Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Fantasy

179/398

♫ Back Into the Magma ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der zu den rie­si­gen Wet­ter­kris­tal­len führt. Die Erde bebt. Men­schen lau­fen und rufen vol­ler Panik und Todes­angst durch­ein­an­der – nicht nur in mei­nen Ohren, auch in mei­nem Geist höre ich ihre Schreie gel­len.

Mich beherrscht ein ein­zi­ger Gedanke: Ich muss die gro­ßen Kris­talle deak­ti­vie­ren! Mit ihnen woll­ten die Geist­meis­ter das Wet­ter beein­flus­sen, aber jetzt sind sie außer Kon­trolle gera­ten. Ein dunk­ler, schreck­li­cher Don­ner ertönt, den ich im gan­zen Kör­per spü­ren kann. Wie von einer Göt­ter­faust werde ich zu Boden geschmet­tert. Es war ein irr­wit­zi­ger Plan, die Kris­talle dafür benut­zen zu wol­len, die Zeit anzu­hal­ten! Das ganze Land ver­sinkt im Meer: Die Halle der Kris­talle kippt lang­sam zur Seite weg, und der Kor­ri­dor wird zu einem boden­lo­sen Schacht. Seine Wände ragen vor mir auf. Ich ziehe mich an den Stein­plat­ten hoch und ducke mich vor her­ab­fal­len­den Trüm­mern weg. Was­ser dringt ein, von allen Sei­ten. Blitze durch­zu­cken die Halle. Die mäch­ti­gen Kris­talle bäu­men sich auf gegen die Flu­ten und brin­gen in ihrem Todes­kampf das Meer zum Bro­deln.

In mei­nem Geist hal­len die Ent­set­zens­schreie Mil­lio­nen Ster­ben­der wider. Meine Mut­ter, meine Schwes­ter Nete – ihre Prä­senz fla­ckert in mei­nem Geist noch ein­mal hell auf, bevor sie ver­lischt. Der Ver­lust lässt alles in mir dumpf und taub wer­den.

Immer mehr Was­ser strömt in die Halle. Das stei­nerne Gewölbe ist bereits tief ins Meer ver­sun­ken, und die Luft­blase, die sich darin gebil­det hat, wird mehr und mehr von den ein­drin­gen­den Flu­ten ver­schlun­gen. Soll ich auf­ge­ben? Nein! Etwas Unbe­kann­tes in mir ver­leiht mir Kraft. Ich will wei­ter­le­ben, höher­klet­tern, den Was­ser­mas­sen ent­kom­men, doch eine umstür­zende Säule zer­schmet­tert mir das linke Bein. Ein ste­chen­der Schmerz raubt mir den Atem. Ich bin ein­ge­klemmt und werde ertrin­ken. Jetzt gibt es nur noch eins, das mir bleibt …

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♫ Gazing Into the Crys­tal Skull ♫


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… Ich betrete den Kor­ri­dor, wie ich es schon als klei­nes Kind von den Geist­meis­tern gelernt habe, und steige in mei­nen »Tem­pel der flüch­ti­gen Bil­der« hinab. Zuerst zögere ich, denn sind es nicht die Geist­meis­ter gewe­sen, die zu tief in ihre inne­ren Tem­pel hin­ab­ge­stie­gen sind und mit ihren grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Ideen unser aller Unter­gang her­auf­be­schwo­ren haben? Doch das dro­hende Ertrin­ken und die uner­träg­li­chen Schmer­zen in mei­nem zer­schmet­ter­ten Bein trei­ben mich an die­sen Ort, an dem alles still und unbe­wegt ist.

Mein »Tem­pel« aller­dings ist – eine Insel.

Nie­mand durfte davon wis­sen, denn das Bild einer Insel vor dem inne­ren Auge wach­zu­ru­fen statt das eines Tem­pel­baus wider­spricht dem geis­ti­gen Gesetz, wie es uns gelehrt wird – doch so sehr ich mich auch gegen diese Insel zu weh­ren ver­suchte: Sie wollte ein­fach nicht wie­der ver­schwin­den. Nicht ein­mal mei­nen engs­ten Freun­den erzählte ich davon, und so erschre­cke ich zutiefst, als ich dort auf mei­ner klei­nen Insel eine Gruppe Frem­der ste­hen sehe. Ein alter Mann, des­sen linke Gesichts­hälfte völ­lig ver­narbt ist, tritt auf mich zu. Hin­ter ihm ste­hen elf Män­ner und Frauen.

»Ich bin Kte­phaim«, sagt der alte Mann. Was haben diese Leute in mei­nem Geist zu suchen? Oder sol­len sie mich abho­len und ins Reich der Toten füh­ren?

»Wir sind … Wan­de­rer. Und wir möch­ten dir anbie­ten, einer von uns zu wer­den.« Ich will zuerst ein­mal wis­sen, was es mit all dem hier auf sich hat, aber er bedeu­tet mir zu schwei­gen. »Du kannst dich ret­ten.« Damit über­reicht er mir einen geschlif­fe­nen Kris­tall in der Form eines mensch­li­chen Schä­dels.

Ich weiß, was ich zu tun habe. Die ande­ren elf, die hin­ter Kte­phaim ste­hen, sehen mich stumm an. Eine der Frauen lächelt auf­mun­ternd. Ich bli­cke dem Kris­tall­schä­del in die Augen.

»Kon­zen­triere dich«, sagt der Alte. »Du hast lange dafür geübt. Jetzt ist der Augen­blick gekom­men.«

Mit einem Mal bin ich wie­der in mei­nem Kör­per. Eis­kal­tes Was­ser umströmt mich, und im zer­schmet­ter­ten Bein spüre ich ein bren­nen­des Pochen. Ich nehme einen letz­ten Atem­zug, bevor das Meer mich ver­schlingt. Und kon­zen­triere mich.

Meine Hei­mat sinkt ins Magma zurück. Wenn die Sonne zum ers­ten Mal wie­der durch die schwar­zen Wol­ken­mas­sen bre­chen wird, wird nichts mehr von ihr übrig sein. Aus dem Schlamm wird sich eine neue Mensch­heit erhe­ben, eine neue Geschichts­schrei­bung ent­fal­ten, wer­den neue alte Kriege ent­bren­nen und alte neue Erfin­dun­gen und Erfah­run­gen die Men­schen bewe­gen.

Aber dies sind Dinge, die ich erst spä­ter erfah­ren werde. Denn ich über­lebe. Mit einem letz­ten Atem­zug ver­setze ich mich mit Hilfe des kris­tal­le­nen Schä­dels und einem unge­kann­ten Über­le­bens­wil­len in mir an einen ande­ren Ort in eine andere Zeit.

Ein Moos­pols­ter, mäch­tige Wur­zeln, eine Lich­tung.

Lang­sam komme ich zu mir. Enra’daí, die Frau aus der Gruppe der Wan­de­rer, die mir zuge­lä­chelt hatte, sitzt neben mir und unter­sucht mein Bein. »Wo bin ich?«, frage ich sie, aber Enra’daí ver­bes­sert mich: »Frag lie­ber, wann du bist. Du bist jetzt einer von uns.«

Sie erklärt mir, wir seien zwölf und besä­ßen die Fähig­keit, auf die Rück­seite der Zeit zu sprin­gen und von dort aus dort­hin zu wan­dern, wo wir gebraucht wer­den. Man­chen der Wan­de­rer gelinge das fünf‑, sechs- oder gar zehn­mal. Dann ver­siege die Kraft dazu. Ein neuer Wan­de­rer müsse gefun­den wer­den, um die Lücke zu fül­len. »Und du bist wahr­schein­lich der jüngste, den es je gege­ben hat«, fügt sie an.

