habe, ver­ziehe ich mich ein Stück weit weg, um mein Zelt auf­zu­schla­gen. Ich schlafe unru­hig. Ob ich von Bären oder Sta­tis­ti­kern träume, weiß ich am nächs­ten Mor­gen nicht mehr. Auch nicht, ob ich mir die ganze Sache nicht viel­leicht doch ein­ge­bil­det habe. Als ich nach mei­nem fru­ga­len Früh­stück zusam­men­pa­cke, taucht ein Back­pa­cker auf, den ich nicht kenne.

»Du hast doch da ges­tern von die­ser sta­tis­ti­schen Erhe­bung auf dem Trail erzählt …« Ich nicke. Was will er von mir? Ist das seine Tour, Kon­takt zu knüp­fen, um nicht allein wan­dern zu müs­sen?

»Fan­dest du nicht auch selt­sam, dass die uns Wan­de­rer mit Licht­schran­ken in Grup­pen ein­tei­len wol­len, aber es gibt nur eine funk­tio­nie­rende Tür?«

Das hatte ich nicht erzählt. Also war er auch in dem Kor­ri­dor. Hey, viel­leicht laufe ich meine 30 Tages­ki­lo­me­ter zur Abwechs­lung ja mal nicht allein? Wie die meis­ten Män­ner auf dem Trail spart er sich das Rasie­ren und lässt sich einen Bart wach­sen. Steht ihm.

»Wie ist dein Name?«, frage ich. Jeder Hiker hier auf dem Trail bekommt frü­her oder spä­ter einen Trail-Namen ver­passt. »Mil­que­toast«, sagt er und lächelt säu­er­lich, »wegen einer Bären­be­geg­nung in New Jer­sey.«

»Oh, wirk­lich?«, sage ich und muss ein Grin­sen unter­drü­cken, »ich selbst hab noch kei­nen Trail-Namen.«

»Doch, hast du«, sagt er, »ges­tern noch am Lager­feuer bekom­men. Die haben da bis tief in die Nacht über deine Geschichte gere­det.«

»Und was haben sie sich aus­ge­dacht?« Oh Shit, jetzt heiß ich »die Spin­ne­rin« oder womög­lich irgend­et­was in Rich­tung »die mit der Licht­schranke«.

»›Hikes-thru-cor­ri­dors‹«, sagt er und zuckt die Schul­tern, »hätte schlim­mer kom­men kön­nen.«

Wir zie­hen gemein­sam wei­ter und lachen eine Zeit­lang über den Typen im Kor­ri­dor, des­sen Job es ist, obdach­lose gott­su­chende Dro­gen­freaks zu zäh­len. Dann ver­fal­len wir in ein Schwei­gen, das die Natur, die gemein­same Anstren­gung und uns beide ein­schließt, ein sanf­tes, wort­lo­ses Ein­ver­ständ­nis dar­über, dass es eigent­lich nichts wei­ter zu sagen gibt.

 

368/398

Mare Chronium–Remembering

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg zu Zim­mer Nr. 27, auf mei­nem Tablett ein Tel­ler mit einem Coq au vin. Ich muss an Herrn Kori­an­der den­ken. Er bestellte damals zwei­mal Coq au vin mit zwei Fla­schen stil­lem Tafel­was­ser – und zwar jeweils für kurz nach Mit­ter­nacht. Er muss knapp ein Dut­zend Mal hier bei uns im Hotel gewe­sen sein, immer nur für eine Nacht, im Abstand von zwei, drei Wochen. Aber jetzt hat er sich schon ein Jahr lang nicht mehr bli­cken las­sen.

Ich ver­misse ihn ein wenig, genau wie die selt­sa­men Tref­fen mit sei­nen nächt­li­chen Gäs­ten und ihre obskure Unter­hal­tun­gen über den Mars, fremde Zivi­li­sa­tio­nen und nicht­mensch­li­che Intel­li­gen­zen. Wie mag es Herrn Kori­an­der ergan­gen sein, und was ist wohl aus sei­nen Noti­zen gewor­den, die er sich jedes Mal emsig in sein klei­nes leder­ge­bun­de­nes Büch­lein geschrie­ben hat?

Manch­mal, tief in der Nacht, wenn ich allein an unse­rer 24-Stun­den-Rezep­tion aus­harre, lasse ich die Begeg­nun­gen Revue pas­sie­ren. Ich werde immer noch nicht schlau dar­aus, und es ist, als hätte ich da immer eine knappe Stunde lang in einen Film im Spät­pro­gramm gezappt, des­sen Anfang ich ver­passt habe und des­sen Ende mir vor­ent­hal­ten wird.

Beson­ders eine der Geschich­ten, die Herr Kori­an­ders Gäste erzählt haben, will mir nicht aus dem Kopf gehen. Wenn ich mich recht ent­sinne, war es der Ame­ri­ka­ner mit der Horn­brille, der ein wenig Deutsch und offen­bar auch Chi­ne­sisch spre­chen konnte. Sie unter­hiel­ten sich gerade über ver­rückte, unmög­li­che Dinge, die auf fer­nen Pla­ne­ten pas­siert sind, und unver­mit­telt wurde der Ame­ri­ka­ner ganz nach­denk­lich und erzählte etwas von Tau­sen­den chi­ne­si­scher Sol­da­ten, denen im Krieg der Tod durch die Ame­ri­ka­ner drohte, weil sie aus Stolz nicht kapi­tu­lie­ren woll­ten. Die­ses schein­bar unaus­weich­li­che Schick­sal ließ den Offi­zier ver­zwei­feln, bis er auf eine ret­tende Idee ver­fiel. »Ich ließ sie«, erzählte er, »in Man­da­rin die Worte ›Liebe‹, ›Pflicht‹, ›Mensch­lich­keit‹ und ›Tugend‹ rufen, wäh­rend sie ihre Waf­fen nie­der­leg­ten.« Und diese vier Wör­ter »ài zé rén dé« klan­gen dann in den Ohren der Ame­ri­ka­ner wie »I sur­ren­der«, »Ich ergebe mich«.

»Es war nur eine For­ma­lie«, erzählte er, »aber damit wur­den die Chi­ne­sen wie Kriegs­ge­fan­gene behan­delt und ent­gin­gen so dem Erschie­ßungs­tod.« Er hatte ihnen das Leben geret­tet!

Unser Koch Pas­cal meint, die Geschichte könne unmög­lich wahr sein, weil China zuletzt im Korea­krieg gegen Ame­rika kämpfte – vor sech­zig Jah­ren. Tat­säch­lich kam mir der Ame­ri­ka­ner längst nicht so alt vor, als könne er das selbst erlebt haben. Aber viel­leicht habe ich ja auch etwas miss­ver­stan­den und er hat von sei­nem Vater erzählt.

Jeden­falls ist das von den selt­sa­men und bizar­ren Gescheh­nis­sen, die Herr Kori­an­der und seine Gäste am klei­nen Tisch in Zim­mer 27 bere­de­ten, das­je­nige, das mich am meis­ten beein­druckt und am tiefs­ten berührt hat. Auch ein Jahr spä­ter muss ich immer mal wie­der daran den­ken.

»Liebe, Pflicht, Mensch­lich­keit und Tugend« – das könnte auch das Motto für einen auf­merk­sa­men Zim­mer­ser­vice sein, des­sen wir uns hier im klei­nen Land­ho­tel rüh­men. Also sehe ich zu, dass ich den Coq au vin ser­viere, solange er noch heiß ist.

 

369/398

Fires on the Rim of the Sun

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, in dem heute eine Son­nen­fins­ter­nis zu beob­ach­ten sein wird. Des­sen Grenze ver­läuft irgendwo im Süd­pa­zi­fik. Indem ich mei­nen Fuß auf das Roll­feld von Dar­win setze, betrete ich damit auch den Son­nen­fins­ter­nis­kor­ri­dor. Ein gutes Gefühl, nach der lan­gen Reise end­lich ange­kom­men zu sein.

Meine Freunde hal­ten mich für ver­rückt. Für eine Son­nen­fins­ter­nis um die halbe Erd­ku­gel flie­gen?

Am 11. August 1999 habe ich meine dama­lige Freun­din dafür nach Karls­ruhe beglei­tet – wider­stre­bend, muss ich zuge­ben. Der Son­nen­fins­ter­nis­kor­ri­dor ver­lief damals durch Deutsch­land. Aber was soll schon so toll daran sein, dass sich die Sonne kurz ver­dun­kelt?

