Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Das Titelbild zeigt einen Menschen mit Stierkopf in Anzug und roter Krawatte an einem Rednerpult vor einem historischen Gebäude mit Säulen. Er hält eine Rede am Mikrofon. 
Ein digitaler Button zeigt einen Mechanismus mit Glocke und Bett.

♫ From the Bön Scrip­tures ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der in das Laby­rinth führt, das ich nie mehr ver­las­sen werde. Däda­lus steht hin­ter mir und lächelt stolz. Er hat Monate damit ver­bracht, es zu kon­stru­ie­ren und für mich ein­zu­rich­ten. Er nennt es »Palast«.

»Ich werde ver­durs­ten und ver­hun­gern«, sage ich. Däda­lus schüt­telt den Kopf: »Wirst du nicht. Unten, im Kel­ler des Palas­tes, gibt es eine Quelle. Es gibt Innen­höfe mit zahl­rei­chen Obst­bäu­men, und es gibt ein feuch­tes Gewölbe, in dem zahl­lose Cham­pi­gnons wach­sen.«

»Ich werde ein­sam sein«, pro­phe­zeie ich düs­ter. Däda­lus hält dage­gen: »Wir wer­den dir immer wie­der Unter­hal­tung schi­cken. Junge Män­ner und Jung­frauen unse­rer Vasal­len­staa­ten, mit denen du ver­fah­ren kannst, wie du möch­test.«

»Fleisch«, sage ich. »Wie du meinst«, sagt Däda­lus.

»Ich werde mich nach Frei­heit seh­nen und ver­rückt wer­den.« Däda­lus scheint wenig beein­druckt: »Wirst du nicht. Der Palast wird dir unend­lich groß erschei­nen, und du wirst immer wie­der neue Räume ent­de­cken, neuen Wun­dern begeg­nen. Ich habe dafür gesorgt, dass du dir einen gere­gel­ten Tages­ab­lauf gestal­ten kannst, mit allem, was du gerne tust. Das fängt an mit einem gro­ßen, wei­chen Bett aus Stroh, an das ich eine kleine Glo­cke gestellt habe, die – sobald die Sonne auf­geht – von einem Mecha­nis­mus ange­schla­gen wird. Das Bim­meln wird dann immer lau­ter, bis du end­lich auf­stehst.« Als er mich stöh­nen hört, fügt er an: »Wenn du aller­dings noch ein wenig wei­ter­schla­fen möch­test, kannst du den Mecha­nis­mus mit einem klei­nen Hebel dazu brin­gen, für einige Zeit mit dem Schla­gen der Glo­cke auf­zu­hö­ren.«

»Erfin­dun­gen …«, sage ich abfäl­lig, »das ist alles, was du kannst: Dir irgend­wel­che Mecha­nis­men und Vor­rich­tun­gen aus­den­ken. Was aber ist mit den Men­schen und ihren Gefüh­len?«

»Du bist kein Mensch. Jeden­falls nicht rich­tig.« Doch als er bemerkt, dass mir Trä­nen in die Augen tre­ten, beeilt er sich zu sagen: »Aber auch an deine Gefühle habe ich gedacht, mein Lie­ber.«

Hoff­nungs­froh sehe ich ihn an, wie er da im Ein­gang zu dem Kor­ri­dor steht, hin­ter ihm der blaue Him­mel und das Meer – die Frei­heit, die ich jetzt zum letz­ten Mal sehen, rie­chen und hören darf.

»Ich weiß«, sagt Däda­lus, »dass dir eigent­lich die Königs­würde zustünde. Dass ein … böses Schick­sal dir dein Erbe und Anrecht ver­wehrt.« Er ver­gisst zu sagen, dass er es war, der die­ses Schick­sal her­bei­ge­führt hat. Den­noch lau­sche ich erwar­tungs­voll sei­nen Wor­ten. Was hat er mir zuge­dacht?

