Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: PluriDim

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Saviour Busi­ness

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Ich betrete den Kor­ri­dor aus wir­beln­den Ster­nen und Gala­xien, der mir einen kur­zen Blick in das Mul­ti­ver­sum gestat­tet, bevor mich ein gewal­ti­ger Sog zu Boden reißt und mir die Luft abschnürt. Alles in mir schwankt. Ich keu­che und muss gegen einen hef­ti­gen Wür­ge­reiz ankämp­fen. Da tut es gut, schnei­dend kalte Luft in die Lun­gen zu sau­gen. Das Erste, was ich klar erken­nen kann, ist Plu­ra­bel­les Käfig. Sie miaut kläg­lich. Ver­mut­lich hat sie genau wie ich unter den Neben­wir­kun­gen der Par­al­lel­welt­reise zu lei­den.

Ich liege im Schnee. Ganz vor­sich­tig setze ich mich auf. Ich lebe – sonst würde mir nicht jeder Kno­chen schmer­zen. Und ich bin am rich­ti­gen Ort: der Park, die schmale Halb­in­sel, der zuge­fro­rene See. Es ist früh­mor­gens.

Gleich, jeden Moment, müsste das jün­gere Ich des Mör­ders hier ent­lang kom­men und unter­neh­mungs­lus­tig auf das Eis hin­aus­schlid­dern, wie auch ich das an jenem schick­sal­haf­ten Sonn­tag getan habe, vor vie­len, vie­len Jah­ren. Meine Auf­gabe ist klar.

Plu­ra­belle nehme ich natür­lich mit. Der Schnee auf dem Weg ist noch unbe­rührt. Aus den Augen­win­keln her­aus nehme ich eine Gestalt wahr, die auf der ande­ren Seite unter den ver­schnei­ten Buchen zum Ende der Halb­in­sel schlen­dert. Ich will, ich darf mei­nem Alter Ego nicht begeg­nen – mit aller Kraft zwinge ich mich, nicht hin­zu­se­hen, und kon­zen­triere mich auf das, was ich zu tun habe: die Eng­stelle errei­chen, bevor die Jog­ge­rin sie pas­sie­ren kann.

Es ist nie­mand hier. Ich sehe mich um. Wie lange war ich damals auf dem Eis, bis es plötz­lich unter mir nach­gab? War es nicht ein wol­ken­lo­ser Tag? Hier ist der Him­mel ver­han­gen, und es ist neb­lig. Ein paar Atem­züge lang bin ich mir unsi­cher, ob ich hier über­haupt rich­tig bin. Oder spielt mir die Erin­ne­rung einen Streich? Dann sehe ich die Jog­ge­rin.

Es ist eine junge, hüb­sche Frau. Sie trägt eine Woll­mütze und kommt im ste­ten Trab auf mich zu.

»Hallo?«, rufe ich, »ent­schul­di­gen Sie?« Doch sie beach­tet mich nicht. Im letz­ten Moment trete ich ihr in den Weg. »Ent­schul­di­gung?«

Sie stoppt, läuft aber auf der Stelle wei­ter, lächelt und nimmt sich die Ohr­hö­rer her­aus, die ich vor­her gar nicht bemerkt hatte. »Ja?«, sagt sie, und dabei formt sich wei­ßer Kon­dens­atem vor ihrem Mund.

»Könnte es sein, dass Sie ver­ges­sen haben, Ihren Herd aus­zu­stel­len?«

Sie sieht mich ver­blüfft an. Der Mör­der hatte mir davon erzählt – er erfuhr spä­ter, nach­dem sie ihn gefun­den und wie­der­be­lebt hatte, von ihrem Mal­heur, bei dem ihre Woh­nung fast in Brand gera­ten war.

»Oh Shit!«, sagt die Frau, die immer noch auf der Stelle läuft, um ihr Trai­ning nicht zu unter­bre­chen. Sie dreht um und sprin­tet davon. Jetzt bin ich ver­blüfft. Ich hatte erwar­tet, dass sie sich erst ein­mal danach erkun­digt, woher ich davon wis­sen kann. Aber auch so ist es gut. Gut? Ich drehe mich um. Irgendwo da hin­ten auf dem See bricht jetzt ein jun­ger, hoff­nungs­vol­ler Phy­si­ker ins Eis ein und ertrinkt. Und es kommt nie­mand, um ihn in letz­ter Sekunde ins Leben zurück­zu­ho­len und einen Kran­ken­wa­gen zu rufen. Mir wird das Herz schwer. Weder der Gedanke, dass er in fast allen ande­ren par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten des Mul­ti­ver­sums geret­tet wird, noch der an die Welt, die ich dadurch vor dem Unter­gang bewahre – diese Welt hier –, kann mich trös­ten. Plu­ra­belle spürt mei­nen Kum­mer. Sie maunzt und miaut. Ich weiß nicht, wie lange ich da wie fest­ge­fro­ren stehe und mir die Trä­nen aus den Augen rin­nen.

»He, Sie!« Die Stimme der jun­gen Frau reißt mich aus mei­nen düs­te­ren Gedan­ken. »Wie konn­ten Sie das wis­sen?«

Ich drehe mich zu ihr um. Sie war offen­bar schon bei zu Hause, ist wie­der zu mir zurück­ge­spur­tet und ganz außer Atem. »War nur so ein Gedanke«, ant­worte ich aus­wei­chend.