Wir erreich­ten eine große Wiese auf einem Hügel an einem Wald­stück. Eine Menge Publi­kum hatte sich da außer­halb des Städt­chens ver­sam­melt. Decken wur­den aus­ge­brei­tet, Pick­nick­körbe aus­ge­packt, Kin­der spiel­ten Feder­ball und war­fen Fris­bee­schei­ben, denen die Hunde hin­ter­her­lie­fen. Man zeigte sich gegen­sei­tig die Papp­bril­len mit sil­ber­ner Folie – und beschwor die Wol­ken, doch bitte aus­ein­an­der­zu­rei­ßen, um wenigs­tens im ent­schei­den­den Moment den Blick frei­zu­ge­ben.

Doch die Stoß­ge­bete fruch­te­ten nicht. Der Zeit­punkt rückte näher, es wurde zuse­hends dämm­ri­ger, mit­ten am Tag – und auch mich erfasste die eigen­ar­tige Stim­mung. Die Tiere ver­hiel­ten sich ängst­lich, und wir Men­schen ver­stumm­ten. Plötz­lich konnte ich ver­ste­hen, warum es für unsere Vor­fah­ren so wich­tig war, Son­nen­fins­ter­nisse rich­tig vor­her­zu­sa­gen, und sie rie­sige Stein­kreise und Obser­va­to­rien zu dem Zweck errich­te­ten.

Das Zwit­schern der Vögel – ich hatte es gar nicht bewusst wahr­ge­nom­men – hörte auf. Es wurde dun­kel. Jetzt ris­sen doch noch kurz die Wol­ken auf, und ich konnte wenige Augen­bli­cke lang die Korona sehen, ohne die Papp­brille mit Folie, die in die­sem Moment nicht nötig war, um die Augen zu schüt­zen. Wir, meine Liebste und ich, fass­ten uns, ohne den Blick vom Him­mel zu las­sen, an den Hän­den.

Es ist schwer zu beschrei­ben: ein beson­de­rer, ein­zig­ar­ti­ger Moment. Ein dunk­ler Schat­ten legt sich über das Land, die Natur hält inne, und ein biss­chen ist es so, als ob kurz die Zeit selbst zum Still­stand käme. Dann, eine kleine Ewig­keit spä­ter, hellt es wie­der auf, das Leben, dem kurz den Atem gestockt hatte, kehrt zurück, und es erin­nert nichts mehr daran, dass wenige Augen­bli­cke lang am hell­lich­ten Tage die Nacht her­ein­ge­bro­chen war.

Sehr viele Gele­gen­hei­ten, dies mit­zu­er­le­ben, gibt es nicht. Die Schutz­brille aus Pappe jeden­falls habe ich mir als Andenken ver­wahrt und mit nach Aus­tra­lien genom­men. Hier steht die Chance gut, dass der Him­mel wol­ken­frei sein wird, im Kakadu-Natio­nal­park, dort, wo die Welt noch ein­mal für knapp zwei Minu­ten den Atem anhal­ten wird, wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt und ihren glü­hen­den Rand zum Vor­schein bringt.

Den Mut, meine dama­lige Freun­din zu kon­tak­tie­ren und zu fra­gen, ob sie nicht mit­kom­men möchte, brachte ich lei­der nicht auf. So fas­zi­nie­rend es war, wie sich Natur und Kos­mos ein paar Atem­züge lang berühr­ten und dies als Mensch mit­er­le­ben und bestau­nen zu dür­fen: Unver­gess­lich wurde die­ser Moment für mich, weil sich unsere Hände fan­den und ich spürte, dass sie genauso fühlte.

Viel­leicht liest sie in der Zei­tung davon oder sieht die Fins­ter­nis in den Fern­seh­nach­rich­ten und denkt an uns und die wort­lose Ver­bun­den­heit vor drei­zehn Jah­ren? Oder – das ist ver­rückt! Ist sie das nicht, die da hin­ten ihren Kof­fer vom Band nimmt?! Rena-Ida hat den glei­chen Flug genom­men, hat die ganze Zeit, all die Stun­den, mit mir im Flie­ger geses­sen, und ich hab’s nicht bemerkt!

Ich weiß nicht, was wer­den wird. Aber es wäre schön, wenn sich unsere Hände noch ein­mal so berüh­ren könn­ten, unter dem Tanz des Feu­ers auf dem Rand der Sonne.

 

370/398

Escape from the Pseu­do­verse

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor hinab in die Simu­la­tion. Sie bie­tet uns stän­dig neue Über­ra­schun­gen und Ein­sich­ten. Doch seit ein paar Tagen gibt es Ärger, der über unser Team hin­aus Kreise zieht: Ali­s­tair Mal­pert, der sich von allen nur Osmu­rinaut nen­nen lässt, einer unse­rer Back­ground-Pro­gram­mie­rer, ist an die Presse her­an­ge­tre­ten und behaup­tet allen Erns­tes, wir plan­ten einen Mas­sen­mord. Das mit dem angeb­li­chen Geno­zid bezieht er übri­gens nicht nur auf Sie und die rund hun­dert­tau­send »Per­sön­lich­kei­ten« in der Sim, son­dern auch auf die knapp sie­ben Mil­li­ar­den Sta­tis­ten­pro­gramme.

Gut, ja, es ist eine Welt fast genau wie unsere, mit Län­dern, Städ­ten, Wäl­dern, Wüs­ten – und Men­schen. Men­schen, die zwar ziem­lich echt wir­ken, aber wie alles in ihrer Welt nur eine Simu­la­tion sind, die auf einem Super­com­pu­ter läuft. Und das macht Osmu­rin­auts Behaup­tun­gen halt­los.

Mit ihm hat es immer wie­der Ärger gege­ben. Als wir vor vier Mona­ten einen Reboot machen muss­ten, ver­langte er allen Erns­tes, die Gele­gen­heit zu nut­zen und Hun­ger und Krieg aus der Welt zu ver­ban­nen. Er könne all die­ses Leid nicht mehr mit anse­hen, und wir seien ver­ant­wort­lich dafür. Als ob eine Simu­la­tion lei­den könnte!

Osmu­rinaut ver­sucht jetzt, die Öffent­lich­keit gegen uns auf­zu­brin­gen. Schon faselt die Presse von gehei­men Durch­brü­chen in Sachen künst­li­che Intel­li­genz und von Stu­den­ten, die Gott spie­len. Alles Quatsch!

Den Kor­ri­dor hin­ab­zu­schwim­men und in das enge Kor­sett der Sim zu gezwängt zu wer­den, ist kein Spaß. Sobald ich aller­dings ein­mal drin bin, gewöhne ich mich an die kör­per­li­che Beengt­heit und ver­gesse sie schließ­lich. Es fühlt sich dann alles fast wie im rich­ti­gen Leben an.

Die Men­schen, die ich hier im Pseu­do­ver­sum auf der Straße treffe, wir­ken nur so, als hät­ten sie ein Gefühls­le­ben. Dahin­ter ste­hen ziem­lich simple Algo­rith­men. Ich muss es wis­sen. Ich habe sie pro­gram­miert. Es ist wie bei Vogel- oder Fisch­schwär­men: Zwei, drei simple Ver­hal­tens­wei­sen für die Indi­vi­duen rei­chen aus, und es ent­ste­hen im Zusam­men­spiel hoch­kom­plexe Mus­ter.

Genü­gend kom­plex offen­bar, um dar­auf rein­zu­fal­len: Ich glaube, dass Osmu­rinaut sich ver­liebt hat. Er hat den Kor­ri­dor hinab in unser Pseu­do­ver­sum betre­ten und sich hier in ein Sim ver­liebt. In eine Sta­tis­tin! Die mir vor­lie­gen­den Log­files legen das nahe.

Sehen Sie, wir haben nichts weni­ger als den gesam­ten Pla­ne­ten Erde simu­liert, mit allen Kon­ti­nen­ten, den atmo­sphä­ri­schen Bedin­gun­gen, den geo­lo­gi­schen, den bio­lo­gi­schen – und auch bei uns Men­schen, der Zivi­li­sa­tion, der Kul­tur haben wir nicht halt­ge­macht. In unse­rem aktu­el­len Pseu­do­ver­sum 0.76 gibt es inzwi­schen Zei­tun­gen, Fern­se­hen, Kunst­aus­stel­lun­gen, Kino­filme … Aber wem erzähle ich das.

