Ich betrete den Korridor zwischen den Zellen. Eine große Ehre! – was habe ich gebeten, gebettelt und gebetet, einmal die Chance zu bekommen, mit den alten Meisterpoeten zu sprechen, ihren Rat einzuholen, von ihrer Weisheit zu profitieren? Nun endlich, nach langen Verhandlungen, wird mir der Zutritt zum Akasha-Palast gewährt. Hier werden nicht nur ihre zeitlosen Werke sicher verwahrt, hier lebt ebenfalls ihre damalige Persönlichkeit in immerwährender Sicherheitsverwahrung fort. Nichts vergeht, auch nicht der Geist unserer Ahnen, die uns Rede und Antwort stehen, falls wir denn den Weg zu ihnen finden.
Man hat mich in den Korridor der Dichter gelassen – einen eigenen für Kurzprosatexter gibt es nicht – und wer sich von ihnen nicht nur auf Lyrik beschränkt hat, dessen Zelle öffnet sich schätzungsweise noch zu anderen Korridoren hin: Tragödien, epische Dichtung, Komödien, Chorlyrik, astrologische Deutungen …
Aber das ist nur eine Vermutung, keine Gewissheit. Die Wächter hier sind nicht sehr auskunftsfreudig. Jedenfalls scheint das Aufnahmekriterium für die Insassen der Kuss einer Muse zu sein. Hier also wohl der von Euterpe. Ich lese auf den Schildchen an den Türen Namen wie Milton, Dante, Bolo, Orpheus, Neidhart, Brant, Shiki, Bukowski, Vergil, Yeats, Tyrtaios, Tao Yuanming und viele, die ich noch nie gehört habe. Euterpe war fleißig. Oder war es Erato?
Wen soll ich hier befragen? Man lässt mir nicht viel Zeit. Ich darf einem der Dichter hinter den schweren Bohlentüren eine Frage stellen. Jahre, Jahrzehnte habe ich über diese eine Frage nachdenken können. Ich kenne sie in- und auswendig. Es ist die Frage, der Schlüssel zur Antwort hinter allen Antworten.
Der Wächter wirkt bereits ungeduldig. Aus der Zelle Bukowskis scheint ein Heulen zu dringen, aber vielleicht ist es auch der Wind der Zeit, der sich in diesen endlosen verschlungenen Korridoren gefangen hat. Mein Blick fällt auf den Namenszug Rumi. Ja! Er soll es sein! Er wird die Antwort wissen und sie mir gerne sagen. Innerlich jubiliere ich, als ich die kleine Holzplatte in der Tür zur Seite schiebe. Ja, wer könne mir besser Auskunft geben als der persische Meisterpoet und Visionär der mystischen Liebes- und Gottesekstase!
»Dschalaluddin?«, rufe ich ins Dunkel seiner Zelle. Undeutlich sehe ich dort einen Mann mit einer turbanumkränzten Derwischmütze, der sich mit ausgebreiteten Armen auf der Stelle dreht. Er strahlt, jenseits aller denkbaren Worte, eine unendliche Ruhe dabei aus, und gleichzeitig dringt mir eine unsägliche Freude, die in schimmernden Spiralen von ihm ausgeht, tief ins Herz.
Ich weiß nicht, ob ich einen Atemzug lang dort stand oder eine Ewigkeit verging. Die Hand des Wächters schiebt die kleine Holzpforte zu Rumis Zelle zu. Er geleitet mich zurück. Als ich endlich wieder im Freien stehe und der Wächter die Tore des Palasts hinter sich geschlossen hat, beginne ich mich zu drehen, langsam um meine Achse, mit ausgebreiteten Armen.
Ich betrete den Korridor. Großformatige Schwarzweißfotos von Nashörnern hängen an den Wänden zwischen den Türen – Schnappschüsse meiner letzten Afrikareise. Einen Augenblick lang bleibe ich unschlüssig stehen. Was wollte ich hier noch? Nun, eigentlich ist es gleichgültig, welche der Türen im Korridor ich wähle oder ob ich überhaupt weitergehe – zumindest für einen Anhänger der Viele-Welten-Theorie wie mich, der davon ausgeht, dass sich durch jede Entscheidung, die getroffen wird, so viele parallele Wirklichkeiten bilden, wie alternative Entscheidungen möglich sind.