»Sie sind nicht zufäl­lig ein her­ab­ge­stie­ge­ner Engel?«

»Ich komme zwar von weit her, aber ein Engel – nein, ein Engel bin ich nun wahr­haf­tig nicht.«

»Darf ich Sie trotz­dem zu einem Kaf­fee ein­la­den?«, fragt sie. Ich freue mich dar­über, zu mei­nem eige­nen Ver­wun­dern, doch ver­mut­lich ist jetzt alles bes­ser als daran den­ken zu müs­sen, was gerade nur wenige Dut­zend Meter von hier ent­fernt gesche­hen ist.

Das Café am Park hat so früh noch nicht geöff­net, doch der Besit­zer, der zusam­men mit sei­ner Frau dabei ist, sei­nen Gast­raum umzu­de­ko­rie­ren, hat Mit­leid mit uns und bringt zwei damp­fende Tas­sen auf die Ter­rasse.

»Sind Sie auf der Durch­reise, Sie beide?«, fragt die Jog­ge­rin neu­gie­rig und mit Blick auf den Trans­port­kä­fig.

»Plu­ra­belle«, stelle ich ihr meine Katze vor, »eigent­lich Anna Livia Plu­ra­belle. Nein, wir sind gekom­men, um zu blei­ben.«

»Und wo?«

»Zuerst ein­mal in einem Hotel ver­mut­lich.«

Wir nip­pen an unse­rem Kaf­fee, und sie bie­tet mir an, bei ihr zur Unter­miete ein­zu­zie­hen. »Das Zim­mer liegt im Erd­ge­schoss, aber mit Fens­ter zum Innen­hof. Den könnte dann Ihre Katze erobern. Sind Sie Schrift­stel­ler?« Ver­wun­dert schüttle ich den Kopf. »Wer sonst liest schon so ein ver­wor­re­nes Laby­rinth von einem Roman wie Fin­ne­gans Wake?«

Offen­bar weiß sie, woher meine Katze ihren Namen hat. Sie hat grüne Augen und ein sym­pa­thi­sches Lachen. Wäre ich vier­zig Jahre jün­ger, würde ich mich bis über beide Ohren ver­lie­ben. Und da wird mir schlag­ar­tig klar, wer sie ist! Mich hatte damals, als ich im Eis ein­ge­bro­chen war, Uwe Albo gefun­den, und es wurde eine lebens­lange Freund­schaft dar­aus. Dies hier – und so unver­mit­telt mir die­ser Gedanke kommt, so sicher bin ich mir damit – ist die spä­tere Frau mei­nes Alter Egos, des Mör­ders! Gerade eben hat sie, durch meine Schuld, ihren zukünf­ti­gen Ehe­mann und Vater ihrer Kin­der ver­lo­ren. Ich muss schlu­cken. Sie war­tet auf eine Ant­wort von mir. Ich muss ein­fach fest daran glau­ben, alles rich­tig gemacht zu haben. Lei­der bin ich einige Jahr­zehnte zu alt, um die Rolle des Toten ein­neh­men zu kön­nen.

»Ihr Zim­mer sehe ich mir gerne an. Es klingt ganz so, als wäre es per­fekt für einen zurück­ge­zo­gen leben­den Pri­vat­ge­lehr­ten wie mich.«

Sie sieht mich mit gro­ßen Augen an. »Womit beschäf­ti­gen Sie sich denn?«

»In gewis­ser Weise mit ziem­lich ver­wor­re­nen Laby­rin­then. Mit par­al­le­len Wel­ten näm­lich«, sage ich.

»Oha!«, sagt sie und zieht ein klein wenig die Brauen zusam­men, als wisse sie nicht genau, ob ich das auch ernst meine. »Die Viele-Wel­ten-Theo­rie?« Ich nicke. »Ein Mul­ti­ver­sal­ge­nie also, ver­stehe.«

Sie grinst spitz­bü­bisch, und in mein Lachen mischt sich das beklem­mende Gefühl, dass sich das Ken­nen­ler­nen zwi­schen ihr und mei­nem tra­gi­schen Phy­si­ker-Alter-Ego womög­lich ganz ähn­lich abge­spielt hätte. Ihr Leben wird jetzt in gänz­lich ande­ren Bah­nen ver­lau­fen. Viel­leicht kann ich ein wenig auf sie auf­pas­sen und zuse­hen, dass sie in gute Hände kommt.

»Sagen Sie, wol­len wir uns nicht duzen?«, fragt sie und ver­zieht das Gesicht bei ihrem letz­ten Schluck vom Kaf­fee. »Uäh, Boden­satz!«

Ich muss wie­der lachen. Sie stimmt mit ein und streckt mir ihre Hand hin: »Meine Freunde nen­nen mich Ria. Man­che – also die, die mich für eine Drama Queen hal­ten, die ich aber gar nicht bin – nen­nen mich Aria. Eigent­lich jedoch heiße ich, bitte nicht lachen!, Ari­adne.«

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The Many Ton­gues of Dust

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Ich betrete den Kor­ri­dor und errei­che eine wei­tere Gale­rie. Nun bin ich schon seit vie­len Näch­ten durch Kor­ri­dore gelau­fen und Wen­del­trep­pen hinab- und hin­auf­ge­stie­gen, ohne einen ein­zi­gen Biblio­the­kar zu fin­den. Meine Beine schmer­zen. Aber ich kann sehen, und das ist eine große Freude für mich: wie­der sehen zu kön­nen.

