Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: PluriDim

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Das Titelbild zeigt einen Mann mit Bart und blauer Arbeitskleidung, der konzentriert an einem komplexen mechanischen Apparat mit vielen Drähten und Messgeräten in einer Werkstatt mit grünem Hintergrund arbeitet. Zwei digitale Buttons in den oberen Ecken zeigen Piktogramme von einem Telefonhörer mit einem Funksignal und vom Weißen Haus.

♫ The Birth of the Gra­vi­Phone ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der zu Pro­fes­sor Cerils Labor führt. Er besteht aus einem silb­rig glän­zen­den Mate­rial, das in geschwun­ge­nen For­men ver­läuft: keine Kan­ten und rech­ten Win­kel. Der Pro­fes­sor meint, dass ihn das kon­tem­pla­tive Durch­schrei­ten die­ses Kor­ri­dors auf seine Arbeit ein­schwingt, seine Kon­zen­tra­tion erhöht und tief­grei­fend inspi­riert. Ich merke nichts davon. Statt­des­sen rut­sche ich auf dem unebe­nen Boden aus und schlage lang hin. Es hallt, als hätte jemand einen gro­ßen chi­ne­si­schen Gong geschla­gen. Zum Glück habe ich mir nicht wei­ter weh­ge­tan.

»Das ist der Durch­bruch!«, begrüßt mich Cerils unver­kenn­bare Stimme im Labor. Er scheint – zu absor­biert in seine For­schun­gen – meine Gong­ein­lage nicht bemerkt zu haben. Hier blinkt und piept alles Mög­li­che, und ich habe Mühe, den Pro­fes­sor hin­ter all den von der Decke hän­gen­den Kabeln, Sus­pen­so­ren, Fla­schen­zü­gen und den Arte­fak­ten frü­he­rer Expe­ri­mente zu fin­den. Er beugt sich, einen Kopf­hö­rer auf den Ohren, über einen klei­nen Metall­kas­ten mit Knöp­fen. Auf­ge­regt erklärt er mir, er habe ein vir­tu­el­les Mikro­fon ent­wi­ckelt, das er mit­tels Gra­vi­ta­ti­ons­wel­len an jeden belie­bi­gen Punkt der Welt schi­cken kann. Ich ver­stehe erst nicht.

»Ich kann belie­bige Koor­di­na­ten ein­ge­ben, und höre dann hier, was es dort zu hören gibt. Es ist eine Art Gra­vi­ta­ti­ons­wel­len­ra­dio, das quasi unend­lich viele Sen­der emp­fan­gen kann – näm­lich von jedem Punkt im Uni­ver­sum aus.« Ich sehe wohl etwas rat­los aus. Das ändert sich auch nicht, als er mir einen zwei­ten Kopf­hö­rer gibt, um seine Erfin­dung vor­zu­füh­ren. Test­weise tippt er die Koor­di­na­ten vom Wei­ßen Haus ein. »Lass uns ein wenig spio­nie­ren«, sagt er mit einem spitz­bü­bi­schen Lächeln.

Ich höre das Knis­tern von Sei­den­bett­wä­sche und lei­ses Lie­bes­ge­flüs­ter, bei dem ich – trotz inten­si­ver Lek­türe eines Eng­lisch­le­xi­kons vor zwei, drei Jah­ren – einige Worte nicht ver­stehe. Aber ich höre zwei Namen her­aus: John und Cindy. Jetzt sieht auch Ceril ziem­lich rat­los aus. Ich kläre ihn auf (schließ­lich muss ich ja hin und wie­der mei­nem Ruf als Wun­der­kind gerecht wer­den): »McCain und seine Frau?« Ceril rät­selt, was die in Oba­mas Schlaf­zim­mer machen könn­ten, doch dann geht ihm ein Licht auf: »Wir belau­schen eine Par­al­lel­welt! Eine, in der nicht Obama, son­dern McCain die Wahl gewon­nen hat. Ja, das könnte es sein: Die phy­si­ka­li­schen Gesetze schüt­zen sich so selbst vor einer sonisch-infi­ni­te­si­ma­len Rekur­sion. Wie bei der Unschär­fe­re­la­tion.«

Umge­hend gibt Ceril die Koor­di­na­ten sei­nes Labors ein, und wir wer­den tat­säch­lich Zeuge einer Unter­hal­tung zwi­schen ihm und mir – nur dass es sich, sagt er, um Alter Egos von uns aus einem Par­al­lel­uni­ver­sum han­delt. Inter­es­san­ter­weise scheine ich da der alternde Erfin­der und er der halb­wüch­sige Assis­tent zu sein.

Bevor ich mehr erfah­ren kann, schal­tet Ceril das Gerät aus, nimmt den Kopf­hö­rer ab und dreht sich zu mir um: »Das öff­net fan­tas­ti­sche Mög­lich­kei­ten, Junge! Ich kann so die ande­ren Ver­sio­nen von mir belau­schen, die meine vie­len Ideen« – er klopft auf den gro­ßen Zet­tel­kas­ten unter sei­nem Schreib­tisch – »schon aus­ge­ar­bei­tet haben. Das spart mir lange Erpro­bungs­pha­sen.« Und mir, denke ich, womög­lich viele gefahr­volle Pra­xis­tests sei­ner zahl­rei­chen Erfin­dun­gen. »Ich muss das Ding nur noch ent­spre­chend modi­fi­zie­ren.« Damit fängt er, mit der einen Hand kom­pli­zierte For­meln auf Papier zu wer­fen und mit der ande­ren gleich­zei­tig Drähte zu ver­knüp­fen. Ich jeden­falls bin kom­plett ver­ges­sen.

Würde ich mich dafür inter­es­sie­ren, was andere Ver­sio­nen von mir so von sich geben? Auf dem Rück­weg durch den Kor­ri­dor schüttle ich den Kopf. Was könnte das schon brin­gen? Dann fällt mir ein, wes­we­gen ich über­haupt zu Ceril gegan­gen war: Ob er mir nicht eine Maschine bauen kann, die ein paar Tage vor den Klas­sen­ar­bei­ten aus­spuckt, was die Leh­rer von mir wis­sen wol­len. Ande­rer­seits, muss ich mir selbst gegen­über zuge­ben, habe ich auch ohne eine sol­che Pro­gnose-Maschine bis­her immer alles gewusst, und es soll ja in der Schule nicht noch lang­wei­li­ger wer­den, als es eh schon für mich ist.

(Wird es auch nicht. Ganz im Gegen­teil. Wegen ihr. Aber das ist eine andere Geschichte.)

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Das Titelbild zeigt einen Blick in eine große Werkhalle, in der ein langer, runder Tunnel aufgebaut ist, umgeben von komplexen mechanischen Apparaturen. Ein Kind mit einem Aktenkoffer steht im Eingang des Tunnels. Zwei digitale Buttons in den oberen Ecken zeigen Piktogramme: drei rennende Pferde links und ein Tisch, auf dem Stapel von Dollarmünzen liegen rechts.

♫ The Mecha­ni­cal Quirk ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor fes­ten Schrit­tes, obwohl ich am liebs­ten weit weg­ge­rannt wäre. Hier ist alles elek­trisch, und mir stel­len sich die Här­chen auf den Armen auf. Pro­fes­sor Ceril hat mir detail­lierte Anwei­sun­gen gege­ben. Tat­säch­lich hat er mir sogar vor­her ein Hand­buch über­reicht, das gefühlte fünf­hun­dert Sei­ten dick ist. Beim Pro­fes­sor heißt es immer Klot­zen statt Kle­ckern. So genial sie sind: Seine Maschi­nen müs­sen immer gleich die Größe einer Turn­halle haben. So auch seine Zeit­ma­schine.

Dass immer ich seine Erfin­dun­gen tes­ten muss, liegt an einem Deal zwi­schen mei­nem Dad und ihm: Der Pro­fes­sor ist ein Jugend­freund mei­nes Vaters, und seit der durch seine Ser­ver­parks zu Geld gekom­men ist, finan­ziert er Cerils For­schun­gen. Zum Aus­gleich soll die­ser mir etwas über Phy­sik, Elek­tro­dy­na­mik, Quan­ten­zu­stände, Dunkle Ener­gie und all so’n Zeugs bei­brin­gen.