Jetzt weiß ich’s wieder: Ich will in den Rauchsalon – rechte Tür. Aber das gilt nur hier. Ein Alter Ego von mir in einer anderen, ansonsten völlig identischen Welt öffnet jetzt die linke Tür und betritt das Billardzimmer. Eine weitere Version von mir läuft einfach weiter bis zur Tür in den Garten, was ebenso eine neue Welt erschafft, die dieser hier ansonsten bis aufs i-Tüpfelchen gleicht, wie sich auch eine parallele Wirklichkeit von der meinigen abspaltet durch den von uns, der einfach kehrt macht und wieder zurück in die Küche geht, um sich da noch einen zweiten (oder dritten oder vierten …) Magenbitter zu genehmigen.
Sie verstehen, worauf ich hinauswill?
Was immer ich mache – letztlich mache ich in Form unzähliger Inkarnationen, die ebenso zahllose Parallelwelten bevölkern, alles. Allein eine banale Handlung wie das Betreten eines Korridors kreiert bereits eine Vielzahl von Welten. Und das ist keine philosophische Spinnerei, sondern schlicht die Konsequenz, die Physiker aus ausgeklügelten Experimenten ziehen.
Irgendwo im Multiversum hängen in diesem Korridor Farbfotos von Nashörnern. Oder Fotos von Giraffen. Oder von Einhörnern. Oder es sind alte Stummfilmplakate.
Irgendwo bin ich ein Einbrecher in diesem Korridor. Oder ein Besucher. Der Gerichtsvollzieher. Oder die Putzfrau.
Irgendwo toben meine Kinder durch die Gänge. Gab es einen Bürgerkrieg, und das Haus ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Liegt alles wie ausgestorben da, weil eine Seuche das Land entvölkert hat. Feiern ich, meine Familie und Freunde ein beschwingtes Fest, weil ab heute auf diesem Planeten endlich kein Mensch mehr hungern muss.
Schon ziemlich irre, welche Horizonte sich da eröffnen. Leider weiß ich das nur in der Theorie – meinem Gefühl nach leibt und lebt nur eine einzige Ausgabe meiner selbst, nämlich diese hier, und selbst da bin ich mir manchmal nicht ganz sicher. Momentan bin ich nämlich etwas unleidlich wegen meiner Magenverstimmung, und da hilft es mir wenig, zu wissen, dass anderswo – unerreichbar, wenn auch genauso real wie Sie und ich – ein Parallelwelten-Alias von mir verliebt ist, Schmetterlinge im Bauch hat und die ganze Welt umarmen könnte. Um nur eine von vermutlich Myriaden weiterer Realitäten zu nennen …
Und wenn Sie jetzt glauben, dass es angesichts dieser jede Vorstellung sprengenden Aussichten doch völlig gleichgültig wäre, wie man sich entscheidet oder auch nur, wie man sich fühlt: mitnichten! Das hier ist allein meins, mein ganz eigenes Ding, und kein wie auch immer gestaltetes Ebenbild von mir macht, wo auch immer, exakt diese Erfahrung. Gut, mit einer Magenverstimmung habe ich gerade eine schlechte Karte gezogen. Aber das geht vorbei. Wie steht es mit Ihnen?
Klar ist, was immer ich schreibe (und was immer Sie gerade lesen oder vorgelesen bekommen): Letztlich schreibe ich in Gestalt einer parallelen Ausgabe meiner selbst auch irgendwo das Gegenteil. Oder eine Version, die mit 140 Zeichen auskommt. Oder vielleicht sogar eine packende, emotionalere, die die Herzen meiner Leserinnen höher schlagen lässt und einen namhaften Hollywoodproduzenten auf den Gedanken bringt, das müsse ein abendfüllender Film werden.
Sie können also ganz beruhigt sein: Irgendwo im Multiversum der Quantenphysiker gibt es eine Parallelwelt, in der dieser Text oder eine alternative Les- und Spielart davon tief in Ihrem Inneren etwas anrührt, das Sie dazu inspiriert, diese, diese Welt auf Ihre ganz persönliche Weise zu gestalten und vielleicht sogar zu einer besseren zu machen.
(Sie können mir glauben oder nicht. Das macht für mich und für Sie keinen Unterschied, denn natürlich trifft letztlich beides zu.)