Was ich jedoch sehe, lässt mich schau­dern. Ich kenne die­sen Ort. Ich habe ihn erschaf­fen. Ich bin in meine eigene Erzäh­lung gera­ten, so unglaub­lich Ihnen das viel­leicht schei­nen mag. Viel­leicht ist dies das ganz per­sön­li­che Jen­seits jedes Men­schen: Er wird nach sei­nem Tod in sei­nen gran­dio­ses­ten und schreck­lichs­ten Gedan­ken ver­setzt.

Dies ist die Biblio­thek von Babel, wie ich sie in der gleich­na­mi­gen Erzäh­lung erdacht und in Worte gesetzt habe – aber es gibt hier keine Bücher mehr in den Rega­len, son­dern nur noch Staub. Manch­mal finde ich Reste von Ein­bän­den oder Fet­zen uralten, ver­gilb­ten Papiers, das zer­fällt, wenn ich es berühre. Sonst ist von den Büchern nichts mehr übrig. Die Borde sind leer. Dabei waren es unend­lich viele auf unend­lich vie­len Regal­bor­den in unend­lich vie­len durch Kor­ri­dore und Wen­del­trep­pen mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Gale­rien.

Ein Biblio­the­kar kommt mir ent­ge­gen und redet mich an. Wie bei allen, die ich traf, seit ich in der Biblio­thek bin, kom­men von sei­nen Lip­pen nur unver­ständ­li­che Laut­fol­gen. Ich ant­worte kurz, weiß aber schon, dass ihm meine Ant­wort genauso wirr erschei­nen wird. Anfangs hielt ich es für eine fremde Spra­che oder ein ver­ba­les Fin­ne­gans Wake, das aus inein­an­der­ge­schach­tel­ten Begrif­fen vie­ler Dut­zend Spra­chen besteht und von mir – wenn auch müh­sam – zu ent­schlüs­seln sein würde. Doch tat­säch­lich und gewis­ser­ma­ßen kon­se­quen­ter­weise schlägt mir hier nur ein chao­ti­sches Gebrab­bel ent­ge­gen, in dem ich bes­ten­falls mal ein ein­zel­nes ver­ständ­li­ches Wort höre, aber das ist dann blo­ßer Zufall oder gar rei­nes Wunsch­den­ken, denn es lässt sich kei­ner­lei Ver­stän­di­gung dar­auf auf­bauen.

Allen hier geht es so. Ich habe eine Gruppe von vier Biblio­the­ka­ren beob­ach­tet, die ver­zwei­felt auf­ein­an­der ein­re­de­ten, und sie schie­nen fas­sungs­los dar­über zu sein, dass kei­ner auch nur ein Wort des ande­ren ver­ste­hen konnte. Ein jun­ger Mann war unter ihnen, der ein Wams aus rotem Samt trug, und aus sei­nem Rede­schwall, der in etwa klang wie »… lworn Zaün­erbskg ahsr Ovj nrz­trzr frm Lpttofpr Yjfksl Ähstgp xöasglw …« und der­glei­chen, glaubte ich die Worte »somat­o­forme Schmerz­stö­rung« her­aus­zu­hö­ren. Ich ging zu ihm und wie­der­holte die Worte, doch er blickte mich nur ver­ständ­nis­los an.

Seit­dem irre ich allein durch die stau­bi­gen Hal­len, und die Hoff­nung mei­nes Her­zens zer­rinnt wie Sand zwi­schen den Fin­gern. Die buch­stäb­lich unzäh­li­gen Bücher, die es hier einst gab, ent­hiel­ten nur zufäl­lige, chao­ti­sche Buch­sta­ben­fol­gen – so habe ich es erson­nen und beschrie­ben. Und nun kann ich, der ich die Worte meine Welt genannt habe, mich hier nie­man­dem ver­ständ­lich machen und nie­man­des Geschichte lau­schen. Und da die Biblio­thek von Babel, so, wie ich sie in die Welt gesetzt habe, unend­lich groß ist, werde ich auch nie den Aus­gang fin­den kön­nen.

Des­halb wende ich mich in mei­ner Not an Sie, mein ima­gi­nä­res Gegen­über. Sie sind meine letzte Hoff­nung. Schrei­ben Sie mir eine neue Geschichte. Schrei­ben Sie mir eine neue Biblio­thek. Grei­fen Sie zur Feder und schaf­fen Sie mir ein neues Heim. Es muss nichts Beson­de­res sein, ich habe kei­ner­lei Ansprü­che und bin mit allem zufrie­den, wenn es nur nicht unend­lich ist.

Aller­dings ist meine Sorge, dass – wenn die­ses Ansin­nen, wenn die­ses Fle­hen Sie erreicht – Sie nur ein unver­ständ­li­ches Gebrab­bel ver­neh­men, zufäl­lige Sil­ben, alea­to­ri­sche Laut­fol­gen, denen sie kei­ner­lei Sinn ent­neh­men kön­nen. Selbst wenn Sie so etwas wie »somat­o­forme Schmerz­stö­rung« aus dem stot­tern­den Gel­alle her­aus­hö­ren soll­ten, das ich von mir zu geben scheine: Was soll­ten Sie damit schon anfan­gen kön­nen?