Der Kor­ri­dor – der »spa­tiale Dila­ta­ti­ons­kom­pres­sor« – ist von run­den, metal­le­nen Luken gesäumt, wie man sie in einem U‑Boot erwar­ten würde, kom­plet­tiert durch das Dreh­kreuz, mit dem sie sich öff­nen las­sen. Hin­ter den Wän­den höre ich ein Knar­zen und Kla­ckern wie von klei­nen, höl­zer­nen Uhr­wer­ken – es klingt eher mecha­nisch als elek­tro­nisch. Aber das hilft mir auch nicht wei­ter. Ich stehe etwas hilf­los da und blät­tere ziel­los im Hand­buch für die Maschine. Der Pro­fes­sor hat mir ein­ge­schärft, ja durch die rich­tige Luke zu gehen. Die fal­sche zu öff­nen wäre fatal und würde die »Tem­po­ral-Stra­ti­gra­fie« nach­hal­tig durch­ein­an­der­brin­gen. Das will er auf alle Fälle ver­mei­den. Viel mehr soll ich sein jugend­li­ches Ich am ers­ten Okto­ber 2006 dazu brin­gen, statt auf Dis­kre­tion auf Schia­pa­relli zu set­zen – bei einer Dreier-Wette auf drei­jäh­rige Hengste und Stu­ten.

Letzt­lich bekomme ich aber die ent­spre­chende Luke, die mich zum ent­schei­den­den Pfer­de­ren­nen füh­ren soll, nicht auf: zu fest zuge­schraubt. Gut so. Muss ich mich nicht als Zwölf­jäh­ri­ger auf eine Renn­bahn schlei­chen und unter den Wett­be­geis­ter­ten den jun­gen Ceril aus­fin­dig machen. Statt­des­sen setze ich mich in den Kor­ri­dor und warte eine Zeit­lang, was in der flir­ren­den Elek­tri­zi­tät, die die Zeit­ma­schine in ihrem Inne­ren erzeugt, schon unan­ge­nehm genug ist. Dann gehe ich den Gang zurück und trete aus der Maschine.

Ceril erwar­tet mich auf­ge­regt. Ich nicke, drü­cke ihm das Hand­buch wie­der in die Hand und quet­sche zwi­schen den Zäh­nen her­vor: »Auf­trag aus­ge­führt«.

Ceril ist begeis­tert und tanzt herum. »Wer setzt auch schon auf Dis­kre­tion?!«, singt er, und auf meine Frage hin, was sich eigent­lich durch die Aktion ver­än­dert hat, erklärt er mir väter­lich, dass jetzt ein jun­ger Muzimi Ceril in einem Par­al­lel­uni­ver­sum stein­reich gewor­den sei und sich alle Träume erfül­len könne. Und dar­un­ter viel­leicht auch den, es sei­nem Wohl­tä­ter – womit er nicht etwa mich, son­dern sich selbst meint – zu dan­ken, indem er sich revan­chiert.

Wenn ich das rich­tig ver­stehe, soll der andere, jetzt stein­rei­che Ceril auf den Gedan­ken kom­men, sei­nen Assis­ten­ten – also ver­mut­lich eine par­al­lele Aus­gabe von mir – los­zu­schi­cken, um wie­derum ihn, den Pro­fes­sor, reich zu machen. Auf so eine ver­rückte Idee muss man erst mal kom­men! Ich gebe vor, noch Haus­auf­ga­ben machen zu müs­sen, und lasse ihn in sei­nem Labor allein. Wäh­rend ich mit mei­nem Fahr­rad davon­fahre, höre ich ihn noch lange sin­gen und über­lege, ob der Pro­fes­sor nicht bes­ser mal eine Maschine erfin­den sollte, die ein­fach nur kom­plette Stille her­stellt.

(Hat er bei­nahe. Aber das ist eine andere Geschichte.)

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Das Titelbild zeigt einen Haufen alter Postkarten mit Landschaften, Gebäuden und einem Flugzeug. Manche zeigen ihre Schriftseite, doch ist alles unleserlich, und Briefmarken fehlen.

♫ Prin­ci­pia aero­ba­tica ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor jeden Abend vor dem Ein­schla­fen. Es ist mir in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen, das Licht am Bett aus­zu­knip­sen, mich zurecht­zu­kuscheln, die Augen zu schlie­ßen und zu ver­su­chen, den Kor­ri­dor zu errei­chen, der eine Ver­bin­dung zwi­schen den zwei Wel­ten schafft. Doch wie immer blei­ben die Bil­der mei­ner Vor­stel­lung blass, und es ist mehr so, dass ich den Kor­ri­dor müh­sam erfinde, als dass ich ihn ein­fach betrete.

Als mein Zwil­lings­bru­der starb, war das, als hätte man mir das halbe Herz her­aus­ge­schnit­ten. Mit einem Schlag hatte die Welt an Far­big­keit ein­ge­büßt, und ein mil­chi­ger Schleier legte sich über die Dinge.

Doch dann, fast ein Jahr spä­ter, eines Nachts im Traum war ich plötz­lich von Far­ben umge­ben, die ich nicht benen­nen konnte und die es eigent­lich gar nicht geben dürfte. Inmit­ten die­ser schil­lern­den, fluo­res­zie­ren­den Pracht stand er plötz­lich vor mir. Er sah anders aus, älter, und er wollte nicht mehr Dig­nus, son­dern Korian genannt wer­den. Im Traum wusste ich nichts von dem Selbst­mord, aber ich spürte, dass mein Bru­der mir etwas äußerst Wich­ti­ges sagen wollte, dass sich auf ihn, auf mich und auf die­sen Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten bezog, in dem unsere Begeg­nung statt­fand.

Das Auf­wa­chen war schreck­lich. Ich war noch ganz beseelt von der Nähe zu ihm, und mir war auch sofort klar, was für eine außer­or­dent­li­che Bedeu­tung das besaß, was ich da im Traum erlebt hatte. Aber gleich­zei­tig kroch eine bit­tere, wütende Ver­zweif­lung in mir hoch, denn trotz aller Anstren­gun­gen: An das, was Dig­nus, was Korian mir gesagt hatte, erin­nerte ich mich nicht mehr. Da waren nur noch die Far­ben, diese irr­sin­ni­gen, unmög­li­chen Far­ben. Der Inhalt sei­ner Worte, selbst der Wel­ten-Kor­ri­dor: Sie hat­ten ihre Kon­tur ver­lo­ren und sich auf­ge­löst wie ein Fuß­ab­druck im Sand der Wüste. Ver­bis­sen zer­mar­terte ich mir das Hirn, und natür­lich hoffte ich instän­dig, der Traum würde sich wie­der­ho­len – ver­ge­bens. Die Tür war wie­der zuge­fal­len. Den­noch gewöhnte ich mir an, beim Ein­schla­fen das Wenige, das mir noch in Erin­ne­rung ist, Revue pas­sie­ren zu las­sen. Viel­leicht würde sich die Tür zu die­sem Kor­ri­dor, die Tür zu Korian noch ein­mal für mich öff­nen!

Der Traum kam nie wie­der, nicht in den fast drei­ßig dar­auf­fol­gen­den Jah­ren. Oh, ich begann tat­säch­lich von Kor­ri­do­ren zu träu­men, von Kor­ri­do­ren jeder Art und Form und Beschaf­fen­heit – doch nicht von dem Kor­ri­dor. Und nicht von mei­nem Zwil­lings­bru­der.

Irgend­wann begann ich, meine Erin­ne­rungs­fet­zen an die Besu­che in all die­sen ver­fehl­ten und wir­ren Traum­kor­ri­do­ren, die mir den Weg zu dem eigent­li­chen Kor­ri­dor ver­stell­ten, nie­der­zu­schrei­ben – in der Hoff­nung, sie dadurch los­zu­wer­den. Ich nahm dafür die Post­kar­ten, das große Bün­del alter Post­kar­ten aus aller Welt, das Dig­nus ein­mal auf einem Floh­markt gekauft und mir geschenkt hatte, 398 Stück, wie sich her­aus­stellte, und ich sollte ein Jahr lang jeden Tag eine davon lesen und mir vor­stel­len, er würde sie mir von sei­nen heim­li­chen Welt­rei­sen schi­cken. Das war mir dann doch zu ver­rückt, und ich las sie erst, als er seine Reise tat­säch­lich ange­tre­ten hatte.

Als ich dann all die fal­schen Träume von den in die Irre füh­ren­den Kor­ri­do­ren auf­schrei­ben woll­ten, um sie irgend­wie los­zu­wer­den, tat ich das auf den Kar­ten, zwi­schen die Zei­len, um die exo­ti­schen Brief­mar­ken und Post­stem­pel herum, auf jedes freie Stück­chen. Und dann, manch­mal, drehe ich sie um, betrachte ein ver­gilb­tes Post­kar­ten­foto, und es kommt mir vor, als seien das die Far­ben, in denen damals jener ver­ges­sene Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten geleuch­tet hat.

