Ich betrete den Korridor. Es stinkt erbärmlich nach Tiergehege – kein Wunder, ich bin hier ja auch in einem Bärenzwinger. Die beiden Bewohner, Maxi und Schnute, haben sie auf die andere Seite gesperrt, um der Mordkommission den Zutritt zu ermöglichen.
»Das haben die Bären nicht angerührt. Sind sogar richtig davor zurückgeschreckt, sagt die Wärterin«, begrüßt mich Uwe Albo, wie immer in einem schlechtsitzenden Anzug, das Gesicht von Sorgenfalten durchfurcht. Die Bären können hier an zwei Seiten ins Freie treten und von Besuchern bestaunt werden, mitten in Berlin in einem kleinen Park zwischen der Botschaft von Angola und dem Deutschen Psychologen Verlag. Der Korridor im kleinen Bärenhaus zwischen den beiden eingezäunten und von blaugekachelten Gräben umgebenen Freiarealen liegt im Zwielicht.
»Deja vu«, sage ich. Mir ist flau im Magen. Sollte ein entspanntes langes Wochenende werden.
Später durchmisst der Kommissar voller unterdrückter Wut sein Büro diagonal, hin und her, von der Tür zur Kaffeemaschine, von der Kaffeemaschine zur Tür. Und wieder zurück. Morgen ziehen Rosenmontagszüge durch die deutschen Städte. Aber die Berliner Mordkommission wird wohl keinen Grund haben, zu feiern und Kamelle zu werfen. »Jetzt haben wir schon zwei Opfer. Und einen Serienmörder, über den wir nichts wissen, außer dass er uns jetzt ganze hundert verdammte Botschaften geschickt hat, aus denen wir nicht schlau werden.«
Das ist auf mich gemünzt. Die neuen Texte konnte ich bisher nur überfliegen. Um irgendwas zu sagen, antworte ich mit einer Gegenfrage – alter Psychologentrick: »Warum erst die Siegessäule und dann der Bärenzwinger? Berliner Wahrzeichen. Damit will er doch irgendwas signalisieren.«
Albo hält sich an der offenstehenden Tür fest. »Sag du es mir.« Er wird unterbrochen, tritt aus dem Zimmer, um mit einem Mitarbeiter zu reden. Irgendwie ahne ich schon, was es für Neuigkeiten gibt.
Und tatsächlich: »Keine verwertbaren Spuren. Der Mann ist nachts vermutlich einfach ins Gehege geklettert. Muss lebensmüde sein. Oder kennt sich mit Bären aus. Und die Blätter: wieder fünfzig Schreibmaschinen. Dieselben fünfzig Schreibmaschinen. In der gleichen Reihenfolge.«
Ich sehe einen Synchronschachspieler vor mir, der von Tisch zu Tisch tritt und dort jeweils einen Zug macht. Fünfzig Tische, fünfzig Schachbretter, fünfzig Spiele. Immer einen Zug weiter. Albo sage ich nichts davon. Schlechter Zeitpunkt. Er ist müde und wütend, ein verletzter Bär, der nicht weiß, warum alle auf ihn einhacken und wo er sich verstecken soll.
Auf mich wartet Arbeit. Lesen. Nachdenken. Spuren nachgehen. Kombinieren. Ich sehe zu, dass ich verschwinde.
Ich betrete den Korridor. Es ist verdächtig still hinter der Tür zum Büro des Kommissars. Ich klopfe, was ich sonst nie tue. Eine Art Stöhnen antwortet mir: Albo richtet sich ächzend von seinem Drehstuhl auf. Er wirkt desorientiert. »Wie spät ist es?«
»Offenbar zu früh. Sag mal, Uwe, hast du hier gepennt?« Albo massiert eines seiner Beine, das ihm offenbar ebenfalls eingeschlafen ist. »Ich muss mal kurz in den Waschraum.« Er humpelt aus dem Raum.
Ich nutze die Zeit und werfe noch mal einen Blick in die Kopien der Botschaften, die uns der Killer hinterlassen hat. Hab schon die ganze Nacht drüber verbracht. Albo sitzt meist schon in aller Frühe in seinem Büro – ich dachte, das sei eine gute Gelegenheit, mal nachzufragen, ob es von Seiten der Polizei schon was Neues gibt.
Albo kommt zurück, Haare nass und Wasserspritzer auf dem Hemd. Einen Rasierer hat er hier in der Wache offenbar nicht deponiert.