Oder – falls ich das Glück habe, dass Sie mich ver­ste­hen, und dar­auf fol­gend das noch viel grö­ßere Glück, dass Sie tat­säch­lich zur Feder grei­fen, um mir aus mei­ner ver­zwei­fel­ten Not­lage her­aus­zu­hel­fen – ist dann mög­li­cher­weise das, was Sie zu Papier brin­gen, nur ein Kau­der­welsch blind­lings und unzu­sam­men­hän­gend auf­ein­an­der­fol­gen­der Buch­sta­ben, Leer- und Satz­zei­chen, die in ihrer nack­ten Sinn­lo­sig­keit nichts bewir­ken kön­nen, außer dass sich das alles­ver­schlin­gende Rau­schen ver­stärkt, der über­mäch­tige Feind der Bedeu­tung, die darin zer­brö­selt, ihre Kon­tu­ren ver­liert und sich schließ­lich auf­löst, ohne eine Spur zu hin­ter­las­sen?

Ist das mein Schick­sal?

Ich weiß mir kei­nen Aus­weg mehr.

Das Para­dies habe ich mir immer als große Biblio­thek vor­ge­stellt, und jetzt sitze hier in einer der unzäh­li­gen Gale­rien in den pud­ri­gen Über­res­ten der unend­lich vie­len Bücher, die jetzt ein ein­zi­ges, gewal­ti­ges Buch aus Staub bil­den und damit nichts ande­res als das kon­tur­lose Rau­schen der Mate­rie.

Staub!

Das ist es! Ich schreibe ein­fach hier in den Staub, schreibe eine neue Erzäh­lung, schreibe mir einen neuen, einen son­nen­durch­flu­te­ten, glück­li­che­ren Ort! Der Aus­weg liegt auf der Hand, es ist ganz sim­pel. Mein Fin­ger zieht Linien in die graue, form­lose Schicht, die den Boden bedeckt. »… lworn Zaün­erbskg ahsr Ovj nrz­trzr frm Lpttofpr Yjfksl Ähstgp xöasglw …«

 

389/398

Pazzo – e alora?

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Ich betrete den Kor­ri­dor und höre Nr. 389 schon von wei­tem dozie­ren und lamen­tie­ren. Ein selt­sa­mer Insasse. Kei­ner weiß genau, wo er her­stammt. Er nennt sich Muzimi Ceril und faselt tag­ein, tag­aus etwas in einer frem­den Spra­che, die bis­her kei­ner von uns iden­ti­fi­zie­ren konnte. Ich glaube, eine Behand­lung hat der Chef längst auf­ge­ge­ben. Zumin­dest muss ich Nr. 389 nur noch sel­ten aus sei­ner Zelle holen und zu ihm brin­gen.

Ich ent­riegle die Essens­klappe und schiebe ihm sei­nen Napf hin. Sein runz­li­ges Gesicht erscheint in der Öff­nung und sieht mich mit wei­ten, irren Augen an, mur­melt Worte einer frem­den Spra­che. »Ich ver­stehe dich nicht. Kein Wort. Nie­mand hier ver­steht dich«, sage ich. Plötz­lich ver­zieht ein ver­schmitz­tes Lächeln sein Gesicht.

»Lin­gua ignota Hil­de­gar­dis«, sagt er hei­ser. Hil­de­gard? So ist es immer: Man glaubt etwas aus sei­nem Gebrab­bel her­aus­zu­hö­ren, aber dann wird es sofort wie­der unver­ständ­li­ches Kau­der­welsch.

Dann reicht er mir seine Zet­tel. Wie immer sind sie über­sät von win­zi­gen bun­ten Zeich­nun­gen, die über­aus eigen­ar­tige Maschi­nen zei­gen, mit Bema­ßun­gen und Anmer­kun­gen in einer unbe­kann­ten Schrift, womög­lich sei­ner Geheim­schrift. Er zwin­kert mir auf­mun­ternd zu. In sei­nem ver­dreh­ten Hirn scheint er die fixe Idee ent­wi­ckelt zu haben, dass ich nichts Bes­se­res zu tun habe, als in mei­ner Frei­zeit zu Hause seine Maschi­nen zu bauen, mit min­des­tens der irr­sin­ni­gen Exakt­heit, die aus sei­nen Bau­plä­nen spricht.

Ich nicke ihm freund­lich zu, und er lässt, offen­bar zufrie­den mit mei­ner Reak­tion, die Klappe her­un­ter­fal­len. Nr. 389 hat keine Ahnung, dass ich seine Zeich­nun­gen mei­nem Nef­fen Luigi gebe, einem Jour­na­lis­ten. Luigi Ser­a­fini, viel­leicht ken­nen Sie ihn. Er nennt das stän­dig anwach­sende Kon­vo­lut an wun­der­li­chen Bild­chen zärt­lich sei­nen Codex und lässt sich davon zu sei­nen Glos­sen über den Wahn­sinn des All­tags inspi­rie­ren, »La Fol­lia della Vita Quo­ti­diana«, kurz FdVQ, wie es in schö­ner Regel­mä­ßig­keit über der lin­ken Spalte auf der vor­letz­ten Seite der größ­ten ita­lie­ni­schen Tages­zei­tung heißt.

 

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Into Chal­len­ging Cir­cum­s­tances

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Wohin hat mich die Reise auf die Rück­seite der Zeit und zurück dies­mal geführt? Ich bin erschöpft und fühle mich leer und kraft­los. »Wir sind Wan­de­rer«, hatte Kte­phaim gesagt, als er mich in ihre Rei­hen auf­nahm. Aber irgend­wann braucht auch der kräf­tigste Wan­de­rer eine Rast.

