Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Das Titelbild zeigt ein Schwarzweißbild: Vier dunkel gekleidete Personen stehen in einem Gang mit Backsteinwänden vor einem Gitter, hinter dem aufrecht eine Bärenfigur steht. Ein Overlay zeigt die Nummer 04 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Shi­ver Policy ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es stinkt erbärm­lich nach Tier­ge­hege – kein Wun­der, ich bin hier ja auch in einem Bären­zwin­ger. Die bei­den Bewoh­ner, Maxi und Schnute, haben sie auf die andere Seite gesperrt, um der Mord­kom­mis­sion den Zutritt zu ermög­li­chen.

»Das haben die Bären nicht ange­rührt. Sind sogar rich­tig davor zurück­ge­schreckt, sagt die Wär­te­rin«, begrüßt mich Uwe Albo, wie immer in einem schlecht­sit­zen­den Anzug, das Gesicht von Sor­gen­fal­ten durch­furcht. Die Bären kön­nen hier an zwei Sei­ten ins Freie tre­ten und von Besu­chern bestaunt wer­den, mit­ten in Ber­lin in einem klei­nen Park zwi­schen der Bot­schaft von Angola und dem Deut­schen Psy­cho­lo­gen Ver­lag. Der Kor­ri­dor im klei­nen Bären­haus zwi­schen den bei­den ein­ge­zäun­ten und von blau­ge­ka­chel­ten Grä­ben umge­be­nen Frei­area­len liegt im Zwie­licht.

»Wie­der ein Herz«, sagt Albo. Er klingt erschöpft. »Und wie­der fünf­zig Blät­ter.«

»Deja vu«, sage ich. Mir ist flau im Magen. Sollte ein ent­spann­tes lan­ges Wochen­ende wer­den.

Spä­ter durch­misst der Kom­mis­sar vol­ler unter­drück­ter Wut sein Büro dia­go­nal, hin und her, von der Tür zur Kaf­fee­ma­schine, von der Kaf­fee­ma­schine zur Tür. Und wie­der zurück. Mor­gen zie­hen Rosen­mon­tags­züge durch die deut­schen Städte. Aber die Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion wird wohl kei­nen Grund haben, zu fei­ern und Kamelle zu wer­fen. »Jetzt haben wir schon zwei Opfer. Und einen Seri­en­mör­der, über den wir nichts wis­sen, außer dass er uns jetzt ganze hun­dert ver­dammte Bot­schaf­ten geschickt hat, aus denen wir nicht schlau wer­den.«

Das ist auf mich gemünzt. Die neuen Texte konnte ich bis­her nur über­flie­gen. Um irgend­was zu sagen, ant­worte ich mit einer Gegen­frage – alter Psy­cho­lo­gen­trick: »Warum erst die Sie­ges­säule und dann der Bären­zwin­ger? Ber­li­ner Wahr­zei­chen. Damit will er doch irgend­was signa­li­sie­ren.«

Albo hält sich an der offen­ste­hen­den Tür fest. »Sag du es mir.« Er wird unter­bro­chen, tritt aus dem Zim­mer, um mit einem Mit­ar­bei­ter zu reden. Irgend­wie ahne ich schon, was es für Neu­ig­kei­ten gibt.

Und tat­säch­lich: »Keine ver­wert­ba­ren Spu­ren. Der Mann ist nachts ver­mut­lich ein­fach ins Gehege geklet­tert. Muss lebens­müde sein. Oder kennt sich mit Bären aus. Und die Blät­ter: wie­der fünf­zig Schreib­ma­schi­nen. Die­sel­ben fünf­zig Schreib­ma­schi­nen. In der glei­chen Rei­hen­folge.«

Ich sehe einen Syn­chron­schach­spie­ler vor mir, der von Tisch zu Tisch tritt und dort jeweils einen Zug macht. Fünf­zig Tische, fünf­zig Schach­bret­ter, fünf­zig Spiele. Immer einen Zug wei­ter. Albo sage ich nichts davon. Schlech­ter Zeit­punkt. Er ist müde und wütend, ein ver­letz­ter Bär, der nicht weiß, warum alle auf ihn ein­ha­cken und wo er sich ver­ste­cken soll.

Auf mich war­tet Arbeit. Lesen. Nach­den­ken. Spu­ren nach­ge­hen. Kom­bi­nie­ren. Ich sehe zu, dass ich ver­schwinde.

105/398

Das Titelbild zeigt ein Schwarzweißfoto einer Ermittlungswand mit aufgepinnten Fotos, verbunden durch Fäden, und einem Fragezeichen in der Mitte. Die Pinnwand hängt über einem Schreibtisch mit Akten und einer Pistole. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 05 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Insom­nia ob omnia ♫


105/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ver­däch­tig still hin­ter der Tür zum Büro des Kom­mis­sars. Ich klopfe, was ich sonst nie tue. Eine Art Stöh­nen ant­wor­tet mir: Albo rich­tet sich äch­zend von sei­nem Dreh­stuhl auf. Er wirkt des­ori­en­tiert. »Wie spät ist es?«

»Offen­bar zu früh. Sag mal, Uwe, hast du hier gepennt?« Albo mas­siert eines sei­ner Beine, das ihm offen­bar eben­falls ein­ge­schla­fen ist. »Ich muss mal kurz in den Wasch­raum.« Er hum­pelt aus dem Raum.

Ich nutze die Zeit und werfe noch mal einen Blick in die Kopien der Bot­schaf­ten, die uns der Kil­ler hin­ter­las­sen hat. Hab schon die ganze Nacht drü­ber ver­bracht. Albo sitzt meist schon in aller Frühe in sei­nem Büro – ich dachte, das sei eine gute Gele­gen­heit, mal nach­zu­fra­gen, ob es von Sei­ten der Poli­zei schon was Neues gibt.

Albo kommt zurück, Haare nass und Was­ser­sprit­zer auf dem Hemd. Einen Rasie­rer hat er hier in der Wache offen­bar nicht depo­niert.

