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The Chase

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Ich betrete den Kor­ri­dor schwe­bend und zeit­lu­pen­haft lang­sam, um dann plötz­lich über­mensch­lich schnell durch wei­tere Kor­ri­dore, durch Durch­gänge und um Ecken zu schie­ßen, dabei aber immer wie­der kurz in Zeit­lupe ver­fal­lend, wor­auf­hin die irr­sin­nige Jagd durch das Laby­rinth sofort wei­ter­geht, bis die Kamera nach die­sen extre­men Tem­po­wech­seln schließ­lich – im pas­sen­den Timing zu den Orches­ter­schlä­gen der sin­fo­ni­schen Film­mu­sik – ins Freie gelangt und in den Him­mel schwenkt. Whoa! Hätte nicht gedacht, dass die Sequenz der­art gut kommt, und das allein schon hier auf dem Moni­tor am Schnitt­platz. Wie soll das erst im Kino wer­den? Es wird die Zuschauer von ihren Sit­zen rei­ßen.

Die Regis­seu­rin ist da aller­dings ganz ande­rer Mei­nung. Sie kommt in den Schnei­de­raum, lässt sich die Sequenz von mir zei­gen und stoppt sie, noch bevor sie zu Ende ist. »Nein, nein, viel zu effekt­ha­sche­risch. Ich hab mir unter dem Par­al­lel­welt­über­gang etwas viel Schlich­te­res, Unauf­fäl­li­ge­res vor­ge­stellt.«

Ich pro­tes­tiere: »Aber so steht es im Dreh­buch: ›Die Kamera rast durch ein Laby­rinth von Kor­ri­do­ren und Trep­pen­häu­sern.‹«

»Kann sein, aber das ist nicht der Film, den ich vor Augen habe. Ich dachte da an ein kur­zes Kris­tal­li­sie­ren des Bil­des, wie eine Wind­schutz­scheibe, die in Tau­sende Pixel zer­split­tert. Und dann, einen Wim­pern­schlag spä­ter, ist alles wie vor­her, nur wis­sen wir, dass unsere Hel­din jetzt in eine Welt gesprun­gen ist, die sich von der vor­he­ri­gen in win­zi­gen Details unter­schei­det.«

»Ein kur­zes Kris­tal­li­sie­ren des Bil­des also?«

Sie nickt. »Wer im Publi­kum an der Stelle auch nur ganz kurz die Augen schließt, hat’s ver­passt. Es muss sub­til sein. Keine bil­li­gen Effekte. Das ist nicht mehr zeit­ge­mäß. Ich sollte da auch noch mal mit dem Kom­po­nis­ten spre­chen.«

»Sub­til also.«

»Genau. Aber …« Sie sieht auf ihre Arm­band­uhr. »Jetzt ist’s schon spät, und die Über­stun­den bekom­men wir nicht bezahlt. Da set­zen wir uns mor­gen dran, schlage ich vor.«

Damit geht sie. Ich sehe mir die rasende Fahrt durch die Kor­ri­dore noch ein­mal an. Schade um die schöne Sequenz. Immer­hin musste der Kame­ra­mann der Second Unit dafür rund zwan­zig Minu­ten hoch und run­ter durch Gänge und über Trep­pen lau­fen, ohne die Kamera von der Schul­ter zu neh­men. Am Schnei­de­tisch habe ich das auf einen Bruch­teil die­ser Zeit beschleu­nigt, und jetzt lösen die Bil­der irgend­et­was Merk­wür­di­ges in mei­nem Kopf aus. Damals, als ich als Cut­ter anfing, hab ich mit mei­nen Kol­le­gen mal bei einer Party dar­über phi­lo­so­phiert, ob es den per­fek­ten Schnitt geben könnte. Ein guter Schnitt bleibt unbe­merkt, ein schlech­ter Schnitt fällt auf, stört und reißt das Publi­kum aus dem Film­erleb­nis raus. Könnte nicht ein sehr guter, ein per­fek­ter Schnitt so sehr »nicht auf­fal­len«, dass er den Zuschauer mit einem Schlag noch viel tie­fer in den Film mit rein­zieht?

Mit weni­gen Klicks setze ich die zwi­schen Zeit­lupe und Zeit­raf­fer wech­selnde, pum­pende Kor­ri­dor­jagd zu einem Loop zusam­men. Die Fahrt ist jetzt end­los, und ich weiß nicht, wie lange ich schon dar­auf­starre und hin­ein­ge­zo­gen werde. Einen Wim­pern­schlag lang scheint mein Gesichts­feld von einem Karo­mus­ter fei­ner Fäden durch­zo­gen, und für den Bruch­teil einer Sekunde wir­belt alles kalei­do­skop­ar­tig durch­ein­an­der. Es ist, als ver­löre ich kurz den Halt in die­ser Rea­li­tät … – doch dann ist es auch schon wie­der vor­bei.

Eine Stimme reißt mich aus der Trance: »Fan­tas­tisch. Groß­ar­tig. Viel bes­ser, als ich mir vor­ge­stellt habe.« Ich betä­tige die Stopp­taste und drehe mich um. Die Regis­seu­rin steht da, lehnt sich über mich und drückt die Play­taste. Ihre Augen leuch­ten: »Das macht den Wech­sel der Welt zu einem ech­ten Trip für den Zuschauer. Die Musik braucht noch mehr Bass, aber sonst ist es per­fekt. Gute Arbeit. Die­ses Geschwin­dig­keits-Pum­pen im Bild reißt einen voll in den Film rein!«

»Also … nicht sub­til?«

»Wir wer­den die Zuschauer kaum ›sub­til‹ über­wäl­ti­gen kön­nen, oder? Der Film soll sie umhauen! Aber …« Sie blickt auf ihre Arm­band­uhr. »Es ist schon spät. Wir schnei­den es, schlage ich vor, mor­gen in die Szene rein, okay?«

Damit geht sie. Ich stoppe die Sequenz. Was war das gerade? Selt­sam. Ver­mut­lich bin ich über­ar­bei­tet und brau­che drin­gend eine Mütze voll Schlaf.