Ich betrete den Korridor mit dem Rücken voran. Mit ein wenig Übung ist es gar nicht so schwierig, alles rückwärts zu machen. Die Arthritis ist stark zurückgegangen, und ich fühle mich um Jahre verjüngt. Der Kurs hat nicht zu viel versprochen.
Zuerst erreichte mich eine Teilnahmebescheinigung, aus der ich lange nicht schlau wurde. Mir wurde zum erfolgreichen Abschluss eines Kurses gratuliert, eines Kurses, der, so hieß es da, auf einen Mann zurückgeht, welcher festgestellt habe, dass sich mit Hilfe der Quantenverschränkung die Zeit zurückdrehen lässt – ein wenig zumindest. Das erfuhr ich allerdings erst aus der zehnten und »letzten« Lektion, die eine Woche später eintraf. Sie war sehr anspruchsvoll, was das Rückwärtsleben anging, und ich tat mein Bestes, mitzuhalten und das einzutrainieren, was ich eigentlich schon neun Lektionen lang hätte üben sollen. Rückwärts laufen ist da noch das Einfachste.
Weitere Lektionen folgten, die ständig leichter zu bewältigen waren. Heute erwarte ich die Erste von ihnen. Und tatsächlich, unter dem Briefschlitz meiner Wohnungstür liegt der Brief im fliederfarbenen Umschlag. Natürlich ist er bereits aufgerissen. Ich entnehme das Schreiben und fange – hinten – mit dem Lesen an.
Rückwärtssprechen! Und rückwärtsdenken! Beides wird hier als Grundlage für das ganze Training genannt. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. In den letzten Wochen habe ich mich bemüht, rückwärts zu atmen, rückwärts zu essen, rückwärts zu schlafen und rückwärts zu träumen, Filme rückwärts zu sehen und Musik von hinten nach vorne abzuspielen. Es dreht sich alles darum, weiß ich inzwischen, kleine rückwärtsgerichtete Quantenfelder in meiner unmittelbaren Umgebung zu erzeugen, innerhalb derer sich dann auch Zellalterungs- und Zerfallsprozesse umkehren können.
Jetzt also das Sprechen! Ich hätte selbst darauf kommen können. Es liegt nahe, denn das Sprechen und besonders das Denken sind doch unsere direkteste Verbindung mit der Quantenwirklichkeit. Denken, heißt es im Kurs, ist ein Quantenprozess. Aber das alles ist immer noch sehr verwirrend für mich. Werden mir jetzt, nach der ersten Lektion, die – nie gezahlten – Kosten für den Kurs auf mein Konto gutgeschrieben? Ich gehe rückwärts in die Küche, stecke dort die Lektion in den Umschlag zurück und verschließe ihn fein säuberlich mit Klebeband. Er sieht nicht ganz perfekt aus. Doch das gilt für vieles. Damit muss sich ein Rückwärtslebender abfinden. Diese vorwärtspreschende Welt ist nicht unser Freund, heißt es im Kurs. Er steht übrigens allen Interessierten offen, weil sein zurückgezogen lebender Autor – angeblich schon 130 Jahre alt und bei bester Gesundheit – erkannt hat, dass es selbstsüchtig und unmoralisch wäre, das Geheimnis für sich zu behalten. Jeder soll von dieser letztlich verblüffend einfachen Methode, das Altern aufzuhalten oder sogar umzukehren, profitieren können.
Nun muss ich die Lektion wieder durch den Briefschlitz schieben. Natürlich mache ich mich wieder rückwärts auf den Weg zu meiner Wohnungstür und übe dabei in Gedanken schon einmal die neuste und erste Lektion: Korridor den betrete ich.
Ich betrete den Korridor, den die Garden des Gouverneurs von Glubdubdrib für meine Audienz bilden. Sie sind in sehr altmodischer Weise gekleidet und bewaffnet, und ihr Spalier im Schlosshof erweckt einen Schauder in mir, wie er kaum in Worten auszudrücken ist. Anschließend werde ich durch mehrere Zimmer geleitet, in denen sich, in Reihen aufgestellt, Diener derselben Art befinden, bis ich in den Audienzsaal gelange. Ich mache drei tiefe Verbeugungen vor dem Throne Seiner Hoheit.
Glubdubdrib bedeutet, soweit ich die Sprache verstehe, »Insel der Hexenmeister und Zauberer«. Der hiesige Gouverneur ist durch seine nekromantischen Fertigkeiten imstande, jeden beliebigen Toten zu sich zu zitieren und seinen Dienst vierundzwanzig Stunden lang, jedoch nicht länger, in Anspruch zu nehmen.
Mit dem Winke eines Fingers entlässt der Fürst jetzt all seine Begleiter, die daraufhin im Nu verschwinden wie Traumbilder beim plötzlichen Erwachen. Er lässt eine neue Reihe Geister das Essen auftragen und bei Tische aufwarten. Nach dem Dessert befiehlt mir der Fürst, ihm drei beliebige Tote, von Anfang der Welt bis heute, zu nennen. Er werde ihnen befehlen, alle Fragen, nach denen mir der Sinn stehe, zu beantworten, unter der Bedingung, die Fragen bleiben auf die Lebzeiten des jeweiligen Toten beschränkt. Ich könne mich, fügt er an, indem er sich jovial zu mir herüberbeugt, vollkommen darauf verlassen, dass sie mir die Wahrheit sagen, da das Lügen in der Unterwelt durchaus zu nichts nütze sei.
Während ich Seiner Hoheit auf die verbindlichste Weise für diese Gnadenbezeigung danke, lasse ich im Geiste all die Gestalten vor mich treten, deren Befragung mir von Wert sein könnte.
Jesus, damit er Auskunft darüber geben mag, ob der Papst in Rom oder die Bischöfe von Canterbury und York sein rechtmäßiges Erbe verwalten und ob nun die Gläubigen römisch-katholischer oder doch die anglikanischer Konfession ein Anrecht auf das versprochene Himmelreich haben? (Aber wenn ich so recht überlege: Hat er nicht zeitlebens sehr unbequeme Antworten auf alles gegeben? Nicht, dass ich so Unfrieden stifte!)
Dann doch lieber Aristoteles, der mir vielleicht sagen kann, wo ein Exemplar des zweiten Bandes seiner Poetik zu finden ist, da doch leider seine Philosophie des Lachens im Laufe der Geschichte verlorengegangen ist? (Aber er wird seine Bücher ja nicht gerade so versteckt haben, dass sie Jahrtausende unversehrt überstehen konnten …)
Nein, ich könnte Sokrates fragen, ob sein Schüler Platon die Philosophie des Lehrers unverfälscht niedergeschrieben hat. (Aber dann müsste ich zuerst den ganzen Platon zitieren, wenn ich diesen nicht gleich selbst dazuhole, was allerdings wiederum zu Streitereien führen könnte.)
Wie wäre es mit Alexander dem Großen, damit er endlich in persona Auskunft darüber gebe, ob er, wie es heißt, vergiftet wurde? (Aber wird er wissen, woran genau er gestorben ist, oder sich nicht einfach nur an Tatsache und Umstände seines Ablebens erinnern?)
Robin Hood könnte mir und damit seiner gesamten Nachwelt Mitteilung geben, ob er nur, wie manche behaupten, ein schmählicher Wegelagerer war oder doch, wie andere nicht müde werden zu verbreiten, ein Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit? (Aber wird er, Kind seiner Zeit, den Unterschied überhaupt verstehen?)
Ich könnte König Artus erscheinen lassen, um von ihm zu erfahren, ob er in der Tat nach Avalon entrückt wurde, wie es der Roman de Brut behauptet. (Aber womöglich ist er da noch quicklebendig und kann jetzt gar nicht als Toter herbeizitiert werden?)
Sollte ich nicht gleich Merlin höchstselbst um genaue Mitteilung über Artus und seine Tafelrunde bitten und so die Dispute der Historiker über die historische Wahrheit ein für alle Mal zu einem Ende bringen? (Aber ist es kommod, am Hofe eines Zauberers von diesem einen anderen Magier beschwören zu lassen?)
Jedenfalls kann ich den Gouverneur nicht länger warten lassen und nenne ihm den Namen meines seligen Großvaters mütterlicherseits, von dem es in der Familie hieß, er habe einen Goldschatz vergraben für schlechte Zeiten, der aber starb, bevor er das Versteck verraten konnte. Ein Mann erscheint, dessen Schädel kahl ist und dem die Haare aus der dicken roten Nase wachsen. Mein Großvater? Ich habe ihn nie kennengelernt. Er beschimpft mich und zetert, er fühle sich in seiner Ruhe und Ehre gestört, und er verstummt erst, als ich ihn nach dem Golde frage. Das Gerücht von dem Schatz habe er in die Welt gesetzt, gibt er schließlich an, um Kredit zu erhalten für sein schlechtgehendes Gewerbe, seit er sich im Englischen Bürgerkrieg auf die Seite König Karls I. geschlagen hatte und alles Vermögen dabei verlor.
