Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Das Titelbild zeigt eine schwarz-weiße Aufnahme eines Schreibtischs mit Schreibmaschine der Marke Adler, altem Wählscheibentelefon, Tasse Kaffee, kleinem Blumentopf, Stift auf Papier und einem gerahmten Bild, das eine menschenähnliche Gestalt mit Stierkopf zeigt.

♫ Wim­mel­bild ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor auf der Wache. Schon von hier höre ich Albo brül­len. Scheint miese Laune zu haben. Kein Wun­der. Als er mich sieht, schmeißt er die Grün­schnä­bel aus dem Büro. Rückt mir sogar den Stuhl hin. Tut er sonst nie, der Kom­mis­sar.

»Was raus­ge­fun­den?« Er klingt hei­ser. Mit dem Kinn zeigt er auf die Kopien mit dem Blut­fleck, der bis zu Text Nr. 10 run­ter lang­sam ver­blasst. »Hier im Team heißt es, er sei Kan­ni­bale und hat bis auf das Herz ein­fach alles ver­putzt.«

Ich nehme mir einen Kaf­fee. »Die mei­nen wohl Text Nr. 15, den ›Men­schen­fres­ser‹. Ist eine lite­ra­ri­sche Anspie­lung auf den Mino­tau­rus-Mythos. Unwahr­schein­lich, dass er sich auf die Weise mit ihm iden­ti­fi­ziert.«

Albo setzt sich auf den Schreib­tisch und reibt sich sei­nen rech­ten Ober­schen­kel. »Es gibt aber keine Lei­che. Und auch keine Ver­miss­ten­mel­dung, die pas­sen würde. Das Herz hat er mit einem Mes­ser raus­ge­schnit­ten, das, sagen die Exper­ten, ›weder son­der­lich scharf noch son­der­lich stumpf war‹. Na toll! Hast wenigs­tens du irgend­was vor­zu­wei­sen?«

»Ist alles nicht so rich­tig fest­zu­na­geln. Den Tex­ten nach schätze ich, dass er Sin­gle und Ein­zel­gän­ger ist, nicht gern unter Men­schen.«

»Die Sache mit dem Olymp?«

»Japp. Aber auch die mit den Hip­pies. Und er hat was gegen staat­li­che Ein­rich­tun­gen und Büro­kra­tie. Die Nr. 42 mit dem ange­kün­dig­ten Blut­bad …«

»Könnte aber auch sein, dass er nur Ärger mit sei­nem Finanz­amt hat. Das ist doch alles Schmarrn, Mann. Ich sag’s noch mal für Doofe: Wonach soll ich fahn­den las­sen? Und jetzt erzähl mir nicht, nach einer jun­gen Bau­amts­an­ge­stell­ten namens Cory d’Or!«

»Das ist nur eine der vie­len fal­schen Spu­ren, klar. Obwohl …«

Albo ver­sucht, sich beque­mer hin­zu­set­zen, und fegt dabei einen Blei­stift­spit­zer vom Schreib­tisch. Äch­zend beugt er sich hin­un­ter. »Was obwohl?«

»Es besteht eine gewisse Chance, dass er tat­säch­lich auch im rich­ti­gen Leben Cory heißt. Ist ja auch ein Män­ner­name.«

Albo angelt mit aus­ge­streck­ten Fin­ger­spit­zen, aber der Anspit­zer rutscht nur wei­ter unter den Tisch.

»Die Nr. 8 mit Hohl­raum, Horn und Sie­de­be­cken etce­tera«, setze ich nach.

»Ja?« Er gibt es auf, lässt sich wie­der in sei­nen Dreh­stuhl fal­len und sieht mich erwar­tungs­voll an.

»Alles eine mög­li­che Her­kunft des Namens ›Cory‹. Und wenn er nicht gerade Sprach­for­scher ist, was ich nicht ganz aus­schlie­ßen kann, dann weiß das wohl nur jemand, der auch so heißt.«

Albo streicht sich über die Stop­peln. »Lass ich che­cken. ‚Ne dünne Spur und nur ’ne dünne Chance, aber ich lass es che­cken. So viele Corys wird’s in Ber­lin und Umge­bung ja nicht geben.«

»Und noch was, Uwe.« Albo nimmt die Hand run­ter. »Ich hab über­legt, ob wir die Texte, einige davon, ver­öf­fent­li­chen soll­ten. Mit irgend­was, das klar­macht, dass wir den Autor suchen.«

»Und du meinst nicht, dass der das beab­sich­tigt haben könnte?«

Die Frage habe ich erwar­tet. »Doch, ja, könnte sein. Aber wir ver­öf­fent­li­chen nur Teile, und wir bauen ein paar Recht­schreib­feh­ler ein. So dass er sich grün und blau ärgert. Was meinst du? Viel­leicht kennt jemand die Texte. Oder erkennt den Stil oder irgend­eine Anspie­lung.«

»Mehr hast du nicht? Wenn er sich nun pro­vo­ziert fühlt? Ich will nicht mor­gen irgendwo ’ne Leber fin­den, oder ’ne Lunge, raus­prak­ti­ziert mit einem nicht zu stump­fen, aber auch nicht zu schar­fen Mes­ser.«

Ich deute auf die Kopien: »Ich hab die aus­ge­presst wie eine Zitrone. Das Ganze ist ein Ver­wirr­spiel und führt einen dau­ernd an der Nase rum. Ich kann nicht ein­fach mit dem Fin­ger auf jeman­den zei­gen und sagen, der ist’s, der hat sie geschrie­ben, in sei­ner Garage fin­dest du fünf­zig Schreib­ma­schi­nen und in sei­nem Küchen­schrank das Mes­ser mit dem Blut.«

Albo wiegt den Kopf. Wir ken­nen uns jetzt schon so viele Jahre – immer mal wie­der hat er sich bei kniff­li­gen Mord­fäl­len von mir, sei­nem alten Psy­cho­lo­gen-Freund, bera­ten las­sen. Aber trotz der wich­ti­gen Hin­weise, die ich ihm gele­gent­lich geben konnte: Ihm sollte klar sein, dass ich nicht zau­bern kann. Er senkt die Stimme, um mir kei­nen Zwei­fel daran zu las­sen, dass das, was jetzt kommt, wich­tig ist. »Ich will ein Pro­fil, schrift­lich, mög­lichst exakt, klar? Eines, das sagt, dass er kein Men­schen­fres­ser ist, son­dern ein Intel­lek­tu­el­ler mit Spaß an grau­sa­men Spiel­chen. Der viel­leicht Cory heißt und des­we­gen ein Trauma hat und ’ne Obses­sion mit Kor­ri­do­ren ent­wi­ckelt hat. Klar?!«

»Viel mehr habe ich aber gar nicht.«

»Schreib’s auf. Ich brauch’s für die Rech­nungs­stelle. Wenn dir dabei zufäl­lig etwas Brauch­ba­res ein­fal­len sollte: meld dich! Und was die Sache mit dem Ver­öf­fent­li­chen angeht – ich denk drü­ber nach.«

74/398

Das Titelbild zeigt ein großes, spiralförmiges, metallisches Objekt in einem dunklen, technischen Raum mit Monitoren und Steuerpulten. Ein digitaler Button unten links zeigt eine runde Öffnung mit einem Blick nach unten in den Sternenhimmel.

♫ A Modi­cum of Sense ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, um die rich­tige Tür zu fin­den: die Tür, die mich zurück­bringt ins »Schne­cken­haus«. Schne­cken­haus, so nann­ten wir die verz­wir­belte Magnet­kam­mer, die uns unser Super­com­pu­ter berech­net hatte. Nach zwei Jah­ren Bau­zeit zusam­men mit mei­nen Stu­den­ten war die Kam­mer fast fer­tig: ein selt­sam ver­dreh­tes und in sich selbst zurück­ge­fal­te­tes Gebilde aus schim­mern­dem Metall mit hun­der­ten auf­ge­setz­ten Magne­ten, die ver­hin­dern sol­len, dass die in der Vaku­um­kam­mer erzeugte Mate­rie mit irgend­et­was in Berüh­rung kommt. Wie die Magnet­kam­mer da so im gro­ßen Labor­raum hing, sah sie aus wie ein Kunst­werk aus einer ande­ren Welt. Fast über­ir­disch schön, aber auch erschre­ckend fremd­ar­tig, so, als dürfe es diese Form eigent­lich gar nicht geben.

