Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Fantasy

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Lomit­tu­mi­nen

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Ich betrete den Kor­ri­dor mit dem Rücken voran. Mit ein wenig Übung ist es gar nicht so schwie­rig, alles rück­wärts zu machen. Die Arthri­tis ist stark zurück­ge­gan­gen, und ich fühle mich um Jahre ver­jüngt. Der Kurs hat nicht zu viel ver­spro­chen.

Zuerst erreichte mich eine Teil­nah­me­be­schei­ni­gung, aus der ich lange nicht schlau wurde. Mir wurde zum erfolg­rei­chen Abschluss eines Kur­ses gra­tu­liert, eines Kur­ses, der, so hieß es da, auf einen Mann zurück­geht, wel­cher fest­ge­stellt habe, dass sich mit Hilfe der Quan­ten­ver­schrän­kung die Zeit zurück­dre­hen lässt – ein wenig zumin­dest. Das erfuhr ich aller­dings erst aus der zehn­ten und »letz­ten« Lek­tion, die eine Woche spä­ter ein­traf. Sie war sehr anspruchs­voll, was das Rück­wärts­le­ben anging, und ich tat mein Bes­tes, mit­zu­hal­ten und das ein­zu­trai­nie­ren, was ich eigent­lich schon neun Lek­tio­nen lang hätte üben sol­len. Rück­wärts lau­fen ist da noch das Ein­fachste.

Wei­tere Lek­tio­nen folg­ten, die stän­dig leich­ter zu bewäl­ti­gen waren. Heute erwarte ich die Erste von ihnen. Und tat­säch­lich, unter dem Brief­schlitz mei­ner Woh­nungs­tür liegt der Brief im flie­der­far­be­nen Umschlag. Natür­lich ist er bereits auf­ge­ris­sen. Ich ent­nehme das Schrei­ben und fange – hin­ten – mit dem Lesen an.

Rück­wärts­spre­chen! Und rück­wärts­den­ken! Bei­des wird hier als Grund­lage für das ganze Trai­ning genannt. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. In den letz­ten Wochen habe ich mich bemüht, rück­wärts zu atmen, rück­wärts zu essen, rück­wärts zu schla­fen und rück­wärts zu träu­men, Filme rück­wärts zu sehen und Musik von hin­ten nach vorne abzu­spie­len. Es dreht sich alles darum, weiß ich inzwi­schen, kleine rück­wärts­ge­rich­tete Quan­ten­fel­der in mei­ner unmit­tel­ba­ren Umge­bung zu erzeu­gen, inner­halb derer sich dann auch Zell­al­te­rungs- und Zer­falls­pro­zesse umkeh­ren kön­nen.

Jetzt also das Spre­chen! Ich hätte selbst dar­auf kom­men kön­nen. Es liegt nahe, denn das Spre­chen und beson­ders das Den­ken sind doch unsere direk­teste Ver­bin­dung mit der Quan­ten­wirk­lich­keit. Den­ken, heißt es im Kurs, ist ein Quan­ten­pro­zess. Aber das alles ist immer noch sehr ver­wir­rend für mich. Wer­den mir jetzt, nach der ers­ten Lek­tion, die – nie gezahl­ten – Kos­ten für den Kurs auf mein Konto gut­ge­schrie­ben? Ich gehe rück­wärts in die Küche, ste­cke dort die Lek­tion in den Umschlag zurück und ver­schließe ihn fein säu­ber­lich mit Kle­be­band. Er sieht nicht ganz per­fekt aus. Doch das gilt für vie­les. Damit muss sich ein Rück­wärts­le­ben­der abfin­den. Diese vor­wärts­pre­schende Welt ist nicht unser Freund, heißt es im Kurs. Er steht übri­gens allen Inter­es­sier­ten offen, weil sein zurück­ge­zo­gen leben­der Autor – angeb­lich schon 130 Jahre alt und bei bes­ter Gesund­heit – erkannt hat, dass es selbst­süch­tig und unmo­ra­lisch wäre, das Geheim­nis für sich zu behal­ten. Jeder soll von die­ser letzt­lich ver­blüf­fend ein­fa­chen Methode, das Altern auf­zu­hal­ten oder sogar umzu­keh­ren, pro­fi­tie­ren kön­nen.

Nun muss ich die Lek­tion wie­der durch den Brief­schlitz schie­ben. Natür­lich mache ich mich wie­der rück­wärts auf den Weg zu mei­ner Woh­nungs­tür und übe dabei in Gedan­ken schon ein­mal die neuste und erste Lek­tion: Kor­ri­dor den betrete ich.

Rod­ir­rok ned eter­teb hci.

 

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The Glub­dub­drib Inci­dent

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Ich betrete den Kor­ri­dor, den die Gar­den des Gou­ver­neurs von Glub­dub­drib für meine Audi­enz bil­den. Sie sind in sehr alt­mo­di­scher Weise geklei­det und bewaff­net, und ihr Spa­lier im Schloss­hof erweckt einen Schau­der in mir, wie er kaum in Wor­ten aus­zu­drü­cken ist. Anschlie­ßend werde ich durch meh­rere Zim­mer gelei­tet, in denen sich, in Rei­hen auf­ge­stellt, Die­ner der­sel­ben Art befin­den, bis ich in den Audi­enz­saal gelange. Ich mache drei tiefe Ver­beu­gun­gen vor dem Throne Sei­ner Hoheit.

Glub­dub­drib bedeu­tet, soweit ich die Spra­che ver­stehe, »Insel der Hexen­meis­ter und Zau­be­rer«. Der hie­sige Gou­ver­neur ist durch seine nekro­man­ti­schen Fer­tig­kei­ten imstande, jeden belie­bi­gen Toten zu sich zu zitie­ren und sei­nen Dienst vier­und­zwan­zig Stun­den lang, jedoch nicht län­ger, in Anspruch zu neh­men.

Mit dem Winke eines Fin­gers ent­lässt der Fürst jetzt all seine Beglei­ter, die dar­auf­hin im Nu ver­schwin­den wie Traum­bil­der beim plötz­li­chen Erwa­chen. Er lässt eine neue Reihe Geis­ter das Essen auf­tra­gen und bei Tische auf­war­ten. Nach dem Des­sert befiehlt mir der Fürst, ihm drei belie­bige Tote, von Anfang der Welt bis heute, zu nen­nen. Er werde ihnen befeh­len, alle Fra­gen, nach denen mir der Sinn stehe, zu beant­wor­ten, unter der Bedin­gung, die Fra­gen blei­ben auf die Leb­zei­ten des jewei­li­gen Toten beschränkt. Ich könne mich, fügt er an, indem er sich jovial zu mir her­über­beugt, voll­kom­men dar­auf ver­las­sen, dass sie mir die Wahr­heit sagen, da das Lügen in der Unter­welt durch­aus zu nichts nütze sei.

Wäh­rend ich Sei­ner Hoheit auf die ver­bind­lichste Weise für diese Gna­den­be­zei­gung danke, lasse ich im Geiste all die Gestal­ten vor mich tre­ten, deren Befra­gung mir von Wert sein könnte.

Jesus, damit er Aus­kunft dar­über geben mag, ob der Papst in Rom oder die Bischöfe von Can­ter­bury und York sein recht­mä­ßi­ges Erbe ver­wal­ten und ob nun die Gläu­bi­gen römisch-katho­li­scher oder doch die angli­ka­ni­scher Kon­fes­sion ein Anrecht auf das ver­spro­chene Him­mel­reich haben? (Aber wenn ich so recht über­lege: Hat er nicht zeit­le­bens sehr unbe­queme Ant­wor­ten auf alles gege­ben? Nicht, dass ich so Unfrie­den stifte!)

Dann doch lie­ber Aris­to­te­les, der mir viel­leicht sagen kann, wo ein Exem­plar des zwei­ten Ban­des sei­ner Poe­tik zu fin­den ist, da doch lei­der seine Phi­lo­so­phie des Lachens im Laufe der Geschichte ver­lo­ren­ge­gan­gen ist? (Aber er wird seine Bücher ja nicht gerade so ver­steckt haben, dass sie Jahr­tau­sende unver­sehrt über­ste­hen konn­ten …)

Nein, ich könnte Sokra­tes fra­gen, ob sein Schü­ler Pla­ton die Phi­lo­so­phie des Leh­rers unver­fälscht nie­der­ge­schrie­ben hat. (Aber dann müsste ich zuerst den gan­zen Pla­ton zitie­ren, wenn ich die­sen nicht gleich selbst dazu­hole, was aller­dings wie­derum zu Strei­te­reien füh­ren könnte.)

Wie wäre es mit Alex­an­der dem Gro­ßen, damit er end­lich in per­sona Aus­kunft dar­über gebe, ob er, wie es heißt, ver­gif­tet wurde? (Aber wird er wis­sen, woran genau er gestor­ben ist, oder sich nicht ein­fach nur an Tat­sa­che und Umstände sei­nes Able­bens erin­nern?)

Robin Hood könnte mir und damit sei­ner gesam­ten Nach­welt Mit­tei­lung geben, ob er nur, wie man­che behaup­ten, ein schmäh­li­cher Wege­la­ge­rer war oder doch, wie andere nicht müde wer­den zu ver­brei­ten, ein Vor­kämp­fer für soziale Gerech­tig­keit? (Aber wird er, Kind sei­ner Zeit, den Unter­schied über­haupt ver­ste­hen?)

Ich könnte König Artus erschei­nen las­sen, um von ihm zu erfah­ren, ob er in der Tat nach Ava­lon ent­rückt wurde, wie es der Roman de Brut behaup­tet. (Aber womög­lich ist er da noch quick­le­ben­dig und kann jetzt gar nicht als Toter her­bei­zi­tiert wer­den?)

Sollte ich nicht gleich Mer­lin höchst­selbst um genaue Mit­tei­lung über Artus und seine Tafel­runde bit­ten und so die Dis­pute der His­to­ri­ker über die his­to­ri­sche Wahr­heit ein für alle Mal zu einem Ende brin­gen? (Aber ist es kom­mod, am Hofe eines Zau­be­rers von die­sem einen ande­ren Magier beschwö­ren zu las­sen?)