Ich blicke den Gouverneur an, der meinen Großvater mit einem Wink auf die vordem genannte gespenstische Weise verschwinden lässt. Mit einigem Zögern nenne ich ihm nun den Namen Esther Vanhomrigh. Es ist mir ein wenig unheimlich, meine frühere Geliebte herbeizuzitieren, aber so könnte ich sie schließlich doch noch dafür um Verzeihung bitten, ihr so viele Jahre lang meine Ehe verheimlicht zu haben. Es tritt jedoch an ihrer Statt ein Herr mit langer Nase und wallenden Locken auf, in dem ich sofort John Partridge erkenne. Er stellt sich mir naserümpfend als der hochwohlgeborene Isaac Bickerstaff vor. »Vanessa« habe ihn geschickt: Sie sei mir immer noch böse. Mich packt darauf eine derartig heftige Wut, dass ich handgreiflich werde, ihn jedoch nicht zu packen bekomme, da seine Form und Erscheinung von geisterhafter Natur ist. Der Gouverneur betrachtet kopfschüttelnd den grotesken Tanz, den wir aufführen, indem ich alles darangebe, diesem Betrüger die Gurgel zuzudrehen, bis er ihn schließlich ebenfalls mit einem bloßen Fingerzeig zum augenblicklichen Verschwinden bringt.
Er erachte mich nicht für würdig, gibt mir der Fürst jetzt zu verstehen, mit weiteren von ihm heraufbeschwörten Toten Umgang zu haben, da er sich des Eindrucks nicht erwehren könne, ich stellte ihnen keine Fragen, deren Beantwortung von Nutzen sei. Er lächelt dabei milde, doch kann einen verächtlichen Zug um die Lippen nicht verbergen, und mir wird schändlich bewusst, welch einmalige Gelegenheit, die jeden Historiker in Entzücken und selbst das gemeine Volk in eine gewisse bange Neugierde versetzt hätte, ich so achtlos vertan habe. Es ist mir unmöglich, die Beschämung meines Herzens so zu beschreiben, dass der Leser einen Begriff davon erhält.
aus den geheimen Aufzeichnungen des Lemuel Gulliver
Ich betrete den Korridor-Planeten. Zuerst sieht es ganz so aus, als sei er unbewohnt. Eine Treppe führt ins Innere, und dann beginnen die Korridore. Hinter den Türen in den Korridoren, die ich neugierig öffne, beginnen neue Korridore, und hinter ihren Türen weitere. Alle sehen gleich aus. Nach kurzer Zeit habe ich mich verirrt. Zum Glück ist es hier nicht dunkel. Jemand hat in die Korridore eine lange grüne Schnur mit kleinen elektrischen Kerzen gelegt, die rhythmisch blinken. Ich folge der Schnur, denn entweder muss sie irgendwo enden oder ich finde ihren Anfang.
Dann wird es sehr laut. Ein Korridor, den ich betrete, ist noch unfertig. Seine Wände sind nackter Fels, und es steht ein Mann da mit einem Pressluftbohrer, der den Stein bearbeitet und den Korridor weiter hinein in den Planeten treibt.
»Hallo«, rufe ich, aber der Mann hat einen Gehörschutz auf und bemerkt mich nicht. Ich tippe ihn an. Er erschreckt und dreht sich um. Endlich stellt er den lärmenden Presslufthammer aus, so dass wir uns unterhalten können.
»Wer bist du denn? Wo kommst du her?«
»Was machst du da?«, frage ich ihn. Er ist jung und voller Staub.
»Ich baue ein Labyrinth aus Gängen und Türen. Aber was machst denn du hier?«
»Ich sehe ja«, sage ich sanft, »dass du deinen Planeten aushöhlst und lauter Korridore hineinbaust. Aber warum tust du das?«
Der Mann lehnt sich an die Steinwand. Er wirkt erschöpft. »Das ist nicht ganz leicht zu erklären«, sagt er.
»Dann erklär es mir einfach«, sage ich.
Er zieht sich die Bauarbeiterhandschuhe aus und betrachtet eine Zeitlang seine Hände.
»Ich liebe Überraschungen«, sagt er schließlich. »Weißt du, kleiner Mann, auf meinem Planeten konnte mich einfach nichts mehr überraschen. Ich kannte schon alles.«
»Aber die Sonnenuntergänge!«, wende ich ein. »Außerdem kann immer ein Samenkorn herwehen, und es wächst eine Blume, wie du sie noch nie vorher gesehen hast. Hast du Vulkane hier?«
Der Mann schüttelt den Kopf. Schade, denke ich, denn auch wenn ein Vulkan erloschen ist: Man kann nie wissen.
»Jedenfalls baue ich dieses Labyrinth, weil ich mich dann hier drin verirren kann und nicht mehr weiß, wo ich bin. Deshalb sieht hier alles gleich aus. Sag mal, wie hast du mich eigentlich gefunden?«
Ein wenig erinnert mich der Mann an den Laternenwächter: jemand mit einer Mission. Könnte er ein Freund für mich werden?
»Willst du denn gerne verloren gehen?«, frage ich.
Er nickt. »Hinter jeder Tür könnte mich etwas Überraschendes erwarten, weißt du?«
»Aber es sehen doch alle Korridore gleich aus. Und hinter jeder Tür beginnt ein neuer. Das ist doch nichts Überraschendes.«
Der Mann runzelt die Stirn. Hat er darüber noch nie nachgedacht? »Doch. Es könnte ja mal der Ausgang sein. Oder das Ende der Korridore. Und außerdem könnte ich ja auch noch etwas in die Korridore hineinstellen, das mich dann später überrascht, wenn ich zufällig darauf stoße.«
»Das verstehe ich nicht«, sage ich verwundert. »Wenn du etwas hineinstellst, überrascht es dich doch nicht wirklich, wenn du es dann später hinter einer Tür findest.«
»Doch«, sagt der Mann, »wenn ich es nämlich vergessen habe.«
»Also willst du dich nicht nur in den Korridoren verirren, sondern auch noch vergessen, was in ihnen zu finden ist?«
Der Mann lächelt erfreut. »Genau.«
Ich kenne noch so einen, der vergessen will. Und ich weiß nicht, welcher von beiden verrückter ist. Seltsame Leute, die großen Leute.
»Ich möchte gerne weiterreisen. Weißt du, wo der Ausgang ist?«
Der Mann nickt langsam und unwillig. »Ja, leider. Ich wünschte, ich hätte es vergessen. Komm mit, ich bring dich hin.«
Und so gehen wir durch die Korridore des Mannes, und alle sehen genau gleich aus, aber der Mann weiß, welche Türen er öffnen muss und wo es langgeht.
»Was hat dich eigentlich zuletzt überrascht?«, frage ich. Der Mann bleibt stehen und sieht zu mir runter.
»Na, du natürlich. Als du eben unerwartet aufgetaucht bist.«
»Und dazu musstest du gar keine Tür aufmachen.«
»Das stimmt«, sagt der Mann, »du bist einfach so aufgetaucht.«
»Und jetzt gehe ich wieder.« Wir erreichen nämlich gerade die Treppe, und darüber funkeln die Sterne.
»Gute Reise«, wünscht mir der Mann.
»Komm doch mit«, sage ich, »ich habe auf meiner Reise schon viele Überraschungen erlebt.«
Der Mann sieht traurig aus und jetzt auch viel älter, als ich anfangs gedacht habe. Er schüttelt den Kopf. »Ich muss mich wieder an die Arbeit machen.«
Und damit betritt er den Korridor mit den blinkenden Lämpchen und ist bald darauf im Inneren seiner Welt verschwunden.
Ich betrete den Korridor. Einer dieser hässlichen Zwerge hat die Tür zu meiner Zelle geöffnet und faucht mich an. Er ist über und über mit schimmernden Blättern und kleinen Tierschädeln behängt und tritt nun zähnebleckend zurück, um mir den Weg freizugeben.
