Ich betrete den Korridor, der zu den riesigen Wetterkristallen führt. Die Erde bebt. Menschen laufen und rufen voller Panik und Todesangst durcheinander – nicht nur in meinen Ohren, auch in meinem Geist höre ich ihre Schreie gellen.
Mich beherrscht ein einziger Gedanke: Ich muss die großen Kristalle deaktivieren! Mit ihnen wollten die Geistmeister das Wetter beeinflussen, aber jetzt sind sie außer Kontrolle geraten. Ein dunkler, schrecklicher Donner ertönt, den ich im ganzen Körper spüren kann. Wie von einer Götterfaust werde ich zu Boden geschmettert. Es war ein irrwitziger Plan, die Kristalle dafür benutzen zu wollen, die Zeit anzuhalten! Das ganze Land versinkt im Meer: Die Halle der Kristalle kippt langsam zur Seite weg, und der Korridor wird zu einem bodenlosen Schacht. Seine Wände ragen vor mir auf. Ich ziehe mich an den Steinplatten hoch und ducke mich vor herabfallenden Trümmern weg. Wasser dringt ein, von allen Seiten. Blitze durchzucken die Halle. Die mächtigen Kristalle bäumen sich auf gegen die Fluten und bringen in ihrem Todeskampf das Meer zum Brodeln.
In meinem Geist hallen die Entsetzensschreie Millionen Sterbender wider. Meine Mutter, meine Schwester Nete – ihre Präsenz flackert in meinem Geist noch einmal hell auf, bevor sie verlischt. Der Verlust lässt alles in mir dumpf und taub werden.
Immer mehr Wasser strömt in die Halle. Das steinerne Gewölbe ist bereits tief ins Meer versunken, und die Luftblase, die sich darin gebildet hat, wird mehr und mehr von den eindringenden Fluten verschlungen. Soll ich aufgeben? Nein! Etwas Unbekanntes in mir verleiht mir Kraft. Ich will weiterleben, höherklettern, den Wassermassen entkommen, doch eine umstürzende Säule zerschmettert mir das linke Bein. Ein stechender Schmerz raubt mir den Atem. Ich bin eingeklemmt und werde ertrinken. Jetzt gibt es nur noch eins, das mir bleibt …
… Ich betrete den Korridor, wie ich es schon als kleines Kind von den Geistmeistern gelernt habe, und steige in meinen »Tempel der flüchtigen Bilder« hinab. Zuerst zögere ich, denn sind es nicht die Geistmeister gewesen, die zu tief in ihre inneren Tempel hinabgestiegen sind und mit ihren größenwahnsinnigen Ideen unser aller Untergang heraufbeschworen haben? Doch das drohende Ertrinken und die unerträglichen Schmerzen in meinem zerschmetterten Bein treiben mich an diesen Ort, an dem alles still und unbewegt ist.
Mein »Tempel« allerdings ist – eine Insel.
Niemand durfte davon wissen, denn das Bild einer Insel vor dem inneren Auge wachzurufen statt das eines Tempelbaus widerspricht dem geistigen Gesetz, wie es uns gelehrt wird – doch so sehr ich mich auch gegen diese Insel zu wehren versuchte: Sie wollte einfach nicht wieder verschwinden. Nicht einmal meinen engsten Freunden erzählte ich davon, und so erschrecke ich zutiefst, als ich dort auf meiner kleinen Insel eine Gruppe Fremder stehen sehe. Ein alter Mann, dessen linke Gesichtshälfte völlig vernarbt ist, tritt auf mich zu. Hinter ihm stehen elf Männer und Frauen.
»Ich bin Ktephaim«, sagt der alte Mann. Was haben diese Leute in meinem Geist zu suchen? Oder sollen sie mich abholen und ins Reich der Toten führen?
»Wir sind … Wanderer. Und wir möchten dir anbieten, einer von uns zu werden.« Ich will zuerst einmal wissen, was es mit all dem hier auf sich hat, aber er bedeutet mir zu schweigen. »Du kannst dich retten.« Damit überreicht er mir einen geschliffenen Kristall in der Form eines menschlichen Schädels.
Ich weiß, was ich zu tun habe. Die anderen elf, die hinter Ktephaim stehen, sehen mich stumm an. Eine der Frauen lächelt aufmunternd. Ich blicke dem Kristallschädel in die Augen.
»Konzentriere dich«, sagt der Alte. »Du hast lange dafür geübt. Jetzt ist der Augenblick gekommen.«
Mit einem Mal bin ich wieder in meinem Körper. Eiskaltes Wasser umströmt mich, und im zerschmetterten Bein spüre ich ein brennendes Pochen. Ich nehme einen letzten Atemzug, bevor das Meer mich verschlingt. Und konzentriere mich.
Meine Heimat sinkt ins Magma zurück. Wenn die Sonne zum ersten Mal wieder durch die schwarzen Wolkenmassen brechen wird, wird nichts mehr von ihr übrig sein. Aus dem Schlamm wird sich eine neue Menschheit erheben, eine neue Geschichtsschreibung entfalten, werden neue alte Kriege entbrennen und alte neue Erfindungen und Erfahrungen die Menschen bewegen.
Aber dies sind Dinge, die ich erst später erfahren werde. Denn ich überlebe. Mit einem letzten Atemzug versetze ich mich mit Hilfe des kristallenen Schädels und einem ungekannten Überlebenswillen in mir an einen anderen Ort in eine andere Zeit.
Ein Moospolster, mächtige Wurzeln, eine Lichtung.
