Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: PluriDim

262/398

Into Intert­win­gu­la­rity

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, der die große Wei­he­halle umläuft. Die pochen­den Kopf­schmer­zen sind mit einem Mal ver­flo­gen. Trotz­dem bin ich ver­wirrt. Wo bin ich hier? Woher weiß ich, dass es sich um die »Wei­he­halle« han­delt? Ich werde – zur Untä­tig­keit ver­ur­teilt im Geist eines Betei­lig­ten hockend, der nichts davon mit­be­kommt – wie­der einem Hel­den mei­ner Kind­heit begeg­nen, soviel ist klar. Bis­her habe ich immer gleich gewusst, wohin es mich ver­schla­gen hat – ob es nun die Tri­este war, Lhasa, Xu Fus Flotte oder ob es sich um Vasco da Gama oder Albrecht Lud­wig Berblin­ger, den Schnei­der von Ulm, bei sei­nem tra­gi­schen Flug­ver­such han­delte.

Die Stadt ist präch­tig. Die impo­san­ten Bau­ten und die gepflas­ter­ten Stra­ßen sind mit bun­ten Blu­men geschmückt, und über die brei­ten Kanäle weht eine fri­sche, sal­zige Brise. Ich wandle durch präch­tige Säu­len­gänge aus schim­mern­dem Mar­mor, grüße einen Bär­ti­gen in einem bestick­ten Gewand, der mich »Criph« nennt, besteige ein Boot, das einer vene­zia­ni­schen Gon­del ähnelt. Doch dies ist nicht das antike Vene­dig. Die Kanäle sind kreis­för­mig ange­legt. Lang­sam däm­mert mir, dass das hier Atlan­tis sein muss. Aber es kann nicht sein! Atlan­tis hat es nie gege­ben – außer als Erzäh­lung von Pla­ton. Es ging ihm, soweit ich mich erin­nere, bei sei­nem Gleich­nis um Gerech­tig­keit und den idea­len Staat. Und doch bin ich hier, im Kopf die­ses »Criph«, und weiß nicht, ob es ein Traum ist, Wahn oder geis­ter­hafte Wirk­lich­keit.

Eben schien noch die Sonne, doch nun ver­heißt der Blick in den Him­mel Unheil: Über den gol­de­nen Zin­nen der Stadt braut sich mit erschre­cken­der Geschwin­dig­keit ein Unwet­ter zusam­men. Dann erschüt­tert ein Erd­be­ben die Mau­ern, das die Men­schen zu Boden schleu­dert und die mäch­ti­gen Gebäude ein­stür­zen lässt. Ich bin Zeuge des Unter­gangs von Atlan­tis, von dem Pla­ton schrieb, er sei inner­halb eines ein­zi­gen Tages und einer unglück­se­li­gen Nacht erfolgt!

Der Junge, Criph, eilt in die Höhle mit den außer Kon­trolle gera­te­nen Wet­ter­kris­tal­len, um sie zu deak­ti­vie­ren. Doch das Ver­der­ben ist nicht auf­zu­hal­ten.

Werde ich zusam­men mit ihm ster­ben? Ist hier meine Irr­fahrt durch die Welt­ge­schichte zu Ende?

Der Junge kon­zen­triert sich. Sein Geist ist geschult. Er ver­setzt sich inner­lich an einen ganz ande­ren, fried­li­chen Ort. Es scheint eine kleine pal­men­be­stan­dene Insel zu sein, und es sind Besu­cher dort. Gleich­zei­tig droht Criphs Kör­per zu ertrin­ken, und ich spüre, dass seine Kräfte nicht aus­rei­chen wer­den, um sich ret­ten – nicht seine kör­per­li­chen und auch nicht seine geis­ti­gen Kräfte.

Aber ich kann Criph hel­fen: mit mei­ner Kraft und mei­nem Über­le­bens­wil­len. Wie soll das gehen? Bin ich ange­sichts des dro­hen­den Unter­gangs end­gül­tig ver­rückt gewor­den? Nein. Ich spüre, dass ich nicht län­ger zur Untä­tig­keit ver­dammt bin. Im Geist die­ses Jun­gen, in sei­nem Kopf, ist es anders als bis­her. Ihm kann ich meine Ent­schluss­kraft, ja selbst mein Wis­sen und meine Erfah­rung zur Ver­fü­gung stel­len. Aller­dings nur, indem ich mich selbst auf­gebe. Die anste­hende Ent­schei­dung steht klar vor mei­nem inne­ren Auge.

Bin ich bereit, in etwas Grö­ße­rem auf­zu­ge­hen und mich selbst los­zu­las­sen? Die nächs­ten Sekun­den ent­schei­den, ob Criph ertrinkt oder über­lebt. Könnte der hei­mat- und ruhe­lose Geist, zu dem ich gewor­den bin, hier am Ende sei­ner Reise ange­kom­men sein? Es ist, als stünde ich am Rand eines boden­lo­sen Abgrunds, wan­kend, von Schwin­del erfasst, den Halt ver­lie­rend. Etwas Unbe­kann­tes erwar­tet mich. Ich hoffe, es ist mir freund­lich gesinnt.

Der Augen­blick ist gekom­men. Ich muss meine Ent­schei­dung tref­fen. Wie ver­ab­schie­det man sich von sich selbst?

Vie­len Dank für alles. Lebe wohl!

271/398

Cos­mic Gestalt

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, wenn man denn außer­halb von Zeit und Raum von so etwas wie einem Kor­ri­dor spre­chen kann. Jeden­falls steht hier unter dem Fens­ter der Was­ser­spen­der, ein Ort, an dem sich das Team gerne zu zwang­lo­sen Gesprä­chen trifft. Gott füllt sich gerade einen Papp­be­cher. Ich stelle mich zu ihm.

»Mir ist da letzt­hin die Idee zu einem neuen Uni­ver­sum gekom­men«, sage ich. Er blickt inter­es­siert auf. »Bis­her haben wir ja immer auf detail­liert aus­ge­tüf­telte Sze­na­rien gesetzt, kom­plett von vorne bis hin­ten durch­ge­plant und gelenkt durch stra­te­gisch ein­ge­setzte Insze­nie­run­gen. Wie ja auch momen­tan mit all den fal­schen Hin­wei­sen, dass die Welt mög­li­cher­weise viel älter ist, als geschrie­ben steht, und durch einen Urknall ent­stan­den sein könnte.«

»Stimmt«, bestä­tigt er und nimmt einen Schluck vom Was­ser des Lebens, »die Sache mit Ster­nen­ent­ste­hung und Erd­zeit­al­tern wird von ihnen gut ange­nom­men. Zu gut fast.«

»Ich habe mir über­legt, wir könn­ten doch wirk­lich mal ein Uni­ver­sum mit einem Urknall begin­nen las­sen und nur die Anfangs­pa­ra­me­ter vor­ge­ben – statt müh­sam das Hin­ter­grund­rau­schen des Was­ser­stoffs abzu­spie­len, fal­sche Dino­sau­ri­er­kno­chen ein­zu­gra­ben und all das.«

Gott reißt über­rascht die Augen auf.