Sie haben mich tagelang hungern lassen, und ich habe nur ein klein wenig Regenwasser mit der hohlen Hand auffangen können, um meinen Durst zu stillen. Jetzt bin ich völlig ausgedörrt und entsprechend schwach auf den Beinen. Die grauhäutige Wache, die mir kaum bis zur Hüfte reicht, knurrt und macht Bewegungen mit den Armen, als wolle sie mich vorwärts schieben. Der aus Bohlen gefertigte Korridor ist niedrig. Ich muss den Kopf einziehen und gebückt laufen. Unter mir klingt es hohl, als laufe ich über eine rundum geschlossene Brücke. Folgsam trotte ich in die Richtung, in die der Zwerg mich gehen heißt. Vielleicht geben sie mir ja endlich etwas zu trinken.
Ich irre jetzt schon Jahre über diesen verwirrenden Kontinent. Noch nie hat es so lange gedauert, meine Aufgabe zu finden. Ich bin müde und kraftlos. Aber am schlimmsten ist die Einsamkeit. Immer wieder muss ich an Enra’daí denken.
Wohin ich gelange, wenn ich mich auf die Rückseite der Zeit begebe, kann ich mir nicht aussuchen. Es ist immer ein Ort, an dem man mich braucht – ob als Krieger, Schamane, Religionsstifter oder Friedensbringer. Auch wenn ich mein Bestes versuche und meist auch helfen kann: Oft zweifle ich daran, dass ich der Richtige bin für die Aufgabe – oder auch schon daran, ob ich die Aufgabe, die mir zugedacht ist, überhaupt richtig verstehe.
Wie haben die anderen Wanderer es geschafft, die ständige Konfrontation mit fremdartigen Völkern zu überleben – in Welten, für die Menschen nicht geschaffen zu sein scheinen? Meine einzige Hoffnung ist, dass irgendwann einer von uns Zwölfen ersetzt werden muss. Dann werden sie mich rufen, und wir kommen – nicht körperlich natürlich – zusammen, um einen neuen Wanderer zu küren. Bei dieser Gelegenheit will ich Enra’daí fragen, ob wir nicht doch gemeinsam wandern können. Ich bin älter geworden, seit wir uns trafen, zu einem Mann gereift – und nie hat eine der Frauen, die ich auf meinen Streifzügen durch die Zeiten traf, meine Sehnsucht nach Enra’daí stillen können. Auch sie wird gealtert sein. Doch der Altersunterschied würde mich nicht stören. Bevor ich sie traf, wusste ich nicht, dass mir etwas fehlt. Ich will einfach nur in ihrer Nähe sein.
Im Boden des Korridors ist ein Loch. Es ist quadratisch, reicht bis zu den Wänden und ist zu groß, um es mit einem Sprung zu überwinden. Unten sehe ich Tageslicht – und Sand. Im Sand liegt mein treues Schwert, das mich seit vielen Jahren begleitet. Ich habe es Hintertreffen getauft.
Mein zwergenhafter Aufpasser faucht, zischt und droht: Ich soll offenbar hinunterspringen. Es wäre kein Problem, ihm den Hals umzudrehen. Aber meine Mordlust war nie sehr ausgeprägt. Gewalt lässt nur neue Gewalt entstehen. Und davon gibt es in diesen Welten schon mehr als genug. Ich springe.
Der Sandboden liegt tiefer als gedacht. Ich komme mit den Füßen auf und rolle mich ab. Sogleich greife ich zu meinem Schwert. Vermutlich wollen sie, dass ich kämpfe.
Tatsächlich befinde ich mich in einer Arena. Hohe Palisadenwände umgeben mich, und darüber blicken von den Rängen Hunderte der grauhäutigen Zwergenwesen zu mir herab. Es ist heiß, und ein schwacher süßlicher Geruch von Verwesung liegt über allem.
Vor der Palisadenwand sitzt die beeindruckend lebensecht gearbeitete Steinstatue eines Raubtiers mit riesigen Fangzähnen. Hinter mir höre ich ein Knurren. Blitzschnell drehe ich mich um. Auch hier zwei Statuen solcher Tiere. Sie sind etwa ein Dutzend Schritte von mir entfernt, und ich stehe mitten zwischen ihnen. Ein Geräusch von Pfoten auf Sand lässt mich erneut herumfahren. Die Statue ist nähergekommen! Wieder drehe ich mich herum. Auch die beiden anderen Statuen sind, obwohl sie jetzt bewegungslos dastehen, näher herangerückt. Langsam beschleicht mich Panik. Was ist hier los? Die rundum verkleidete Bohlenbrücke über der Arena, von der ich herabgesprungen bin, ist zu hoch, um sie mit einem Sprung erreichen zu können.
Immer wieder drehe ich mich um, wende den Kopf, und wenn ich eine der Statuen wieder in meinen Blick nehme, hat sie sich ein Stück vorwärtsbewegt. Einmal glaube ich aus dem Augenwinkel zu sehen, wie sich die Raubkatze nach einem Sprung in Stein verwandelt und noch ein kleines Stückchen weiter rutscht. Ich kann immer nur zwei von den drei Bestien gleichzeitig in mein Blickfeld nehmen. Die dritte wird offenbar solange lebendig und macht Jagd auf mich. Schon bald wird mir eine von ihnen ihre Krallen und Zähne in den Rücken schlagen.
Das Volk der Kleinwüchsigen schaut mir gebannt zu – aber nicht, weil sie meinen Tod erwarten. Die Spannung, die in der Luft liegt, ist eine andere. Als würden sie sich wünschen, dass ich den Kampf überlebe. Doch meine Chancen stehen schlecht, da ich nicht alle drei Katzen gleichzeitig im Blick behalten kann. Oder vielleicht doch? Ich hebe mein Schwert in Augenhöhe. Unterhalb der Klinge habe ich eine der Statuen im Blick, und in dem polierten Metall spiegeln sich die beiden anderen. Alle drei stehen reglos im Sand. Ein Raunen geht durch die Menge. Die Zuschauer haben meinen Trick durchschaut.
Das Schwert vor mich haltend gehe ich auf die Statue vor mir zu, ein prächtiges Tier, dem zwei furchteinflößende Reißzähne aus dem Maul ragen. Als ich die Katze mit der freien Hand am Kopf berühre, höre ich wieder ein Raunen. Ich streiche ihr im Vorbeigehen über den steinernen Rücken. Sobald ich hinter der Statue stehe, drehe ich mich um und habe jetzt alle drei Tiere im Blick. Das Schwert lasse ich sinken. Nie hätte ich gedacht, dass Hintertreffen mir einmal auf diese Weise nützlich sein würde.
Ich könnte die Tiere töten, mein Schwert über ihren Rücken heben und es ihnen – kurz die Augen schließend, damit sich der kühle Marmor in warmes Fleisch verwandelt – ins Herz jagen, eines nach dem anderen. Aber es sind wunderschöne Katzen, und es ist ihr Instinkt, der sie angreifen lässt – keine Feindschaft.
»Wasser!«, rufe ich in die schweigende Menge. Dann noch einmal in der Sprache des Sumpfvolks, bei dem ich lange gelebt habe. Das scheinen sie zu verstehen. Mir wird ein Seil zugeworfen. Ich klettere daran hoch – was mir fast zum Verhängnis wird, denn indem ich meinen Blick abwende, erwachen die drei Statuen zum Leben und jagen in großen Sprüngen auf mich zu. Ich entkomme ihnen knapp und schwinge mich über die Palisadenwand. Einer der Kleinwüchsigen reicht mir ein Horn, gefüllt mit Wasser. Gierig trinke ich es leer.
Dann blicke ich hinunter in die Arena. Der Zauber, der die Raubkatzen durch meinen Blick versteinern ließ, wirkt von hier oben nicht. Unruhig und hungrig knurrend streichen sie durch den Sand. Ihr Fell glänzt in der Sonne. Eine springt an die Palisaden unterhalb von mir, versucht, sich dort festzukrallen, rutscht aber wieder ab.
»Wer hat hier das Sagen?«, frage ich in der Sprache des Sumpfvolks. Hunderte Augenpaare starren mich wortlos an. Dann drängt sich eine Zwergin zu mir durch.
»Wir vom Volk der Zauberer«, sagt sie, »haben Dämonen gerufen, derer wir nicht mehr Herr werden.«
»Diese … Tiere?«, frage ich mit Blick in die Arena.
Die kleine Frau schüttelt den Kopf: »Die haben wir im Bergland gefunden, als Katzenjunge. Die Mutter wurde durch eine Lawine getötet. Die Ahnen haben zu mir gesprochen und gesagt, ein mächtiger Krieger würde kommen und uns helfen.«
»Und deshalb werft ihr mich euren Hauskatzen zum Fraß vor?«
»Damit hast du bewiesen, dass du würdig bist.« Sie fasst meine Hand. »Die Dämonen – sie kommen des Nachts. Kannst du uns helfen, unser Volk zu retten? Wirst du es tun?«
Endlich weiß ich, welche Aufgabe mich in diese Welt und Zeit geführt hat. Als ich mit der Oberzauberin durch die Menge schreite, schlagen viele ihrer Untertanen zwei der kleinen Tierschädel, mit denen sie sich schmücken, gegeneinander, ein hundertfaches Klacken, Pochen und Tocken, mit dem sie mir ihren Respekt erweisen.