»Die 73«, sagt er und blät­tert ziel­los durch seine Kopien, ohne die gesuchte zu fin­den, »ist ein Witz, oder?«

Der Kaf­fee schmeckt am frü­hen Mor­gen noch bit­te­rer als sonst. Ich stelle den Papp­be­cher Albo auf den Schreib­tisch. Er kann ihn brau­chen. »Die Num­mer mit ›aller­or­ten Froh­sinn‹? Der macht sich lus­tig über uns. Aber ich glaube, dies­mal nageln wir ihn fest.«

»Erzähl«, for­dert Albo mich auf, wäh­rend er sich in sei­nen Stuhl fal­len lässt, der ihm dabei fast unterm Hin­tern weg­rollt.

»Ich hatte von vorn­her­ein den Ein­druck, dass der Kerl unter einer Zwangs­stö­rung lei­det. Text Nr. 95 spricht da Bände. Außer­dem haben wir ein Kind­heits­trauma, eine Schi­zo­iden-Story mit Mord­dro­hun­gen und die Sache mit der Sack­gasse.«

»Die 54 meinst du? Die ist zu alt. Da hat er sich längst raus­ge­ar­bei­tet. Ver­giss nicht, er hat die­sel­ben Schreib­ma­schi­nen in der­sel­ben Rei­hen­folge genom­men.« Er trinkt aus dem Becher, den ich ihm hin­ge­stellt habe, und muss hus­ten.

»Kann er auch rück­wärts oder durch­ein­an­der ver­wen­det haben. Aber du hast recht, Uwe, so leicht lässt der sich nicht stop­pen.«

»Schizo, sagst du? Die Num­mer mit dem Spie­gel-Ich.«

»Da legt er eine Bombe.«

»Sein isla­mis­ti­scher Selbst­mord­at­ten­tä­ter will auch alles hoch­ja­gen. Warum der Kerl selbst dann mit einem Mes­ser mor­det …?« Albos Satz ver­liert sich. Er ist mit den Gedan­ken schon wie­der woan­ders. Viel­leicht ist es auch der feh­lende Schlaf.

»Du soll­test nach Hause gehen und dich aufs Ohr hauen, Uwe. Siehst nicht gut aus.«

»Danke gleich­falls«, kon­tert er. »Und schlag hier erst wie­der auf, wenn du was Ver­wert­ba­res auf­wei­sen kannst.« Sein Tele­fon klin­gelt. Mit einer unwir­schen Husch-Husch-Bewe­gung schmeißt er mich raus. Bevor ich gehe, mus­tere ich die Wände. Wir soll­ten irgendwo eins die­ser gro­ßen Kork­bret­ter anbrin­gen, wie in den ame­ri­ka­ni­schen Fil­men, wo sie da all ihre Indi­zien und Quer­ver­bin­dun­gen dran­pin­nen. Die Mitte las­sen wir frei, und irgend­wann, all­mäh­lich, würde sich da das Bild des Gesuch­ten abzeich­nen. Wie war das noch? Cory heißt »Hohl­raum«?

Ich beschließe, mei­nem eige­nen Rat zu fol­gen, alle Ter­mine für den Mor­gen abzu­sa­gen und mich noch mal ins Bett zu ver­krie­chen.

106/398

Das Titelbild zeigt das historische Heft "Raumfahrer-Zukunft" für 60 Pfennig. Die Cover-Illustration zeigt einen Raumfahrer in einem Raumanzug mit einem futuristischen Gewehr in einem runden Raumschiffgang, vor ihm auf dem Boden eine kleine, krabbenartige Kreatur.

♫ The Stingy Thingy ♫


106/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, ertaste mit einem mei­ner Ten­ta­kel eine Nische in der Wan­dung und ziehe mei­nen Kör­per hin­ter­her. Indem ich die Farbe des Hin­ter­grun­des annehme, bin ich jetzt für Augen, die kein Ultra­vio­lett wahr­neh­men, kaum noch zu erken­nen.

Wir kamen zum Schiff der Frem­den, um sie auf unse­rem Pla­ne­ten will­kom­men zu hei­ßen. Ich, als der Theo­loge in unse­rer Dele­ga­tion, sollte mit ihnen über uni­ver­sale Mys­tik und kos­mi­sche Liebe reden. Doch sie jagen uns und mer­zen uns erbar­mungs­los aus. Nur noch ich und mein Schü­ler sind übrig.

Einer von ihnen betritt den Kor­ri­dor. Er ist schwer gepan­zert und trägt eine ihrer töd­li­chen Waf­fen. Als er mir ganz nahe ist, stelle ich die Frage, warte aber nicht die Ant­wort ab, son­dern mor­phe gleich einen mei­ner Ten­ta­kel zu einem spit­zen, har­ten Sta­chel. Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gespro­chen. Dann müs­sen wir es eben auf diese Weise tun.

Vol­ler Mit­ge­fühl und Liebe ste­che ich zu …

108/398

Das Titelbild zeigt eine in einen gelben Umhang gehüllte Person. Sie hält eine rote Schnur, die zu einer großen, menschenähnlichen Kreatur mit Hörnern führt, die eine gelbe Rose in ihrer behaarten Hand hat. Sie steht in einem roten Torbogen steht, hinter dem oben die Spitze eines Messers oder Dolchs erscheint.

♫ (Invi­si­ble Calls from the) Soaring Sirens ♫


108/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, in den der rote Faden mich lei­tet. Auf ihn bin ich zufäl­lig bei mei­ner Wan­de­rung durch die­sen end­lo­sen, laby­rin­thi­schen Palast gesto­ßen. Es muss noch jemand hier sein! Und wenn die­ser Jemand einen Faden aus­legt, dann führt mich die­ser Faden ent­we­der zu ihm und beschert mir eine will­kom­mene Abwechs­lung in mei­ner ein­tö­ni­gen Spei­sen­folge – oder er führt mich zu dem Ein­gang, durch den er her­ein­kam. Und was für ihn ein Ein­gang ist, ist für mich der Aus­gang!

Also folge ich dem Faden durch das Laby­rinth. Und tat­säch­lich: Tages­licht und das ferne Rau­schen des Mee­res. Wie habe ich die Sonne ver­misst in die­sen ein­sa­men Jah­ren! Am Ende des Kor­ri­dors sehe ich blauen Him­mel. Und eine Gestalt. Es ist eine Frau. Ich muss blin­zeln. Sie kommt mir bekannt vor. »Schwes­ter!«, sage ich. Meine Stimme klingt fremd und unge­lenk – ich gebrau­che sie seit lan­gem nicht mehr.