Ich betrete den Korridor, um die richtige Tür zu finden: die Tür, die mich zurückbringt ins »Schneckenhaus«. Schneckenhaus, so nannten wir die verzwirbelte Magnetkammer, die uns unser Supercomputer berechnet hatte. Nach zwei Jahren Bauzeit zusammen mit meinen Studenten war die Kammer fast fertig: ein seltsam verdrehtes und in sich selbst zurückgefaltetes Gebilde aus schimmerndem Metall mit hunderten aufgesetzten Magneten, die verhindern sollen, dass die in der Vakuumkammer erzeugte Materie mit irgendetwas in Berührung kommt. Wie die Magnetkammer da so im großen Laborraum hing, sah sie aus wie ein Kunstwerk aus einer anderen Welt. Fast überirdisch schön, aber auch erschreckend fremdartig, so, als dürfe es diese Form eigentlich gar nicht geben.
Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll: Das Schneckenhaus übte eine immer stärker werdende Faszination auf mich aus. Schließlich redete ich mir ein, ich müsse vor dem Versiegeln der Kammer unbedingt noch die Schweißnähte überprüfen, und kroch eines Nachts heimlich hinein.
Aber nicht wieder hinaus.
Stattdessen sitze ich in der Trieste. Als Kind hatte mir dieser Weltrekord unheimlich imponiert. Ich erkenne die Tauchkapsel sofort, die Beschreibungen müssen sich mir damals tief eingegraben haben. Auch Piccard erkenne ich, und damit weiß ich auch, in wessen Kopf ich stecke und mit wessen Augen ich das alles sehe: mit denen seines Mitreisenden Don Walsh – ich bin mit Jacques Piccard unterwegs zu einem der tiefsten Punkte der Weltmeere im Marianengraben.
Es ist eng, stickig, die Metallhülle ächzt schwer unter dem ungeheuren Außendruck. Das Wasser, in das Scheinwerfer hineinstrahlen, wirkt trüb. Ein Universum aus undurchdringlicher Schwärze umgibt uns.
Ich bin ein Geist und hocke in Walshs Kopf. Walsh scheint davon nichts zu merken. Ich drifte immer wieder weg, als wäre ich ein Fremdkörper, der nicht hierhergehört – was ja irgendwie auch stimmt. Das Erlebnis erreicht mich wie ein Sender, der immer wieder mal stark verrauscht ist. Und dann branden mich auch immer wieder Kopfschmerzen an, was seltsam ist, weil ich doch eigentlich gar keinen eigenen Kopf mehr habe. Walsh scheint von dem Geist und den Schmerzen in seinem Kopf nichts mitzubekommen.
Piccard erklärt mir in schlechtem Englisch, dass wir hier unten auch sterben könnten, wenn wir auf einem Wrack aufsetzen, uns verfangen und nicht mehr zurück an die Oberfläche steigen können. Doch wir landen weich. Ein Plattfisch vor unserem winzigen Fenster fühlt sich gestört, wühlt sich aus dem Schlick und schwimmt davon. Hier unten gibt es Leben. In ewiger Dunkelheit und mit der Last von fast elf Kilometern Wasser darüber! Piccard schreibt in sein Logbuch. Dann klinken wir unseren Ballast aus und beginnen wieder zu steigen.
Ich verstehe das alles nicht. Wie bin ich hierhergeraten? Wie kann ich plötzlich in einer anderen Zeit landen, im Kopf eines Fremden?
Ist es ein Traum, oder bin ich vielleicht in Wahrheit tot, im Schneckenhaus erstickt? Aber hat man Kopfschmerzen und Aussetzer, wenn man tot ist? Es fällt mir nicht leicht, klare Gedanken zu fassen, doch ich glaube, dass das alles nur in meinem Bewusstsein stattfindet. Ich bin kein Zeitreisender, sondern ein Geistreisender. Und irgendwie muss ich versuchen, den Weg zurück ins Schneckenhaus zu finden, in die Magnetkammer, deren verschlungene Form, wie sie nur die Mathematik und ein leistungsstarker Computer erschaffen können, mich in die Trieste geschickt hat. Ich muss zurück!
Wir tauchen auf. Es gibt Champagner, um die Rekordfahrt zu feiern. Walsh muss dringend auf die Toilette. Er entschuldigt sich, betritt im Mutterschiff einen Korridor – und plötzlich wirble ich fort von ihm, haltlos, kopfüber, zersprengt in unzählige Splitter, die sich aber wie magnetische Teilchen wieder zusammenfinden – doch nicht etwa im Schneckenhaus, sondern in einer anderen Zeit, im Kopf eines anderen Menschen, einer weiteren Kindheitsfaszination …
»Ich betrete den Korridor« läuft – ähnlich wie sich im Zeitraffer am Himmel Wolken bilden und wieder auflösen – als Textinsert durchs Bild, als DER GAUKLER (schlichtes rotes Gewand mit breitem schwarzen Stoffgürtel, dazu ein schwarzer Hut auf dem Kopf) einen klinisch weißen, überstrahlenden Krankenhauskorridor betritt. Er dreht sich in die Kamera.