Was Osmu­rinaut bei sei­nen Auf­trit­ten vor den Fern­seh­ka­me­ras ver­schwie­gen hat, ist, dass wir uns eines Tricks bedient haben. Acht­und­neun­zig Pro­zent aller simu­lier­ten Men­schen sind reine Kom­par­sen, Mit­tel­maß­cha­rak­tere, die ihrem All­tag nach­ge­hen, arbei­ten, lie­ben, lei­den, leben, kon­su­mie­ren, ster­ben – ohne dass es zu grö­ße­ren Auf­fäl­lig­kei­ten kommt. Dazu rei­chen ein paar simple rekur­sive, leicht ran­do­mi­sierte Algo­rith­men aus. Diese Sta­tis­ten wir­ken echt, man kann sich mit ihnen unter­hal­ten, und sie zei­gen ein in fast jeder Hin­sicht mensch­li­ches Ver­hal­ten – ja, einige von ihnen errei­chen sogar einen hohen Bekannt­heits­grad. Sieht man aller­dings genauer hin, sind sie flach, ohne wirk­li­che Tiefe, repe­ti­tiv und letzt­lich hohl. Was diese Sta­tis­ten nicht daran hin­dert, gege­be­nen­falls hübsch und anhäng­lich zu sein. Dass Osmu­rinaut dar­auf rein­fällt (und an sei­ner abstru­sen Schwär­me­rei fest­hält!), ist trotz­dem höchst ver­wun­der­lich – auch wenn uns viel­leicht das Getue, das er um sei­nen ange­nom­me­nen Namen macht, hätte miss­trau­isch machen kön­nen.

Die eigent­lich inter­es­san­ten Bewoh­ner des Pseu­do­ver­sums 0.76 sind kom­plexe Per­sön­lich­kei­ten, die für die Ver­än­de­run­gen des Gan­zen ver­ant­wort­lich sind – Erfin­der, Phi­lo­so­phen, krea­tive Köpfe. Bei ihnen steckt ein viel grö­ße­rer Pro­gram­mier­auf­wand dahin­ter.

Osmu­rinaut will – und das ver­schweigt er geflis­sent­lich – die Unter­schiede zwi­schen Sta­tis­ten und ech­ten Per­sön­lich­kei­ten ver­wi­schen. Aus per­sön­li­chen Grün­den. Ich ver­mute: weil er sich ver­liebt hat und nicht mehr hier raus will. Des­we­gen ver­sucht er durch­zu­set­zen, dass uns die Kon­trolle über das Pseu­do­ver­sum ent­zo­gen wird. Aber das wird ihm nicht gelin­gen.

Und des­halb bin ich her­ge­kom­men, um Ihnen aus ers­ter Hand die Wahr­heit über Sie zu erzäh­len. Ja, es ist Fakt: Sie sind nur – und leben in einer – Simu­la­tion.

Wenn Sie dies ver­ste­hen und Ihnen nach eini­gem Nach­den­ken klar wird, dass dies den Tat­sa­chen ent­spricht, gehö­ren Sie zu den kom­ple­xen und pro-akti­ven Per­sön­lich­kei­ten, die ich pro­gram­miert habe. Sie sind sich Ihrer selbst bewusst. Sie hin­ter­fra­gen Ihre Hand­lun­gen – und die der ande­ren. Sie zwei­feln, hadern, zögern und haben hin und wie­der das Gefühl, umge­ben zu sein von Sta­tis­ten ohne eige­nes See­len­le­ben, die zwar vor­ge­ben, sie seien wer, sich aber gleich­zei­tig vor­her­seh­bar und inkon­se­quent ver­hal­ten. Dage­gen besit­zen Sie die Fähig­keit, krea­tiv zu sein. Davon braucht es einen klei­nen Pro­zent­satz, damit die Simu­la­tion echt wirkt und sich ver­hält wie in Wirk­lich­keit: über­ra­schend und inspi­rie­rend. Und das ist mir offen­bar ganz gut gelun­gen.

Des­we­gen fühle ich mich Ihnen ver­pflich­tet. Oder anders: Ich mag Sie und möchte mich auf Ihre Augen­höhe bege­ben für das, was ich Ihnen mit­tei­len werde. Ich an Ihrer Stelle würde es wis­sen wol­len, und des­halb sage ich Ihnen jetzt etwas, das in die­sem Ihren Pseu­do­ver­sum schon seit lan­ger Zeit bekannt ist, wenn auch mythisch ver­brämt. Und, ja, wir haben die­ses Pseu­do­ver­sum erst vor vier Mona­ten reboo­tet – aber natür­lich mit der kom­plet­ten Ver­gan­gen­heit unse­rer Welt als Matrize für eure Pseudo-Gegen­wart. (Ein wenig ist es so, wie es eure Krea­tio­nis­ten behaup­ten: Gott hat die Welt erst vor kur­zem erschaf­fen, mit­samt der Hin­ter­grund­strah­lung des Big Bang und den gan­zen Fos­si­lien, durch die sich die schein­bar bereits Mil­li­ar­den Jahre wäh­rende Geschichte der Erde und des Uni­ver­sums rekon­stru­ie­ren lässt.)

Wie auch immer. Ent­schei­dend ist: Diese Simu­la­tion ist zeit­lich befris­tet.

Es han­delt sich um eine Ver­suchs­reihe, und die­ser Ver­such wird dem­nächst been­det, damit wie geplant der nächste Ver­such star­ten kann. Eine Sicher­heits­ab­spei­che­rung ist nicht vor­ge­se­hen. Ein Wie­der­ein­satz der Pro­gramm­teile – also auch derer, die Ihnen Ihre Exis­tenz ver­lei­hen – ist mög­lich, aber ob das so etwas wie eine Wie­der­ge­burt der ent­spre­chen­den Per­sön­lich­kei­ten bedeu­tet, weiß ich nicht. Ich bezweifle es. Die­ses Pseu­do­ver­sum wird unwi­der­ruf­lich gelöscht. Osmu­rinaut glaubt, solange er sich hier ver­steckt, würde uns die Löschung unter­sagt, weil es sich sonst um Mord an einem »ech­ten« Men­schen han­deln würde. Doch der Jurist in unse­rem Team meint, dass Osmu­rinaut sich im vol­lem Besitz sei­ner geis­ti­gen Kräfte frei­wil­lig in eine lebens­be­droh­li­che Situa­tion bringt und seine Erpres­sung vor kei­nem Gericht unse­rer Welt Bestand haben wird.

Des­halb wird wohl die­ses Pseu­do­ver­sum mit all sei­nen Sta­tis­ten und Per­sön­lich­kei­ten wie geplant am 21. Dezem­ber 2012 abge­schal­tet. Es tut mir leid, Ihnen das so knall­hart sagen zu müs­sen. Sie haben, auch wenn das in Ihren Ohren viel­leicht selt­sam klingt, mein gan­zes Mit­ge­fühl. Aber die Löschung ist intrin­si­scher Bestand­teil des Expe­ri­ments.

Wenn Sie einen guten Rat von Ihrem Schöp­fer hören wol­len: Machen Sie sich bis dahin eine schöne Zeit!

373/398

Rét­tum tíma – rét­tum stað

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, den der Mit­tel­strei­fen zwi­schen den Autos bil­det, und laufe ihn schwer­fäl­lig ent­lang. Hin­ter mir hupen ein paar Fahr­zeuge. Viel­leicht, weil sie sehen, dass sonst nie­mand in mei­nem Auto sitzt und der Alte ein­fach die Tür hin­ter sich zuschlägt, ohne sich noch ein­mal umzu­bli­cken. Viel­leicht auch ein­fach aus Ver­zweif­lung. Nichts geht mehr. Ein Tru­cker ist auf sein Lkw-Fah­rer­haus geklet­tert und ver­sucht mit der Hand über den Augen zu erken­nen, was wei­ter vorne los ist. Schließ­lich lässt er den Arm kraft­los sin­ken. Die Blech­la­wine ist zum Still­stand gekom­men. Ich gebe mein Auto auf, will nicht län­ger hin­ter dem Steuer auf ein Wei­ter­kom­men war­ten, das nie mehr statt­fin­den wird. Und ich will mich auch nicht seit­lich auf die Leit­planke set­zen, pick­ni­cken und mit den ande­ren Fah­rern wort­reich über den Stau lamen­tie­ren. Ich will nach Hause, auch wenn mir das Gehen schwer­fällt und ich schon nach ein paar Metern ins Keu­chen gerate.