Jeden­falls kann ich den Gou­ver­neur nicht län­ger war­ten las­sen und nenne ihm den Namen mei­nes seli­gen Groß­va­ters müt­ter­li­cher­seits, von dem es in der Fami­lie hieß, er habe einen Gold­schatz ver­gra­ben für schlechte Zei­ten, der aber starb, bevor er das Ver­steck ver­ra­ten konnte. Ein Mann erscheint, des­sen Schä­del kahl ist und dem die Haare aus der dicken roten Nase wach­sen. Mein Groß­va­ter? Ich habe ihn nie ken­nen­ge­lernt. Er beschimpft mich und zetert, er fühle sich in sei­ner Ruhe und Ehre gestört, und er ver­stummt erst, als ich ihn nach dem Golde frage. Das Gerücht von dem Schatz habe er in die Welt gesetzt, gibt er schließ­lich an, um Kre­dit zu erhal­ten für sein schlecht­ge­hen­des Gewerbe, seit er sich im Eng­li­schen Bür­ger­krieg auf die Seite König Karls I. geschla­gen hatte und alles Ver­mö­gen dabei ver­lor.

Ich bli­cke den Gou­ver­neur an, der mei­nen Groß­va­ter mit einem Wink auf die vor­dem genannte gespens­ti­sche Weise ver­schwin­den lässt. Mit eini­gem Zögern nenne ich ihm nun den Namen Esther Van­hom­righ. Es ist mir ein wenig unheim­lich, meine frü­here Geliebte her­bei­zu­zi­tie­ren, aber so könnte ich sie schließ­lich doch noch dafür um Ver­zei­hung bit­ten, ihr so viele Jahre lang meine Ehe ver­heim­licht zu haben. Es tritt jedoch an ihrer Statt ein Herr mit lan­ger Nase und wal­len­den Locken auf, in dem ich sofort John Par­tridge erkenne. Er stellt sich mir nase­rümp­fend als der hoch­wohl­ge­bo­rene Isaac Bicker­staff vor. »Vanessa« habe ihn geschickt: Sie sei mir immer noch böse. Mich packt dar­auf eine der­ar­tig hef­tige Wut, dass ich hand­greif­lich werde, ihn jedoch nicht zu packen bekomme, da seine Form und Erschei­nung von geis­ter­haf­ter Natur ist. Der Gou­ver­neur betrach­tet kopf­schüt­telnd den gro­tes­ken Tanz, den wir auf­füh­ren, indem ich alles dar­an­gebe, die­sem Betrü­ger die Gur­gel zuzu­dre­hen, bis er ihn schließ­lich eben­falls mit einem blo­ßen Fin­ger­zeig zum augen­blick­li­chen Ver­schwin­den bringt.

Er erachte mich nicht für wür­dig, gibt mir der Fürst jetzt zu ver­ste­hen, mit wei­te­ren von ihm her­auf­be­schwör­ten Toten Umgang zu haben, da er sich des Ein­drucks nicht erweh­ren könne, ich stellte ihnen keine Fra­gen, deren Beant­wor­tung von Nut­zen sei. Er lächelt dabei milde, doch kann einen ver­ächt­li­chen Zug um die Lip­pen nicht ver­ber­gen, und mir wird schänd­lich bewusst, welch ein­ma­lige Gele­gen­heit, die jeden His­to­ri­ker in Ent­zü­cken und selbst das gemeine Volk in eine gewisse bange Neu­gierde ver­setzt hätte, ich so acht­los ver­tan habe. Es ist mir unmög­lich, die Beschä­mung mei­nes Her­zens so zu beschrei­ben, dass der Leser einen Begriff davon erhält.

 

aus den gehei­men Auf­zeich­nun­gen des Lemuel Gul­li­ver

 

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Les joies les plus chau­des

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Ich betrete den Kor­ri­dor-Pla­ne­ten. Zuerst sieht es ganz so aus, als sei er unbe­wohnt. Eine Treppe führt ins Innere, und dann begin­nen die Kor­ri­dore. Hin­ter den Türen in den Kor­ri­do­ren, die ich neu­gie­rig öffne, begin­nen neue Kor­ri­dore, und hin­ter ihren Türen wei­tere. Alle sehen gleich aus. Nach kur­zer Zeit habe ich mich ver­irrt. Zum Glück ist es hier nicht dun­kel. Jemand hat in die Kor­ri­dore eine lange grüne Schnur mit klei­nen elek­tri­schen Ker­zen gelegt, die rhyth­misch blin­ken. Ich folge der Schnur, denn ent­we­der muss sie irgendwo enden oder ich finde ihren Anfang.

Dann wird es sehr laut. Ein Kor­ri­dor, den ich betrete, ist noch unfer­tig. Seine Wände sind nack­ter Fels, und es steht ein Mann da mit einem Press­luft­boh­rer, der den Stein bear­bei­tet und den Kor­ri­dor wei­ter hin­ein in den Pla­ne­ten treibt.

»Hallo«, rufe ich, aber der Mann hat einen Gehör­schutz auf und bemerkt mich nicht. Ich tippe ihn an. Er erschreckt und dreht sich um. End­lich stellt er den lär­men­den Press­luft­ham­mer aus, so dass wir uns unter­hal­ten kön­nen.

»Wer bist du denn? Wo kommst du her?«

»Was machst du da?«, frage ich ihn. Er ist jung und vol­ler Staub.

»Ich baue ein Laby­rinth aus Gän­gen und Türen. Aber was machst denn du hier?«

»Ich sehe ja«, sage ich sanft, »dass du dei­nen Pla­ne­ten aus­höhlst und lau­ter Kor­ri­dore hin­ein­baust. Aber warum tust du das?«

Der Mann lehnt sich an die Stein­wand. Er wirkt erschöpft. »Das ist nicht ganz leicht zu erklä­ren«, sagt er.

»Dann erklär es mir ein­fach«, sage ich.

Er zieht sich die Bau­ar­bei­ter­hand­schuhe aus und betrach­tet eine Zeit­lang seine Hände.

»Ich liebe Über­ra­schun­gen«, sagt er schließ­lich. »Weißt du, klei­ner Mann, auf mei­nem Pla­ne­ten konnte mich ein­fach nichts mehr über­ra­schen. Ich kannte schon alles.«

»Aber die Son­nen­un­ter­gänge!«, wende ich ein. »Außer­dem kann immer ein Samen­korn her­we­hen, und es wächst eine Blume, wie du sie noch nie vor­her gese­hen hast. Hast du Vul­kane hier?«

Der Mann schüt­telt den Kopf. Schade, denke ich, denn auch wenn ein Vul­kan erlo­schen ist: Man kann nie wis­sen.

»Jeden­falls baue ich die­ses Laby­rinth, weil ich mich dann hier drin ver­ir­ren kann und nicht mehr weiß, wo ich bin. Des­halb sieht hier alles gleich aus. Sag mal, wie hast du mich eigent­lich gefun­den?«

Ein wenig erin­nert mich der Mann an den Later­nen­wäch­ter: jemand mit einer Mis­sion. Könnte er ein Freund für mich wer­den?

»Willst du denn gerne ver­lo­ren gehen?«, frage ich.

Er nickt. »Hin­ter jeder Tür könnte mich etwas Über­ra­schen­des erwar­ten, weißt du?«

»Aber es sehen doch alle Kor­ri­dore gleich aus. Und hin­ter jeder Tür beginnt ein neuer. Das ist doch nichts Über­ra­schen­des.«

Der Mann run­zelt die Stirn. Hat er dar­über noch nie nach­ge­dacht? »Doch. Es könnte ja mal der Aus­gang sein. Oder das Ende der Kor­ri­dore. Und außer­dem könnte ich ja auch noch etwas in die Kor­ri­dore hin­ein­stel­len, das mich dann spä­ter über­rascht, wenn ich zufäl­lig dar­auf stoße.«

»Das ver­stehe ich nicht«, sage ich ver­wun­dert. »Wenn du etwas hin­ein­stellst, über­rascht es dich doch nicht wirk­lich, wenn du es dann spä­ter hin­ter einer Tür fin­dest.«

»Doch«, sagt der Mann, »wenn ich es näm­lich ver­ges­sen habe.«

»Also willst du dich nicht nur in den Kor­ri­do­ren ver­ir­ren, son­dern auch noch ver­ges­sen, was in ihnen zu fin­den ist?«

Der Mann lächelt erfreut. »Genau.«

Ich kenne noch so einen, der ver­ges­sen will. Und ich weiß nicht, wel­cher von bei­den ver­rück­ter ist. Selt­same Leute, die gro­ßen Leute.

»Ich möchte gerne wei­ter­rei­sen. Weißt du, wo der Aus­gang ist?«

Der Mann nickt lang­sam und unwil­lig. »Ja, lei­der. Ich wünschte, ich hätte es ver­ges­sen. Komm mit, ich bring dich hin.«

Und so gehen wir durch die Kor­ri­dore des Man­nes, und alle sehen genau gleich aus, aber der Mann weiß, wel­che Türen er öff­nen muss und wo es lang­geht.

»Was hat dich eigent­lich zuletzt über­rascht?«, frage ich. Der Mann bleibt ste­hen und sieht zu mir run­ter.

»Na, du natür­lich. Als du eben uner­war­tet auf­ge­taucht bist.«

»Und dazu muss­test du gar keine Tür auf­ma­chen.«

»Das stimmt«, sagt der Mann, »du bist ein­fach so auf­ge­taucht.«

»Und jetzt gehe ich wie­der.« Wir errei­chen näm­lich gerade die Treppe, und dar­über fun­keln die Sterne.

»Gute Reise«, wünscht mir der Mann.

»Komm doch mit«, sage ich, »ich habe auf mei­ner Reise schon viele Über­ra­schun­gen erlebt.«

Der Mann sieht trau­rig aus und jetzt auch viel älter, als ich anfangs gedacht habe. Er schüt­telt den Kopf. »Ich muss mich wie­der an die Arbeit machen.«

Und damit betritt er den Kor­ri­dor mit den blin­ken­den Lämp­chen und ist bald dar­auf im Inne­ren sei­ner Welt ver­schwun­den.