»Du wirst in dei­nem Palast«, sagt er, »einen Bal­kon fin­den, der sich auf einen gro­ßen Platz hin öff­net. Dort kannst du dich prä­sen­tie­ren und Reden hal­ten. Und wenn du an dem höl­zer­nen Knauf ziehst, den du neben der Brüs­tung siehst, wird dir dein Volk applau­die­ren und aus vie­len Keh­len zuju­beln.«

»Mein Volk?«

»So wird es sich anhö­ren, ja. Ich habe lange an der Hydrau­lik getüf­telt.«

Ich sacke in mich zusam­men. Wie­der nur eine mecha­ni­sche Vor­rich­tung, eine Attrappe wie die, auf die mein Vater, der Stier, her­ein­fiel.

»Es wird dir gefal­len. Da bin ich ganz sicher!«

Däda­lus lächelt mir auf­mun­ternd zu. Er tritt einen Schritt zurück, ins Freie, und legt einen Hebel um. Mit einem Knir­schen senkt sich ein Wand­stück her­un­ter, um den Kor­ri­dor zu ver­schlie­ßen. Ich könnte diese Stelle hier mar­kie­ren, mit mei­nen Hör­nern ein Kreuz in die Wand rit­zen, damit sich sie wie­der­fin­den und zer­stö­ren kann. Aber ich bin sicher, auch daran hat Däda­lus gedacht und Mit­tel und Wege erson­nen, mich daran zu hin­dern, mich zu ver­wir­ren und zu nar­ren und auf ewig zum Gefan­ge­nen in die­sem Palast zu machen.

Er beugt sich her­un­ter, um mir unter der lang­sam her­ab­rut­schen­den Wand ein letz­tes Mal zuzu­win­ken.

»Sei nicht trau­rig! Du weißt ja …«, ruft er.

»Es ist für alle das Beste so«, wie­der­hole ich brav, was er mir immer wie­der ein­ge­schärft hat, »auch für mich.« Däda­lus nickt lächelnd. Dann ist er hin­ter der Wand ver­schwun­den. Mit einem dump­fen Laut schließt sie den Kor­ri­dor ab, als habe sie immer schon dort gestan­den.

Ich fühle mich ein wenig nie­der­ge­schla­gen. Schließ­lich mache ich kehrt und betrete mei­nen Palast auf der Suche nach dem Bal­kon.

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Das Titelbild zeigt die Innenansicht eines alten, reich gefüllten Antiquitätengeschäfts mit hohen Regalen voller Bücher, antiken Vasen, Kerzenleuchtern und einem großen, verzierten Teppich auf dem Boden unter einer Kuppel mit buntem Glasfenster. Ein digitaler Button zeigt eine altertümliche Geldbörse.

♫ Tre­asure Chest Dwel­lers ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, in dem der Anti­quar seine unver­käuf­li­chen Arte­fakte lagert. Er tut so, als sei es eine große Ehre, von ihm hier­her­ge­führt zu wer­den. Mit blu­mi­gen Wor­ten beschreibt er, was er angeb­lich nie an den Mann brin­gen wird, aber auch nicht ein­fach leich­ten Her­zens weg­wer­fen kann:

Ein Unsterb­lich­keits­elexir, das das Altern nicht ver­hin­dert. (Wäre viel­leicht etwas für den größ­ten Feind oder die Ehe­frau, wenn man sicher sein will, im Alter noch gepflegt zu wer­den, meint der Anti­quar mit einem zwei­deu­ti­gen Lächeln. Ich winke ab.)

Eine Tarn­kappe, die den Trä­ger aber nur run­ter bis zu den Knien unsicht­bar macht. (In hohem Gras könne sie viel­leicht nütz­lich sein, meint der Anti­quar ver­son­nen. Ich winke ab.)

Ein flie­gen­der Tep­pich, der buch­stäb­lich nur im Tempo einer Schne­cke von der Stelle kommt. (Dafür steigt er aber auch nur ein paar Zen­ti­me­ter hoch, maxi­mal, meint der Anti­quar und schürzt die Lip­pen. Ich winke ab.)