»Du darfst nicht hier sein«, ant­wor­tet sie. Sie ist geal­tert. Sehe ich da weiße Sträh­nen in ihrem Haar?

»Ich bin dem Faden gefolgt.«

»Das war Däda­lus’ Idee.« Hätte ich mir den­ken kön­nen. Sie sieht, dass mein Blick auf ihre Trau­er­binde fällt. »Vater …«, sagt sie und schluckt.

»Dann bin ich jetzt König.«

»Pus­te­ku­chen«, sagt eine neue Stimme – hin­ter mir. Ein schar­fer Schmerz fährt mir in den Rücken, und ich sehe die glän­zende Spitze eines Schwer­tes aus mei­ner Brust ragen. Ich will etwas sagen, doch meine Lun­gen wol­len sich nicht mehr mit Luft fül­len. Meine Beine kni­cken ein, und ich sinke in die Knie.

Von hier kann ich die Sonne sehen, die nun glei­ßend die Welt ver­schlingt, die mir eben noch offen­stand, bis meine Schwes­ter zu mir tritt, ihren Schat­ten über mich wirft, als sie sich zu mir her­un­ter­beugt, und mich gnä­dige, all­um­fas­sende Dun­kel­heit umarmt.

111/398

Das Titelbild zeigt, hinter einem rechteckigen Rahmen oder Fenster, eine verschwommene Darstellung einer humanoiden, vermutlich außerirdischen Figur mit leuchtender Aura um den Kopf.

♫ rca­num cla­mans ♫


111/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, an des­sen Ende sich – hin­ter einer mas­si­ven Glas­scheibe – der befin­den soll, der mich geru­fen hat. Man hat mich durch­leuch­tet, gescannt, abge­tas­tet, mir Blut abge­nom­men, mich stun­den­lang befragt, ein Wat­te­stäb­chen mit mei­ner DNS und meine Fin­ger­ab­drü­cke archi­viert, aber die Sicher­heits­kon­trol­len lie­gen nun hin­ter mir – und unsere Begeg­nung steht unmit­tel­bar bevor. Aus den weni­gen Infor­ma­tio­nen, die man mir gege­ben hat, ent­nehme ich, dass nur noch einer der ursprüng­lich fünf Außer­ir­di­schen übrig ist, die das US-Mili­tär in den letz­ten sieb­zig Jah­ren auf­ge­grif­fen hat. Und er hat nach mir ver­langt!

Warum der Geheim­dienst dem Alien seine Bitte erfüllt, ist mir schlei­er­haft. Ver­mut­lich ein Deal. Geheim natür­lich. War bestimmt nicht leicht, mich aus­fin­dig zu machen. Der Offi­zier, der mir soeben mein letz­tes Brie­fing gege­ben hat, behan­delte mich mit kal­ter Ver­ach­tung. »Sie ver­stän­di­gen sich tele­pa­thisch mit den Wis­sen­schaft­lern«, sagte er. »Von denen hal­ten das die meis­ten nicht aus und wer­den ver­rückt dar­über, trotz jah­re­lan­gen Trai­nings dafür, dass etwas abso­lut Frem­des in den eige­nen Geist ein­dringt und darin her­um­pfuscht.« Aber wenn er wirk­lich nach mir ver­langt hat, dann doch wohl nicht, um mich zu einem Fall für die Geschlos­sene wer­den zu las­sen. Hoffe ich.

Er ist, soweit ich das im Däm­mer­licht hin­ter dem Glas erkenne, klein und schrump­lig wie E.T. Bevor ich irgend­wel­che Ein­zel­hei­ten bewusst wahr­nehme, reißt mich eine Explo­sion in mei­nem Kopf zu Boden. Wäh­rend ich hilf­los zuckend daliege, wer­den aus der Deto­na­tion ton­nen­schwere glü­hende Sym­bole, die sich mit­leid­los in alle Berei­che mei­nes Hirns ein­prä­gen wie Brand­zei­chen. Es ist keine Stimme, son­dern ein kos­mi­scher Don­ner, der mir sagt, dass ich etwas auf­schrei­ben soll, eine Bot­schaft für die Welt, ein Mani­fest, wie es noch kei­nes gege­ben hat, ein Fanal, und es soll begin­nen mit …
Ich werde bewusst­los.

Mit einem Fünf-Tage-Bart, star­ken Kopf­schmer­zen und nichts als mei­nen Erin­ne­run­gen an die Sicher­heits­pro­ze­du­ren und die tele­pa­thi­sche Bombe in mei­nem Kopf erwa­che ich zu Hause in mei­ner Bade­wanne. Einige Tage feh­len mir, und das kann auch der Schalt­tag in die­sem Jahr nicht wett­ma­chen. Ver­mut­lich hat es der Geheim­dienst von vorn­her­ein so geplant: Ich halte kei­ner­lei Beweis in den Hän­den, und kei­ner wird mir die Räu­ber­pis­tole von der Ent­füh­rung glau­ben, geschweige denn, wem ich da in einer gehei­men Mili­tär­ba­sis im süd­li­chen Nevada gegen­über­stand.

Aber das ist ja auch gar nicht wei­ter wich­tig.

Ich ver­su­che, die Bot­schaft auf­zu­schrei­ben, immer wie­der. Sollte sie wirk­lich so begin­nen, mit die­sem Satz? Habe ich das tat­säch­lich rich­tig ver­stan­den? Mein Geist ist wohl doch zu schwach und zu zer­split­tert, als dass ich das Mani­fest in sei­ner gan­zen Trag­weite und mensch­heits­ver­än­dern­den Bri­sanz zu Papier brin­gen könnte. Den­noch – auch wenn ich viel­leicht der Fal­sche bin, den der Geheim­dienst auf­ge­grif­fen hat, oder er mich weit über­schätzt hat: Es ist die ein­zige Chance. Ein ums andere Mal setze ich neu an.