In den nächs­ten Tagen heilt sie mit Kräu­ter­wi­ckeln mein Bein und brät über einem Feuer ihr Jagd­wild für uns. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Ihre Bewe­gun­gen, ihre Berüh­run­gen, ihre leise Stimme: All das berauscht mich, beglückt mich im Inners­ten, rührt mein Herz an und weckt ganz unbe­kannte, Süße und Schmerz ver­spre­chende Gefühle in mir, die ich scham­haft vor ihr ver­berge, da sie mich zwar lie­be­voll pflegt, aber doch wohl mit der Für­sorge einer Mut­ter für ihren Sohn. Wie gern würde ich ihr bewei­sen, dass ich bereits ein Mann bin. Ich könnte Bäume fäl­len und eine Hütte für uns errich­ten, ich würde die Jagd erler­nen und wilde Tiere für sie erle­gen – doch mein Bein erlaubt dies alles noch nicht, ich muss es scho­nen.

Auf die Rück­seite der Zeit zu sprin­gen, hat mir das Leben geret­tet. Ich bezweifle, dass unsere Geist­meis­ter von die­ser Fähig­keit wuss­ten. Enra’daí zögert, als ich sie frage, was mit dem Wan­de­rer geschieht, der die Kraft dazu ver­liert. Ihre Stimme klingt brü­chig: »Er bleibt dort, von wo der neue Wan­de­rer geholt wird.« Ich will sie fra­gen, ob Kte­phaim an mei­ner statt in die Halle der Kris­talle ver­setzt wurde, aber Enra’daí ver­zieht schmerz­lich das Gesicht und wen­det den Blick ab. Das lässt mich sto­cken, und ich spre­che meine Frage nicht aus.

»Ich muss wei­ter«, sagt sie schließ­lich und wirkt ein wenig trau­rig. »Wir Wan­de­rer sind Ein­zel­gän­ger.«

Ich will dage­gen pro­tes­tie­ren, flehe sie an, zu blei­ben, behaupte, mein Bein schmerze wie­der. Doch Enra’daí lässt sich nicht erwei­chen. Zum Abschied berührt sie mich nur kurz am Arm und wen­det dann schnell ihren Blick ab. Ich will ihr nach­ru­fen, dass ich sie liebe, aber schon ist sie zwi­schen den mäch­ti­gen Stäm­men der Bäume ver­schwun­den. Trä­nen stei­gen mir in die Augen, und ich beginne bit­ter­lich zu wei­nen.

Es ist ein Abschied …

All die Toten – ein gan­zes Volk! Meine Freunde! Meine Mut­ter! Meine kleine Schwes­ter! Erst als es tagt, ver­sie­gen meine Trä­nen, und ich falle in unru­hi­gen Schlaf.

… und ein Neu­an­fang.

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♫ Ygg­dra­sil Play­ground ♫


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»Ich betrete den Kor­ri­dor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – mei­nem Haus –, das sich in einer klei­nen Stadt befin­det …«

»Opa«, unter­bricht mich eine der bei­den, Juli­etta dürfte es sein, jeden­falls hat sie die Wir­bel links über der Stirn, »warum fängst du deine Geschich­ten immer an mit ›Ich betrete den Kor­ri­dor‹ und nicht mit ›Es war ein­mal‹?«

»Weil ihr zwei ganz beson­dere Mäd­chen seid und ich euch bei­den ganz beson­dere Geschich­ten erzähle, die sonst kei­ner erzählt, keine ande­ren Omas und Opas, und auch nicht die Tan­ten im Kin­der­gar­ten.«

»Das sind keine Tan­ten, Opa. Das sind unsere Kin­der­gärt­ne­rin­nen.« Sagt die andere, Juni­per.

»Mär­chen­tan­ten, meine ich. Jeden­falls fan­gen meine Geschich­ten immer im Kor­ri­dor vor eurem Schlaf­zim­mer an. Weil sie, anders als die ande­ren Mär­chen, die euch erzählt wer­den, samt und son­ders wahr sind. Darf ich jetzt wei­ter­erzäh­len?« Beide nicken mit gro­ßen Augen, als könn­ten sie kein Wäs­ser­chen trü­ben. Na, mal sehen.

»Ich betrete also den Kor­ri­dor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – mei­nem Haus –, das sich in einer klei­nen Stadt befin­det, die in einem Land­strich liegt, wel­cher zu einem Kon­ti­nent gehört, der wie­derum in geo­lo­gi­schen Zeit­räu­men über die Ober­flä­che eines Pla­ne­ten treibt. Heißt es zumin­dest. Aber da fällt mir der Gar­ten mei­ner Kind­heit ein, der Gar­ten eurer Urgroß­el­tern, die ihr nie ken­nen­ge­lernt habt.

Als ich noch klein war, stand in unse­rem Gar­ten ein rie­si­ger Baum. Er war so gewal­tig groß, dass ich dachte, oben auf sei­nen Ästen wür­den sich ganze Län­der befin­den, und die Bewoh­ner ahnen ver­mut­lich gar nichts davon, dass sie auf einem Baum woh­nen.«

»So einen gro­ßen Baum gibt es nicht.«

»Oh doch. Ich muss es wis­sen. Eines Tages bin ich näm­lich hin­auf­ge­klet­tert. Und wisst ihr, was ich da oben fand?«

»Ein Vogel­nest?«

»Nein. Einen kolos­sa­len, alten, knor­ri­gen Ast, auf dem sich Wie­sen und Wäl­der, Wüs­ten, Berge, Seen und ganze Meere befin­den. Es dau­erte viele Jahre, auch nur einen klei­nen Teil die­ser Land­schaf­ten zu erkun­den. Dabei lernte ich übri­gens eure Groß­mutter ken­nen, Gott hab sie selig.«

»Oma?« Ungläu­bige Bli­cke. »Auf dem Baum bei euch zuhause im Gar­ten?«

Ich nicke. »Ihr habe ich in einem Dorf eines Lan­des auf dem Ast ein Haus gebaut. Die­ses Haus hier. In dem dann eure Mut­ter gebo­ren wurde.«

»Aber das ist doch Quatsch, Opa. Wir leben doch nicht auf einem Baum!«

»Viel­leicht ja doch. Ich muss es wis­sen. Schließ­lich bin ich ihn hin­auf­ge­klet­tert.«

»Aber Opa, wir leben auf einem Pla­ne­ten, nicht auf einem Ast. Guck doch ein­fach mal bei Google Earth. Wenn man da ganz raus­zoomt, sieht man die Erde.«

»Wer sagt denn, dass das stim­men muss? Im Mit­tel­al­ter hat Google Earth die Erde als Scheibe gezeigt, von deren Rand man, wenn man nicht auf­passte, run­ter­fal­len konnte.«

»Opa!«

»In Wirk­lich­keit aber sind unsere Län­der und Kon­ti­nente nichts ande­res als die Borke eines kolos­sa­len, alten, knor­ri­gen Bau­mes. Wenn die Nächte ganz still sind, könnt ihr das Holz leise im Wind knar­ren hören.«

»Ach, Opa, das sind doch Mär­chen.« – »Und deine Mär­chen sind gar keine rich­ti­gen Mär­chen, sonst gäb es da Hel­din­nen und Prin­zen …« – »… und Pferde und Eich­hörn­chen und Zwerge.« – »Keine Kor­ri­dore.« – »Genau. Auf kei­nen Fall Kor­ri­dore.«

»Auch nicht die im Mär­chen­schloss? Wisst ihr was, ihr zwei Hel­din­nen? Das mit den Kor­ri­do­ren ist jetzt eh vor­bei. Gleich mor­gen früh bre­che ich auf und steige wie­der hin­un­ter.«

»Hin­un­ter?« Vier Kin­der­au­gen sehen mich groß und fra­gend an.