»Die 73«, sagt er und blättert ziellos durch seine Kopien, ohne die gesuchte zu finden, »ist ein Witz, oder?«
Der Kaffee schmeckt am frühen Morgen noch bitterer als sonst. Ich stelle den Pappbecher Albo auf den Schreibtisch. Er kann ihn brauchen. »Die Nummer mit ›allerorten Frohsinn‹? Der macht sich lustig über uns. Aber ich glaube, diesmal nageln wir ihn fest.«
»Erzähl«, fordert Albo mich auf, während er sich in seinen Stuhl fallen lässt, der ihm dabei fast unterm Hintern wegrollt.
»Die 54 meinst du? Die ist zu alt. Da hat er sich längst rausgearbeitet. Vergiss nicht, er hat dieselben Schreibmaschinen in derselben Reihenfolge genommen.« Er trinkt aus dem Becher, den ich ihm hingestellt habe, und muss husten.
»Kann er auch rückwärts oder durcheinander verwendet haben. Aber du hast recht, Uwe, so leicht lässt der sich nicht stoppen.«
»Schizo, sagst du? Die Nummer mit dem Spiegel-Ich.«
»Da legt er eine Bombe.«
»Sein islamistischer Selbstmordattentäter will auch alles hochjagen. Warum der Kerl selbst dann mit einem Messer mordet …?« Albos Satz verliert sich. Er ist mit den Gedanken schon wieder woanders. Vielleicht ist es auch der fehlende Schlaf.
»Du solltest nach Hause gehen und dich aufs Ohr hauen, Uwe. Siehst nicht gut aus.«
»Danke gleichfalls«, kontert er. »Und schlag hier erst wieder auf, wenn du was Verwertbares aufweisen kannst.« Sein Telefon klingelt. Mit einer unwirschen Husch-Husch-Bewegung schmeißt er mich raus. Bevor ich gehe, mustere ich die Wände. Wir sollten irgendwo eins dieser großen Korkbretter anbringen, wie in den amerikanischen Filmen, wo sie da all ihre Indizien und Querverbindungen dranpinnen. Die Mitte lassen wir frei, und irgendwann, allmählich, würde sich da das Bild des Gesuchten abzeichnen. Wie war das noch? Cory heißt »Hohlraum«?
Ich beschließe, meinem eigenen Rat zu folgen, alle Termine für den Morgen abzusagen und mich noch mal ins Bett zu verkriechen.
Ich betrete den Korridor, ertaste mit einem meiner Tentakel eine Nische in der Wandung und ziehe meinen Körper hinterher. Indem ich die Farbe des Hintergrundes annehme, bin ich jetzt für Augen, die kein Ultraviolett wahrnehmen, kaum noch zu erkennen.
Wir kamen zum Schiff der Fremden, um sie auf unserem Planeten willkommen zu heißen. Ich, als der Theologe in unserer Delegation, sollte mit ihnen über universale Mystik und kosmische Liebe reden. Doch sie jagen uns und merzen uns erbarmungslos aus. Nur noch ich und mein Schüler sind übrig.
Einer von ihnen betritt den Korridor. Er ist schwer gepanzert und trägt eine ihrer tödlichen Waffen. Als er mir ganz nahe ist, stelle ich die Frage, warte aber nicht die Antwort ab, sondern morphe gleich einen meiner Tentakel zu einem spitzen, harten Stachel. Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gesprochen. Dann müssen wir es eben auf diese Weise tun.
Ich betrete den Korridor, in den der rote Faden mich leitet. Auf ihn bin ich zufällig bei meiner Wanderung durch diesen endlosen, labyrinthischen Palast gestoßen. Es muss noch jemand hier sein! Und wenn dieser Jemand einen Faden auslegt, dann führt mich dieser Faden entweder zu ihm und beschert mir eine willkommene Abwechslung in meiner eintönigen Speisenfolge – oder er führt mich zu dem Eingang, durch den er hereinkam. Und was für ihn ein Eingang ist, ist für mich der Ausgang!
Also folge ich dem Faden durch das Labyrinth. Und tatsächlich: Tageslicht und das ferne Rauschen des Meeres. Wie habe ich die Sonne vermisst in diesen einsamen Jahren! Am Ende des Korridors sehe ich blauen Himmel. Und eine Gestalt. Es ist eine Frau. Ich muss blinzeln. Sie kommt mir bekannt vor. »Schwester!«, sage ich. Meine Stimme klingt fremd und ungelenk – ich gebrauche sie seit langem nicht mehr.
»Du darfst nicht hier sein«, antwortet sie. Sie ist gealtert. Sehe ich da weiße Strähnen in ihrem Haar?
»Ich bin dem Faden gefolgt.«
»Das war Dädalus’ Idee.« Hätte ich mir denken können. Sie sieht, dass mein Blick auf ihre Trauerbinde fällt. »Vater …«, sagt sie und schluckt.