Ein magi­scher Schlüs­sel, mit dem man zwar keine Türen auf­be­kommt, sie dafür aber für immer ver­schlie­ßen kann. (Er solle viel­leicht mal bei der Atom­in­dus­trie anfra­gen, meint der Anti­quar gespielt nach­denk­lich, als sei ihm diese Idee gerade erst gekom­men. Ich winke ab.)

Ein Fläsch­chen mit einer Wahr­heits­droge, die aller­dings die Neben­wir­kung hat, dass die Wahr­heit in aller minu­tiö­sen Deut­lich­keit erzählt wird und das Opfer sich heil­los in Details ver­liert, ohne je zum ent­schei­den­den Punkt zu kom­men. (Manch­mal habe er den Ein­druck, der Sud werde bei gewis­sen Talk­shows im Fern­se­hen ein­ge­setzt, meint der Anti­quar und lacht etwas gequält. Ich winke ab.)

Die Bun­des­lade, die in Wirk­lich­keit ein quan­ten­me­cha­ni­sches Funk­ge­rät ist, mit­tels des­sen man mit Gott tele­fo­nie­ren kann. (Also mit dem bibli­schen Jehova, erklärt der Anti­quar jovial und fügt an, dass die­ser schon seit eini­ger Zeit den Hörer nicht mehr abnimmt. Er lächelt ver­schmitzt: kein AB. Ich winke ab.)

Ein Lie­bes­trank, der dazu führt, dass, wer ihn zu sich nimmt, in unsterb­li­cher Liebe zu sich selbst ent­brennt. (Wobei dies für viele von der Liebe Ent­täuschte, meint der Anti­quar mit einem Sei­ten­blick zu mir, ja eigent­lich nach der per­fek­ten und nach­hal­ti­gen Lösung klinge. Ich winke ab.)

Ein Buch, das sich, wenn man es auf­schlägt, in die­sem Moment selbst schreibt. (Es stün­den aber immer nur kleine, ver­wor­rene Geschich­ten drin über jeman­den, der Gänge oder Flure oder so betritt, nein, »Kolon­na­den« heiße es da immer – jeden­falls könne mit dem Geschreib­sel kein Mensch etwas anfan­gen, meint der Anti­quar miss­mu­tig. Ich frage, wie viel er dafür haben will.)

 

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Das Titelbild zeigt eine Tür mit Buchcovergestaltung für den Roman "Snowmen Rarely Make Good Cigarette Lighters" von T. Hawk, mit schwarzer Schrift und schwarzen Punkten auf hellblauem Hintergrund in einem klassischen Raum mit Stehlampe und Beistelltisch.

♫ Hyp­no­tic Attic ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und öffne die Tür zum Wohn­zim­mer. Aller­dings ist in die­sem Zim­mer nichts wirk­lich das, was es zu sein scheint.

Die Tür zum Bei­spiel ist in Wirk­lich­keit ein Buch, das mit Schnee­män­ner tau­gen sel­ten zum Ziga­ret­ten­an­zün­den beti­telt ist. Der Ses­sel ist eine Poli­tesse mit Namen Edna Gierke. Der andere Ses­sel ist ein Stuhl, der jedoch von der Fami­lie immer ›der Hocker‹ genannt wird. Die Stand­uhr ist eine Vitrine für die Algen­schnit­zel­samm­lung des Patri­ar­chen Was­muth, der aus­sieht wie ein Lam­pen­schirm, tat­säch­lich jedoch der Tep­pich des Rau­mes ist.

Das Kla­vier ist streng­ge­nom­men ein Spi­nett der Firma Gell­wie­sen, die inzwi­schen in den USA unter dem Namen Bel­low­me­a­dow bekannt gewor­den ist für ihre exqui­si­ten Bis­quits. Die blaue Wand­farbe ist der Geruch von gekoch­tem Weiß­kohl, das Gemälde an der Wand ist ein Foto, das Mirna und Kätz­chen zeigt und den Titel Frauen und Kat­zen zuerst trägt. Hab ich was ver­ges­sen? Ja, der Mann, der ver­lo­ren im Zim­mer steht, ist in der Tat der Gerichts­voll­zie­her, er heißt aller­dings Her­bert Brünn­chen und ist durch den Licht­schal­ter her­ein­ge­kom­men, bei dem es sich um die Durch­rei­che zur Küche han­delt.