»Ja. Wie­der von dem Baum her­un­ter, der im Gar­ten mei­ner Kind­heit steht. Wisst ihr, mein Vater hatte näm­lich eine Schau­kel an einen der unte­ren Äste gehängt, und das war, wenn ich mich recht erin­nere, der schönste Platz der gan­zen Welt.«

»Du gehst weg?!«

»Na ja, wir reden dann noch mal beim Früh­stück dar­über. Ob ihr mir das mit dem Baum glaubt oder doch lie­ber Google Earth ver­traut.«

»Wir glau­ben dir das mit dem Baum, Opa!« – »Google Earth will uns was vor­ma­chen!« – »Mit Pho­to­shop kann man ganz leicht aus einem Ast einen Pla­ne­ten machen.« – »Geh nicht weg, Opa!«

»Nein, meine Engel, keine Sorge. Ich glaube auch gar nicht, dass die Schau­kel noch hängt. Und jetzt macht schön die Augen zu und lasst euch vom Wind, der Nacht für Nacht durchs Geäst der Welt weht, in den Schlaf wie­gen.«

196/398

♫ Song of the Spec­tres ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der sich nach einem Erd­be­ben in der Höhle von Psy­chro geöff­net hat. Ich bin mit einem star­ken Schein­wer­fer bewaff­net und fühle mich wie Car­ter, als er 1922 in Tutancha­muns Grab stieg, oder wie Wool­ley, als er die Grab­kam­mer der Nin Puabi ent­deckte. Die Chance, eine Stätte zu betre­ten, die jahr­hun­derte- oder jahr­tau­sen­de­lang kein mensch­li­ches Auge mehr erblickt hat, bie­tet sich einem Archäo­lo­gen nur sel­ten.

Diese Höhle auf Kreta ist legen­där – und gilt als gründ­lich erforscht. Doch das Erd­be­ben hat einen neuen Zugang frei­ge­legt. Wohin mag er füh­ren? Zum Geburts­ort von Zeus, wie die Legende sagt, oder zu einer wei­te­ren Kult­stätte der Minoer, wie Kol­le­gen sie hier bereits frei­ge­legt haben?

Ein alter Mann kommt mir aus der tie­fen Höhle ent­ge­gen und blin­zelt ins Licht mei­nes Schein­wer­fers. Ich bin so ver­blüfft, dass ich ihn untä­tig vor­bei­ge­hen lasse, wäh­rend ich ihn mit offe­nem Mund anstarre.

Als ich mich gefasst habe, folge ich ihm aus der Höhle her­aus. Er schlingt in unse­rem Zelt ein gewal­ti­ges Früh­stück her­un­ter und erklärt uns ungläu­bi­gen For­schern mit vol­lem Mund in Alt­grie­chisch, er habe wohl recht lange geschla­fen. Sein Name sei – Epi­men­i­des.

Inzwi­schen wird der Mann im Kran­ken­haus von Hera­klion unter­sucht. Ein Teil mei­ner Kol­le­gen hält ihn für einen Betrü­ger, ein ande­rer für einen Irren. Ich bin mir da nicht so sicher. Klar, Epi­men­i­des, der legen­däre Erfin­der des Pflugs, soll irgend­wann zwi­schen dem sieb­ten und fünf­ten Jahr­hun­dert vor Chris­tus hier gelebt haben und wird in der Bibel zitiert – mit dem Epi­gramm, dass alle Kre­ter Lüg­ner sind. Und man kann nicht ein­fach ein paar Jahr­tau­sende schla­fen, um dann nach Her­zens­lust zu früh­stü­cken, oder? Ande­rer­seits gibt es da diese selt­same Geschichte aus der Sie­ben­schlä­fer­höhle über den angeb­li­chen ach­ten Schlä­fer, der erst kürz­lich ans Tages­licht trat.

Ich bin jeden­falls in der Nacht noch zurück in die Höhle gegan­gen, um allein wei­ter in die unbe­kann­ten Berei­che vor­zu­drin­gen. Der Kor­ri­dor win­det sich durch den Berg und endet in einem stei­ner­nen Alko­ven. Ich werde plötz­lich sehr, sehr müde und beschließe, mich auf dem uralten Wid­der­fell, das dort liegt, ein wenig aus­zu­ru­hen …

224/398

The Cave of the Mori­bund

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die Lan­zen­spit­zen der Wachen ste­chen schmerz­haft in mei­nen Rücken. Der Zere­mo­nien­meis­ter geht vor­aus, dahin­ter das Königs­paar, und uns folgt das Volk, neu­gie­rig und rache­durs­tig: Sie haben viele Tote zu bekla­gen. Ich bin in einen Krieg zwi­schen zwei Stadt­staa­ten gera­ten und gefan­gen genom­men wor­den. Ver­mut­lich hal­ten sie mich – wegen mei­ner hel­len Haut und der blon­den Haare – für einen Zau­be­rer oder ein Halb­we­sen im Dienste der Feinde. Jeden­falls haben sie mich nicht sofort getö­tet, son­dern wol­len mir eine beson­dere Behand­lung zukom­men las­sen.

Ich habe mir den Weg gemerkt, vom Ban­kett­saal, in den man mich nur mit einem Len­den­schurz beklei­det vor das Herr­scher­paar geführt hatte, durch die laby­rin­thisch ange­leg­ten Kor­ri­dore des Lehm­pa­lasts ins Freie, durch die Stra­ßen der Stadt zu dem fel­si­gen Berg, der aus der Steppe auf­ragt – und hin­ein. Ein gewun­de­ner Höh­len­gang öff­net sich in einen von Fackeln erhell­ten Raum. Hier im Inne­ren haben sie eine gewal­tige runde Fels­platte auf­ge­bockt.

Die Pro­zes­sion stockt, Wäch­ter wer­den nach vorne geholt. Von allen Sei­ten hal­ten mich vor­ge­streckte Lan­zen in Schach. Ich ver­su­che, die Nach­wir­kun­gen mei­nes letz­ten Sprungs auf die Rück­seite der Zeit abzu­schüt­teln, und betrachte die Kon­struk­tion ein­ge­hend: Die runde behauene Stein­scheibe, etwa eine Arm­länge dick und gut sechs Schritte im Durch­mes­ser, liegt in der Mitte der Höhle waa­ge­recht auf star­ken, über­manns­ho­hen Holz­stäm­men. Sie muss ein unge­heu­res Gewicht haben.

Plötz­lich steht der alte Zere­mo­nien­meis­ter hin­ter mir und bohrt mir einen Fin­ger in den Anus. Ich zucke zusam­men, womit ich mir Schnitte in Brust und Rücken ein­handle. Der Zere­mo­nien­meis­ter zieht den Fin­ger wie­der her­aus und ruft etwas. Das Volk, das sich, von den Wachen zurück­ge­hal­ten, vor dem Zugang zum Höh­len­raum zusam­men­drängt, ant­wor­tet mit zustim­men­den Lau­ten. Was geschieht hier? Was wol­len sie mit mir machen? Die Stein­platte! Darum dreht es sich hier. Aber was hat es mit ihr auf sich?

Über der Platte erkenne ich eine selt­same Kon­struk­tion aus star­ken Tauen und Holz­stäm­men, zu der – über einen Haken in der Höh­len­wan­dung lau­fend – ein schwar­zer Strick führt, der an der Wand in Greif­höhe über dem Boden hängt.

Auf einen geknurr­ten Befehl des Zere­mo­nien­meis­ters hin sto­ßen mich die Lan­zen vor­wärts, unter die Stein­scheibe. Er hat an mei­nem Len­den­schurz eine lange Kor­del befes­tigt hat, die er in der Hand hält. Eigen­ar­tig. Was haben sie mit mir vor? Ich kann nun erken­nen, dass die mäch­tige Stein­platte in der Mitte durch­bohrt ist. Aus dem dün­nen Loch hängt eine Schnur, an der ein klei­ner Metall­ring befes­tigt ist.

