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Cos­mic Gestalt

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Ich betrete den Kor­ri­dor, wenn man denn außer­halb von Zeit und Raum von so etwas wie einem Kor­ri­dor spre­chen kann. Jeden­falls steht hier unter dem Fens­ter der Was­ser­spen­der, ein Ort, an dem sich das Team gerne zu zwang­lo­sen Gesprä­chen trifft. Gott füllt sich gerade einen Papp­be­cher. Ich stelle mich zu ihm.

»Mir ist da letzt­hin die Idee zu einem neuen Uni­ver­sum gekom­men«, sage ich. Er blickt inter­es­siert auf. »Bis­her haben wir ja immer auf detail­liert aus­ge­tüf­telte Sze­na­rien gesetzt, kom­plett von vorne bis hin­ten durch­ge­plant und gelenkt durch stra­te­gisch ein­ge­setzte Insze­nie­run­gen. Wie ja auch momen­tan mit all den fal­schen Hin­wei­sen, dass die Welt mög­li­cher­weise viel älter ist, als geschrie­ben steht, und durch einen Urknall ent­stan­den sein könnte.«

»Stimmt«, bestä­tigt er und nimmt einen Schluck vom Was­ser des Lebens, »die Sache mit Ster­nen­ent­ste­hung und Erd­zeit­al­tern wird von ihnen gut ange­nom­men. Zu gut fast.«

»Ich habe mir über­legt, wir könn­ten doch wirk­lich mal ein Uni­ver­sum mit einem Urknall begin­nen las­sen und nur die Anfangs­pa­ra­me­ter vor­ge­ben – statt müh­sam das Hin­ter­grund­rau­schen des Was­ser­stoffs abzu­spie­len, fal­sche Dino­sau­ri­er­kno­chen ein­zu­gra­ben und all das.«

Gott reißt über­rascht die Augen auf.

»Ich weiß, ich weiß, fast schon ein ket­ze­ri­scher Gedanke. Aber wäre es nicht äußerst span­nend, ein­fach nur zu beob­ach­ten und nicht stän­dig ein­grei­fen zu müs­sen?«

»Das würde«, wen­det er ein, »aber deut­lich mehr als sechs­tau­send Jahre von der Erschaf­fung der Welt bis zum Jüngs­ten Tag dau­ern.«

»Ja, klar. Mil­li­ar­den von Jah­ren. Und es würde kei­nen Jüngs­ten Tag geben.«

»Würde es nicht?!«

»Nein. Wie gesagt schlage ich vor, die Anfangs­pa­ra­me­ter vor­zu­ge­ben, so, dass sich Leben und natür­lich auch intel­li­gen­tes Leben bil­den …«

Gott unter­bricht mich: »Wir haben nicht mehr genü­gend Engel für noch ein Uni­ver­sum.«

»Wir wür­den keine Engel ein­set­zen.«

Ihm steht der Mund offen. Das muss er erst­mal ver­dauen.

»Wir wür­den ein­fach nur beob­ach­ten, was pas­siert.«

»Und kei­nen Erlö­ser schi­cken?«

Ich schüttle den Kopf. »Bis­her«, erläu­tere ich, »haben wir immer alles vor­ge­ge­ben. Wir haben sie nach unse­rem Bild gestal­tet, Pro­phe­ten und Mys­ti­ker gebrieft und an neur­al­gi­schen Stel­len das eine und andere Wun­der gewirkt. Alles in allem ist es ein Hau­fen Arbeit, die Sache in unse­rem Sinne am Lau­fen zu hal­ten. Dies­mal –«, und an die­ser Stelle mache ich eine bewusste Pause, »wür­den wir nicht wis­sen, was pas­siert.«

Gott lässt noch etwas Was­ser aus dem Spen­der in sei­nen Becher glu­ckern. Der Titel »Gott« ist eine Art Run­ning Gag, und wir ver­lei­hen ihn reihum, so dass jeder im Team sich mal als Chef füh­len kann. Er sieht nach­denk­lich aus.

»Ein gene­ra­ti­ves Uni­ver­sum«, sagt er gedan­ken­ver­lo­ren. Ich nicke. »Es könnte sein, dass sich gar kein Leben ent­wi­ckelt«, fährt er fort. Wie­der nicke ich: »Dann wür­den wir ein­fach von vorne anfan­gen.«

»Kein Erlö­ser …«, mur­melt er ver­son­nen.

»Und auch kein Him­mel und keine Hölle«, füge ich an.

»Es wäre auf jeden Fall span­nend.« Ent­de­cke ich da bei die­sen Wor­ten ein Blit­zen in sei­nen Augen? »Lass uns das mal mor­gen früh beim Mee­ting in die Runde wer­fen«, sagt er. Er scheint inner­lich schon abzu­che­cken, wie wir die ande­ren von der Idee über­zeu­gen kön­nen. Dann knufft er mir aner­ken­nend in die Schul­ter. Das hat er noch nie getan.

Zufrie­den gehe ich zurück an meine Arbeit.