»Ich weiß, ich weiß, fast schon ein ket­ze­ri­scher Gedanke. Aber wäre es nicht äußerst span­nend, ein­fach nur zu beob­ach­ten und nicht stän­dig ein­grei­fen zu müs­sen?«

»Das würde«, wen­det er ein, »aber deut­lich mehr als sechs­tau­send Jahre von der Erschaf­fung der Welt bis zum Jüngs­ten Tag dau­ern.«

»Ja, klar. Mil­li­ar­den von Jah­ren. Und es würde kei­nen Jüngs­ten Tag geben.«

»Würde es nicht?!«

»Nein. Wie gesagt schlage ich vor, die Anfangs­pa­ra­me­ter vor­zu­ge­ben, so, dass sich Leben und natür­lich auch intel­li­gen­tes Leben bil­den …«

Gott unter­bricht mich: »Wir haben nicht mehr genü­gend Engel für noch ein Uni­ver­sum.«

»Wir wür­den keine Engel ein­set­zen.«

Ihm steht der Mund offen. Das muss er erst­mal ver­dauen.

»Wir wür­den ein­fach nur beob­ach­ten, was pas­siert.«

»Und kei­nen Erlö­ser schi­cken?«

Ich schüttle den Kopf. »Bis­her«, erläu­tere ich, »haben wir immer alles vor­ge­ge­ben. Wir haben sie nach unse­rem Bild gestal­tet, Pro­phe­ten und Mys­ti­ker gebrieft und an neur­al­gi­schen Stel­len das eine und andere Wun­der gewirkt. Alles in allem ist es ein Hau­fen Arbeit, die Sache in unse­rem Sinne am Lau­fen zu hal­ten. Dies­mal –«, und an die­ser Stelle mache ich eine bewusste Pause, »wür­den wir nicht wis­sen, was pas­siert.«

Gott lässt noch etwas Was­ser aus dem Spen­der in sei­nen Becher glu­ckern. Der Titel »Gott« ist eine Art Run­ning Gag, und wir ver­lei­hen ihn reihum, so dass jeder im Team sich mal als Chef füh­len kann. Er sieht nach­denk­lich aus.

»Ein gene­ra­ti­ves Uni­ver­sum«, sagt er gedan­ken­ver­lo­ren. Ich nicke. »Es könnte sein, dass sich gar kein Leben ent­wi­ckelt«, fährt er fort. Wie­der nicke ich: »Dann wür­den wir ein­fach von vorne anfan­gen.«

»Kein Erlö­ser …«, mur­melt er ver­son­nen.

»Und auch kein Him­mel und keine Hölle«, füge ich an.

»Es wäre auf jeden Fall span­nend.« Ent­de­cke ich da bei die­sen Wor­ten ein Blit­zen in sei­nen Augen? »Lass uns das mal mor­gen früh beim Mee­ting in die Runde wer­fen«, sagt er. Er scheint inner­lich schon abzu­che­cken, wie wir die ande­ren von der Idee über­zeu­gen kön­nen. Dann knufft er mir aner­ken­nend in die Schul­ter. Das hat er noch nie getan.

Zufrie­den gehe ich zurück an meine Arbeit.

280/398

Fiden­tia cae­les­tis (Exc)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten. Es ist, als schritte ich durch ein Patch­work von Hub­ble-Fotos: Uni­ver­sen zu mei­nen Füßen, Kos­men über mir, und auch zu bei­den Sei­ten öff­nen sich mir immer wie­der atem­be­rau­bende Bli­cke in gren­zen­lose Wei­ten und Ster­nen­wüs­ten – nur ein Gedanke von mir, ein Wunsch oder auch nur gelin­des Inter­esse, und ich würde augen­blick­lich in eine die­ser Myria­den von Schöp­fun­gen hin­ein­ge­zo­gen und dort sogleich ver­ges­sen, wer ich bin und woher ich komme. Aber mein Trach­ten ist dies­mal ein ande­res: Ich will den Kor­ri­dor zu Ende gehen, das ewige Rad des Lebens, mei­nes Lebens, anhal­ten. Ich will end­lich der Höchs­ten Instanz gegen­über­tre­ten.

Der Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten ist unend­lich lang, was mich jedoch nicht davon abhal­ten kann, sein Ende zu errei­chen. Ich lasse mich nicht von den zahl­lo­sen Mög­lich­kei­ten und Aus­drucks­wei­sen ablen­ken, die sich mir Schritt für Schritt in allen Dimen­sio­nen bie­ten, ob es nun kusch­lige Hemd­ta­schen­uni­ver­sen sind, Baby­kos­men ganz am Anfang ihrer Ent­wick­lung, kom­plexe Dimen­si­ons­netze aus Bra­nen in Bra­nen, phy­si­ka­li­sche Höl­len oder himm­li­sche Para­diese, von leuch­ten­den Ener­gie­we­sen durch­wan­dert, ob Zeit-Raum-Kon­ti­nuen oder chlane­ge­füllte Poten­ziale, ob dichte Mate­rie oder lichte Fein­stoff­lich­keit. Sie alle lasse ich links lie­gen.

Dies­mal will ich es wis­sen: Warum das alles? Wofür? Was ist der Sinn von all­dem? Wieso müs­sen sich Myria­den von Wesen­hei­ten wie ich in einem Laby­rinth wie die­sem ver­ir­ren wie in einem Traum in einem Traum in einem Traum und rekur­siv so wei­ter – auf­wa­chend, auf­wa­chend, wie­der ein­schla­fend, auf­wa­chend, bei jedem Schritt vor wie­der zwei­ein­halb zurück­fal­lend und dabei unbe­merkt seit­lich in eine wei­tere Dimen­si­ons­falte gera­tend?