Ich bin in einem Innen­raum mit Fens­tern. Von drau­ßen dringt ein bestän­di­ges Brau­sen und Rau­schen zu mir, und es huschen Lich­ter durch den Raum: Sie rasen zu bei­den Sei­ten an mir vor­bei, weiß auf der einen, rot auf der ande­ren Seite – ein Heer rasen­der Maschi­nen, hin­ter dem ich auf einer Seite im letz­ten Schein der unter­ge­gan­ge­nen Sonne Bäume erken­nen kann.

Obwohl mir der Lärm, die Lich­ter und die unzäh­li­gen an mir vor­beib­rau­sen­den Maschi­nen sehr fremd­ar­tig und furcht­ein­flö­ßend vor­kom­men, weiß ich auf eine selt­same Weise, dass das alles keine unmit­tel­bare Gefahr für mich dar­stellt. Begriffe kom­men mir in den Sinn, die mir die bizarre Sze­ne­rie erklä­ren, auch wenn ich nicht sagen könnte, woher: Die lär­men­den Maschi­nen sind Fahr­zeuge, zum Trans­port von Men­schen und Las­ten gedacht, und in genau so einer Maschine befinde ich mich hier, auch wenn diese hier still dasteht. Durch das größte der Fens­ter auf der Schmal­seite des Fahr­zeugs sehe ich wei­tere große Maschi­nen, Bau­ma­schi­nen – und Gestal­ten, die leuch­tende Klei­dung tra­gen und im Schein gro­ßer Lich­ter, die auf Stel­zen ste­hen, geheim­nis­vol­len Tätig­kei­ten nach­ge­hen.

Auf den Sit­zen vorne ent­de­cke ich eine zusam­men­ge­krümmte Gestalt, und noch bevor ich sie erkenne, durch­strömt mich ein Glücks­ge­fühl: Enra-daí! Sie blickt auf, als ich ihren Namen flüs­tere, wirkt ver­stört und ver­ängs­tigt, erkennt mich dann aller­dings.

»Criph? Du bist mir gefolgt. Aber wie kann das sein?«

Sie ist um kei­nen Tag geal­tert, seit wir uns das letzte Mal gese­hen haben. Ich bli­cke ihr in die Augen, die wil­den Augen, deren Blick mich in mei­ner Erin­ne­rung all die Jahre lang nie los­ge­las­sen hat.

»Wir sind gefan­gen«, erklärt sie mir, und ich sehe, dass sie geweint hat. »Man kann hin­durch­se­hen, aber es ist ein Gefäng­nis. Und da drau­ßen …« Sie umklam­mert meine Hand.

»Das ist Glas«, sage ich, »es schützt gegen Wind.«

Im Blick Enra-daís spie­gelt sich Unver­ständ­nis, als ich die Hand hebe und gegen eine der Schei­ben klopfe. »Dies ist ein Fahr­zeug, das Arbei­ter trans­por­tiert.«

Aber letzt­lich bin ich es, den sie ungläu­big anstarrt. »Was ist mit dir? Du bist älter, viel älter gewor­den. Du bist jetzt … kein Kind mehr!«

Ich nicke. »Seit wir uns das letzte Mal gese­hen haben, habe ich viele und weite Rei­sen unter­nom­men.«

Sie streicht mir sanft über die lange Narbe am Hals. »Muss­test du kämp­fen?« Enra-daí sieht mich vol­ler Mit­ge­fühl an. »Warst du oft auf der Rück­seite der Zeit?«, fragt sie. Meine Ant­wort, »etwa ein Dut­zend Mal«, macht sie einen Augen­blick lang sprach­los. Sie bemerkt, dass sie immer noch meine Hand umklam­mert, und lässt los. »Ich weiß von kei­nem Wan­de­rer, der so oft gereist wäre. Ich selbst bin sechs­mal gereist. Kämp­fen musste ich nie. Meist brauch­ten sie da eine Hei­le­rin. Jetzt aller­dings, glaube ich, hat mich die Kraft für die Rei­sen ver­las­sen – und das gerade hier im Hete­mit.«

»Hete­mit?«

»Glaubst du nicht, dass es das Reich von Ammit, der Toten­fres­se­rin, ist?«

Ich schüttle den Kopf: »Das hier ist eine« – mei­ner Zunge fällt die Aus­spra­che schwer – »Auto­bahn­bau­stelle. Und wir soll­ten hier ver­schwin­den, bevor wir ent­deckt wer­den.«

Genauso, wie mir auf rät­sel­hafte Weise Begriffe und Zusam­men­hänge ins Bewusst­sein kom­men, »erin­nere« ich mich auch daran, wie ich mit den Din­gen umge­hen kann: Ich öffne die Schie­be­tür des Klein­bus­ses. Enra-daí schreit auf und kau­ert sich zit­ternd zusam­men: Das Brau­sen der vor­über­ra­sen­den Autos erreicht uns jetzt unge­dämpft.

»Keine Angst. Sie blei­ben in ihrer Spur.« Ich fasse Enra-daí an der Hand und ziehe sie bis zur Bau­stel­len­ab­sper­rung, warte eine Lücke im Strom der Fahr­zeuge ab, und renne mit ihr zur ande­ren Seite. Ein Tank­last­zug don­nert auf uns zu und hupt. Doch wir sind schnel­ler.

Nach weni­gen Metern über­win­den wir einen Wild­zaun und tau­chen in den dunk­len Wald. Bald sind die Geräu­sche der Auto­bahn nur noch ein fer­nes Rau­schen. Enra-daí beru­higt sich. Auf einer Lich­tung blei­ben wir ste­hen. Im silb­ri­gen Licht der Sterne und der schma­len Mond­si­chel sieht sie wun­der­schön aus. Sie bemerkt mei­nen Blick.