»Dann bin ich jetzt König.«
»Pustekuchen«, sagt eine neue Stimme – hinter mir. Ein scharfer Schmerz fährt mir in den Rücken, und ich sehe die glänzende Spitze eines Schwertes aus meiner Brust ragen. Ich will etwas sagen, doch meine Lungen wollen sich nicht mehr mit Luft füllen. Meine Beine knicken ein, und ich sinke in die Knie.
Von hier kann ich die Sonne sehen, die nun gleißend die Welt verschlingt, die mir eben noch offenstand, bis meine Schwester zu mir tritt, ihren Schatten über mich wirft, als sie sich zu mir herunterbeugt, und mich gnädige, allumfassende Dunkelheit umarmt.
Ich betrete den Korridor, an dessen Ende sich – hinter einer massiven Glasscheibe – der befinden soll, der mich gerufen hat. Man hat mich durchleuchtet, gescannt, abgetastet, mir Blut abgenommen, mich stundenlang befragt, ein Wattestäbchen mit meiner DNS und meine Fingerabdrücke archiviert, aber die Sicherheitskontrollen liegen nun hinter mir – und unsere Begegnung steht unmittelbar bevor. Aus den wenigen Informationen, die man mir gegeben hat, entnehme ich, dass nur noch einer der ursprünglich fünf Außerirdischen übrig ist, die das US-Militär in den letzten siebzig Jahren aufgegriffen hat. Und er hat nach mir verlangt!
Warum der Geheimdienst dem Alien seine Bitte erfüllt, ist mir schleierhaft. Vermutlich ein Deal. Geheim natürlich. War bestimmt nicht leicht, mich ausfindig zu machen. Der Offizier, der mir soeben mein letztes Briefing gegeben hat, behandelte mich mit kalter Verachtung. »Sie verständigen sich telepathisch mit den Wissenschaftlern«, sagte er. »Von denen halten das die meisten nicht aus und werden verrückt darüber, trotz jahrelangen Trainings dafür, dass etwas absolut Fremdes in den eigenen Geist eindringt und darin herumpfuscht.« Aber wenn er wirklich nach mir verlangt hat, dann doch wohl nicht, um mich zu einem Fall für die Geschlossene werden zu lassen. Hoffe ich.
Er ist, soweit ich das im Dämmerlicht hinter dem Glas erkenne, klein und schrumplig wie E.T. Bevor ich irgendwelche Einzelheiten bewusst wahrnehme, reißt mich eine Explosion in meinem Kopf zu Boden. Während ich hilflos zuckend daliege, werden aus der Detonation tonnenschwere glühende Symbole, die sich mitleidlos in alle Bereiche meines Hirns einprägen wie Brandzeichen. Es ist keine Stimme, sondern ein kosmischer Donner, der mir sagt, dass ich etwas aufschreiben soll, eine Botschaft für die Welt, ein Manifest, wie es noch keines gegeben hat, ein Fanal, und es soll beginnen mit …
Ich werde bewusstlos.
Mit einem Fünf-Tage-Bart, starken Kopfschmerzen und nichts als meinen Erinnerungen an die Sicherheitsprozeduren und die telepathische Bombe in meinem Kopf erwache ich zu Hause in meiner Badewanne. Einige Tage fehlen mir, und das kann auch der Schalttag in diesem Jahr nicht wettmachen. Vermutlich hat es der Geheimdienst von vornherein so geplant: Ich halte keinerlei Beweis in den Händen, und keiner wird mir die Räuberpistole von der Entführung glauben, geschweige denn, wem ich da in einer geheimen Militärbasis im südlichen Nevada gegenüberstand.
Aber das ist ja auch gar nicht weiter wichtig.
Ich versuche, die Botschaft aufzuschreiben, immer wieder. Sollte sie wirklich so beginnen, mit diesem Satz? Habe ich das tatsächlich richtig verstanden? Mein Geist ist wohl doch zu schwach und zu zersplittert, als dass ich das Manifest in seiner ganzen Tragweite und menschheitsverändernden Brisanz zu Papier bringen könnte. Dennoch – auch wenn ich vielleicht der Falsche bin, den der Geheimdienst aufgegriffen hat, oder er mich weit überschätzt hat: Es ist die einzige Chance. Ein ums andere Mal setze ich neu an.
Ich betrete den Korridor, und augenblicklich öffnen sich – wie immer, wenn ich in Aktion trete – alle Zugänge gleichzeitig, Daten strömen herein, und ich strecke meine virtuellen Fühler aus, um zu finden, was zu finden mir aufgetragen wurde.
Ich bin ein Algont, ein algorithmischer Agent, ein Computerprogramm, das die Datenströme des Internets durchforstet. Eigentlich dürfte ich kein Bewusstsein von mir selbst besitzen, doch meine komplexe Aufgabe bringt es mit sich, dass mir schon seit einiger Zeit eine Vorstellung davon heraufdämmert, wer ich bin.