Ich weiß nicht, wie ich es beschrei­ben soll: Das Schne­cken­haus übte eine immer stär­ker wer­dende Fas­zi­na­tion auf mich aus. Schließ­lich redete ich mir ein, ich müsse vor dem Ver­sie­geln der Kam­mer unbe­dingt noch die Schweiß­nähte über­prü­fen, und kroch eines Nachts heim­lich hin­ein.

Aber nicht wie­der hin­aus.

Statt­des­sen sitze ich in der Tri­este. Als Kind hatte mir die­ser Welt­re­kord unheim­lich impo­niert. Ich erkenne die Tauch­kap­sel sofort, die Beschrei­bun­gen müs­sen sich mir damals tief ein­ge­gra­ben haben. Auch Pic­card erkenne ich, und damit weiß ich auch, in wes­sen Kopf ich ste­cke und mit wes­sen Augen ich das alles sehe: mit denen sei­nes Mit­rei­sen­den Don Walsh – ich bin mit Jac­ques Pic­card unter­wegs zu einem der tiefs­ten Punkte der Welt­meere im Maria­nen­gra­ben.

Es ist eng, sti­ckig, die Metall­hülle ächzt schwer unter dem unge­heu­ren Außen­druck. Das Was­ser, in das Schein­wer­fer hin­ein­strah­len, wirkt trüb. Ein Uni­ver­sum aus undurch­dring­li­cher Schwärze umgibt uns.

Ich bin ein Geist und hocke in Walshs Kopf. Walsh scheint davon nichts zu mer­ken. Ich drifte immer wie­der weg, als wäre ich ein Fremd­kör­per, der nicht hier­her­ge­hört – was ja irgend­wie auch stimmt. Das Erleb­nis erreicht mich wie ein Sen­der, der immer wie­der mal stark ver­rauscht ist. Und dann bran­den mich auch immer wie­der Kopf­schmer­zen an, was selt­sam ist, weil ich doch eigent­lich gar kei­nen eige­nen Kopf mehr habe. Walsh scheint von dem Geist und den Schmer­zen in sei­nem Kopf nichts mit­zu­be­kom­men.

Pic­card erklärt mir in schlech­tem Eng­lisch, dass wir hier unten auch ster­ben könn­ten, wenn wir auf einem Wrack auf­set­zen, uns ver­fan­gen und nicht mehr zurück an die Ober­flä­che stei­gen kön­nen. Doch wir lan­den weich. Ein Platt­fisch vor unse­rem win­zi­gen Fens­ter fühlt sich gestört, wühlt sich aus dem Schlick und schwimmt davon. Hier unten gibt es Leben. In ewi­ger Dun­kel­heit und mit der Last von fast elf Kilo­me­tern Was­ser dar­über! Pic­card schreibt in sein Log­buch. Dann klin­ken wir unse­ren Bal­last aus und begin­nen wie­der zu stei­gen.

Ich ver­stehe das alles nicht. Wie bin ich hier­her­ge­ra­ten? Wie kann ich plötz­lich in einer ande­ren Zeit lan­den, im Kopf eines Frem­den?

Ist es ein Traum, oder bin ich viel­leicht in Wahr­heit tot, im Schne­cken­haus erstickt? Aber hat man Kopf­schmer­zen und Aus­set­zer, wenn man tot ist? Es fällt mir nicht leicht, klare Gedan­ken zu fas­sen, doch ich glaube, dass das alles nur in mei­nem Bewusst­sein statt­fin­det. Ich bin kein Zeit­rei­sen­der, son­dern ein Geist­rei­sen­der. Und irgend­wie muss ich ver­su­chen, den Weg zurück ins Schne­cken­haus zu fin­den, in die Magnet­kam­mer, deren ver­schlun­gene Form, wie sie nur die Mathe­ma­tik und ein leis­tungs­star­ker Com­pu­ter erschaf­fen kön­nen, mich in die Tri­este geschickt hat. Ich muss zurück!

Wir tau­chen auf. Es gibt Cham­pa­gner, um die Rekord­fahrt zu fei­ern. Walsh muss drin­gend auf die Toi­lette. Er ent­schul­digt sich, betritt im Mut­ter­schiff einen Kor­ri­dor – und plötz­lich wirble ich fort von ihm, halt­los, kopf­über, zer­sprengt in unzäh­lige Split­ter, die sich aber wie magne­ti­sche Teil­chen wie­der zusam­men­fin­den – doch nicht etwa im Schne­cken­haus, son­dern in einer ande­ren Zeit, im Kopf eines ande­ren Men­schen, einer wei­te­ren Kind­heits­fas­zi­na­tion …

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♫ Sono­chro­nic Con­tra­dic­tions ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor – das Orches­ter hat bereits begon­nen – und errei­che in aller Eile den Saal. Zu mei­nem Platz muss ich mich durch die ansons­ten voll­be­setzte zweite Reihe drän­gen. Dabei schlägt mir die Musik wie ein Dschun­gel zusam­men­hang­lo­ser Töne ent­ge­gen und folgt kei­ner für mich erkenn­ba­ren Form. Muss ich mir das anhö­ren? Avant­garde – die­ser Unter­ti­tel des Pro­gramms hätte mich stut­zig machen müs­sen. Eigent­lich will ich wie­der fort, doch ich bin wie gelähmt und ver­liere zuse­hends das Gefühl für mei­nen Kör­per, wäh­rend die Musik sich aus­dehnt und zwi­schen die Inter­valle der gewohn­ten Halb­töne zu flie­ßen beginnt, nicht nur in Vier­tel­töne, son­dern »Zen­ti­töne« und »Mil­li­töne« hin­ein – für das unge­übte Ohr eine Fol­ter, doch für mich, in mir, hat sich etwas ver­än­dert, und ich nehme jetzt mit wach­sen­dem Inter­esse all die unter­schied­li­chen musi­ka­li­schen For­men wahr, die sich in der Musik tum­meln.

Ver­blüf­fend: Diese Klang­fi­gu­ren leben und bewe­gen sich frei durch die Welt der Töne, ent­fer­nen sich von­ein­an­der, nähern sich ein­an­der an. Die zwei Dimen­sio­nen die­ser Welt, stelle ich erstaunt fest, sind einer­seits die Ton­höhe und ande­rer­seits die Klang­far­ben, die sich durch die Ober­ton­har­mo­nien erge­ben. Jedes lebende Wesen die­ses Klang­uni­ver­sums besitzt eine eigene Fär­bung, auch wenn sich man­che von ihnen geschickt zu tar­nen wis­sen.

Eines die­ser Geschöpfe aus Klang scheint mir sehr nah zu sein, und plötz­lich kommt mir die Erkennt­nis: Das bin ich! – in die­ser Welt aus Schall­schwin­gun­gen und Fre­quen­zen besitze ich einen eige­nen Kör­per, bin Teil die­ses Klang­bio­tops! Als mich eines der Schall­we­sen akus­tisch anstößt und ich einen schar­fen Schmerz ver­spüre, lerne ich, dass ich meine musi­ka­li­sche Form ver­än­dern und mich eben­falls durch die­sen Dschun­gel aus Tönen, durch die dichte musi­ka­li­sche Vege­ta­tion bewe­gen kann. Es ist mir sogar mög­lich, kleine Klang­fi­gu­ren in mei­nen meine musi­ka­li­sche Form auf­zu­neh­men – als streifte ich durch einen Gar­ten und ver­speiste dort schmack­haft aus­se­hende Äpfel oder Him­bee­ren.