Ich betrete den Korridor: links die Kinos 2 und 3, rechts das Kino 5 und dahinter die Toiletten. Ich halte mich genau an die Anweisungen. Sonntagnachts gibt es hier immer einen Musikfilm im Programm. Ich habe ein Ticket für Oliver Stones The Doors gekauft. Der läuft zwar schon seit ein paar Minuten, aber das soll so sein. Ich gehe am Kino vorbei. Auch an den Toiletten gehe ich vorbei. Es ist niemand außer mir im Korridor. Gut so. Ich öffne am hinteren Ende die Stahltür, über der das Notausgangssymbol leuchtet. Dahinter liegt ein dunkles Treppenhaus. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Mir geht der Arsch auf Grundeis. Ich halte mich an die Anweisungen und steige die Treppe hinunter. Die schmale Tür ein Stockwerk tiefer ist verschlossen, aber tatsächlich findet sich der Schlüssel unter der Fußmatte. Ich schließe auf. Zuerst glaube ich, hier falsch zu sein. Es ist düster in dem fensterlosen Raum. Hüfthohe Mülleimer mit dem typischen Plastikwippenverschluss versperren mir den Weg, und ein paar alte Filmaufsteller mit lebensgroßen Stars. Aber dann erkenne ich im Dämmerlicht, dass es tatsächlich ein kleines Kino ist. Die Bestuhlung, ganze vier Reihen, ist aus abgenutztem rotem Samt. Auf der ersten Sitzreihe liegt Weihnachtsdeko. Der mittlere Sitz in der zweiten Reihe, den ich mir herunterklappe, ist total durchgesessen. Ich nehme den daneben.
Von irgendwoher kommen dumpfe Geräusche. The Doors vermutlich, aus dem Kino drüber. Es war Wahnsinn, hierherzukommen. Ich hätte es nicht tun sollen.
Vermutlich ist es eine riesen Verarschung. Aber irgendwas muss Trobi passiert sein. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Und dabei kann den nichts schocken. Der sieht sich die härtesten Streifen an, ballert sich durch die brutalsten Games und hat sich bei der Mai-Demo auch schon mit echten Polizisten angelegt. Eines Morgens schlich er dann in die Klasse und wirkte wie sein eigener Geist. »Na, schlechten Trip gehabt?«, fragte ich ihn, und er packte mich an der Schulter, drückte mich an die Wand und erzählte es mir.
Du musst dir Sonntagnacht ein Kinoticket kaufen, sagte er mir, und gehst durch den Notausgang runter, schließt dir mit dem Schlüssel unter der Matte einen vergessenen alten Kinosaal auf, setzt sich da rein und siehst dir die Vorstellung an. Ich garantier dir: Wenn du da rauskommst, wirst du nie wieder der Alte sein.
Hu-huh! Da will mir einer Angst machen, was? Aber Trobi war es ernst. Er sagte, er erzählt’s mir nur, weil ich der Klassenphilosoph bin und immer so abgeklärt tue, seit mein kleiner Bruder im Baggersee ertrunken ist. So, als würde ich über allen Dingen stehen. Vielleicht gefällt’s dir sogar, hat Trobi angefügt und den Mund dabei verzogen.
Es knackt in den Lautsprechern und flackert auf der Leinwand. Ich kriege einen gewaltigen Schreck. Scheiße. Irgendjemand muss den Projektor angeschaltet haben. Tag Null heißt der Film. Steht jedenfalls kommentarlos auf der Leinwand. Und dann zeigt die Kamera die Dächer der Stadt, so, als ob man mit einem Ballon knapp drüber wegschwebt. Sonst passiert erst mal nichts. Ich steh noch mal auf und geh nach hinten zum kleinen Fenster für den Projektor. Mit der Hand schirme ich sein Licht ab. Der kleine Raum ist leer. Seltsam. Aber irgendwie hab ich mir das schon gedacht. Ich setz mich wieder.
Über Trobi hab ich lange nachgedacht. Der zog sich immer mehr in sich zurück und redete schließlich nach zwei, drei Tagen quasi mit keinem mehr. Irgendwas muss mit ihm passiert sein. Aber das mit dem vergessenen Kino und dem Film – das muss er sich doch ausgedacht haben. Ich meine, man macht doch auch nicht irgendeine Mülltonne auf und guckt plötzlich tief runter in die Hölle – mit Flammen und Teufeln und allem drum und dran. So was gibt’s nur im Kino.
Die Kamera taucht jetzt runter und in ein Fenster von einem der großen Bunker mit Mietwohnungen rein. Es liegt jemand im Bett, obwohl schon heller Tag ist. Er stöhnt und richtet sich auf. Er hat mein Gesicht, älter zwar und mit Bartstoppeln, aber es ist unverkennbar meins. Das bin ich. Scheiße. Ich wusste es. Trobi hat mir die Wahrheit gesagt.
Die Kamera folgt dem Typen, der ich bin, nur älter, ins Bad.
Da läuft ein Film von deinem letzten Tag, hat Trobi gesagt, und ich hab sein heiseres Flüstern noch im Ohr. Und am Ende siehst du, wie du stirbst.
Ich hab ungläubig gelacht, aber Trobi verzog keine Miene. Du musst mir nicht glauben, hat er gesagt, sieh’s dir selbst an. Wenn du dich traust.
Auf der Leinwand schalt ich im Wohnzimmer die Glotze ein und schmier mir in der Küche auf dem verkeimten Tisch ein Brot dick mit Nutella zum Frühstück. Dabei kann ich das süße Zeug nicht ausstehen. Und was soll das mit dem Fernseher? Brauch ich das, weil ich sonst die Stille nicht ertragen würde? Es ist ekelhaft, wie ich das Zeug in mich reinstopfe. Wie alt mag ich sein? Paarundzwanzig. Du siehst scheiße aus!, würde ich mir am liebsten zurufen, aber es ist ja nur ein Film. Nur ein Film?
Ich werde sterben. Irgendwann an diesem verratzten Tag in meiner nicht allzu fernen Zukunft werde ich den Löffel abgeben. Will ich das sehen? Nein, ganz sicher nicht! Aber irgendwas nagelt mich fest, und ich komm nicht vom Sitz hoch, fasziniert von diesen ganz alltäglichen Aufnahmen, die mich zeigen, wie ich mich noch nie gesehen habe. Die Katastrophe rückt näher, und ich bin wie gelähmt und kann nichts unternehmen.
Der Typ im Film telefoniert mit einer Katja. Kenn ich nicht. Gibt in der Parallelklasse eine, aber die wird’s nicht sein, das ist ’ne arrogante Möchtegern-Tusse, die zuhause bestimmt noch mit Lillifee spielt. Die Türklingel geht. Erst bleibe ich sitzen, dann stehe ich doch auf und öffne die Eingangstür. Trobi steht da, Dennis Trobbert, unverkennbar. Auch er älter, auch er nicht gerade auf der Höhe seiner Zeit. »Heut ist der Tag«, sagt er. Ich nicke. Trobi geht rein, sieht das Chaos auf dem Küchentisch, blättert kurz in einem zerfledderten Death-Metal-Magazin und schmiert sich dann auch eine Nutellastulle.
Ich stelle fest, dass ich nicht atme. Hab vor Schreck aufgehört zu atmen. Jetzt verschlucke ich mich und muss husten. Tränen steigen mir in die Augen. Dabei will ich doch unbedingt mitkriegen, was die beiden reden.
»… wohl gerade dabei«, sagt Trobi mit vollem Mund. Ich stehe am Herd. »Und?«, frage ich. »Nichts«, sagt Trobi. Dann schweigen beide, bis Trobi zu Ende gegessen hat. Er fragt schließlich, ohne mich dabei anzusehen: »Und, hast du’s getan?« Als ich nicke, sagt er: »Scheiße.«
Was immer mich auf meinem Sitz festgehalten hat: Einen Moment lang lässt die Kraft kurz nach. Ich springe auf und ramme mir dabei unbeabsichtigterweise meine Weichteile in einen Christbaumständer oder so was, der zwischen den Stühlen rausragt. Keuchend gehe ich zu Boden.
