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Into Intertwingularity
Ich betrete den Korridor, der die große Weihehalle umläuft. Die pochenden Kopfschmerzen sind mit einem Mal verflogen. Trotzdem bin ich verwirrt. Wo bin ich hier? Woher weiß ich, dass es sich um die »Weihehalle« handelt? Ich werde – zur Untätigkeit verurteilt im Geist eines Beteiligten hockend, der nichts davon mitbekommt – wieder einem Helden meiner Kindheit begegnen, soviel ist klar. Bisher habe ich immer gleich gewusst, wohin es mich verschlagen hat – ob es nun die Trieste war, Lhasa, Xu Fus Flotte oder ob es sich um Vasco da Gama oder Albrecht Ludwig Berblinger, den Schneider von Ulm, bei seinem tragischen Flugversuch handelte.
Die Stadt ist prächtig. Die imposanten Bauten und die gepflasterten Straßen sind mit bunten Blumen geschmückt, und über die breiten Kanäle weht eine frische, salzige Brise. Ich wandle durch prächtige Säulengänge aus schimmerndem Marmor, grüße einen Bärtigen in einem bestickten Gewand, der mich »Criph« nennt, besteige ein Boot, das einer venezianischen Gondel ähnelt. Doch dies ist nicht das antike Venedig. Die Kanäle sind kreisförmig angelegt. Langsam dämmert mir, dass das hier Atlantis sein muss. Aber es kann nicht sein! Atlantis hat es nie gegeben – außer als Erzählung von Platon. Es ging ihm, soweit ich mich erinnere, bei seinem Gleichnis um Gerechtigkeit und den idealen Staat. Und doch bin ich hier, im Kopf dieses »Criph«, und weiß nicht, ob es ein Traum ist, Wahn oder geisterhafte Wirklichkeit.
Eben schien noch die Sonne, doch nun verheißt der Blick in den Himmel Unheil: Über den goldenen Zinnen der Stadt braut sich mit erschreckender Geschwindigkeit ein Unwetter zusammen. Dann erschüttert ein Erdbeben die Mauern, das die Menschen zu Boden schleudert und die mächtigen Gebäude einstürzen lässt. Ich bin Zeuge des Untergangs von Atlantis, von dem Platon schrieb, er sei innerhalb eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht erfolgt!
Der Junge, Criph, eilt in die Höhle mit den außer Kontrolle geratenen Wetterkristallen, um sie zu deaktivieren. Doch das Verderben ist nicht aufzuhalten.
Werde ich zusammen mit ihm sterben? Ist hier meine Irrfahrt durch die Weltgeschichte zu Ende?
Der Junge konzentriert sich. Sein Geist ist geschult. Er versetzt sich innerlich an einen ganz anderen, friedlichen Ort. Es scheint eine kleine palmenbestandene Insel zu sein, und es sind Besucher dort. Gleichzeitig droht Criphs Körper zu ertrinken, und ich spüre, dass seine Kräfte nicht ausreichen werden, um sich retten – nicht seine körperlichen und auch nicht seine geistigen Kräfte.
Aber ich kann Criph helfen: mit meiner Kraft und meinem Überlebenswillen. Wie soll das gehen? Bin ich angesichts des drohenden Untergangs endgültig verrückt geworden? Nein. Ich spüre, dass ich nicht länger zur Untätigkeit verdammt bin. Im Geist dieses Jungen, in seinem Kopf, ist es anders als bisher. Ihm kann ich meine Entschlusskraft, ja selbst mein Wissen und meine Erfahrung zur Verfügung stellen. Allerdings nur, indem ich mich selbst aufgebe. Die anstehende Entscheidung steht klar vor meinem inneren Auge.
Bin ich bereit, in etwas Größerem aufzugehen und mich selbst loszulassen? Die nächsten Sekunden entscheiden, ob Criph ertrinkt oder überlebt. Könnte der heimat- und ruhelose Geist, zu dem ich geworden bin, hier am Ende seiner Reise angekommen sein? Es ist, als stünde ich am Rand eines bodenlosen Abgrunds, wankend, von Schwindel erfasst, den Halt verlierend. Etwas Unbekanntes erwartet mich. Ich hoffe, es ist mir freundlich gesinnt.
Der Augenblick ist gekommen. Ich muss meine Entscheidung treffen. Wie verabschiedet man sich von sich selbst?
Vielen Dank für alles. Lebe wohl!