Das Wohn­zim­mer selbst, um auch das noch zu erwäh­nen, scheint zwar ein umbau­ter Raum zu sein, ist aber in Wahr­heit ein Zei­tungs­ar­ti­kel mit der rei­ße­ri­schen Schlag­zeile ›Ganz Schwa­bin­gen tri­chi­nen­ver­seucht?‹

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Das Titelbild zeigt eine Frau mit rotem Haar und schwarzem Oberteil in einem Flur mit vielen wartenden Personen auf blauen Stühlen und Nummern-Displays über den Türen. Sie hält eine Karte mit der Nummer "288" und schaut überrascht oder besorgt nach oben.

♫ No Wool­ga­the­ring Allo­wed ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor: An den Wän­den zwi­schen den Türen, über denen sich jeweils eine Zah­len­an­zeige befin­det, ste­hen Stühle für die War­ten­den. Alle sind besetzt. 312 lese ich auf einer der Anzei­gen, 313 auf einer ande­ren, und die dritte springt gerade von 311 auf 315. Ich sehe auf den Zet­tel in mei­ner Hand. 288. Ich hätte nicht trö­deln dür­fen! Mei­nen Auf­ruf jeden­falls habe ich offen­bar ver­passt.

Ich drehe mich um, will zurück, mir im Foyer eine neue War­te­num­mer zie­hen. Doch auch über der Tür, durch die ich den Kor­ri­dor betre­ten habe, befin­det sich eine Anzeige: 314. Einen Moment lang bin ich ver­wirrt. Einen ande­ren Aus­gang gibt es nicht, und – ich bli­cke mich noch ein­mal prü­fend um – einen Num­mer­n­au­to­ma­ten auch nicht. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschla­gen.

Die 314 über mir springt mit einem Kla­cken auf die 316 um. Ein jun­ger Mann steht auf. Das ist meine Chance. Doch als er merkt, dass ich mich ein­fach mit ihm durch die Tür drän­gen will, bedenkt er mich mit einem abfäl­li­gen Blick und blo­ckiert bis zuletzt den Tür­spalt. Betont schnell und kräf­tig zieht er die Tür hin­ter sich zu.

Ich mus­tere die ande­ren War­ten­den. Der Blick der meis­ten geht ins Leere. Man­che dre­hen gedan­ken­ver­lo­ren ihren Zet­tel zu Röll­chen zusam­men oder fal­ten sie. Einige Halb­wüch­sige sind dabei, die auf ihr Smart­phone star­ren oder mit den Dau­men auf eine PSP ein­prü­geln.

Ein Stuhl ist frei­ge­wor­den. Ich setze mich. Den Gedan­ken, jeman­dem hier seine Num­mer zu steh­len, ver­werfe ich gleich wie­der. Die Anzei­gen sind drei­stel­lig. Irgend­wann wird die 999 erreicht sein. Und dann beginnt wie­der alles von vorn. Ich umklam­mere fest mei­nen Zet­tel. Meine Zeit wird kom­men.

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Das Titelbild zeigt das sphinxähnliche steinerne Monument einer Frau in einer großen Höhle, umgeben von schlafenden Zwergen, Drachen, Vögeln und anderen Fabelwesen. Ein digitaler Button zeigt einen griechischen Tempel vor einem Berg.