Der Zere­mo­nien­meis­ter will mir ges­tisch etwas mit­tei­len, bil­det mit Zei­ge­fin­ger und Dau­men einen Ring und fasst mit der ande­ren Hand daran. Ich folge der Auf­for­de­rung, greife nach oben und halte den klei­nen Metall­ring fest. Eine der Wachen brüllt etwas, das wie ein Warn­ruf klingt. Die Köni­gin zieht an dem schwar­zen Strick. Über mir, ober­halb der Platte, knackt und pol­tert etwas. Auf einen Zuruf des Zere­mo­nien­meis­ters hin sto­ßen Wachen die Stütz­pfei­ler weg, und ich spüre am Ring jetzt einen leich­ten Zug nach oben – die Stein­scheibe hängt jetzt frei­schwe­bend in der Luft, und ich ahne bereits, dass sie nun nur noch von der dün­nen Schnur am Ring gehal­ten wird. Er ist ein wenig klei­ner als die Öff­nung im Stein: Lasse ich los, wird ein Mecha­nis­mus aus­ge­löst, der die Fels­scheibe her­un­ter­kra­chen lässt.

Plötz­lich ein Ruck: Der Zere­mo­nien­meis­ter reißt mir mit der Kor­del den Len­den­schurz vom Leib. Ich stehe nackt unter dem gewal­ti­gen Mühl­stein und halte mit aus­ge­streck­tem Arm den Ring. Das Volk lacht und ruft mir offen­bar hämi­sche Bemer­kun­gen zu.

Ich flu­che inner­lich. Ich hätte den Schurz in den Ring stop­fen kön­nen, so dass er nicht mehr durch die Öff­nung im Stein passt. Zu spät. Jetzt weiß ich auch, was der Alte in mei­nem Anus gesucht hat. Bestimmt hat­ten frü­here Delin­quen­ten, die wuss­ten, was sie erwar­tet, Hilfs­mit­tel am oder im Kör­per ver­steckt.

Es ist nicht schwer, mir aus­zu­ma­len, wel­ches Schick­sal sie mir zuge­dacht haben. Mein Arm wird müde wer­den, meine Fin­ger wer­den zu schmer­zen begin­nen. Ich werde den Arm wech­seln, doch ich kann nicht ewig durch­hal­ten und werde ich mich ent­schei­den müs­sen: Führe ich das Ende bewusst her­bei, oder warte ich, bis meine Kräfte end­gül­tig nach­las­sen?

Kann ich mich recht­zei­tig zur Seite wer­fen? Wohl kaum. Auf dem Boden unter der Platte ent­de­cke ich dunkle, unför­mige Fle­cke. Meine unglück­li­chen Vor­gän­ger sind nicht weit gekom­men. Viel­leicht kann ich den Ring aus­ein­an­der­bie­gen, so dass er nicht mehr durch die Öff­nung rut­schen kann! Ich presse Dau­men und Zei­ge­fin­ger zusam­men. Der Ring ist aus Metall – da müsste ich tat­säch­lich Zau­ber­kräfte besit­zen, um ihn ver­for­men zu kön­nen.

Ich schließe die Augen.

Als Wan­de­rer kann ich auf die Rück­seite der Zeit sprin­gen, um von dort aus zu einem Ort zu gelan­gen, an dem ich gebraucht werde. Ich will hier nicht ster­ben! Doch als ich mich tief in mei­nen Geist ver­senke und den Kris­tall­schä­del in die Hand nehme, den Kte­phaim im Mne­poketh, in mei­nem Tem­pel der flüch­ti­gen Bil­der, für mich zurück­ge­las­sen hat, wird mir klar, dass ich irgendwo hier in die­ser Welt gebraucht werde und erst wei­ter­rei­sen kann, wenn ich meine Auf­gabe erfüllt habe.

Ich öffne die Augen.

Die Köni­gin spricht leise mit dem Zere­mo­nien­meis­ter. Er ruft die Wachen zusam­men, um die Höhle zu ver­las­sen. Das Königs­paar folgt. Doch das Volk will den Ein­gang nicht frei­ge­ben. Sie mur­ren, wol­len sich an mei­nem Todes­kampf ergöt­zen. Erst als der Zere­mo­nien­meis­ter mit lau­ter Stimme eine Ankün­di­gung macht, bricht ver­hal­te­ner Jubel aus. Was immer die Bot­schaft ist: Sie wird wei­ter­ge­ge­ben, das Volk ver­lässt den Berg. Der König blickt sich noch ein­mal nach mir um. Er sagt etwas Abfäl­li­ges und feixt. Dann bin ich allein.

Zwar spüre ich schon ein Pochen in mei­nem lin­ken Unter­schen­kel, das mich daran erin­nert, dass ich damals, ehe alles begon­nen hatte, mit ein­ge­klemm­tem Bein dem Ertrin­kungs­tod aus­ge­lie­fert war. Aber ich werde ihnen nicht den Gefal­len tun, hier zu ster­ben!

Von drau­ßen dringt der Klang von Trom­meln und schril­len Pfei­fen zu mir in die Höhle. Sie fei­ern ein Fest. Gehen sie davon aus, dass ich die Nacht über durch­hal­ten werde? Dass sie sich mor­gen früh daran wei­den kön­nen, wie mich die letz­ten Kräfte ver­las­sen?

Die Zeit kriecht unmerk­lich lang­sam dahin. Einige der Fackeln sind erlo­schen. Wie lange halte ich die­sen Ring schon fest, wie lange stehe ich schon da mit schwit­zen­den Fin­gern und einem flauen Gefühl im Magen? Ein­mal wur­den meine Fin­ger gefühl­los, und ich dachte kurz, dass ich das alles nur geträumt habe. Als ich dann mit der freien Hand über mich tas­tete und die zusam­men­ge­press­ten Fin­ger der ande­ren Hand und den Ring fühlte, durch­fuhr mich ein eisi­ger Schreck.

Von dem Fest ist nichts mehr zu hören. Es muss tief in der Nacht sein. Jemand kommt mit einer Fackel zu mir in die Höhle – eine Frau. Sie trägt ein sack­ar­ti­ges Gewand und eine Maske. Die Fackel legt sie auf den Boden, wo sie fla­ckernd wei­ter­brennt. Die Frau lacht, kurz und hell, und steigt aus ihrem Umhang. Dar­un­ter ist sie nackt. Eine nackte Frau mit einer Maske, die einen Löwen oder einen Dämon mit auf­ge­ris­se­nem Maul zeigt, steht vor mir und beginnt, sich zu strei­cheln.

Ich drehe mich weg. Mit einem Laut der Ent­täu­schung nimmt die Frau die Fackel auf und geht ein paar Schritte um die Fels­scheibe herum, bis sie wie­der in mei­nem Blick­feld steht. Wie­der legt sie die Fackel ab. Sie fasst sich mit einer Hand an ihre Brust und streicht sich mit der ande­ren den Ober­schen­kel hoch zwi­schen ihre Beine, wobei sie woh­lige Kiek­ser aus­stößt. Trotz der Lebens­ge­fahr, in der ich schwebe, trotz der uner­träg­li­chen Situa­tion spüre ich, dass sich etwas in mir regt. Ich hasse die Frau dafür. Und mehr noch hasse ich mich selbst dafür.