»Bringen wir’s hinter uns«, sagt Trobi. »Und wir können nichts tun?«, fragt mein anderes, todgeweihtes Ich. Trobi schüttelt den Kopf. Die beiden verlassen die Wohnung.
Mir ist speiübel von den höllischen Schmerzen im Unterleib. Gekrümmt taste ich mich durch die Stuhlreihe, schmeiße scheppernd mehrere Mülleimer und einen Bruce Willis aus Pappe um. Bloß raus hier!
Ich stehe im Treppenhaus, und die Tür zum vergessenen Kinosaal fällt hinter mir ins Schloss. Ich versuche, zu Atem zu kommen und irgendwie wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Aber alles, was mir in den Sinn kommt, sind die Anweisungen: wieder abschließen und den Schlüssel unter die Matte stecken. So, wie sie Trobi auch bekommen hatte. Ich schließe ab, zweimal, hätte auch dreimal abgeschlossen, wenn sich der Schlüssel noch weitergedreht hätte. Aber ich stecke ihn nicht wieder unter die Matte. Ich nehme ihn mit.
Der Typ an der Theke sieht mich schräg an. Wahrscheinlich sehe ich jetzt wie Trobi aus am Tag danach: wie mein eigener Geist. Das Ende kenn ich schon, sag ich ihm, und natürlich glaubt er, ich meine The Doors.
Draußen regnet’s. Es schüttet aus allen Löchern. Und ich bin froh drüber, lasse das Wasser in mein Gesicht platschen, bis ich das Gefühl habe, das alles ist ein böser Traum gewesen. Aber ich weiß natürlich, was ich gesehen habe.
Nächsten Sonntag werde ich wiederkommen. Ich werde wieder ein Ticket lösen, den Notausgang nehmen, die Treppe runtersteigen und mich in dieses Horrorkino setzen. Ich muss wissen, ob derselbe Film läuft oder ein ganz anderer. Ist der Tag Null unausweichlich festgelegt, oder ändert sich jetzt meine Zukunft, weil ich einen Blick drauf werfen konnte? Mann, Scheiße, ich bin doch keine Marionette! Ich kann selbst bestimmen, was ich tu. Und was ich lasse – wie Nutellaessen beispielsweise. Und ich will’s auf keinen Fall vorher wissen.
Eigentlich will ich auch gar nicht wissen, ob ein anderer Film läuft. Oder derselbe Tag Null. Ich werde einfach den Schlüssel jetzt schon in den Fluss werfen.
Soll ich?
Ja. Muss sein. Mit Schwung.
Weg ist er, irgendwo tief unten bei den Fischen!
Trobi werde ich erzählen, dass ich einen uralten Mann gesehen hab, der auf einer Terrasse an einer Steilküste auf einem Deckstuhl saß, so, wie man auf einem Kreuzfahrtschiff sitzt, in eine Decke eingewickelt und mit einem dampfenden Tee neben sich. Und dass ich ein Telefon in der Hand hatte und eine Nummer wählte: »He, Trobi, altes Haus. Hab ich’s nicht gesagt? Weil wir das Ende kannten, konnten wir’s besser machen!«
Und dann sagte der alte Mann im Film noch: »Ja. Heute ist wohl der Tag. Ich mag’s, wenn’s draußen auf dem Meer Schaumkronen gibt.« Und als Antwort wohl auf ein »Mach’s gut« von Trobi sagte er grinsend »Mach’s besser!«, bevor er auflegte.
Dann flog die Kamera von ihm weg, von der Terrasse weg und von der Steilküste weg, immer weiter weg, bis die Erde nur noch ein winziger Punkt zwischen den Sternen war.
Das habe ich gesehen. So war das, mein Tag Null. Kann man mit leben, oder?
Und Nutella rühr ich meinen Lebtag nicht an, ich schwör’s!
Ich betrete den Korridor, stelle mich an eine Wand, öffne meine Hose und pinkle. Was für eine Erleichterung! Das Lachen von Theseus klingt aus dem angrenzenden Raum. »Stell bloß keine Figuren um!«, brülle ich. Sein Lachen wird noch lauter.
Wir spielen Zitadelle, und als ich zurückkomme, wird mir klar, als ich die im ganzen Raum verstreuten leeren Flaschen sehe, dass wir von dem sauren, vergorenen Saft, der das Blut und das Gemüt erhitzt und die Zunge lockert, schon Unmengen getrunken haben müssen. Theseus grinst mich an, ein muskulöser Krieger, Lederriemen über der sonnenbraunen Brust, Fünftagebart im Gesicht. So jung und wohlgestalt muss ich auch einmal gewesen sein. Das Schwert hat er achtlos beiseite geworfen. Ich setze mich schwerfällig vor das Spielbrett und suche nach einer Möglichkeit, dem Ansturm seiner Vasallen zu entkommen.
»Du bist ein Monster«, hatte er gesagt, als wir uns gegenüberstanden und taxierten, »aber ich bin das größere Monster.«
Und dann hatte er, mit seinem ausgestreckten Schwert zwischen uns, begonnen, von sich zu erzählen. Von seiner vaterlosen Kindheit, dem Gespött der anderen Kinder ausgesetzt. Von seiner Jugend und den Leichen, die er auf dem Weg zu seinem Vater, dessen Namen ihm die Mutter schließlich doch verraten hatte, hinter sich zurückließ: Periphetes, mit der eigenen Waffe erschlagen; Sinnis, der Fichtenbeuger, den Theseus zwischen zwei seiner Fichten spannte und von ihnen zerreißen ließ; Skiron, den er einen Felsen hinabstieß; Prokrustes, dem er erst die Glieder langzog und dann abschlug. Von der Furcht, die er verbreitete, und dem Ruf, ein gnadenloser Mörder zu sein. Ein Monster.
Aber Theseus ist eigentlich ein netter Kerl. Er erzählt vom Goldenen Vließ und dass die anderen Argonauten immer Abstand zu ihm hielten. Vom Kalydonischen Eber und der Jagdgesellschaft, die sich bildete, um das Monster zu erlegen, ihn, Theseus, allerdings zur Nachhut verdonnerte. Vom Marathonischen Stier, einem weiteren menschenmordenden Monster … Aber hier verstummt er, um meine Gefühle nicht zu verletzen. Stattdessen erzählt er mir von Ariadne, meiner Schwester, die er heiraten oder zumindest entführen will, und fragt mich, ob ich nicht Trauzeuge sein möchte.
Unsere Zitadelle-Partie gewinnt er. Doch dann übermannt ihn die Müdigkeit. Zärtlich decke ich ihn zu und räume alle Flaschen fort, bis auch ich mich zur Ruhe begebe. Nach zu viel vergorenem Apfelsaft schmerzen mir am nächsten Morgen immer die Hörner, aber beim Einschlafen denke ich, dass es das wert war.
Ich betrete den Korridor, der mich zu den Kellergewölben mit den Pilzen führt. Jungfrauen und Jünglinge hat mir die Stadt, hat mir das Volk schon lange keine mehr geopfert. Manchmal gelingt es mir, in einem der Innenhöfe einen Vogel zu fangen. Doch das ist nur ein kleiner Happen, und meist muss ich in die feuchten Gewölbe hinabsteigen, um Pilze von den Wänden zu fressen. Sie machen nicht richtig satt, und die unsägliche Demütigung macht mich wütend.
Letzthin, nach zu vielen Pilzen, habe ich geträumt, ein junger Mann tritt zu mir in den Thronsaal. Er hält ein Klemmbrett in der Hand.
»Guten Tag«, sagt er freundlich. »Sie müssen sich registrieren.«
»Was?« Ich habe zu lange an der Wand gesessen: Meine Gelenke sind steif, und ich komme nicht sofort hoch, um ihn umzubringen.
»Alle Minotauren müssen sich registrieren. Ich bin hier, um Ihnen dabei zu helfen. Sie benötigen ein Passwort.«
»Alle Minotauren?«
»Ja. Sie gehören zu den übernatürlichen Wesenheiten.«
»Aber es gibt nur mich!«, brülle ich, während ich weiter versuche, auf meine Füße zu kommen.
Der Mann schüttelt lächelnd den Kopf und blickt auf sein Klemmbrett, das gar kein richtiges Klemmbrett ist, weil es nämlich leuchtet und ihm farbige Flecken ins Gesicht zeichnet. Er malt mit den Fingern darauf herum. »Es sind bereits 141 Minotauren registriert.«
»Ja, weltweit. Ich habe schon alles für Sie eingetragen. Sie brauchen jetzt noch ein Passwort.«
»Haben Sie mit Dädalus gesprochen? Hat er Sie geschickt?«
»Dädalen sind nicht registrierungspflichtig.«
»Gibt es von ihm«, frage ich konsterniert, »auch so viele?«
»Na, das möchte ich doch wohl annehmen«, erwidert der Mann. Inzwischen konnte ich mich endlich erheben. Ich senke den Kopf und spieße ihn auf. Dass es nur einen Minotaurus gibt, nämlich mich, wird er, vermute ich mal, spätestens jetzt registriert haben.