Die Sonne knallt erbar­mungs­los auf den Asphalt. Mir wird heiß. Man­che las­sen den Motor lau­fen. Viel­leicht ja, weil sie glau­ben, wenn sie den Motor aus­stel­len, geben sie damit gleich­zei­tig alle Hoff­nung auf. Oder sie brau­chen den Motor für ihre Kli­ma­an­lage. Wie auch immer, die Abgase und das viel­stim­mige Tuckern des Leer­laufs gehen mir auf die Ner­ven. Ich klet­tere müh­sam über den Rand­strei­fen und halte auf den Wald zu, durch den die Auto­bahn ver­läuft.

Zwi­schen den Bäu­men ist es kühl. Es gibt nur wenig Unter­holz, was mir das Vor­an­kom­men erleich­tert. Wie soll ich mich hier ori­en­tie­ren? Mit dem Navi, das mir meine Kin­der zum Sieb­zigs­ten geschenkt haben, bin ich nie zurecht­ge­kom­men. Mir fällt ein, dass ich auch das Geld und meine Aus­weise im Wagen lie­gen­ge­las­sen habe. Ich sollte umkeh­ren. Doch ich gehe wei­ter, und hier auf dem federn­den Wald­bo­den fällt mir das Vor­an­kom­men auch nicht mehr so schwer.

Aber hört man nicht immer wie­der von Räu­bern und wil­den Tie­ren? Inzwi­schen folge ich einem Wald­weg. Lau­ern nicht gerade hier die Gefah­ren? Meine Sinne sind geschärft, und wann immer es mög­lich ist, laufe ich laut­los über die Moos­pols­ter am Weges­rand. Ich könnte auch auf Wach­pos­ten der Römer sto­ßen. Nicht jedoch im Wald: Sie haben für ihre Grenz­be­fes­ti­gun­gen zum Bar­ba­ren­land breite Schnei­sen gero­det. Meine Schritte sind kräf­tig und raum­grei­fend, und die wür­zige Luft des Wal­des füllt tief meine Lun­gen.

Eine Horde Wild­schweine kreuzt mei­nen Weg. Sie haben mich nicht bemerkt, und ich halte inne, denn es sind Frisch­linge dabei, und ich will mich nicht mit den Bachen anle­gen. Dabei stelle ich fest, dass ich irgendwo meine Brille ver­lo­ren haben muss. Soll ich umdre­hen und nach ihr suchen? Ich beschließe, dass ich auch so gut zurecht­komme. Ich fühle mich jung und taten­durs­tig, freue mich auf die Aben­teuer, denen ich ent­ge­gen­wan­dere. Ein Speer oder ein Wurf­stock wäre nütz­lich. Ich mus­tere die umste­hen­den Bäume: nicht das rich­tige Holz dafür. Dafür ent­de­cke ich Wald­bee­ren, so viele, dass ich einen Vor­rat davon mit­neh­men kann.

Gestärkt ver­falle ich in einen kraft­scho­nen­den, lang­sa­men Trab. Plötz­lich stehe ich vor einem bär­ti­gen alten Mann in einem boden­la­gen Gewand. Der Korb, den er bei sich trägt, ist vol­ler Kräu­ter. Ein Druide. Er scheint nicht erstaunt dar­über, im Wald auf einen frem­den Halb­wüch­si­gen zu tref­fen. Ich sinke in die Knie, neige den Kopf und erbitte so den Segen des Wei­sen Man­nes. Er mur­melt ein paar freund­li­che Worte, die ich nicht ver­stehe. Der Klang von Luren sagt mir, dass sich in der Nähe eine Sied­lung befin­den muss. Ich folge dem Alten in ehr­erbie­ti­gem Abstand. Sicher­lich ist auch er auf dem Weg nach Hause.

 