Die Frau zeigt mir etwas. Ich erkenne einen dün­nen Stock. Er ist etwa so lang wie mein Unter­arm und weist, soweit sich das im Fackel­licht aus­ma­chen lässt, Ver­di­ckun­gen oder Dor­nen auf. Sie lacht wie­der und legt den Ste­cken quer über ihre Brust­war­zen. Dann tritt sie einen Schritt vor, gefähr­lich nah an den Rand der Platte. Ich starre den Stock an. Er würde meine Ret­tung bedeu­ten! Ich könnte ihn durch den Ring ste­cken und ihn so am Hoch­schnel­len hin­dern.

Aber ich habe den Ste­cken nicht. Die Frau benutzt ihn, um ihre Brust­war­zen zu mas­sie­ren. Sie stöhnt auf, scheint den Schmerz aller­dings gleich­zei­tig zu genie­ßen. Ich kann meine Augen nicht abwen­den, was es noch demü­ti­gen­der für mich macht.

Der Ste­cken fällt herab. Die Frau bückt sich danach und dreht sich, so dass ich sehen kann, wie sie den Stock längs zwi­schen ihre Hin­ter­ba­cken steckt und lang­sam bewegt. Sie schaut mich dabei zwi­schen ihren Bei­nen hin­durch inter­es­siert an, und ich bin mir der Tat­sa­che bewusst, dass ein bestimm­ter Kör­per­teil von mir inzwi­schen Paa­rungs­be­reit­schaft signa­li­siert. Die Frau zeigt mir, was sie von mir erwar­tet: Sie schließt ihre Rechte um einen ima­gi­nä­ren Phal­lus und bewegt sie auf und nie­der.

Ich werde von wider­sprüch­li­chen Gefüh­len über­schwemmt. Um ein Haar glei­tet mir der Ring aus den Fin­gern, und der Schreck ernüch­tert mich wie­der. Die Frau hat ver­sucht, sich den Ste­cken ein­zu­füh­ren, aber das tat wohl zu weh, denn jetzt nimmt sie die Fin­ger, wankt dabei, setzt sich neben die fla­ckernde Fackel, stöhnt vor Lust – hält dann jedoch plötz­lich inne, um mich noch ein­mal inten­siv zu betrach­ten. Dann beugt sie ihren Ober­kör­per zurück, stützt sich mit der freien Hand auf und stößt einen lan­gen, gut­tu­ra­len Schrei aus.

Es ist die Köni­gin! Plötz­lich bin ich mir sicher. Der Blick, mit dem sie mich im Ban­kett­saal gemus­tert hatte – und jetzt wei­det sie sich an mei­ner aus­sichts­lo­sen Lage. Wo ist der Stock? Ich kann ihn nir­gendwo mehr sehen. Wird sie ihn mir zuwer­fen? Oder … nur für die ver­langte Gegen­leis­tung? Doch die Erre­gung hat nach­ge­las­sen, und ich kann sie nicht wie­der wecken, obwohl ich mit mei­ner freien Hand ver­su­che, zu ret­ten, was zu ret­ten ist.

Die Frau rich­tet sich lang­sam wie­der auf. Sie lacht, als sie meine ver­zwei­fel­ten Bemü­hun­gen bemerkt. Offen­sicht­lich ist sie nun nicht mehr an mir inter­es­siert. Sie zieht sich ihren Umhang wie­der über, nimmt ihre Fackel auf und ver­lässt die Höhle.

Ich hebe die Hand, die ich zwi­schen mei­nen Bei­nen habe, um die andere über mir abzu­lö­sen. Ein Scham­haar steckt unter einem mei­ner Fin­ger­nä­gel.

Und plötz­lich weiß ich, was zu tun ist.

Ich beginne, mir Haare aus­zu­rei­ßen, reiße mir am Hin­ter­kopf jeweils ein Dut­zend mei­ner sträh­ni­gen blon­den Haare aus und sammle sie in mei­nem Mund – eine lang­wie­rige und ekel­er­re­gende Arbeit. Bald habe ich so viele Haare zwi­schen den Lip­pen, dass sie her­un­ter­zu­fal­len begin­nen, wenn ich neue dazu­ste­cke. Ich nehme das Büschel in die freie Hand, lecke die Spit­zen nass und drü­cke das Bün­del noch ein­mal mit den Lip­pen zusam­men, bevor ich es lang­sam und vor­sich­tig durch den Ring ste­cke, den ich mit den Fin­gern der ande­ren Hand am äußers­ten Rand halte.

Die meis­ten Haare gehen dane­ben, doch einige drü­cken sich durch den Ring hin­durch und hän­gen nun an bei­den Sei­ten her­un­ter. Ich lasse den Ring vor­sich­tig und mit ange­hal­te­nem Atem nach oben rut­schen, bis die Haare im Ring gegen das kleine Loch in der Stein­platte gedrückt wer­den. Sie wer­den durch den Zug an der Schnur zusam­men­ge­presst, aber viel­leicht …

Ich öffne die Fin­ger, spurte los, rut­sche dabei fast aus, werfe mich nach vorn, und in dem Moment, in dem ich auf dem Boden auf­komme, ertönt ein tro­cke­ner, har­ter Knall, und der Fels bebt. Das fol­gende Don­nern ist lau­ter als alles, was ich je im Leben gehört habe, den Unter­gang von Atlan­tis ein­ge­schlos­sen.

Ich richte mich auf. Meine Knie schmer­zen, ich bin genau auf den Ste­cken der Köni­gin gefal­len, und die Dor­nen haben sich mir in die Haut gegra­ben.

Ich höre Schritte. Schnell drü­cke ich mich an die Fels­wand. Eine Wache tritt in das Gewölbe und betrach­tet die Stein­platte. Im Licht der Fackel sehe ich nun die gewal­ti­gen Seile, die sie in der Luft gehal­ten hat­ten. Die Wache spuckt aus und ver­lässt die Höhle. Ich lasse einige Zeit ver­ge­hen und folge ihr dann vor­sich­tig.

Die Lehm­stadt liegt fried­lich im Ster­nen­licht. Vor der Höhle schla­fen die Fei­ern­den ihren Rausch aus. Es gab ein Fest­mahl – ich geneh­mige mir ein paar Bis­sen von den Res­ten.

Gut, dass ich mir den Weg gemerkt habe. Unbe­merkt schlei­che ich an den Wachen vor­bei in den nied­ri­gen, aus Lehm erbau­ten Palast, gehe einem Schnar­chen nach und ent­de­cke den Zere­mo­nien­meis­ter. Der Alte hat eine hüb­sche junge Frau im Arm und liegt nackt auf Palm­blät­tern. Meine Klei­dung finde ich in einem Schilf­korb. Doch mein Schwert ist nicht hier. Ich ent­de­cke es in den Gemä­chern von König und Köni­gin – auch sie im tie­fen Schlaf. Eine Stimme in mir schreit nach Ver­gel­tung, aber gleich­zei­tig ist mir klar, dass sie in mir, dem Frem­den, den idea­len Sün­den­bock sahen. Ich war ein­fach nur zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort.

Die Befrie­di­gung mei­ner Rache­ge­lüste würde mich nur erneut in Gefahr brin­gen und wei­tere Gewalt her­auf­be­schwö­ren.

Beim Hin­aus­ge­hen ent­de­cke ich die Maske der Köni­gin, mit der sie mich – sicher­lich ohne Wis­sen des Königs – besucht hat. Ich setze meine Klinge nahe der Spitze an und zer­schneide sie mit einer laut­lo­sen glei­ten­den Bewe­gung in zwei Hälf­ten.