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From the Flip­side of Time

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Einer die­ser häss­li­chen Zwerge hat die Tür zu mei­ner Zelle geöff­net und faucht mich an. Er ist über und über mit schim­mern­den Blät­tern und klei­nen Tier­schä­deln behängt und tritt nun zäh­ne­ble­ckend zurück, um mir den Weg frei­zu­ge­ben.

Sie haben mich tage­lang hun­gern las­sen, und ich habe nur ein klein wenig Regen­was­ser mit der hoh­len Hand auf­fan­gen kön­nen, um mei­nen Durst zu stil­len. Jetzt bin ich völ­lig aus­ge­dörrt und ent­spre­chend schwach auf den Bei­nen. Die grau­häu­tige Wache, die mir kaum bis zur Hüfte reicht, knurrt und macht Bewe­gun­gen mit den Armen, als wolle sie mich vor­wärts schie­ben. Der aus Boh­len gefer­tigte Kor­ri­dor ist nied­rig. Ich muss den Kopf ein­zie­hen und gebückt lau­fen. Unter mir klingt es hohl, als laufe ich über eine rundum geschlos­sene Brü­cke. Folg­sam trotte ich in die Rich­tung, in die der Zwerg mich gehen heißt. Viel­leicht geben sie mir ja end­lich etwas zu trin­ken.

Ich irre jetzt schon Jahre über die­sen ver­wir­ren­den Kon­ti­nent. Noch nie hat es so lange gedau­ert, meine Auf­gabe zu fin­den. Ich bin müde und kraft­los. Aber am schlimms­ten ist die Ein­sam­keit. Immer wie­der muss ich an Enra’daí den­ken.

Wohin ich gelange, wenn ich mich auf die Rück­seite der Zeit begebe, kann ich mir nicht aus­su­chen. Es ist immer ein Ort, an dem man mich braucht – ob als Krie­ger, Scha­mane, Reli­gi­ons­stif­ter oder Frie­dens­brin­ger. Auch wenn ich mein Bes­tes ver­su­che und meist auch hel­fen kann: Oft zweifle ich daran, dass ich der Rich­tige bin für die Auf­gabe – oder auch schon daran, ob ich die Auf­gabe, die mir zuge­dacht ist, über­haupt rich­tig ver­stehe.

Wie haben die ande­ren Wan­de­rer es geschafft, die stän­dige Kon­fron­ta­tion mit fremd­ar­ti­gen Völ­kern zu über­le­ben – in Wel­ten, für die Men­schen nicht geschaf­fen zu sein schei­nen? Meine ein­zige Hoff­nung ist, dass irgend­wann einer von uns Zwöl­fen ersetzt wer­den muss. Dann wer­den sie mich rufen, und wir kom­men – nicht kör­per­lich natür­lich – zusam­men, um einen neuen Wan­de­rer zu küren. Bei die­ser Gele­gen­heit will ich Enra’daí fra­gen, ob wir nicht doch gemein­sam wan­dern kön­nen. Ich bin älter gewor­den, seit wir uns tra­fen, zu einem Mann gereift – und nie hat eine der Frauen, die ich auf mei­nen Streif­zü­gen durch die Zei­ten traf, meine Sehn­sucht nach Enra’daí stil­len kön­nen. Auch sie wird geal­tert sein. Doch der Alters­un­ter­schied würde mich nicht stö­ren. Bevor ich sie traf, wusste ich nicht, dass mir etwas fehlt. Ich will ein­fach nur in ihrer Nähe sein.

Im Boden des Kor­ri­dors ist ein Loch. Es ist qua­dra­tisch, reicht bis zu den Wän­den und ist zu groß, um es mit einem Sprung zu über­win­den. Unten sehe ich Tages­licht – und Sand. Im Sand liegt mein treues Schwert, das mich seit vie­len Jah­ren beglei­tet. Ich habe es Hin­ter­tref­fen getauft.

Mein zwer­gen­haf­ter Auf­pas­ser faucht, zischt und droht: Ich soll offen­bar hin­un­ter­sprin­gen. Es wäre kein Pro­blem, ihm den Hals umzu­dre­hen. Aber meine Mord­lust war nie sehr aus­ge­prägt. Gewalt lässt nur neue Gewalt ent­ste­hen. Und davon gibt es in die­sen Wel­ten schon mehr als genug. Ich springe.

Der Sand­bo­den liegt tie­fer als gedacht. Ich komme mit den Füßen auf und rolle mich ab. Sogleich greife ich zu mei­nem Schwert. Ver­mut­lich wol­len sie, dass ich kämpfe.

Tat­säch­lich befinde ich mich in einer Arena. Hohe Pali­sa­den­wände umge­ben mich, und dar­über bli­cken von den Rän­gen Hun­derte der grau­häu­ti­gen Zwer­gen­we­sen zu mir herab. Es ist heiß, und ein schwa­cher süß­li­cher Geruch von Ver­we­sung liegt über allem.

Vor der Pali­sa­den­wand sitzt die beein­dru­ckend lebens­echt gear­bei­tete Stein­sta­tue eines Raub­tiers mit rie­si­gen Fang­zäh­nen. Hin­ter mir höre ich ein Knur­ren. Blitz­schnell drehe ich mich um. Auch hier zwei Sta­tuen sol­cher Tiere. Sie sind etwa ein Dut­zend Schritte von mir ent­fernt, und ich stehe mit­ten zwi­schen ihnen. Ein Geräusch von Pfo­ten auf Sand lässt mich erneut her­um­fah­ren. Die Sta­tue ist näher­ge­kom­men! Wie­der drehe ich mich herum. Auch die bei­den ande­ren Sta­tuen sind, obwohl sie jetzt bewe­gungs­los daste­hen, näher her­an­ge­rückt. Lang­sam beschleicht mich Panik. Was ist hier los? Die rundum ver­klei­dete Boh­len­brü­cke über der Arena, von der ich her­ab­ge­sprun­gen bin, ist zu hoch, um sie mit einem Sprung errei­chen zu kön­nen.

Immer wie­der drehe ich mich um, wende den Kopf, und wenn ich eine der Sta­tuen wie­der in mei­nen Blick nehme, hat sie sich ein Stück vor­wärts­be­wegt. Ein­mal glaube ich aus dem Augen­win­kel zu sehen, wie sich die Raub­katze nach einem Sprung in Stein ver­wan­delt und noch ein klei­nes Stück­chen wei­ter rutscht. Ich kann immer nur zwei von den drei Bes­tien gleich­zei­tig in mein Blick­feld neh­men. Die dritte wird offen­bar solange leben­dig und macht Jagd auf mich. Schon bald wird mir eine von ihnen ihre Kral­len und Zähne in den Rücken schla­gen.

Das Volk der Klein­wüch­si­gen schaut mir gebannt zu – aber nicht, weil sie mei­nen Tod erwar­ten. Die Span­nung, die in der Luft liegt, ist eine andere. Als wür­den sie sich wün­schen, dass ich den Kampf über­lebe. Doch meine Chan­cen ste­hen schlecht, da ich nicht alle drei Kat­zen gleich­zei­tig im Blick behal­ten kann. Oder viel­leicht doch? Ich hebe mein Schwert in Augen­höhe. Unter­halb der Klinge habe ich eine der Sta­tuen im Blick, und in dem polier­ten Metall spie­geln sich die bei­den ande­ren. Alle drei ste­hen reg­los im Sand. Ein Rau­nen geht durch die Menge. Die Zuschauer haben mei­nen Trick durch­schaut.

Das Schwert vor mich hal­tend gehe ich auf die Sta­tue vor mir zu, ein präch­ti­ges Tier, dem zwei furcht­ein­flö­ßende Reiß­zähne aus dem Maul ragen. Als ich die Katze mit der freien Hand am Kopf berühre, höre ich wie­der ein Rau­nen. Ich strei­che ihr im Vor­bei­ge­hen über den stei­ner­nen Rücken. Sobald ich hin­ter der Sta­tue stehe, drehe ich mich um und habe jetzt alle drei Tiere im Blick. Das Schwert lasse ich sin­ken. Nie hätte ich gedacht, dass Hin­ter­tref­fen mir ein­mal auf diese Weise nütz­lich sein würde.

Ich könnte die Tiere töten, mein Schwert über ihren Rücken heben und es ihnen – kurz die Augen schlie­ßend, damit sich der kühle Mar­mor in war­mes Fleisch ver­wan­delt – ins Herz jagen, eines nach dem ande­ren. Aber es sind wun­der­schöne Kat­zen, und es ist ihr Instinkt, der sie angrei­fen lässt – keine Feind­schaft.

»Was­ser!«, rufe ich in die schwei­gende Menge. Dann noch ein­mal in der Spra­che des Sumpf­volks, bei dem ich lange gelebt habe. Das schei­nen sie zu ver­ste­hen. Mir wird ein Seil zuge­wor­fen. Ich klet­tere daran hoch – was mir fast zum Ver­häng­nis wird, denn indem ich mei­nen Blick abwende, erwa­chen die drei Sta­tuen zum Leben und jagen in gro­ßen Sprün­gen auf mich zu. Ich ent­komme ihnen knapp und schwinge mich über die Pali­sa­den­wand. Einer der Klein­wüch­si­gen reicht mir ein Horn, gefüllt mit Was­ser. Gie­rig trinke ich es leer.

Dann bli­cke ich hin­un­ter in die Arena. Der Zau­ber, der die Raub­kat­zen durch mei­nen Blick ver­stei­nern ließ, wirkt von hier oben nicht. Unru­hig und hung­rig knur­rend strei­chen sie durch den Sand. Ihr Fell glänzt in der Sonne. Eine springt an die Pali­sa­den unter­halb von mir, ver­sucht, sich dort fest­zu­kral­len, rutscht aber wie­der ab.

»Wer hat hier das Sagen?«, frage ich in der Spra­che des Sumpf­volks. Hun­derte Augen­paare star­ren mich wort­los an. Dann drängt sich eine Zwer­gin zu mir durch.

»Wir vom Volk der Zau­be­rer«, sagt sie, »haben Dämo­nen geru­fen, derer wir nicht mehr Herr wer­den.«

»Diese … Tiere?«, frage ich mit Blick in die Arena.

