180/398

♫ Gazing Into the Crys­tal Skull ♫


180/398

LogoSwitch language

… Ich betrete den Kor­ri­dor, wie ich es schon als klei­nes Kind von den Geist­meis­tern gelernt habe, und steige in mei­nen »Tem­pel der flüch­ti­gen Bil­der« hinab. Zuerst zögere ich, denn sind es nicht die Geist­meis­ter gewe­sen, die zu tief in ihre inne­ren Tem­pel hin­ab­ge­stie­gen sind und mit ihren grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Ideen unser aller Unter­gang her­auf­be­schwo­ren haben? Doch das dro­hende Ertrin­ken und die uner­träg­li­chen Schmer­zen in mei­nem zer­schmet­ter­ten Bein trei­ben mich an die­sen Ort, an dem alles still und unbe­wegt ist.

Mein »Tem­pel« aller­dings ist – eine Insel.

Nie­mand durfte davon wis­sen, denn das Bild einer Insel vor dem inne­ren Auge wach­zu­ru­fen statt das eines Tem­pel­baus wider­spricht dem geis­ti­gen Gesetz, wie es uns gelehrt wird – doch so sehr ich mich auch gegen diese Insel zu weh­ren ver­suchte: Sie wollte ein­fach nicht wie­der ver­schwin­den. Nicht ein­mal mei­nen engs­ten Freun­den erzählte ich davon, und so erschre­cke ich zutiefst, als ich dort auf mei­ner klei­nen Insel eine Gruppe Frem­der ste­hen sehe. Ein alter Mann, des­sen linke Gesichts­hälfte völ­lig ver­narbt ist, tritt auf mich zu. Hin­ter ihm ste­hen elf Män­ner und Frauen.

»Ich bin Kte­phaim«, sagt der alte Mann. Was haben diese Leute in mei­nem Geist zu suchen? Oder sol­len sie mich abho­len und ins Reich der Toten füh­ren?

»Wir sind … Wan­de­rer. Und wir möch­ten dir anbie­ten, einer von uns zu wer­den.« Ich will zuerst ein­mal wis­sen, was es mit all dem hier auf sich hat, aber er bedeu­tet mir zu schwei­gen. »Du kannst dich ret­ten.« Damit über­reicht er mir einen geschlif­fe­nen Kris­tall in der Form eines mensch­li­chen Schä­dels.

Ich weiß, was ich zu tun habe. Die ande­ren elf, die hin­ter Kte­phaim ste­hen, sehen mich stumm an. Eine der Frauen lächelt auf­mun­ternd. Ich bli­cke dem Kris­tall­schä­del in die Augen.

»Kon­zen­triere dich«, sagt der Alte. »Du hast lange dafür geübt. Jetzt ist der Augen­blick gekom­men.«

Mit einem Mal bin ich wie­der in mei­nem Kör­per. Eis­kal­tes Was­ser umströmt mich, und im zer­schmet­ter­ten Bein spüre ich ein bren­nen­des Pochen. Ich nehme einen letz­ten Atem­zug, bevor das Meer mich ver­schlingt. Und kon­zen­triere mich.

Meine Hei­mat sinkt ins Magma zurück. Wenn die Sonne zum ers­ten Mal wie­der durch die schwar­zen Wol­ken­mas­sen bre­chen wird, wird nichts mehr von ihr übrig sein. Aus dem Schlamm wird sich eine neue Mensch­heit erhe­ben, eine neue Geschichts­schrei­bung ent­fal­ten, wer­den neue alte Kriege ent­bren­nen und alte neue Erfin­dun­gen und Erfah­run­gen die Men­schen bewe­gen.

Aber dies sind Dinge, die ich erst spä­ter erfah­ren werde. Denn ich über­lebe. Mit einem letz­ten Atem­zug ver­setze ich mich mit Hilfe des kris­tal­le­nen Schä­dels und einem unge­kann­ten Über­le­bens­wil­len in mir an einen ande­ren Ort in eine andere Zeit.