♫ March of the Monu­ments ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Meine alten Gelenke schmer­zen, aber ich lasse nicht darin nach, mei­nen täg­li­chen Kon­troll­gang zu machen, durch den gehei­men Kor­ri­dor tief hin­ein in den Olymp, in dem sich eine ver­bor­gene Gewöl­be­halle befin­det. Hier lie­gen, im sie­ben­tau­send­jäh­ri­gen Schlaf, Elfen, Zwerge, Dra­chen, Wich­tel, Trolle, Ein­hör­ner, der Vogel Rok, Zyklo­pen, Zen­tau­ren, Dschinns und Schutz­en­gel. Sie  war­ten hier die Herr­schaft der Men­schen ab, unge­schlach­ter, tum­ber, schwer­fäl­li­ger Gestal­ten, die an der Ober­flä­che der Erde Unord­nung machen und Unfrie­den stif­ten.

Manch­mal schlägt eines der Alten Wesen die Augen auf und glaubt, schwer zu träu­men. Ich setze mich dann dazu und singe eines der alten Wie­gen­lie­der. Nicht mehr lange, und die Zeit der Men­schen wird zu Ende gehen. Wenn sie fort sind und die recht­mä­ßi­gen Hüter der Erde sich den lan­gen Schlaf aus den Augen gerie­ben haben, wird mein neun­tes Leben sich end­lich dem Ende zunei­gen, und ich werde ein letz­tes Mal mit schmer­zen­den Pfo­ten durch den Kor­ri­dor lau­fen, ihnen voran, um ihnen den ver­steck­ten Aus­gang zu zei­gen, von dem aus sie vom Olymp her­ab­stei­gen kön­nen.

16/398

Das Titelbild zeigt einen Raum mit Kunstwerken: links eine Büffelskulptur, mittig ein Relief mit kämpfenden Figuren, rechts ein gerahmtes Landschaftsgemälde mit einer Person in rotem Gewand, davor ein großes rotes Wollknäuel mit einem Faden, der zu einem kleinen Steinbänkchen führt.

♫ Uvs Nuur ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Den Faden, der hin­durch­läuft, rolle ich immer wei­ter auf: Ich habe bereits ein beacht­li­ches Knäuel in der Hand. Ich sehe, dass der Faden unter einer der Türen ver­schwin­det. Hier werde ich sie fin­den, hier war­tet sie auf mich! Ich werfe das Knäuel acht­los von mir und laufe zu der Tür, die sich in nichts von den zahl­lo­sen ande­ren unter­schei­det. Als ich sie öffne und mit ihrem Namen auf den Lip­pen hin­durch­eile, steht mir ein Wesen mit einem Stier­kopf gegen­über und reißt mir mit einem sei­ner Hör­ner das Fleisch mei­ner Brust auf, legt mein Herz frei. Ich stürze zu Boden. »Er ist doch mein Bru­der«, höre ich ihre Stimme ganz nah an mei­nem Ohr.

Wie viele vor mir? Und wie viele wer­den sie noch locken? Und all das viele Blut … Der Was­ser­fall in mei­nen Ohren wird lau­ter und lau­ter, bis nur noch ein alles ver­schlin­gen­des Rau­schen da ist, das mich gnä­dig in sich auf­nimmt.

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Das Titelbild zeigt vier Kinder vor einer großen grünen Tür mit der Zahl 24, umgeben von vielen kleinen geschenkartigen Türen mit Zahlen von 1 bis 23, die an den Wänden hängen.Ein digitaler Button zeigt ein durchgestrichenes U.

♫ Jólag­jöf ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. 24 Tür­chen. Hin­ter der letz­ten erwar­tet mich ein Stück Scho­ko­lade. Das weiß ich schon von den letz­ten Jah­ren.

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Das Titelbild zeigt einen mit Blumen geschmückten Korridor mit Frauen in langen, gemusterten Kleidern und Kindern, versammelt um ein Feuer mit aufsteigendem Rauch. Ein digitaler Button zeigt einen Joint in einer psychedelisch bunten Hand.

