Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Das Titelbild zeigt das Porträt eines Mannes vor einer kargen, felsigen Marslandschaft mit einem großen Mond am Himmel. Oben rechts ist eine Art grünes Notausgangsschild eingeblendet. Im Sand liegt ein Schlüssel, dessen Anhänger die Nummer 27 trägt.

♫ Mare Chronium––Contemplating ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, das Tablett mit den zwei Mahl­zei­ten in der Hand. Es ist Coq au Vin und duf­tet köst­lich.

Unser Gast möchte, dass ich um fünf Minu­ten nach Mit­ter­nacht ser­viere. Es ist ein net­ter älte­rer Herr mit grauen Bart­stop­peln, der bereits alles im Vor­aus bezahlt hat. »K. K. Kori­an­der« hat er auf den Mel­de­zet­tel geschrie­ben und sich gleich mehr­fach ver­si­chert, dass die Rezep­tion in unse­rem klei­nen Land­ho­tel auch wirk­lich rund um die Uhr besetzt und der Zim­mer­ser­vice abso­lut pünkt­lich ist. Die nächt­li­che Rezep­tio­nis­tin und der Zim­mer­ser­vice, das bin ich, und es ist genau fünf nach Mit­ter­nacht. Ich klopfe an die Tür von Zim­mer Nr. 27.

Die Tür öff­net sich: »Kom­men Sie her­ein. Das riecht ja köst­lich.« Herr Kori­an­der ist nicht allein. Es sitzt ein jun­ger Mann dort, viel­leicht drei­ßig Jahre alt. Er trägt einen Anzug, und sein Haar ist ein wenig ver­strub­belt.

Herr Kori­an­der weist auf den Tisch. Ich stelle ihnen die Tel­ler hin, lege Besteck und Ser­vi­et­ten hinzu und gieße zwei Glä­ser stil­les Tafel­was­ser ein. Der junge Mann lächelt mir zu. Mir ist etwas selt­sam zumute. Wie ist er hier her­ein­ge­kom­men? Ich stand doch die ganze Zeit an der Rezep­tion. Oder kam er gerade in den Minu­ten, in denen ich in der Küche war und den Coq au vin holte?

»Blei­ben Sie bitte«, meint Herr Kori­an­der zu mir, »falls wir noch etwas benö­ti­gen soll­ten.« Ich nicke und trete neben das Bett. Sollte um diese Zeit uner­war­te­ter­weise jemand etwas von mir wol­len, gibt es dafür einen Ruf­knopf an der Rezep­tion.

Die bei­den Män­ner pros­ten sich mit dem Was­ser zu, und wäh­rend sich der junge Mann heiß­hung­rig auf sein Hähn­chen stürzt, stellt ihm der ältere Fra­gen. Sie unter­hal­ten sich auf Eng­lisch, und Herr Kori­an­ders Gast ist offen­bar Ame­ri­ka­ner. Es geht, soweit ich das ver­stehe, um den Mars und irgend­wel­che Lebe­we­sen dort.

»Tweerl?«, fragt Herr Kori­an­der, oder zumin­dest klingt es so. Der junge Mann lacht und meint, Men­schen kön­nen das nicht aus­spre­chen, also er selbst auch nicht. Herr Kori­an­der jeden­falls ist ganz inter­es­siert an etwas, dass er nicht-mensch­li­ches Bewusst­sein nennt. Es ist sehr selt­sam, was die bei­den da reden – der junge Mann, der immer wie­der fer­tig­kaut und schluckt, bevor er ant­wor­tet, und Herr Kori­an­der, der über­haupt nicht isst, son­dern sich in ein klei­nes Büch­lein Noti­zen macht.

Sie reden über das Wesen mit dem unaus­sprech­li­chen Namen, als stünde es im Raum. Herr Kori­an­der will wis­sen, wie es sich ent­wi­ckeln konnte und was mit den ande­ren »Thots« ist. Ich bin ganz ver­wirrt, denn einer­seits schei­nen sie über eine Art Vogel zu reden – »beak« heißt doch »Schna­bel«, oder? –, ande­rer­seits über einen ägyp­ti­schen Gott, der den alten Ägyp­tern das Schrei­ben und Lesen bei­gebracht haben soll.

Der junge Mann wirft den letz­ten abge­nag­ten Kno­chen zurück auf den Tel­ler und wischt sich die Hände an der Ser­vi­ette.

»Ich hätte gerne noch über die Venus mit Ihnen gespro­chen«, meint Herr Kori­an­der bedau­ernd, »und die intel­li­gen­ten Pflan­zen dort.« Mir scheint ziem­lich ver­schro­ben, über was die bei­den sich da mit­ten in der Nacht unter­hal­ten. Der junge Mann zuckt mit den Schul­tern. »Yum­mie«, sagt er und wischt sich über die Lip­pen, was wohl hei­ßen soll, dass es ihm geschmeckt hat.

Herr Kori­an­der wen­det sich mir zu: »Wir sind dann fer­tig. Sie kön­nen abräu­men.« Das tue ich. Das Was­ser lasse ich ihnen ste­hen.

Eigen­ar­tig, denke ich, als ich mit unse­rem alters­chwa­chen Auf­zug nach unten fahre. »Tweerl« geht mir noch ein­mal durch den Kopf. Was immer es ist, es muss ein sehr eigen­ar­ti­ges Wesen sein, das ganz anders denkt als nor­male Men­schen. Aber nor­male Men­schen waren das ja nicht gerade, die bei­den.