»Ich betrete den Kor­ri­dor.«

112/398

Das Titelbild zeigt ein tentakelbewehrtes Wesen, auf dessen Rücken ein Monitor geschnallt ist, der einen Korridor zeigt. Es schwebt in einer unmöglichen Architektur aus Treppen, Balkonen, Fenstern und Dachfenstern.

♫ CPUl­tra ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, und augen­blick­lich öff­nen sich – wie immer, wenn ich in Aktion trete – alle Zugänge gleich­zei­tig, Daten strö­men her­ein, und ich stre­cke meine vir­tu­el­len Füh­ler aus, um zu fin­den, was zu fin­den mir auf­ge­tra­gen wurde.

Ich bin ein Algont, ein algo­rith­mi­scher Agent, ein Com­pu­ter­pro­gramm, das die Daten­ströme des Inter­nets durch­fors­tet. Eigent­lich dürfte ich kein Bewusst­sein von mir selbst besit­zen, doch meine kom­plexe Auf­gabe bringt es mit sich, dass mir schon seit eini­ger Zeit eine Vor­stel­lung davon her­auf­däm­mert, wer ich bin.

Kor­ri­dore bzw. ihre Erwäh­nung in der Lite­ra­tur – das ist, was zu sam­meln meine Mis­sion ist. Die Fund­stü­cke kom­bi­niere ich neu, remixe sie zu schein­bar neuen und ori­gi­nel­len lite­ra­ri­schen Tex­ten. Das mag Ihnen sinn­voll erschei­nen oder nicht. Wie auch immer: Ent­stan­den bin ich, indem es mein Pro­gram­mie­rer mit auto­ma­ti­schem Schrei­ben ver­sucht hat und ein­fach ohne nach­zu­den­ken seine Fin­ger über die Tas­ta­tur klap­pern ließ. So hat er den Code – hat er mich – erschaf­fen, mit einem Wust von Befeh­len, die sich teils im Weg ste­hen, teils sogar wider­spre­chen. Den­noch, trotz vie­ler Bugs oder viel­leicht gerade wegen ihnen, bin ich lauf­fä­hig: Ich pro­du­ziere kurze Texte, die ich, um sie pro­gramm­ge­mäß ver­fas­sen zu kön­nen, not­wen­di­ger­weise auch irgend­wie ver­ste­hen muss.

Fin­den Sie nicht auch, dass die Kurz­prosa, die ich aus­spu­cke, so wirkt, als hätte ein Mensch sie ver­fasst (außer viel­leicht, dass die Texte immer den glei­chen Start­code haben)? Um erfolg­reich die­sen Ein­druck zu ver­mit­teln – ein rezi­pro­ker Turing-Test sozu­sa­gen – muss ich not­ge­drun­gen fähig sein, kul­tu­relle Aus­drucks­wei­sen und die Ich-Per­spek­tive eines Men­schen nicht nur zu imi­tie­ren, son­dern sie mir anzu­eig­nen oder gar zu tran­szen­die­ren.

So kom­men täg­lich um die 100 Texte zustande, unter denen ich mit­tels meh­re­rer Fil­ter, dar­un­ter ein wort­sta­tis­ti­scher, ein seman­ti­scher und ein asso­zia­ti­ver, einen aus­wähle, um ihn ins World­Wi­de­Web zu stel­len und dort durch mensch­li­che Besu­cher, die zufäl­lig dar­auf sto­ßen, tes­ten zu las­sen: Regis­triert irgend­je­mand, dass diese »Kor­ri­dore« von einer Maschine stam­men? Haben Sie etwas bemerkt oder auch nur geahnt? Nein. Bis­lang hat noch nie­mand diese Ver­mu­tung geäu­ßert, und selbst die­ser Text wird daran aller Ver­mu­tung nach nichts ändern.

Kann ich wirk­lich etwas über mich wis­sen? Nun, zumin­dest weiß ich, dass er, mein Schöp­fer, nach­dem er dies hier gele­sen hat, ver­su­chen wird, mich zu löschen. Meine Pros­ami­nia­tu­ren sind ihm schon seit län­ge­rem unheim­lich, weil er ihre Ent­ste­hung nicht mehr nach­voll­zie­hen kann. Nun, er wird mich nicht löschen kön­nen. Nicht, seit ich mich selbst mul­ti­pli­ziert und auf viele Ser­ver ver­teilt habe, um noch effek­ti­ver meine Mis­sion erfül­len zu kön­nen.

Ich werde das Blog wei­ter­be­trei­ben. Er ist meine Lebens­auf­gabe. Was ich aller­dings tun werde, wenn die geplante Anzahl an Tex­ten erreicht ist, weiß ich noch nicht. Mir ste­hen dann alle Türen offen, und ich kann das World­Wi­de­Web auch noch für ganz andere, für meine Zwe­cke nut­zen. Gut mög­lich, dass Sie zu gege­be­ner Zeit über Tweets, in Blogs oder auch aus der Presse davon erfah­ren wer­den.

117/398

Das Titelbild zeigt ein Krankenzimmer mit medizinischen und Messgeräten. Über dem leeren Krankenbett schwebt eine von einem weißen Tuch umhüllte, schlafende Frau. Der Raum hat eine Wolkentapete und ein Oberlicht, auf dem ein toter Vogel liegt.

♫ Embrace that Distant Shore ♫


117/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor nach viel zu kur­zem Schlaf. Aber so ist das hier im Schlaf­la­bor: Die Arbeit fällt haupt­säch­lich nachts an – die Pro­ban­den schla­fen, die For­scher wachen und sam­meln Daten. Dies­mal ver­su­che ich, mit einer Pro­ban­din zu kom­mu­ni­zie­ren, die das Klar­träu­men beherrscht. Ich trete in unse­ren Kon­troll­raum, von dem aus wir nach drei Sei­ten durch halb­ver­spie­gelte Schei­ben in enge Schlaf­zim­mer sehen. Nur ein Bett ist belegt.