DER GAUKLER
Vil meynen syn vff rechtem weg, die dochverjrren an dem stæg, der zů dem woren leben fűrt.
Er geht weiter. Die Türen an den Seiten öffnen sich: Zu Zirkusmusik präsentieren ihm auf Samtkissen VIER LEICHTBEKLEIDETE GOGO-GIRLS Dinge wie
(auf einem beigen Kissen) einen Schnuller,
(auf einem purpurnen) ein Tjurunga,
(auf einem roten) eine Maschinenpistole,
(auf einem blauen) einen goldenen Lorbeerkranz.
Der Gaukler wirft jeweils einen kurzen Blick auf die verlockenden Angebote, lässt sie dann aber schulterzuckend links liegen. Erst jetzt ist zu erkennen, dass er am Gürtel einen Bastkorb trägt, aus dessen Öffnung vorwitzig EINE KLEINE EULE herausschaut. Im Gehen in die Kamera:
DER GAUKLER
Wol dem, der vff dem weg nit jrrt, wann er jnschon ergriffen hat, ann offt der neben weg ab gat.
Weitere Türen schwingen neben dem Gaukler auf, VIER WEITERE GOGO-GIRLS (oder sind es dieselben?) präsentieren
(auf einem orangenen Samtkissen) eine Spielekonsole,
(auf einem grünen) die Charta der Menschenrechte,
(auf einem gelben) einen Elfenbeinturm und
(auf einem türkisen) das Glasperlenspiel aus Hesses gleichnamigen Roman.
Am Ende erwartet den Gaukler ein korallenfarbener Vorhang, den er zur Seite schiebt …
DER GAUKLER
(lächelnd)
Ich vœrcht, es kumen bald die tag, das man me nuwer mærwerd jnn, dann vns gefall vnd syg zű synn.
Ich betrete den Korridor, oder besser gesagt: Ich schwebe hinein, noch etwas ungelenk mit den Flügeln schlagend. Der Korridor ist rund wie ein Bohrloch. Türen kann ich nicht erkennen. Am Ende erwartet mich ein überirdisches Strahlen, das mich mit tiefer, süßer Sehnsucht erfüllt. Ich flattere und versuche, schneller voranzukommen. Wabernde Umrisse in dem Leuchten vor mir lassen mich an Freunde und Geliebte denken, die ich schon lange vergessen habe. Ich eile voran. Obwohl: Sollte ich nicht noch einmal zurückblicken? Habe ich vielleicht etwas unerledigt zurückgelassen?
Oh, und ob!
Idreana!
Noch habe ich sie – in all den Korridoren, hinter den zahllosen Türen – nicht wiedergefunden! Ich wende mich um, auch wenn es schwerfällt, zurück zum Anfang des Tunnels. Das verführerisch schimmernde Licht hinter mir wird schwächer, und ich kann die Enttäuschung der dort auf mich Wartenden spüren.
Ich betrete den Korridor seines Hausboots und finde meinen Freund Norbu wie erwartet auf der kleinen Terrasse, wo er sich über das Notebook auf seinem Schoß beugt.
»Wikipedia!«, stöhnt er, und es hört sich an wie ein unterdrückter Fluch. Ich mache uns den mitgebrachten Wein auf. Wo ich die Gläser finde, weiß ich ja.
»Wenn es an die Grenzen geht, sind das alles fürchterliche Ideologen.« – »Welche Grenzen?«, frage ich.