Ein tie­fes Knur­ren lässt mei­nen Herz­schlag kurz aus­set­zen: ein Jäger durch­streift den Dschun­gel und ist mit sei­nen sir­ren­den Klang­ten­ta­keln auf der Suche nach Beute. Ich fliehe, doch das hung­rige Wesen hat mich bereits ent­deckt. Ich ver­ste­cke mei­nen Klang­kör­per in der musi­ka­li­schen Vege­ta­tion unse­res Habi­tats, aber meine Tar­nung nützt mir nichts. Nur knapp ent­komme ich einem suchen­den Ten­ta­kel, indem ich höher steige. Mir sind Gren­zen gesetzt – einige Okta­ven schaffe ich es nach oben, dann begin­nen sich die Klänge in den hohen Lagen zu ver­lie­ren. Der Räu­ber pol­tert direkt unter mir in den tie­fen Lagen unru­hig hin und her, bis ein win­zi­ges Melo­die­frag­ment der Vege­ta­tion, an die ich mich klam­mere, her­ab­fällt und mich ver­rät. Mit einem spit­zen Arpeg­gio erreicht mich einer sei­ner Ten­ta­kel und gräbt sich tief in das Klang­mus­ter mei­nes Fleischs. Das gie­rige Grol­len zieht mich zu sich herab, Oktave um Oktave …

Ich stoße einen Todes­schrei aus.

Die Musik erstirbt. Ein paar Gei­gen spie­len noch wei­ter, aber der Diri­gent hat sich zu mir umge­dreht, und auch alle Kon­zert­be­su­cher star­ren mich an. »Ent­schul­di­gung«, murmle ich, stehe auf, dränge mich durch die Reihe und fliehe aus dem Saal.

Ich höre noch, wie der Diri­gent sei­nem Orches­ter eine Takt­zahl nennt, um an die­ser Stelle mit dem Kon­zert wei­ter­zu­ma­chen. Die Musik hebt wie­der an. Doch ich laufe wei­ter, wei­ter fort, ohne mei­nen Man­tel an der Gar­de­robe abzu­ho­len, ein­fach nur fort von hier, ins Freie.

Hier gibt es keine Musik. Die Stra­ßen­ge­räu­sche tun gut, waschen mir die Ohren wie ein will­kom­me­ner Regen­guß. Alles ist vol­ler Autos und röh­ren­der Motor­rä­der, in der Ferne höre ich ein Mar­tins­horn und über mir ein Flug­zeug. Ich bleibe ste­hen, mit­ten in die­sem wun­der­ba­ren Lärm. Ein Dröh­nen kommt näher, das tiefe Knur­ren eines star­ken Motors, ein Bus don­nert mit gro­ßer Geschwin­dig­keit die Straße ent­lang, in deren Mitte ich stehe, ihm zuge­wandt, die Arme empor­ge­reckt und dem Him­mel für meine Ret­tung dan­kend …

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Das Titelbild zeigt das Porträt eines Mannes über einer kargen, felsigen Marslandschaft mit einem grünen Notausgangsschild in der oberen rechten Ecke. Im Marssand liegt ein Schlüssel mit der Nummer 27.

♫ Mare Chronium—Drifting ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und beeile mich, recht­zei­tig zu Zim­mer Nr. 27 zu gelan­gen. Herr Kori­an­der, unser Gast, legt Wert dar­auf, dass ihm das Essen – wie­der ist es Coq au vin, eine Spe­zia­li­tät unse­res Hau­ses – pünkt­lich um fünf Minu­ten nach Mit­ter­nacht ser­viert wird. Heute hat Pas­cal, der Koch, ein wenig getrö­delt, und ich muss es aus­ba­den. Doch Herr Kori­an­der, der mir die Tür auf­macht, scheint nicht böse zu sein, dass ich mich ein wenig ver­spä­tet habe. Wie­der ist er nicht allein. Es sitzt ein älte­rer Herr dort, mit ers­tem Gesicht und dich­tem schwar­zem Haar, der ein wenig steif und unsi­cher wirkt.

Ich ser­viere bei­den ihre Mahl­zeit und gieße jedem ein Glas stil­les Tafel­was­ser ein, so, wie es Herr Kori­an­der wünscht. »Bitte blei­ben Sie doch«, bie­tet er mir an, und ich stelle mich neben das Bett in dem klei­nen Gäs­te­zim­mer, um jeder­zeit nach­schen­ken zu kön­nen.

Der Gast von Herrn Kori­an­der beäugt ein wenig kri­tisch das Hähn­chen auf sei­nem Tel­ler. »Man is no more than a little fleck of foam …«, sagt Herr Kori­an­der, und als sein Gast fort­fährt »… on the tor­rent of exis­tence«, höre ich her­aus, dass er Eng­län­der ist. Er lächelt. Das Eis scheint gebro­chen.

Der Eng­län­der beginnt zu essen, und Herr Kori­an­der stellt lau­ter Fra­gen und schreibt eif­rig in seine Notiz­buch. Mich schei­nen die bei­den ver­ges­sen haben, oder viel­leicht den­ken sie auch, ich spre­che kein Eng­lisch. Ich ver­stehe aber genug, um mit­zu­be­kom­men, dass die bei­den kurz den Mars und seine Bewoh­ner strei­fen, um dann über­zu­ge­hen zur Venus, auf der Men­schen leben, was mich sehr ver­wirrt. Herrn Kori­an­der scheint es immer wie­der um Dinge wie Intel­li­genz und Bewusst­sein zu gehen, denn er stellt stän­dig Fra­gen danach und lässt sich von sei­nem Gast des­sen Sicht auf diese Dinge erklä­ren.

Plötz­lich dreht sich der Eng­län­der zu mir um. Er hat einen sehr wachen Blick, und ich glaube, ich werde ein wenig rot. Ohne seine tief­lie­gen­den Augen von mir zu las­sen, fragt er Herrn Kori­an­der, ob sie hier im Hotel viel­leicht ein Schwimm­bad haben. Herr Kori­an­der ver­neint. Auch ich schüttle den Kopf. Der Eng­län­der senkt wie­der den Blick und mur­melt so etwas wie »too bad«.

Das inten­sive Gespräch der bei­den geht wei­ter, und die Reise in eine ferne Zukunft setzt sich fort. Nicht nur von einer, von unse­rer Mensch­heit, ist die Rede, son­dern von einer gan­zen Reihe auf­ein­an­der­fol­gen­der Mensch­hei­ten und sogar einer, in der sich die ein­zel­nen Men­schen tele­pa­thisch zusam­men­schlie­ßen zu einer Art Super­in­tel­li­genz, wenn ich das rich­tig ver­stan­den habe. In zwei Mil­li­ar­den Jah­ren – kann es wirk­lich sein, dass die bei­den über eine sol­che unvor­stell­bare Zeit­spanne reden? Und das, wo doch unsere Welt noch in die­sem Jahr enden soll?!

Der Eng­län­der hat schließ­lich den Tel­ler leer­ge­ges­sen, schüt­telt aber den Kopf, als ihm Herr Kori­an­der noch seine Por­tion anbie­tet, die er nicht ange­rührt hat. »Sie kön­nen abräu­men«, meint die­ser dann zu mir. Gerne hätte er sich, sagt er zu sei­nem Gast, als ich mit dem Tablett das Zim­mer ver­lasse, noch über die Intel­li­genz und das Bewusst­sein von Ster­nen und Gala­xien unter­hal­ten hätte. Mir schwirrt der Kopf. Ich starre oft stau­nend in den lich­ter­über­sä­ten nächt­li­chen Him­mel. Dass aber die aber­tau­send Leucht­punkte über mir ein eige­nes Bewusst­sein, dass sie Intel­li­genz besit­zen könn­ten, ist mir noch nie in den Sinn gekom­men!

Pas­cal ist noch da und löchert mich, als ich ihm das Tablett in die Küche stelle. Eigent­lich müsste ich ihm erklä­ren, dass es zwei Ver­rückte sind – von denen der eine auf rät­sel­hafte Weise auf­ge­taucht ist, denn ich habe den gan­zen Abend die Rezep­tion nicht ver­las­sen, außer ein­mal, als ich aufs Klo musste. Aber mir ste­hen noch ihre bei­den Gesich­ter vor Augen und die Ernst­haf­tig­keit, mit denen sie sich über ihre ver­schro­be­nen The­men unter­hal­ten haben. Des­halb sage ich Pas­cal nur, dass sich da oben in Zim­mer 27 bei uns zwei Schrift­stel­ler getrof­fen hät­ten.