Ich betrete den Korridor. Endlich ist es soweit: Es riecht betörend nach Lavendel. Meine heimliche Geliebte hat mir eine Duftuhr zukommen lassen, ein Rauchwerk, das ich bei Sonnenuntergang anzünden sollte und das dann langsam herunterbrannte, zu jedem Stundenwechsel einen anderen Geruch verströmend. Ungeduldig wartete ich. Zuerst roch es nach Vanille, dann durchzug das Aroma von Rosmarin mein einsames Gemach. Ich muss kurz eingenickt sein. Der Duft von Lavendel weckte mich, und sogleich begab ich mich in den Korridor, in dem wir uns heimlich treffen wollen.
Nur ein wenig silbriges Mondlicht beleuchtet den Gang. Sehe ich dort hinten sie, meine Geliebte? Ein Schatten nur, eine Silhouette. Ich eile hin, die Arme ausgestreckt, und sie wendet sich mir zu, breitet ebenfalls die Arme aus. Wir eilen auf eineinander zu, doch plötzlich stocken wir im Schritt und halten inne. Es ist Jurgen, der großgewachsene, bärtige Ritter. »Was tust du hier, Koch?«, fragt er herablassend, als sei dies sein Turnierplatz – und nicht der Flügel des Palastes, in dem die Prinzessin wohnt mit ihren Kammerzofen und Dienstmägden. Trotzdem stottere ich, senke unwillkürlich mein Haupt, trete einen Schritt zurück. »Lavendel«, dringt aus meinem Mund.
Jurgen bricht in Lachen aus. »Hat dich eine Magd herbestellt, Koch? Dann bist du schlecht beraten, denn die Rauchuhr steht erst bei Amaryllisduft.« Ich murmle etwas, das der Ritter als Widerspruch aufnimmt. Er belehrt mich: »Amaryllis, nicht Lavendel. Ich werde doch wohl wissen, wie Amaryllis riecht!«
Er blickt sich um: »Oder siehst du hier irgendwo deine Magd?«
»Und deine …?« Ich spreche es nicht aus. Wieder blickt sich Jurgen um: »Sie hat Amaryllis gesagt, und ich habe Amaryllis gerochen.« Doch der Gang ist – bis auf uns beide natürlich – leer. Keine Tür öffnet sich, keine Gestalt schleicht herum.
»Hm«, sagt der Ritter und reibt sich den Bart. Dann packt er mich am Kragen und schleift mich mit sich, den Korridor entlang, die Treppe hinab, durch die dunkle Halle in den Schirrhof, an den Pferdeställen und am Häuschen der Schildwache vorbei bis in das Gebäude mit den Quartieren für die Ritter.
Wir stehen in einem Raum mit einer Pritsche, den nur die Glut eines heruntergebrannten Kaminfeuers erhellt. Das Rauchwerk steht auf einem kleinen Tischchen unter der Fensternische und glimmt. Es riecht nach Lavendel. »Amaryllis, riechst du’s?«, fragt er. Ich wage nicht zu widersprechen. Meinen Augen jedoch sieht er an, dass ich seine Meinung nicht teile.
»Lavendel?«, fragt er. Ich zögere erst und wage dann, zu nicken.
»Dann bin ich vielleicht zu früh dran«, sagt Jurgen. Er packt mich erneut an den Schultern: »Wonach hat es bisher gerochen? Sprich!«
»Vanille«, sage ich, »Rosmarin … Lavendel.«
»Bist du eingeschlafen? Es waren mehr als drei Düfte, es ist doch schon fast Morgen.«
Veilchenduft durchzieht jetzt das Gemach. Auch Jurgen riecht es. Er lässt mich los. »Amaryllis?«, fragt er hoffnungsvoll.
Ich schüttle den Kopf: »Veilchen.« Er schnuppert und kratzt sich den Bart: »Dann muss Amaryllis danach kommen.« Ich nicke, und er lacht: »Na los, Koch, deine Magd wartet sicher schon sehnsüchtig auf dich.«
»Es ist keine Magd«, sage ich trotzig.
»Na, dann geh zu deiner Zofe.«
»Es ist auch keine Zofe.«
Der Ritter lacht: »Na, es wird ja wohl nicht …« Er hält inne, als er meinen Blick bemerkt, und packt mich wieder bei den Schultern. »Die Prinzessin?«, fragt er, und seine Stimme ist nur ein Hauch. Ich nicke. Sehe ich da Tränen in seinen Augen? »Sie sagte, sie gehöre nur mir!«, flüstert er heiser.
»Im Häuschen der Schildwache«, sage ich, »roch es auch nach Lavendel, als wir vorbeigingen.«
Wir treten beide an die schmale Fensteröffnung, durch die der im Mondlicht daliegende Hof zu sehen ist. Ein Schatten löst sich vom Häuschen der Schildwache und strebt auf die Eingangshalle zu.
»Die Schildwache?!«, flüstert Jurgen mit erstickter Stimme.
»Ihm hat sie gesagt, er soll kommen, wenn es nach Veilchen duftet«, vermute ich.
»Ich werde, ich werde … Wo ist mein Schwert?« Ritter Jurgen durchstöbert seine Habseligkeiten. »Die Schildwache ist kein Gegner für mich, und wenn ich ihr gegenüberstehe, werde ich, werde ich …«
»Ihr werdet ihr nicht gegenüberstehen«, sage ich. Jurgen kniet vor seiner Pritsche und will gerade darunterkriechen. Erstaunt blickt er zu mir auf.
»Auch wenn sie sich für jede Stunde der Nacht einen Liebhaber bestellt: Sie selbst bleibt gewiss in ihrem Gemach und schlummert süß. Und wenn sie kurz erwachen sollte, wird sie lachen bei dem Gedanken daran, was wohl die ganze Nacht lang im Korridor vor sich gehen mag.«
Langsam erhebt Jurgen sich wieder. Er hat unter der Pritsche eine Art flache kleine Holzkiste gefunden.
»Ja, so wird es sein. Verzogenes Gör. Eine boshafte kleine Person. Ganz der Vater.« Ich wage nicht zu nicken. »Du bist ein kluger Mann mit einer schnellen Auffassungsgabe. Spielst du Schach, Koch?«, fragt er und klopft auf die Holzschachtel. Ich schüttle den Kopf. »Zitadelle?« Wieder schüttle ich den Kopf. »Dame?«, fragt er weiter. Ich nicke.
Wir setzen uns an das Tischchen mit der Duftuhr und verteilen im Licht einer Kerze, die Jurgen entzündet hat, unsere Steine auf dem Spielbrett.
Ich betrete den Korridor, eine schulterhohe Röhre mit dem Querschnitt eines regelmäßigen – ich zähle es ab – Siebenecks. Die Wandung ist schwarz, glatt und kalt, und vor mir schließt eine helle Fläche den Korridor ab. Eine Sackgasse?
Ich weiß nicht, wer mich überfallen und gefangen hat. Es ging alles blitzschnell, und ich verlor das Bewusstsein. Mein Schwert, den Dolch und den Lederschlauch mit Wasser hatten sie mir abgenommen, und ich erwachte in einer Kammer mit Wänden, Boden und Decke wie aus schwarzem Metall. Einziger Ausgang: die siebeneckige Röhre.
Wer immer dieses Gefängnis erbaut hat: Sie verwenden Materialien, wie ich sie noch nie gesehen habe. Dies ist offenbar kein Volk, dessen Künste sich darauf beschränken, aus Holzstämmen Einbäume zu fertigen und Strohhütten zu bauen. Alles hier ist streng geometrisch, ohne die geringste Unregelmäßigkeit. Was haben sie mit mir vor? Wie passe ich in diese Welt?
Die Fläche am Ende des Korridors leuchtet und strahlt ein schwaches, kaltes Licht aus, das meine Hände grünlich aussehen lässt. Ich glaube, ein leises, beständiges Knarren zu hören, wie von einem riesigen Baum, der sich im Wind wiegt. Als ich die helle Fläche vorsichtig berühre, bietet sie mir keinen Widerstand. Meine Finger gleiten hinein, aber ich ziehe sie mit einem Schmerzlaut wieder hinaus, da es heiß in meinen Fingern brennt. Doch die Hitze lässt schnell nach. Bietet sich mir hier ein Ausweg?