»Na, die der Wissenschaft.« Hier zum Beispiel, der Eintrag über Frederic Myers.« Er weist auf den Text auf seinem Display, aber ohne Brille erkenne ich nur unscharf das Logo und ein Foto. »Myers war einer der Gründer und später Präsident der Society for Psychical Research, die sich mit spiritistischen Themen beschäftigte. Von ihm stammt der Ausdruck ›Telepathie‹.« – »Nie gehört«, sage ich, und füge schnell an: »Von dem Mann, meine ich.«
»Aber die Wikipedia-Editoren«, fährt er ungerührt fort, »unterschlagen seinen wichtigsten Beitrag.« – »Na ja«, wage ich einzuwenden, »Spiritismus und Telepathie, das sind nicht gerade Wikipedia-Themen.« Norbu sieht mich kopfschüttelnd an. »Müssen sie aber sein. Ein Lexikon kann doch nicht einen Teil der Wirklichkeit ausblenden, nur weil er den Herausgebern und Autoren nicht gefällt.«
Ich stoße mit ihm an, um ein wenig Zeit zu gewinnen. »Sind es nicht ganz unterschiedliche Autoren? Ich meine: Nicht zuletzt bist ja auch du mit dabei.« Norbu lacht gequält auf. »Sicher. Aber es gibt da die Entscheider, eine Art Priesterkaste, und bis da rauf haben’s meist die Ideologen geschafft, die dann mit fadenscheinigen Begründungen und teilweise kriegerischen Maßnahmen rauskürzen, was ihnen nicht in den Kram passt.« Ich nicke, um Verständnis zu bekunden: »Wie Telepathie.« – »Und alles, was sich dem szientistischen Credo entzieht.« Wissenschaftliches Glaubensbekenntnis? Ich lasse Norbu diesen Widerspruch mal durchgehen und erinnere ihn mit einem Fingerzeig an den alten bärtigen Mann auf seinem Display, der mich aus tiefer Schwärze heraus anblickt.
»Nach seinem Tod«, erklärt mir mein Freund Norbu, »empfingen Medien aus aller Welt beim Automatischen Schreiben eigenartige Durchgaben, von denen viele mit ›Myers‹ unterzeichnet waren.« – »Du meinst, er meldete sich aus dem, äh, Totenreich?« Norbu nickt beflissen: »Aber nicht nur das. Die Texte ergaben keinen Sinn.« – »Aha«, sagte ich zufrieden, »dann muss es ja auch nicht in der Wikipedia stehen.« Damit fing ich mir einen bösen Blick von Norbu ein.
Ich nahm noch einen Schluck vom Rotwein. Ganz schön trocken. Aber Norbu mag ihn so.
»Erst unabhängige Beobachter konnten die Durchgaben – wie gesagt: Mitschriften verschiedener Medien in allen Teilen der Welt – zusammensetzen, und plötzlich ergab sich ein Zusammenhang. Sie bezogen sich alle aufeinander.« – »Wow«, entfährt es mir, »Telepathie!« Norbu schüttelt unwirsch den Kopf: »Eben nicht. Von wem immer diese Durchgaben stammten: Sie sollten ausschließen, dass die Medien telepathisch Kontakt zueinander hatten.« – »Also keine Telepathie«, sage ich und runzle die Stirn: Was denn dann?
»Setzen wir Ockhams Rasiermesser an und gehen von der einfachsten Erklärung aus: Myers ist nach seinem Tod auf die Idee gekommen, wie er ein Fortleben der menschlichen Psyche beweisen kann: durch diese verstreuten Durchgaben an verschiedene Medien, die nur in ihrer Gesamtheit einen Sinn ergeben. Es waren Informationen darunter, zu denen nur sehr wenige Menschen Zugang hatten. Und in rund dreißig Jahren kamen so mehr als dreitausend Texte zustande. Nur, dass davon nichts in der Wikipedia steht, weder der deutschen noch der englischen. Genauso wenig wie beim Artikel über ›Automatisches Schreiben‹ etwas vom Spiritismus steht und und und.«
Norbu sieht mich auffordernd an. Doch ich kann ihm nicht so richtig zustimmen: »Vielleicht ist das auch besser so. Ich finde das sehr, äh, verstörend, was du mir da erzählst. Das mit den 3000 Durchgaben.« Ich nehme einen großen Schluck vom Wein und schenke mir nach. Je länger ich darüber nachdenke, desto unwohler wird mir unter dem Blick Myers’ von seiner Wikipedia-Seite.
»Du bist genau wie die«, sagt Norbu und klappt sein Laptop enttäuscht zu. »Was nicht in dein schlaues Weltbild passt, wird rausgekickt.« – »Apropos«, sage ich, »Lust auf eine Partie?« Das Ablenkungsmanöver ist ein voller Erfolg: Kurze Zeit später stehen wir an Norbus Kicker und spielen die letzten Spiele der Champions League nach.
Erst auf dem Heimweg – ein wenig schwankend, aber gutgelaunt – fällt mir dieser Myers wieder ein. Seltsamer Kerl. 3000 unsinnige Texte? Klingt wie etwas aus dem Internetzeitalter. Mit einem Blog aus dem Jenseits hätte er bestimmt mehr erreicht und es vielleicht sogar in die Wikipedia geschafft …
Ich betrete den Korridor, und sogleich stoße ich auf – wie soll ich es beschreiben? – ein Tuch aus glasigem Frost, durch das die Sicht verschwimmt und Töne, wenn überhaupt, dann nur gedämpft hindurchdringen. Die hinter diesem Schleier sitzen – was ich ihnen zum Diktat, zur wortgetreuen Übermittlung zuzurufen versuche, bringen sie nur widerwillig und manches Mal begriffsstutzig zu Papier.