Kurze Zeit spä­ter tritt Herr Kori­an­der zu mir an den Coun­ter und gibt mir sei­nen Zim­mer­schlüs­sel. »Möch­ten Sie noch aus­ge­hen?«, frage ich ver­wirrt, denn hier im Dorf liegt um diese Zeit alles im tie­fen Schlaf. Doch Herr Kori­an­der möchte aus­che­cken. Er legt mir ein groß­zü­gi­ges Trink­geld hin. Ich bedanke mich und bli­cke ihm ver­wun­dert hin­ter­her. Es ist kurz nach eins in der Nacht.

Und erst dann fällt mir der junge Ame­ri­ka­ner ein. Aber irgend­wie weiß ich schon, dass er nicht mehr im Hotel ist. Er wird auf die glei­che Weise ver­schwun­den sein, wie er auf­ge­taucht ist.

Der Coq au vin, den Herr Kori­an­der nicht ange­rührt hatte, schmeckt jeden­falls auch kalt noch über­aus köst­lich.

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Das Titelbild zeigt einen bunt bemalten Wegweiser mit Schildern in alle Richtungen vor einem kunstvoll verzierten Torbogen in einem historischen Gebäude. Ein digitaler Button in der oberen linken Ecke zeigt das Piktogramm eines sich drehenden Derwischs.

♫ Meta­phras­tes ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Zel­len. Eine große Ehre! – was habe ich gebe­ten, gebet­telt und gebe­tet, ein­mal die Chance zu bekom­men, mit den alten Meis­ter­poe­ten zu spre­chen, ihren Rat ein­zu­ho­len, von ihrer Weis­heit zu pro­fi­tie­ren? Nun end­lich, nach lan­gen Ver­hand­lun­gen, wird mir der Zutritt zum Aka­sha-Palast gewährt. Hier wer­den nicht nur ihre zeit­lo­sen Werke sicher ver­wahrt, hier lebt eben­falls ihre dama­lige Per­sön­lich­keit in immer­wäh­ren­der Sicher­heits­ver­wah­rung fort. Nichts ver­geht, auch nicht der Geist unse­rer Ahnen, die uns Rede und Ant­wort ste­hen, falls wir denn den Weg zu ihnen fin­den.

Man hat mich in den Kor­ri­dor der Dich­ter gelas­sen – einen eige­nen für Kurz­pro­sa­tex­ter gibt es nicht – und wer sich von ihnen nicht nur auf Lyrik beschränkt hat, des­sen Zelle öff­net sich schät­zungs­weise noch zu ande­ren Kor­ri­do­ren hin: Tra­gö­dien, epi­sche Dich­tung, Komö­dien, Chor­ly­rik, astro­lo­gi­sche Deu­tun­gen …

Aber das ist nur eine Ver­mu­tung, keine Gewiss­heit. Die Wäch­ter hier sind nicht sehr aus­kunfts­freu­dig. Jeden­falls scheint das Auf­nah­me­kri­te­rium für die Insas­sen der Kuss einer Muse zu sein. Hier also wohl der von Euterpe. Ich lese auf den Schild­chen an den Türen Namen wie Mil­ton, Dante, Bolo, Orpheus, Neid­hart, Brant, Shiki, Bukow­ski, Ver­gil, Yeats, Tyr­taios, Tao Yuan­ming und viele, die ich noch nie gehört habe. Euterpe war flei­ßig. Oder war es Erato?

Wen soll ich hier befra­gen? Man lässt mir nicht viel Zeit. Ich darf einem der Dich­ter hin­ter den schwe­ren Boh­len­tü­ren eine Frage stel­len. Jahre, Jahr­zehnte habe ich über diese eine Frage nach­den­ken kön­nen. Ich kenne sie in- und aus­wen­dig. Es ist die Frage, der Schlüs­sel zur Ant­wort hin­ter allen Ant­wor­ten.

Der Wäch­ter wirkt bereits unge­dul­dig. Aus der Zelle Bukow­skis scheint ein Heu­len zu drin­gen, aber viel­leicht ist es auch der Wind der Zeit, der sich in die­sen end­lo­sen ver­schlun­ge­nen Kor­ri­do­ren gefan­gen hat. Mein Blick fällt auf den Namens­zug Rumi. Ja! Er soll es sein! Er wird die Ant­wort wis­sen und sie mir gerne sagen. Inner­lich jubi­liere ich, als ich die kleine Holz­platte in der Tür zur Seite schiebe. Ja, wer könne mir bes­ser Aus­kunft geben als der per­si­sche Meis­ter­poet und Visio­när der mys­ti­schen Lie­bes- und Got­tesek­stase!

»Dscha­la­lud­din?«, rufe ich ins Dun­kel sei­ner Zelle. Undeut­lich sehe ich dort einen Mann mit einer tur­ba­n­um­kränz­ten Der­wisch­mütze, der sich mit aus­ge­brei­te­ten Armen auf der Stelle dreht. Er strahlt, jen­seits aller denk­ba­ren Worte, eine unend­li­che Ruhe dabei aus, und gleich­zei­tig dringt mir eine unsäg­li­che Freude, die in schim­mern­den Spi­ra­len von ihm aus­geht, tief ins Herz.

Ich weiß nicht, ob ich einen Atem­zug lang dort stand oder eine Ewig­keit ver­ging. Die Hand des Wäch­ters schiebt die kleine Holz­pforte zu Rumis Zelle zu. Er gelei­tet mich zurück. Als ich end­lich wie­der im Freien stehe und der Wäch­ter die Tore des Palasts hin­ter sich geschlos­sen hat, beginne ich mich zu dre­hen, lang­sam um meine Achse, mit aus­ge­brei­te­ten Armen.