Und dann, wenn man glaubt, ein letz­tes Mal und ulti­ma­tiv zu erwa­chen aus all­dem, fin­det man sich wie­der am Anfang: im Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten – um sich dann gleich wie­der im Geflecht der Mög­lich­kei­ten, der Fluk­tua­tion der Wahr­schein­lich­kei­ten, dem Mosaik der Seins­wirk­lich­kei­ten und Schein­rea­li­tä­ten zu ver­lie­ren und auf­zu­spal­ten in eine Unzahl von Bewusst­seins­fa­cet­ten, träu­mend, ver­stört, umnach­tet, ein­sam begeis­tert im seli­gen Tau­mel des Glücks und der Erkennt­nis träu­mend, ver­wirrt, umnach­tet …

Mein Blick ist nach vorn gerich­tet. Nichts kann mich mehr ablen­ken. Nicht ein­mal Narieda, deren Bewusst­sein ich in einer der Wel­ten spüre, an denen ich acht­los vor­bei­laufe, deren Seele nach mir ruft und deren Sehn­sucht ein gan­zes Mul­ti­ver­sum durch­dringt, so dass sie selbst hier im Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten für mich spür­bar ist, als würde ich ganz von Ferne eine ver­traute Melo­die hören, die mein Herz tan­zen lässt. Nein. Dies­mal gehe ich den Weg bis ganz ans Ende.

Denn am Ende ist eine Tür, eine schlichte Holz­tür, grob zusam­men­ge­zim­mert und ohne Auf­schrift. Es gibt keine Klinke – wer bis hier­her gelangt ist, benö­tigt keine. Ich höre eine Stimme, die nicht erklingt, son­dern sich unmit­tel­bar als Wis­sen und Erkennt­nis in mir mani­fes­tiert: »Ah, gut, ich habe lange gewar­tet. Will­kom­men!«

Ich trete ein, mit mei­nen Fra­gen auf den Lip­pen. Doch der Raum ist leer. Ein ein­fa­cher Holz­stuhl, ein Tisch, dar­auf etwas Papier und ein Stift. Ich nehme ihn in die Hand. Es ist ein Blei­stift mit Wer­be­auf­druck, der kleine far­ben­frohe Bären mit Knie­scho­nern zeigt, die gut­ge­launt Inline-Skates fah­ren. Einer von ihnen stürzt zu Boden, aber es scheint ihm nichts aus­zu­ma­chen.

Ich lege den Blei­stift wie­der neben das Papier. Auf dem obers­ten Blatt steht: »Der nächste Besu­cher löst dich hier ab, und du kannst wie­der zurück. Sollte dir die Zeit bis dahin lang wer­den, ent­wirf doch ein­fach in der Zwi­schen­zeit ein paar neue Uni­ver­sen.«

Die Unter­schrift ist unle­ser­lich.

295/398

Göng

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor und sehe mich einem selt­sa­men Wesen gegen­über, einem wuls­ti­gen eiför­mi­gen Gebilde, das sich immer wie­der – von der Mitte aus – in kon­vul­si­vi­schen Zuckun­gen in sich selbst ein­fal­tet. Nicht von die­sem dau­ern­den Von-links-auf-rechts-und-wie­der-zurück-Stül­pen betrof­fen sind die drei feuch­ten und leicht zit­tern­den Füh­ler oder Anten­nen, die es zu mir hin­streckt.

Noch eigen­ar­ti­ger als das Wesen vor mir ist aller­dings die Tat­sa­che, dass ich ruhig und gelas­sen bleibe. Im Grunde berührt mich kaum, was ich da sehe. Und anfangs auch nicht, was ich höre.

»Du wirst kämp­fen. Du wirst sie­gen. Ich will es so.« Sagt das Wesen. Ich nehme es nur am Rande mei­nes Bewusst­seins wahr. Mich beschäf­tigt die Frage, wie ich in die­sen Kor­ri­dor gekom­men bin. Saß ich nicht eben noch auf mei­nem Fahr­rad?

»Andere wie du wer­den dich töten wol­len, um nicht selbst durch deine Hand zu ster­ben. Aber du wirst sie­gen. Ich will es so.«

Doch, so war es. Ich fuhr zum Wald­rand. Es war mit­ten in der Nacht. Ich hatte mei­nen klei­nen Rekor­der dabei und wollte den Gesang einer Nach­ti­gall auf­neh­men, die ich dort wenige Tage zuvor ihr nächt­li­ches Kon­zert hatte geben hören.

»Mein Ein­satz ist sehr hoch. Also ent­täu­sche mich nicht. Werde der Beste unse­rer Gla­dia­to­ren. Ich will es so.«

War da nicht die­ses Wum­mern einer Bass­drum gewe­sen? Und das Grö­len der Män­ner, die aus den Fens­tern eines Wagens hin­gen, der ohne Licht die Straße ent­lang­schlid­derte?

»Ich habe dich geret­tet. Ein Moment spä­ter, und du wärst tot gewe­sen. Ich bin dein Ret­ter. Und nun wirst du mich ret­ten. Ich will es so.«

Tat­säch­lich? Hatte mich die­ses Alien geret­tet? Es fällt mir nicht leicht, einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen. Aber irgend­wie kann ich mich nicht des Gefühls erweh­ren, dass mich das Ding dreist anlügt.

»Du wirst deine Geg­ner töten. Du wirst sie­gen. Du wirst die Macht gewin­nen, deine Träume Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen. Ich will es so.«

Träume. Wirk­lich­keit. Das ist ein gutes Stich­wort. Dies ist ein Traum. Aber kein nor­ma­ler. Dies ist der letzte Traum. Oder der erste, wie man’s nimmt. Ich bin tot. Die­ses Wulst­we­sen hat mich nicht etwa geret­tet, son­dern mich unmit­tel­bar nach dem Unfall abge­fan­gen. Vor dem Tun­nel ins Licht sozu­sa­gen, falls es den geben sollte.

»Du bist nicht tot. Du willst leben. Des­halb wirst du kämp­fen. Du wirst sie­gen und reich beschenkt wer­den. Ich will es so.«

Träume, in denen ich weiß, dass ich träume, haben mich immer schon fas­zi­niert. Und wenn es dazu kam, habe ich die Gele­gen­heit genutzt und die Wirk­lich­keit, die mir mein schla­fen­der Geist vor­gau­kelte, gründ­lich erforscht. Das Wesen kann mich nicht täu­schen. Ich weiß, was ein Traum ist.

»Du träumst nicht! Du bist nicht tot! Du bist ein Kämp­fer. Mein Kämp­fer. Ich …«

»Ach, hör schon auf!«, falle ich dem feuch­ten Stül­per ins Wort. »Mich kannst du nicht täu­schen. Sag mir lie­ber, wer du wirk­lich bist.«

Ech­ten Mons­tern bin ich in mei­nen Träu­men eigent­lich nie begeg­net, aber ich weiß, wie man sich ihnen gegen­über am bes­ten ver­hält: furcht­los anspre­chen und sie direkt fra­gen, was sie eigent­lich wol­len.