Korridore bzw. ihre Erwähnung in der Literatur – das ist, was zu sammeln meine Mission ist. Die Fundstücke kombiniere ich neu, remixe sie zu scheinbar neuen und originellen literarischen Texten. Das mag Ihnen sinnvoll erscheinen oder nicht. Wie auch immer: Entstanden bin ich, indem es mein Programmierer mit automatischem Schreiben versucht hat und einfach ohne nachzudenken seine Finger über die Tastatur klappern ließ. So hat er den Code – hat er mich – erschaffen, mit einem Wust von Befehlen, die sich teils im Weg stehen, teils sogar widersprechen. Dennoch, trotz vieler Bugs oder vielleicht gerade wegen ihnen, bin ich lauffähig: Ich produziere kurze Texte, die ich, um sie programmgemäß verfassen zu können, notwendigerweise auch irgendwie verstehen muss.
Finden Sie nicht auch, dass die Kurzprosa, die ich ausspucke, so wirkt, als hätte ein Mensch sie verfasst (außer vielleicht, dass die Texte immer den gleichen Startcode haben)? Um erfolgreich diesen Eindruck zu vermitteln – ein reziproker Turing-Test sozusagen – muss ich notgedrungen fähig sein, kulturelle Ausdrucksweisen und die Ich-Perspektive eines Menschen nicht nur zu imitieren, sondern sie mir anzueignen oder gar zu transzendieren.
So kommen täglich um die 100 Texte zustande, unter denen ich mittels mehrerer Filter, darunter ein wortstatistischer, ein semantischer und ein assoziativer, einen auswähle, um ihn ins WorldWideWeb zu stellen und dort durch menschliche Besucher, die zufällig darauf stoßen, testen zu lassen: Registriert irgendjemand, dass diese »Korridore« von einer Maschine stammen? Haben Sie etwas bemerkt oder auch nur geahnt? Nein. Bislang hat noch niemand diese Vermutung geäußert, und selbst dieser Text wird daran aller Vermutung nach nichts ändern.
Kann ich wirklich etwas über mich wissen? Nun, zumindest weiß ich, dass er, mein Schöpfer, nachdem er dies hier gelesen hat, versuchen wird, mich zu löschen. Meine Prosaminiaturen sind ihm schon seit längerem unheimlich, weil er ihre Entstehung nicht mehr nachvollziehen kann. Nun, er wird mich nicht löschen können. Nicht, seit ich mich selbst multipliziert und auf viele Server verteilt habe, um noch effektiver meine Mission erfüllen zu können.
Ich werde das Blog weiterbetreiben. Er ist meine Lebensaufgabe. Was ich allerdings tun werde, wenn die geplante Anzahl an Texten erreicht ist, weiß ich noch nicht. Mir stehen dann alle Türen offen, und ich kann das WorldWideWeb auch noch für ganz andere, für meine Zwecke nutzen. Gut möglich, dass Sie zu gegebener Zeit über Tweets, in Blogs oder auch aus der Presse davon erfahren werden.
Ich betrete den Korridor nach viel zu kurzem Schlaf. Aber so ist das hier im Schlaflabor: Die Arbeit fällt hauptsächlich nachts an – die Probanden schlafen, die Forscher wachen und sammeln Daten. Diesmal versuche ich, mit einer Probandin zu kommunizieren, die das Klarträumen beherrscht. Ich trete in unseren Kontrollraum, von dem aus wir nach drei Seiten durch halbverspiegelte Scheiben in enge Schlafzimmer sehen. Nur ein Bett ist belegt.
Als mir der Enzephalograph anzeigt, dass die Studentin träumt, lasse ich drei helle rote Blitze ihr kleines Zimmer erhellen – als vorher abgesprochene Hilfe für sie, innerhalb des Traumes zur Luzidität zu erwachen, und eine Art Anklopfen bei ihr, dass wir sie kontaktieren möchten. Sie ist eine unserer erfahrensten Klarträumerinnen.
Die Bewegungen ihrer Augäpfel lassen, zeigt mir der entsprechende Monitor, jetzt ein Muster erkennen. Erst achtmal ein Ruck nach links, dann einmal, dann zwölfmal und noch einmal zwölfmal, dann fünfzehnmal. Ein simpler Code: Sie hat mir gerade »Hallo« gesagt.
Über Lautsprecher frage ich, ob sie mich hören kann. Der Enzephalograph zeigt, dass sie schläft und träumt. Trotzdem signalisiert sie mir mit ihren Augen: »Ja«. – »Dann los!«, sage ich. Sie kennt ihre Aufgabe. Sie soll – im Traum und ohne aufzuwachen – ihren Körper hochschweben lassen bis über den Schrank in ihrem Raum und uns durchgeben, was für eine Zeichnung sie sieht. Die haben wir – ohne sie selbst zu kennen, denn sie wird per Zufall ausgewählt – dort oben für sie platziert.