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♫ Sil­fur­s­tól­linn ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor erstaunt und ein wenig ange­gru­selt. Wie kann es sein, dass ich nach all den Jah­ren einen Gang ent­de­cke, der von mei­nem Schlaf­zim­mer weg­führt? Aber ich habe ja auch noch nie gegen die hin­tere Wand mei­nes Klei­der­schranks gedrückt. Jetzt komme ich jeden­falls in Räume, die mir vor­her gänz­lich unbe­kannt waren und von denen ich nicht ein­mal wusste, dass ich nichts von ihnen wusste.

Ich beschließe, mich bes­ser für diese Expe­di­tion aus­zu­rüs­ten, statt im Schlaf­an­zug und ohne jeg­li­ches Equip­ment los­zu­zie­hen. Ich kehre um, lege mich erst ein­mal ins Bett, um auch ja gut aus­ge­schla­fen zu sein, und als am Mor­gen der Wecker piepst, habe ich nur undeut­li­che Erin­ne­run­gen an »irgend­was mit mei­nem Klei­der­schrank und einer Gas­la­terne im Wald«, das ich bald dar­auf ver­ges­sen habe.

178/398

♫ Akas­hic Spalls ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Wie­der pla­gen mich die pochen­den Kopf­schmer­zen, obwohl ich im Grunde genom­men gar kei­nen Kopf mehr besitze, son­dern wie ein Geist ohne Kör­per durch die Zei­ten reise, immer in den Köp­fen von ande­ren, die mich nicht bemer­ken – an der Seite von Men­schen, die mich als Kind fas­zi­niert hat­ten, auch wenn ich sie viel­leicht längst ver­ges­sen habe.

Alles begann mit dem Tauch­re­kord der Tri­este – zuletzt war es eine Reise ganz ande­rer Art, auf der ich mit Sven Hedin in die Wüste Lop Nor gelangt bin, bis schließ­lich der schwe­di­sche Teil­neh­mer der Expe­di­tion, hin­ter des­sen Augen ich taten­los sit­zen und die gan­zen Stra­pa­zen mit­er­le­ben musste, in einer Toten­stadt aus der Bron­ze­zeit, die sie erforsch­ten, einen unter­ir­di­schen Gang betrat.

Es sind ihre Träume, die mir Kopf­schmer­zen berei­ten. Sie über­fal­len mich oft nachts und dau­ern dann den gan­zen Mor­gen an. Ich fühle mich dem allen hilf­los aus­ge­lie­fert, ver­su­che jedoch seit ein paar Tagen, mich auf einen Gedan­ken zu kon­zen­trie­ren, der mir aber immer wie­der weg­zu­rut­schen droht: Viel­leicht ist es kein Unfall, keine Strafe, kein Fluch, der mich getrof­fen hat. Viel­leicht ist es eine Chance oder eine Gnade!

Es gab da doch die­sen Film, in dem der Held ähn­lich wie ich gefan­gen war und kei­nen Aus­weg fand. Er war Meteo­ro­loge, glaube ich, und erst als er anfing, die aus­weg­lose Situa­tion, in die er sich ver­strickt hatte, als Mög­lich­keit zu begrei­fen und ihr Poten­zial aus­zu­schöp­fen, konnte er sich schließ­lich aus ihr befreien.

Also ver­su­che ich, zu der Fas­zi­na­tion zurück­zu­fin­den, die ich als Kind hatte, als ich von all die­sen Aben­teu­ern las.

Ich bin im Dschun­gel unter­wegs, hilf­los im Kopf eines jun­gen Mexi­ka­ners ein­ge­ker­kert, der als Trä­ger eine gut aus­ge­rüs­tete Expe­di­tion beglei­tet. Hiram Bing­ham lässt uns mit den Mache­ten auf die dichte Vege­ta­tion ein­schla­gen, die große Stein­qua­der über­wu­chert. Er ist über­zeugt davon, end­lich die Inka­stadt Vil­ca­bamba ent­deckt zu haben. Ich weiß es bes­ser. Dies ist Machu Pic­chu. Aber ich kann es dem For­scher nicht sagen. Ich bin zur Taten­lo­sig­keit ver­ur­teilt und kann nur ver­zwei­felt beob­ach­ten und dar­auf hof­fen, dass mich irgend­ein Kor­ri­dor aus mei­nem Gefäng­nis befreit. Auf irgend­et­was wollte ich mich kon­zen­trie­ren. Doch alles ver­schwimmt immer wie­der und ent­zieht sich mir. Ich ver­flu­che mein Schick­sal. Irgend­wann betritt der Mexi­ka­ner einen nied­ri­gen Gang in einem der not­dürf­tig frei­ge­leg­ten Pyra­mi­den­bau­ten …

Ich bin Lord Lind­say – zumin­dest werde ich so ange­re­det – und stehe im drit­ten Stock eines Gebäu­des. Mit einer Mischung aus Bewun­de­rung und Bestür­zung beob­achte ich, wie sich ein Mann – das muss das Medium Daniel Dun­glas Home sein, erin­nere ich mich dun­kel – vom Boden erhebt und levi­tiert. Bald schwebt er, lang aus­ge­streckt, mit dem Rücken nach unten im Zim­mer. Lord Lind­say packt das Grauen, wäh­rend ich in sei­nem Kopf hocke und das Schau­spiel fas­zi­niert beob­achte. Schließ­lich glei­tet Home mit vor Anstren­gung ver­zerr­tem Gesicht und geschlos­se­nen Augen aus dem Fens­ter. Lord Lind­say bleibt ent­setzt ste­hen, wäh­rend ein wei­te­rer Beob­ach­ter der Szene zu einem ande­ren Fens­ter stürzt und es öff­net. Home schwebt mit den Füßen voran her­ein. Er lan­det ste­hend, schlägt die Augen auf und lächelt seine drei Zuschauer an. Lord Lind­say sieht sich plötz­lich star­kem Harn­drang aus­ge­setzt und eilt aus dem Zim­mer in den Trep­pen­flur …

Ich stehe neben Xu Fu auf der Brü­cke eines anti­ken chi­ne­si­schen Segel­schif­fes. Eine Flotte folgt uns, die sich bis zum Hori­zont erstreckt. Das Eli­xir der Unsterb­lich­keit! Mir fällt alles wie­der ein. Qín Shǐhuángdì, Grün­der des chi­ne­si­schen Kai­ser­reichs, ließ aus sei­ner para­no­iden Angst vor dem Tod her­aus eine Schiffs­expe­di­tion aus­rüs­ten, die ihm das Unsterb­lich­keits­elexir beschaf­fen sollte. Die sech­zig Bar­ken kehr­ten nie zurück, und nie­mand weiß, was mit ihnen gesche­hen ist. Werde ich es jetzt erfah­ren? Meine Neu­gier erin­nert mich daran, dass ich mich dar­auf kon­zen­trie­ren wollte, mich an mei­ner Reise – trotz mei­nes Aus­ge­lie­fert­seins, trotz des häu­fi­gen Kopf­wehs und trotz der stän­di­gen Aus­set­zer – so weit wie mög­lich zu erfreuen. Warum ver­gesse ich das immer wie­der? Ich rie­che die See­luft, spüre den Wind auf mei­ner Haut, die nicht meine ist. Doch dann geht der Chi­nese unter Deck, und schon ver­liere ich den Halt in sei­nem Geist und wirble ori­en­tie­rungs­los durch Raum und Zeit …

179/398

♫ Back Into the Magma ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der zu den rie­si­gen Wet­ter­kris­tal­len führt. Die Erde bebt. Men­schen lau­fen und rufen vol­ler Panik und Todes­angst durch­ein­an­der – nicht nur in mei­nen Ohren, auch in mei­nem Geist höre ich ihre Schreie gel­len.