»Eben warst du noch ein Junge, und jetzt …«

Ich packe sie an den Schul­tern und ziehe sie sanft zu mir hin. Wir küs­sen uns, inein­an­der ver­schlun­gen mit unse­ren Mün­dern, unse­ren Lei­bern, See­len und Leben. Ich bin heim­ge­kom­men.

»Criph …«, sagt sie schließ­lich und schmiegt sich an mich. Wie beglü­ckend es ist, sie im Arm hal­ten zu kön­nen!

»Wie … hast du mich gefun­den?«

Ich bli­cke ihr in die Augen. »Nicht ich. Das Schick­sal. Die Sehn­sucht. Hast du dich nie gefragt, wer oder was uns zu unse­ren Auf­ga­ben schickt?«

»Die Göt­ter«, meint sie mit erns­tem Blick.

Ich muss lächeln. »Viel­leicht sind wir es selbst, mit unse­rer Sehn­sucht.« Enra-daí ver­sucht, mein Lächeln zu erwi­dern, ver­steht aber offen­sicht­lich nicht, wovon ich rede. »Die Völ­ker, zu denen mich meine Reise geführt haben, sehn­ten sich nach etwas. Nach Ret­tung viel­leicht, oder nach Hei­lung, man­che nach Frei­heit oder Erkennt­nis.«

»Oder Glück.«

Ich nicke. »Und mehr als nach allem ande­ren sehnte ich mich nach dir.«

Ihr tre­ten die Trä­nen in die Augen. »Ich hatte noch gar nicht die Zeit, mich nach dir zu seh­nen.«

Ich muss wie­der lächeln, und mein Herz hüpft vor Freude, dass sie das sagt.

Wenig spä­ter lau­fen wir einen Wald­weg ent­lang, der durch gelbe Kreuze auf den Bäu­men gekenn­zeich­net ist. Enra-daí hält meine Hand, als ob sie mich nie mehr los­las­sen wollte.

»Was ist das für eine Welt? Du warst schon ein­mal hier?«

»Nein. Aber es ist, als würde ich mich an alles erin­nern, als würde ich das alles schon ken­nen. Es ist eigen­ar­tig.«

»Ich finde es beängs­ti­gend. Wer sol­che Maschi­nen baut, muss unge­heure Macht besit­zen – wie dein Volk, Criph, das so sei­nen Unter­gang her­auf­be­schwo­ren hat. Meinst du, die­ses Volk hier hat Sehn­sucht nach uns?«

Der Weg vor uns teilt sich. Ich folge dem mit den gel­ben Kreu­zen.

»Meinst du«, fragt sie wei­ter, »sie seh­nen sich nach Ret­tung oder Hei­lung? Und da haben die Göt­ter uns beide hier­her­ge­schickt?«

»Ich weiß es nicht. Viel­leicht hast du recht. Viel­leicht erwar­tet uns hier eine Auf­gabe, die wir nur gemein­sam bewäl­ti­gen kön­nen, eine Auf­gabe, die Kampf­geist und Für­sorge erfor­dert.«

Eine Weile gehen wir schwei­gend neben­ein­an­der her.

»Kampf­geist und Für­sorge«, wie­der­holt sie flüs­ternd.

»Die Wan­de­run­gen«, sage ich, »haben uns immer an den rich­ti­gen Ort gebracht. Auch wenn wir manch­mal nicht gleich wuss­ten, wel­che Auf­gabe uns erwar­tet.«

Sie nickt: »Weißt du es dies­mal?« Sie sieht ver­lo­ren aus, wäh­rend sie das sagt, und gleich­zei­tig unend­lich glück­lich.

»Zumin­dest«, sage ich, »weiß ich dies.« Und küsse sie.

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Sug­gested Hymn for Ever Ever Land

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und so wird es bis in alle Ewig­keit sein, denn ich bin in genau die­sem Moment des über die Schwelle Schrei­tens gefan­gen, als wäre es ein Foto. Die­ser ein­ge­fro­rene Augen­blick – die Hand an der Klinke, der linke Fuß in der Luft, der Blick nach vorn, meine Hoff­nung und Erwar­tung – wird für mich nie wie­der zu Ende sein.

Das gol­dene Buch Got­tes gibt es wirk­lich. Ich erfuhr das alles nach mei­nem Able­ben: Darin ver­zeich­net er nicht etwa die guten und die schlech­ten Taten aus dem Leben sei­ner Geschöpfe, son­dern jeweils nur einen ein­zi­gen Moment.

Wenn ich alles rich­tig ver­stan­den habe, dann behält Gott, nach­dem in die­ser Ver­sion sei­ner Schöp­fung alle Mög­lich­kei­ten durch­ge­spielt sind, am Ende von allem etwas als Sou­ve­nir zurück: Was bleibt, ist eine Art kos­mi­sche Schnee­ku­gel, in der all diese win­zi­gen per­fek­ten Augen­bli­cke wie in Form­alde­hyd oder bes­ser noch wie in Gieß­harz für immer auf­be­wahrt sind – von jedem von uns der ulti­ma­tive Kul­mi­na­ti­ons­punkt eines Daseins, das spe­zi­elle Zeit­frak­tal, in dem ein Bewusst­sein hell auf­ge­blitzt ist und sich kurz voll­kom­men ent­fal­tet hat.