Wie soll ich euch den Beweis nur zukommen lassen, solange dies die einzige Möglichkeit für mich ist, die Botschaft durchzugeben? Ich kann unmöglich wissen, wie viel ihr empfangt von dem, was ich euch sende. Wie nur kann ich euch überzeugen? Meinen fortwährenden Versuchen stehen unsagbare Schwierigkeiten entgegen, und dieses Gefühl einer schrecklichen Machtlosigkeit belastet mich schwer. Oh, es ist ein dunkler und grausamer Korridor! Aber ich will, ich darf einfach nicht nachlassen in meinem Bemühen …
Ich betrete den Korridor – mein Spiegel-Ich einen Wald. Ich gehe die vielen Türen entlang – mein Spiegel-Ich beobachtet einen Specht. Ich drücke vorsichtig eine der Klinken herunter, doch die Tür ist verschlossen – mein Spiegel-Ich streicht über die Rinde einer Eiche. Ich kratze mich, wo es mich unter der Strumpfmaske an der Nase juckt – mein Spiegel-Ich lauscht dem Rascheln der Blätter in der leichten Brise, die durch die Baumkronen weht. Ich verstecke mich hinter der mannshohen Pflanze, die im Korridor steht, als sich eine Tür öffnet, einer der Bürokraten heraustritt, ein Fenster öffnet und sich eine Zigarette anzündet – mein Spiegel-Ich hört Schritte näherkommen. Ich schleiche mich hinter dem Raucher vorbei und schlüpfe durch die offene Tür in sein leeres Büro – mein Spiegel-Ich schließt die heraneilende Geliebte in die Arme. Ich bringe den Sprengsatz unter dem Schreibtisch an und stelle den Zeitzünder auf zwei Minuten – mein Spiegel-Ich findet ein weiches Moospolster für sich und seine Eandria.
Ich betrete den Korridor, weil ich ein seltsames Geräusch gehört habe. Auf Kopfhöhe leuchtet an der Haustür ein blendendes Licht auf, zwei-, dreimal. Schweißt sie jemand von außen auf? Es leuchtet wieder gleißend auf, dreimal, wie ein Klopfen, doch völlig lautlos. Ohne lang nachzudenken reiße ich, obwohl ich nur im Pyjama dastehe, die Tür auf.
Im nächtlichen Treppenflur steht – etwas. Oder besser: es schwebt. Es wirkt wie ein dreidimensionales Kaleidoskop, dessen leuchtende Splitter ständig nach innen wandern, bis sie plötzlich die Richtung ändern und wie geschmolzenes Eisen vom Zentrum aus nach außen verlaufen.
Die Stimme ist sehr leise und sanft, und es kommt mir vor, als höre ich ein vertrautes, geliebtes Wiegenlied. Sie sagt: »Du hast einen Spiralarm der Galaxis verdampfen lassen.«
Ich starre die Erscheinung an. Mir fehlen die Worte. Ich will wegrennen, mich verstecken oder einfach nur ohnmächtig werden. Aber es ist, als würden meine Gedanken keinen Widerhall mehr in meinem Körper finden, keine Andockstelle, um eine tatsächliche Handlung auszulösen. Ich bleibe einfach stocksteif vor diesem Ding stehen.
»Du hast eine Maschine gebaut«, sagt die Stimme.
Eine Maschine? Ja, da war was. Aber das war nicht ich. Nur ein Traum. Seit Wochen wache ich immer um genau dieselbe Zeit mitten in der Nacht auf, um 2:22 Uhr, und erinnere mich jedes Mal an einen lebhaften Traum, in dem ich eine Art Ingenieur bin, der wie besessen an einer hochkomplexen Maschine baut – sie füllt fast die ganze von mir gemietete Lagerhalle aus und verwendet starke Hadronen-Laser und eine Art miniaturiserten Fusionsreaktor, um die Schwerkraft zu manipulieren und das Raumzeitkontinuum aufzusprengen. Traum für Traum vollendete ich mein Werk, obwohl ich insgeheim wusste, dass die Anlage unkontrollierbare Nebenwirkungen haben konnte. Bis ich schließlich letzte Nacht die fertige Maschine in Gang setzte. Was sie bewirkte, kann ich nicht sagen, denn in dem Moment, in dem sie hochlief und auf Touren kam, wachte ich auf. Das war gestern. Es war 2:22 Uhr.