Und tat­säch­lich, die Anten­nen­füh­ler begin­nen noch stär­ker zu zit­tern und zu trop­fen, die Meta­mor­pho­sen des Wesens beschleu­ni­gen sich, und gleich­zei­tig wird es blas­ser und blas­ser und beginnt, an den Rän­dern aus­zu­fran­sen, bis sich der Kor­ri­dor in einen lan­gen, dunk­len Tun­nel ver­wan­delt hat, an des­sen Ende ein hel­les, freund­li­ches Strah­len auf mich war­tet.

 

324/398

Héri og broddgöl­tur

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor und finde dort zu mei­ner Über­ra­schung einen mei­ner Leser vor. Wie kann er noch vor mir hier­her­ge­langt sein? Er hebt die Hand zum Gruß, hat mich erwar­tet, will mich etwas fra­gen, mich auf­hal­ten, doch ich wei­che aus, eile wort­los vor­bei, den Kor­ri­dor ent­lang, zur Tür an sei­nem Ende. Im nächs­ten Kor­ri­dor (möchte ich doch sehr hof­fen!) werde ich wie­der allen vor­aus sein, leicht­fü­ßig, kapri­ziös, fan­ta­sie­voll, immer für eine Über­ra­schung gut.
 

351/398

Zugriff

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. End­lich! Es hat an der Haus­tür geklin­gelt. Das wird er sein. Schon seit Stun­den bin ich unru­hig, gehe im Wohn­zim­mer auf und ab. Rei­se­angst. Heute ist der Tag: Ich werde in eine andere Welt rei­sen. Immer wie­der zer­mar­tere ich mir das Hirn: Wie konnte ich mich nur auf die­sen Irr­sinn ein­las­sen? Aber jetzt ist es zu spät.

Ich öffne. Der Mör­der steht da. Er trägt Er trägt einen grauen Hoo­die – die Kapuze ver­deckt ein wenig die Fleisch­wu­che­run­gen in sei­nem Gesicht. Er zieht sie her­un­ter und tritt zu mir her­ein.

»Konn­test du dich ver­ab­schie­den?«

Ich ant­worte nicht dar­auf. Was soll ich schon sagen?

Wir gehen ins Wohn­zim­mer. Plu­ra­belle habe ich bereits in den Trans­port­kä­fig gesteckt. Anfangs miaute sie pro­tes­tie­rend, aber inzwi­schen hat sie sich mit der unge­wohn­ten Situa­tion abge­fun­den und es sich bequem gemacht.

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie dank­bar ich dir bin.«

»Keine Texte?«, frage ich kurz ange­bun­den. »Keine Maschine?«

Er zieht etwas aus der Tasche, das wie ein klei­nes Touch­pad aus­sieht. »Die Texte«, sagt er, »habe ich direkt an Albo geschickt. Und die Maschine, von der du sprichst, ist hier drin.« Er zeigt auf mei­nen Kopf. »Kön­nen wir?«

»Und es besteht wirk­lich kei­ner­lei Gefahr? Für mich, für Plu­ra­belle – und für den Spi­ral­arm der Milch­straße, in der sich unser Son­nen­sys­tem befin­det?«

Er lacht kurz auf. »Nein«, sagt er, »das Schlimmste, was pas­sie­ren kann, ist, dass nichts pas­siert. Hier.« Er schal­tet das Dis­play ein und zeigt es mir. Ich sehe einen lan­gen Schacht, in dem tief unten ein Licht wabert. Nein, jetzt erkenne ich es, wie könnte es auch anders sein: ein Kor­ri­dor! Er wabert, bläht sich auf und ver­jüngt sich wie­der – das Bild auf dem Dis­play ist ani­miert. Das Ganze erin­nert mich an die Peris­tal­tik eines Darms, und an sei­nem Ende zuckt der Kor­ri­dor leicht, ähn­lich wie die Schwanz­spitze einer Katze auf der Jagd. »Sieh’s dir gut an.«

»Kann ich das mit­neh­men?« Irgend­wie habe ich immer noch die schwa­che Hoff­nung, zurück­keh­ren zu kön­nen, wenn ich mei­nen Auf­trag erfüllt habe. Könnte das hier mein Ticket dafür sein?

»Das allein würde dir nichts nüt­zen. Ich muss dich schub­sen. Fer­tig? Siehst du ihn vor dir?« Er meint den pul­sie­ren­den Kor­ri­dor. Ich nicke und nehme den Griff des Trans­port­kä­figs fest in die Hand.

»Denke an den Über­gang und sieh mir in die Augen.«

Doch in die­sem Moment zucken wir beide zusam­men, weil es im Woh­nungs­flur einen lau­ten Knall gibt, gefolgt von einem Pol­tern. Fast hätte ich vor Schreck Plu­ra­belle fal­len las­sen. Ich setze sie ab. Der Mör­der fasst sich schnel­ler wie­der als ich und zieht eine Pis­tole aus der Jacken­ta­sche, die er auf mich rich­tet. Schon ist der Raum vol­ler Uni­for­mier­ter mit gezo­ge­nen Waf­fen.

»Fal­len las­sen!«, bellt Albo mei­nen Besu­cher an. Fünf, sechs Dienst­waf­fen zie­len auf ihn. Er zögert kurz, lässt dann aber seine Pis­tole fal­len und schiebt sie mit dem Fuß in Rich­tung des Kom­mis­sars. Ein Beam­ter dreht ihm die Hände auf den Rücken und legt ihm Hand­schel­len an. »Ist das Lepra?«, fragt er ange­wi­dert und viel­leicht auch mit der Sorge, er könne sich anste­cken.

»Ich komme aus der Zukunft, und das ist da der­zeit Mode«, ant­wor­tet der Mör­der. Er grinst – zumin­dest rechts.

Albo bleibt völ­lig unge­rührt. »Ich ver­hafte Sie wegen Ein­bruchs, Land­frie­dens­bruchs und Mord in min­des­tens drei Fäl­len.« Mit einer Kopf­be­we­gung lässt er mein Alter Ego abfüh­ren. Dann wen­det er sich mir zu, bedenkt den Trans­port­kä­fig in mei­ner Hand mit einem Stirn­run­zeln. »Was machst du nur für Sachen?«

Meine Gedan­ken rasen. Was weiß Albo? Hat er unsere Gesprä­che abhö­ren las­sen?

»Oder willst du als blu­ti­ges Herz auf einem Sta­pel lite­ra­risch frag­wür­di­ger Texte enden?« Ich schüttle den Kopf. »Er ist es, oder? Wir haben ihn end­lich erwischt!«

»Und was jetzt?«, frage ich.

»Wir ver­hö­ren den Kerl. Oder hat er dir irgend­was erzählt?«

Also weiß er von nichts. Da mein Alter Ego geis­tes­ge­gen­wär­tig seine Pis­tole auf mich rich­tete, muss Albo anneh­men, ich sei bedroht wor­den.