Mich beherrscht ein ein­zi­ger Gedanke: Ich muss die gro­ßen Kris­talle deak­ti­vie­ren! Mit ihnen woll­ten die Geist­meis­ter das Wet­ter beein­flus­sen, aber jetzt sind sie außer Kon­trolle gera­ten. Ein dunk­ler, schreck­li­cher Don­ner ertönt, den ich im gan­zen Kör­per spü­ren kann. Wie von einer Göt­ter­faust werde ich zu Boden geschmet­tert. Es war ein irr­wit­zi­ger Plan, die Kris­talle dafür benut­zen zu wol­len, die Zeit anzu­hal­ten! Das ganze Land ver­sinkt im Meer: Die Halle der Kris­talle kippt lang­sam zur Seite weg, und der Kor­ri­dor wird zu einem boden­lo­sen Schacht. Seine Wände ragen vor mir auf. Ich ziehe mich an den Stein­plat­ten hoch und ducke mich vor her­ab­fal­len­den Trüm­mern weg. Was­ser dringt ein, von allen Sei­ten. Blitze durch­zu­cken die Halle. Die mäch­ti­gen Kris­talle bäu­men sich auf gegen die Flu­ten und brin­gen in ihrem Todes­kampf das Meer zum Bro­deln.

In mei­nem Geist hal­len die Ent­set­zens­schreie Mil­lio­nen Ster­ben­der wider. Meine Mut­ter, meine Schwes­ter Nete – ihre Prä­senz fla­ckert in mei­nem Geist noch ein­mal hell auf, bevor sie ver­lischt. Der Ver­lust lässt alles in mir dumpf und taub wer­den.

Immer mehr Was­ser strömt in die Halle. Das stei­nerne Gewölbe ist bereits tief ins Meer ver­sun­ken, und die Luft­blase, die sich darin gebil­det hat, wird mehr und mehr von den ein­drin­gen­den Flu­ten ver­schlun­gen. Soll ich auf­ge­ben? Nein! Etwas Unbe­kann­tes in mir ver­leiht mir Kraft. Ich will wei­ter­le­ben, höher­klet­tern, den Was­ser­mas­sen ent­kom­men, doch eine umstür­zende Säule zer­schmet­tert mir das linke Bein. Ein ste­chen­der Schmerz raubt mir den Atem. Ich bin ein­ge­klemmt und werde ertrin­ken. Jetzt gibt es nur noch eins, das mir bleibt …

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♫ Gazing Into the Crys­tal Skull ♫


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… Ich betrete den Kor­ri­dor, wie ich es schon als klei­nes Kind von den Geist­meis­tern gelernt habe, und steige in mei­nen »Tem­pel der flüch­ti­gen Bil­der« hinab. Zuerst zögere ich, denn sind es nicht die Geist­meis­ter gewe­sen, die zu tief in ihre inne­ren Tem­pel hin­ab­ge­stie­gen sind und mit ihren grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Ideen unser aller Unter­gang her­auf­be­schwo­ren haben? Doch das dro­hende Ertrin­ken und die uner­träg­li­chen Schmer­zen in mei­nem zer­schmet­ter­ten Bein trei­ben mich an die­sen Ort, an dem alles still und unbe­wegt ist.

Mein »Tem­pel« aller­dings ist – eine Insel.

Nie­mand durfte davon wis­sen, denn das Bild einer Insel vor dem inne­ren Auge wach­zu­ru­fen statt das eines Tem­pel­baus wider­spricht dem geis­ti­gen Gesetz, wie es uns gelehrt wird – doch so sehr ich mich auch gegen diese Insel zu weh­ren ver­suchte: Sie wollte ein­fach nicht wie­der ver­schwin­den. Nicht ein­mal mei­nen engs­ten Freun­den erzählte ich davon, und so erschre­cke ich zutiefst, als ich dort auf mei­ner klei­nen Insel eine Gruppe Frem­der ste­hen sehe. Ein alter Mann, des­sen linke Gesichts­hälfte völ­lig ver­narbt ist, tritt auf mich zu. Hin­ter ihm ste­hen elf Män­ner und Frauen.

»Ich bin Kte­phaim«, sagt der alte Mann. Was haben diese Leute in mei­nem Geist zu suchen? Oder sol­len sie mich abho­len und ins Reich der Toten füh­ren?

»Wir sind … Wan­de­rer. Und wir möch­ten dir anbie­ten, einer von uns zu wer­den.« Ich will zuerst ein­mal wis­sen, was es mit all dem hier auf sich hat, aber er bedeu­tet mir zu schwei­gen. »Du kannst dich ret­ten.« Damit über­reicht er mir einen geschlif­fe­nen Kris­tall in der Form eines mensch­li­chen Schä­dels.

Ich weiß, was ich zu tun habe. Die ande­ren elf, die hin­ter Kte­phaim ste­hen, sehen mich stumm an. Eine der Frauen lächelt auf­mun­ternd. Ich bli­cke dem Kris­tall­schä­del in die Augen.

»Kon­zen­triere dich«, sagt der Alte. »Du hast lange dafür geübt. Jetzt ist der Augen­blick gekom­men.«

Mit einem Mal bin ich wie­der in mei­nem Kör­per. Eis­kal­tes Was­ser umströmt mich, und im zer­schmet­ter­ten Bein spüre ich ein bren­nen­des Pochen. Ich nehme einen letz­ten Atem­zug, bevor das Meer mich ver­schlingt. Und kon­zen­triere mich.

Meine Hei­mat sinkt ins Magma zurück. Wenn die Sonne zum ers­ten Mal wie­der durch die schwar­zen Wol­ken­mas­sen bre­chen wird, wird nichts mehr von ihr übrig sein. Aus dem Schlamm wird sich eine neue Mensch­heit erhe­ben, eine neue Geschichts­schrei­bung ent­fal­ten, wer­den neue alte Kriege ent­bren­nen und alte neue Erfin­dun­gen und Erfah­run­gen die Men­schen bewe­gen.

Aber dies sind Dinge, die ich erst spä­ter erfah­ren werde. Denn ich über­lebe. Mit einem letz­ten Atem­zug ver­setze ich mich mit Hilfe des kris­tal­le­nen Schä­dels und einem unge­kann­ten Über­le­bens­wil­len in mir an einen ande­ren Ort in eine andere Zeit.

Ein Moos­pols­ter, mäch­tige Wur­zeln, eine Lich­tung.

Lang­sam komme ich zu mir. Enra’daí, die Frau aus der Gruppe der Wan­de­rer, die mir zuge­lä­chelt hatte, sitzt neben mir und unter­sucht mein Bein. »Wo bin ich?«, frage ich sie, aber Enra’daí ver­bes­sert mich: »Frag lie­ber, wann du bist. Du bist jetzt einer von uns.«

Sie erklärt mir, wir seien zwölf und besä­ßen die Fähig­keit, auf die Rück­seite der Zeit zu sprin­gen und von dort aus dort­hin zu wan­dern, wo wir gebraucht wer­den. Man­chen der Wan­de­rer gelinge das fünf‑, sechs- oder gar zehn­mal. Dann ver­siege die Kraft dazu. Ein neuer Wan­de­rer müsse gefun­den wer­den, um die Lücke zu fül­len. »Und du bist wahr­schein­lich der jüngste, den es je gege­ben hat«, fügt sie an.

In den nächs­ten Tagen heilt sie mit Kräu­ter­wi­ckeln mein Bein und brät über einem Feuer ihr Jagd­wild für uns. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Ihre Bewe­gun­gen, ihre Berüh­run­gen, ihre leise Stimme: All das berauscht mich, beglückt mich im Inners­ten, rührt mein Herz an und weckt ganz unbe­kannte, Süße und Schmerz ver­spre­chende Gefühle in mir, die ich scham­haft vor ihr ver­berge, da sie mich zwar lie­be­voll pflegt, aber doch wohl mit der Für­sorge einer Mut­ter für ihren Sohn. Wie gern würde ich ihr bewei­sen, dass ich bereits ein Mann bin. Ich könnte Bäume fäl­len und eine Hütte für uns errich­ten, ich würde die Jagd erler­nen und wilde Tiere für sie erle­gen – doch mein Bein erlaubt dies alles noch nicht, ich muss es scho­nen.

Auf die Rück­seite der Zeit zu sprin­gen, hat mir das Leben geret­tet. Ich bezweifle, dass unsere Geist­meis­ter von die­ser Fähig­keit wuss­ten. Enra’daí zögert, als ich sie frage, was mit dem Wan­de­rer geschieht, der die Kraft dazu ver­liert. Ihre Stimme klingt brü­chig: »Er bleibt dort, von wo der neue Wan­de­rer geholt wird.« Ich will sie fra­gen, ob Kte­phaim an mei­ner statt in die Halle der Kris­talle ver­setzt wurde, aber Enra’daí ver­zieht schmerz­lich das Gesicht und wen­det den Blick ab. Das lässt mich sto­cken, und ich spre­che meine Frage nicht aus.