♫ Enmes­hed in Clouds (Wood­stock Mix) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier herrscht ein lus­ti­ges Trei­ben. Eine Frau in bun­ten, wei­ten Gewän­dern begrüßt mich lächelnd und mit einem Kuss auf die Stirn. Sie führt mich zu ihren Freun­den, die mit ein paar Kin­dern um ein Feuer her­um­sit­zen, sin­gen, tan­zen und Marsh­mal­lows bra­ten. Ich gefalle offen­bar noch wei­te­ren Frauen aus der Gruppe. Sie betas­ten mich, schmie­gen sich an mich und bin­den mir Blu­men ins Haar. Als ich wei­ter­ge­hen will, zieht mich eine von ihnen zu Boden und bie­tet mir ein glim­men­des Röll­chen Papier an. Die Türen des Kor­ri­dors – sehe ich nun – haben sie mit Fan­ta­sie­wel­ten bemalt, mit Man­da­las und Blu­men­gir­lan­den.

Ich habe mei­nem Volk ver­spro­chen, nicht eher in mei­ner Suche inne­zu­hal­ten, als ich das Tjurunga wie­der­erlangt habe, ohne das unser Scha­mane macht­los ist. Den­noch: Kann ich nicht kurz ver­wei­len, mich von den Stra­pa­zen der Wan­de­rung erho­len? Viel­leicht sollte ich die Spra­che die­ses Volks erler­nen und bei ihnen in Erfah­rung brin­gen, was mich am Ende des Kor­ri­dors erwar­tet – und hin­ter den vie­len Türen, die sie seit Jah­ren, viel­leicht Jahr­zehn­ten nicht mehr und womög­lich nie geöff­net haben. Die fröh­li­che Stim­mung die­ser Men­schen steckt mich an. Ja, ich bleibe: Ich nicke den Frauen zu und gebe ihnen zu ver­ste­hen, dass ich die freund­li­che Ein­la­dung annehme. Mög­li­cher­weise finde ich das Tjurunga ja hier bei ihnen. Mir wird ein wenig schwind­lig von all den neuen Ein­drü­cken. Der schwe­lende Papiers­ten­gel ist her­un­ter­ge­brannt, und irgend­wie weiß ich, dass der Rauch nie mehr bit­ter schme­cken wird.

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Das Titelbild zeigt eine Grabkammer mit einer liegenden Statue eines ägyptischen Pharaos und mehreren brennenden Fackeln an den Wänden. Ein digitaler Button in der oberen linken Ecke zeigt ein Piktogramm einer weiteren Fackel.

♫ Moravec’s Para­dox ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und erleuchte mit mei­ner Fackel die nied­ri­gen Gewölbe. Als Talis­man habe ich die uralte »Schrift der ver­bor­ge­nen Kam­mer« dabei. Die Zeich­nun­gen an den Wän­den sind ver­blasst, aber sonst voll­stän­dig erhal­ten. Ich suche die Pha­rao­nen­kar­tu­sche. Sie muss hier irgendwo sein. Ich ent­zif­fere »Seht meine Werke, Mächt’ge, und erbebt!« Ozy­man­dias? Aber das Grab von Ram­ses dem Gro­ßen wurde hier im Tal der Könige doch schon längst gefun­den! Viel­leicht liegt hier einer sei­ner Söhne.

Meine Über­le­gun­gen wer­den unter­bro­chen: Ein dump­fer Laut lässt mich und meine ägyp­ti­schen Hel­fer her­um­fah­ren. Der Boden unter uns erzit­tert. Die gigan­ti­sche Stein­platte, über deren Zweck wir beim Aus­schach­ten noch gerät­selt haben, ist hin­ter uns her­un­ter­ge­glit­ten. Der Zugang ist ver­schlos­sen. Selbst mit Dyna­mit kämen wir hier nicht mehr her­aus.

Meine Hel­fer sin­ken nach kur­zer, ver­zwei­fel­ter Panik wim­mernd zu Boden. Ich jedoch schreite voran. Eine unge­öff­nete Gruft, die den Grab­räu­bern der letz­ten Jahr­tau­sende ent­gan­gen ist – und ich bin der Ent­de­cker! Solange die Atem­luft noch aus­reicht, will ich in Erfah­rung brin­gen, ob die Grab­bei­ga­ben tat­säch­lich unbe­rührt sind. Viel­leicht bekomme ich die erhoff­ten Schätze noch mit mei­nen eige­nen Augen zu sehen, bevor meine Fackel für immer ver­lischt.