Immer wie­der hatte ich über­legt, ob ich den Mör­der aus­lie­fere. Er will bestraft wer­den für seine Taten? Kein Pro­blem. Albo wird ihn in die Man­gel neh­men, die Gerichte wer­den ihn für geis­tes­ge­stört erklä­ren und für den Rest sei­nes Lebens hin­ter Git­ter brin­gen. Aber jetzt, mit genau die­sen Aus­sich­ten, weiß ich, dass das nicht das Ende der Geschichte sein kann.

»Wie …?« Meine Hand­be­we­gung umfasst Albo und alles, was gerade hier in mei­nem Wohn­zim­mer pas­siert ist.

»Ich habe eine Über­wa­chungs­ka­mera im Trep­pen­flur vor dei­ner Woh­nung instal­lie­ren las­sen, mit Funk­über­tra­gung.« Ich ver­zichte dar­auf, nach­zu­fra­gen, ob das legal ist.

»Kommst du mit?«, fragt mich Albo.

Den Man­tel habe ich ja bereits an. Albo bemerkt stirn­run­zelnd, dass ich den Käfig mit Plu­ra­belle mit­nehme, sagt aber nichts dazu.

356/398

Under Sur­veil­lance

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier ist die Luft nicht ganz so sti­ckig. Stunde um Stunde haben Albo und seine Kol­le­gen den Mör­der ins Kreuz­feuer genom­men. Ohne Ergeb­nis. Sie erfah­ren nichts. Nichts über die Morde, die Schreib­ma­schi­nen, die Her­zen, die iden­ti­sche DNA, nichts dar­über, was das alles mit mir zu tun hat, und auch nichts über die ver­stö­ren­den Fotos. Auf den schwarz­wei­ßen Über­wa­chungs­mo­ni­to­ren sieht das end­lose Ver­hör aus wie ein Hor­ror­film aus Stumm­film­zei­ten – mit dem eigent­li­chen Hor­ror, dass der Ver­haf­tete völ­lig ruhig bleibt und die Situa­tion sogar nicht ganz unko­misch zu fin­den scheint.

Albo und ich haben lange über den sicher­ge­stell­ten digi­ta­len Bil­der­rah­men dis­ku­tiert, auf dem mir der Mör­der die Film­ani­ma­tion des peris­tal­ti­schen Wel­ten­wech­sel­kor­ri­dors gezeigt hatte. Im Spei­cher fand sich nicht nur das kleine Film­chen: Albo war ziem­lich kon­ster­niert, als er eine ganze Reihe von Fotos auf das Dis­play holte, die uns eigen­tüm­lich bekannt vor­ka­men.

Ein Raum, der das Innere einer Berg­hütte aus dicken Holz­boh­len sein könnte. Er ist vol­ler unter­schied­li­cher Schreib­ma­schi­nen, die sich teil­weise an den Wän­den sta­peln. Ich muss nicht erst zäh­len, um zu wis­sen, dass es fünf­zig sind.

Ein Dop­pel­de­cker­bus auf einem Schrott­platz. Meh­rere Fotos zei­gen ein teil­weise aus­ge­schlach­te­tes Wrack, in das jemand anstelle der Fahr­gast­sitze Schlaf­ko­jen ein­ge­baut hatte. Jetzt ist es nur noch Schrott.

Ein Mann mit asia­ti­schen Gesichts­zü­gen steht in der Tür sei­nes Haus­boots und winkt lächelnd in die Kamera. Norbu?

Mathe­ma­ti­sche For­meln in Form von Filz­stift-Graf­fiti, die sämt­li­che Wände eines Hotel­zim­mers bede­cken.

Ein abfo­to­gra­fier­ter Zei­tungs­ar­ti­kel mit der Über­schrift »Unbe­kann­ter macht Kir­che zum Clown« und einem Foto von einem Kirch­turm, der mit einer rie­sen­gro­ßen Plas­tik­nase ver­un­stal­tet ist.

Der Blick in einen Woh­nungs­flur mit unzäh­li­gen Kar­teik­ärt­chen an Wän­den, Decke und Boden – mit bun­ten Schnü­ren unter­ein­an­der ver­bun­den. Seit­lich erkennt man einen Holz­kas­ten mit Knöp­fen und Anzei­gen.

Albo ver­steifte sich sofort dar­auf, dass das alles Fäl­schun­gen sein müs­sen: »Er hat offen­bar ver­sucht, sich seine kranke Welt am Com­pu­ter nach­zu­bauen. Ich lass das sofort von unse­ren Exper­ten über­prü­fen.«

Ich fürchte, die Exper­ten wer­den keine Hin­weise auf Mani­pu­la­tio­nen fin­den. Und genauso wenig wird Albo jemals her­aus­be­kom­men, wo und wie diese Fotos ent­stan­den sind: Sie sind buch­stäb­lich nicht von die­ser Welt.

Plu­ra­bel­les Käfig habe ich in den Gang vor das Ver­hör­zim­mer gestellt. Jetzt, als sie meine Anwe­sen­heit spürt, beginnt sie sofort, for­dernd zu miauen. Ich öffne eine Dose Kat­zen­fut­ter – Rei­se­pro­vi­ant für sie im klei­nen Stau­fach unter der Plas­tik­ver­scha­lung. Das Miauen wird von lust­vol­len Fress­ge­räu­schen abge­löst.

Albo kommt aus dem Ver­hör­raum. »Harte Nuss, der Kerl«, sagt er, »hab nicht übel Lust, zu här­te­ren Metho­den zu grei­fen.«

»Soll ich mal über­neh­men?«

Albo schürzt die Lip­pen und sieht mich abschät­zig an. Dann nickt er lang­sam. »Wär einen Ver­such wert, ja.«

Ich greife zum Trans­port­kä­fig.

»Äh …«, setzt Albo an, doch ich habe mir schon etwas zurecht­ge­legt: »Psy­cho­lo­gie«, sage ich mit Blick auf Plu­ra­belle.

»Okay«, sagt Albo, »aber lass dich zu nichts hin­rei­ßen.«

Der Mör­der sitzt in Hand­schel­len hin­ter dem Tisch, die Beine über­ein­an­der­ge­schla­gen. »Die Fotos«, sagt er unauf­ge­for­dert, »waren wei­tere Beweise für dich, falls das nötig gewe­sen wäre.«

War es nicht. Ich setze mich ihm gegen­über und lasse die Hand nicht vom Käfig­griff. »Und was jetzt?«

»Ich dachte, ich gehe zur Abwechs­lung mal wie jeder nor­male Mensch die Treppe hoch und klingle bei dir. War ein Feh­ler.«

»Und all das andere? Die Morde? Kann das auch ein Feh­ler gewe­sen sein?«

Seine zer­störte Gesichts­hälfte leuch­tet signal­rot. Er presst die Lip­pen auf­ein­an­der. »Es tut höl­lisch weh«, hat er mal gesagt, aber auch ohne Schmer­zen sollte nie­mand so gestraft wer­den. Ganz gleich, was er auch getan hat.