Ein Moos­pols­ter, mäch­tige Wur­zeln, eine Lich­tung.

Lang­sam komme ich zu mir. Enra’daí, die Frau aus der Gruppe der Wan­de­rer, die mir zuge­lä­chelt hatte, sitzt neben mir und unter­sucht mein Bein. »Wo bin ich?«, frage ich sie, aber Enra’daí ver­bes­sert mich: »Frag lie­ber, wann du bist. Du bist jetzt einer von uns.«

Sie erklärt mir, wir seien zwölf und besä­ßen die Fähig­keit, auf die Rück­seite der Zeit zu sprin­gen und von dort aus dort­hin zu wan­dern, wo wir gebraucht wer­den. Man­chen der Wan­de­rer gelinge das fünf‑, sechs- oder gar zehn­mal. Dann ver­siege die Kraft dazu. Ein neuer Wan­de­rer müsse gefun­den wer­den, um die Lücke zu fül­len. »Und du bist wahr­schein­lich der jüngste, den es je gege­ben hat«, fügt sie an.

In den nächs­ten Tagen heilt sie mit Kräu­ter­wi­ckeln mein Bein und brät über einem Feuer ihr Jagd­wild für uns. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Ihre Bewe­gun­gen, ihre Berüh­run­gen, ihre leise Stimme: All das berauscht mich, beglückt mich im Inners­ten, rührt mein Herz an und weckt ganz unbe­kannte, Süße und Schmerz ver­spre­chende Gefühle in mir, die ich scham­haft vor ihr ver­berge, da sie mich zwar lie­be­voll pflegt, aber doch wohl mit der Für­sorge einer Mut­ter für ihren Sohn. Wie gern würde ich ihr bewei­sen, dass ich bereits ein Mann bin. Ich könnte Bäume fäl­len und eine Hütte für uns errich­ten, ich würde die Jagd erler­nen und wilde Tiere für sie erle­gen – doch mein Bein erlaubt dies alles noch nicht, ich muss es scho­nen.

Auf die Rück­seite der Zeit zu sprin­gen, hat mir das Leben geret­tet. Ich bezweifle, dass unsere Geist­meis­ter von die­ser Fähig­keit wuss­ten. Enra’daí zögert, als ich sie frage, was mit dem Wan­de­rer geschieht, der die Kraft dazu ver­liert. Ihre Stimme klingt brü­chig: »Er bleibt dort, von wo der neue Wan­de­rer geholt wird.« Ich will sie fra­gen, ob Kte­phaim an mei­ner statt in die Halle der Kris­talle ver­setzt wurde, aber Enra’daí ver­zieht schmerz­lich das Gesicht und wen­det den Blick ab. Das lässt mich sto­cken, und ich spre­che meine Frage nicht aus.

»Ich muss wei­ter«, sagt sie schließ­lich und wirkt ein wenig trau­rig. »Wir Wan­de­rer sind Ein­zel­gän­ger.«

Ich will dage­gen pro­tes­tie­ren, flehe sie an, zu blei­ben, behaupte, mein Bein schmerze wie­der. Doch Enra’daí lässt sich nicht erwei­chen. Zum Abschied berührt sie mich nur kurz am Arm und wen­det dann schnell ihren Blick ab. Ich will ihr nach­ru­fen, dass ich sie liebe, aber schon ist sie zwi­schen den mäch­ti­gen Stäm­men der Bäume ver­schwun­den. Trä­nen stei­gen mir in die Augen, und ich beginne bit­ter­lich zu wei­nen.

Es ist ein Abschied …

All die Toten – ein gan­zes Volk! Meine Freunde! Meine Mut­ter! Meine kleine Schwes­ter! Erst als es tagt, ver­sie­gen meine Trä­nen, und ich falle in unru­hi­gen Schlaf.

… und ein Neu­an­fang.