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♫ Gazing Into the Crystal Skull ♫
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… Ich betrete den Korridor, wie ich es schon als kleines Kind von den Geistmeistern gelernt habe, und steige in meinen »Tempel der flüchtigen Bilder« hinab. Zuerst zögere ich, denn sind es nicht die Geistmeister gewesen, die zu tief in ihre inneren Tempel hinabgestiegen sind und mit ihren größenwahnsinnigen Ideen unser aller Untergang heraufbeschworen haben? Doch das drohende Ertrinken und die unerträglichen Schmerzen in meinem zerschmetterten Bein treiben mich an diesen Ort, an dem alles still und unbewegt ist.
Mein »Tempel« allerdings ist – eine Insel.
Niemand durfte davon wissen, denn das Bild einer Insel vor dem inneren Auge wachzurufen statt das eines Tempelbaus widerspricht dem geistigen Gesetz, wie es uns gelehrt wird – doch so sehr ich mich auch gegen diese Insel zu wehren versuchte: Sie wollte einfach nicht wieder verschwinden. Nicht einmal meinen engsten Freunden erzählte ich davon, und so erschrecke ich zutiefst, als ich dort auf meiner kleinen Insel eine Gruppe Fremder stehen sehe. Ein alter Mann, dessen linke Gesichtshälfte völlig vernarbt ist, tritt auf mich zu. Hinter ihm stehen elf Männer und Frauen.
»Ich bin Ktephaim«, sagt der alte Mann. Was haben diese Leute in meinem Geist zu suchen? Oder sollen sie mich abholen und ins Reich der Toten führen?
»Wir sind … Wanderer. Und wir möchten dir anbieten, einer von uns zu werden.« Ich will zuerst einmal wissen, was es mit all dem hier auf sich hat, aber er bedeutet mir zu schweigen. »Du kannst dich retten.« Damit überreicht er mir einen geschliffenen Kristall in der Form eines menschlichen Schädels.
Ich weiß, was ich zu tun habe. Die anderen elf, die hinter Ktephaim stehen, sehen mich stumm an. Eine der Frauen lächelt aufmunternd. Ich blicke dem Kristallschädel in die Augen.
»Konzentriere dich«, sagt der Alte. »Du hast lange dafür geübt. Jetzt ist der Augenblick gekommen.«
Mit einem Mal bin ich wieder in meinem Körper. Eiskaltes Wasser umströmt mich, und im zerschmetterten Bein spüre ich ein brennendes Pochen. Ich nehme einen letzten Atemzug, bevor das Meer mich verschlingt. Und konzentriere mich.
Meine Heimat sinkt ins Magma zurück. Wenn die Sonne zum ersten Mal wieder durch die schwarzen Wolkenmassen brechen wird, wird nichts mehr von ihr übrig sein. Aus dem Schlamm wird sich eine neue Menschheit erheben, eine neue Geschichtsschreibung entfalten, werden neue alte Kriege entbrennen und alte neue Erfindungen und Erfahrungen die Menschen bewegen.
Aber dies sind Dinge, die ich erst später erfahren werde. Denn ich überlebe. Mit einem letzten Atemzug versetze ich mich mit Hilfe des kristallenen Schädels und einem ungekannten Überlebenswillen in mir an einen anderen Ort in eine andere Zeit.
Ein Moospolster, mächtige Wurzeln, eine Lichtung.
Langsam komme ich zu mir. Enra’daí, die Frau aus der Gruppe der Wanderer, die mir zugelächelt hatte, sitzt neben mir und untersucht mein Bein. »Wo bin ich?«, frage ich sie, aber Enra’daí verbessert mich: »Frag lieber, wann du bist. Du bist jetzt einer von uns.«
Sie erklärt mir, wir seien zwölf und besäßen die Fähigkeit, auf die Rückseite der Zeit zu springen und von dort aus dorthin zu wandern, wo wir gebraucht werden. Manchen der Wanderer gelinge das fünf‑, sechs- oder gar zehnmal. Dann versiege die Kraft dazu. Ein neuer Wanderer müsse gefunden werden, um die Lücke zu füllen. »Und du bist wahrscheinlich der jüngste, den es je gegeben hat«, fügt sie an.
In den nächsten Tagen heilt sie mit Kräuterwickeln mein Bein und brät über einem Feuer ihr Jagdwild für uns. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Ihre Bewegungen, ihre Berührungen, ihre leise Stimme: All das berauscht mich, beglückt mich im Innersten, rührt mein Herz an und weckt ganz unbekannte, Süße und Schmerz versprechende Gefühle in mir, die ich schamhaft vor ihr verberge, da sie mich zwar liebevoll pflegt, aber doch wohl mit der Fürsorge einer Mutter für ihren Sohn. Wie gern würde ich ihr beweisen, dass ich bereits ein Mann bin. Ich könnte Bäume fällen und eine Hütte für uns errichten, ich würde die Jagd erlernen und wilde Tiere für sie erlegen – doch mein Bein erlaubt dies alles noch nicht, ich muss es schonen.
Auf die Rückseite der Zeit zu springen, hat mir das Leben gerettet. Ich bezweifle, dass unsere Geistmeister von dieser Fähigkeit wussten. Enra’daí zögert, als ich sie frage, was mit dem Wanderer geschieht, der die Kraft dazu verliert. Ihre Stimme klingt brüchig: »Er bleibt dort, von wo der neue Wanderer geholt wird.« Ich will sie fragen, ob Ktephaim an meiner statt in die Halle der Kristalle versetzt wurde, aber Enra’daí verzieht schmerzlich das Gesicht und wendet den Blick ab. Das lässt mich stocken, und ich spreche meine Frage nicht aus.
»Ich muss weiter«, sagt sie schließlich und wirkt ein wenig traurig. »Wir Wanderer sind Einzelgänger.«
Ich will dagegen protestieren, flehe sie an, zu bleiben, behaupte, mein Bein schmerze wieder. Doch Enra’daí lässt sich nicht erweichen. Zum Abschied berührt sie mich nur kurz am Arm und wendet dann schnell ihren Blick ab. Ich will ihr nachrufen, dass ich sie liebe, aber schon ist sie zwischen den mächtigen Stämmen der Bäume verschwunden. Tränen steigen mir in die Augen, und ich beginne bitterlich zu weinen.
Es ist ein Abschied …
All die Toten – ein ganzes Volk! Meine Freunde! Meine Mutter! Meine kleine Schwester! Erst als es tagt, versiegen meine Tränen, und ich falle in unruhigen Schlaf.
… und ein Neuanfang.