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Das Titelbild zeigt eine schwarze Maus oder Ratte auf einem Labyrinth, das auch die Wände bedeckt. Hinter ihr schweben weiße, geistartige Artgenossen.

♫ Keep the Focus ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor aus ver­schieb­ba­ren Plas­tik­wän­den. Die For­scher star­ten ihre Stopp­uhr. Sie wol­len tes­ten, ob ich etwas weiß, was ich eigent­lich nicht wis­sen kann: ob sich aus den Lern­erfah­run­gen ein­zel­ner Indi­vi­duen soge­nannte mor­phi­sche Fel­der bil­den, auf die andere Indi­vi­duen der­sel­ben Spe­zies Zugriff haben.

Ich für mei­nen Teil kenne den Weg durch die­sen Irr­gar­ten nicht. Aber vor mir sind unzäh­lige andere Rat­ten so lange hin­durch­ge­irrt, bis sie sich die kür­zeste Route zum Fut­ter mer­ken konn­ten. Einige von ihnen sind inzwi­schen tot und seziert – sie beglei­ten mich unsicht­bar mit ihren Kennt­nis­sen, hel­fen ihrem unwis­sen­den Genos­sen, geben mir Impulse ein, hier rechts, dort links zu lau­fen oder Abzwei­gun­gen zu igno­rie­ren.

Am Ziel des Par­cours lasse ich mir das Dosen­fleisch schme­cken, die Beloh­nung für mich, wäh­rend die For­scher ihr Ergeb­nis in eine Tabelle ein­tra­gen.

Alle Lebe­we­sen haben Ahnen, die ihnen hel­fen. Auch die For­scher. Nur dass diese, ähn­lich wie sie ihre unbe­haar­ten Kör­per mit Fel­len und Stof­fen vor Aus­küh­lung bewah­ren müs­sen, auch alle Ahnun­gen von sich fern­hal­ten. Wahr­schein­lich hat sich ihr Gehirn zu dem Zweck so sehr auf­ge­bläht, dass kei­ner die­ser schwa­chen Impulse mehr ins emp­find­same Innere drin­gen kann.

So gehen sie oft und immer wie­der in die Irre, bevor sie, wenn sie viel Glück haben, ans Ziel ihrer Wün­sche gelan­gen.

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Das Titelbild zeigt vier Frauen in traditioneller chinesischer Kleidung, die in einem Raum mit verzierten Holzgittern und bemalten Blumenwänden um einen Kinderwagen herum stehen. Eine riesige Ratte beobachtet sie.

♫ Jiǎ Píy­ǐn­gxì ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der ein­mal ein Abluft­rohr gewe­sen ist, um zum mehr­stö­cki­gen Ein­kaufs­vier­tel zu gelan­gen, das wir ins Tai He Dian, in die Halle der Höchs­ten Har­mo­nie, gebaut haben. Hier leben, auf viele Ebe­nen ver­teilt, Mil­lio­nen von uns. Die jun­gen Men­schen hier in den Stra­ßen und auf den geschwun­ge­nen Brü­cken sehen mich mit einer gewis­sen Ehr­furcht an: ein Greis. Sie mögen ahnen, dass ich ein Relikt bin und zur aller­ers­ten Gene­ra­tion der Neuen Chi­ne­sen gehöre, den Pio­nie­ren des Gro­ßen Umbaus. Der Gedanke, die Ver­bo­tene Stadt könne Platz für knapp drei Mil­li­ar­den von uns bie­ten, rückte damals in den Bereich der tech­ni­schen Umsetz­bar­keit, und tat­säch­lich gehörte ich damals zu den Wis­sen­schaft­lern, die dem Natio­na­len Volks­kon­gress vor­schlu­gen, unser Volk zu ver­klei­nern, um die Res­sour­cen unse­res Kon­ti­nents zu scho­nen und unse­rem Volk eine lange und glück­li­che Zukunft im Wohl­stand zu ermög­li­chen.

Auch wenn wir das Pro­jekt eines Neuen China mit gro­ßem Ernst und akri­bi­scher Sorg­falt zu Ende gebracht haben, bin ich heute nicht mehr sicher, ob die groß­an­ge­legte Minia­tu­ri­sie­rung eine gute Idee war. Zwar ver­brau­chen wir jetzt – nur noch ein Drei­ßigs­tel unse­rer ursprüng­li­chen Größe mes­send – nicht mehr als knapp ein Hun­derts­tel der vor­he­ri­gen Res­sour­cen. Den­noch ist unser Plan, mit gutem Bei­spiel vor­an­zu­ge­hen und zum ehren­haf­ten Vor­bild für die ande­ren Völ­ker der Welt zu wer­den, nicht auf­ge­gan­gen. Aus dem Rie­sen­reich China haben wir, wenn auch mit den ehren­haf­tes­ten Absich­ten, ein Zwer­gen­reich gemacht. Ein­mal ganz abge­se­hen von dem Rat­ten­pro­blem, das wir, auch wenn es ver­tuscht wird, hier in der Ver­bo­te­nen Stadt haben und vor dem uns auch nicht unsere 13844 anti­ken geschnitz­ten Dra­chen bewah­ren: Nicht nur, dass sich kein ande­res Land unse­rem Gemein­sa­men Marsch Zur Wah­ren Größe anschlie­ßen mochte – man ach­tet uns nicht mehr und nimmt uns nicht mehr für voll. In den Augen der Welt sind wir Chi­ne­sen zu einem unbe­deu­ten­den und bes­ten­falls nied­li­chen Kurio­sum geschrumpft.