Auch jetzt wieder, mitten in der Nacht, könnte es 2:22 Uhr sein. Aber dies ist kein Traum.
»Du hast eine Maschine gebaut«, wiederholt die Stimme, während ich wie hypnotisiert auf das zeitlupenhafte Fließen flüssigen Metalls starre und gleichzeitig ahne, dass mir das Wesen mit seinem sanften Singsang etwas Schreckliches mitteilen will.
»Deine Maschine hat die Dimensionen der Welt durchlöchert, deinen Planeten zertrümmert und dazu noch viele, viele Sterne und Planeten im Umkreis mit ins Verderben gerissen.«
»Aber das ist doch Unsinn! Die Erde ist nicht untergegangen, nur weil ich irgendwas geträumt habe!«
Das Kaleidoskopmuster verändert sich, ohne dass ich sagen kann, wie. Die Stimme erscheint mir jetzt strenger. Sie sagt: »Die Welt in deinem Traum war real. So real wie diese hier. Wir hatten gehofft, dass du dich im letzten Moment entscheiden würdest, die Maschine nicht in Gang zu setzen, sondern sie zu zerstören.«
»Ich hatte doch keine Ahnung, was sie bewirkt!« Wirklich nicht? Doch. Im Traum wusste ich sehr wohl, was für ein Risiko ich einging. Ich hatte es nur immer wieder verdrängt.
»Viele Zivilisationen mussten sterben«, sagt die Stimme.
Meinetwegen? Ich soll daran schuld sein? »Was ist mit dir?«, frage ich, »du lebst doch – nehme ich an.«
»Einige, wenige Wesen wurden wie ich durch die perforierten Dimensionen in parallele Welten geschleudert.«
Parallele Welten: Im Traum verdrängte ich immer wieder die Sorge, meine genial ausgetüftelte Maschine, mit der ich die Vakuumfluktuation anzapfen wollte, um unbegrenzt viel Freie Energie zu erzeugen, könnte das Gefüge von Zeit und Raum durcheinanderbringen. Und jetzt steht ein Wesen vor mir, das durch ein Dimensionsloch in meine Welt geschleudert wurde – vielleicht der letzte Überlebende einer ganzen planetaren Zivilisation, die ich auf dem Gewissen habe. Nur langsam kommt mir die ungeheure Bedeutung dessen, was mir das Wesen da gerade mitteilt, zu Bewusstsein.
»Wenn ihr davon wusstet: Warum habt ihr es nicht verhindert?«, frage ich mit belegter Stimme.
»Das musst du schon selbst tun«, antwortet das flüssige Kaleidoskop, das vor mir im Treppenflur schwebt.
»Wie?«, frage ich verdattert.
Das Wesen schwebt langsam aufwärts und verblasst. Es hat seine Botschaft überbracht und tritt nun den Rückweg an – wohin auch immer. »Wie soll ich das anstellen?«, rufe ich.
Das Wesen verschwindet. Ich höre keine Antwort mehr, aber in meinem Kopf bildet sich ein Gedanke, der sagt: »Erträume eine neue Welt.«
Eine heillose Verzweiflung ergreift mich. Das war nicht ich!, schreie ich innerlich. Es war dieser verblendete Ingenieur!
Doch das Wesen hat recht: Ich war der Mann in den Träumen, der entschieden hat, das Risiko in Kauf zu nehmen. Ich habe die Menschheit auf dem Gewissen, ich habe mit meiner Besessenheit und Gier nach Ruhm Milliarden von Menschen in den Tod gerissen, und ein ganzes Stück unserer Milchstraße gleich mit. Ich will es wegschieben, abstreiten, irgendjemand anderem die Schuld geben. Aber obwohl es nur Träume waren, weiß ich tief in meinem Inneren, dass mein Besucher recht hat mit seiner Schuldzuweisung. Ich war dieser besessene Ingenieur, der alle bösen Vorahnungen in den Wind geschrieben hat und die Maschine in Gang setzte.
Als ich die Haustür schließe, zittert meine Hand. Ich muss es verhindern!, denke ich, und gleichzeitig lache ich bitter: Wie soll ich etwas verhindern, das bereits geschehen ist?