Im Licht der Sterne wan­dere ich auf das ferne, schnee­be­deckte Gebirge zu, mar­schiere ohne Pause, bis mich meine Kräfte ver­las­sen, weg von den bei­den ver­fein­de­ten Stadt­staa­ten, weg von der gewal­ti­gen Fel­sen­platte, die jetzt dar­auf war­tet, wie­der hoch­ge­wuch­tet zu wer­den von schweiß­glän­zen­den Män­nern, um neuen Gefan­ge­nen einer fürch­ter­li­chen Ner­ven­fol­ter aus­zu­set­zen und unwei­ger­lich den Tod zu brin­gen, weg vom König, der erstaunt sein wird, dass sich unter der Stein­scheibe keine blu­tige, brei­ige Masse fin­det, und weg natür­lich von der Köni­gin, die einen gewal­ti­gen Schreck bekom­men wird, wenn sie ihre zer­schnit­tene Maske ent­deckt. Den Dor­nen­stock habe ich dazu­ge­legt. Viel­leicht leis­tet er ihr noch ein­mal gute Dienste.

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When Mon­keys Wise­crack

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Kleine Tafeln hän­gen neben den Zim­mer­tü­ren. Krishna lese ich dort, und Thor, Osi­ris, Gwy­dyon, Zeus, Hathor, Hla­pac, Der Große Manitu, Jahwe, Ome­teotl … Lange wan­dere ich an den Zim­mern ent­lang. Unzäh­lige Göt­ter, Namen, die mir gänz­lich unbe­kannt sind, ja, die ich nicht ein­mal aus­spre­chen kann. Schließ­lich, ganz hin­ten im Kor­ri­dor, gegen­über von »Gott 9.0«, lese ich zu mei­nem Erstau­nen: »Gott der Athe­is­ten«. Der Wider­spruch gefällt mir! Ich klopfe an. Keine Ant­wort. Auch das gefällt mir. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.

Auf dem sonst lee­ren Schreib­tisch liegt ein Buch mit gel­bem Umschlag und dem Titel Schöp­fung für Dum­mies. Ich schlage es auf. Es beginnt mit dem Kapi­tel »Wie man einen Urknall so rich­tig kra­chen lässt«. Inter­es­siert beginne ich zu lesen, als wie von einem hef­ti­gen Wind­stoß die Tür hin­ter mir zuschlägt. Von innen, stelle ich fest, gibt es keine Klinke.

 

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ο άγγελος του ύπνου

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Ich betrete den Kor­ri­dor in der fes­ten Über­zeu­gung, hier end­lich zum Aus­gang zu gelan­gen, doch es zwei­gen nur wei­tere Kata­kom­ben ab. Ich habe mich in die­ser unter­ir­di­schen Toten­stadt ver­irrt, und lang­sam beschleicht mich Panik, denn meine Taschen­lampe wird schwä­cher. Nicht, dass ich mich am Ende zu den vie­len Ver­stor­be­nen geselle, die hier in Ephe­sos bestat­tet wur­den!

Ich irre wei­ter umher. Schließ­lich ver­lischt meine Taschen­lampe gänz­lich und lässt sich auch durch Schüt­teln und gezielte Schläge nicht wie­der zum Leuch­ten bewe­gen. Da bemerke ich in eini­ger Ent­fer­nung einen Licht­schein. Er scheint sich von mir weg­zu­be­we­gen. Ich folge ihm und komme einer gro­ßen, schlan­ken Gestalt näher, die aus sich selbst her­aus zu strah­len scheint. Sie beugt sich über einen leb­los dalie­gen­den Kör­per und wen­det ihn auf die andere Seite, um dann ein­fach in den Fels hin­ein­zu­schwe­ben und darin zu ver­schwin­den. Undurch­dring­li­che Dun­kel­heit bleibt zurück.

Ich betaste den Kör­per, über den sich die Gestalt gebeugt hat. Er ist warm. Ich schüttle ihn. Der Mann wacht auf, mur­melt ver­schla­fen etwas, aus dem ich so etwas wie »som­nus longus« her­aus­höre. Mein Schul­la­tein ist mehr als ein­ge­ros­tet, und so ist unsere Ver­stän­di­gung schwie­rig, zumal wir sie im Dun­keln nicht mit Ges­ten unter­stüt­zen kön­nen.

Er fragt, wie lange er geschla­fen hat. Wo seine sie­ben Freunde – ubi sep­tem amici? – sind. Ich glaube an einen Scherz oder die Ver­steckte Kamera, die aller­dings in der Dun­kel­heit nichts auf­zeich­nen würde. Das aus­ge­dehnte Höh­len­sys­tem, in dem ich mich ver­lau­fen habe, ver­dankt sei­nen Namen einer Legende, nach der hier sie­ben Jüng­linge die reli­giöse Ver­fol­gung über­stan­den, indem Gott sie meh­rere hun­dert Jahre sicher schla­fen ließ.

Der Mann will nicht län­ger auf meine gestot­ter­ten Ant­wor­ten war­ten. Er scheint sich gut aus­zu­ken­nen, denn ich höre ihn ziel­si­cher fort­ge­hen. Ich folge ihm mit aus­ge­streck­ten Armen durch die Dun­kel­heit, stoße immer wie­der an die Fels­wände. Doch die Schürf­wun­den zah­len sich aus. Hin­ter einer Win­dung des Gan­ges wird es hell, und ich klet­tere hin­ter dem Schlä­fer durch einen halb ein­ge­stürz­ten Höh­len­aus­gang geblen­det ins Tages­licht. Uns umgibt eine fel­sige Ödnis, und ich habe keine Ahnung, wo ich mich befinde. Aber das Tou­ris­ten­büd­chen sollte nicht allzu weit sein.

Sofort zücke ich mein Handy, um meine Mut­ter anzu­ru­fen, mit der ich hier das »Haus der Maria« besu­che und die sich bestimmt schon fürch­ter­li­che Sor­gen um mich macht. Der Mann, der eine zer­schlis­sene Toga trägt und sich offen­bar lange nicht rasiert hat, starrt auf mein Handy, mur­melt erschreckt etwas von »opus dia­bo­li­cum«, macht ein Kreuz­zei­chen vor der Brust und rennt davon.

Ich schlage mir vor die Stirn. Mit dem Han­dy­dis­play hätte ich mir ein wenig Licht machen kön­nen! Dass ich mir einen Knö­chel ver­knackst, mir Hände und Schul­tern auf­ge­schürft und böse den Kopf ange­schla­gen habe – nichts als meine eigene Blöd­heit.

 

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The Key (to Hap­pi­ness?)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Der Fas­zi­na­tion des ver­schlos­se­nen, ver­bo­te­nen Zim­mers kann ich mich ein­fach nicht ent­zie­hen. Mein Gemahl ist ver­reist und hat mir den Bund mit Schlüs­seln hin­ter­las­sen, den Schlüs­seln, die mir Zutritt zu allen Sälen, Zim­mern, Keme­na­ten und Kam­mern im Schloss gewäh­ren. Nur die­ses eine Zim­mer soll ich mei­den, sonst ziehe ich mir, hat er mir ange­droht, sei­nen Zorn zu. Aber die Neu­gier ist über­mäch­tig.

Die Tür ist klein, ihr Holz dun­kel. Warum sollte ich nicht hin­ein­dür­fen? Ich bin doch die Frau Baro­nin, die Schloss­her­rin. Dies alles hier gehört jetzt auch mir! Eine Stimme mel­det sich in mei­nem Kopf, als ich aus­pro­biere, ob der Schlüs­sel über­haupt passt: Was ist mit den Frauen vor mir pas­siert, auch sie Schloss­her­rin­nen, auch sie mög­li­cher­weise allein im Schloss, als der Baron auf Rei­sen war? Sie sind ver­schwun­den. Wohin?

Der Schlüs­sel passt. Die Tür knarrt leise. Ich bli­cke mich um. Steht mein Gemahl, der Baron, in einer der Nischen und beob­ach­tet mich? Nein. Der Kor­ri­dor ist leer. Ich bin allein.