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Das Titelbild zeigt einen verwunschenen, von Pflanzen überwucherten Pfad zwischen alten Steinmauern mit einem bunten Papagei auf einem Ast rechts. Ein digitaler Button links unten zeigt einen Papierkorb.

♫ On a Secret Trail ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der zu einem der Tem­pel in der Pirá­mide del Adi­vino in Uxmal führt. Die Maya waren groß­ar­tige Bau­meis­ter, aber letzt­lich wurde ihnen ihr Erfolg zum Ver­häng­nis: Eine mehr­jäh­rige Dürre zwang ihre stark ange­wach­sene Bevöl­ke­rung trotz aus­ge­klü­gel­ter Bewäs­se­rungs­sys­teme in die Knie. Sie hin­ter­lie­ßen präch­tige Bau­ten und einen kom­ple­xen Kalen­der, der – so mei­nen man­che – das Ende unse­rer Welt für den 21. Dezem­ber 2012 vor­her­sagt.

Eigent­lich bekomme ich Panik­at­ta­cken in engen Flu­ren und Durch­gän­gen, doch seit ich die Halb­in­sel Yuca­tán betre­ten habe, über­fal­len mich Erin­ne­run­gen an selt­same, lang­ver­gan­gene Ereig­nisse, kom­men mir die Rui­nen vor, als würde ich sie in ihrem ursprüng­li­chen Zustand ken­nen – diese Innen­räume hier erzeu­gen kein Unbe­ha­gen bei mir, son­dern zie­hen mich im Gegen­teil wie magisch an.

Habe ich meine läs­tige Klaus­tro­pho­bie ver­lo­ren, die ich in einer Art Selbst­be­hand­lung mit einem Blog zu bekämp­fen ver­su­che? Nein, ein Rest Panik ist noch da. Aber es zeich­net sich eine deut­li­che Bes­se­rung ab, und die Bestre­bun­gen, meine Ängste zu meis­tern, schei­nen schon erste Erfolge zu zei­ti­gen. Ich gebe mir noch genau ein Jahr! Dann wird, beschließe ich spon­tan noch vor Ort im Tem­pel­kor­ri­dor von Uxmal, die Welt enden – zumin­dest die mei­nes klei­nen The­ra­pie-Blogs, das ich an genau die­sem Tag rigo­ros löschen werde als Zei­chen dafür, dass ich es jetzt mit den Kor­ri­do­ren in naturam auf­neh­men kann, den leib­haf­ti­gen aus Stein, Metall, Holz und Glas. Wäh­rend dann ein gan­zes Uni­ver­sum ech­ter Kor­ri­dore auf mich war­tet, wird eine Welt aus­ge­dach­ter Kor­ri­dore auf einen Schlag der Ver­nich­tung anheim­fal­len. Als ob die Maya es vor­her­ge­ahnt hät­ten …

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Das Titelbild zeigt zwei Männer in Anzügen in einem altmodischen Raum mit Teppichboden, einem Schreibtisch, zwei altertümlichen Fernsehern auf einem Ständer und zwei gerahmten Bildern an der Wand.

♫ Hello Folly! ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist immer ein lan­ger Auf­stieg zum Ely­sium, auch an die­sem Hei­lig­abend 1930 A. D. End­lich komme ich oben an. Wie jedes Jahr erstatte ich dem Schöp­fer Bericht.

Erwar­tungs­voll sieht er mich an: »Nun?« – »Sie haben deine War­nung miss­ach­tet, vom Baum der Erkennt­nis geges­sen und den Gar­ten Eden ver­las­sen.« – »Ich weiß, ich weiß. Fang nicht immer bei Adam und Eva an.« – »Sie füh­ren grau­same Kriege in dei­nem Namen, beu­ten in unver­ant­wort­li­cher Weise die ihnen anver­traute Schöp­fung aus und ver­hal­ten sich auf gera­dezu got­tes­läs­ter­li­che Weise kurz­sich­tig, eng­her­zig und klein­geis­tig.« – »Du bist mir ein rech­ter Advo­ca­tus dia­boli. Das alles ist mir schmerz­lich bewusst.«

»Ich finde jeden­falls, sie haben Strafe ver­dient. Darf ich sie … ins Höl­len­feuer wer­fen?«, frage ich lau­ernd und wische mir einen Spei­chel­fa­den aus dem Mund­win­kel. »Nicht nötig. Das wer­den sie sich in weni­gen Jah­ren wie­der selbst berei­ten.« – »Ein wei­te­rer Welt­krieg? Hm. Darf ich dann wenigs­tens … ihren Geist noch mehr ver­wir­ren, auf dass sie nicht nur mit Dumm­heit, son­dern mit Wahn­sinn geschla­gen sind?«, frage ich und ver­su­che, dabei nicht allzu gei­fernd zu wir­ken. »Auch das wer­den sie selbst erle­di­gen: Gerade eben haben sie das Fern­se­hen erfun­den.«

»Das Fern­se­hen? Ach. Hm. Darf ich …? Wäre es mög­lich …? Mit mei­nem bösen Blick viel­leicht …«, stot­tere ich, scharre ner­vös mit dem Pfer­de­fuß und ärgere mich über mich selbst, dass es mir ein­fach nicht gelin­gen will, sou­ve­rä­ner und über­zeu­gen­der auf­zu­tre­ten. »Du wirst sie ein­fach wei­ter­hin beob­ach­ten, mein Lie­ber.« – »Aber wozu?« – »Weil du noch viel ler­nen musst.«

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Das Titelbild zeigt einen Blick aus einem labyrinthartigen Steinbauwerk nach oben auf einen angreifenden Adler mit ausgebreiteten Flügeln und gespreizten Krallen vor blauem Himmel mit Wolken und weiteren Vögeln.