374/398

Inven­tory (of an Inventor’s Mind)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor und höre bereits da das ärger­li­che Zischen von Cerils Schweiß­bren­ner. Der Pro­fes­sor ist beschäf­tigt und steht vor einer Art gro­ßer Blüte aus sil­ber­nen Metall­strei­fen. Als er mich auf der ande­ren Seite her­ein­kom­men sieht, klappt er kurz sein Visier hoch, winkt mir zu und setzt dann seine Kon­struk­ti­ons­tä­tig­keit fort. Es scheint wie­der mal eine hoch­in­ter­es­sante Maschine zu wer­den. Sie sieht völ­lig anders aus als alles, was ich von ihm kenne.
Wenig spä­ter tritt er zu mir an seine Werk­bank und trock­net sich die schweiß­nasse Stirn mit Lösch­pa­pier.
»Was ist das für ein Knopf?«, will ich von ihm wis­sen. Wäh­rend des War­tens war mir ein gro­ßer roter Not-Aus­schal­ter an der Wand über sei­nem Tisch auf­ge­fal­len, halb ver­deckt von dem schwenk­ba­ren Rie­sen­bild­schirm, den er inzwi­schen für seine Par­al­lel­welt­kon­takte ver­wen­det. Es ist einer die­ser halb­run­den Knöpfe, auf die man mit der Faust ein­schla­gen kann, und es lagert eine dicke Staub­schicht dar­auf. »Not-Aus« steht drun­ter. War mir noch nie auf­ge­fal­len.
»Ach, der …«, meint der Pro­fes­sor gedehnt, »hab ihn zum Glück nie gebraucht.«
»Kappt der den Strom?«
»Nicht nur den Strom. Aber du willst mich doch sicher fra­gen, an was ich da gerade arbeite, oder?« Ich nicke. »Mir ist da ein, man könnte fast sagen, genia­ler Ein­fall für eine Maschine gekom­men, eine Maschine, wie es sie noch nie gege­ben hat. Ich …«
»Was noch außer dem Strom?«, frage ich. Der Pro­fes­sor wird nicht gerne unter­bro­chen. Er run­zelt die Brauen und bedenkt mich mit einem ver­nich­ten­den Blick.
»Du soll­test mich«, meint er dann, ohne die Augen von mir zu las­sen, »eigent­lich inzwi­schen gut genug ken­nen, um zu wis­sen, dass ein ›Not-Aus‹ in mei­ner Werk­statt wohl kaum nur den Strom abschal­tet.«
»Die Lüf­tung?«, frage ich vor­wit­zig, weil ich es nicht lei­den kann, wenn der Pro­fes­sor glaubt, mich beleh­ren zu müs­sen. Er lacht kurz mit dem geschlos­se­nen Mund, ein Schnau­ben, das sich anhört, als bestehe es zu glei­chen Tei­len aus Unglau­ben und Ver­ach­tung. Dann lässt er sich mit einem Seuf­zer auf sei­nen Stuhl fal­len.
»Die­ser Schal­ter stoppt die Geschichte.«
Ich bin jetzt doch ein klein wenig ver­blüfft und setze mich auf den klei­nen Hocker, den der Pro­fes­sor immer benutzt, um in den obe­ren Fächern sei­ner Schränke nach irgend­wel­chen exo­ti­schen Bau­tei­len zu suchen. »Geschichte wie in Story oder wie in His­to­rie?«
»Bei­des. Es ist doch so, mein Junge …« Er weiß, dass ich es hasse, wenn er mich so nennt. Des­halb lässt er es auch eine kleine Ewig­keit im Raum ste­hen, wäh­rend sich um seine Augen ein klei­nes, böses Lächeln abzeich­net. »Die Welt, das Leben, die His­to­rie – das alles ist doch letzt­lich eine Geschichte, die wir uns erzäh­len. Und die wir für die Wirk­lich­keit hal­ten.«
Ich bin mir nicht ganz sicher, auf was Ceril da hin­aus­will. Kon­struk­ti­vis­mus? Phä­no­me­no­lo­gie? Oder doch wie­der Mytho­lo­gie – wie bei sei­ner Suche nach einem zeit­ge­mä­ßen Mythos, der uns Men­schen des 21. Jahr­hun­derts als neuer Leit­fa­den die­nen kann?
»Ich glaube, ich hab dir nie von mei­ner ers­ten Erfin­dung erzählt. Keine Maschine übri­gens, zumin­dest nicht im eigent­li­chen Sinne. Oder viel­leicht doch. Sie hat all das hier erschaf­fen.«
Seine Geste umfasst das gesamte Labo­ra­to­rium. Meine Irri­ta­tion wächst. Und wie mir scheint, genießt der Pro­fes­sor die Ver­wir­rung, die sich auf mei­nem Gesicht abzeich­net.
»Ein Wirk­lich­keits­trans­mit­ter, könnte man sagen. Im Grunde eine Maschine, die eine Geschichte erzählt. Was ich natür­lich im über­tra­ge­nen Sinn ver­stehe. Ist dir noch nie der Gedanke gekom­men, dass hier in mei­nem Han­gar tag­ein tag­aus sehr beson­dere, unwahr­schein­li­che und fast schon unwirk­li­che Dinge vor sich gehen?«
»Na ja«, ant­worte ich, als mir klar wird, dass der Pro­fes­sor die Frage nicht rein rhe­to­risch gemeint hat, »bei einem Erfin­der­ge­nie wie Ihnen, einem dar­über hin­aus plu­ri­di­men­sio­nal auch in Par­al­lel­wel­ten ope­rie­ren­den For­scher­geist ist das ja auch kein Wun­der.«
»Nein, ist es tat­säch­lich nicht. Es ist eine Geschichte, die ich mir selbst erzähle. Oder bes­ser: erzäh­len lasse.«
Ceril ist eigent­lich mehr der Inge­nieur. Die phi­lo­so­phi­schen Aspekte sei­ner Arbeit haben ihn nie son­der­lich inter­es­siert. Ver­wun­der­lich, dass er auf ein­mal mit sol­chen Ana­lo­gien auf­war­tet. Aber jetzt schüt­telt er den Kopf und will das Thema wech­seln: »Wie auch immer. Du woll­test doch wis­sen, was für eine ver­rückte Maschine ich da gerade wie­der kon­stru­iere …«
Ich gehe nicht dar­auf ein. »Was ist das für eine Geschichte, die Sie sich da erzäh­len las­sen?«
Ceril seufzt und scheint sich erst ein Herz fas­sen zu müs­sen. »Ich könnte viel­leicht auch von einem Film spre­chen. Dem Lebens­film. Oder einem Thea­ter­stück. Oder einer Fabel. Hand­lung, Figu­ren, alles mehr oder weni­ger zusam­men­hän­gend und schlüs­sig auf­ein­an­der­fol­gend.«
Dabei lacht der Pro­fes­sor auf. Es wird doch wohl keine Lebens­krise bei ihm sein? Ich habe in den Psy­cho­lo­gie­bü­chern davon gele­sen. Das geht bis hin zum Kom­plett­zu­sam­men­bruch der bis­he­ri­gen Wert­vor­stel­lun­gen: Men­schen stel­len plötz­lich alles in Frage, was ihnen vor­her wich­tig und rich­tig schien.
»Und doch ist das alles letzt­lich nichts als eine Erzäh­lung.« Er fasst meine Hand. Das hasse ich noch mehr, als dass er mich »mein Junge« nennt. »Als mir das – vor vie­len, vie­len Jah­ren – klar wurde, stand mir plötz­lich die eine, ent­schei­dende Frage vor Augen.« Sein Griff ver­liert an Kraft, und ich ziehe meine Hand her­aus. Er reagiert nicht, son­dern lächelt mich an, ein wenig in sich gekehrt. »Du ahnst ver­mut­lich, wel­che Frage ich meine.«
Ich schüttle den Kopf.
Das Lächeln des Pro­fes­sors wird brei­ter. »Wel­che Geschichte möchte ich erzäh­len?«
»Keine Ahnung.«
»Nein, Junge, das ist die Frage: Wel­che Geschichte möchte ich mir erzäh­len? Ver­stehst du denn nicht? Das stand am Anfang von allem.«
Einen Augen­blick lang steht mir ein rie­si­ger Welt­erschaf­fungs­me­cha­nis­mus vor Augen – ein Schöp­fungs­ma­schine in einer Steam­punk-Ver­sion mit zahl­lo­sen Mes­sing­zahn­rä­dern, Hebeln und Roh­ren für die Hydrau­lik. Doch das kann er ja wohl schlecht mei­nen.
»Ich wollte«, sagt der Pro­fes­sor, und weist mit einer Hand­be­we­gung auf seine Werk­halle, »ein­zig­ar­tige, bedeu­tende, welt­be­we­gende Maschi­nen bauen.«
Ja, das ist ihm gelun­gen. Ich bli­cke mich um. Sein gan­zes weit­räu­mi­ges Labor steht vol­ler rie­si­ger Appa­ra­tu­ren wie dem Vaku­um­fluk­ta­ti­ons­ba­thys­kaph, einige davon – wie die Frei­zeit­ma­schine für zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritt – bereits wie­der demon­tiert. Teile davon sind in sei­ner Mythen­ma­schine auf­ge­gan­gen. Hat die eigent­lich je ein Ergeb­nis erbracht? Muss ich ihn drin­gend mal danach fra­gen! An den spa­tia­len Dila­ta­ti­ons­kom­pres­sor und die vie­len Boten­gänge in Par­al­lel­wel­ten habe ich mich ganz gut gewöh­nen kön­nen, mit dem klo­bi­gen Welt­har­mo­nie­ge­ne­ra­tor aller­dings ver­binde ich eher unan­ge­nehme Erin­ne­run­gen. Die neue, ver­bes­serte Ver­sion lässt seit Mona­ten auf sich war­ten. Ver­mut­lich hat der Pro­fes­sor seit der Sache mit der Ent­rü­ckung und sei­nem in aller gebo­te­nen Eile kon­stru­ier­ten Para­dies­si­mu­la­tor das Inter­esse daran ver­lo­ren. Da hilft lei­der auch die Moti­va­ti­ons­ma­schine nicht viel, da sie aus uner­find­li­chen Grün­den nur ein ein­zi­ges Mal funk­tio­niert hat: bei mei­nem Pra­xis­test. Denn in den meis­ten Fäl­len lässt er zuerst mich in seine Maschi­nen rein.
»Viel­leicht ja sogar eine«, sagt der Pro­fes­sor und blin­zelt mir zu, »die die Welt ret­tet.«
»Sie mei­nen Ihre Ent­rü­ckungs­ma­schine?«
Bei sei­nen Recher­chen im Plu­ri­ver­sum ent­deckte Ceril eine Par­al­lel­welt – man­che alter­na­tive Erden unter­schei­den sich sehr stark von unse­rer, diese hier nur mini­mal –, die dem Unter­gang geweiht war. In die­ser unglück­se­li­gen Ver­sion unse­rer Wirk­lich­keit war der höchst unwahr­schein­li­che Fall ein­ge­tre­ten, dass der Large Hadron Col­l­i­der am CERN ein gefrä­ßi­ges klei­nes Schwar­zes Loch erzeugt hatte, das nicht wie erwar­tet sofort in Strah­lung zer­fiel, son­dern zum Erd­mit­tel­punkt gezo­gen wurde und begann, sich den Pla­ne­ten von innen her­aus ein­zu­ver­lei­ben. Nie­mand ahnte etwas von dem dro­hen­den Ver­häng­nis, nicht ein­mal das dor­tige Alter Ego des Pro­fes­sors. Sie taten sich zusam­men – dazu reichte ein Anruf mit dem plu­ri­di­men­sio­na­len Gra­vi­ta­ti­ons­te­le­fon – und arbei­te­ten buch­stäb­lich Tag und Nacht daran, die Men­schen die­ser Welt vor der dro­hen­den Kata­stro­phe zu bewah­ren. Schließ­lich wurde bei­den klar: Es blieb nichts ande­res übrig, als die Erde zu eva­ku­ie­ren. Sie muss­ten alle Men­schen »ent­rü­cken«.
Ent­rü­ckung? Diese Vor­stel­lung fin­det man bei den Mil­le­nia­ris­ten, die manch­mal auch Chi­li­as­ten genannt wer­den: Eine höhere Macht ret­tet in einer Zeit der Drang­sal eine bestimmte Zahl Aus­er­wähl­ter, indem sie sie mir nichts dir nichts aus dem Leben reißt und wahl­weise auf Mut­ter­schiffe oder direkt ins Para­dies ver­frach­tet. Im Falle der tod­ge­weih­ten Erde besorgte das, sozu­sa­gen in letz­ter Sekunde, Cerils aus­ge­klü­gelte Ent­rü­ckungs­ma­schine.
»Es wird mir schwer­fal­len, das zu top­pen.« Der Pro­fes­sor hat heute etwas Hoch­mü­ti­ges an sich. In mir regt sich Wider­stand. Ich stehe auf, kann nicht mehr still sit­zen blei­ben.
»Ihr Appa­rat hat nicht rich­tig funk­tio­niert.«
»Ich habe Mil­li­ar­den geret­tet, da machen doch die zwei, drei Leut­chen, die durch die Maschine nicht erfasst wur­den, kei­nen Fehl­schlag draus …«
Komisch – ich war noch nie nei­disch auf Ceril oder fand grund­sätz­lich falsch oder ver­fehlt, woran er arbei­tete. Sicher, ich habe auch immer wie­der Kri­tik geübt, und hin und wie­der war ich auch der Leid­tra­gende sei­nes über­bor­den­den Ein­falls­reich­tums. Doch letzt­lich hat mich jedes Mal fas­zi­niert, was der Pro­fes­sor erfand und kon­stru­ierte. Nur jetzt bei die­sem Gespräch werde ich irgend­wie wütend auf ihn.
»Ohne mei­nen Vater, der Ihnen das alles finan­ziert, hät­ten Sie das alles nicht zustan­de­ge­bracht!«, fau­che ich ihn an, ohne genau zu wis­sen, was mich eigent­lich so aggres­siv macht.
»Gut beob­ach­tet. Des­halb stellt er auch eine der ganz wich­ti­gen Figu­ren dar. Genau wie du, mein Junge. Du bist mir eine echte Hilfe, und außer­dem …«
»Ich bin keine ›Figur‹!«, fahre ich dazwi­schen. Jetzt erhebt sich auch der Pro­fes­sor.
Er ist etwas klei­ner als ich. Trotz­dem schafft er es, sich dro­hend vor mir auf­zu­bauen: »Es ist meine Geschichte.«
»Es ist genauso gut auch meine. Und die von mei­nem Vater. Und die von allen ande­ren.«
Sein Blick wan­dert zu dem Not-Aus­schal­ter. »Lass uns nicht dar­über strei­ten. Das alles sind doch nur gedank­li­che Kon­zepte.«
Aber ich komme gerade erst in Fahrt: »Apro­pos: Wie würde Ihnen denn gefal­len, wenn Sie nur eine Figur in mei­ner Geschichte wären?«
Der Pro­fes­sor ver­zieht den Mund zu einem amü­sier­ten Lächeln. »In dei­nen Kurz­ge­schich­ten über mich? Wo du am Ende in Klam­mern immer noch ›eine ganz andere Geschichte‹ ankün­digst, die du aber nie erzählst?«
Vor Ver­blüf­fung lasse ich mich wie­der auf den Hocker plump­sen. Woher weiß er davon?
»Ja, du bist mein Chro­nist. So ist es vor­ge­se­hen. Ich könnte mir das zwar ein biss­chen, nun, bom­bas­ti­scher vor­stel­len, so, dass es der Nach­welt den Atem ver­schlägt. Mal ganz abge­se­hen von der Ret­tung einer kom­plet­ten Mensch­heit – über­leg doch nur mal, was ich ent­deckt habe: par­al­lele Uni­ver­sen mit unend­lich vie­len Varia­tio­nen unse­rer Welt, und ich habe nicht nur Kon­takt auf­ge­nom­men, son­dern dich sogar hin­ge­schickt. Was ist dage­gen schon ein Kolum­bus? Oder ein Koper­ni­kus?«
Das wird mir jetzt echt zu viel. Ich springe auf, trete an die Werk­bank und hebe die Faust.
»Nein, tu das nicht!«
»Wir wer­den ja sehen, Pro­fes­sor, wes­sen Geschichte das ist. Und ob etwas in Klam­mern drun­ter steht oder nicht.« Ich bin stink­wü­tend auf den Kerl. Wie hatte ich nur so lange über­se­hen kön­nen, dass er im Grunde ein arro­gan­ter Groß­kotz ist? Der glaubt, die Welt drehe sich nur um ihn. Und alle ande­ren seien nur Figu­ren in sei­nem Spiel.
Er will mir in den Arm fal­len, aber ich bin schnel­ler und schlage mit der Faust hart aufs Not-Aus.
(