Jetzt ist die Tür auf­ge­sperrt. Ich lege meine Hand auf die Klinke. »… sonst wird mein Zorn über dich kom­men!«, hat er gedroht, er, mein Gemahl, der doch sonst so über­aus sanft und zuvor­kom­mend ist. Er wird mir doch wohl kein Leid zufü­gen, nur weil ich auch die­sen Raum in mei­nem neuen Heim inspi­ziert habe. Viel­leicht erwar­tet er sogar genau das von mir? Die Klinke ist kühl. Ich drü­cke sie her­un­ter.

Er hatte mich gefragt, ob ich neu­gie­rig bin. Das war, als er mich mit Geschen­ken über­häufte, um mich davon zu über­zeu­gen, dass er der Rich­tige ist – wenn auch schon ein wenig alt und unan­sehn­lich. Und trotz der Dinge, die man sich über ihn und seine Ehe­frauen erzählt, eroberte er schließ­lich mein Herz, und ich sagte Ja. Das hatte ich damals auch auf seine Frage nach der Neu­gier geant­wor­tet. Er hatte genickt und »Gut, gut« gemur­melt.

Die Tür steht schon einen Spalt weit offen. Gleich werde ich wis­sen, was sich hin­ter ihr ver­birgt. Obwohl ich eigent­lich ver­spro­chen habe, sie nicht zu öff­nen. Aber er wird es ja nicht erfah­ren! Den­noch: Will ich von nun an mit dem Wis­sen leben, ihn betro­gen und belo­gen zu haben, unsere noch so junge Ehe damit belas­ten, ihn zu hin­ter­ge­hen? Ich ziehe die Tür wie­der zu, lasse das Schloss ein­ras­ten, drehe den Schlüs­sel herum und ziehe ihn her­aus.

Es soll keine Lügen und Heim­lich­kei­ten zwi­schen uns geben. Ich werde ihn ein­fach nach dem Zim­mer fra­gen, wenn er wie­der heim­kommt. Er wird mir sagen, was hin­ter der Tür ist und warum ich sie nicht öff­nen sollte, und dies wird eines der Mär­chen wer­den, die glück­lich aus­ge­hen: »Und wenn sie nicht gestor­ben sind …«

 

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Bal­ni­barbi World Impro­ve­ment

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich in den Süd­trakt führt. Bereits jetzt hat die »Aka­de­mie der Pro­jek­teure« in Lag­ado alle meine Erwar­tun­gen über­trof­fen:

Da war der Wis­sen­schaft­ler, der Son­nen­schein aus Gur­ken extra­hie­ren will (und der meinte, ohne Zwei­fel werde er bin­nen acht Jah­ren imstande sein, damit auf wett­be­werbs­fä­hige Her­stel­lungs­kos­ten zu kom­men).

Da war der For­scher, der Eis zu Schieß­pul­ver kal­zi­nie­ren wollte (also durch Erhit­zen ent­wäs­sern und umwan­deln – er zeigte mir dar­über hin­aus eine Abhand­lung über die Schmied­bar­keit des Feu­ers, die er bald ver­öf­fent­li­chen will).

Da war das Genie, das die Archi­tek­tur revo­lu­tio­nie­ren will, indem man beim Bau mit dem Dach anfängt (und der mich mit Ver­wei­sen auf die erstaun­li­chen archi­tek­to­ni­schen Leis­tun­gen der Bie­nen und Spin­nen zu über­zeu­gen suchte).

Da war wie­derum ein Gelehr­ter, der Spin­nen züch­tete und aus ihren Spinn­we­ben die halt­ba­rere und bes­sere Seide gewin­nen will (und mir mir eine Menge schön gefärb­ter Flie­gen zeigte, mit denen er seine Spin­nen füt­tert, damit der Web­fa­den gleich die gewünschte Farbe annimmt).

Und ich traf einen wahr­haf­ten Künst­ler, des­sen zwei Labo­ra­to­rien mit wun­der­ba­ren Sel­ten­hei­ten gefüllt sind – und fünf­zig Hel­fern. Einige ver­di­cken die Luft zu einer tro­cke­nen, fes­ten Sub­stanz, indem sie den Stick­stoff aus­schei­den und die flüs­si­gen Bestand­teile ver­duns­ten las­sen; andere erwei­chen Mar­mor zu Kis­sen (er habe, ver­si­cherte er mir, seit bereits drei­ßig Jah­ren aus­schließ­lich die Ver­bes­se­rung des mensch­li­chen Lebens vor Augen).

 

Ich besuchte noch Hun­derte ande­rer Zim­mer, werde aber den Leser mit allen von mir beob­ach­te­ten Merk­wür­dig­kei­ten nicht lang­wei­len, son­dern mich der Kürze beflei­ßi­gen.

Durch den Kor­ri­dor errei­che ich die andere Seite der Aka­de­mie, wo sich die hier ansäs­si­gen Pro­jek­to­ren, anders als es im Nord­trakt bei den anwen­dungs­na­hen Vor­ha­ben der Fall ist, in spe­ku­la­ti­ven Wis­sen­schaf­ten erge­hen sol­len.

Der erste Pro­fes­sor, den ich sehe, befin­det sich in einem gro­ßen Zim­mer und ist von vier­zig Schü­lern umge­ben. Nach der Begrü­ßung bemerkt er, dass ich inter­es­siert einen Rah­men betrachte, der den größ­ten Teil des Zim­mers in Länge und Breite aus­füllt. Er meint zu mir, ein jeder wisse doch, wie viel Mühe für gewöhn­lich das Erler­nen der Künste und Wis­sen­schaf­ten bei den Men­schen erfor­dere – er sei über­zeugt, durch seine Erfin­dung werde noch die unge­bil­detste Per­son bei mäßi­gen Kos­ten und bei gerin­ger kör­per­li­cher Anstren­gung Bücher über Phi­lo­so­phie, Poe­sie, Mathe­ma­tik und Quan­ten­phy­sik schrei­ben kön­nen.

Er führt mich zu dem gro­ßen Holz­ge­viert, an dem alle seine Schü­ler in Rei­hen auf­ge­stellt sind. Die Ober­flä­che besteht aus ein­zel­nen wür­fel­för­mi­gen Holz­stü­cken, sämt­lich durch Drähte mit­ein­an­der ver­bun­den und an jeder Flä­che mit Papier über­klebt, auf dem alle Worte der Lan­des­spra­che in Kon­ju­ga­tio­nen und Dekli­na­tio­nen, jedoch ohne alle Ord­nung auf­ge­schrie­ben sind.

Der Pro­fes­sor bit­tet mich acht­zu­ge­ben, da er seine Maschine in Bewe­gung set­zen will: Jeder Zög­ling nimmt auf sei­nen Befehl einen der vier­zig eiser­nen Griffe zur Hand, die am Rande des Holz­ge­vierts befes­tigt sind. Durch Dre­hen der Griffe wird die ganze Anord­nung ver­än­dert. Dann befiehlt er sech­zehn Kna­ben, die ver­schie­de­nen Wür­fel­rei­hen wie Zei­len eines Buches zu lesen, und wenn sie drei oder vier Wör­ter gefun­den haben, die einen sinn­vol­len Satz bil­den, wer­den sie sogleich nie­der­ge­schrie­ben.

Sechs Stun­den müs­sen die Schü­ler täg­lich bei die­ser Arbeit zubrin­gen, erklärt mir der Pro­fes­sor und ver­si­chert mir, er habe sei­nen Rah­men so ein­ge­rich­tet, dass er den gan­zen Sprach­reich­tum umfasse. Zu die­sem Behufe habe er sogar das all­ge­meine Ver­hält­nis berech­net, nach dem in Büchern Par­ti­kel, Haupt- und Zeit­wör­ter und andere Rede­teile vor­kom­men. Stolz zeigt er mir meh­rere Foli­an­ten mit den Nie­der­schrif­ten. Aus die­sem rei­chen Mate­rial werde er einen voll­stän­di­gen Inbe­griff aller Wis­sen­schaf­ten und Künste bil­den; ein Ver­fah­ren, das er jedoch ver­bes­sern und schnel­ler been­di­gen könne, wenn man das nötige Kapi­tal auf­brächte, um in Lag­ado auf einen Streich ganze fünf­hun­dert sol­cher Rah­men auf­zu­stel­len.