»Ich muss wei­ter«, sagt sie schließ­lich und wirkt ein wenig trau­rig. »Wir Wan­de­rer sind Ein­zel­gän­ger.«

Ich will dage­gen pro­tes­tie­ren, flehe sie an, zu blei­ben, behaupte, mein Bein schmerze wie­der. Doch Enra’daí lässt sich nicht erwei­chen. Zum Abschied berührt sie mich nur kurz am Arm und wen­det dann schnell ihren Blick ab. Ich will ihr nach­ru­fen, dass ich sie liebe, aber schon ist sie zwi­schen den mäch­ti­gen Stäm­men der Bäume ver­schwun­den. Trä­nen stei­gen mir in die Augen, und ich beginne bit­ter­lich zu wei­nen.

Es ist ein Abschied …

All die Toten – ein gan­zes Volk! Meine Freunde! Meine Mut­ter! Meine kleine Schwes­ter! Erst als es tagt, ver­sie­gen meine Trä­nen, und ich falle in unru­hi­gen Schlaf.

… und ein Neu­an­fang.

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The Chase

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Ich betrete den Kor­ri­dor schwe­bend und zeit­lu­pen­haft lang­sam, um dann plötz­lich über­mensch­lich schnell durch wei­tere Kor­ri­dore, durch Durch­gänge und um Ecken zu schie­ßen, dabei aber immer wie­der kurz in Zeit­lupe ver­fal­lend, wor­auf­hin die irr­sin­nige Jagd durch das Laby­rinth sofort wei­ter­geht, bis die Kamera nach die­sen extre­men Tem­po­wech­seln schließ­lich – im pas­sen­den Timing zu den Orches­ter­schlä­gen der sin­fo­ni­schen Film­mu­sik – ins Freie gelangt und in den Him­mel schwenkt. Whoa! Hätte nicht gedacht, dass die Sequenz der­art gut kommt, und das allein schon hier auf dem Moni­tor am Schnitt­platz. Wie soll das erst im Kino wer­den? Es wird die Zuschauer von ihren Sit­zen rei­ßen.

Die Regis­seu­rin ist da aller­dings ganz ande­rer Mei­nung. Sie kommt in den Schnei­de­raum, lässt sich die Sequenz von mir zei­gen und stoppt sie, noch bevor sie zu Ende ist. »Nein, nein, viel zu effekt­ha­sche­risch. Ich hab mir unter dem Par­al­lel­welt­über­gang etwas viel Schlich­te­res, Unauf­fäl­li­ge­res vor­ge­stellt.«

Ich pro­tes­tiere: »Aber so steht es im Dreh­buch: ›Die Kamera rast durch ein Laby­rinth von Kor­ri­do­ren und Trep­pen­häu­sern.‹«

»Kann sein, aber das ist nicht der Film, den ich vor Augen habe. Ich dachte da an ein kur­zes Kris­tal­li­sie­ren des Bil­des, wie eine Wind­schutz­scheibe, die in Tau­sende Pixel zer­split­tert. Und dann, einen Wim­pern­schlag spä­ter, ist alles wie vor­her, nur wis­sen wir, dass unsere Hel­din jetzt in eine Welt gesprun­gen ist, die sich von der vor­he­ri­gen in win­zi­gen Details unter­schei­det.«

»Ein kur­zes Kris­tal­li­sie­ren des Bil­des also?«

Sie nickt. »Wer im Publi­kum an der Stelle auch nur ganz kurz die Augen schließt, hat’s ver­passt. Es muss sub­til sein. Keine bil­li­gen Effekte. Das ist nicht mehr zeit­ge­mäß. Ich sollte da auch noch mal mit dem Kom­po­nis­ten spre­chen.«

»Sub­til also.«

»Genau. Aber …« Sie sieht auf ihre Arm­band­uhr. »Jetzt ist’s schon spät, und die Über­stun­den bekom­men wir nicht bezahlt. Da set­zen wir uns mor­gen dran, schlage ich vor.«

Damit geht sie. Ich sehe mir die rasende Fahrt durch die Kor­ri­dore noch ein­mal an. Schade um die schöne Sequenz. Immer­hin musste der Kame­ra­mann der Second Unit dafür rund zwan­zig Minu­ten hoch und run­ter durch Gänge und über Trep­pen lau­fen, ohne die Kamera von der Schul­ter zu neh­men. Am Schnei­de­tisch habe ich das auf einen Bruch­teil die­ser Zeit beschleu­nigt, und jetzt lösen die Bil­der irgend­et­was Merk­wür­di­ges in mei­nem Kopf aus. Damals, als ich als Cut­ter anfing, hab ich mit mei­nen Kol­le­gen mal bei einer Party dar­über phi­lo­so­phiert, ob es den per­fek­ten Schnitt geben könnte. Ein guter Schnitt bleibt unbe­merkt, ein schlech­ter Schnitt fällt auf, stört und reißt das Publi­kum aus dem Film­erleb­nis raus. Könnte nicht ein sehr guter, ein per­fek­ter Schnitt so sehr »nicht auf­fal­len«, dass er den Zuschauer mit einem Schlag noch viel tie­fer in den Film mit rein­zieht?

Mit weni­gen Klicks setze ich die zwi­schen Zeit­lupe und Zeit­raf­fer wech­selnde, pum­pende Kor­ri­dor­jagd zu einem Loop zusam­men. Die Fahrt ist jetzt end­los, und ich weiß nicht, wie lange ich schon dar­auf­starre und hin­ein­ge­zo­gen werde. Einen Wim­pern­schlag lang scheint mein Gesichts­feld von einem Karo­mus­ter fei­ner Fäden durch­zo­gen, und für den Bruch­teil einer Sekunde wir­belt alles kalei­do­skop­ar­tig durch­ein­an­der. Es ist, als ver­löre ich kurz den Halt in die­ser Rea­li­tät … – doch dann ist es auch schon wie­der vor­bei.

Eine Stimme reißt mich aus der Trance: »Fan­tas­tisch. Groß­ar­tig. Viel bes­ser, als ich mir vor­ge­stellt habe.« Ich betä­tige die Stopp­taste und drehe mich um. Die Regis­seu­rin steht da, lehnt sich über mich und drückt die Play­taste. Ihre Augen leuch­ten: »Das macht den Wech­sel der Welt zu einem ech­ten Trip für den Zuschauer. Die Musik braucht noch mehr Bass, aber sonst ist es per­fekt. Gute Arbeit. Die­ses Geschwin­dig­keits-Pum­pen im Bild reißt einen voll in den Film rein!«

»Also … nicht sub­til?«

»Wir wer­den die Zuschauer kaum ›sub­til‹ über­wäl­ti­gen kön­nen, oder? Der Film soll sie umhauen! Aber …« Sie blickt auf ihre Arm­band­uhr. »Es ist schon spät. Wir schnei­den es, schlage ich vor, mor­gen in die Szene rein, okay?«

Damit geht sie. Ich stoppe die Sequenz. Was war das gerade? Selt­sam. Ver­mut­lich bin ich über­ar­bei­tet und brau­che drin­gend eine Mütze voll Schlaf.

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O nada o todo

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg zu mei­nem klin­geln­den Tele­fon. Wer ruft mich so früh an? Albo? Um mich dar­über zu infor­mie­ren, wo die nächs­ten fünf­zig Texte des Seri­en­kil­lers gefun­den wur­den? Es sind näm­lich wie­der fünf­zig Tage rum seit unse­rem letz­ten Fund. Ich nehme den Hörer ab, doch erst ein­mal höre ich nur Stör­ge­räu­sche und Rau­schen. Das kenne ich schon. Da bin ich wohl ges­tern wie­der mit dem Staub­sauger an die Wand­buchse unterm Schrank gesto­ßen. Ich lasse mich auf die Knie run­ter und angle unter dem High­board nach dem Tele­fon­ka­bel. Die Hoff­nung, dass mein Arm dies­mal lang genug ist, erfüllt sich erwar­tungs­ge­mäß nicht. Also lege ich mich äch­zend auf den Bauch, schiebe meine Schul­ter unter den Schrank, bis ich mit den Fin­ger­spit­zen die Wand­buchse errei­che und daran rüt­teln kann. Einen Moment lang werde ich durch Plu­ra­belle abge­lenkt, die miau­end her­an­trabt, um die Gele­gen­heit zu nut­zen, ihr Gesicht an mei­nem rei­ben zu kön­nen. Dann macht es Klick.