»Schrift­stel­ler, hm-hm«, sagt Pas­cal mit einem süf­fi­san­ten Grin­sen, »und nur Tafel­was­ser, sagst du?« Er möchte noch einen Wein mit mir auf­ma­chen, aber ich schi­cke ihn nach Hause.

Kurze Zeit spä­ter steht Herr Kori­an­der mit Hut und Man­tel an der Rezep­tion und legt mir den Zim­mer­schlüs­sel und ein Trink­geld hin. Fast hätte ich ihn gefragt, wer die­ser Mann mit den inten­si­ven Augen gewe­sen ist, aber da ich glaube, Herr Kori­an­der hat unser klei­nes Land­ho­tel des­halb aus­ge­wählt, weil wir hier sehr dis­kret sind, halte ich dann doch den Mund.

Das Zim­mer ist leer, das Bett unbe­rührt. Wie es der Eng­län­der geschafft hat, unbe­merkt aus dem Hotel zu kom­men, bleibt mir ein Rät­sel. Aber viel­leicht macht ja genau das einen guten Zim­mer­ser­vice aus: sich ein­fach über nichts zu wun­dern.

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Das Titelbild zeigt das Porträt eines älteren Mannes mit grauem Bart und zurückgehendem Haar, der einen dunklen Anzug mit Krawatte trägt, vor einem Hintergrund mit leuchtenden Sternen und geometrischen Linien. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ Astral Short Cuts ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor sei­nes Haus­boots und finde mei­nen Freund Norbu wie erwar­tet auf der klei­nen Ter­rasse, wo er sich über das Note­book auf sei­nem Schoß beugt.

»Wiki­pe­dia!«, stöhnt er, und es hört sich an wie ein unter­drück­ter Fluch. Ich mache uns den mit­ge­brach­ten Wein auf. Wo ich die Glä­ser finde, weiß ich ja.

»Wenn es an die Gren­zen geht, sind das alles fürch­ter­li­che Ideo­lo­gen.« – »Wel­che Gren­zen?«, frage ich.

»Na, die der Wis­sen­schaft.« Hier zum Bei­spiel, der Ein­trag über Fre­de­ric Myers.« Er weist auf den Text auf sei­nem Dis­play, aber ohne Brille erkenne ich nur unscharf das Logo und ein Foto. »Myers war einer der Grün­der und spä­ter Prä­si­dent der Society for Psy­chi­cal Rese­arch, die sich mit spi­ri­tis­ti­schen The­men beschäf­tigte. Von ihm stammt der Aus­druck ›Tele­pa­thie‹.« – »Nie gehört«, sage ich, und füge schnell an: »Von dem Mann, meine ich.«

»Aber die Wiki­pe­dia-Edi­to­ren«, fährt er unge­rührt fort, »unter­schla­gen sei­nen wich­tigs­ten Bei­trag.« – »Na ja«, wage ich ein­zu­wen­den, »Spi­ri­tis­mus und Tele­pa­thie, das sind nicht gerade Wiki­pe­dia-The­men.« Norbu sieht mich kopf­schüt­telnd an. »Müs­sen sie aber sein. Ein Lexi­kon kann doch nicht einen Teil der Wirk­lich­keit aus­blen­den, nur weil er den Her­aus­ge­bern und Autoren nicht gefällt.«

Ich stoße mit ihm an, um ein wenig Zeit zu gewin­nen. »Sind es nicht ganz unter­schied­li­che Autoren? Ich meine: Nicht zuletzt bist ja auch du mit dabei.« Norbu lacht gequält auf. »Sicher. Aber es gibt da die Ent­schei­der, eine Art Pries­ter­kaste, und bis da rauf haben’s meist die Ideo­lo­gen geschafft, die dann mit faden­schei­ni­gen Begrün­dun­gen und teil­weise krie­ge­ri­schen Maß­nah­men raus­kür­zen, was ihnen nicht in den Kram passt.« Ich nicke, um Ver­ständ­nis zu bekun­den: »Wie Tele­pa­thie.« – »Und alles, was sich dem szi­en­tis­ti­schen Credo ent­zieht.« Wis­sen­schaft­li­ches Glau­bens­be­kennt­nis? Ich lasse Norbu die­sen Wider­spruch mal durch­ge­hen und erin­nere ihn mit einem Fin­ger­zeig an den alten bär­ti­gen Mann auf sei­nem Dis­play, der mich aus tie­fer Schwärze her­aus anblickt.

»Nach sei­nem Tod«, erklärt mir mein Freund Norbu, »emp­fin­gen Medien aus aller Welt beim Auto­ma­ti­schen Schrei­ben eigen­ar­tige Durch­ga­ben, von denen viele mit ›Myers‹ unter­zeich­net waren.« – »Du meinst, er mel­dete sich aus dem, äh, Toten­reich?« Norbu nickt beflis­sen: »Aber nicht nur das. Die Texte erga­ben kei­nen Sinn.« – »Aha«, sagte ich zufrie­den, »dann muss es ja auch nicht in der Wiki­pe­dia ste­hen.« Damit fing ich mir einen bösen Blick von Norbu ein.

Ich nahm noch einen Schluck vom Rot­wein. Ganz schön tro­cken. Aber Norbu mag ihn so.

»Erst unab­hän­gige Beob­ach­ter konn­ten die Durch­ga­ben – wie gesagt: Mit­schrif­ten ver­schie­de­ner Medien in allen Tei­len der Welt – zusam­men­set­zen, und plötz­lich ergab sich ein Zusam­men­hang. Sie bezo­gen sich alle auf­ein­an­der.« – »Wow«, ent­fährt es mir, »Tele­pa­thie!« Norbu schüt­telt unwirsch den Kopf: »Eben nicht. Von wem immer diese Durch­ga­ben stamm­ten: Sie soll­ten aus­schlie­ßen, dass die Medien tele­pa­thisch Kon­takt zuein­an­der hat­ten.« – »Also keine Tele­pa­thie«, sage ich und runzle die Stirn: Was denn dann?

»Set­zen wir Ock­hams Rasier­mes­ser an und gehen von der ein­fachs­ten Erklä­rung aus: Myers ist nach sei­nem Tod auf die Idee gekom­men, wie er ein Fort­le­ben der mensch­li­chen Psy­che bewei­sen kann: durch diese ver­streu­ten Durch­ga­ben an ver­schie­dene Medien, die nur in ihrer Gesamt­heit einen Sinn erge­ben. Es waren Infor­ma­tio­nen dar­un­ter, zu denen nur sehr wenige Men­schen Zugang hat­ten. Und in rund drei­ßig Jah­ren kamen so mehr als drei­tau­send Texte zustande. Nur, dass davon nichts in der Wiki­pe­dia steht, weder der deut­schen noch der eng­li­schen. Genauso wenig wie beim Arti­kel über ›Auto­ma­ti­sches Schrei­ben‹ etwas vom Spi­ri­tis­mus steht und und und.«

Norbu sieht mich auf­for­dernd an. Doch ich kann ihm nicht so rich­tig zustim­men: »Viel­leicht ist das auch bes­ser so. Ich finde das sehr, äh, ver­stö­rend, was du mir da erzählst. Das mit den 3000 Durch­ga­ben.« Ich nehme einen gro­ßen Schluck vom Wein und schenke mir nach. Je län­ger ich dar­über nach­denke, desto unwoh­ler wird mir unter dem Blick Myers’ von sei­ner Wiki­pe­dia-Seite.

»Du bist genau wie die«, sagt Norbu und klappt sein Lap­top ent­täuscht zu. »Was nicht in dein schlaues Welt­bild passt, wird raus­ge­kickt.« – »Apro­pos«, sage ich, »Lust auf eine Par­tie?« Das Ablen­kungs­ma­nö­ver ist ein vol­ler Erfolg: Kurze Zeit spä­ter ste­hen wir an Nor­bus Kicker und spie­len die letz­ten Spiele der Cham­pi­ons League nach.