Die kleine Frau schüt­telt den Kopf: »Die haben wir im Berg­land gefun­den, als Kat­zen­junge. Die Mut­ter wurde durch eine Lawine getö­tet. Die Ahnen haben zu mir gespro­chen und gesagt, ein mäch­ti­ger Krie­ger würde kom­men und uns hel­fen.«

»Und des­halb werft ihr mich euren Haus­kat­zen zum Fraß vor?«

»Damit hast du bewie­sen, dass du wür­dig bist.« Sie fasst meine Hand. »Die Dämo­nen – sie kom­men des Nachts. Kannst du uns hel­fen, unser Volk zu ret­ten? Wirst du es tun?«

End­lich weiß ich, wel­che Auf­gabe mich in diese Welt und Zeit geführt hat. Als ich mit der Ober­zau­be­rin durch die Menge schreite, schla­gen viele ihrer Unter­ta­nen zwei der klei­nen Tier­schä­del, mit denen sie sich schmü­cken, gegen­ein­an­der, ein hun­dert­fa­ches Kla­cken, Pochen und Tocken, mit dem sie mir ihren Respekt erwei­sen.

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Eis­op­tro­pho­bia

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Ich betrete den Kor­ri­dor: links die Kinos 2 und 3, rechts das Kino 5 und dahin­ter die Toi­let­ten. Ich halte mich genau an die Anwei­sun­gen. Sonn­tag­nachts gibt es hier immer einen Musik­film im Pro­gramm. Ich habe ein Ticket für Oli­ver Stones The Doors gekauft. Der läuft zwar schon seit ein paar Minu­ten, aber das soll so sein. Ich gehe am Kino vor­bei. Auch an den Toi­let­ten gehe ich vor­bei. Es ist nie­mand außer mir im Kor­ri­dor. Gut so. Ich öffne am hin­te­ren Ende die Stahl­tür, über der das Not­aus­gangs­sym­bol leuch­tet. Dahin­ter liegt ein dunk­les Trep­pen­haus. Die Tür fällt hin­ter mir ins Schloss. Mir geht der Arsch auf Grund­eis. Ich halte mich an die Anwei­sun­gen und steige die Treppe hin­un­ter. Die schmale Tür ein Stock­werk tie­fer ist ver­schlos­sen, aber tat­säch­lich fin­det sich der Schlüs­sel unter der Fuß­matte. Ich schließe auf. Zuerst glaube ich, hier falsch zu sein. Es ist düs­ter in dem fens­ter­lo­sen Raum. Hüft­hohe Müll­ei­mer mit dem typi­schen Plas­tik­wip­pen­ver­schluss ver­sper­ren mir den Weg, und ein paar alte Film­auf­stel­ler mit lebens­gro­ßen Stars. Aber dann erkenne ich im Däm­mer­licht, dass es tat­säch­lich ein klei­nes Kino ist. Die Bestuh­lung, ganze vier Rei­hen, ist aus abge­nutz­tem rotem Samt. Auf der ers­ten Sitz­reihe liegt Weih­nachts­deko. Der mitt­lere Sitz in der zwei­ten Reihe, den ich mir her­un­ter­klappe, ist total durch­ge­ses­sen. Ich nehme den dane­ben.

Von irgend­wo­her kom­men dumpfe Geräu­sche. The Doors ver­mut­lich, aus dem Kino drü­ber. Es war Wahn­sinn, hier­her­zu­kom­men. Ich hätte es nicht tun sol­len.

Ver­mut­lich ist es eine rie­sen Ver­ar­schung. Aber irgend­was muss Trobi pas­siert sein. Er ist nur noch ein Schat­ten sei­ner selbst. Und dabei kann den nichts scho­cken. Der sieht sich die här­tes­ten Strei­fen an, bal­lert sich durch die bru­tals­ten Games und hat sich bei der Mai-Demo auch schon mit ech­ten Poli­zis­ten ange­legt. Eines Mor­gens schlich er dann in die Klasse und wirkte wie sein eige­ner Geist. »Na, schlech­ten Trip gehabt?«, fragte ich ihn, und er packte mich an der Schul­ter, drückte mich an die Wand und erzählte es mir.

Du musst dir Sonn­tag­nacht ein Kino­ti­cket kau­fen, sagte er mir, und gehst durch den Not­aus­gang run­ter, schließt dir mit dem Schlüs­sel unter der Matte einen ver­ges­se­nen alten Kino­saal auf, setzt sich da rein und siehst dir die Vor­stel­lung an. Ich garan­tier dir: Wenn du da raus­kommst, wirst du nie wie­der der Alte sein.

Hu-huh! Da will mir einer Angst machen, was? Aber Trobi war es ernst. Er sagte, er erzählt’s mir nur, weil ich der Klas­sen­phi­lo­soph bin und immer so abge­klärt tue, seit mein klei­ner Bru­der im Bag­ger­see ertrun­ken ist. So, als würde ich über allen Din­gen ste­hen. Viel­leicht gefällt’s dir sogar, hat Trobi ange­fügt und den Mund dabei ver­zo­gen.

Es knackt in den Laut­spre­chern und fla­ckert auf der Lein­wand. Ich kriege einen gewal­ti­gen Schreck. Scheiße. Irgend­je­mand muss den Pro­jek­tor ange­schal­tet haben. Tag Null heißt der Film. Steht jeden­falls kom­men­tar­los auf der Lein­wand. Und dann zeigt die Kamera die Dächer der Stadt, so, als ob man mit einem Bal­lon knapp drü­ber weg­schwebt. Sonst pas­siert erst mal nichts. Ich steh noch mal auf und geh nach hin­ten zum klei­nen Fens­ter für den Pro­jek­tor. Mit der Hand schirme ich sein Licht ab. Der kleine Raum ist leer. Selt­sam. Aber irgend­wie hab ich mir das schon gedacht. Ich setz mich wie­der.

Über Trobi hab ich lange nach­ge­dacht. Der zog sich immer mehr in sich zurück und redete schließ­lich nach zwei, drei Tagen quasi mit kei­nem mehr. Irgend­was muss mit ihm pas­siert sein. Aber das mit dem ver­ges­se­nen Kino und dem Film – das muss er sich doch aus­ge­dacht haben. Ich meine, man macht doch auch nicht irgend­eine Müll­tonne auf und guckt plötz­lich tief run­ter in die Hölle – mit Flam­men und Teu­feln und allem drum und dran. So was gibt’s nur im Kino.

Die Kamera taucht jetzt run­ter und in ein Fens­ter von einem der gro­ßen Bun­ker mit Miet­woh­nun­gen rein. Es liegt jemand im Bett, obwohl schon hel­ler Tag ist. Er stöhnt und rich­tet sich auf. Er hat mein Gesicht, älter zwar und mit Bart­stop­peln, aber es ist unver­kenn­bar meins. Das bin ich. Scheiße. Ich wusste es. Trobi hat mir die Wahr­heit gesagt.

Die Kamera folgt dem Typen, der ich bin, nur älter, ins Bad.

Da läuft ein Film von dei­nem letz­ten Tag, hat Trobi gesagt, und ich hab sein hei­se­res Flüs­tern noch im Ohr. Und am Ende siehst du, wie du stirbst.

Ich hab ungläu­big gelacht, aber Trobi ver­zog keine Miene. Du musst mir nicht glau­ben, hat er gesagt, sieh’s dir selbst an. Wenn du dich traust.

Auf der Lein­wand schalt ich im Wohn­zim­mer die Glotze ein und schmier mir in der Küche auf dem ver­keim­ten Tisch ein Brot dick mit Nutella zum Früh­stück. Dabei kann ich das süße Zeug nicht aus­ste­hen. Und was soll das mit dem Fern­se­her? Brauch ich das, weil ich sonst die Stille nicht ertra­gen würde? Es ist ekel­haft, wie ich das Zeug in mich rein­stopfe. Wie alt mag ich sein? Paar­und­zwan­zig. Du siehst scheiße aus!, würde ich mir am liebs­ten zuru­fen, aber es ist ja nur ein Film. Nur ein Film?

Ich werde ster­ben. Irgend­wann an die­sem ver­ratz­ten Tag in mei­ner nicht allzu fer­nen Zukunft werde ich den Löf­fel abge­ben. Will ich das sehen? Nein, ganz sicher nicht! Aber irgend­was nagelt mich fest, und ich komm nicht vom Sitz hoch, fas­zi­niert von die­sen ganz all­täg­li­chen Auf­nah­men, die mich zei­gen, wie ich mich noch nie gese­hen habe. Die Kata­stro­phe rückt näher, und ich bin wie gelähmt und kann nichts unter­neh­men.

Der Typ im Film tele­fo­niert mit einer Katja. Kenn ich nicht. Gibt in der Par­al­lel­klasse eine, aber die wird’s nicht sein, das ist ’ne arro­gante Möch­te­gern-Tusse, die zuhause bestimmt noch mit Lil­li­fee spielt. Die Tür­klin­gel geht. Erst bleibe ich sit­zen, dann stehe ich doch auf und öffne die Ein­gangs­tür. Trobi steht da, Den­nis Trob­bert, unver­kenn­bar. Auch er älter, auch er nicht gerade auf der Höhe sei­ner Zeit. »Heut ist der Tag«, sagt er. Ich nicke. Trobi geht rein, sieht das Chaos auf dem Küchen­tisch, blät­tert kurz in einem zer­fled­der­ten Death-Metal-Maga­zin und schmiert sich dann auch eine Nutel­las­tulle.

Ich stelle fest, dass ich nicht atme. Hab vor Schreck auf­ge­hört zu atmen. Jetzt ver­schlu­cke ich mich und muss hus­ten. Trä­nen stei­gen mir in die Augen. Dabei will ich doch unbe­dingt mit­krie­gen, was die bei­den reden.

»… wohl gerade dabei«, sagt Trobi mit vol­lem Mund. Ich stehe am Herd. »Und?«, frage ich. »Nichts«, sagt Trobi. Dann schwei­gen beide, bis Trobi zu Ende geges­sen hat. Er fragt schließ­lich, ohne mich dabei anzu­se­hen: »Und, hast du’s getan?« Als ich nicke, sagt er: »Scheiße.«

Was immer mich auf mei­nem Sitz fest­ge­hal­ten hat: Einen Moment lang lässt die Kraft kurz nach. Ich springe auf und ramme mir dabei unbe­ab­sich­tig­ter­weise meine Weich­teile in einen Christ­baum­stän­der oder so was, der zwi­schen den Stüh­len raus­ragt. Keu­chend gehe ich zu Boden.