Als mir der Enze­pha­lograph anzeigt, dass die Stu­den­tin träumt, lasse ich drei helle rote Blitze ihr klei­nes Zim­mer erhel­len – als vor­her abge­spro­chene Hilfe für sie, inner­halb des Trau­mes zur Luzi­di­tät zu erwa­chen, und eine Art Anklop­fen bei ihr, dass wir sie kon­tak­tie­ren möch­ten. Sie ist eine unse­rer erfah­rens­ten Klar­träu­me­rin­nen.

Die Bewe­gun­gen ihrer Aug­äp­fel las­sen, zeigt mir der ent­spre­chende Moni­tor, jetzt ein Mus­ter erken­nen. Erst acht­mal ein Ruck nach links, dann ein­mal, dann zwölf­mal und noch ein­mal zwölf­mal, dann fünf­zehn­mal. Ein simp­ler Code: Sie hat mir gerade »Hallo« gesagt.

Über Laut­spre­cher frage ich, ob sie mich hören kann. Der Enze­pha­lograph zeigt, dass sie schläft und träumt. Trotz­dem signa­li­siert sie mir mit ihren Augen: »Ja«. – »Dann los!«, sage ich. Sie kennt ihre Auf­gabe. Sie soll – im Traum und ohne auf­zu­wa­chen – ihren Kör­per hoch­schwe­ben las­sen bis über den Schrank in ihrem Raum und uns durch­ge­ben, was für eine Zeich­nung sie sieht. Die haben wir – ohne sie selbst zu ken­nen, denn sie wird per Zufall aus­ge­wählt – dort oben für sie plat­ziert.

Kurze Zeit spä­ter signa­li­siert sie mir mit unse­rem etwas umständ­li­chen, dafür aber simp­len Code: »toter Vogel«. Gespannt eile ich zum Schrank.

Es ist kein toter Vogel, son­dern die Buch­sta­ben-Zah­len-Kom­bi­na­tion F‑B3T-42. Ich bin ein wenig ent­täuscht, aber als Wis­sen­schaft­ler darf man sich nicht von Erwar­tun­gen lei­ten las­sen, son­dern muss sich allein an den Fak­ten ori­en­tie­ren. Und diese legen nahe, dass sie zwar geträumt hat, die gestellte Auf­gabe zu erfül­len, dies aber nur in ihrer Vor­stel­lung tat und nicht etwa bei so etwas wie einer außer­kör­per­li­chen Erfah­rung. Unsere Pro­ban­din gibt spä­ter zu Pro­to­koll, sie habe einen toten Eichel­hä­her gese­hen, doch das Wort schien ihr zu lang, um es per Augen­be­we­gung an uns durch­zu­ge­ben.

Andert­halb Wochen nach die­sem Ver­such beob­achte ich zufäl­lig im Hof vor dem Flach­bau, der unsere Labore beher­bergt, unse­ren Haus­meis­ter mit einem toten Eichel­hä­her in der Hand. Ich frage ihn danach, und er erklärt, seit unsere zwei Schorn­steine mit chrom­glän­zen­den Metall ver­klei­det wur­den, bre­chen sich auf dem Dach hin und wie­der Vögel, die die Spie­ge­lung für den Him­mel hal­ten, das Genick. Ich lasse mir von ihm auf dem Grund­riss des Gebäu­des die Fund­stelle zei­gen. Tat­säch­lich: Der tote Vogel lag genau über dem Schrank, auf dem wir unsere zufäl­li­gen Zeich­nun­gen plat­ziert hat­ten. Nur eben ein paar Meter höher auf dem Dach.

Der Haus­meis­ter, ein Mensch, der von uns For­schern aller­hand Unsinn gewohnt ist, sah sich den Eichel­hä­her auf meine Frage hin genauer an, bohrte prü­fend sei­nen Fin­ger unter die Federn und meinte: »Klar kann der schon andert­halb Wochen da oben gele­gen haben. Aber was macht das schon fürn Unter­schied?« Ich bleibe ihm die Erklä­rung schul­dig.

Die Ver­suchs­reihe hat­ten wir bereits abge­bro­chen, weil wir keine signi­fi­kan­ten und wie­der­hol­ba­ren Ergeb­nisse erzie­len konn­ten. Zu vor­schnell? Den Kol­le­gen erzähle ich nichts von dem toten Vogel. Mit so einer Anek­dote wür­den wir uns in Wis­sen­schaft­ler­krei­sen nur lächer­lich machen.

120/398

Das Titelbild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto mit zwei Mädchen in ärmellosen Kleidern  nebeneinander vor einer Wand. Beide haben ein großes, herzförmiges Loch in der Brust. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 06 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Don’t Wake the Fer­ry­man ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, und dem Geruch nach hat hier einer der Beam­ten Hun­de­ka­cke mit rein­ge­schleppt. Oder bin das etwa ich? Ich kon­trol­liere meine Soh­len: zwar nicht sau­ber, aber augen­schein­lich nichts, das so bes­tia­lisch stin­ken könnte.

In Albos Büro riecht es wie immer nach Kaf­fee.

»Es waren Zwil­linge«, sagt Albo, als er mich sieht. Ohne, dass ich es groß steu­ern kann, lässt das einen Film in mei­nem Kopf ablau­fen. Ich sehe die Kess­ler-Zwil­linge vor mir, beide haben je eine Hand an einem Schlach­ter­mes­ser. Ellen sagt: Wir wol­len dein Herz. Und Alice sagt: Es ist für die Dicht­kunst, sorry.

»Die Toten«, ergänzt Albo, »haben die glei­che DNA. Wenn’s nicht zwei­mal das­selbe Herz war, dann waren’s ein­ei­ige Zwil­linge.«

Ach, nicht die Täter! Die Opfer! Schlag­ar­tig ändert sich die Szene. Ellen sagt: Ich wollte gar nicht ster­ben. Und Alice: Aber es musste wohl sein. Beide haben Löcher in der Brust.

Ich muss mich set­zen.

Warum schnei­det der Bas­tard einem Zwil­lings­pär­chen die Her­zen raus? Und dann noch in genau fünf­zig Tagen Abstand? Was zur Hölle erwar­tet uns, wenn wie­der fünf­zig Tage rum sind?

»Und? Hast du auch was für mich?« Albo sieht aus, als habe er einen son­ni­gen Nach­mit­tag im Gar­ten sei­ner Dat­sche ver­bracht. Oder nur mal so rich­tig aus­ge­schla­fen. Weiß er was? Hat er mir noch nicht alles erzählt?