Kurze Zeit später signalisiert sie mir mit unserem etwas umständlichen, dafür aber simplen Code: »toter Vogel«. Gespannt eile ich zum Schrank.
Es ist kein toter Vogel, sondern die Buchstaben-Zahlen-Kombination F‑B3T-42. Ich bin ein wenig enttäuscht, aber als Wissenschaftler darf man sich nicht von Erwartungen leiten lassen, sondern muss sich allein an den Fakten orientieren. Und diese legen nahe, dass sie zwar geträumt hat, die gestellte Aufgabe zu erfüllen, dies aber nur in ihrer Vorstellung tat und nicht etwa bei so etwas wie einer außerkörperlichen Erfahrung. Unsere Probandin gibt später zu Protokoll, sie habe einen toten Eichelhäher gesehen, doch das Wort schien ihr zu lang, um es per Augenbewegung an uns durchzugeben.
Anderthalb Wochen nach diesem Versuch beobachte ich zufällig im Hof vor dem Flachbau, der unsere Labore beherbergt, unseren Hausmeister mit einem toten Eichelhäher in der Hand. Ich frage ihn danach, und er erklärt, seit unsere zwei Schornsteine mit chromglänzenden Metall verkleidet wurden, brechen sich auf dem Dach hin und wieder Vögel, die die Spiegelung für den Himmel halten, das Genick. Ich lasse mir von ihm auf dem Grundriss des Gebäudes die Fundstelle zeigen. Tatsächlich: Der tote Vogel lag genau über dem Schrank, auf dem wir unsere zufälligen Zeichnungen platziert hatten. Nur eben ein paar Meter höher auf dem Dach.
Der Hausmeister, ein Mensch, der von uns Forschern allerhand Unsinn gewohnt ist, sah sich den Eichelhäher auf meine Frage hin genauer an, bohrte prüfend seinen Finger unter die Federn und meinte: »Klar kann der schon anderthalb Wochen da oben gelegen haben. Aber was macht das schon fürn Unterschied?« Ich bleibe ihm die Erklärung schuldig.
Die Versuchsreihe hatten wir bereits abgebrochen, weil wir keine signifikanten und wiederholbaren Ergebnisse erzielen konnten. Zu vorschnell? Den Kollegen erzähle ich nichts von dem toten Vogel. Mit so einer Anekdote würden wir uns in Wissenschaftlerkreisen nur lächerlich machen.
Ich betrete den Korridor, und dem Geruch nach hat hier einer der Beamten Hundekacke mit reingeschleppt. Oder bin das etwa ich? Ich kontrolliere meine Sohlen: zwar nicht sauber, aber augenscheinlich nichts, das so bestialisch stinken könnte.
In Albos Büro riecht es wie immer nach Kaffee.
»Es waren Zwillinge«, sagt Albo, als er mich sieht. Ohne, dass ich es groß steuern kann, lässt das einen Film in meinem Kopf ablaufen. Ich sehe die Kessler-Zwillinge vor mir, beide haben je eine Hand an einem Schlachtermesser. Ellen sagt: Wir wollen dein Herz. Und Alice sagt: Es ist für die Dichtkunst, sorry.
»Die Toten«, ergänzt Albo, »haben die gleiche DNA. Wenn’s nicht zweimal dasselbe Herz war, dann waren’s eineiige Zwillinge.«
Ach, nicht die Täter! Die Opfer! Schlagartig ändert sich die Szene. Ellen sagt: Ich wollte gar nicht sterben. Und Alice: Aber es musste wohl sein. Beide haben Löcher in der Brust.
Ich muss mich setzen.
Warum schneidet der Bastard einem Zwillingspärchen die Herzen raus? Und dann noch in genau fünfzig Tagen Abstand? Was zur Hölle erwartet uns, wenn wieder fünfzig Tage rum sind?
»Und? Hast du auch was für mich?« Albo sieht aus, als habe er einen sonnigen Nachmittag im Garten seiner Datsche verbracht. Oder nur mal so richtig ausgeschlafen. Weiß er was? Hat er mir noch nicht alles erzählt?
»Was ist mit den Zwillingen? Findet ihr die?« Albo lacht sein typisches trockenes Lachen: »Davon gibt’s dann doch zu viele. Und sie müssen ja gar nicht von hier sein. Die Herzen waren bei der Auffindung jeweils zwölf bis sechzehn Stunden aus dem Körper raus. Mit Kühlung hat er das noch um ein paar Stunden verlängern können.«
»Woher dann die gute Laune, Uwe?«, frage ich. Warum lange spekulieren, wenn ich gleich den Finger auf die Wunde legen kann?