 

aus den Auf­zeich­nun­gen des Lemuel Gul­li­ver

 

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Bal­ni­bari Lan­guage Impro­ve­ment

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Ich betrete den Kor­ri­dor gleich hin­ter dem Direk­tor. Er will mich in die Sprach­schule sei­ner »Aka­de­mie der Pro­jek­to­ren« auf der Insel Bal­ni­barbi füh­ren, in der drei mit­ein­an­der kon­kur­rie­rende Pro­fes­so­ren an der zweck­mä­ßigs­ten Methode for­schen, die Lan­des­spra­che zu ver­bes­sern.

Das Pro­jekt des Ers­ten besteht darin, die Rede dadurch abzu­kür­zen, dass man viel­sil­bige Worte in ein­sil­bige ver­wan­delt und dazu noch alle Ver­ben und Par­ti­zi­pien aus­lasse, denn in Wirk­lich­keit seien alle vor­stell­ba­ren Dinge doch allein Haupt­wör­ter. Offen­bar scheint er mir mei­nen nicht uner­heb­li­chen Zwei­fel an sei­nen Theo­rien anzu­mer­ken, denn er folgt mir auf dem Weg zum zwei­ten Raum der Sprach­schule in den Kor­ri­dor, was er mir mit der blu­mi­gen Beschrei­bung »Ich Korr! Wir Korr Sie?« und der ein­drück­li­chen Beschwö­rung »Dirr Ansst Plan Welt Glück, Mensch Verstnd Tolnz Är Frschritt!« ein­sil­big vor Augen füh­ren möchte. Ich nicke und lächle, was ihn zufrie­den­zu­stel­len scheint.

Das Pro­jekt des zwei­ten Pro­fes­sors bezweckt in sei­ner Radi­ka­li­tät die kom­plette Abschaf­fung aller Wör­ter, was die Gesund­heit ver­bes­sern und unser Leben ver­län­gern soll. Denn es sollte klar sein, dass jedes von uns gespro­chene Wort unsere Lun­gen bean­sprucht und abnutzt und folg­lich die Ver­kür­zung unse­res Lebens bedeu­tet. Es sei, um dem abzu­hel­fen, so der Pro­fes­sor, drin­gend anzu­ra­ten, dass wir alles, was wir über uns und unsere Ange­le­gen­hei­ten zu sagen haben, in Form genau der Gegen­stände mit uns her­um­trü­gen, über die wir sonst unsere Worte ver­lö­ren.

Der Pöbel und das weib­li­che Geschlecht hät­ten jedoch, so der Pro­fes­sor wei­ter, mit einer Rebel­lion gedroht, um die Frei­heit ihrer Zun­gen zu ver­tei­di­gen, nicht ein­ge­denk der Tat­sa­che, dass es doch gerade diese sei, die ihr vor­zei­ti­ges Able­ben beför­dere. Doch der Pöbel sei ja ohne­hin der unver­söhn­li­che Feind jeder Wis­sen­schaft.

Die Klügs­ten und Wei­ses­ten jedoch beflei­ßi­gen sich bereits der neuen Methode, sich durch die Dinge selbst statt nur der Begriffe dafür aus­zu­drü­cken; die ein­zige Unbe­quem­lich­keit, die sich dar­aus ergibt, besteht nur darin, dass jemand mit Ange­le­gen­hei­ten umfang­rei­cher Natur ein ganz statt­li­ches Bün­del auf sei­nem Rücken her­um­tra­gen muss.

Kürz­lich wurde ich bereits Zeuge einer sol­chen wort­lo­sen und lun­gen­scho­nen­den Unter­re­dung – aller­dings noch ohne zu ahnen, wes­sen ich da eigent­lich ange­sich­tig wurde. Zwei Bal­ni­bar­bier begeg­ne­ten sich auf der Straße, leg­ten ihre Last nie­der, öff­ne­ten ihre Säcke und beschäf­tig­ten sich stun­den­lang mit Gegen­stän­den, die sie sich gegen­sei­tig schwei­gend vor­leg­ten; als­dann füll­ten sie ihre Behäl­ter aufs Neue, hal­fen ein­an­der dabei, sich ihre Last wie­der auf den Rücken zu laden, und emp­fah­len sich mit einer ange­le­gent­li­chen Geste. Mei­nen Ein­druck, die kör­per­li­che Anstren­gung einer sol­chen Kon­ver­sa­tion über­steige den des übli­chen Zun­gen­schlags um ein Mehr­fa­ches, behalte ich gegen­über dem von auf­rich­ti­gem Pflicht­ge­fühl erfüll­ten Pro­fes­sor wohl­weis­lich für mich.

Ein wei­te­rer Pro­jek­tor der Anstalt beschäf­tigt sich mit der Aus­ar­bei­tung der Meta­spra­che und will mir dies auch gleich lang und breit erklä­ren: »Opti­mel 1 im n‑Kobereich zum n‑t-Syn­klus­de­bel«. So jeden­falls lau­tet, erfahre ich von dem stol­zen Wis­sen­schaft­ler, seine min­des­tens ein­stün­dige Aus­füh­rung in der gebräuch­li­chen Spra­che, über­führt man sie in die Meta­spra­che 1. Er arbeite jedoch schon an der Meta­spra­che 2, wel­che wie­derum mehr­stün­dige Aus­füh­run­gen in Meta­spra­che 1 zu kur­zen Bon­mots zusam­men­fasse. Ich frage ihn, wie man denn meta­sprach­lich »Vie­len Dank, fro­hes Schaf­fen noch und auf Wie­der­se­hen« sagt, wor­auf­hin er sich begeis­tert in seine Auf­zeich­nun­gen ver­gräbt, bis ich und der Direk­tor nach einer Weile höf­li­chen War­tens das Stu­dier­zim­mer ver­las­sen.

Als Glanz­punkt sei­ner Füh­rung hat sich der Direk­tor eine neue Lehr­me­thode der mathe­ma­ti­schen Schule auf­ge­ho­ben, die mir von ihrem Erfin­der anschau­lich erklärt wird: Satz und Beweis wer­den mit einer orga­ni­schen Tink­tur, die den Gehir­nen der auf Bal­ni­barbi als schlau gel­ten­den Rat­ten ent­nom­men ist, auf einer dün­nen Oblate auf­ge­zeich­net. Diese muss der Schü­ler schnell hin­un­ter­schlu­cken, um anschlie­ßend drei Tage lang nichts als Brot und Was­ser zu sich zu neh­men. Ist die Oblate schließ­lich ver­daut, so steigt die Tink­tur ins Hirn und prägt dort den ent­spre­chen­den mathe­ma­ti­schen Satz ein.

Bis­her aller­dings hat sich der Erfolg noch nicht erwie­sen, ein Umstand, der teil­weise aus einem Feh­ler in der Quan­ti­tät oder Kom­po­si­tion der Arz­nei her­rüh­ren mag, teil­weise aber auch aus der Stör­rig­keit der Kna­ben, denen diese Medi­zin so ekel­haft ist, dass sie sich gewöhn­lich fort­steh­len und sich des Lern­stof­fes durch Her­aus­wür­gen ent­le­di­gen, bevor er seine Wir­kung ent­fal­ten kann.

 

aus den Auf­zeich­nun­gen des Sta­nisław Lemuel Gul­li­ver