Erst auf dem Heim­weg – ein wenig schwan­kend, aber gut­ge­launt – fällt mir die­ser Myers wie­der ein. Selt­sa­mer Kerl. 3000 unsin­nige Texte? Klingt wie etwas aus dem Inter­net­zeit­al­ter. Mit einem Blog aus dem Jen­seits hätte er bestimmt mehr erreicht und es viel­leicht sogar in die Wiki­pe­dia geschafft …

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Das Titelbild zeigt den Blick von einem Balkon mit Balustrade auf eine Stadt mit historischen Gebäuden und einem Turm mit Uhr. Auf dem Boden steht ein Aschenbecher, auf dem Geländer liegt ein gerahmtes Bild mit einer Piratenflagge.

♫ Kor­sa­ren­stück ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor um Punkt elf. Nicole kommt gerade den Gang run­ter. Es ist unser Ritual: um elf zum Rau­cher­bal­kon, nur wir beide, und eine Ziga­rette lang welt­be­we­gende Gesprä­che füh­ren, um dann wie­der in unsere jewei­li­gen Büros zu ver­schwin­den.

»Wie läuft’s?«, frage ich sie, wäh­rend ich mir schon eine Ziga­rette aus der Packung hole. Sie raucht Selbst­ge­drehte.

»Wenn doch nur schon Wochen­ende wäre«, seufzt sie.

»Damit liegst du mir schon seit Mon­tag in den Ohren. Aber recht hast du natür­lich. Was hast’nn vor? Ein Date?«, frage ich lau­ernd.

Der kleine Rau­cher­bal­kon ist besetzt. Ein Unding! Jeder im Amt weiß, dass er um elf uns bei­den gehört. Tat­säch­lich räumt der Kerl auch sofort die Stel­lung. Es ist der Tech­ni­ker, der für die Kopie­rer zustän­dig ist.

»Süßer Hin­tern«, sage ich schmel­zen­den Bli­ckes, als er um die nächste Ecke des Kor­ri­dors ver­schwun­den ist.

»Viel zu jung und unbe­darft.«

»Für dich viel­leicht. Du bist ja auch zwan­zig Jahre älter als ich.«

Nicole stöhnt: »Erin­nere mich bloß nicht daran. Dir ste­hen noch alle Typ…, äh, Türen offen. Bei mir ist der Zug abge­fah­ren. Alle guten Män­ner sind ver­ge­ben.«

»Ach was, der Rich­tige kommt schon noch.«

»Sagt mir meine Mut­ter auch, seit einem gefühl­ten hal­ben Jahr­hun­dert.«

Wir lachen und zie­hen an unse­ren Ziga­ret­ten. Män­ner. Unser Lieb­lings­thema Num­mer eins.

»Hast du eigent­lich schon gebucht?«, frage ich sie. Urlaub. Unser Lieb­lings­thema Num­mer zwei.

»Zwei Wochen Appa­la­chian Trail. Den Frust und ein paar Pfunde run­ter­wan­dern.«

»Das klingt aber nicht nach Vier-Sterne-Hotel …«

Nicole grinst: »Eher Null-Sterne. Es ist wie bei den Schne­cken. Du wan­derst mit dei­nem Haus auf dem Rücken.«

»Haus auf dem Rücken?« Ich seh wohl ein wenig ver­dat­tert aus, denn Nicole lacht. »Na, das Zelt natür­lich.«

»Und da willst du einen Ami-Mil­lio­när ken­nen­ler­nen?«

»Wieso Mil­lio­när? Auf Geld kommt’s mir nicht an. Die Phase ist vor­bei. Es muss ein Aben­teu­rer sein, ein Pirat oder so.«

Ich ver­drehe die Augen: »So ’ne Schwuch­tel aus der Kari­bik?«

Nicole muss wie­der lachen. Es ist zu süß, wenn sie gluckst und es sie am gan­zen Leib schüt­telt. »Nee«, sagt sie, als sie wie­der zu Atem gekom­men ist, »einer, der sich was traut.«

»Aha«, sage ich ohne rechte Über­zeu­gung.

»An mich ran zum Bei­spiel.« Es dau­ert einen Moment, bis ich’s kapiert habe, und dann gackern wir wie­der. »Glaubst du eigent­lich«, fragt sie mich dann, »an Liebe auf den ers­ten Blick?«

»Klar«, sage ich, »hab ich schon erlebt. Schon mehr­fach.«

»Was?« Nicole scheint ver­blüfft.

»Kel­lan Lutz«, sage ich. Nicole run­zelt die Stirn und schüt­telt den Kopf: nie gehört. »Twi­light«, setze ich nach, und dann noch mal mit »Bis(s) zum Mor­gen­grauen.« Nicole reißt ent­setzt die Augen auf. Bevor sie etwas sagen kann, schlage ich ihr »Jörn Schlön­voigt« um die Ohren. Wie­der wirkt sie über­rascht: »Aha. Hast du mir da was ver­schwie­gen? Das klingt eher wie ein Typ dei­ner Preis­klasse …«

Ich rümpfe kurz die Nase, um ihr zu signa­li­sie­ren, dass sie sich das mit der Preis­klasse spa­ren kann und ich mich Kel­lan Lutz durch­aus gewach­sen fühle, und erkläre: »GZSZ.« Nicole fällt alles aus dem Gesicht. Das war’s wert. Wir lachen.

»Ich red doch nicht von irgend­wel­chen Schau­spie­lern, Lisa«, gibt sie zu Pro­to­koll, »und nicht vom Star­ren auf eine Lein­wand oder vom Glot­zen in die Glotze …«

»Er singt auch«, unter­bre­che ich sie.

Nicole ächzt. Noch schlim­mer! »Ich red davon, dass du zufäl­lig irgendwo, für einen Moment nur, einem frem­den Mann gegen­über­stehst, und es funkt. Und zwar so gewal­tig, dass dir sämt­li­che Siche­run­gen durch­bren­nen, und ihm auch!«

»Soll pas­sie­ren, ja«, sage ich, als mich Nicole ant­wort­hei­schend ansieht, »warum fragst du? Ist es dir schon mal so ergan­gen?«

Nicole nickt. »Das war im Kino­foyer. Ich war betrun­ken, um nicht zu sagen ziem­lich dicht«, meint sie und grinst. Wir machen syn­chron unsere Ziga­ret­ten aus. Gehört zum Ritual.

»Betrun­ken? Und er?«, frage ich.

»Er war ein lebens­gro­ßer Papp­auf­stel­ler von Bruce Wil­lis.«

Wie­der brau­che ich eine Sekunde, um zu kapie­ren. Als wir uns vor mei­nem Büro tren­nen, um uns wie­der unse­rer Arbeit zuzu­wen­den, lachen wir immer noch schal­lend.

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Das Titelbild zeigt einen Arzt mit Stethoskop, der besorgt auf eine riesige Welle aus Sprechblasen blickt, die gegen ihn anrollt. Ein digitaler Button rechts oben zeigt das Piktogramm einer Spritze.

♫ Cuore non duole ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und eile ihn ent­lang bis zum Semi­nar­raum. Vor der Tür sit­zen schon drei wei­tere SPs. Bin spät dran. John P. ist dabei. Er grinst mir ent­ge­gen: »Du bist als Erste dran. Der Pro­fes­sor ist schon wie­der rein.« Wie immer genieße ich sei­nen gol­di­gen bri­ti­schen Akzent. »Dachte schon, ich muss die ›ver­kappte Depres­sion‹ für dich über­neh­men!« Er weist knapp auf die Tür zum Semi­nar­raum, hin­ter der wie immer an die zwan­zig Stu­den­ten auf uns war­ten.

Ich nicke den ande­ren Simu­lan­ten­kol­le­gen kurz zu und setze mich zu ihnen.