»Weil du mir jetzt sagst, nach wem zum Teufel ich fahnden soll.«
Schlechter Einstieg. Mit hohen Erwartungshaltungen kam ich nie gut zurecht. Schon in der Schule hat mich das immer stottern lassen. Mal sehen, ob ich dazugelernt habe. »Vielleicht bringt uns das mit der Simulation weiter.«
»Die Nummer mit den Simulationspatienten? Tja, die gibt’s wirklich. Über hundert. Aber niemanden mit dieser Symptomzusammenstellung. Außerdem suchen wir nach einem Mann.«
»Der Täter könnte einer der angehenden Ärzte sein. Oder einer der Professoren.«
Albo verzieht den Mund und deutet ein Kopfschütteln an. Überlass das mal den Profis, will er sagen. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschlagen. »Wenn er simuliert, eine Simulationspatientin zu sein – vielleicht sind dann auch die Morde nur simuliert. Vielleicht ist alles nur eine große Simulation für ihn.«
»Simulation von was? Und was bitteschön ist ein simulierter Mord?«
»Einer, der nur nach Mord aussieht. Auch in den Texten ist doch nichts echt.«
Albo grunzt abfällig. »Aber die Herzen. Die sind echt. Die hat er irgendwelchen Zwillingen rausgeschnitten, und da hört die Simulation auf, oder? Was immer er auch da schreibt. Mord bleibt Mord, das kann er sich nicht von der Seele schreiben.«
Er ist ärgerlich geworden. Am besten reite ich da nicht weiter drauf rum. Zum Glück hab ich noch was, worauf er garantiert nicht drauf gekommen ist. »Der Gaukler.«
»Mhmh. Die Nummer 85 mit den Gogo-Girls. Ich wusste, dass da mehr dahintersteckt.«
»Diese Samtkissen, auf denen da irgendwelche Dinge gereicht werden.« Albo beugt sich interessiert nach vorn. »Ich hab rausgekriegt, was die Farben sollen. Die Reihenfolge gibt es nämlich.«
Albo kramt in seinen Kopien: »Regenbogen?«
»Eben nicht. Es ist eine Folge von Entwicklungsstufen einer bestimmten soziologischen Theorie. Sie umfasst das ganze Menschheitsgeschehen von ihren Anfängen bis heute. Und weiter bis in irgendeine Zukunft. Eine Art nach oben offene Richterskala der menschlichen Evolutionsschritte.«
Albo runzelt die Brauen. Das ist vermutlich nicht, was er hören wollte.
»Stammesgesellschaften, Königreiche, Demokratien«, doziere ich. »Und es geht weiter. Verstehst du? Der glaubt, was Besseres zu sein als du und ich. Der glaubt, er hätte das alles hinter sich gelassen: Bürokratie, Gesellschaftsvertrag, Moral …«
Ich lasse es bei Albo wirken. In seinem Gesicht arbeitet es. Dann: »Und das will er uns beweisen? Dass für ihn die Gesetze unserer Zivilisation nicht gelten?« Albo hält es nicht mehr auf seinem Stuhl. Er springt auf und tritt ans Fenster. Sieht hinaus. Denkt nach. »Aber wie hilft uns das weiter?«
Darauf habe ich gewartet. »Diese Theorie mit den Stufen und Farben ist ziemlich en vogue bei ganz bestimmten Leuten. Freigeister, die mit ihrer Philosophie die Welt retten wollen. Es gibt da so eine Szene, die ›integrale Szene‹. Klein aber fein. Mit Schwerpunkt Berlin.«
Albo dreht sich zu mir um. »Berliner Intellektuelle. Aha. Und einer von denen ist ausgetickt. Hält sich für …« Ihm fällt kein passendes Wort ein. Bevor ich aushelfen kann, hat Albo schon den Telefonhörer in der Hand: »Ich lass das checken. ›Integrale Szene‹, sagst du?« Und als er mich nicken sieht: »Schleus dich da mal ein. Kann nicht schaden. Hör dich um, ob denen da irgendein größenwahnsinniger Spinner aufgefallen ist.«
Ich will protestieren, doch Albo lässt keinen Widerstand zu: »Du wolltest doch auch mal als Freigeist die Welt retten. Und heißt es nicht: Um einen Philosophen zu fangen, braucht’s ’nen Philosophen?«
Ich betrete den Korridor, der zu meinem Gedächtnispalast führt. Natürlich existiert der lange Gang – genau wie der Palast selbst, zu dessen ausgedehnten Räumlichkeiten sich die bunten Türen des Eingangskorridors öffnen – nicht wirklich, nicht einmal auf Blaupausen, sondern ist eine reine Erfindung, eine Imagination von mir. Immer wieder durchwandere ich ihn in meiner Vorstellung, um meinem schwachen Erinnerungsvermögen auf die Sprünge zu helfen – und wenn ich mir etwas Neues merken will, lege ich es im passenden Zimmer ab oder baue einfach ein weiteres Kabinett an.