Ich halte die Luft an und stecke mein Gesicht in die leuchtende Fläche. Es brennt, als hätte ich meinen Kopf in eine Flammenwand gesteckt, und ich ziehe ihn gleich wieder zurück. Ich habe eine Landschaft und einen Himmel gesehen, einen seltsamen, türkisen Himmel – immer noch besser als dieses schwarze, kalte Gefängnis. Ich ziehe den Kopf ein und mache einen schnellen Schritt durch das siebeneckige Portal. Die Hitze dringt durch meine Haut in meinen Körper, aber verfliegt auch sofort wieder.
Die Sonne steht in dem cyanfarbenen Himmel am Zenit. Ich stehe auf einer Ebene, die sich endlos weit in alle Richtungen erstreckt, von blassrotem, flaumartigem Gras bewachsen. Der Horizont schimmert. Hinter mir: ein siebeneckiger Spiegel, der mit einer Ecke im Boden steckt. Aus dieser Spiegelfläche bin ich offenbar gerade hinausgetreten. Das Seltsame aber ist: Sie spiegelt mich nicht.
Bevor ich sie näher untersuchen kann, streift mich ein Schatten. Es fällt etwas Großes von oben herab, ein lautes Knirschen und Bersten um mich her, instinktiv ducke ich mich.
Als ich aufblicke, bin ich von einer schwarzen, doppelt mannshohen, siebeneckigen Mauer umgeben – und wieder gefangen, zusammen mit der siebeneckigen Spiegelfläche. Ich spüre einen Windhauch an den Beinen, und erstaunt beobachte ich, wie der blassrote Flaum um mich herum binnen eines Wimpernschlags welkt und zu Staub wird. Der Boden darunter ist unregelmäßig und rindenartig. Er wirkt wie die Oberfläche eines gigantischen Astes – in den länglichen, schlangenförmig verlaufenden Vertiefungen dieser Riesenborke könnte ich mir glatt einen Fuß brechen. Der Spiegel steckt fest im Holz, und auch die Mauer hat sich tief und unverrückbar in die Rindenwülste gebohrt. An einer Stelle hinter dem Spiegel streckt der hölzerne Boden an der Mauer wie aus Protest einige Späne hoch. Ich reiße einen davon ab. Keine Waffe zwar, aber etwas in der Hand zu haben, gibt mir das Gefühl, der Situation nicht gänzlich hilflos ausgeliefert zu sein.
Ist dies ein fremder Planet? Oder eine Ära weit in der Vergangenheit oder der Zukunft?
Die Rückseite des Spiegels reflektiert weder mich noch das Stück Holz, nur die Mauer. Er scheint extrem dünn zu sein. Ich drücke den Span an die Kante, und er wird ohne Schwierigkeiten durchtrennt. Noch nie habe ich etwas derartig Scharfes gesehen. Ein Schatten, der über mich hinwegzuckt, lässt mich aufblicken.
Es zischt, und unmittelbar neben mir bohrt sich eine weitere Spiegelfläche senkrecht in den Boden. Ich schlucke und trete – etwas zu spät, falls das Ding auf mich gezielt war – zur Seite. Es kam aus Richtung der Sonne. Mehr kann ich auch mit zusammengekniffenen Augen nicht erkennen.
Wieder ein blitzartiger Schattenwurf, wieder zischt es, und jetzt steckt ein dritter Spiegel ein paar Schritte entfernt in den Rindenwülsten. Die Geschosse sind so schnell, dass ein Ausweichen unmöglich ist. Und es kommen mehr davon. Jedes Mal zucke ich zusammen. Sie verteilen sich unregelmäßig und spiegeln den Untergrund, die Mauer und den Himmel – aber nicht mich und die anderen Spiegel!
Aus den Augenwinkeln bemerke ich eine weitere Bewegung. Ich traue meinen Augen nicht: Aus einem der Spiegel, der sich eher mittig in der Umfriedung befindet, schwimmt jetzt ein Fisch heraus. Er sieht aus wie ein Hai, ist vielleicht zwei, drei Meter lang und schwebt etwa auf Höhe meines Bauchnabels in der Luft.
Irgendwie glaube ich nicht, dass es sich um eines der Wesen handelt, die mich gefangen haben und Spiegel auf mich werfen. Dies alles hier sieht mir nach einer Arena aus, in der ich als Gladiator gegen diesen Hai antreten soll. Er peitscht jetzt mit seiner Schwanzflosse und mustert offenbar die Umgebung. Ein silbrig schimmerndes Gerät ist um seinen Hals geschnallt. Das Wesen entdeckt mich und öffnet sein zähnestarrendes Maul. Mir stellen sich die Nackenhaare auf. Dann zischen weitere Spiegel aus dem Himmel und bohren sich mit trockenen Tonks zwischen uns in den Untergrund. Als es dreißig oder vierzig sind, hört der Beschuss unvermittelt auf.
Die Arena steht jetzt voller Spiegel.
Nicht in ihnen reflektiert zu werden, erzeugt ein merkwürdiges Gefühl bei mir – als sei ich gar nicht wirklich hier. Und nicht nur ich scheine nicht anwesend zu sein, sondern auch alle anderen Spiegel. Denn keiner von ihnen zeigt die anderen – bis auf jeweils einen. Zum Nachdenken bleibt mir jedoch keine Zeit, denn jetzt schwebt der Hai aus einer nahen Spiegelfläche heraus, dreht sich mit einem Schlag seiner Schwanzflosse in meine Richtung und spuckt etwas aus. Geistesgegenwärtig ducke ich mich und springe hinter einen Spiegel. Etwas sirrt an mir vorbei. Ich stürze auf die unnachgiebige Rinde und prelle mir das Schienbein.
Als ich aufblicke, ist der Hai schon hinter mir hergeschwommen. Ohne lang nachzudenken rolle ich mich durch den Spiegel, vor dem ich liege – in der Hoffnung, dass sie alle Portale darstellen, die mich an einen anderen Ort bringen. Tatsächlich: Wieder zieht mir brennende Hitze durch den Leib, und ich falle an einer anderen Stelle der Arena aus einem der Spiegel, richte mich keuchend auf, humple um den Spiegel herum und springe von der anderen Seite hindurch, als ich den Hai hinter mir herkommen sehe.
Es sind Portale! Von beiden Seiten! Nur dumm, dass ich die Orientierung verloren habe und nicht mehr weiß, durch welches dieser Portale ich hierhergekommen bin.
In einiger Entfernung sehe ich meinen Gegner kurz vor einem Spiegel schweben, bevor er in ihm verschwindet, als werde er von einer senkrecht stehenden Quecksilberpfütze verschluckt. Auch er spiegelt sich nicht.
Eine Zeitlang, traue ich mir zu, kann ich mit dem Hai Versteck spielen. Allerdings graust mir bei dem Gedanken, bei einem eiligen Durchgang durch einen der rahmenlosen Spiegel dessen Fläche nicht genau zu treffen. Vermutlich würde es mir dann wie dem Holzspan ergehen: Es könnte sein, dass ich dann einen Arm oder ein halbes Bein zurücklasse – und noch unangenehmer ist natürlich die Vorstellung, bei einem Spiegelsprung in meiner Hast eine Kopflänge zu hoch zu geraten.
Habe ich eine Chance? Der Fisch ist bewaffnet – ich nicht. Er ist um einiges gewandter als ich und wird nicht durch den welligen Untergrund behindert, der sich für Spurts nicht gerade eignet. Könnte es mir gelingen, ihm auf den Rücken zu springen? Oder kann ich entkommen, indem ich die Mauer erklettere? Doch die ist makellos glatt.
Nur einen Wimpernschlag lang habe ich in meiner Aufmerksamkeit nachgelassen, da schwimmt der Hai aus einem nahen Spiegel. Wieder sirrt etwas aus seinem Maul. Ich ducke mich unter dem Geschoss weg und springe durch eine der Spiegelflächen. Ich renne, soweit sich das bei der Bodenbeschaffenheit bewerkstelligen lässt, schlage einen Haken und und benutze ein weiteres Portal. Den Hai habe ich aus den Augen verloren – genauso wie er hoffentlich auch mich.
Es ist ein ungleiches Duell. »Was wollt ihr von mir?«, rufe ich wütend in den Himmel – dahin, von wo die Mauer der Arena und all die Spiegel auf die Ebene herabfielen. »Was habe ich euch getan?« Es macht mich wütend, dass sich diejenigen, die mich in diese Arena gesteckt haben, nicht zeigen. Es gibt Hunderte von kleinen Öffnungen unterhalb des Mauerrands: Sind das ihre Augen? Weiden sie sich – irgendwo von ferne, vielleicht ja sogar von einem anderen Planeten aus – an dem Kampf?