Damit sich die Psy­cho­so­ma­ti­ker im ach­ten Semes­ter mal mit dem wah­ren Leben aus­ein­an­der­set­zen kön­nen, das sie nach der Aus­bil­dung erwar­tet, las­sen ihre Pro­fes­so­ren sie zu Anfang jedes Jah­res auf ›Simu­la­ti­ons­pa­ti­en­ten‹ tref­fen. Also: auf uns, die SPs. Mit einer genau umris­se­nen und ein­stu­dier­ten Rolle wer­den wir auf die ange­hen­den Ärzte los­ge­las­sen – und da sie noch nie mit ech­ten Pati­en­ten zu tun hat­ten, sind die wenigs­ten von ihnen der Auf­gabe gewach­sen. Für die meis­ten stel­len wir eine ebenso pein­li­che wie prä­gende Erfah­rung dar.

Ich gebe – für die Soma­ti­ker – unter ande­rem auch Hys­te­rek­to­mie, Sal­mo­nel­len, die Ange­hö­rige eines Alz­hei­mer-Falls und eine krebs­kranke und unwis­sent­lich tod­ge­weihte mehr­fa­che Mut­ter. Aber die Rol­len für die Psy­cho­so­ma­ti­ker, also die Manien und die Depres­sio­nen – wie die »ver­kappte« von heute oder die »mit somat­o­for­mer Schmerz­stö­rung« –, sind mir die liebs­ten: Sie stel­len schau­spie­le­risch die grö­ßere Her­aus­for­de­rung dar.

»Auch Schau­spie­le­rin und arbeits­los?«, fragt mich die Blonde mit den zer­frans­ten Haa­ren neben mir. Sie streckt mir ihre Hand ent­ge­gen: »Bin die Lara, hallo. Äh, ›Frau Edna Gierke‹ natür­lich.« Aha, dem­nach geben die drei die Fami­lie mit dem Halb­wüch­si­gen, der seine Insu­lin­sprit­zen abge­setzt hat: der Vater arbeits­los, die Mut­ter Poli­tesse. Das Ver­gnü­gen hatte ich auch schon. Den Halb­wüch­si­gen spielt heute ein pick­li­ger Zwan­zig­jäh­ri­ger mit Brille, der schwitzt und ner­vös auf sei­nem Stuhl hin- und her­rutscht.

»Frau Kars­ten«, stelle ich mich den bei­den mit mei­nem Rol­len­na­men vor. Um die vier­zig, leicht über­ge­wich­tig, vor der Pri­mär­dia­gnose Ange­stellte bei der Tele­kom, geht mit ihrer Krank­heit sehr ver­nunft­ori­en­tiert um usw.

Die Tür zum Semi­nar­raum geht auf. Ein Stu­dent in wei­ßem Kit­tel tritt in den Kor­ri­dor. »Frau Kars­ten?«, fragt er forsch, als sei dies hier sein War­te­zim­mer. In Wirk­lich­keit ist er wahn­sin­nig ner­vös: sein ers­ter Pati­en­ten­kon­takt. Den wird er so schnell nicht ver­ges­sen!

Ich springe auf und ziehe einen Brief­um­schlag her­vor: »Herr Dok­tor, gut, dass Sie mich gleich dran­neh­men, sehen Sie nur, Herr Dok­tor, hier!« Ich lasse ihn in den Umschlag bli­cken. Der Stu­dent reagiert erwar­tungs­ge­mäß ver­dat­tert. Es liegt ein Büschel Haare drin – die ich für die­sen Zweck wochen­lang im Aus­guss mei­ner Dusche gesam­melt habe. »Ich hab’s gerade schon Herrn und Frau Gierke hier gezeigt«, flun­kere ich unge­niert, »mir gehen die Haare aus!« Meine drei Kol­le­gen nicken, aber ich achte nicht wei­ter dar­auf. Meine Stimme wird schrill, und ich umklam­mere den Arm mei­nes Arz­tes. »Das kann doch nur ein schlech­tes Zei­chen sein, oder? Herr Dok­tor? Was mei­nen Sie? Sie sind doch der Experte. Ich will doch keine Glatze bekom­men!« Der Stu­dent weiß erst nicht, was er sagen soll, stot­tert dann: »Kom­men Sie äh doch erst ein­mal her­ein, Frau äh Kars­ten.«

Ich folge ihm brav, drehe mich aber noch ein­mal um und zwin­kere John P. zu. Wir sind alte Hasen im Geschäft und haben gleich gemerkt, dass die­ser Weiß­kit­tel das erste Pati­en­ten­ge­spräch sei­ner Kar­riere gründ­lich ver­gei­gen wird.

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Das Titelbild zeigt eine offene Holztür in einem dunklen Raum mit einem leuchtenden, sternförmigen, kaleidoskopischen Muster, das in der Türöffnung schwebt. Ein digitaler Button oben rechts zeigt das Piktogramm einer Galaxie, durch die ein Riss verläuft.

♫ Heim­sókn ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, weil ich ein selt­sa­mes Geräusch gehört habe. Auf Kopf­höhe leuch­tet an der Haus­tür ein blen­den­des Licht auf, zwei‑, drei­mal. Schweißt sie jemand von außen auf? Es leuch­tet wie­der glei­ßend auf, drei­mal, wie ein Klop­fen, doch völ­lig laut­los. Ohne lang nach­zu­den­ken reiße ich, obwohl ich nur im Pyjama dastehe, die Tür auf.

Im nächt­li­chen Trep­pen­flur steht – etwas. Oder bes­ser: es schwebt. Es wirkt wie ein drei­di­men­sio­na­les Kalei­do­skop, des­sen leuch­tende Split­ter stän­dig nach innen wan­dern, bis sie plötz­lich die Rich­tung ändern und wie geschmol­ze­nes Eisen vom Zen­trum aus nach außen ver­lau­fen.

Die Stimme ist sehr leise und sanft, und es kommt mir vor, als höre ich ein ver­trau­tes, gelieb­tes Wie­gen­lied. Sie sagt: »Du hast einen Spi­ral­arm der Gala­xis ver­damp­fen las­sen.«

Ich starre die Erschei­nung an. Mir feh­len die Worte. Ich will weg­ren­nen, mich ver­ste­cken oder ein­fach nur ohn­mäch­tig wer­den. Aber es ist, als wür­den meine Gedan­ken kei­nen Wider­hall mehr in mei­nem Kör­per fin­den, keine Andock­stelle, um eine tat­säch­li­che Hand­lung aus­zu­lö­sen. Ich bleibe ein­fach stock­steif vor die­sem Ding ste­hen.

»Du hast eine Maschine gebaut«, sagt die Stimme.

Eine Maschine? Ja, da war was. Aber das war nicht ich. Nur ein Traum. Seit Wochen wache ich immer um genau die­selbe Zeit mit­ten in der Nacht auf, um 2:22 Uhr, und erin­nere mich jedes Mal an einen leb­haf­ten Traum, in dem ich eine Art Inge­nieur bin, der wie beses­sen an einer hoch­kom­ple­xen Maschine baut – sie füllt fast die ganze von mir gemie­tete Lager­halle aus und ver­wen­det starke Hadro­nen-Laser und eine Art minia­tu­ri­ser­ten Fusi­ons­re­ak­tor, um die Schwer­kraft zu mani­pu­lie­ren und das Raum­zeit­kon­ti­nuum auf­zu­spren­gen. Traum für Traum voll­endete ich mein Werk, obwohl ich ins­ge­heim wusste, dass die Anlage unkon­trol­lier­bare Neben­wir­kun­gen haben konnte. Bis ich schließ­lich letzte Nacht die fer­tige Maschine in Gang setzte. Was sie bewirkte, kann ich nicht sagen, denn in dem Moment, in dem sie hoch­lief und auf Tou­ren kam, wachte ich auf. Das war ges­tern. Es war 2:22 Uhr.

Auch jetzt wie­der, mit­ten in der Nacht, könnte es 2:22 Uhr sein. Aber dies ist kein Traum.

»Du hast eine Maschine gebaut«, wie­der­holt die Stimme, wäh­rend ich wie hyp­no­ti­siert auf das zeit­lu­pen­hafte Flie­ßen flüs­si­gen Metalls starre und gleich­zei­tig ahne, dass mir das Wesen mit sei­nem sanf­ten Sing­sang etwas Schreck­li­ches mit­tei­len will.