»Brin­gen wir’s hin­ter uns«, sagt Trobi. »Und wir kön­nen nichts tun?«, fragt mein ande­res, tod­ge­weih­tes Ich. Trobi schüt­telt den Kopf. Die bei­den ver­las­sen die Woh­nung.

Mir ist spei­übel von den höl­li­schen Schmer­zen im Unter­leib. Gekrümmt taste ich mich durch die Stuhl­reihe, schmeiße schep­pernd meh­rere Müll­ei­mer und einen Bruce Wil­lis aus Pappe um. Bloß raus hier!

Ich stehe im Trep­pen­haus, und die Tür zum ver­ges­se­nen Kino­saal fällt hin­ter mir ins Schloss. Ich ver­su­che, zu Atem zu kom­men und irgend­wie wie­der einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen. Aber alles, was mir in den Sinn kommt, sind die Anwei­sun­gen: wie­der abschlie­ßen und den Schlüs­sel unter die Matte ste­cken. So, wie sie Trobi auch bekom­men hatte. Ich schließe ab, zwei­mal, hätte auch drei­mal abge­schlos­sen, wenn sich der Schlüs­sel noch wei­ter­ge­dreht hätte. Aber ich ste­cke ihn nicht wie­der unter die Matte. Ich nehme ihn mit.

Der Typ an der Theke sieht mich schräg an. Wahr­schein­lich sehe ich jetzt wie Trobi aus am Tag danach: wie mein eige­ner Geist. Das Ende kenn ich schon, sag ich ihm, und natür­lich glaubt er, ich meine The Doors.

Drau­ßen regnet’s. Es schüt­tet aus allen Löchern. Und ich bin froh drü­ber, lasse das Was­ser in mein Gesicht plat­schen, bis ich das Gefühl habe, das alles ist ein böser Traum gewe­sen. Aber ich weiß natür­lich, was ich gese­hen habe.

Nächs­ten Sonn­tag werde ich wie­der­kom­men. Ich werde wie­der ein Ticket lösen, den Not­aus­gang neh­men, die Treppe run­ter­stei­gen und mich in die­ses Hor­ror­kino set­zen. Ich muss wis­sen, ob der­selbe Film läuft oder ein ganz ande­rer. Ist der Tag Null unaus­weich­lich fest­ge­legt, oder ändert sich jetzt meine Zukunft, weil ich einen Blick drauf wer­fen konnte? Mann, Scheiße, ich bin doch keine Mario­nette! Ich kann selbst bestim­men, was ich tu. Und was ich lasse – wie Nutel­laes­sen bei­spiels­weise. Und ich will’s auf kei­nen Fall vor­her wis­sen.

Eigent­lich will ich auch gar nicht wis­sen, ob ein ande­rer Film läuft. Oder der­selbe Tag Null. Ich werde ein­fach den Schlüs­sel jetzt schon in den Fluss wer­fen.

Soll ich?

Ja. Muss sein. Mit Schwung.

Weg ist er, irgendwo tief unten bei den Fischen!

Trobi werde ich erzäh­len, dass ich einen uralten Mann gese­hen hab, der auf einer Ter­rasse an einer Steil­küste auf einem Deck­stuhl saß, so, wie man auf einem Kreuz­fahrt­schiff sitzt, in eine Decke ein­ge­wi­ckelt und mit einem damp­fen­den Tee neben sich. Und dass ich ein Tele­fon in der Hand hatte und eine Num­mer wählte: »He, Trobi, altes Haus. Hab ich’s nicht gesagt? Weil wir das Ende kann­ten, konn­ten wir’s bes­ser machen!«

Und dann sagte der alte Mann im Film noch: »Ja. Heute ist wohl der Tag. Ich mag’s, wenn’s drau­ßen auf dem Meer Schaum­kro­nen gibt.« Und als Ant­wort wohl auf ein »Mach’s gut« von Trobi sagte er grin­send »Mach’s bes­ser!«, bevor er auf­legte.

Dann flog die Kamera von ihm weg, von der Ter­rasse weg und von der Steil­küste weg, immer wei­ter weg, bis die Erde nur noch ein win­zi­ger Punkt zwi­schen den Ster­nen war.

Das habe ich gese­hen. So war das, mein Tag Null. Kann man mit leben, oder?

Und Nutella rühr ich mei­nen Leb­tag nicht an, ich schwör’s!

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The Story Isn’t Finis­hed Yet

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Ich betrete den Kor­ri­dor, stelle mich an eine Wand, öffne meine Hose und pinkle. Was für eine Erleich­te­rung! Das Lachen von The­seus klingt aus dem angren­zen­den Raum. »Stell bloß keine Figu­ren um!«, brülle ich. Sein Lachen wird noch lau­ter.

Wir spie­len Zita­delle, und als ich zurück­komme, wird mir klar, als ich die im gan­zen Raum ver­streu­ten lee­ren Fla­schen sehe, dass wir von dem sau­ren, ver­go­re­nen Saft, der das Blut und das Gemüt erhitzt und die Zunge lockert, schon Unmen­gen getrun­ken haben müs­sen. The­seus grinst mich an, ein mus­ku­lö­ser Krie­ger, Leder­rie­men über der son­nen­brau­nen Brust, Fünf­ta­ge­bart im Gesicht. So jung und wohl­ge­stalt muss ich auch ein­mal gewe­sen sein. Das Schwert hat er acht­los bei­seite gewor­fen. Ich setze mich schwer­fäl­lig vor das Spiel­brett und suche nach einer Mög­lich­keit, dem Ansturm sei­ner Vasal­len zu ent­kom­men.

»Du bist ein Mons­ter«, hatte er gesagt, als wir uns gegen­über­stan­den und taxier­ten, »aber ich bin das grö­ßere Mons­ter.«

Und dann hatte er, mit sei­nem aus­ge­streck­ten Schwert zwi­schen uns, begon­nen, von sich zu erzäh­len. Von sei­ner vater­lo­sen Kind­heit, dem Gespött der ande­ren Kin­der aus­ge­setzt. Von sei­ner Jugend und den Lei­chen, die er auf dem Weg zu sei­nem Vater, des­sen Namen ihm die Mut­ter schließ­lich doch ver­ra­ten hatte, hin­ter sich zurück­ließ: Peri­phe­tes, mit der eige­nen Waffe erschla­gen; Sin­nis, der Fich­ten­beu­ger, den The­seus zwi­schen zwei sei­ner Fich­ten spannte und von ihnen zer­rei­ßen ließ; Ski­ron, den er einen Fel­sen hin­ab­stieß; Pro­krus­tes, dem er erst die Glie­der lang­zog und dann abschlug. Von der Furcht, die er ver­brei­tete, und dem Ruf, ein gna­den­lo­ser Mör­der zu sein. Ein Mons­ter.

Aber The­seus ist eigent­lich ein net­ter Kerl. Er erzählt vom Gol­de­nen Vließ und dass die ande­ren Argo­nau­ten immer Abstand zu ihm hiel­ten. Vom Kaly­do­ni­schen Eber und der Jagd­ge­sell­schaft, die sich bil­dete, um das Mons­ter zu erle­gen, ihn, The­seus, aller­dings zur Nach­hut ver­don­nerte. Vom Mara­tho­ni­schen Stier, einem wei­te­ren men­schen­mor­den­den Mons­ter … Aber hier ver­stummt er, um meine Gefühle nicht zu ver­let­zen. Statt­des­sen erzählt er mir von Ari­adne, mei­ner Schwes­ter, die er hei­ra­ten oder zumin­dest ent­füh­ren will, und fragt mich, ob ich nicht Trau­zeuge sein möchte.

Unsere Zita­delle-Par­tie gewinnt er. Doch dann über­mannt ihn die Müdig­keit. Zärt­lich decke ich ihn zu und räume alle Fla­schen fort, bis auch ich mich zur Ruhe begebe. Nach zu viel ver­go­re­nem Apfel­saft schmer­zen mir am nächs­ten Mor­gen immer die Hör­ner, aber beim Ein­schla­fen denke ich, dass es das wert war.

 

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Imperti et impera

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich zu den Kel­ler­ge­wöl­ben mit den Pil­zen führt. Jung­frauen und Jüng­linge hat mir die Stadt, hat mir das Volk schon lange keine mehr geop­fert. Manch­mal gelingt es mir, in einem der Innen­höfe einen Vogel zu fan­gen. Doch das ist nur ein klei­ner Hap­pen, und meist muss ich in die feuch­ten Gewölbe hin­ab­stei­gen, um Pilze von den Wän­den zu fres­sen. Sie machen nicht rich­tig satt, und die unsäg­li­che Demü­ti­gung macht mich wütend.

Letzt­hin, nach zu vie­len Pil­zen, habe ich geträumt, ein jun­ger Mann tritt zu mir in den Thron­saal. Er hält ein Klemm­brett in der Hand.

»Guten Tag«, sagt er freund­lich. »Sie müs­sen sich regis­trie­ren.«

»Was?« Ich habe zu lange an der Wand geses­sen: Meine Gelenke sind steif, und ich komme nicht sofort hoch, um ihn umzu­brin­gen.

»Alle Mino­tau­ren müs­sen sich regis­trie­ren. Ich bin hier, um Ihnen dabei zu hel­fen. Sie benö­ti­gen ein Pass­wort.«

»Alle Mino­tau­ren?«

»Ja. Sie gehö­ren zu den über­na­tür­li­chen Wesen­hei­ten.«

»Aber es gibt nur mich!«, brülle ich, wäh­rend ich wei­ter ver­su­che, auf meine Füße zu kom­men.

Der Mann schüt­telt lächelnd den Kopf und blickt auf sein Klemm­brett, das gar kein rich­ti­ges Klemm­brett ist, weil es näm­lich leuch­tet und ihm far­bige Fle­cken ins Gesicht zeich­net. Er malt mit den Fin­gern dar­auf herum. »Es sind bereits 141 Mino­tau­ren regis­triert.«

»Ein­hun­dert­ein­und­vier­zig Mino­tau­ren?!«, schnaufe ich.