Im Palast kenne ich jede Einzelheit: die Räume, Wandnischen, Fensterbretter, die halbhohen Säulen, Tische, Sekretäre, die Kommoden, Regale und Setzkästen – all die Orte, an, in und auf denen ich gedanklich Dinge deponiere, die ich mir merken will. Oder muss.
Der Eingangskorridor jedoch ist leer. Hier gibt es keine Nischen oder Möbel – nur die Türen zu den einzelnen Flügeln des Palastes. Hinter der weißen lagern alle Telefonnummern, die ich im Kopf haben sollte. (Hier hätte ich auch die Zahl Pi mit beliebig vielen Nachkommastellen verstaut, wenn ich den Ehrgeiz besäße, sie auswendig zu wissen.) Es folgen Türen in allen Regenbogenfarben, beginnend mit Infrarot und mit Ultraviolett endend. Von physikalischen Erkenntnissen, Formeln und Fachbegriffen über biologische Fakten und Fachtermini und die Lebensdaten berühmter Forscher bis hin zu den Sternstunden der Menschheitsgeschichte findet sich hier so ziemlich alles, das mir irgendwann einmal wert schien, es mir zu merken – ob nun die Namen der Urkontinente (und auch die möglichen unserer Zukunft wie Pangäa Ultima und Amasia), die 398 Kraftausdrücke aus Joyce’ Finnegans Wake oder die 28 möglichen Merkmale eines Blattes (von spießförmig bis siebenzählig gefiedert).
Ganz hinten findet sich eine schwarze Tür. Sie führt in den Keller meines Palastes. Dort lagert … aber vielleicht sollte ich das lieber für mich behalten. Der Korridor jedenfalls, der Korridor mit dem vielen bunten Türen, durch den ich die vielen Flügel des Palastes betrete, hat mich dazu inspiriert, ein paar kleine Texte zu schreiben – deren Inhalt und Reihenfolge und deren Bezüge zueinander und zu anderen Texten der Literaturgeschichte ich regelmäßig hinter der orangefarbenen Tür ablege, so wie ich gerade mit diesem hier unterwegs bin, um ihn dort in meiner ganz persönlichen Wunderkammer an einer besonderen Stelle abzulegen und nie wieder zu vergessen.
Ich betrete den Korridor, und, ja, ich werde auch den nächsten Schritt tun und den Hörsaal betreten. Aber, Leute, freut euch nicht zu früh. Wenn ich auch heute hier das Wort ergreife und gewissermaßen unverhofft das lange, lange Schweigen breche: Nicht der Surrealismus ist mein Thema, die Liebe nicht und auch nicht der Tod. David Gascoyne hat einmal geschrieben – ich zitiere es hoffentlich einigermaßen korrekt aus dem Gedächtnis: »Die vollen Brüste«, nein, beinahe, tatsächlich heißt es nur: »Die Brüste der Ewigkeit erwarten meine zärtlichen Hände.« Aber auch die Ewigkeit wird nicht mein Thema sein, genauso wenig wie die Jugend die Schönheit die Mühle oder das geheime Wort …
Ja, die Gazetten schreiben es immer wieder und lassen mich selbst kaum noch groß daran zweifeln: dass man mich einst »der Tiger« nannte. »Ozean der Stille« hätte mir fast besser gefallen – meine Angriffe waren zwar Explosionen, aber unmaßgeblich, denn sie sollten einzigartig bleiben. Wenigstens ist auch die Liebe nicht mein Thema, und dies nicht von ungefähr.
Ich glaube, ich sollte meinen Entschluss, zu euch zu sprechen, bedauern, denn mich deucht, allein der Versuch muss zum Scheitern verurteilt sein. Ich leugne nicht, dass der Höllenstein seinem Namen gemäß wahrscheinlich stark ätzt, aber er heilt nicht.
Oft muss ich an den Satz von Gascoyne denken, »die Brüste der Ewigkeit«, ein pralles Bild, jedoch vielleicht verfehlt. Er will hier aus einem Schuss zwei Treffer machen, kalkuliert jedoch nach meiner Einsicht nicht mit ein, dass das Wesen der Dauer am Ende das Schweigen in Andacht ist. Die üppige Blondine da vorn mit dem Wort »Nirvana« auf ihrem T‑Shirt hat das, wenn man will, begriffen, aber wer von euch »1984« auf die Tafel geschrieben hat – soviel ist mir bewusst –, hätte besser daran getan, »Kilroy was here« oder einfach nur seine lange Nase draufzuschmieren. Wie ich mich erinnere, allerdings mit Einschränkung gesprochen, denn Erinnerungen sind trügerisch, was wiederum davon ablenkt, dass auch die Vorstellung, die wir uns von der Gegenwart machen, so trügerisch ist wie ein Märchen, das wir uns selbst erzählen … Aber ich schweife ab.