♫ Nir­bas Hunt Lashlarms (Exc) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Irgend­wie glaube ich, dass mich die Insel­be­woh­ner los­wer­den wol­len, und bin auf der Hut. Sie mögen meine gro­ßen Ohren nicht und die stäm­mi­gen Beine, meine Anders­ar­tig­keit, ver­mute ich. Schmuck­lose, grob ver­putzte Stein­wände zu bei­den Sei­ten, und da es kein Dach gibt, scheint die Sonne her­ein: Prü­fend lasse ich mei­nen Blick umher­schwei­fen. Erwar­tet mich eine Fall­grube? Wer­den Speere, aus­ge­löst durch meine Schritte, aus den Wän­den schnel­len, um mich zu durch­boh­ren? Es riecht streng. Offen­bar trei­ben die Insu­la­ner sonst Zie­gen in die­sen Kor­ri­dor. Behut­sam setze ich Fuß vor Fuß. Plötz­lich ver­dun­kelt ein Schat­ten die Sonne. Ich bli­cke auf und sehe einen rie­si­gen Vogel auf mich her­ab­stür­zen. In dem engen Kor­ri­dor kann ich mich nicht schnell genug umdre­hen. Und wo sollte ich auch hin? Ich werde ein leich­tes Opfer für die aus­ge­streck­ten Kral­len, jede von ihnen so groß wie ein aus­ge­wach­se­ner Leo­pard. Sie packen mich, und mit ein paar mäch­ti­gen Schwin­gen­schlä­gen erhebt sich der majes­tä­ti­sche Vogel wie­der in die Luft. Anschei­nend will er mich lebend. Unter mir haben sich, auf ihrem Platz vor dem Tem­pel des Wehr­haf­ten Nackt­mulls, die Insel­be­woh­ner ver­sam­melt; sie schwen­ken die Arme und tan­zen, beschwingte Trom­mel­mu­sik ertönt. Ich trom­pete pro­tes­tie­rend.

Der Rie­sen­vo­gel hält auf einen Berg­hang zu. Ich erkenne ein immens gro­ßes Nest, aus dem sich vier gewal­tige, auf­ge­sperrte Schnä­bel recken. Das hung­rige Kräch­zen der Küken lässt mir das Blut in den Adern gefrie­ren.

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Das Titelbild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand. Es zeigt von oben zwei Männer hinter einem Absperrband auf einem gepflasterten Boden mit einem Stapel Papier in der Mitte und langen, ins Bild fallenden Schatten. Ein Overlay zeigt die Nummer 01 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Thun­ders­now ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. In die Sie­ges­säule hat es mich bis­her nie ver­schla­gen. Ist wohl auch nur was für Tou­ris. Dies­mal sind keine hier, weil die Mord­kom­mis­sion alles abge­sperrt hat. Uwe Albo tritt mir ent­ge­gen. »So was ist mir im Leb­tag noch nicht unter­ge­kom­men. Echt übel. Den Scheiß­kerl kauf ich mir per­sön­lich, wenn …« Er ver­liert den Faden. Sieht ver­stört aus. Dem kann ich nach­hel­fen: »Den Kerl? Oder die Frau?« Albo stutzt, aber merkt schnell, dass ich natür­lich noch nicht mehr wis­sen kann als er. »So was macht keine Frau.« Er gibt mir den Weg frei. Der Foto­graf ist gerade bei der Arbeit. Sein Blitz erhellt einen Sta­pel loser Blät­ter, auf dem ein blu­ti­ger Klum­pen Fleisch liegt. Ein fri­sches Herz, wie es scheint, und zwar ver­mut­lich das eines Men­schen, sonst wären wohl kaum Albo und die Mord­kom­mis­sion ange­rückt – und er hätte auch mich nicht gleich her­kom­men las­sen. Na, das Jahr hört ja gut auf. Ich sehe mich in dem Kor­ri­dor um, kann aber nichts psy­cho­lo­gisch Beson­de­res ent­de­cken.

Spä­ter in sei­nem Büro drückt mir Kom­mis­sar Albo, nach­dem ich gefühlte zwan­zig Papp­tas­sen vol­ler bit­te­rem Kaf­fee auf ihn gewar­tet habe, die Blät­ter in die Hand. Das Blut hat dun­kel­rote Fle­cken dar­auf hin­ter­las­sen. Ich bin ganz froh, dass die Foren­si­ker jedes ein­zelne Blatt in eine Plas­tik­hülle gesteckt haben.

»Es sind fünf­zig«, sagt Albo. Er sieht müder aus als sonst – seine dunk­len Trä­nen­sä­cke schei­nen noch mehr vom Leid der Welt absor­biert zu haben. »Durch­num­me­riert.« Er lässt sich auf sei­nen Dreh­stuhl fal­len. »Sonst haben wir nichts. Täter-DNA, Fin­ger­ab­drü­cke, Fuß­spu­ren: Fehl­an­zeige.« Ich sehe die Blät­ter durch. Maschi­n­ege­schrie­be­nes. Kurze Texte. Geschich­ten. Kein Beken­ner­brief allem Anschein nach. Auch keine Lie­bes­briefe. »Das Herz?«, frage ich.