»Ja, welt­weit. Ich habe schon alles für Sie ein­ge­tra­gen. Sie brau­chen jetzt noch ein Pass­wort.«

»Haben Sie mit Däda­lus gespro­chen? Hat er Sie geschickt?«

»Däda­len sind nicht regis­trie­rungs­pflich­tig.«

»Gibt es von ihm«, frage ich kon­ster­niert, »auch so viele?«

»Na, das möchte ich doch wohl anneh­men«, erwi­dert der Mann. Inzwi­schen konnte ich mich end­lich erhe­ben. Ich senke den Kopf und spieße ihn auf. Dass es nur einen Mino­tau­rus gibt, näm­lich mich, wird er, ver­mute ich mal, spä­tes­tens jetzt regis­triert haben.

 

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The Gist of the Tryst

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Ich betrete den Kor­ri­dor. End­lich ist es soweit: Es riecht betö­rend nach Laven­del. Meine heim­li­che Geliebte hat mir eine Duftuhr zukom­men las­sen, ein Rauch­werk, das ich bei Son­nen­un­ter­gang anzün­den sollte und das dann lang­sam her­un­ter­brannte, zu jedem Stun­den­wech­sel einen ande­ren Geruch ver­strö­mend. Unge­dul­dig war­tete ich. Zuerst roch es nach Vanille, dann durch­zug das Aroma von Ros­ma­rin mein ein­sa­mes Gemach. Ich muss kurz ein­ge­nickt sein. Der Duft von Laven­del weckte mich, und sogleich begab ich mich in den Kor­ri­dor, in dem wir uns heim­lich tref­fen wol­len.

Nur ein wenig silb­ri­ges Mond­licht beleuch­tet den Gang. Sehe ich dort hin­ten sie, meine Geliebte? Ein Schat­ten nur, eine Sil­hou­ette. Ich eile hin, die Arme aus­ge­streckt, und sie wen­det sich mir zu, brei­tet eben­falls die Arme aus. Wir eilen auf ein­ein­an­der zu, doch plötz­lich sto­cken wir im Schritt und hal­ten inne. Es ist Jur­gen, der groß­ge­wach­sene, bär­tige Rit­ter. »Was tust du hier, Koch?«, fragt er her­ab­las­send, als sei dies sein Tur­nier­platz – und nicht der Flü­gel des Palas­tes, in dem die Prin­zes­sin wohnt mit ihren Kam­mer­zo­fen und Dienst­mäg­den. Trotz­dem stot­tere ich, senke unwill­kür­lich mein Haupt, trete einen Schritt zurück. »Laven­del«, dringt aus mei­nem Mund.

Jur­gen bricht in Lachen aus. »Hat dich eine Magd her­be­stellt, Koch? Dann bist du schlecht bera­ten, denn die Rauch­uhr steht erst bei Ama­ryl­lis­duft.« Ich murmle etwas, das der Rit­ter als Wider­spruch auf­nimmt. Er belehrt mich: »Ama­ryl­lis, nicht Laven­del. Ich werde doch wohl wis­sen, wie Ama­ryl­lis riecht!«

Er blickt sich um: »Oder siehst du hier irgendwo deine Magd?«

»Und deine …?« Ich spre­che es nicht aus. Wie­der blickt sich Jur­gen um: »Sie hat Ama­ryl­lis gesagt, und ich habe Ama­ryl­lis gero­chen.« Doch der Gang ist – bis auf uns beide natür­lich – leer. Keine Tür öff­net sich, keine Gestalt schleicht herum.

»Hm«, sagt der Rit­ter und reibt sich den Bart. Dann packt er mich am Kra­gen und schleift mich mit sich, den Kor­ri­dor ent­lang, die Treppe hinab, durch die dunkle Halle in den Schirr­hof, an den Pfer­de­stäl­len und am Häus­chen der Schild­wa­che vor­bei bis in das Gebäude mit den Quar­tie­ren für die Rit­ter.

Wir ste­hen in einem Raum mit einer Prit­sche, den nur die Glut eines her­un­ter­ge­brann­ten Kamin­feu­ers erhellt. Das Rauch­werk steht auf einem klei­nen Tisch­chen unter der Fens­ter­ni­sche und glimmt. Es riecht nach Laven­del. »Ama­ryl­lis, riechst du’s?«, fragt er. Ich wage nicht zu wider­spre­chen. Mei­nen Augen jedoch sieht er an, dass ich seine Mei­nung nicht teile.

»Laven­del?«, fragt er. Ich zögere erst und wage dann, zu nicken.

»Dann bin ich viel­leicht zu früh dran«, sagt Jur­gen. Er packt mich erneut an den Schul­tern: »Wonach hat es bis­her gero­chen? Sprich!«

»Vanille«, sage ich, »Ros­ma­rin … Laven­del.«

»Bist du ein­ge­schla­fen? Es waren mehr als drei Düfte, es ist doch schon fast Mor­gen.«

Veil­chen­duft durch­zieht jetzt das Gemach. Auch Jur­gen riecht es. Er lässt mich los. »Ama­ryl­lis?«, fragt er hoff­nungs­voll.

Ich schüttle den Kopf: »Veil­chen.« Er schnup­pert und kratzt sich den Bart: »Dann muss Ama­ryl­lis danach kom­men.« Ich nicke, und er lacht: »Na los, Koch, deine Magd war­tet sicher schon sehn­süch­tig auf dich.«

»Es ist keine Magd«, sage ich trot­zig.

»Na, dann geh zu dei­ner Zofe.«

»Es ist auch keine Zofe.«

Der Rit­ter lacht: »Na, es wird ja wohl nicht …« Er hält inne, als er mei­nen Blick bemerkt, und packt mich wie­der bei den Schul­tern. »Die Prin­zes­sin?«, fragt er, und seine Stimme ist nur ein Hauch. Ich nicke. Sehe ich da Trä­nen in sei­nen Augen? »Sie sagte, sie gehöre nur mir!«, flüs­tert er hei­ser.

»Im Häus­chen der Schild­wa­che«, sage ich, »roch es auch nach Laven­del, als wir vor­bei­gin­gen.«

Wir tre­ten beide an die schmale Fens­ter­öff­nung, durch die der im Mond­licht dalie­gende Hof zu sehen ist. Ein Schat­ten löst sich vom Häus­chen der Schild­wa­che und strebt auf die Ein­gangs­halle zu.

»Die Schild­wa­che?!«, flüs­tert Jur­gen mit erstick­ter Stimme.

»Ihm hat sie gesagt, er soll kom­men, wenn es nach Veil­chen duf­tet«, ver­mute ich.

»Ich werde, ich werde … Wo ist mein Schwert?« Rit­ter Jur­gen durch­stö­bert seine Hab­se­lig­kei­ten. »Die Schild­wa­che ist kein Geg­ner für mich, und wenn ich ihr gegen­über­stehe, werde ich, werde ich …«

»Ihr wer­det ihr nicht gegen­über­ste­hen«, sage ich. Jur­gen kniet vor sei­ner Prit­sche und will gerade dar­un­ter­krie­chen. Erstaunt blickt er zu mir auf.

»Auch wenn sie sich für jede Stunde der Nacht einen Lieb­ha­ber bestellt: Sie selbst bleibt gewiss in ihrem Gemach und schlum­mert süß. Und wenn sie kurz erwa­chen sollte, wird sie lachen bei dem Gedan­ken daran, was wohl die ganze Nacht lang im Kor­ri­dor vor sich gehen mag.«

Lang­sam erhebt Jur­gen sich wie­der. Er hat unter der Prit­sche eine Art fla­che kleine Holz­kiste gefun­den.

»Ja, so wird es sein. Ver­zo­ge­nes Gör. Eine bos­hafte kleine Per­son. Ganz der Vater.« Ich wage nicht zu nicken. »Du bist ein klu­ger Mann mit einer schnel­len Auf­fas­sungs­gabe. Spielst du Schach, Koch?«, fragt er und klopft auf die Holz­schach­tel. Ich schüttle den Kopf. »Zita­delle?« Wie­der schüttle ich den Kopf. »Dame?«, fragt er wei­ter. Ich nicke.

Wir set­zen uns an das Tisch­chen mit der Duftuhr und ver­tei­len im Licht einer Kerze, die Jur­gen ent­zün­det hat, unsere Steine auf dem Spiel­brett.

 

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Mir­ror­s­cape

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Ich betrete den Kor­ri­dor, eine schul­ter­hohe Röhre mit dem Quer­schnitt eines regel­mä­ßi­gen – ich zähle es ab – Sie­ben­ecks. Die Wan­dung ist schwarz, glatt und kalt, und vor mir schließt eine helle Flä­che den Kor­ri­dor ab. Eine Sack­gasse?

Ich weiß nicht, wer mich über­fal­len und gefan­gen hat. Es ging alles blitz­schnell, und ich ver­lor das Bewusst­sein. Mein Schwert, den Dolch und den Leder­schlauch mit Was­ser hat­ten sie mir abge­nom­men, und ich erwachte in einer Kam­mer mit Wän­den, Boden und Decke wie aus schwar­zem Metall. Ein­zi­ger Aus­gang: die sie­ben­eckige Röhre.

Wer immer die­ses Gefäng­nis erbaut hat: Sie ver­wen­den Mate­ria­lien, wie ich sie noch nie gese­hen habe. Dies ist offen­bar kein Volk, des­sen Künste sich dar­auf beschrän­ken, aus Holz­stäm­men Ein­bäume zu fer­ti­gen und Stroh­hüt­ten zu bauen. Alles hier ist streng geo­me­trisch, ohne die geringste Unre­gel­mä­ßig­keit. Was haben sie mit mir vor? Wie passe ich in diese Welt?

Die Flä­che am Ende des Kor­ri­dors leuch­tet und strahlt ein schwa­ches, kal­tes Licht aus, das meine Hände grün­lich aus­se­hen lässt. Ich glaube, ein lei­ses, bestän­di­ges Knar­ren zu hören, wie von einem rie­si­gen Baum, der sich im Wind wiegt. Als ich die helle Flä­che vor­sich­tig berühre, bie­tet sie mir kei­nen Wider­stand. Meine Fin­ger glei­ten hin­ein, aber ich ziehe sie mit einem Schmerz­laut wie­der hin­aus, da es heiß in mei­nen Fin­gern brennt. Doch die Hitze lässt schnell nach. Bie­tet sich mir hier ein Aus­weg?