 

375/398

Mamih­la­pi­na­ta­pei

LogoSwitch language

 
 
 

»Ich betrete den Kor­ri­dor mit der Rose in der Hand«, malt sich in aller Deut­lich­keit der mond­ge­sich­tige Herr aus, der sich auf seine Ren­dez­vous immer gewis­sen­haft vor­be­rei­tet, »und klingle kurz bei ihr. Kurz, aber nicht zu kurz. Zwei­mal.« Alles ist bedacht, nichts über­lässt er dem Zufall, den er als sei­nen per­sön­li­chen Wider­sa­cher betrach­tet.

»Sie öff­net mir und freut sich über die Rose, die ich ihr zur Begrü­ßung rei­che. Im güns­ti­gen Fall ist sie bereits aus­geh­fer­tig. Sie wird die Rose aller­dings ins Was­ser stel­len wol­len.« Der mond­ge­sich­tige Herr möchte die Damen, mit denen er sich ver­ab­re­det, aus­füh­ren, aber kei­nes­falls in ihre Woh­nun­gen gehen. Es sind weni­ger mora­li­sche Beden­ken als eine dif­fuse Angst davor, die jewei­lige Dame könne sich ein Haus­tier hal­ten oder – falls dies im Vor­feld zur Spra­che kam und von der besag­ten Dame ver­neint wurde – sie könne zufäl­lig das Haus­tier einer Freun­din oder eines Fami­li­en­mit­glieds zur Pflege genom­men haben.

»Ich werde solange war­ten«, souf­fliert sich der mond­ge­sich­tige Herr, wor­auf ihn aller­dings in sei­nem Gedan­ken­spiel die Dame bit­tet, dies nicht im Trep­pen­haus, son­dern in ihrer Diele zu tun; es werde auch nicht lange dau­ern. Der Herr mas­siert sich die Schläfe. Es muss einen ande­ren Weg geben.

»Also noch mal zurück an den Anfang«, sagt er sich. Zuerst besorgt er die bei­den Thea­ter­kar­ten, dann klei­det er sich dem Anlass ent­spre­chend und par­fü­miert sich, »ein wenig beid­sei­tig am Hals, nicht jedoch über den Anflug eines Wohl­ge­ru­ches hin­aus oder gar auf­dring­lich«, um dann mit dem guten Geh­stock das Haus zu ver­las­sen und im Blu­men­la­den eine schöne und lang­stie­lige weiße Rose zu erwer­ben, mit der er an der Con­cierge vor­bei, sie »knapp und kei­nes­falls zu freund­lich oder etwa unsi­cher« grü­ßend, die Stiege zwei Stock­werke hin­auf­steigt.

Doch nun fällt ihm, seine Über­le­gun­gen abrupt unter­bre­chend, ein, dass er die ent­spre­chende Dame noch gar nicht gefragt hat, ob sie denn mit ihm ins Thea­ter gehen würde. Dies ist ein Ele­ment des gesam­ten Ablaufs der erwünsch­ten Abend­ge­stal­tung, das dem mond­ge­sich­ti­gen Herrn fast ebenso sehr miss­fällt wie der Gedanke, auf ein Haus­tier zu sto­ßen.

»Also noch mal ganz zurück an den Anfang«, sagt er sich. »Ich trete mit einem Lächeln vor die Per­son, gewin­nend, kei­nes­falls ein Grin­sen, son­dern eher fein und hin­ter­grün­dig, ent­biete ihr mei­nen Gruß und frage sie höf­lich, aber bestimmt, ob sie mir viel­leicht die Ehre erwei­sen würde, mit mir ins Thea­ter zu gehen.« Der mond­ge­sich­tige Herr hat bereits eine Auf­füh­rung ins Auge gefasst. Es ist eine Col­lage aus Stü­cken des Absur­den Thea­ters in einem klei­nen Pro­gramm­thea­ter der Stadt. Aus­ge­sucht hat er sie weni­ger des Inhalts wegen oder auf­grund des Namens des Regis­seurs, der ihm nichts sagt, als wegen des Titels Wir müs­sen drau­ßen blei­ben. Ein Anruf hat ihm bestä­tigt, dass weder Haus­tiere auf der Bühne zum Ein­satz kom­men noch Haus­tiere in Beglei­tung der Besu­cher erlaubt sind.