Albo greift nach sei­nem Handy, als habe es gerade vibriert. Aber er muss sich getäuscht haben, steckt es mit einem fast unmerk­li­chen Kopf­schüt­teln wie­der weg. »Das Herz, ja. Das Opfer ist männ­lich, dem Blut nach. Vom Rest keine Spur.«

Ich stehe auf und winke mit dem Blät­ter­sta­pel: »Guck ich mir zuhause mal näher an.« Albo sieht mich an, als hätte ich gerade mein Jackett geöff­net und ihm einen Spreng­stoff­gür­tel prä­sen­tiert: »Die kannst du nicht mit­neh­men. Hast du sie noch alle? Das ist wich­ti­ges Beweis­ma­te­rial.« Ich mache die drei Schritte zum Kopie­rer und hebe den Deckel hoch. Der Schnell­ein­zug nützt mir hier nichts, mit dem Plas­tik um die Blät­ter. Albo sieht aus, als wolle er pro­tes­tie­ren. Grü­nes Leuch­ten fährt unter dem Deckel ent­lang. Kann das Kopie­rer­licht irgend­wel­che Spu­ren ver­nich­ten? Albo scheint zu dem Ergeb­nis zu kom­men, dass das eher unwahr­schein­lich ist. Er sackt wie­der auf sei­nen Stuhl zurück. Dass wir es mit einer kran­ken Psy­che zu tun haben, muss er gleich gespürt haben. Sonst wär ich jetzt nicht hier.

Ich lege das zweite Blatt auf. Auf dem ers­ten, das ich zur Seite lege, ist jede Menge ein­ge­trock­ne­tes Blut, das auf der Kopie häss­li­che schwarze Kon­ti­nente hin­ter­las­sen hat, ähn­lich der Tin­ten­kleckse für einen Ror­schach­test. Die Fle­cke umflie­ßen den Text mit der Num­mer 1 auf dem Blatt. Es ist nur ein ein­zi­ger Satz. Er lau­tet: »Ich betrete den Kor­ri­dor …«

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Das Titelbild, ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand, zeigt einen Blick aus einem Büro mit Schreibtisch, Telefonen und Papieren auf eine Stadt mit Feuerwerk über einem Fluss bei Nacht.

♫ Under the Throne ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die Neon­röhre fla­ckert. Die Tür zu Albos Büro ist nur ange­lehnt. »Komm rein«, ruft er, »fro­hes Neues!«. Er sitzt halb im Licht­ke­gel sei­ner Schreib­tisch­lampe. Der Rest des Zim­mers ist dun­kel. Drau­ßen gehen ein paar ver­spä­tete Rake­ten hoch. Es ist lange nach Mit­ter­nacht.

»Fro­hes Neues!«, ant­worte ich, obwohl mich der grau­sige Fund vom Mor­gen des Tages nicht gerade froh gestimmt hat.

»Und?«, fragt er. Mir ist klar, was er von mir will. Albo muss einen Mör­der fin­den, und ich soll ihm dabei hel­fen. Ich gehe erst mal zur Kaf­fee­ma­schine. Ihr rotes Betriebs­lämp­chen leuch­tet mir den Weg. Schlechte Ange­wohn­heit, aber sicher­lich bes­ser, als immer sofort zu was Hoch­pro­zen­ti­gem zu grei­fen.

Auch Albo hat die­ses Sil­ves­ter offen­bar mit Kaf­fee began­gen. Und er hat sich, sehe ich, eben­falls Kopien der fünf­zig Blät­ter gemacht. Ver­mut­lich hat er sie in den letz­ten Stun­den ebenso oft gele­sen wie ich. Wäre sogar eine ganz nette Lek­türe für den Jah­res­wech­sel gewe­sen, wenn nicht gerade ein mensch­li­ches Herz drauf gele­gen hätte.

Albos Kopf bleibt im Dun­keln. Viel­leicht sogar bes­ser so. Ich setze mich ihm gegen­über: »Alles maschi­n­ege­schrie­ben. Also Schreib­ma­schine, meine ich. Und zwar unter­schied­li­che Schreib­ma­schi­nen, dem Schrift­bild nach zu urtei­len.«

»Fünf­zig ver­schie­dene Schreib­ma­schi­nen. Ich hab das schon che­cken las­sen. Es gibt da einen Ebay-Account, Rechtschreibfehler68, der hat sich vor Mona­ten fünf­zig alte Schreib­ma­schi­nen gekauft und den Account dann deak­ti­viert. Wir haben Ebay und die Ver­käu­fer kon­tak­tiert – bis­her nichts Ver­wert­ba­res, soweit wir’s an ‘nem Fei­er­tag raus­fin­den konn­ten. Hat seine Spu­ren offen­bar gründ­lich ver­wischt.«

»Recht­schreib­feh­ler?«

»Ja, gibt da zahl­rei­che Accounts, die so hei­ßen. Wieso?«

»Weil er keine macht.«

»Wenn du meinst, das ist ein Wider­spruch, dann doch nur einer von zahl­rei­chen, oder?« Albo legt seine Hand­flä­che mit gespreiz­ten Fin­gern auf die Kopien, als wolle er sie mit einem Fluch bele­gen. »Mal Mann, mal Frau, mal alt, mal jung, mal tut er doof, mal tut er klug …«

»Was sagt dir, dass das vom Mör­der geschrie­ben wurde?«

Albo zieht die Hand zurück: »Der Anfang. Immer der glei­che. Ein Kor­ri­dor. Weißt du noch, wo wir das raus­ge­schnit­tene Herz gefun­den haben? In einem Kor­ri­dor.«

»Ist ja wohl kein Beweis«, sage ich, »und außer­dem: Wer sagt dir, dass das eine ein­zelne Per­son geschrie­ben hat. Könn­ten auch meh­rere sein.« Albo beugt sich vor und taucht sein Stop­pel­kinn in den Licht­ke­gel. »Komm schon, Mann« sagt er, »ich brau­che Ergeb­nisse, Hin­weise, Spu­ren, irgend­was!«

Ich zer­knit­tere den lee­ren Papp­be­cher und werfe ihn in die Rich­tung, wo bei Tages­licht sonst der Papier­korb steht.