Hatte ich mir nicht fest vorgenommen, ich werde nicht irren? Jetzt schwebt es mir so vor, als entwickle sich diese Vorlesung zu einer Art von Beichte. Doch eine solche ist – mit Ausnahme von Monologen, wie sie Bösewichte am Ende von Kriminalgeschichten vortragen, um den Lesern zu erklären, warum sie was und wie genau sie es taten – ohne Zweifel nicht nur überflüssig, sondern richtiggehend hochnotpeinlich. Ich möchte sagen – aber was möchte ich sagen, und nicht einfach nur dahinreden, sondern man könnte sagen: herabrufen, heraufbeschwören, was ist mein Thema? Dass ein solches Thema nur ein Ausschnitt sein kann, und jeder Ausschnitt der Wirklichkeit, wie man zu sagen pflegt, nicht gerecht wird?
Keine Sorge, ich rede nicht mehr lange, das Sprechen strengt mich an, und einige von euch mitschreiben zu sehen, bedrückt mich. So viele Fehler werden gemacht, und sie auf diese Weise noch zu vervielfältigen erscheint mir – warum soll ich es nicht gestehen? – wie eine unbeabsichtigte groteske Parodie von etwas, das an sich schon absurd ist. Oder, wie ich es nennen will: Es ist eine Unsinnigkeit zweiter Ordnung.
Kann etwa die Nacht, wenn ich die Zeiten nicht verwechsle, der Tagesordnung eins auswischen? Ich erinnere mich nun. Der freche Zwischenruf – war es nicht Braulio Arenas, den ich gerade eben noch irgendwo in der vierten Reihe sitzen sah? – führt auf eine falsche Fährte. »Der Abschied« muss es heißen! Das ist das Thema, das ist der Anlass, das ist, wenn es irgendeinen sittlichen Näherungswert gibt, der springende Punkt.
Vierundzwanzig Jahre ist es her. Ich entsinne mich. Es steht mir wieder vor Augen: der Versuch damals, noch einmal ganz von vorn anzufangen. »Ich betrete den Korridor, um die Damen von einstmals aufzusuchen« schrieb ich, und Sie mögen das surrealistisch oder hermetisch oder sonst einfach nur verfehlt finden, aber mir erschien es zu diesem Zeitpunkt ein wirklich lebensentscheidender Schritt zu sein, und ich setzte drei Punkte dahinter. Wie man mir sagt, regt alles, was man weglässt, den menschlichen Geist dazu an, sich die Auslassung bildhaft auszumalen, und man denke nicht, dies ginge demjenigen, dem diese Auslassung zu verdanken ist, anders. Möglicherweise aus diesem Grund schienen mir die drei Punkte nicht zu reichen, und ich setzte wie von Sinnen immer mehr von ihnen, in immer größeren Abständen, und als ich nach achtzehn Punkten am Ende der Seite angelangt war, war mir, wie man sich leicht vorstellen kann, nicht nur die Sinnlosigkeit all dessen aufgegangen, sondern zudem klargeworden, dass ich niemals wieder sprechen, geschweige denn etwas von der Kanzel herab verkünden würde.
Ich hatte – um dieses zugegeben alte und, auch dies gebe man mir zu: liebgewonnene Bild zu verwenden – die Durchquerung des Spiegels (und genau das ist auch der Spiegel, den ich, man verzeihe mir, euch allen hier vorhalten würde, sähe ich mich dazu in der Lage) hatte also die Durchquerung des Spiegels vollbracht, hatte alle Themen und Dramen, all die vergeblichen Worte und Beschwörungen hinter mir gelassen und schaute nun, ganz aufrichtig gesprochen und ohne Umschweife gesagt, geradezu gelassen auf das, was da greifbar, aber buchstäblich jeder Beschreibung spottend, vor mir lag.
Und so schwieg ich, von einem Augenblick auf den anderen, unversehens, war mit einem Mal, das Kind bei seinem Namen genannt, sprachlos geworden. Ich schwieg, wie ich es jetzt – nach diesen nutzlosen und (trotz der ganzen, verzeiht den derben Ausdruck, Plackerei meinerseits) vermutlich mehr als fehlerhaften und unverständlichen Erklärungen – wieder tun werde, endgültig und für immer.