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Das Titelbild zeigt verschlungene schwarze Kabel mit einem USB-Stecker am rechten Rand auf hellem Untergrund.

♫ Infi­nity Shuffle ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und notiere es auch gleich in mein Tage­buch: »Ich betrete den Kor­ri­dor«. Seit ich dafür ein Touch­pad benutze statt Notiz­büch­lein und Stift, kann ich noch viel direk­ter und zeit­na­her fest­hal­ten, was ich tue, erlebe, wie ich mei­nen Tag ver­bringe – in Real­time sozu­sa­gen. Auch kann ich alles Wich­tige gleich als Tweet wei­ter­lei­ten: Vor dem Schla­fen­ge­hen kann ich dann noch ein­mal in mei­nem Twit­ter-Account mei­nen Tages­ab­lauf nach­ver­fol­gen, in kleine Frag­mente auf­ge­teilt.

Was wollte ich hier im Kor­ri­dor? Oh, stimmt, ich bin auf der Suche nach dem Lade­ka­bel für das Touch­pad. Hier steht es ja auch: »Ich habe das Lade­ka­bel fürs Touch­pad ver­legt. Viel­leicht liegt es in der Küche.« In der Küche kann ich es nir­gendwo ent­de­cken. »Doch in der Küche kann ich es nir­gendwo …« Aber jetzt gibt das Touch­pad einen selt­sa­men elek­tro­ni­schen Ton von sich, abfal­lend, wie ein ent­täusch­tes »Oohch«. Das würde ich gerne notie­ren und in die­sem Fall auch gleich twit­tern, denn ich höre es zum ers­ten Mal, und das muss natür­lich doku­men­tiert wer­den, nur nimmt das Ding jetzt auf der vir­tu­el­len Tas­ta­tur keine Ein­ga­ben mehr ein, son­dern spei­chert als letzte Tat not­fall­mä­ßig den Text ab und schal­tet sich aus.

Was jetzt?! Wie soll ich das jetzt mit­schrei­ben? In der Küche steht die Rolle mit Küchen­pa­pier, und in einer Schub­lade finde ich neben den Tee­lich­ten einen Kugel­schrei­ber. Das muss alles fest­ge­hal­ten wer­den! Doch der Kugel­schrei­ber schreibt nicht auf dem Küchen­pa­pier. Ich lecke daran, schüttle ihn, das ganze Pro­gramm, aber er will ein­fach nicht. Auch das alles droht ver­lo­ren­zu­ge­hen, weil ich es nicht auf­schrei­ben kann. Mein Blick fällt auf das Schnei­de­brett. Könnte ich mit dem Mes­ser etwas hin­ein­rit­zen? Wenigs­tens Stich­worte? Es ist schon wie­der so viel pas­siert. Küchen­pa­pier bereit­stel­len, Kugel­schrei­ber lecken, Schnei­de­brett in Betracht zie­hen … Wie soll ich mir das alles mer­ken? Und dazu noch der Ver­such, das alles zu memo­rie­ren! Ich muss das Lade­ka­bel fin­den, soviel ist klar. All meine Gedan­ken dazu, die Auf­re­gung, meine Aktio­nen – gerade jetzt, wo es end­lich mal rich­tig dra­ma­tisch wird und plötz­lich krass was abgeht in mei­nem Leben, kann ich es nicht auf­schrei­ben, geschweige denn twit­tern!

Das Lade­ka­bel ent­de­cke ich schließ­lich, als ich im Schlaf­zim­mer nach Stift und Papier suche, neben dem Nacht­tisch in der Wand­buchse. Mit schon leicht zit­tern­den Fin­gern schließe ich es an, und das Touch­pad erwacht wie­der zum Leben.

Ich tippe, so schnell ich kann, um mein Leben wie­der ein­zu­ho­len.