Albo fuch­telt mit den Hän­den. »Ist es ein Ver­rück­ter? Ein ver­kann­ter Künst­ler? Ein Deutsch­leh­rer? Jemand, dem man seine Texte gestoh­len hat und der sich blu­tig rächt? Der glaubt, er schafft’s so auf den Titel der BZ? Du bist der Pro­fi­ler, also sag schon, Mann.«

»Falls es ein Autor ist, und falls es ein Autor und keine Autorin ist – was ich bei­des für wahr­schein­lich halte –, dann ist es jemand, der gerne mit Mög­lich­kei­ten jon­gliert. Und der offen­bar gerne Ver­steck spielt.«

»Was soll das hei­ßen?«, pol­tert Albo wie in sei­nen bes­ten Jah­ren. »Dass er es drauf anlegt, dass wir ihn jagen? Dass der Kerl den Mord als Spiel ansieht?«

Ich ver­ziehe die Lip­pen und wiege den Kopf. Ver­mut­lich kann mich Albo ebenso wenig sehen wie ich ihn. Aber ich brau­che das für mich. Hier klare Aus­sa­gen zu tref­fen heißt, sich weit auf dün­nes Eis raus­zu­wa­gen. »Ein Spiel, ja. Oder eine Art Rät­sel­par­cours durch Kor­ri­dore. Irgendwo ist von ins­ge­samt rund vier­hun­dert Tex­ten die Rede: Wenn wir Pech haben, wird es wei­ter­ge­hen.«

»Das wer­den wir ver­hin­dern. Und des­halb brauch ich irgend­wel­che Anhalts­punkte!«

»Was willst du hören? Dass er gebil­det ist, ver­mut­lich stu­diert hat, die neue deut­sche Recht­schrei­bung beherrscht, sich für ein brei­tes The­men­spek­trum inter­es­siert, das Mär­chen, Mythen, His­to­rie und Sci­ence-Fic­tion mit ein­schließt, tro­cke­nen Humor besitzt, sich für einen Dich­ter oder ›Kurz­pro­sa­schrei­ber‹ zu hal­ten scheint, zu Sprach­spie­le­reien und exis­ten­zia­li­schen Tira­den neigt und eine Obses­sion mit Kor­ri­do­ren pflegt? Dass er drei­und­vier­zig Jahre alt ist?«

»Drei­und­vier­zig? Schreibt er das?«

»Nur so ’ne Ver­mu­tung, wegen ›Rechtschreibfehler68‹ – da könnte er sein Geburts­jahr genom­men haben. Machen viele.«

Albo beugt sich wie­der vor, dies­mal, um mir zu zei­gen, dass er lächelt. »Na, das ist doch schon was. Da haben wir ihn doch schon ein­ge­kreist. Was ist mit der Frau, von der er am Anfang schreibt?«

»Könnte eine unglück­li­che Lie­bes­ge­schichte sein. Sie taucht spä­ter als Ana­gramm noch mal auf – ich hoffe nur, der ›Aus­er­ko­re­nen‹ fehlt seit ges­tern nicht das Herz.«

Albo brummt. »Das Opfer war männ­lich.«

»Stimmt, ja. Viel­leicht bringt uns Text Num­mer 50 auf seine Spur.«

Albo kramt durch die Kopien, bis er die rich­tige gefun­den hat: »Die The­ra­peu­tin?«

»Japp. Da könnte was dran sein: Ein Trauma, Alp­träume, eine The­ra­pie. Und das blu­tige Herz könnte ein Mani­fest sein. Oder ein Hil­fe­ruf.«

»Also lasse ich alle Ber­li­ner Trau­ma­the­ra­peu­tin­nen durch­che­cken, ob sie einen mit einer Kor­ri­dor-Obses­sion auf der Couch haben …«

»Ich würde da auch eher die männ­li­chen The­ra­peu­ten che­cken. In den Tex­ten ist immer irgend­was ver­dreht.«

Albo hält mir eine der Kopien hin. »Wer ist R. L. St.?«

Ich stehe auf und trete an Fens­ter. Es reg­net, was die Stra­ßen­be­leuch­tung vor der Wache noch trü­ber als ohne­hin schon wir­ken lässt. Immer­hin kann ich von hier aus zwei schim­mernde Fle­cke in dem schwar­zen Loch sehen, das Albos Kopf sein muss. »Robert Louis Ste­ven­son. Hat Jekyll and Hyde geschrie­ben und sich dabei von hal­lu­zi­nier­ten klei­nen Männ­chen inspi­rie­ren las­sen.«

»Jekyll and Hyde. Das kann ja hei­ter wer­den«, grunzt er.