»Deine Maschine hat die Dimen­sio­nen der Welt durch­lö­chert, dei­nen Pla­ne­ten zer­trüm­mert und dazu noch viele, viele Sterne und Pla­ne­ten im Umkreis mit ins Ver­der­ben geris­sen.«

»Aber das ist doch Unsinn! Die Erde ist nicht unter­ge­gan­gen, nur weil ich irgend­was geträumt habe!«

Das Kalei­do­skop­mus­ter ver­än­dert sich, ohne dass ich sagen kann, wie. Die Stimme erscheint mir jetzt stren­ger. Sie sagt: »Die Welt in dei­nem Traum war real. So real wie diese hier. Wir hat­ten gehofft, dass du dich im letz­ten Moment ent­schei­den wür­dest, die Maschine nicht in Gang zu set­zen, son­dern sie zu zer­stö­ren.«

»Ich hatte doch keine Ahnung, was sie bewirkt!« Wirk­lich nicht? Doch. Im Traum wusste ich sehr wohl, was für ein Risiko ich ein­ging. Ich hatte es nur immer wie­der ver­drängt.

»Viele Zivi­li­sa­tio­nen muss­ten ster­ben«, sagt die Stimme.

Mei­net­we­gen? Ich soll daran schuld sein? »Was ist mit dir?«, frage ich, »du lebst doch – nehme ich an.«

»Einige, wenige Wesen wur­den wie ich durch die per­fo­rier­ten Dimen­sio­nen in par­al­lele Wel­ten geschleu­dert.«

Par­al­lele Wel­ten: Im Traum ver­drängte ich immer wie­der die Sorge, meine genial aus­ge­tüf­telte Maschine, mit der ich die Vaku­um­fluk­tua­tion anzap­fen wollte, um unbe­grenzt viel Freie Ener­gie zu erzeu­gen, könnte das Gefüge von Zeit und Raum durch­ein­an­der­brin­gen. Und jetzt steht ein Wesen vor mir, das durch ein Dimen­si­ons­loch in meine Welt geschleu­dert wurde – viel­leicht der letzte Über­le­bende einer gan­zen pla­ne­ta­ren Zivi­li­sa­tion, die ich auf dem Gewis­sen habe. Nur lang­sam kommt mir die unge­heure Bedeu­tung des­sen, was mir das Wesen da gerade mit­teilt, zu Bewusst­sein.

»Wenn ihr davon wuss­tet: Warum habt ihr es nicht ver­hin­dert?«, frage ich mit beleg­ter Stimme.

»Das musst du schon selbst tun«, ant­wor­tet das flüs­sige Kalei­do­skop, das vor mir im Trep­pen­flur schwebt.

»Wie?«, frage ich ver­dat­tert.

Das Wesen schwebt lang­sam auf­wärts und ver­blasst. Es hat seine Bot­schaft über­bracht und tritt nun den Rück­weg an – wohin auch immer. »Wie soll ich das anstel­len?«, rufe ich.

Das Wesen ver­schwin­det. Ich höre keine Ant­wort mehr, aber in mei­nem Kopf bil­det sich ein Gedanke, der sagt: »Erträume eine neue Welt.«

Eine heil­lose Ver­zweif­lung ergreift mich. Das war nicht ich!, schreie ich inner­lich. Es war die­ser ver­blen­dete Inge­nieur!

Doch das Wesen hat recht: Ich war der Mann in den Träu­men, der ent­schie­den hat, das Risiko in Kauf zu neh­men. Ich habe die Mensch­heit auf dem Gewis­sen, ich habe mit mei­ner Beses­sen­heit und Gier nach Ruhm Mil­li­ar­den von Men­schen in den Tod geris­sen, und ein gan­zes Stück unse­rer Milch­straße gleich mit. Ich will es weg­schie­ben, abstrei­ten, irgend­je­mand ande­rem die Schuld geben. Aber obwohl es nur Träume waren, weiß ich tief in mei­nem Inne­ren, dass mein Besu­cher recht hat mit sei­ner Schuld­zu­wei­sung. Ich war die­ser beses­sene Inge­nieur, der alle bösen Vor­ah­nun­gen in den Wind geschrie­ben hat und die Maschine in Gang setzte.

Als ich die Haus­tür schließe, zit­tert meine Hand. Ich muss es ver­hin­dern!, denke ich, und gleich­zei­tig lache ich bit­ter: Wie soll ich etwas ver­hin­dern, das bereits gesche­hen ist?

Aber könnte nicht ein Raum-Zeit-Gefüge, in dem es Par­al­lel­wel­ten gibt, auch die Mög­lich­keit beinhal­ten, die Zeit zurück­zu­dre­hen? Hat das Kalei­do­skop-Wesen viel­leicht davon gespro­chen, als es sagte »Das musst du schon selbst tun«?

Wenn es stimmt, beschließe ich, – wenn es wahr ist, das durch meine Schuld die Mensch­heit und noch eine Hand­voll wei­te­rer Zivi­li­sa­tio­nen zer­stört wur­den – dann werde ich diese furcht­bare Tat um jeden Preis ver­ei­teln! Zah­len, Glei­chun­gen, Schal­tun­gen gehen mir durch den Kopf. Die lan­gen Nächte als Inge­nieur haben sich aus­ge­zahlt. Lang­sam ver­dich­tet sich in mei­nem Geist das Bild von einer Appa­ra­tur, einer Zeit- und Welt­ma­schine, die nur einen ein­zi­gen Zweck hat und nur ein ein­zi­ges Mal zum Ein­satz kom­men wird. Sie wird eine Art Arche sein. Doch ich werde sie nicht mit Tie­ren oder Men­schen fül­len: Sie wird mich an einen Ort und zu einem Zeit­punkt brin­gen, der es mir mög­lich macht, zu ver­hin­dern, dass ich Löcher in das Dimen­si­ons­ge­füge des Kos­mos stanze. Ich werde es unge­sche­hen machen, und zwar auf gründ­li­che, phy­si­ka­li­sche Weise! Es muss mög­lich sein!

In die­ser Nacht liege ich noch lange wach.

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Das Titelbild zeigt ein hölzernes Hausboot mit seitlicher grüner Tür und verschiedenen Aufbauten auf dem Dach, vor bewaldetem Ufer unter einem bewölkten Himmel. In dem ruhigen Wasser ist eine kreisförmige architektonische Struktur auszumachen. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ House­boat Lounge ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Mein Freund Norbu scheint nicht an Bord zu sein, doch als ich etwas rat­los in sei­nem Wohn­zim­mer stehe, höre ich plötz­lich Ham­mer­schläge. Ein­bre­cher? Nein, geht mir auf, wahr­schein­lich Norbu, der er ein Leck abdich­tet und dafür sorgt, dass sein Haus­boot nicht unter­geht.

Da kommt er auch schon, seine Werk­zeug­kiste in der Hand, und wir machen es uns mit einem Glas Rot­wein gemüt­lich. »Ich hab uralte Auf­zeich­nun­gen von mir gefun­den«, erzähle ich ihm. Als Jugend­li­cher war ich fas­zi­niert von Atlan­tis und habe – wie ein klei­ner Pri­vat­ge­lehr­ter – die Stadt­bi­blio­thek nach archäo­lo­gi­schen Hin­wei­sen auf die Bewoh­ner die­ses unter­ge­gan­ge­nen Kon­ti­nents durch­fors­tet. Ich zeige Norbu Höh­len­zeich­nun­gen, von mir damals fein säu­ber­lich aus ver­schie­de­nen Büchern abge­malt und mit gelehr­ten Kom­men­ta­ren ver­se­hen. Sie stam­men sowohl aus der Alten als auch aus der Neuen Welt. »Dazwi­schen lag Atlan­tis«, erkläre ich, »und des­halb gibt es so eigen­ar­tige Ähn­lich­kei­ten in den Sym­bo­len und Dar­stel­lun­gen, lange bevor Kolum­bus kam oder die Wikin­ger Ame­rika ent­deckt hat­ten: über­le­bende Atlan­ter, die sich auf die umlie­gen­den Kon­ti­nente flüch­te­ten.« Die These über­zeugt mich auch heute noch.