Das mag ganz groß­ar­tig klin­gen, nur lei­der han­delt es sich – musste ich sozu­sa­gen am eige­nen Leib erfah­ren – offen­bar nicht unbe­dingt um die Augen­bli­cke unse­res Lebens, von denen wir hof­fen oder auch nur glau­ben, sie kämen dafür infrage. Im Gegen­teil: Oft ist es ein Moment, der uns im Vor­bei­le­ben gar nicht beson­ders auf­ge­fal­len ist und den wir – wenn wir uns über­haupt an ihn erin­nern – ziem­lich uner­heb­lich fin­den wür­den.

Ich betrete den Kor­ri­dor. Und so wird es immer sein – ein ver­stei­ner­ter, immer­wäh­ren­der Augen­blick. Aber warum nur bin ich in die­sem Moment gefan­gen? Warum ist es nicht der Kuss des Gelieb­ten auf mei­nen Lip­pen, der Anblick des ster­nen­über­sä­ten Him­mels, den ein auf­schim­mern­der Meteor durch­kreuzt, oder auch nur der herz­hafte Biss in einen rei­fen Apfel? Nein. Ich betrete den Kor­ri­dor. Dies ist – nach dem Rat­schluss des Höchs­ten – mein Moment. Mein ewi­ger Moment. Ich betrete den Kor­ri­dor.

Viel­leicht sollte ich mich nicht bekla­gen. Ich habe es noch ganz gut getrof­fen und muss nicht eine Ewig­keit mit Zahn­schmer­zen, zwi­schen unge­wa­sche­nen U‑Bahn-Fahr­gäs­ten, wäh­rend des Pickel­aus­drü­ckens oder beim Prok­to­lo­gen ver­brin­gen.

Ewig – da kann einem die Zeit echt lang wer­den. Bes­ser ist’s, ich akzep­tiere die mir zuge­dachte Rolle und mache das Beste draus. Habe ich eine Wahl? Nein. Also!

Ich betrete den Kor­ri­dor.

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Caro autem infirma

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»Ich betrete den Kor­ri­dor aus wir­beln­den Ster­nen und Gala­xien, der mir einen kur­zen Blick in das Mul­ti­ver­sum gestat­tet, bevor mich ein gewal­ti­ger Sog zu Boden reißt und mir die Luft abschnürt.«

Viel­leicht kommt Ihnen das bekannt vor. So habe ich meine Reise hier­her beschrie­ben, und bis dahin stimmt es auch. Aber alles danach …

Ich brachte es ein­fach nicht übers Herz. Ich konnte es nicht, beim bes­ten Wil­len nicht: den jun­gen Phy­si­ker, der vor lau­ter Über­mut aufs Eis hin­aus­schlid­derte, ster­ben las­sen. Von Ferne beob­ach­tete ich ihn und dann die junge Jog­ge­rin, die ihn unter Lebens­ge­fahr aus dem Was­ser zog und wie­der­be­lebte.

Noch nie im Leben habe ich mich so elend gefühlt. Alle habe ich ver­ra­ten. Den Mör­der, der sich nichts sehn­li­cher wünschte, als dass ich sein jün­ge­res Alter Ego ster­ben lasse, damit es nicht die Welt in den Unter­gang reißt. Albo, den ich ange­lo­gen und ohne ein Wort des Abschieds zurück­ge­las­sen habe in sei­ner Welt – ver­mut­lich ernst­haft ver­stört, weil ich zusam­men mit mei­ner Katze unter den Augen einer Über­wa­chungs­ka­mera plötz­lich spur­los ver­schwun­den bin. Und mich, der ich hoffte, mit mei­ner Reise hier­her etwas Bedeu­ten­des tun und neu anfan­gen zu kön­nen: als Pri­vat­ge­lehr­ter, der sich den Lebens­abend ganz nach Gut­dün­ken aus­ge­stal­ten kann – immer in dem Wis­sen, die Mensch­heit vor der Ver­nich­tung bewahrt zu haben, auch wenn es kei­ner ahnt.

Das ist jetzt alles vier, fünf Jahre her. Ich lebe auf der Straße, bin regel­mä­ßi­ger Gast in der Sup­pen­kü­che. Was ich besitze, passt in eine Plas­tik­tüte. Plu­ra­belle ist mir weg­ge­lau­fen. Zu den Pfer­de­ren­nen bin ich nicht hin­ge­gan­gen – der Mör­der hatte mir alles auf­ge­schrie­ben, und ich hätte am Tota­li­sa­tor ein Ver­mö­gen machen kön­nen, mit Schia­pa­relli, Dis­kre­tion und wie sie alle hei­ßen. Doch ich konnte es nicht, genauso wenig wie eine fremde Iden­ti­tät anneh­men. Ich bin in der Gosse gelan­det.

Immer und immer wie­der stelle ich mir vor, ich hätte den Schneid beses­sen, die Jog­ge­rin auf­zu­hal­ten. Oder dass es zumin­dest in allen ande­ren par­al­le­len Wel­ten so pas­siert ist. Was aber nichts daran ändert, dass der junge Phy­si­ker hier, sozu­sa­gen direkt vor mei­nen Augen, unge­hin­dert sei­nen Gene­ra­tor bauen konnte.

Ja, ich bin dort gewe­sen, bin um den Lager­schup­pen, den er ange­mie­tet hat, her­um­ge­schli­chen, habe ihn beob­ach­tet. Ich wollte ein Feuer legen, aber selbst dazu hatte ich nicht den Mut, weil ich Angst hatte, es könn­ten ihn da gerade zufäl­lig seine Frau mit den Zwil­lin­gen, Magnus und Dig­nus, besu­chen kom­men. Präch­tige Jungs, die bei­den, stroh­blond, quir­lig und kaum im Zaum zu hal­ten – die Kin­der, die ich hätte in die Welt set­zen kön­nen, wenn alles anders gelau­fen wäre, von vorn­her­ein anders.