Meine aus­ge­streckte Hand sitzt fest, küh­les Metall hat sich um das Gelenk gelegt. Flu­chend zerre und ziehe ich, aber ich komme nicht wie­der los.

»Ist unbe­quem, ich weiß«, sagt eine Stimme in mei­nem Rücken. Ich will mich umdre­hen, was mir jedoch den Arm bre­chen würde. Keu­chend beob­achte ich, wie die Spitze eines schwar­zen Leder­schuhs einen Kar­ton in mein Blick­feld schiebt.

»Wird aller­dings nicht lange dau­ern, ver­spro­chen!«, fährt die Stimme des Unbe­kann­ten fort. »Wenn ich weg bin, springt die Hand­schelle wie­der auf.« Der Mann tritt hin­ter mich.

»Wer zur Hölle sind Sie?« Aber ich ahne bereits, mit wem ich es zu tun habe und wer mich hier mit einer fern­ge­steu­er­ten Hand­schelle unters High­board geklemmt hat.

»Ver­mut­lich ist dir längst klar­ge­wor­den, dass die Sache mit den raus­ge­schnit­te­nen Her­zen ganz auf dich gemünzt ist. Es ist eine Bot­schaft an dich. Ich werde dir jetzt in aller Ruhe erklä­ren, was es damit auf sich hat und wie in aller Welt es drei Her­zen geben kann, die deine DNA haben. Dann geh ich wie­der, und du bist frei.«

Die Stimme kommt mir bekannt vor, nur weiß ich nicht, wo ich sie ein­ord­nen soll. Irgend­je­mand aus mei­ner Jugend?

»Na, da bin ich aber gespannt«, presse ich her­vor. Auch wenn der Mann momen­tan ganz gelas­sen klingt: Ich habe es mit einem mehr­fa­chen Mör­der zu tun. Und mir sind buch­stäb­lich die Hände gebun­den.

»Du hast doch sicher die Kor­ri­dore gele­sen, die ich dir geschickt habe …« Damit meint er wohl die zwei­hun­dert Texte, die Albo und mir bereits vor­lie­gen. Ich gebe einen zustim­men­den Laut von mir.

»Da geht es doch auch immer wie­der um Par­al­lel­wel­ten, rich­tig?«

Ich schnaube. Das kann er ver­ste­hen, wie er will.

»Neh­men wir ein­mal an, es gibt, wie einige Phy­si­ker pos­tu­lie­ren, unzäh­lige Par­al­lel­wel­ten, die sich nur in win­zi­gen Details von unse­rer unter­schei­den.«

Ich habe es mit einem Ver­rück­ten zu tun. Was wird er mit mir anstel­len? Mir auch das Herz her­aus­schnei­den, wie er es schon mit sei­nen letz­ten drei oder mehr Opfern getan hat? Nur nicht hys­te­risch wer­den!, schärfe ich mir ein. Viel­leicht macht er einen Feh­ler, und ich bekomme eine Chance.

»Dann gibt es auch«, fährt er see­len­ru­hig fort, »zahl­rei­che par­al­lele Ver­sio­nen von dir.« Er macht eine Pause.

»Willst du etwa sagen …?« Ich bre­che mit­ten im Satz ab. Das kann er nicht ernst mei­nen, oder?

»Genau«, sagt er, »die drei Her­zen stam­men von drei par­al­le­len Dop­pel­gän­gern von uns. Denn falls dir meine Stimme bekannt vor­kommt: Auch ich bin eine alter­na­tive Ver­sion von dir. Oder du eine von mir. Wie auch immer. Wir haben die glei­che DNA, aber unsere Lebens­ge­schich­ten unter­schei­den sich in eini­gen Details.«

»Zum Bei­spiel darin, dass ich kein Mör­der bin«, presse ich wütend her­vor.

»Ich wollte ein­fach nur Schlim­me­res ver­hin­dern.« Er klingt nach­denk­lich, als er das sagt. Wenn ich ihn doch nur sehen könnte! Aber genau das hat er mit der Hand­schelle erfolg­reich ver­hin­dert. »Die drei Her­zen habe ich hier­her­ge­schafft, um dich ganz hand­fest davon zu über­zeu­gen, dass meine Geschichte, so ver­rückt sie klingt, wahr ist. Wahr sein muss! Es gibt keine andere ver­nünf­tige Erklä­rung – oder fällt dir viel­leicht eine ein?«

Der Mann folgt einem Kon­zept, einem Skript, das er sich zurecht­ge­legt hat. »Ich will die Geschichte nicht hören«, sage ich, um ihn aus dem Tritt zu brin­gen.

Er lacht leise. »Du ver­gisst, mein Lie­ber, dass ich dich sehr gut kenne. Wir sind wie ein­ei­ige Zwil­linge, die getrennt von­ein­an­der auf­ge­wach­sen sind. Und vie­les in unse­ren par­al­le­len Leben gleicht sich auf eine rät­sel­hafte, fast schon erschre­ckende Weise. Wovon die Quan­ten­phy­si­ker näm­lich kei­nen Schim­mer haben, das sind die vie­len Über­lap­pun­gen und Über­schnei­dun­gen. Das Mul­ti­ver­sum ist da sehr öko­no­misch.«

»Hast du all diese Texte geschrie­ben?« Viel­leicht habe ich die Chance, ihn von dem abzu­brin­gen, was er augen­schein­lich mit mir vor­hat, wenn es mir gelingt, die Gesprächs­füh­rung zu über­neh­men: »Auch die hier, die ver­mut­lich in dem Kar­ton sind, den du mir hin­ge­stellt hast. Wie­der fünf­zig, nehme ich an.«

»Ich habe«, sagt er, »Dut­zende unse­rer par­al­le­len Alter Egos ken­nen­ge­lernt. Viele von uns schrei­ben diese Texte. Es ist eigen­ar­tig. Sie tun es aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den. Und sie fan­gen alle mit dem­sel­ben Satz an, immer wie­der. So wie deine auch.«

»Meine? Ich habe keine geschrie­ben.«

»Ach, komm schon. Du hast dir drei Schreib­ma­schi­nen besorgt, weil dir fünf­zig zu viel waren, und um dich in die Psy­che des Mör­ders hin­ein­zu­ver­set­zen, hast du Kor­ri­dore geschrie­ben, Tag für Tag einen, immer mit der jeweils nächs­ten Schreib­ma­schine.«

Ich schweige. Woher weiß er das? Wie kommt er in meine Woh­nung? Hat er mich von Anfang an über­wacht und beob­ach­tet?

»Es geht aber letzt­lich nur um einen Text. Einen, den ich geschrie­ben habe, und den auch nur ich schrei­ben konnte. Weißt du, wel­chen ich meine?«

Bruch­stü­cke der Minia­tu­ren und Kurz­ge­schich­ten rasen mir durch den Kopf. Meint er den Mino­tau­rus? Die Begeg­nung mit Korian? Den kopf­schmerz­ge­plag­ten Zeit­geist­rei­sen­den? Den Rin­po­che aus dem Hima­laja? Den Unter­gang von Atlan­tis? Die geis­ter­haf­ten Besu­cher in Zim­mer 27? …

»Es ist der Text, in dem ich erzähle – etwas ver­klau­su­liert, gebe ich zu – wie ich mit mei­ner ver­fluch­ten Freie-Ener­gie-Maschine die Vaku­um­fluk­ta­tion ange­zapft und ein Loch ins Uni­ver­sum gebla­sen habe.«

»Ein Loch ins Uni­ver­sum?« Im Kopf gehe ich die Erfin­dun­gen von Pro­fes­sor Ceril, dem ver­rück­ten Wis­sen­schaft­ler, durch. Dann fällt mir schlag­ar­tig die äußerst selt­same Geschichte ein, in der jemand erfährt, dass er im Traum die gesamte Mensch­heit ver­nich­tet hat – die Mensch­heit einer Par­al­lel­welt.

»Nur dass es kein Traum war«, sagt er hei­ser. »Ich bin selbst der Phy­si­ker, der – mit bes­ten Absich­ten – eine Ket­ten­re­ak­tion in Gang gesetzt hat, die einen gan­zen Spi­ral­arm unse­rer Milch­straße in einen Dimen­si­ons­ab­grund riss. Und das möchte ich wie­der rück­gän­gig machen.«

Ich will irgend­et­was sagen, das mir einen psy­cho­lo­gi­schen Vor­teil ver­schafft, aber alles, was ich her­vor­bringe, ist: »Das … Das ist doch Irr­sinn!« Mein Hand­ge­lenk schmerzt. Immer wie­der ver­su­che ich, mich unauf­fäl­lig aus der Schelle zu befreien, aber ohne Erfolg.