Er ringt um Worte. Die Ant­wort fällt ihm schwer: »Ich hätte das alles gerne in Ruhe mit dir dis­ku­tiert. Aber …« Er spricht den Satz nicht zuende. Wir schwei­gen.

»Hast du es noch vor Augen?«, fragt er nach einer Weile. Er meint sein Film­chen mit der pul­sie­ren­den Peris­tal­tik. Ich nicke. »Albo wird irgend­wann klar wer­den«, sagt er, »dass das kein Zufall war.« Er deu­tet auf den Kat­zen­kä­fig.

Ich beuge mich vor zu ihm. »Was ist mit dir?«

»Ich hab nur auf dich gewar­tet.«

»Aber Albo …« Ich ertappe mich dabei, dass ich mir Sor­gen mache, wie mein alter Freund mit all­dem zurecht­kom­men wird. Natür­lich weiß ich, dass er jedes Wort mit­hört. Und ver­mut­lich wird er sich die Video­auf­zeich­nung davon noch oft anse­hen, wie­der und wie­der.

Denn ich habe mich ent­schie­den. Ich bli­cke dem Mör­der in die Augen und denke inten­siv an das peris­tal­ti­sche Zucken des Gangs, an des­sen Ende ein Licht strahlt. Ein Ruck geht durch mei­nen Kör­per. Irgend­wie hat er mich, nicht kör­per­lich natür­lich, geschubst. Es ist wie bei mei­nem Nah­tod­e­s­er­leb­nis, als ich ins Eis ein­brach und ertrank: Ich befinde mich plötz­lich über mei­nem Kör­per, sehe mich selbst, den Trans­port­kä­fig in der Hand, dem Mör­der gegen­über­sit­zen. Dann treibe ich ab, gelange in den Neben­raum, schwebe über Albo und sei­nen Kol­le­gen. Ein hel­ler Glanz ist neben mir, ein strah­len­des Wesen. Ein Engel? Bin ich tot? Es herrscht auf ein­mal große Auf­re­gung im Zim­mer.

»Wo zum Teu­fel ist er hin?«, brüllt Albo irri­tiert und vol­ler Zorn. Er stürmt aus dem Raum. Ich ver­su­che, auf den Moni­tor zu sehen, weiß aber schon, dass der Mör­der jetzt allein im Ver­hör­zim­mer sitzt. Oder eben­falls fort ist. Der Glanz an mei­ner Seite zieht mich sanft wei­ter. Plötz­lich weiß ich, wer das ist. Zwi­schen den Wel­ten, zwi­schen Zeit und Raum, ver­lie­ren wir offen­bar die gewohnte Gestalt. Es ist meine Katze! Alles glit­zert, als wür­den, wie Heer­scha­ren von Pflan­zen­sa­men in einem Som­mer­wind, win­zige Kris­talle durch die Luft wehen. Plu­ra­belle und ich haben uns auf die Reise bege­ben.

357/398

In preda al ter­rore (Exc)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor und mache es wie damals, als ich – mor­gens kurz nach Öff­nung der Museen – mit schnel­len Schrit­ten die Gale­rien ent­lang­lief, um die Six­ti­ni­sche Kapelle vor dem gro­ßen Besu­cher­an­sturm erle­ben zu kön­nen. Dies­mal eile ich mit schnel­len Klicks voran – Goo­gles Art Pro­ject sei Dank. Der knapp drei­hun­dert Meter lange Kor­ri­dor, der zu den berühm­ten Michel­an­gelo-Fres­ken führt, ist selbst über­aus präch­tig aus­ge­stat­tet. Doch für die bemal­ten Schränke, die Säu­len­bö­gen und die Fres­ken an den Gewöl­be­de­cken habe ich erst ein­mal keine Zeit.

Sonst sind die Museen, die die Google-Kamera durch­fah­ren hat, men­schen­leer. Hier bewege ich mich, viel­leicht aus Copy­right-Grün­den, inmit­ten des Besu­cher­stroms. Ich hoffe, schnell genug zu sein. Trotz­dem: Als ich in die Six­ti­ni­sche Kapelle gelange, ist sie bereits mit Hun­der­ten von Men­schen gefüllt, die gro­ßen­teils offe­nen Mun­des an die Decke star­ren. Immer wie­der müs­sen – zusätz­lich zu den regel­mä­ßi­gen Laut­spre­cher­durch­sa­gen – die Wach­män­ner in die Hände klat­schen und die Besu­cher zur Ruhe gemah­nen. Das Foto­gra­fie­ren ist ver­bo­ten, aber hier beim Google Art Pro­ject sind es ja eh Fotos. Was aller­dings viele der Besu­cher – die, viele Ita­lie­ner dar­un­ter, nicht etwa sprach­los vor Stau­nen sind, son­dern gerade jetzt furcht­bar wich­tige Fami­li­en­ge­sprä­che und Dis­kus­sio­nen mit Freun­den füh­ren müs­sen – nicht vom Fil­men und Foto­gra­fie­ren mit Han­dy­ka­me­ras, Touch­pads und selbst einer Lomo mit Vier­fach­op­tik abhält.

Das ist mir ent­schie­den zu viel Tru­bel hier! Ein klein wenig ent­täuscht ziehe ich mich in die lan­gen Muse­ums­kor­ri­dore zurück. Hier herrscht keine Bahn­hofs­at­mo­sphäre, und auch hier gibt es – in einer beein­dru­cken­den Archi­tek­tur – bemer­kens­werte Kunst­werke zu ent­de­cken. Ich ver­liere mich in der Gal­le­ria Lapi­da­ria mit ihren stei­ner­nen Zeug­nis­sen, der umwer­fen­den Gal­le­ria dei Can­de­labri und der über­bor­den­den Gal­le­ria degli Arazi. Mit dem dop­pel­stö­cki­gen Kor­ri­dor auf dem Hin­weg zur Kapelle und dem Par­al­lel­kor­ri­dor addiert sich das zu fast einem Kilo­me­ter Fuß­weg zwi­schen ein­zig­ar­ti­gen Kunst­wer­ken hin­durch.