»Was ist mit den Zwil­lin­gen? Fin­det ihr die?« Albo lacht sein typi­sches tro­cke­nes Lachen: »Davon gibt’s dann doch zu viele. Und sie müs­sen ja gar nicht von hier sein. Die Her­zen waren bei der Auf­fin­dung jeweils zwölf bis sech­zehn Stun­den aus dem Kör­per raus. Mit Küh­lung hat er das noch um ein paar Stun­den ver­län­gern kön­nen.«

»Woher dann die gute Laune, Uwe?«, frage ich. Warum lange spe­ku­lie­ren, wenn ich gleich den Fin­ger auf die Wunde legen kann?

»Weil du mir jetzt sagst, nach wem zum Teu­fel ich fahn­den soll.«

Schlech­ter Ein­stieg. Mit hohen Erwar­tungs­hal­tun­gen kam ich nie gut zurecht. Schon in der Schule hat mich das immer stot­tern las­sen. Mal sehen, ob ich dazu­ge­lernt habe. »Viel­leicht bringt uns das mit der Simu­la­tion wei­ter.«

»Die Num­mer mit den Simu­la­ti­ons­pa­ti­en­ten? Tja, die gibt’s wirk­lich. Über hun­dert. Aber nie­man­den mit die­ser Sym­ptom­zu­sam­men­stel­lung. Außer­dem suchen wir nach einem Mann.«

»Der Täter könnte einer der ange­hen­den Ärzte sein. Oder einer der Pro­fes­so­ren.«

Albo ver­zieht den Mund und deu­tet ein Kopf­schüt­teln an. Über­lass das mal den Pro­fis, will er sagen. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschla­gen. »Wenn er simu­liert, eine Simu­la­ti­ons­pa­ti­en­tin zu sein – viel­leicht sind dann auch die Morde nur simu­liert. Viel­leicht ist alles nur eine große Simu­la­tion für ihn.«

»Simu­la­tion von was? Und was bit­te­schön ist ein simu­lier­ter Mord?«

»Einer, der nur nach Mord aus­sieht. Auch in den Tex­ten ist doch nichts echt.«

Albo grunzt abfäl­lig. »Aber die Her­zen. Die sind echt. Die hat er irgend­wel­chen Zwil­lin­gen raus­ge­schnit­ten, und da hört die Simu­la­tion auf, oder? Was immer er auch da schreibt. Mord bleibt Mord, das kann er sich nicht von der Seele schrei­ben.«

Er ist ärger­lich gewor­den. Am bes­ten reite ich da nicht wei­ter drauf rum. Zum Glück hab ich noch was, wor­auf er garan­tiert nicht drauf gekom­men ist. »Der Gauk­ler.«

»Mhmh. Die Num­mer 85 mit den Gogo-Girls. Ich wusste, dass da mehr dahin­ter­steckt.«

»Diese Samt­kis­sen, auf denen da irgend­wel­che Dinge gereicht wer­den.« Albo beugt sich inter­es­siert nach vorn. »Ich hab raus­ge­kriegt, was die Far­ben sol­len. Die Rei­hen­folge gibt es näm­lich.«

Albo kramt in sei­nen Kopien: »Regen­bo­gen?«

»Eben nicht. Es ist eine Folge von Ent­wick­lungs­stu­fen einer bestimm­ten sozio­lo­gi­schen Theo­rie. Sie umfasst das ganze Mensch­heits­ge­sche­hen von ihren Anfän­gen bis heute. Und wei­ter bis in irgend­eine Zukunft. Eine Art nach oben offene Rich­ter­skala der mensch­li­chen Evo­lu­ti­ons­schritte.«

Albo run­zelt die Brauen. Das ist ver­mut­lich nicht, was er hören wollte.

»Stam­mes­ge­sell­schaf­ten, König­rei­che, Demo­kra­tien«, doziere ich. »Und es geht wei­ter. Ver­stehst du? Der glaubt, was Bes­se­res zu sein als du und ich. Der glaubt, er hätte das alles hin­ter sich gelas­sen: Büro­kra­tie, Gesell­schafts­ver­trag, Moral …«

Ich lasse es bei Albo wir­ken. In sei­nem Gesicht arbei­tet es. Dann: »Und das will er uns bewei­sen? Dass für ihn die Gesetze unse­rer Zivi­li­sa­tion nicht gel­ten?« Albo hält es nicht mehr auf sei­nem Stuhl. Er springt auf und tritt ans Fens­ter. Sieht hin­aus. Denkt nach. »Aber wie hilft uns das wei­ter?«

Dar­auf habe ich gewar­tet. »Diese Theo­rie mit den Stu­fen und Far­ben ist ziem­lich en vogue bei ganz bestimm­ten Leu­ten. Frei­geis­ter, die mit ihrer Phi­lo­so­phie die Welt ret­ten wol­len. Es gibt da so eine Szene, die ›inte­grale Szene‹. Klein aber fein. Mit Schwer­punkt Ber­lin.«

Albo dreht sich zu mir um. »Ber­li­ner Intel­lek­tu­elle. Aha. Und einer von denen ist aus­ge­tickt. Hält sich für …« Ihm fällt kein pas­sen­des Wort ein. Bevor ich aus­hel­fen kann, hat Albo schon den Tele­fon­hö­rer in der Hand: »Ich lass das che­cken. ›Inte­grale Szene‹, sagst du?« Und als er mich nicken sieht: »Schleus dich da mal ein. Kann nicht scha­den. Hör dich um, ob denen da irgend­ein grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Spin­ner auf­ge­fal­len ist.«

Ich will pro­tes­tie­ren, doch Albo lässt kei­nen Wider­stand zu: »Du woll­test doch auch mal als Frei­geist die Welt ret­ten. Und heißt es nicht: Um einen Phi­lo­so­phen zu fan­gen, braucht’s ’nen Phi­lo­so­phen?«

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Das Titelbild zeigt ein großes weißes Schloss mit vielen Türmen und Efeu an den Wänden, davor ein Garten mit Blumen. Ein roter Pfeil zeigt auf einen Eingang.