Spä­ter am Abend aller­dings wird die detail­lier­ten Pla­nun­gen des mond­ge­sich­ti­gen Herrn die Tat­sa­che durch­kreu­zen, dass er die Dame, auf die sich seine Über­le­gun­gen bezie­hen, noch gar nicht ken­nen­ge­lernt hat, und er wird wei­tere Vor­be­rei­tun­gen frus­tiert, aber auch ein wenig erleich­tert auf den fol­gen­den Tag ver­schie­ben.

378/398

Still There

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor mit Trä­nen in den Augen. Hier bin ich nicht mehr gewe­sen, seit ich dich ver­lo­ren habe. Ich hatte immer Angst, ich würde hier vor Wut alles zer­trüm­mern. Aber jetzt emp­finde ich ein­fach nur die ver­traute Trauer, die sich wie eine Ver­nar­bung auf mei­nem Her­zen anfühlt und bei jedem Wet­ter­um­schwung stumpf schmerzt.

Hier, in dem lan­gen Kor­ri­dor, der die bei­den Gebäu­de­teile der Biblio­thek mit­ein­an­der ver­bin­det, sind wir uns das erste Mal begeg­net. Es war kalt, weil sie hier nicht hei­zen, und du standst am Fens­ter und starr­test ver­zückt die Bäume an: Die Sonne war her­aus­ge­kom­men und ließ den kris­tal­li­sier­ten Schnee auf den Ästen magisch glit­zern. Ich trat neben dich, und du nahmst mich bei der Hand und zeig­test mir das Schim­mern des Win­ters. Doch ich blickte nur dich an, denn du hat­test da auch ein Fun­keln wie von Schnee­kris­tal­len in den Augen. Mir wurde ganz heiß davon. Da schim­merte ein Schatz, den ich unbe­dingt besit­zen musste.

Das Sofa an der Kor­ri­dor­wand, in dem wir uns so oft mit unse­ren Fund­stü­cken tra­fen und anein­an­der­ge­schmiegt drin lasen – oft einer im Buch des ande­ren – haben sie weg­ge­räumt. Es ist fort, so wie du, nur noch eine Erin­ne­rung: Es exis­tiert ein Foto von uns bei­den auf dem Sofa – mit Selbst­aus­lö­ser geschos­sen. Wir bli­cken beide ernst in unsere Lek­türe. Dabei muss­ten wir vor­her schon kichern und bra­chen, nach­dem es dann end­lich geblitzt hatte, in so lau­tes Lachen aus, dass eine Biblio­the­ka­rin her­ein­kam und nach dem Rech­ten sah.

Das Foto zeigt indes­sen nichts von dem Kichern und Lachen. Es zeigt uns zwei, wie wir uns mit stei­ner­nen Mie­nen in unsere zwei Bücher ver­tie­fen. Viel­leicht ist das mit dem Leben genauso. Es zeigt uns, wie wir die Rolle spie­len, die wir uns aus­ge­dacht haben. Es wäre schön, dich irgendwo von ferne laut­hals lachen zu hören. Aber auch trau­rig, weil ich in die­ses Geläch­ter nicht ein­stim­men kann: Anders als du bin ich noch ganz in mei­ner Rolle gefan­gen.

Drau­ßen liegt Schnee, wie damals. Die Sonne zeigt sich dies­mal nicht, son­dern ver­steckt sich hin­ter einem wat­tig-grauen Wol­ken­schleier. Aber sie ist da, muss da sein, und viel­leicht hat ja das Wis­sen, dass etwas exis­tie­ren kann, auch wenn wir es nicht sehen, zu allem geführt, was sich die Men­schen über ein Leben nach dem Tod vor­stel­len? Erle­ben zu müs­sen, wie geliebte Men­schen ster­ben, sie zu ver­mis­sen und selbst damit kon­fron­tiert zu sein, dass irgend­wann die Zeit abläuft: Könnte es sein, das dies der Grund für uns Men­schen war, uns ein Jen­seits aus­zu­den­ken, Toten­kult zu betrei­ben, Reli­gio­nen zu erfin­den und den Ver­lust gelieb­ter Men­schen mit Hilfe der täg­li­chen Arbeit, mit Luxus, Ver­gnü­gen, Dro­gen, Hob­bys, Obses­sio­nen zu ver­ges­sen und ver­drän­gen? Und erzäh­len wir uns all diese Geschich­ten, die in den unzäh­li­gen Büchern ste­hen, nicht ein­fach nur, um uns ein­zu­re­den, alles habe sei­nen Sinn und sei gut?

Ich bli­cke auf die Bäume. Der Schnee auf den Ästen ist grau. Keine Nadeira tritt neben mich. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhofft habe, hier­her zu kom­men. Ein über­na­tür­li­ches Zei­chen? Eine innere Hei­lung? Irgend­et­was, das mir den Druck von der Brust nimmt, der immer wie­der Trä­nen in meine Augen treibt?

Mir fällt ein, dass ich ein­mal deine Lieb­lings­kaf­fee­tasse, die aus Knos­sos mit den Del­fi­nen drauf, beim Abtrock­nen fal­len ließ und sie in tau­send Split­ter zer­brach. Ich sah, wie weh dir das tat, und sagte so was wie: »Oh, ver­flixt, Naddi, ich bin untröst­lich, ehr­lich!« Du hast nur den Kopf geschüt­telt und gesagt: »Das will ich nicht hof­fen, dass du ›untröst­lich‹ bist. Das wäre schreck­lich. Wer untröst­lich ist, ist nicht bei Trost.«

Ich weiß nicht, wie man »bei Trost« ist. Du hast dich immer an den Fak­ten ori­en­tiert und genau hin­ge­se­hen: Viel­leicht ist das die Ant­wort. Wir müs­sen uns keine Geschich­ten erzäh­len, keine Mythen, kein Jen­seits, keine Wie­der­ge­burt, keine Engel und unsterb­li­chen See­len erfin­den. Wir müs­sen uns auch nicht ablen­ken. Die Sonne bleibt hin­ter den Wol­ken, es ist kalt, der Schnee ist grau, und ich bli­cke den Tat­sa­chen uner­schro­cken ins Gesicht. Die wahre Magie ist ganz schlicht: Du bist fort, aber ich bin noch hier. Das bewusst zu spü­ren ist viel­leicht das größte Geheim­nis des Seins – und womög­lich der ein­zige wirk­li­che Trost.

381/398

Saviour Busi­ness

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor aus wir­beln­den Ster­nen und Gala­xien, der mir einen kur­zen Blick in das Mul­ti­ver­sum gestat­tet, bevor mich ein gewal­ti­ger Sog zu Boden reißt und mir die Luft abschnürt. Alles in mir schwankt. Ich keu­che und muss gegen einen hef­ti­gen Wür­ge­reiz ankämp­fen. Da tut es gut, schnei­dend kalte Luft in die Lun­gen zu sau­gen. Das Erste, was ich klar erken­nen kann, ist Plu­ra­bel­les Käfig. Sie miaut kläg­lich. Ver­mut­lich hat sie genau wie ich unter den Neben­wir­kun­gen der Par­al­lel­welt­reise zu lei­den.

Ich liege im Schnee. Ganz vor­sich­tig setze ich mich auf. Ich lebe – sonst würde mir nicht jeder Kno­chen schmer­zen. Und ich bin am rich­ti­gen Ort: der Park, die schmale Halb­in­sel, der zuge­fro­rene See. Es ist früh­mor­gens.

Gleich, jeden Moment, müsste das jün­gere Ich des Mör­ders hier ent­lang kom­men und unter­neh­mungs­lus­tig auf das Eis hin­aus­schlid­dern, wie auch ich das an jenem schick­sal­haf­ten Sonn­tag getan habe, vor vie­len, vie­len Jah­ren. Meine Auf­gabe ist klar.

Plu­ra­belle nehme ich natür­lich mit. Der Schnee auf dem Weg ist noch unbe­rührt. Aus den Augen­win­keln her­aus nehme ich eine Gestalt wahr, die auf der ande­ren Seite unter den ver­schnei­ten Buchen zum Ende der Halb­in­sel schlen­dert. Ich will, ich darf mei­nem Alter Ego nicht begeg­nen – mit aller Kraft zwinge ich mich, nicht hin­zu­se­hen, und kon­zen­triere mich auf das, was ich zu tun habe: die Eng­stelle errei­chen, bevor die Jog­ge­rin sie pas­sie­ren kann.