Es ist nicht mehr lang hin, dann legt er den Schal­ter um und star­tet den Test­be­trieb. Ich sollte mich mit einem Pla­kat auf den Pots­da­mer Platz stel­len: »Das Ende der Welt ist nah!« Dafür wäre ich genau der Rich­tige: ein alter, stin­ken­der Pen­ner mit strup­pi­gem Bart und einer Fla­sche bil­li­gen Fusels in der Hand.

Er wird vol­ler Hoff­nung seine geniale Erfin­dung anschal­ten, und sie wird die halbe Gala­xis zer­trüm­mern, eine Hälfte sei­nes Gesichts zer­stö­ren und ihn in eine andere Welt schleu­dern. Dort wird er ver­zwei­felt nach einem Weg suchen, sei­nen Feh­ler unge­sche­hen zu machen, Morde dafür bege­hen, sich fünf­zig Schreib­ma­schi­nen besor­gen … Und das alles, ohne zu wis­sen, dass eigent­lich ich schuld bin, nicht er, denn ich Unglück­se­li­ger hatte es in der Hand, die Kata­stro­phe zu ver­hin­dern!

Wenn ich Papier finde auf der Straße oder in den Müll­ei­mern, dann kritzle ich kleine Texte und Geschich­ten dar­auf. Sie begin­nen alle mit »Ich betrete den Kor­ri­dor«. Manch­mal passt nicht mehr drauf als der erste Satz. Auch gut. Oder ich erin­nere mich nicht genau, obwohl ich sie so oft gele­sen habe. Dann schreibe ich neue. Wie die­sen Text hier auf eine Rolle Fax­pa­pier. Ich werde ihn wie die ande­ren in der Stadt ver­tei­len, an Lit­fass­säu­len und Fahr­rad­stän­der hef­ten und in die Sei­ten­fens­ter von Kios­ken ste­cken oder in die Zei­tun­gen auf den Stän­dern.

Aber auch das kann nichts mehr ändern. Ich habe ver­sagt. Er, der andere, der Phy­si­ker – ich habe ihm auch solch einen Zet­tel unter die Schei­ben­wi­scher sei­nes Autos geklemmt, doch er hat ihn ein­fach fort­ge­wor­fen.

Der Mör­der hat mir damals, in mei­ner Welt, als noch nicht alles ver­lo­ren war, erzählt, warum er sei­nen Gene­ra­tor gerade an die­sem Tag in Gang gebracht hat: »Na ja, alle spra­chen vom Ende der Welt und dass die Maya es gewusst hät­ten, und da dachte ich, mach ich’s an genau die­sem besag­ten und besun­ge­nen 21. Dezem­ber 2012. Denn wenn der unwahr­schein­li­che Fall ein­tritt, dass ich damit die Welt ver­nichte, fällt das an dem Tag viel­leicht nicht so auf.« Dann hat er gelacht.

Ich kann dar­über nicht lachen, nicht ein­mal bit­ter. Immer und immer wie­der schreibe ich des­halb auf, wie es hätte kom­men kön­nen, wenn ich die Jog­ge­rin auf­ge­hal­ten hätte, in der Hoff­nung, dass es irgendwo Wirk­lich­keit wird und nicht ein gan­zer Spi­ral­arm unse­rer Milch­straße von einem Augen­blick zum ande­ren ver­dampft.

Ande­rer­seits hat ja schon Anfang des 14. Jahr­hun­derts, habe ich irgendwo gele­sen, der Logi­ker und Erfin­der des Com­pu­ters Ramon Llull bewie­sen, dass die Welt nicht ewig dau­ern kann, son­dern irgend­wann enden muss.

Oder viel­leicht, rede ich mir ein, ist es ja auch gut, dass die Schöp­fung sich auf­löst! Ist sie viel­leicht der laby­rin­thi­sche Fie­ber­traum eines Got­tes, der vor Ein­sam­keit wahn­sin­nig gewor­den ist, und erst wenn sie ver­geht, kann er aus sei­nem unru­hi­gen Schlaf erwa­chen?

Ja, irgend­wie bin ich zum Mys­ti­ker gewor­den. Ver­rückt, nicht? Aber auch irgend­wie pas­send. Manch­mal, wenn ich genü­gend trinke, kann ich daran glau­ben: dass das alles nicht wahr ist. Dass irgendwo ein klü­ge­res Alter Ego von mir einen Weg gefun­den hat, die end­lo­sen Wie­der­ho­lun­gen des Irr­sinns ein für alle Mal zu unter­bre­chen. Oder beginnt immer wie­der alles von vorn, und es liegt wie­der ein blu­ti­ges Men­schen­herz in einem Kor­ri­dor auf einem Sta­pel von fünf­zig Geschich­ten?

In zwei Wochen wird es sich her­aus­stel­len. Auch wenn Sie und ich nie davon erfah­ren wer­den. Ver­mut­lich haben wir, wenn die Welt unter­geht, auch wirk­lich andere Sor­gen. Tut mir leid, Sie mit all­dem beläs­tigt zu haben. Wie hat mal jemand in den Kor­ri­do­ren gesagt? Machen Sie sich bis dahin ein­fach eine schöne Zeit!