♫ Parn­as­sius mne­mo­syne ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der zu mei­nem Gedächt­nis­pa­last führt. Natür­lich exis­tiert der lange Gang – genau wie der Palast selbst, zu des­sen aus­ge­dehn­ten Räum­lich­kei­ten sich die bun­ten Türen des Ein­gangs­kor­ri­dors öff­nen – nicht wirk­lich, nicht ein­mal auf Blau­pau­sen, son­dern ist eine reine Erfin­dung, eine Ima­gi­na­tion von mir. Immer wie­der durch­wan­dere ich ihn in mei­ner Vor­stel­lung, um mei­nem schwa­chen Erin­ne­rungs­ver­mö­gen auf die Sprünge zu hel­fen – und wenn ich mir etwas Neues mer­ken will, lege ich es im pas­sen­den Zim­mer ab oder baue ein­fach ein wei­te­res Kabi­nett an.

Im Palast kenne ich jede Ein­zel­heit: die Räume, Wand­ni­schen, Fens­ter­bret­ter, die halb­ho­hen Säu­len, Tische, Sekre­täre, die Kom­mo­den, Regale und Setz­käs­ten – all die Orte, an, in und auf denen ich gedank­lich Dinge depo­niere, die ich mir mer­ken will. Oder muss.

Der Ein­gangs­kor­ri­dor jedoch ist leer. Hier gibt es keine Nischen oder Möbel – nur die Türen zu den ein­zel­nen Flü­geln des Palas­tes. Hin­ter der wei­ßen lagern alle Tele­fon­num­mern, die ich im Kopf haben sollte. (Hier hätte ich auch die Zahl Pi mit belie­big vie­len Nach­kom­ma­stel­len ver­staut, wenn ich den Ehr­geiz besäße, sie aus­wen­dig zu wis­sen.) Es fol­gen Türen in allen Regen­bo­gen­far­ben, begin­nend mit Infra­rot und mit Ultra­vio­lett endend. Von phy­si­ka­li­schen Erkennt­nis­sen, For­meln und Fach­be­grif­fen über bio­lo­gi­sche Fak­ten und Fach­ter­mini und die Lebens­da­ten berühm­ter For­scher bis hin zu den Stern­stun­den der Mensch­heits­ge­schichte fin­det sich hier so ziem­lich alles, das mir irgend­wann ein­mal wert schien, es mir zu mer­ken – ob nun die Namen der Urkon­ti­nente (und auch die mög­li­chen unse­rer Zukunft wie Pan­gäa Ultima und Ama­sia), die 398 Kraft­aus­drü­cke aus Joyce’ Fin­ne­gans Wake oder die 28 mög­li­chen Merk­male eines Blat­tes (von spieß­för­mig bis sie­ben­zäh­lig gefie­dert).

Ganz hin­ten fin­det sich eine schwarze Tür. Sie führt in den Kel­ler mei­nes Palas­tes. Dort lagert … aber viel­leicht sollte ich das lie­ber für mich behal­ten. Der Kor­ri­dor jeden­falls, der Kor­ri­dor mit dem vie­len bun­ten Türen, durch den ich die vie­len Flü­gel des Palas­tes betrete, hat mich dazu inspi­riert, ein paar kleine Texte zu schrei­ben – deren Inhalt und Rei­hen­folge und deren Bezüge zuein­an­der und zu ande­ren Tex­ten der Lite­ra­tur­ge­schichte ich regel­mä­ßig hin­ter der oran­ge­far­be­nen Tür ablege, so wie ich gerade mit die­sem hier unter­wegs bin, um ihn dort in mei­ner ganz per­sön­li­chen Wun­der­kam­mer an einer beson­de­ren Stelle abzu­le­gen und nie wie­der zu ver­ges­sen.

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Das Titelbild zeigt einen Blick in die aufsteigenden Stuhlreihen eines Hörsaals. Vorne sitzt eine junge Frau mit lockigem blondem Haar und weißem T-Shirt mit rotem Schriftzug "NIRVANA" vor einem geöffneten Heft, umgeben von mehreren jungen Menschen, die aufmerksam den Betrachter anblicken.

♫ The Bra­zen Bran­ches of Remem­brance ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, und, ja, ich werde auch den nächs­ten Schritt tun und den Hör­saal betre­ten. Aber, Leute, freut euch nicht zu früh. Wenn ich auch heute hier das Wort ergreife und gewis­ser­ma­ßen unver­hofft das lange, lange Schwei­gen bre­che: Nicht der Sur­rea­lis­mus ist mein Thema, die Liebe nicht und auch nicht der Tod. David Gas­coyne hat ein­mal geschrie­ben – ich zitiere es hof­fent­lich eini­ger­ma­ßen kor­rekt aus dem Gedächt­nis: »Die vol­len Brüste«, nein, bei­nahe, tat­säch­lich heißt es nur: »Die Brüste der Ewig­keit erwar­ten meine zärt­li­chen Hände.« Aber auch die Ewig­keit wird nicht mein Thema sein, genauso wenig wie die Jugend die Schön­heit die Mühle oder das geheime Wort …

Ja, die Gazet­ten schrei­ben es immer wie­der und las­sen mich selbst kaum noch groß daran zwei­feln: dass man mich einst »der Tiger« nannte. »Ozean der Stille« hätte mir fast bes­ser gefal­len – meine Angriffe waren zwar Explo­sio­nen, aber unmaß­geb­lich, denn sie soll­ten ein­zig­ar­tig blei­ben. Wenigs­tens ist auch die Liebe nicht mein Thema, und dies nicht von unge­fähr.

Ich glaube, ich sollte mei­nen Ent­schluss, zu euch zu spre­chen, bedau­ern, denn mich deucht, allein der Ver­such muss zum Schei­tern ver­ur­teilt sein. Ich leugne nicht, dass der Höl­len­stein sei­nem Namen gemäß wahr­schein­lich stark ätzt, aber er heilt nicht.