»Was willst du von mir?«, frage ich hei­ser. »Mich töten?«

Ein Psy­cho­ti­ker glaubt an seine wahn­hafte Geschichte und deu­tet alle Erleb­nisse als Beweise für seine Para­noia. Die­ser Mann glaubt, er könne in Par­al­lel­wel­ten rei­sen und par­al­lele Ver­sio­nen sei­ner selbst auf­spü­ren. Viel­leicht bringt er sie alle um, weil er der Ein­zige sein will. Natur­völ­ker glau­ben oft, die Kraft, das »Mana« der von ihnen Getö­te­ten könne auf sie über­ge­hen, indem sie bei­spiels­weise deren Herz oder Hirn essen.

»Ich sage doch: Ent­spann dich. Du hast nichts zu befürch­ten. Du bist keine der par­al­le­len Ver­sio­nen von uns, die mehr oder weni­ger wis­sent­lich die Mensch­heit ver­nich­ten. Das sind die, die Phy­si­ker gewor­den sind. Du bist Psy­cho­loge, schon ver­ges­sen? Ich möchte im Gegen­teil von dir, dass du mich tötest.«

Als er den Satz been­det, höre ich ein Schnur­ren. Es kommt aus sei­ner Rich­tung. Erneut ver­su­che ich, mich zu ihm umzu­dre­hen, auch wenn ich mir dabei die Haut auf­schürfe und fast mein Hand­ge­lenk aus­kugle. In den Augen­win­keln kann ich nun sche­men­haft erken­nen, dass er sich auf den Stuhl neben der Tür zur Küche gesetzt hat, auf dem ich sonst immer erst mal meine Ein­käufe depo­niere. Und ver­mut­lich hat er meine Katze auf dem Schoß. Dabei faucht sie Fremde sonst immer an.

»Weißt du, mein Lie­ber«, sagt er, »in einem Film würde ich dir jetzt lau­ter Ein­zel­hei­ten aus dei­nem Leben auf­zäh­len, die nur dir und sonst nie­man­dem bekannt sind, um zu bewei­sen, dass ich mit mei­ner Geschichte recht habe und wirk­lich ein Rei­sen­der aus einer Par­al­lel­welt bin. Ich würde zum Bei­spiel behaup­ten, dass du deine Katze ›Plu­ra­belle‹ genannt hast, oder genauer ›Anna Livia Plu­ra­belle‹ – nach der weib­li­chen Haupt­fi­gur aus Fin­ne­gans Wake. Ist dir eigent­lich noch gar nicht auf­ge­fal­len, wie viel all diese Kor­ri­dore mit dir zu tun haben?«

Ich schüttle den Kopf. Ich will es nicht wahr­ha­ben. Doch plötz­lich höre ich mich selbst schluch­zen, fühle ich eine Trau­rig­keit ganz tief in mir auf­wal­len, wie sie mich schon vor fünf­zig Tagen ein­mal ganz unver­mit­telt ansprang, als ich die Sache mit der DNA erfuhr. Wie­der dau­ert das Gefühl nur einen kur­zen Moment.

Als ob er auf die­ses Auf­schluch­zen gewar­tet hätte, sagt der Mann hin­ter mir jetzt mit lei­ser, aber ein­drück­li­cher Stimme: »Wir Men­schen haben eine weise Instanz in uns, die wir lei­der nur sel­ten oder im Grunde genom­men nie in Anspruch neh­men. Wenn wir sie befra­gen, wird sie uns sagen, dass es – kos­misch, uni­ver­sal, von einem all­um­fas­sen­den Stand­punkt aus betrach­tet –, wenn es schon nicht nichts gibt, dann alles geben muss, alles nur denk­bar Mög­li­che, wie es die Anfangs­be­din­gun­gen des Kos­mos erlau­ben. Und ver­mut­lich auch alles Unmög­li­che, Undenk­bare. Ein­fach kom­plett­amente und ulti­ma­tiv alles. Punkt. Drun­ter macht es das Mul­ti­ver­sum nicht.«

Als er ver­stummt, höre ich drau­ßen im Trep­pen­flur Schritte. Ein Nach­bar. Ich könnte um Hilfe rufen, aber: Was, wenn er recht hat? Wenn er tat­säch­lich eine par­al­lele Ver­sion von mir ist? Viel­leicht wollte die unver­mit­telte Trau­rig­keit in mir nichts ande­res sagen als: Genau so ist es – es gibt unzäh­lige Vari­an­ten von dir in unend­lich vie­len Wel­ten des Mul­ti­ver­sums, und einige davon sind Mör­der, Mas­sen­mör­der, die ganze Pla­ne­ten­sys­teme auf dem Gewis­sen haben.

»Ich kann in einen schma­len Bereich die­ser Wel­ten hin­ein­sprin­gen. Die, die mei­ner nicht zu ähn­lich sind, aber auch nicht allzu weit von ihr abwei­chen. Den Zeit­punkt kann ich jeweils belie­big ansteu­ern. Nur kann ich nicht zurück in meine eigene Welt, ver­stehst du? Und so kann ich mich lei­der Got­tes auch nicht selbst daran hin­dern, sie zu zer­stö­ren.«

Er wirkt ruhig, wäh­rend er das sagt. Auch Plu­ra­belle schnurrt nur so, wenn sie völ­lig ent­spannt ist. Ich bin der Ein­zige hier, des­sen Ner­ven flat­tern, der schwitzt wie ein Schwein und kei­nen ver­nünf­ti­gen Gedan­ken zuwege bringt.

»Du jedoch kannst es«, sagt er nach einer Weile. »Du kannst in meine Welt rei­sen, in die Zeit, bevor ich die Maschine ange­schal­tet, ja, bevor ich sie über­haupt kon­stru­iert oder erdacht habe. Du kannst den größ­ten und tra­gischs­ten Feh­ler ver­hin­dern, den je ein Mensch gemacht hat.«

Seine Stimme ist jetzt drän­gend, fast ein wenig fle­hend. Dann schweigt er. Auch Plu­ra­belle schnurrt nicht mehr. Ich höre nur mei­nen eige­nen keu­chen­den Atem.

»Du willst mich zum Mör­der machen? Ich soll dich umbrin­gen, damit du deine Maschine nicht in Gang setzt? Aber das ist kom­plet­ter Wahn­sinn: Es ist doch alles schon gesche­hen! Es lässt sich nicht mehr ver­hin­dern. Wie stellst du dir das vor?«

Er ant­wor­tet nicht.

Dann klickt es unter dem High­board. Meine Hand ist frei. Ich wälze mich herum, doch der Küchen­stuhl hin­ter mir ist leer. Plu­ra­belle liegt dar­auf und schläft selig.

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The Two Way Frog (in My Throat)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Albo steht in der Tür zu sei­nem Büro und dis­ku­tiert mit einem Kol­le­gen. Als er mich kom­men sieht, ein Päck­chen unter dem Arm, schickt er den Poli­zis­ten mit einer Hand­be­we­gung fort. »Woher?«, fragt er und erkun­digt sich gar nicht erst, ob ich tat­säch­lich die nächs­ten fünf­zig Texte des Mör­ders dabei­habe.

Ein flaues Gefühl macht sich in mei­ner Magen­ge­gend breit. Wie soll ich ihm nur erklä­ren, was mir der Mör­der erzählt hat? Zwei Tage lang habe ich mich von der Welt abge­schot­tet, Ter­mine abge­sagt, nach­ge­dacht, ver­sucht, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, sie wie­der ver­wor­fen. Schließ­lich bin ich ein­fach mit dem Päck­chen zur Wache auf­ge­bro­chen, ohne einen Plan zu haben.

»Kam mit der Post.« Ich muss Albo lang­sam vor­be­rei­ten. Und auf dem Päck­chen steht tat­säch­lich meine Adresse, und es sind die rich­ti­gen Auf­kle­ber und Stem­pel drauf. Mein Alter Ego, der Kil­ler, hat wohl mit ein­kal­ku­liert, dass ich die Texte zu Albo schleppe – und mir so die Tür offen­ge­hal­ten, ihm nichts von sei­nem Besuch bei mir erzäh­len zu müs­sen.

»Und?«, fragt Albo, wäh­rend wir sein Büro betre­ten, »Blut? Ein Herz? Rasier­klin­gen?«

Ich schüttle den Kopf und hole den Papier­sta­pel aus dem Päck­chen her­aus. Er ist unbe­fleckt.