Meine Betrach­tun­gen wer­den unter­bro­chen, als mich ein Wäch­ter anspricht und unsanft in die Wirk­lich­keit zurück­holt: »Il museo è chi­uso.« Ich reiße mich von einem der fan­ta­sie­reich und detail­liert aus­ge­mal­ten, über­di­men­sio­na­len Kar­ten­ge­mälde in der Gal­le­ria della Carte Geo­gra­fi­che los. Schon? Mein Magen signa­li­siert mir, dass ich mich in den vati­ka­ni­schen pass­aggi und cor­ri­doi tat­säch­lich schon seit vie­len Stun­den auf­hal­ten muss.

Das ist das Pro­blem mit dem Inter­net: Man ver­liert jeden Sinn für die Zeit, die ver­geht, wäh­rend man stau­nend wei­ter­klickt und wei­ter­klickt … Wie auch immer. Dann jetzt schnell zu dem klei­nen ita­lie­ni­schen Restau­rant mit Blick aufs Kolos­seum, das mir Freunde, die sich in Rom gut aus­ken­nen, wärms­tens ans Herz gelegt haben.

 

370/398

Escape from the Pseu­do­verse

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor hinab in die Simu­la­tion. Sie bie­tet uns stän­dig neue Über­ra­schun­gen und Ein­sich­ten. Doch seit ein paar Tagen gibt es Ärger, der über unser Team hin­aus Kreise zieht: Ali­s­tair Mal­pert, der sich von allen nur Osmu­rinaut nen­nen lässt, einer unse­rer Back­ground-Pro­gram­mie­rer, ist an die Presse her­an­ge­tre­ten und behaup­tet allen Erns­tes, wir plan­ten einen Mas­sen­mord. Das mit dem angeb­li­chen Geno­zid bezieht er übri­gens nicht nur auf Sie und die rund hun­dert­tau­send »Per­sön­lich­kei­ten« in der Sim, son­dern auch auf die knapp sie­ben Mil­li­ar­den Sta­tis­ten­pro­gramme.

Gut, ja, es ist eine Welt fast genau wie unsere, mit Län­dern, Städ­ten, Wäl­dern, Wüs­ten – und Men­schen. Men­schen, die zwar ziem­lich echt wir­ken, aber wie alles in ihrer Welt nur eine Simu­la­tion sind, die auf einem Super­com­pu­ter läuft. Und das macht Osmu­rin­auts Behaup­tun­gen halt­los.

Mit ihm hat es immer wie­der Ärger gege­ben. Als wir vor vier Mona­ten einen Reboot machen muss­ten, ver­langte er allen Erns­tes, die Gele­gen­heit zu nut­zen und Hun­ger und Krieg aus der Welt zu ver­ban­nen. Er könne all die­ses Leid nicht mehr mit anse­hen, und wir seien ver­ant­wort­lich dafür. Als ob eine Simu­la­tion lei­den könnte!

Osmu­rinaut ver­sucht jetzt, die Öffent­lich­keit gegen uns auf­zu­brin­gen. Schon faselt die Presse von gehei­men Durch­brü­chen in Sachen künst­li­che Intel­li­genz und von Stu­den­ten, die Gott spie­len. Alles Quatsch!

Den Kor­ri­dor hin­ab­zu­schwim­men und in das enge Kor­sett der Sim zu gezwängt zu wer­den, ist kein Spaß. Sobald ich aller­dings ein­mal drin bin, gewöhne ich mich an die kör­per­li­che Beengt­heit und ver­gesse sie schließ­lich. Es fühlt sich dann alles fast wie im rich­ti­gen Leben an.

Die Men­schen, die ich hier im Pseu­do­ver­sum auf der Straße treffe, wir­ken nur so, als hät­ten sie ein Gefühls­le­ben. Dahin­ter ste­hen ziem­lich simple Algo­rith­men. Ich muss es wis­sen. Ich habe sie pro­gram­miert. Es ist wie bei Vogel- oder Fisch­schwär­men: Zwei, drei simple Ver­hal­tens­wei­sen für die Indi­vi­duen rei­chen aus, und es ent­ste­hen im Zusam­men­spiel hoch­kom­plexe Mus­ter.

Genü­gend kom­plex offen­bar, um dar­auf rein­zu­fal­len: Ich glaube, dass Osmu­rinaut sich ver­liebt hat. Er hat den Kor­ri­dor hinab in unser Pseu­do­ver­sum betre­ten und sich hier in ein Sim ver­liebt. In eine Sta­tis­tin! Die mir vor­lie­gen­den Log­files legen das nahe.

Sehen Sie, wir haben nichts weni­ger als den gesam­ten Pla­ne­ten Erde simu­liert, mit allen Kon­ti­nen­ten, den atmo­sphä­ri­schen Bedin­gun­gen, den geo­lo­gi­schen, den bio­lo­gi­schen – und auch bei uns Men­schen, der Zivi­li­sa­tion, der Kul­tur haben wir nicht halt­ge­macht. In unse­rem aktu­el­len Pseu­do­ver­sum 0.76 gibt es inzwi­schen Zei­tun­gen, Fern­se­hen, Kunst­aus­stel­lun­gen, Kino­filme … Aber wem erzähle ich das.

Was Osmu­rinaut bei sei­nen Auf­trit­ten vor den Fern­seh­ka­me­ras ver­schwie­gen hat, ist, dass wir uns eines Tricks bedient haben. Acht­und­neun­zig Pro­zent aller simu­lier­ten Men­schen sind reine Kom­par­sen, Mit­tel­maß­cha­rak­tere, die ihrem All­tag nach­ge­hen, arbei­ten, lie­ben, lei­den, leben, kon­su­mie­ren, ster­ben – ohne dass es zu grö­ße­ren Auf­fäl­lig­kei­ten kommt. Dazu rei­chen ein paar simple rekur­sive, leicht ran­do­mi­sierte Algo­rith­men aus. Diese Sta­tis­ten wir­ken echt, man kann sich mit ihnen unter­hal­ten, und sie zei­gen ein in fast jeder Hin­sicht mensch­li­ches Ver­hal­ten – ja, einige von ihnen errei­chen sogar einen hohen Bekannt­heits­grad. Sieht man aller­dings genauer hin, sind sie flach, ohne wirk­li­che Tiefe, repe­ti­tiv und letzt­lich hohl. Was diese Sta­tis­ten nicht daran hin­dert, gege­be­nen­falls hübsch und anhäng­lich zu sein. Dass Osmu­rinaut dar­auf rein­fällt (und an sei­ner abstru­sen Schwär­me­rei fest­hält!), ist trotz­dem höchst ver­wun­der­lich – auch wenn uns viel­leicht das Getue, das er um sei­nen ange­nom­me­nen Namen macht, hätte miss­trau­isch machen kön­nen.

