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Fidentia caelestis (Exc)
Ich betrete den Korridor zwischen den Welten. Es ist, als schritte ich durch ein Patchwork von Hubble-Fotos: Universen zu meinen Füßen, Kosmen über mir, und auch zu beiden Seiten öffnen sich mir immer wieder atemberaubende Blicke in grenzenlose Weiten und Sternenwüsten – nur ein Gedanke von mir, ein Wunsch oder auch nur gelindes Interesse, und ich würde augenblicklich in eine dieser Myriaden von Schöpfungen hineingezogen und dort sogleich vergessen, wer ich bin und woher ich komme. Aber mein Trachten ist diesmal ein anderes: Ich will den Korridor zu Ende gehen, das ewige Rad des Lebens, meines Lebens, anhalten. Ich will endlich der Höchsten Instanz gegenübertreten.
Der Korridor zwischen den Welten ist unendlich lang, was mich jedoch nicht davon abhalten kann, sein Ende zu erreichen. Ich lasse mich nicht von den zahllosen Möglichkeiten und Ausdrucksweisen ablenken, die sich mir Schritt für Schritt in allen Dimensionen bieten, ob es nun kuschlige Hemdtaschenuniversen sind, Babykosmen ganz am Anfang ihrer Entwicklung, komplexe Dimensionsnetze aus Branen in Branen, physikalische Höllen oder himmlische Paradiese, von leuchtenden Energiewesen durchwandert, ob Zeit-Raum-Kontinuen oder chlanegefüllte Potenziale, ob dichte Materie oder lichte Feinstofflichkeit. Sie alle lasse ich links liegen.
Diesmal will ich es wissen: Warum das alles? Wofür? Was ist der Sinn von alldem? Wieso müssen sich Myriaden von Wesenheiten wie ich in einem Labyrinth wie diesem verirren wie in einem Traum in einem Traum in einem Traum und rekursiv so weiter – aufwachend, aufwachend, wieder einschlafend, aufwachend, bei jedem Schritt vor wieder zweieinhalb zurückfallend und dabei unbemerkt seitlich in eine weitere Dimensionsfalte geratend?
Und dann, wenn man glaubt, ein letztes Mal und ultimativ zu erwachen aus alldem, findet man sich wieder am Anfang: im Korridor zwischen den Welten – um sich dann gleich wieder im Geflecht der Möglichkeiten, der Fluktuation der Wahrscheinlichkeiten, dem Mosaik der Seinswirklichkeiten und Scheinrealitäten zu verlieren und aufzuspalten in eine Unzahl von Bewusstseinsfacetten, träumend, verstört, umnachtet, einsam begeistert im seligen Taumel des Glücks und der Erkenntnis träumend, verwirrt, umnachtet …
Mein Blick ist nach vorn gerichtet. Nichts kann mich mehr ablenken. Nicht einmal Narieda, deren Bewusstsein ich in einer der Welten spüre, an denen ich achtlos vorbeilaufe, deren Seele nach mir ruft und deren Sehnsucht ein ganzes Multiversum durchdringt, so dass sie selbst hier im Korridor zwischen den Welten für mich spürbar ist, als würde ich ganz von Ferne eine vertraute Melodie hören, die mein Herz tanzen lässt. Nein. Diesmal gehe ich den Weg bis ganz ans Ende.
Denn am Ende ist eine Tür, eine schlichte Holztür, grob zusammengezimmert und ohne Aufschrift. Es gibt keine Klinke – wer bis hierher gelangt ist, benötigt keine. Ich höre eine Stimme, die nicht erklingt, sondern sich unmittelbar als Wissen und Erkenntnis in mir manifestiert: »Ah, gut, ich habe lange gewartet. Willkommen!«
Ich trete ein, mit meinen Fragen auf den Lippen. Doch der Raum ist leer. Ein einfacher Holzstuhl, ein Tisch, darauf etwas Papier und ein Stift. Ich nehme ihn in die Hand. Es ist ein Bleistift mit Werbeaufdruck, der kleine farbenfrohe Bären mit Knieschonern zeigt, die gutgelaunt Inline-Skates fahren. Einer von ihnen stürzt zu Boden, aber es scheint ihm nichts auszumachen.
Ich lege den Bleistift wieder neben das Papier. Auf dem obersten Blatt steht: »Der nächste Besucher löst dich hier ab, und du kannst wieder zurück. Sollte dir die Zeit bis dahin lang werden, entwirf doch einfach in der Zwischenzeit ein paar neue Universen.«
Die Unterschrift ist unleserlich.