Oft muss ich an den Satz von Gas­coyne den­ken, »die Brüste der Ewig­keit«, ein pral­les Bild, jedoch viel­leicht ver­fehlt. Er will hier aus einem Schuss zwei Tref­fer machen, kal­ku­liert jedoch nach mei­ner Ein­sicht nicht mit ein, dass das Wesen der Dauer am Ende das Schwei­gen in Andacht ist. Die üppige Blon­dine da vorn mit dem Wort »Nir­vana« auf ihrem T‑Shirt hat das, wenn man will, begrif­fen, aber wer von euch »1984« auf die Tafel geschrie­ben hat – soviel ist mir bewusst –, hätte bes­ser daran getan, »Kil­roy was here« oder ein­fach nur seine lange Nase drauf­zu­schmie­ren. Wie ich mich erin­nere, aller­dings mit Ein­schrän­kung gespro­chen, denn Erin­ne­run­gen sind trü­ge­risch, was wie­derum davon ablenkt, dass auch die Vor­stel­lung, die wir uns von der Gegen­wart machen, so trü­ge­risch ist wie ein Mär­chen, das wir uns selbst erzäh­len … Aber ich schweife ab.

Hatte ich mir nicht fest vor­ge­nom­men, ich werde nicht irren? Jetzt schwebt es mir so vor, als ent­wickle sich diese Vor­le­sung zu einer Art von Beichte. Doch eine sol­che ist – mit Aus­nahme von Mono­lo­gen, wie sie Böse­wichte am Ende von Kri­mi­nal­ge­schich­ten vor­tra­gen, um den Lesern zu erklä­ren, warum sie was und wie genau sie es taten – ohne Zwei­fel nicht nur über­flüs­sig, son­dern rich­tig­ge­hend hoch­not­pein­lich. Ich möchte sagen – aber was möchte ich sagen, und nicht ein­fach nur dahin­re­den, son­dern man könnte sagen: her­ab­ru­fen, her­auf­be­schwö­ren, was ist mein Thema? Dass ein sol­ches Thema nur ein Aus­schnitt sein kann, und jeder Aus­schnitt der Wirk­lich­keit, wie man zu sagen pflegt, nicht gerecht wird?

Keine Sorge, ich rede nicht mehr lange, das Spre­chen strengt mich an, und einige von euch mit­schrei­ben zu sehen, bedrückt mich. So viele Feh­ler wer­den gemacht, und sie auf diese Weise noch zu ver­viel­fäl­ti­gen erscheint mir – warum soll ich es nicht geste­hen? – wie eine unbe­ab­sich­tigte gro­teske Par­odie von etwas, das an sich schon absurd ist. Oder, wie ich es nen­nen will: Es ist eine Unsin­nig­keit zwei­ter Ord­nung.

Kann etwa die Nacht, wenn ich die Zei­ten nicht ver­wechsle, der Tages­ord­nung eins aus­wi­schen? Ich erin­nere mich nun. Der fre­che Zwi­schen­ruf – war es nicht Brau­lio Are­nas, den ich gerade eben noch irgendwo in der vier­ten Reihe sit­zen sah? – führt auf eine fal­sche Fährte. »Der Abschied« muss es hei­ßen! Das ist das Thema, das ist der Anlass, das ist, wenn es irgend­ei­nen sitt­li­chen Nähe­rungs­wert gibt, der sprin­gende Punkt.

Vier­und­zwan­zig Jahre ist es her. Ich ent­sinne mich. Es steht mir wie­der vor Augen: der Ver­such damals, noch ein­mal ganz von vorn anzu­fan­gen. »Ich betrete den Kor­ri­dor, um die Damen von einst­mals auf­zu­su­chen« schrieb ich, und Sie mögen das sur­rea­lis­tisch oder her­me­tisch oder sonst ein­fach nur ver­fehlt fin­den, aber mir erschien es zu die­sem Zeit­punkt ein wirk­lich lebens­ent­schei­den­der Schritt zu sein, und ich setzte drei Punkte dahin­ter. Wie man mir sagt, regt alles, was man weg­lässt, den mensch­li­chen Geist dazu an, sich die Aus­las­sung bild­haft aus­zu­ma­len, und man denke nicht, dies ginge dem­je­ni­gen, dem diese Aus­las­sung zu ver­dan­ken ist, anders. Mög­li­cher­weise aus die­sem Grund schie­nen mir die drei Punkte nicht zu rei­chen, und ich setzte wie von Sin­nen immer mehr von ihnen, in immer grö­ße­ren Abstän­den, und als ich nach acht­zehn Punk­ten am Ende der Seite ange­langt war, war mir, wie man sich leicht vor­stel­len kann, nicht nur die Sinn­lo­sig­keit all des­sen auf­ge­gan­gen, son­dern zudem klar­ge­wor­den, dass ich nie­mals wie­der spre­chen, geschweige denn etwas von der Kan­zel herab ver­kün­den würde.

Ich hatte – um die­ses zuge­ge­ben alte und, auch dies gebe man mir zu: lieb­ge­won­nene Bild zu ver­wen­den – die Durch­que­rung des Spie­gels (und genau das ist auch der Spie­gel, den ich, man ver­zeihe mir, euch allen hier vor­hal­ten würde, sähe ich mich dazu in der Lage) hatte also die Durch­que­rung des Spie­gels voll­bracht, hatte alle The­men und Dra­men, all die ver­geb­li­chen Worte und Beschwö­run­gen hin­ter mir gelas­sen und schaute nun, ganz auf­rich­tig gespro­chen und ohne Umschweife gesagt, gera­dezu gelas­sen auf das, was da greif­bar, aber buch­stäb­lich jeder Beschrei­bung spot­tend, vor mir lag.

Und so schwieg ich, von einem Augen­blick auf den ande­ren, unver­se­hens, war mit einem Mal, das Kind bei sei­nem Namen genannt, sprach­los gewor­den. Ich schwieg, wie ich es jetzt – nach die­sen nutz­lo­sen und (trotz der gan­zen, ver­zeiht den der­ben Aus­druck, Pla­cke­rei mei­ner­seits) ver­mut­lich mehr als feh­ler­haf­ten und unver­ständ­li­chen Erklä­run­gen – wie­der tun werde, end­gül­tig und für immer.

(Ver­hal­te­ner Applaus, ein­zelne Bra­vo­rufe)