Aber könnte nicht ein Raum-Zeit-Gefüge, in dem es Parallelwelten gibt, auch die Möglichkeit beinhalten, die Zeit zurückzudrehen? Hat das Kaleidoskop-Wesen vielleicht davon gesprochen, als es sagte »Das musst du schon selbst tun«?
Wenn es stimmt, beschließe ich, – wenn es wahr ist, das durch meine Schuld die Menschheit und noch eine Handvoll weiterer Zivilisationen zerstört wurden – dann werde ich diese furchtbare Tat um jeden Preis vereiteln! Zahlen, Gleichungen, Schaltungen gehen mir durch den Kopf. Die langen Nächte als Ingenieur haben sich ausgezahlt. Langsam verdichtet sich in meinem Geist das Bild von einer Apparatur, einer Zeit- und Weltmaschine, die nur einen einzigen Zweck hat und nur ein einziges Mal zum Einsatz kommen wird. Sie wird eine Art Arche sein. Doch ich werde sie nicht mit Tieren oder Menschen füllen: Sie wird mich an einen Ort und zu einem Zeitpunkt bringen, der es mir möglich macht, zu verhindern, dass ich Löcher in das Dimensionsgefüge des Kosmos stanze. Ich werde es ungeschehen machen, und zwar auf gründliche, physikalische Weise! Es muss möglich sein!
Ich betrete den Korridor – wobei nicht ich es bin, dessen Körper den Gang betritt, sondern ein Fremder, in dessen Geist ich unbemerkt sitze –, erleichtert, dass endlich die Zeit gekommen ist, ihn zu verlassen. Diesmal war es Peter Aufschnaiter, der – nach einer dramatischen Flucht – zusammen mit Heinrich Harrer am 15. Januar 1946 die tibetische Hauptstadt Lhasa erreicht hatte und dort in den folgenden Jahren ein Wasserkraftwerk und Kanalisationsanlagen anlegte.
Es ist immer ein Korridor oder ein Gang oder ein Tunnel, der mich aus einem Kopf hinaus- und in einen anderen hineinführt. Irgendwie muss diese Art der Geistreise mit dem »Schneckenhaus« zu tun haben, dieser verschlungenen metallenen Struktur, die viel Rechenzeit an den Hochleistungsrechnern der Uni verschlungen hat – und schließlich auch mich. Ich hätte nie hineinkriechen sollen.
Seitdem reise ich körperlos durch die Zeit. Es ist wie ein Traum, der immer wieder blass und undeutlich wird, und ständig plagen mich diese Kopfschmerzen – ein Seinszustand, für den der Mensch nicht geschaffen ist. Es ist etwas Unnatürliches mit mir geschehen. Ich bin gefangen in fremden Körpern, fremden Zeiten, an fremden Orten – nur dass ich fast immer sofort weiß, wo ich bin.
Ob ich mit Marie Curie im Labor stehe, mit Frederick Catherwood die Mayametropole Uxmal dokumentiere, mit Thor Heyerdahl auf der Kon-Tiki einen Sturm überstehe oder mit Amundsen den Südpol erreiche: Stets sind es die Helden meiner Kindheit und ihre Sternstunden, die meine geheimnisvolle Reiseroute bestimmen.
Immer verweilt mein Geist solange im Kopf eines Begleiters meiner Kindheitshelden – und das sind manchmal Wochen oder gar Monate! –, bis sie einen Gang oder etwas Ähnliches betreten. Ein Türrahmen genügt nicht. Der Gang muss offenbar eine gewisse Länge besitzen. Es ist dann so, als verlöre ich den Halt. Ich schwanke, schleudere, wirble, um mich dann abrupt im Kopf eines anderen Menschen wiederzufinden.
Immer wieder drifte ich weg, und auch das Erinnern an früher fällt mir schwer: Was gab es da noch für Helden meiner Kindheit? Dinos! Wie so viele in jungen Jahren war ich von Dinosauriern fasziniert. Manchmal beschleicht mich die Angst, dass mich meine Reise auch in diese ferne Vergangenheit führen könnte: Was wird sein, wenn ich an einen Ort gerate, in ein Leben gerate, in dem es keine Gänge, Flure und Tunnels gibt? Ist meine Reise dort zu Ende? Bin ich endlich richtig tot, wenn derjenige stirbt, in dessen Kopf ich hocke und mit dessen Augen ich sehe? Oder gelange ich dann zurück ins »Schneckenhaus« und erwache dort aus unbeherrschbaren, verschlungenen Kindheitsträumen?