Ich halte die Luft an und ste­cke mein Gesicht in die leuch­tende Flä­che. Es brennt, als hätte ich mei­nen Kopf in eine Flam­men­wand gesteckt, und ich ziehe ihn gleich wie­der zurück. Ich habe eine Land­schaft und einen Him­mel gese­hen, einen selt­sa­men, tür­ki­sen Him­mel – immer noch bes­ser als die­ses schwarze, kalte Gefäng­nis. Ich ziehe den Kopf ein und mache einen schnel­len Schritt durch das sie­ben­eckige Por­tal. Die Hitze dringt durch meine Haut in mei­nen Kör­per, aber ver­fliegt auch sofort wie­der.

Die Sonne steht in dem cyan­far­be­nen Him­mel am Zenit. Ich stehe auf einer Ebene, die sich end­los weit in alle Rich­tun­gen erstreckt, von blass­ro­tem, flaum­ar­ti­gem Gras bewach­sen. Der Hori­zont schim­mert. Hin­ter mir: ein sie­ben­ecki­ger Spie­gel, der mit einer Ecke im Boden steckt. Aus die­ser Spie­gel­flä­che bin ich offen­bar gerade hin­aus­ge­tre­ten. Das Selt­same aber ist: Sie spie­gelt mich nicht.

Bevor ich sie näher unter­su­chen kann, streift mich ein Schat­ten. Es fällt etwas Gro­ßes von oben herab, ein lau­tes Knir­schen und Bers­ten um mich her, instink­tiv ducke ich mich.

Als ich auf­bli­cke, bin ich von einer schwar­zen, dop­pelt manns­ho­hen, sie­ben­ecki­gen Mauer umge­ben – und wie­der gefan­gen, zusam­men mit der sie­ben­ecki­gen Spie­gel­flä­che. Ich spüre einen Wind­hauch an den Bei­nen, und erstaunt beob­achte ich, wie der blass­rote Flaum um mich herum bin­nen eines Wim­pern­schlags welkt und zu Staub wird. Der Boden dar­un­ter ist unre­gel­mä­ßig und rin­den­ar­tig. Er wirkt wie die Ober­flä­che eines gigan­ti­schen Astes – in den läng­li­chen, schlan­gen­för­mig ver­lau­fen­den Ver­tie­fun­gen die­ser Rie­sen­borke könnte ich mir glatt einen Fuß bre­chen. Der Spie­gel steckt fest im Holz, und auch die Mauer hat sich tief und unver­rück­bar in die Rin­den­wülste gebohrt. An einer Stelle hin­ter dem Spie­gel streckt der höl­zerne Boden an der Mauer wie aus Pro­test einige Späne hoch. Ich reiße einen davon ab. Keine Waffe zwar, aber etwas in der Hand zu haben, gibt mir das Gefühl, der Situa­tion nicht gänz­lich hilf­los aus­ge­lie­fert zu sein.

Ist dies ein frem­der Pla­net? Oder eine Ära weit in der Ver­gan­gen­heit oder der Zukunft?

Die Rück­seite des Spie­gels reflek­tiert weder mich noch das Stück Holz, nur die Mauer. Er scheint extrem dünn zu sein. Ich drü­cke den Span an die Kante, und er wird ohne Schwie­rig­kei­ten durch­trennt. Noch nie habe ich etwas der­ar­tig Schar­fes gese­hen. Ein Schat­ten, der über mich hin­weg­zuckt, lässt mich auf­bli­cken.

Es zischt, und unmit­tel­bar neben mir bohrt sich eine wei­tere Spie­gel­flä­che senk­recht in den Boden. Ich schlu­cke und trete – etwas zu spät, falls das Ding auf mich gezielt war – zur Seite. Es kam aus Rich­tung der Sonne. Mehr kann ich auch mit zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen nicht erken­nen.

Wie­der ein blitz­ar­ti­ger Schat­ten­wurf, wie­der zischt es, und jetzt steckt ein drit­ter Spie­gel ein paar Schritte ent­fernt in den Rin­den­wüls­ten. Die Geschosse sind so schnell, dass ein Aus­wei­chen unmög­lich ist. Und es kom­men mehr davon. Jedes Mal zucke ich zusam­men. Sie ver­tei­len sich unre­gel­mä­ßig und spie­geln den Unter­grund, die Mauer und den Him­mel – aber nicht mich und die ande­ren Spie­gel!

Aus den Augen­win­keln bemerke ich eine wei­tere Bewe­gung. Ich traue mei­nen Augen nicht: Aus einem der Spie­gel, der sich eher mit­tig in der Umfrie­dung befin­det, schwimmt jetzt ein Fisch her­aus. Er sieht aus wie ein Hai, ist viel­leicht zwei, drei Meter lang und schwebt etwa auf Höhe mei­nes Bauch­na­bels in der Luft.

Irgend­wie glaube ich nicht, dass es sich um eines der Wesen han­delt, die mich gefan­gen haben und Spie­gel auf mich wer­fen. Dies alles hier sieht mir nach einer Arena aus, in der ich als Gla­dia­tor gegen die­sen Hai antre­ten soll. Er peitscht jetzt mit sei­ner Schwanz­flosse und mus­tert offen­bar die Umge­bung. Ein silb­rig schim­mern­des Gerät ist um sei­nen Hals geschnallt. Das Wesen ent­deckt mich und öff­net sein zäh­ne­star­ren­des Maul. Mir stel­len sich die Nacken­haare auf. Dann zischen wei­tere Spie­gel aus dem Him­mel und boh­ren sich mit tro­cke­nen Tonks zwi­schen uns in den Unter­grund. Als es drei­ßig oder vier­zig sind, hört der Beschuss unver­mit­telt auf.

Die Arena steht jetzt vol­ler Spie­gel.

Nicht in ihnen reflek­tiert zu wer­den, erzeugt ein merk­wür­di­ges Gefühl bei mir – als sei ich gar nicht wirk­lich hier. Und nicht nur ich scheine nicht anwe­send zu sein, son­dern auch alle ande­ren Spie­gel. Denn kei­ner von ihnen zeigt die ande­ren – bis auf jeweils einen. Zum Nach­den­ken bleibt mir jedoch keine Zeit, denn jetzt schwebt der Hai aus einer nahen Spie­gel­flä­che her­aus, dreht sich mit einem Schlag sei­ner Schwanz­flosse in meine Rich­tung und spuckt etwas aus. Geis­tes­ge­gen­wär­tig ducke ich mich und springe hin­ter einen Spie­gel. Etwas sirrt an mir vor­bei. Ich stürze auf die unnach­gie­bige Rinde und prelle mir das Schien­bein.

Als ich auf­bli­cke, ist der Hai schon hin­ter mir her­ge­schwom­men. Ohne lang nach­zu­den­ken rolle ich mich durch den Spie­gel, vor dem ich liege – in der Hoff­nung, dass sie alle Por­tale dar­stel­len, die mich an einen ande­ren Ort brin­gen. Tat­säch­lich: Wie­der zieht mir bren­nende Hitze durch den Leib, und ich falle an einer ande­ren Stelle der Arena aus einem der Spie­gel, richte mich keu­chend auf, humple um den Spie­gel herum und springe von der ande­ren Seite hin­durch, als ich den Hai hin­ter mir her­kom­men sehe.

Es sind Por­tale! Von bei­den Sei­ten! Nur dumm, dass ich die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren habe und nicht mehr weiß, durch wel­ches die­ser Por­tale ich hier­her­ge­kom­men bin.

In eini­ger Ent­fer­nung sehe ich mei­nen Geg­ner kurz vor einem Spie­gel schwe­ben, bevor er in ihm ver­schwin­det, als werde er von einer senk­recht ste­hen­den Queck­sil­ber­pfütze ver­schluckt. Auch er spie­gelt sich nicht.

Eine Zeit­lang, traue ich mir zu, kann ich mit dem Hai Ver­steck spie­len. Aller­dings graust mir bei dem Gedan­ken, bei einem eili­gen Durch­gang durch einen der rah­men­lo­sen Spie­gel des­sen Flä­che nicht genau zu tref­fen. Ver­mut­lich würde es mir dann wie dem Holz­span erge­hen: Es könnte sein, dass ich dann einen Arm oder ein hal­bes Bein zurück­lasse – und noch unan­ge­neh­mer ist natür­lich die Vor­stel­lung, bei einem Spie­gel­sprung in mei­ner Hast eine Kopf­länge zu hoch zu gera­ten.

Habe ich eine Chance? Der Fisch ist bewaff­net – ich nicht. Er ist um eini­ges gewand­ter als ich und wird nicht durch den wel­li­gen Unter­grund behin­dert, der sich für Spurts nicht gerade eig­net. Könnte es mir gelin­gen, ihm auf den Rücken zu sprin­gen? Oder kann ich ent­kom­men, indem ich die Mauer erklet­tere? Doch die ist makel­los glatt.

Nur einen Wim­pern­schlag lang habe ich in mei­ner Auf­merk­sam­keit nach­ge­las­sen, da schwimmt der Hai aus einem nahen Spie­gel. Wie­der sirrt etwas aus sei­nem Maul. Ich ducke mich unter dem Geschoss weg und springe durch eine der Spie­gel­flä­chen. Ich renne, soweit sich das bei der Boden­be­schaf­fen­heit bewerk­stel­li­gen lässt, schlage einen Haken und und benutze ein wei­te­res Por­tal. Den Hai habe ich aus den Augen ver­lo­ren – genauso wie er hof­fent­lich auch mich.

Es ist ein unglei­ches Duell. »Was wollt ihr von mir?«, rufe ich wütend in den Him­mel – dahin, von wo die Mauer der Arena und all die Spie­gel auf die Ebene her­ab­fie­len. »Was habe ich euch getan?« Es macht mich wütend, dass sich die­je­ni­gen, die mich in diese Arena gesteckt haben, nicht zei­gen. Es gibt Hun­derte von klei­nen Öff­nun­gen unter­halb des Mau­er­rands: Sind das ihre Augen? Wei­den sie sich – irgendwo von ferne, viel­leicht ja sogar von einem ande­ren Pla­ne­ten aus – an dem Kampf?