Die eigent­lich inter­es­san­ten Bewoh­ner des Pseu­do­ver­sums 0.76 sind kom­plexe Per­sön­lich­kei­ten, die für die Ver­än­de­run­gen des Gan­zen ver­ant­wort­lich sind – Erfin­der, Phi­lo­so­phen, krea­tive Köpfe. Bei ihnen steckt ein viel grö­ße­rer Pro­gram­mier­auf­wand dahin­ter.

Osmu­rinaut will – und das ver­schweigt er geflis­sent­lich – die Unter­schiede zwi­schen Sta­tis­ten und ech­ten Per­sön­lich­kei­ten ver­wi­schen. Aus per­sön­li­chen Grün­den. Ich ver­mute: weil er sich ver­liebt hat und nicht mehr hier raus will. Des­we­gen ver­sucht er durch­zu­set­zen, dass uns die Kon­trolle über das Pseu­do­ver­sum ent­zo­gen wird. Aber das wird ihm nicht gelin­gen.

Und des­halb bin ich her­ge­kom­men, um Ihnen aus ers­ter Hand die Wahr­heit über Sie zu erzäh­len. Ja, es ist Fakt: Sie sind nur – und leben in einer – Simu­la­tion.

Wenn Sie dies ver­ste­hen und Ihnen nach eini­gem Nach­den­ken klar wird, dass dies den Tat­sa­chen ent­spricht, gehö­ren Sie zu den kom­ple­xen und pro-akti­ven Per­sön­lich­kei­ten, die ich pro­gram­miert habe. Sie sind sich Ihrer selbst bewusst. Sie hin­ter­fra­gen Ihre Hand­lun­gen – und die der ande­ren. Sie zwei­feln, hadern, zögern und haben hin und wie­der das Gefühl, umge­ben zu sein von Sta­tis­ten ohne eige­nes See­len­le­ben, die zwar vor­ge­ben, sie seien wer, sich aber gleich­zei­tig vor­her­seh­bar und inkon­se­quent ver­hal­ten. Dage­gen besit­zen Sie die Fähig­keit, krea­tiv zu sein. Davon braucht es einen klei­nen Pro­zent­satz, damit die Simu­la­tion echt wirkt und sich ver­hält wie in Wirk­lich­keit: über­ra­schend und inspi­rie­rend. Und das ist mir offen­bar ganz gut gelun­gen.

Des­we­gen fühle ich mich Ihnen ver­pflich­tet. Oder anders: Ich mag Sie und möchte mich auf Ihre Augen­höhe bege­ben für das, was ich Ihnen mit­tei­len werde. Ich an Ihrer Stelle würde es wis­sen wol­len, und des­halb sage ich Ihnen jetzt etwas, das in die­sem Ihren Pseu­do­ver­sum schon seit lan­ger Zeit bekannt ist, wenn auch mythisch ver­brämt. Und, ja, wir haben die­ses Pseu­do­ver­sum erst vor vier Mona­ten reboo­tet – aber natür­lich mit der kom­plet­ten Ver­gan­gen­heit unse­rer Welt als Matrize für eure Pseudo-Gegen­wart. (Ein wenig ist es so, wie es eure Krea­tio­nis­ten behaup­ten: Gott hat die Welt erst vor kur­zem erschaf­fen, mit­samt der Hin­ter­grund­strah­lung des Big Bang und den gan­zen Fos­si­lien, durch die sich die schein­bar bereits Mil­li­ar­den Jahre wäh­rende Geschichte der Erde und des Uni­ver­sums rekon­stru­ie­ren lässt.)

Wie auch immer. Ent­schei­dend ist: Diese Simu­la­tion ist zeit­lich befris­tet.

Es han­delt sich um eine Ver­suchs­reihe, und die­ser Ver­such wird dem­nächst been­det, damit wie geplant der nächste Ver­such star­ten kann. Eine Sicher­heits­ab­spei­che­rung ist nicht vor­ge­se­hen. Ein Wie­der­ein­satz der Pro­gramm­teile – also auch derer, die Ihnen Ihre Exis­tenz ver­lei­hen – ist mög­lich, aber ob das so etwas wie eine Wie­der­ge­burt der ent­spre­chen­den Per­sön­lich­kei­ten bedeu­tet, weiß ich nicht. Ich bezweifle es. Die­ses Pseu­do­ver­sum wird unwi­der­ruf­lich gelöscht. Osmu­rinaut glaubt, solange er sich hier ver­steckt, würde uns die Löschung unter­sagt, weil es sich sonst um Mord an einem »ech­ten« Men­schen han­deln würde. Doch der Jurist in unse­rem Team meint, dass Osmu­rinaut sich im vol­lem Besitz sei­ner geis­ti­gen Kräfte frei­wil­lig in eine lebens­be­droh­li­che Situa­tion bringt und seine Erpres­sung vor kei­nem Gericht unse­rer Welt Bestand haben wird.

Des­halb wird wohl die­ses Pseu­do­ver­sum mit all sei­nen Sta­tis­ten und Per­sön­lich­kei­ten wie geplant am 21. Dezem­ber 2012 abge­schal­tet. Es tut mir leid, Ihnen das so knall­hart sagen zu müs­sen. Sie haben, auch wenn das in Ihren Ohren viel­leicht selt­sam klingt, mein gan­zes Mit­ge­fühl. Aber die Löschung ist intrin­si­scher Bestand­teil des Expe­ri­ments.

Wenn Sie einen guten Rat von Ihrem Schöp­fer hören wol­len: Machen Sie sich bis dahin eine schöne Zeit!

377/398

Wohin keine Türen füh­ren

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Es hän­gen Gemälde an den Wän­den zwi­schen den Türen, doch die Bil­der sind groß und rei­chen bis auf den Boden, wäh­rend die Türen in Augen­höhe hän­gen und gol­dene, geschnitzte Rah­men haben. Hier bin ich rich­tig. Vol­ler Vor­freude betrete ich eins der Gemälde, das eine weite und hüg­lige Land­schaft zeigt, in der eine kleine Herde Gua­na­kos wei­det. Keine Anzei­chen einer Zivi­li­sa­tion. Der Wind streicht mir durchs Gesicht, das Pam­pas­gras kit­zelt unter den nack­ten Füßen. Keine Die­len, Gänge, Gale­rien, Kata­kom­ben, Zim­mer­fluch­ten und Flure mehr – end­lich. Ich wan­dere in Rich­tung der fer­nen schnee­be­deck­ten Berge, bis ich nur noch ein klei­ner Punkt vor den bewal­de­ten Hän­gen bin und schließ­lich ver­schwinde, als habe es mich nie gege­ben.