Aber Zorn hilft mir nicht weiter. Ich versuche, einen Überblick über das Spiegellabyrinth zu gewinnen. Nur sind es leider zu viele Spiegel, als dass ich mir eine innere Landkarte von ihren Verbindungen untereinander zeichnen könnte. Ich erhasche einen Blick auf den Fisch, der vor einem Spiegel hin- und herschwimmt, als würde er Maß nehmen.
Er wendet sich einem anderen Spiegel zu, so dass ich nur noch seine Schwanzflosse sehe. Plötzlich kommt eines seiner Geschosse aus einem Spiegel geschossen, sirrt haarscharf an meiner Hüfte vorbei und kracht gegen die schwarze Metallwandung. Ich hebe es auf. Der Hai ist seinem Geschoss gefolgt – ich springe durch den nächstbesten Spiegel, dann durch einen weiteren.
Der Hai ist nirgends mehr zu sehen. Selbst wenn er den Weg seiner Geschosse durch mehrere Spiegel hindurch vorhersehen kann: Er muss mich sehen, um auf mich schießen zu können. Ich setze mich mit dem Rücken vor die Wand der Arena und untersuche den Pfeil. Es ist ein spitz zulaufender Bolzen, eine schlanke, siebeneckige Pyramide aus einem leichten, festen Metall, vollkommen schwarz.
Eine Bewegung in meinen Augenwinkeln lässt mich herumfahren: Der Hai schiebt sich aus einem nahen Spiegel, und ich sitze für ihn wie auf dem Präsentierteller. Mit einem Angstschrei schleudere ich den Bolzen, den ich in der Hand habe, in seine Richtung und robbe weg. Sein Schuss verfehlt mich. Ich haste durch mehrere Spiegel, stehe plötzlich eine Armlänge von ihm entfernt, stolpere zurück und gerate in Panik.
Schließlich bleibe ich stehen, wo ich gerade bin, um wieder zu Atem zu kommen. Ein schwarzer Bolzen durchmisst in einiger Entfernung die Strecke zwischen zwei Spiegeln. Ich ducke mich. Er bleibt einen Atemzug lang verschwunden und prallt dann mit voller Wucht auf ein knorpliges Rindenstück in meiner Nähe. Ich ziehe den Bolzen heraus und verschwinde vor den Augen des Fischs, der seinem Geschoss wieder folgt, in einer Spiegelfläche. Zerschneidet ihre Kante auch den Metallpfeil des Hais? Ich presse ihn dagegen. So scharf die Kante auch sein mag: Der Bolzen bietet ihr Widerstand. Ich warte.
Schweiß rinnt mir beißend in die Augen, und ich spüre ein dumpfes Pochen in meinem Schienbein, aber erst muss ich dieses Fischwesen ausschalten, bevor ich an mich und meine Blessuren denken kann.
Etwas Schwarzes sirrt aus dem Spiegel, neben dessen Kante ich warte. Ich verfolge den Weg des Pfeils nicht weiter, sondern benutze den Bolzen jetzt als Hebel. Der Spiegel sitzt höllisch fest, zweimal gleiten meine schweißfeuchten Finger ab und wären um ein Haar von der Spiegelfläche abgetrennt worden – dann endlich ruckt der Spiegel aus dem Holz. Wie erwartet folgt der Hai seinem Geschoss. Seine Nase schiebt aus der umfallenden Spiegelfläche, die jetzt wie erhofft seinen Körper in zwei Hälften schneidet. Die vordere schwebt über dem umgefallenen Spiegel weiterhin in der Luft. Der Hai quiekt, oder zumindest glaube ich ein Quieken zu hören, und die Bolzenschleuder in seinem Inneren spuckt noch ein halbes Dutzend Mal. Sein Hinterteil dürfte vor dem Spiegel geblieben sein, den er nur halb durchschwimmen konnte.
Ich warte, bis mehrere satte Tonks anzeigen, dass seine Bolzen ihre Flugbahn beendet haben – es wäre eine böse Ironie des Schicksals, jetzt noch von einem Querschläger erwischt zu werden.
Innen ist der Hai mechanisch: kein lebendes Wesen, sondern eine Maschine, eine Kampfmaschine. Ihre Hülle enthält neben der Bolzenkanone ein rotes, zapfenförmiges Etwas. Als ich es herausziehe, fällt alles andere zu Boden. Der feuerfarbene Metallzapfen hat die Länge meines Unterarms und schwebt weiterhin in der Luft. Dieses Ding hat ihn durch die Luft schwimmen lassen! Ein flacher, schmaler Ring verläuft um den Zapfen. Ich drehe vorsichtig daran, und der Zapfen sinkt ein Stück.
Schmatzende Geräusche lassen mich herumfahren. Die Spiegel verschwinden jetzt, einer nach dem anderen: Spiffzspiffzspiffz, und die Arena ist leer bis auf mich, die am Boden liegenden Hälften des Maschinenhais, den roten Zapfen und einen einzigen letzten Spiegel.
Ich blicke hoch zu den Öffnungen in der Mauer. Vermutlich wartet auf jenseits des übriggebliebenen Spiegels das Publikum, aber mir können Ruhm und Ehre oder nach unten weisende Daumen (oder Flossen, wer weiß?) gestohlen bleiben. Irgendwo in dieser Zeit und an diesem Ort wartete eine Aufgabe auf mich, und sie hatte gewiss nichts mit diesen perversen Wesen zu tun, die mich gefangengenommen haben, um mich gegen ihren Kampffisch antreten zu lassen.
Ich fühle keine Freude. So kenne ich es schon. Obwohl dem Tod mit knapper Not entkommen, bleibt zuerst einmal nur Leere zurück, vielleicht weil ich zu ausgelaugt bin, um das neuerrungene Leben wirklich schätzen zu können.
Ich fühle mich wund vom ständigen feuerheißen Spiegeldurchschreiten. Auch habe ich mir mein Schienbein geprellt und irgendwann mein linkes Handgelenk verstaucht. Aber ich lebe und besitze noch alle Gliedmaßen. Tausend Augen starren von der Arenaumfriedung zu mir herab – zumindest glaube ich das zu spüren – und erwarten, dass ich zum letzten Spiegel humple und hindurchgehe. Doch da habe ich eine bessere Idee. Mit ein wenig Glück befinden sich die Zuschauer des Kampfes wirklich weit entfernt von diesem Ort und können hier nichts weiter ausrichten.
Ich hänge mich bäuchlings über den Zapfen. Er trägt mich ohne Schwierigkeiten. Es ist nicht ganz einfach, den Steuerungsring zu bewegen, aber es gelingt mir: Langsam lasse ich uns höhersteigen. Ich schlenkere mit den Beinen und rucke so etwas unelegant durch die Luft und über die Mauer hinweg. Auf der anderen Seite lasse ich mich hinunter sinken und lande auf dem blassroten Flaum. Niemand hält mich auf. Ich beginne, den schwebenden roten Zapfen vor mir herschiebend, in Richtung des Glitzerns am Horizont zu wandern, das ich für das Meer halte.
Ich betrete den Korridor und gelange in die große Höhle. Hier zieren Zauberbilder die Felswände unserer Heimat. Auf unserer Flucht vor einem wilden Bären haben wir uns in den Kalkkorridoren verirrt und hier ein neues Leben begonnen, bis wir schließlich vergaßen, was Sonnenlicht ist. Das ständig herabtropfende Wasser sickert in unsere Träume. Wir ernähren uns von den hier im Dunkel wachsenden Pilzen, schlafen auf nacktem Fels und erzählen unseren Kindern Märchen von sagenhaften Tieren und Pflanzen, die beginnen mit: »Einst unter einem weiten Himmel …«
Goldklumpen und Kristalle säumen unseren Weg, aber sie interessieren uns wenig. Wir suchen, seit vielen Generationen, den Höhlenausgang. Freiheit ist das kostbarste Gut, werden unsere Ältesten nicht müde zu wiederholen – so, wie es schon ihre Ältesten getan hatten.
Ich schreibe im Phosphorlicht der Fäulnisbakterien Zauberbilder an die Wände, male okkulte Worte wie Wegzeichen auf den Boden unserer Schlafstatt. Doch bin ich der Letzte, der sie erkennen kann: Schon lange haben unsere Neugeborenen weiße Häute über den Augen und entwickeln ein überaus scharfes Gehör.