»Ich brau­che mehr Zeit, Uwe«, sage ich. Albo brummt etwas, das ich als ärger­li­che Zustim­mung ver­stehe. Ich lasse ihn allein. Das neue Jahr ist jetzt schon ein paar Stun­den alt, und als ich auf die Straße trete, hört der Schnee­re­gen auf, als hätte plötz­lich jemand die Hand über die nächt­li­che Stadt gehal­ten.

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Das Titelbild zeigt einen schmalen Waldweg zwischen hohen Bäumen, der zu einer großen, rostigen Metallwand mit Nieten führt, vor der ein Vogel flattert, während im Vordergrund ein Eichhörnchen sitzt.

♫ Bey­ond the Point of No Return ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, gefolgt von mei­ner Truppe. Infer­na­li­sche Hitze schlägt uns ent­ge­gen, der Kor­ri­dor ist ein ein­zi­ges Flam­men­meer. Tja, der Schatz aller Schätze mag gut geschützt sein, doch ich habe Hel­fer dabei. Meine zwei Feu­er­sa­la­man­der tre­ten an. Sie salu­tie­ren und bege­ben sich in die lodernde Hölle, um zur gegen­über­lie­gen­den Seite zu gelan­gen, wo sie den Flam­men­wer­fern den Saft abdre­hen. Der Weg ist frei. Wir mar­schie­ren wei­ter, zwi­schen den ruß­ge­schwärz­ten und noch glut­hei­ßen Wän­den hin­durch.

Das nächste Por­tal und der Gang dahin­ter sind kom­plett mit Erd­reich aus­ge­füllt – hier ist meine Maul­wurf­bri­gade gefragt. Sie set­zen ihre Helme auf und machen sich an die Arbeit. Wenig spä­ter kön­nen wir pas­sie­ren.

Wir sto­ßen auf ein abwärts­füh­ren­des Trep­pen­haus vol­ler Was­ser. Auch daran habe ich gedacht. Klar, dass es der ele­men­tarste aller Schätze, der sich schon Jahr­zehn­tau­sende lang allen Grab­räu­bern ent­zieht, uns nicht leicht macht. Die Sumpf­schild­krö­ten set­zen sich in Marsch und tau­chen die Stu­fen hinab. Offen­bar fin­den sie bald dar­auf den Aus­lass, denn mit einem Mal sinkt der Was­ser­spie­gel. Ein letz­tes wäss­ri­ges Rülp­sen hallt im Trep­pen­haus nach, und wir kön­nen hin­un­ter­stei­gen, wenn auch die Stu­fen noch ziem­lich glit­schig sind und wir auf­pas­sen müs­sen, nicht lang hin­zu­schla­gen.

Im nächs­ten Kor­ri­dor wach­sen Mam­mut­bäume so eng neben­ein­an­der, dass dort kein Durch­kom­men ist. Nicht ein­mal meine Hand kann ich zwi­schen den Stäm­men hin­durch­ste­cken. Holz? Ich hatte Luft erwar­tet. Oder Aris­to­te­li­schen Äther. Aber Holz? Flei­ßig bege­ben sich die Ter­mi­ten ans Werk. Doch obwohl sie sich voll ins Zeug legen, kom­men sie nicht son­der­lich schnell voran. Es dau­ert Tage, bis sie die Bäume zu Holz­mehl ver­ar­bei­tet haben. Die Moral der Truppe sinkt. Einige glau­ben nicht mehr an einen Erfolg und keh­ren um, obwohl ich beschwö­rend an sie appel­liere, nicht auf­zu­ge­ben. Jetzt hält nur noch ein Bruch­teil derer zu mir, die mit mir auf­ge­bro­chen sind.

Der letzte Kor­ri­dor – denn nach alter Über­lie­fe­rung kön­nen es nicht mehr als fünf sein – ist wie­der ange­füllt. Doch nicht mit Luft oder Äther, son­dern mit Metall. Das Por­tal öff­net sich auf mas­si­ves Eisen, womög­lich in flüs­si­ger Form in den Kor­ri­dor gegos­sen und dann erkal­tet. Wir Übrig­ge­blie­be­nen bli­cken uns an. Damit hat kei­ner von uns gerech­net. Ich werfe einen ver­zwei­fel­ten Blick auf unse­ren bunt zusam­men­ge­wür­fel­ten Trupp. Die­sem Mate­rial ist kei­ner von uns gewach­sen.

Ein Zwit­schern. Ich schaue hoch. Ein klei­ner Vogel fliegt heran, ohne uns zu beach­ten. Einen Moment lang schwebt er flat­ternd vor der mas­si­ven Eisen­wand, wetzt sei­nen Schna­bel kurz daran, und fliegt dann wie­der davon. An der Stelle, an der er – ver­mut­lich schon zum wer­weiß­wie­viel­ten Mal – sei­nen Schna­bel gewetzt hat, ent­deckt das Eich­hörn­chen eine kleine Ein­buch­tung im Metall und macht uns piep­send dar­auf auf­merk­sam.

Auch an die­ser Legende ist also etwas Wah­res dran. Doch nun wer­fen sogar meine letz­ten Getreuen das Hand­tuch und machen kehrt – offen­bar nicht mit der Geduld und Hart­nä­ckig­keit eines Vögel­chens aus Hin­ter­pom­mern geseg­net, das alle hun­dert Jahre ein­mal mit dem Schna­bel kurz ins Eisen pickt. Nur ich, als letz­ter der Schatz­su­cher, setze mich mit ver­schränk­ten Armen vor das nackte Metall. Jetzt bin ich schon so weit gekom­men. Da schreckt mich auch nicht mehr, war­ten zu müs­sen, selbst wenn es ein Weil­chen dau­ern sollte.