Es ist nie­mand hier. Ich sehe mich um. Wie lange war ich damals auf dem Eis, bis es plötz­lich unter mir nach­gab? War es nicht ein wol­ken­lo­ser Tag? Hier ist der Him­mel ver­han­gen, und es ist neb­lig. Ein paar Atem­züge lang bin ich mir unsi­cher, ob ich hier über­haupt rich­tig bin. Oder spielt mir die Erin­ne­rung einen Streich? Dann sehe ich die Jog­ge­rin.

Es ist eine junge, hüb­sche Frau. Sie trägt eine Woll­mütze und kommt im ste­ten Trab auf mich zu.

»Hallo?«, rufe ich, »ent­schul­di­gen Sie?« Doch sie beach­tet mich nicht. Im letz­ten Moment trete ich ihr in den Weg. »Ent­schul­di­gung?«

Sie stoppt, läuft aber auf der Stelle wei­ter, lächelt und nimmt sich die Ohr­hö­rer her­aus, die ich vor­her gar nicht bemerkt hatte. »Ja?«, sagt sie, und dabei formt sich wei­ßer Kon­dens­atem vor ihrem Mund.

»Könnte es sein, dass Sie ver­ges­sen haben, Ihren Herd aus­zu­stel­len?«

Sie sieht mich ver­blüfft an. Der Mör­der hatte mir davon erzählt – er erfuhr spä­ter, nach­dem sie ihn gefun­den und wie­der­be­lebt hatte, von ihrem Mal­heur, bei dem ihre Woh­nung fast in Brand gera­ten war.

»Oh Shit!«, sagt die Frau, die immer noch auf der Stelle läuft, um ihr Trai­ning nicht zu unter­bre­chen. Sie dreht um und sprin­tet davon. Jetzt bin ich ver­blüfft. Ich hatte erwar­tet, dass sie sich erst ein­mal danach erkun­digt, woher ich davon wis­sen kann. Aber auch so ist es gut. Gut? Ich drehe mich um. Irgendwo da hin­ten auf dem See bricht jetzt ein jun­ger, hoff­nungs­vol­ler Phy­si­ker ins Eis ein und ertrinkt. Und es kommt nie­mand, um ihn in letz­ter Sekunde ins Leben zurück­zu­ho­len und einen Kran­ken­wa­gen zu rufen. Mir wird das Herz schwer. Weder der Gedanke, dass er in fast allen ande­ren par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten des Mul­ti­ver­sums geret­tet wird, noch der an die Welt, die ich dadurch vor dem Unter­gang bewahre – diese Welt hier –, kann mich trös­ten. Plu­ra­belle spürt mei­nen Kum­mer. Sie maunzt und miaut. Ich weiß nicht, wie lange ich da wie fest­ge­fro­ren stehe und mir die Trä­nen aus den Augen rin­nen.

»He, Sie!« Die Stimme der jun­gen Frau reißt mich aus mei­nen düs­te­ren Gedan­ken. »Wie konn­ten Sie das wis­sen?«

Ich drehe mich zu ihr um. Sie war offen­bar schon bei zu Hause, ist wie­der zu mir zurück­ge­spur­tet und ganz außer Atem. »War nur so ein Gedanke«, ant­worte ich aus­wei­chend.

»Sie sind nicht zufäl­lig ein her­ab­ge­stie­ge­ner Engel?«

»Ich komme zwar von weit her, aber ein Engel – nein, ein Engel bin ich nun wahr­haf­tig nicht.«

»Darf ich Sie trotz­dem zu einem Kaf­fee ein­la­den?«, fragt sie. Ich freue mich dar­über, zu mei­nem eige­nen Ver­wun­dern, doch ver­mut­lich ist jetzt alles bes­ser als daran den­ken zu müs­sen, was gerade nur wenige Dut­zend Meter von hier ent­fernt gesche­hen ist.

Das Café am Park hat so früh noch nicht geöff­net, doch der Besit­zer, der zusam­men mit sei­ner Frau dabei ist, sei­nen Gast­raum umzu­de­ko­rie­ren, hat Mit­leid mit uns und bringt zwei damp­fende Tas­sen auf die Ter­rasse.

»Sind Sie auf der Durch­reise, Sie beide?«, fragt die Jog­ge­rin neu­gie­rig und mit Blick auf den Trans­port­kä­fig.

»Plu­ra­belle«, stelle ich ihr meine Katze vor, »eigent­lich Anna Livia Plu­ra­belle. Nein, wir sind gekom­men, um zu blei­ben.«

»Und wo?«

»Zuerst ein­mal in einem Hotel ver­mut­lich.«

Wir nip­pen an unse­rem Kaf­fee, und sie bie­tet mir an, bei ihr zur Unter­miete ein­zu­zie­hen. »Das Zim­mer liegt im Erd­ge­schoss, aber mit Fens­ter zum Innen­hof. Den könnte dann Ihre Katze erobern. Sind Sie Schrift­stel­ler?« Ver­wun­dert schüttle ich den Kopf. »Wer sonst liest schon so ein ver­wor­re­nes Laby­rinth von einem Roman wie Fin­ne­gans Wake?«

Offen­bar weiß sie, woher meine Katze ihren Namen hat. Sie hat grüne Augen und ein sym­pa­thi­sches Lachen. Wäre ich vier­zig Jahre jün­ger, würde ich mich bis über beide Ohren ver­lie­ben. Und da wird mir schlag­ar­tig klar, wer sie ist! Mich hatte damals, als ich im Eis ein­ge­bro­chen war, Uwe Albo gefun­den, und es wurde eine lebens­lange Freund­schaft dar­aus. Dies hier – und so unver­mit­telt mir die­ser Gedanke kommt, so sicher bin ich mir damit – ist die spä­tere Frau mei­nes Alter Egos, des Mör­ders! Gerade eben hat sie, durch meine Schuld, ihren zukünf­ti­gen Ehe­mann und Vater ihrer Kin­der ver­lo­ren. Ich muss schlu­cken. Sie war­tet auf eine Ant­wort von mir. Ich muss ein­fach fest daran glau­ben, alles rich­tig gemacht zu haben. Lei­der bin ich einige Jahr­zehnte zu alt, um die Rolle des Toten ein­neh­men zu kön­nen.

»Ihr Zim­mer sehe ich mir gerne an. Es klingt ganz so, als wäre es per­fekt für einen zurück­ge­zo­gen leben­den Pri­vat­ge­lehr­ten wie mich.«

Sie sieht mich mit gro­ßen Augen an. »Womit beschäf­ti­gen Sie sich denn?«

»In gewis­ser Weise mit ziem­lich ver­wor­re­nen Laby­rin­then. Mit par­al­le­len Wel­ten näm­lich«, sage ich.

»Oha!«, sagt sie und zieht ein klein wenig die Brauen zusam­men, als wisse sie nicht genau, ob ich das auch ernst meine. »Die Viele-Wel­ten-Theo­rie?« Ich nicke. »Ein Mul­ti­ver­sal­ge­nie also, ver­stehe.«

Sie grinst spitz­bü­bisch, und in mein Lachen mischt sich das beklem­mende Gefühl, dass sich das Ken­nen­ler­nen zwi­schen ihr und mei­nem tra­gi­schen Phy­si­ker-Alter-Ego womög­lich ganz ähn­lich abge­spielt hätte. Ihr Leben wird jetzt in gänz­lich ande­ren Bah­nen ver­lau­fen. Viel­leicht kann ich ein wenig auf sie auf­pas­sen und zuse­hen, dass sie in gute Hände kommt.

»Sagen Sie, wol­len wir uns nicht duzen?«, fragt sie und ver­zieht das Gesicht bei ihrem letz­ten Schluck vom Kaf­fee. »Uäh, Boden­satz!«

Ich muss wie­der lachen. Sie stimmt mit ein und streckt mir ihre Hand hin: »Meine Freunde nen­nen mich Ria. Man­che – also die, die mich für eine Drama Queen hal­ten, die ich aber gar nicht bin – nen­nen mich Aria. Eigent­lich jedoch heiße ich, bitte nicht lachen!, Ari­adne.«