»Das hätte trotz­dem alles in die Foren­sik gemusst!«, meint Albo tadelnd.

»Ich weiß«, sage ich, »sorry.« Ich winde mich ein wenig unter sei­nem Blick.

»Na, mal sehen, was er dies­mal schreibt.« Albo blät­tert die Sei­ten durch. Ich will ihm sagen, dass das alles von par­al­le­len Ichs von mir stammt, gesam­melt vom Mör­der, der ver­sucht, seine Alter Egos von einer Untat abzu­hal­ten, die er selbst began­gen hat – und der tötet, wenn sonst nichts hilft.

»Bin ja schon froh, wenn kein blu­ti­ges Herz drauf liegt«, mur­melt Albo mehr zu sich selbst als zu mir. Die Her­zen, will ich ihm sagen, hat der Mör­der drauf­ge­legt, um mich davon zu über­zeu­gen, dass stimmt, was er behaup­tet – und mit den Mor­den hat er jeweils das Ende der Welt ver­hin­dert. Es ist Irr­sinn. Ich bin die ganze Geschichte immer wie­der durch­ge­gan­gen. Wenn sie wahr wäre, ging mir irgend­wann auf, hätte ich an sei­ner Stelle viel­leicht genauso gehan­delt. Denn ohne die Her­zen, ohne die inzwi­schen zwei­hun­dert­fünf­zig Texte hätte ich mei­nem par­al­lel­welt­rei­sen­den Gegen­stück das Gru­sel­mär­chen nie­mals geglaubt.

Albo blät­tert inter­es­siert und scannt die neuen Texte durch. »Hm, da sind ja wie­der unsere zwei Gra­zien aus dem Amt. Offen­bar auch unser alter Bekann­ter, der Atlan­ter – wow, lange Geschichte dies­mal, hüb­sche Tipp­ar­beit. Und die­ser Norbu auf dem Haus­boot hat auch wie­der einen Auf­tritt. Gehö­ren ja alle sozu­sa­gen schon zur Fami­lie.« Er wirft mir einen Blick zu. »Irgend­was Neues oder Auf­fäl­li­ges dabei?«

»Wir müs­sen reden, Uwe«, ant­worte ich. Das mit dem flauen Gefühl wird schlim­mer. Aber ich kann nicht noch län­ger war­ten. Zuerst fülle ich mir an der Kaf­fee­ma­schine einen Plas­tik­be­cher. Mir ist woh­ler, solange ich Albo den Rücken zuwende. »Es ist da in den Tex­ten doch immer wie­der von Par­al­lel­wel­ten die Rede …«

Albo brummt. »Cerils Gra­vi­ta­ti­ons­te­le­fon? Oder was meinst du?«

»Ich meine die­sen Text, wo er schreibt, dass er Anhän­ger der Viele-Wel­ten-Theo­rie ist. Was ja immer wie­der Thema ist. Bis hin zu Rei­sen in diese par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten.«

Der Kaf­fee ist ein­ge­schüt­tet, gezu­ckert, gerührt – ich muss mich wie­der zu Albo umdre­hen.

»Wor­auf willst du hin­aus?«, fragt er und sieht mich miss­trau­isch an.

»Auf die drei Her­zen mit iden­ti­scher DNA.«

»Vier Her­zen. Und eines schlägt noch. Gott­lob.«

Ich setze mich ihm gegen­über und stelle den Papp­be­cher auf sei­nem Schreib­tisch ab. »Was für eine Erklä­rung kann es für die Her­zen geben?«

»Klone«, sagt Albo, »oder er kann Organe wach­sen las­sen. Oder er ist Spe­cial-Effects-Tech­ni­ker und kann Her­zen täu­schend echt nach­bauen.« Er zieht eine sei­ner Brauen hoch. »Aber wahr­schein­lich gibt es eine ganz simple Erklä­rung, eine, auf die wir noch gar nicht gekom­men sind. Wenn wir ihn erst haben, fin­den wir auch die Erklä­rung.«

»Und wenn es sich nun vier­mal um die glei­che Per­son han­delt?«

Albo wirft mir einen über­rasch­ten Blick zu. »Jeman­den mit mul­ti­plen Her­zen? Nie davon gehört.«

»Nein. Es ist die­selbe Per­son – in ver­schie­de­nen par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten.«

Wie­der weckt Albos Blick in mir das drin­gende Bedürf­nis, mich unter sei­nem Tisch zu ver­krie­chen. Er öff­net den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn dann aber wie­der. Ich halte es nicht aus und bli­cke zu Boden. Und ich muss nicht Psy­cho­loge sein, um zu wis­sen, dass ich damit ver­lo­ren habe.

»Wenn ich in andere Wel­ten rei­sen könnte, ein­fach so …« Albo schnippt. Ich hebe mei­nen Blick wie­der. »Dann hätte ich echt was Bes­se­res zu tun als Leu­ten ihre Pumpe raus­zu­schnei­den, mir in einer der vie­len Wel­ten eine raue, graue, schmut­zige Stadt raus­zu­su­chen und die Her­zen in irgend­wel­chen Sehens­wür­dig­kei­ten auf irgend­wel­chen splee­ni­gen Geschicht­chen zu plat­zie­ren, damit sich die Mord­kom­mis­sion auf meine Spur setzt.«

Aber er ist eine geschun­dene Seele, will ich sagen, er hat eine mons­tröse Schuld auf sich gela­den, und er sieht nur eine Mög­lich­keit, für sei­nen Feh­ler gera­de­zu­ste­hen! All das will ich Albo erklä­ren, ihn beschwö­ren, ihm alles erzäh­len vom Besuch des Mör­ders bei mir und dass ich ihm hel­fen soll. Dass ich vor der wohl schwers­ten und fol­gen­reichs­ten Ent­schei­dung mei­nes Lebens stehe und jetzt nichts drin­gen­der bräuchte als den Rat eines Freun­des.

All das bringe ich jedoch nicht über die Lip­pen.

»Wir suchen einen Mör­der. Hast du etwas Neues dazu bei­zu­tra­gen?«

Albo ist sauer. Das ist nicht zu über­hö­ren. Der erste Mord ist schon über ein hal­bes Jahr her, und mit der Fahn­dung ist er keine Hand­breit wei­ter­ge­kom­men.

»In Text 233 schreibt er«, sage ich und hasse mich gleich­zei­tig dafür, »dass er die Texte im Inter­net hat schrei­ben las­sen, von irgend­wel­chen Leu­ten, die für ein Taschen­geld mehr oder weni­ger krea­tive Mikro­jobs über­neh­men. Mecha­ni­cal Turk heißt die Methode. Viel­leicht stimmt’s, und wir kön­nen ihn dar­über ding­fest machen.«

»Lass ich che­cken«, meint Albo. Seine Augen blit­zen – der alte Spür­hund hat wie­der eine Fährte auf­ge­nom­men. Sie wird ins Leere füh­ren. Es macht mich trau­rig, mei­nen Freund belü­gen zu müs­sen.

»Den Zodiac-Kil­ler haben sie nie gefasst, obwohl er zahl­rei­che Briefe und Kar­ten geschrie­ben hat.« Mit mei­nem hilf­lo­sen Ver­such, Albo dar­auf vor­zu­be­rei­ten, dass seine Fahn­dung erfolg­los blei­ben wird, mache ich alles nur noch schlim­mer. In sei­nem Blick lese ich seine abgrund­tiefe Ent­täu­schung dar­über, ihn und die Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion mit dem glück­lo­sen FBI zu ver­glei­chen.

Ich muss schlu­cken. »Schick mir Kopien«, sage ich hei­ser und mit Fin­ger­zeig auf den Papier­sta­pel auf sei­nem Schreib­tisch, »viel­leicht find ich noch was raus.« Auch das eine Not­lüge. Ehr­lich wäre, ein »über mich« anzu­fü­gen.

»Mach ich«, sagt er kurz ange­bun­den.

Der Papp­be­cher ist leer­ge­trun­ken. Ich werfe ihn im hohen Bogen in den Papier­korb. Einen klei­nen Augen­blick lang tanzt er auf dem Rand, bevor er hin­ein­fällt. Das Zei­chen für mei­nen Auf­bruch. Auch Albo erhebt sich. Ein wenig erstaunt es ihn, als ich ihn kurz umarme. Er grunzt leise, und ich drehe mich schnell von ihm weg, weil ich Angst habe, er sieht, dass mir Trä­nen in den Augen ste­hen.