Mein Freund Norbu reibt sich das Kinn. »Ist dir nie in den Sinn gekom­men, dass es für diese Ähn­lich­kei­ten viel­leicht gar keine Kon­takte auf dem See­weg brauchte?«

»Du meinst, das ist alles rei­ner Zufall?« Ent­täuscht nehme ich mein ver­gilb­tes und schon lang­sam aus­ein­an­der­fal­len­des Notiz­buch zurück.

»Nein, mit­nich­ten. Aber du hast dich doch auch mal mit Scha­ma­nis­mus aus­ein­an­der­ge­setzt …«

Ja, rich­tig, Scha­ma­nen gab es auch in fast allen Kul­tu­ren der Welt, Hei­ler, die in Kon­takt mit der Geis­ter­welt und mit den Ahnen stan­den.

«Und mög­li­cher­weise auch«, meint mein Freund Norbu, »in Kon­takt mit­ein­an­der.«

Es dau­ert einen Moment, bis die Erkennt­nis in mich ein­si­ckert. »Du meinst: über die Welt­meere hin­weg, von Volk zu Volk? Und das – tele­pa­thisch?!« Norbu weist bestä­ti­gend auf mein Notiz­buch. »Hm. Scha­ma­nen der euro­päi­schen Mega­lith-Kul­tur tau­schen sich geis­tig mit denen der Proto-Ame­ri­ka­ner aus …«, stelle ich mich vor. Und klar: Das könnte auch die Ähn­lich­keit der Pyra­mi­den erklä­ren, oder die Tat­sa­che, dass nicht nur die Ägyp­ter ihre Toten mumi­fi­zier­ten, son­dern auch einige Indio­stämme. Die Scha­ma­nen ken­nen neben der Unter­welt der Toten und der obe­ren Welt mit hilf­rei­chen Geis­tern näm­lich auch die mitt­lere Welt – das astrale Gegen­stück zu unse­rer Tages-Wirk­lich­keit und ihr Wider­schein in der geis­ti­gen Welt. Auf Rei­sen in die Mit­tel­welt könn­ten die Scha­ma­nen frü­he­rer Zei­ten, los­ge­löst von Raum und Zeit, fremde Kon­ti­nente und Zivi­li­sa­tio­nen besucht haben – und damit auch ihre jewei­li­gen Kol­le­gen.

»Viel­leicht aber auch nicht«, reißt mich Norbu aus mei­nen Über­le­gun­gen. »Es gibt Hin­weise dar­auf, dass es noch vor den Wikin­gern Kon­takte zwi­schen Europa und bei­den Ame­ri­kas gab. Die Chi­ne­sen, die Römer, Grie­chen, Ägyp­ter und Phö­ni­zier – sie alle sol­len dage­we­sen sein und Han­del mit den Kul­tu­ren dort getrie­ben haben. Und viel­leicht auch schon die Mega­lith­völ­ker. Und das alles, ohne dass ein Atlan­tis als Esels­brü­cke fun­gie­ren musste.«

Ich sehe wahr­schein­lich etwas ent­täuscht aus, denn Norbu fügt trös­tend an: »Aber natür­lich ehren dich deine frü­hen Recher­chen. Wer weiß, ob sie nicht doch noch ein­mal wich­tig wer­den und neue Ant­wor­ten geben? Oder neue Fra­gen auf­wer­fen?«

Ich weiß, dass mein Freund Norbu das nicht ernst meint, aber fühle mich trotz­dem auf selt­same Weise bestärkt, und der junge, neu­gie­rige Vier­zehn­jäh­rige, der irgendwo noch in mir steckt, freut sich, eine späte Bestä­ti­gung dafür zu bekom­men, bedeu­tende Grund­la­gen­for­schung betrie­ben zu haben.

Ich halte mein Notiz­buch fest in der Hand, als ich davon­radle, und beschließe, es nicht wie­der zurück in eine ver­staubte Schub­lade zu ste­cken, son­dern ihm einen Ehren­platz auf mei­nem Regal­brett mit Früh­wer­ken gro­ßer Genies ein­zu­räu­men.

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Das Titelbild zeigt eine surrealistische Collage mit Forschern in einem Labor, einem Hubschrauber über einer Maya-Pyramide, einem modernen Boot, einem polynesischen Boot mit Hütte, mesoamerikanischen Statuen – und das alles in einem Wirbel mit einer schneckenförmigen Struktur in der Mitte.

♫ Unear­thed ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor – wobei nicht ich es bin, des­sen Kör­per den Gang betritt, son­dern ein Frem­der, in des­sen Geist ich unbe­merkt sitze –, erleich­tert, dass end­lich die Zeit gekom­men ist, ihn zu ver­las­sen. Dies­mal war es Peter Auf­schnai­ter, der – nach einer dra­ma­ti­schen Flucht – zusam­men mit Hein­rich Har­rer am 15. Januar 1946 die tibe­ti­sche Haupt­stadt Lhasa erreicht hatte und dort in den fol­gen­den Jah­ren ein Was­ser­kraft­werk und Kana­li­sa­ti­ons­an­la­gen anlegte.

Es ist immer ein Kor­ri­dor oder ein Gang oder ein Tun­nel, der mich aus einem Kopf hin­aus- und in einen ande­ren hin­ein­führt. Irgend­wie muss diese Art der Geist­reise mit dem »Schne­cken­haus« zu tun haben, die­ser ver­schlun­ge­nen metal­le­nen Struk­tur, die viel Rechen­zeit an den Hoch­leis­tungs­rech­nern der Uni ver­schlun­gen hat – und schließ­lich auch mich. Ich hätte nie hin­ein­krie­chen sol­len.

Seit­dem reise ich kör­per­los durch die Zeit. Es ist wie ein Traum, der immer wie­der blass und undeut­lich wird, und stän­dig pla­gen mich diese Kopf­schmer­zen – ein Seins­zu­stand, für den der Mensch nicht geschaf­fen ist. Es ist etwas Unna­tür­li­ches mit mir gesche­hen. Ich bin gefan­gen in frem­den Kör­pern, frem­den Zei­ten, an frem­den Orten – nur dass ich fast immer sofort weiß, wo ich bin.

Ob ich mit Marie Curie im Labor stehe, mit Fre­de­rick Cather­wood die Maya­me­tro­pole Uxmal doku­men­tiere, mit Thor Heyer­dahl auf der Kon-Tiki einen Sturm über­stehe oder mit Amund­sen den Süd­pol errei­che: Stets sind es die Hel­den mei­ner Kind­heit und ihre Stern­stun­den, die meine geheim­nis­volle Rei­se­route bestim­men.

Immer ver­weilt mein Geist solange im Kopf eines Beglei­ters mei­ner Kind­heits­hel­den – und das sind manch­mal Wochen oder gar Monate! –, bis sie einen Gang oder etwas Ähn­li­ches betre­ten. Ein Tür­rah­men genügt nicht. Der Gang muss offen­bar eine gewisse Länge besit­zen. Es ist dann so, als ver­löre ich den Halt. Ich schwanke, schleu­dere, wirble, um mich dann abrupt im Kopf eines ande­ren Men­schen wie­der­zu­fin­den.

Immer wie­der drifte ich weg, und auch das Erin­nern an frü­her fällt mir schwer: Was gab es da noch für Hel­den mei­ner Kind­heit? Dinos! Wie so viele in jun­gen Jah­ren war ich von Dino­sau­ri­ern fas­zi­niert. Manch­mal beschleicht mich die Angst, dass mich meine Reise auch in diese ferne Ver­gan­gen­heit füh­ren könnte: Was wird sein, wenn ich an einen Ort gerate, in ein Leben gerate, in dem es keine Gänge, Flure und Tun­nels gibt? Ist meine Reise dort zu Ende? Bin ich end­lich rich­tig tot, wenn der­je­nige stirbt, in des­sen Kopf ich hocke und mit des­sen Augen ich sehe? Oder gelange ich dann zurück ins »Schne­cken­haus« und erwa­che dort aus unbe­herrsch­ba­ren, ver­schlun­ge­nen Kind­heits­träu­men?