Aber Zorn hilft mir nicht wei­ter. Ich ver­su­che, einen Über­blick über das Spie­gel­la­by­rinth zu gewin­nen. Nur sind es lei­der zu viele Spie­gel, als dass ich mir eine innere Land­karte von ihren Ver­bin­dun­gen unter­ein­an­der zeich­nen könnte. Ich erha­sche einen Blick auf den Fisch, der vor einem Spie­gel hin- und her­schwimmt, als würde er Maß neh­men.

Er wen­det sich einem ande­ren Spie­gel zu, so dass ich nur noch seine Schwanz­flosse sehe. Plötz­lich kommt eines sei­ner Geschosse aus einem Spie­gel geschos­sen, sirrt haar­scharf an mei­ner Hüfte vor­bei und kracht gegen die schwarze Metall­wan­dung. Ich hebe es auf. Der Hai ist sei­nem Geschoss gefolgt – ich springe durch den nächst­bes­ten Spie­gel, dann durch einen wei­te­ren.

Der Hai ist nir­gends mehr zu sehen. Selbst wenn er den Weg sei­ner Geschosse durch meh­rere Spie­gel hin­durch vor­her­se­hen kann: Er muss mich sehen, um auf mich schie­ßen zu kön­nen. Ich setze mich mit dem Rücken vor die Wand der Arena und unter­su­che den Pfeil. Es ist ein spitz zulau­fen­der Bol­zen, eine schlanke, sie­ben­eckige Pyra­mide aus einem leich­ten, fes­ten Metall, voll­kom­men schwarz.

Eine Bewe­gung in mei­nen Augen­win­keln lässt mich her­um­fah­ren: Der Hai schiebt sich aus einem nahen Spie­gel, und ich sitze für ihn wie auf dem Prä­sen­tier­tel­ler. Mit einem Angst­schrei schleu­dere ich den Bol­zen, den ich in der Hand habe, in seine Rich­tung und robbe weg. Sein Schuss ver­fehlt mich. Ich haste durch meh­rere Spie­gel, stehe plötz­lich eine Arm­länge von ihm ent­fernt, stol­pere zurück und gerate in Panik.

Schließ­lich bleibe ich ste­hen, wo ich gerade bin, um wie­der zu Atem zu kom­men. Ein schwar­zer Bol­zen durch­misst in eini­ger Ent­fer­nung die Stre­cke zwi­schen zwei Spie­geln. Ich ducke mich. Er bleibt einen Atem­zug lang ver­schwun­den und prallt dann mit vol­ler Wucht auf ein knorp­li­ges Rin­den­stück in mei­ner Nähe. Ich ziehe den Bol­zen her­aus und ver­schwinde vor den Augen des Fischs, der sei­nem Geschoss wie­der folgt, in einer Spie­gel­flä­che. Zer­schnei­det ihre Kante auch den Metall­pfeil des Hais? Ich presse ihn dage­gen. So scharf die Kante auch sein mag: Der Bol­zen bie­tet ihr Wider­stand. Ich warte.

Schweiß rinnt mir bei­ßend in die Augen, und ich spüre ein dump­fes Pochen in mei­nem Schien­bein, aber erst muss ich die­ses Fisch­we­sen aus­schal­ten, bevor ich an mich und meine Bles­su­ren den­ken kann.

Etwas Schwar­zes sirrt aus dem Spie­gel, neben des­sen Kante ich warte. Ich ver­folge den Weg des Pfeils nicht wei­ter, son­dern benutze den Bol­zen jetzt als Hebel. Der Spie­gel sitzt höl­lisch fest, zwei­mal glei­ten meine schweiß­feuch­ten Fin­ger ab und wären um ein Haar von der Spie­gel­flä­che abge­trennt wor­den – dann end­lich ruckt der Spie­gel aus dem Holz. Wie erwar­tet folgt der Hai sei­nem Geschoss. Seine Nase schiebt aus der umfal­len­den Spie­gel­flä­che, die jetzt wie erhofft sei­nen Kör­per in zwei Hälf­ten schnei­det. Die vor­dere schwebt über dem umge­fal­le­nen Spie­gel wei­ter­hin in der Luft. Der Hai quiekt, oder zumin­dest glaube ich ein Quie­ken zu hören, und die Bol­zen­schleu­der in sei­nem Inne­ren spuckt noch ein hal­bes Dut­zend Mal. Sein Hin­ter­teil dürfte vor dem Spie­gel geblie­ben sein, den er nur halb durch­schwim­men konnte.

Ich warte, bis meh­rere satte Tonks anzei­gen, dass seine Bol­zen ihre Flug­bahn been­det haben – es wäre eine böse Iro­nie des Schick­sals, jetzt noch von einem Quer­schlä­ger erwischt zu wer­den.

Innen ist der Hai mecha­nisch: kein leben­des Wesen, son­dern eine Maschine, eine Kampf­ma­schine. Ihre Hülle ent­hält neben der Bol­zen­ka­none ein rotes, zap­fen­för­mi­ges Etwas. Als ich es her­aus­ziehe, fällt alles andere zu Boden. Der feu­er­far­bene Metall­zap­fen hat die Länge mei­nes Unter­arms und schwebt wei­ter­hin in der Luft. Die­ses Ding hat ihn durch die Luft schwim­men las­sen! Ein fla­cher, schma­ler Ring ver­läuft um den Zap­fen. Ich drehe vor­sich­tig daran, und der Zap­fen sinkt ein Stück.

Schmat­zende Geräu­sche las­sen mich her­um­fah­ren. Die Spie­gel ver­schwin­den jetzt, einer nach dem ande­ren: Spiffzspiffzspiffz, und die Arena ist leer bis auf mich, die am Boden lie­gen­den Hälf­ten des Maschi­nen­hais, den roten Zap­fen und einen ein­zi­gen letz­ten Spie­gel.

Ich bli­cke hoch zu den Öff­nun­gen in der Mauer. Ver­mut­lich war­tet auf jen­seits des übrig­ge­blie­be­nen Spie­gels das Publi­kum, aber mir kön­nen Ruhm und Ehre oder nach unten wei­sende Dau­men (oder Flos­sen, wer weiß?) gestoh­len blei­ben. Irgendwo in die­ser Zeit und an die­sem Ort war­tete eine Auf­gabe auf mich, und sie hatte gewiss nichts mit die­sen per­ver­sen Wesen zu tun, die mich gefan­gen­ge­nom­men haben, um mich gegen ihren Kampf­fisch antre­ten zu las­sen.

Ich fühle keine Freude. So kenne ich es schon. Obwohl dem Tod mit knap­per Not ent­kom­men, bleibt zuerst ein­mal nur Leere zurück, viel­leicht weil ich zu aus­ge­laugt bin, um das neu­errun­gene Leben wirk­lich schät­zen zu kön­nen.

Ich fühle mich wund vom stän­di­gen feu­er­hei­ßen Spie­gel­durch­schrei­ten. Auch habe ich mir mein Schien­bein geprellt und irgend­wann mein lin­kes Hand­ge­lenk ver­staucht. Aber ich lebe und besitze noch alle Glied­ma­ßen. Tau­send Augen star­ren von der Are­naum­frie­dung zu mir herab – zumin­dest glaube ich das zu spü­ren – und erwar­ten, dass ich zum letz­ten Spie­gel humple und hin­durch­gehe. Doch da habe ich eine bes­sere Idee. Mit ein wenig Glück befin­den sich die Zuschauer des Kamp­fes wirk­lich weit ent­fernt von die­sem Ort und kön­nen hier nichts wei­ter aus­rich­ten.

Ich hänge mich bäuch­lings über den Zap­fen. Er trägt mich ohne Schwie­rig­kei­ten. Es ist nicht ganz ein­fach, den Steue­rungs­ring zu bewe­gen, aber es gelingt mir: Lang­sam lasse ich uns höher­stei­gen. Ich schlen­kere mit den Bei­nen und rucke so etwas unele­gant durch die Luft und über die Mauer hin­weg. Auf der ande­ren Seite lasse ich mich hin­un­ter sin­ken und lande auf dem blass­ro­ten Flaum. Nie­mand hält mich auf. Ich beginne, den schwe­ben­den roten Zap­fen vor mir her­schie­bend, in Rich­tung des Glit­zerns am Hori­zont zu wan­dern, das ich für das Meer halte.

Soll die Sie­ges­feier ohne mich statt­fin­den!

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Once Under a Vast Sky

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Ich betrete den Kor­ri­dor und gelange in die große Höhle. Hier zie­ren Zau­ber­bil­der die Fels­wände unse­rer Hei­mat. Auf unse­rer Flucht vor einem wil­den Bären haben wir uns in den Kalk­kor­ri­do­ren ver­irrt und hier ein neues Leben begon­nen, bis wir schließ­lich ver­ga­ßen, was Son­nen­licht ist. Das stän­dig her­ab­trop­fende Was­ser sickert in unsere Träume. Wir ernäh­ren uns von den hier im Dun­kel wach­sen­den Pil­zen, schla­fen auf nack­tem Fels und erzäh­len unse­ren Kin­dern Mär­chen von sagen­haf­ten Tie­ren und Pflan­zen, die begin­nen mit: »Einst unter einem wei­ten Him­mel …«

Gold­klum­pen und Kris­talle säu­men unse­ren Weg, aber sie inter­es­sie­ren uns wenig. Wir suchen, seit vie­len Gene­ra­tio­nen, den Höh­len­aus­gang. Frei­heit ist das kost­barste Gut, wer­den unsere Ältes­ten nicht müde zu wie­der­ho­len – so, wie es schon ihre Ältes­ten getan hat­ten.
Ich schreibe im Phos­phor­licht der Fäul­nis­bak­te­rien Zau­ber­bil­der an die Wände, male okkulte Worte wie Weg­zei­chen auf den Boden unse­rer Schlaf­statt. Doch bin ich der Letzte, der sie erken­nen kann: Schon lange haben unsere Neu­ge­bo­re­nen weiße Häute über den Augen und ent­wi­ckeln ein über­aus schar­fes Gehör.