Langsam komme ich zu mir. Enra’daí, die Frau aus der Gruppe der Wanderer, die mir zugelächelt hatte, sitzt neben mir und untersucht mein Bein. »Wo bin ich?«, frage ich sie, aber Enra’daí verbessert mich: »Frag lieber, wann du bist. Du bist jetzt einer von uns.«
Sie erklärt mir, wir seien zwölf und besäßen die Fähigkeit, auf die Rückseite der Zeit zu springen und von dort aus dorthin zu wandern, wo wir gebraucht werden. Manchen der Wanderer gelinge das fünf‑, sechs- oder gar zehnmal. Dann versiege die Kraft dazu. Ein neuer Wanderer müsse gefunden werden, um die Lücke zu füllen. »Und du bist wahrscheinlich der jüngste, den es je gegeben hat«, fügt sie an.
In den nächsten Tagen heilt sie mit Kräuterwickeln mein Bein und brät über einem Feuer ihr Jagdwild für uns. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Ihre Bewegungen, ihre Berührungen, ihre leise Stimme: All das berauscht mich, beglückt mich im Innersten, rührt mein Herz an und weckt ganz unbekannte, Süße und Schmerz versprechende Gefühle in mir, die ich schamhaft vor ihr verberge, da sie mich zwar liebevoll pflegt, aber doch wohl mit der Fürsorge einer Mutter für ihren Sohn. Wie gern würde ich ihr beweisen, dass ich bereits ein Mann bin. Ich könnte Bäume fällen und eine Hütte für uns errichten, ich würde die Jagd erlernen und wilde Tiere für sie erlegen – doch mein Bein erlaubt dies alles noch nicht, ich muss es schonen.
Auf die Rückseite der Zeit zu springen, hat mir das Leben gerettet. Ich bezweifle, dass unsere Geistmeister von dieser Fähigkeit wussten. Enra’daí zögert, als ich sie frage, was mit dem Wanderer geschieht, der die Kraft dazu verliert. Ihre Stimme klingt brüchig: »Er bleibt dort, von wo der neue Wanderer geholt wird.« Ich will sie fragen, ob Ktephaim an meiner statt in die Halle der Kristalle versetzt wurde, aber Enra’daí verzieht schmerzlich das Gesicht und wendet den Blick ab. Das lässt mich stocken, und ich spreche meine Frage nicht aus.
»Ich muss weiter«, sagt sie schließlich und wirkt ein wenig traurig. »Wir Wanderer sind Einzelgänger.«
Ich will dagegen protestieren, flehe sie an, zu bleiben, behaupte, mein Bein schmerze wieder. Doch Enra’daí lässt sich nicht erweichen. Zum Abschied berührt sie mich nur kurz am Arm und wendet dann schnell ihren Blick ab. Ich will ihr nachrufen, dass ich sie liebe, aber schon ist sie zwischen den mächtigen Stämmen der Bäume verschwunden. Tränen steigen mir in die Augen, und ich beginne bitterlich zu weinen.
Es ist ein Abschied …
All die Toten – ein ganzes Volk! Meine Freunde! Meine Mutter! Meine kleine Schwester! Erst als es tagt, versiegen meine Tränen, und ich falle in unruhigen Schlaf.
»Ich betrete den Korridor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – meinem Haus –, das sich in einer kleinen Stadt befindet …«
»Opa«, unterbricht mich eine der beiden, Julietta dürfte es sein, jedenfalls hat sie die Wirbel links über der Stirn, »warum fängst du deine Geschichten immer an mit ›Ich betrete den Korridor‹ und nicht mit ›Es war einmal‹?«
»Weil ihr zwei ganz besondere Mädchen seid und ich euch beiden ganz besondere Geschichten erzähle, die sonst keiner erzählt, keine anderen Omas und Opas, und auch nicht die Tanten im Kindergarten.«
»Das sind keine Tanten, Opa. Das sind unsere Kindergärtnerinnen.« Sagt die andere, Juniper.
»Märchentanten, meine ich. Jedenfalls fangen meine Geschichten immer im Korridor vor eurem Schlafzimmer an. Weil sie, anders als die anderen Märchen, die euch erzählt werden, samt und sonders wahr sind. Darf ich jetzt weitererzählen?« Beide nicken mit großen Augen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Na, mal sehen.
»Ich betrete also den Korridor, von dem es heißt, er befinde sich in einem Haus – meinem Haus –, das sich in einer kleinen Stadt befindet, die in einem Landstrich liegt, welcher zu einem Kontinent gehört, der wiederum in geologischen Zeiträumen über die Oberfläche eines Planeten treibt. Heißt es zumindest. Aber da fällt mir der Garten meiner Kindheit ein, der Garten eurer Urgroßeltern, die ihr nie kennengelernt habt.
Als ich noch klein war, stand in unserem Garten ein riesiger Baum. Er war so gewaltig groß, dass ich dachte, oben auf seinen Ästen würden sich ganze Länder befinden, und die Bewohner ahnen vermutlich gar nichts davon, dass sie auf einem Baum wohnen.«
»So einen großen Baum gibt es nicht.«
»Oh doch. Ich muss es wissen. Eines Tages bin ich nämlich hinaufgeklettert. Und wisst ihr, was ich da oben fand?«
»Ein Vogelnest?«
»Nein. Einen kolossalen, alten, knorrigen Ast, auf dem sich Wiesen und Wälder, Wüsten, Berge, Seen und ganze Meere befinden. Es dauerte viele Jahre, auch nur einen kleinen Teil dieser Landschaften zu erkunden. Dabei lernte ich übrigens eure Großmutter kennen, Gott hab sie selig.«
»Oma?« Ungläubige Blicke. »Auf dem Baum bei euch zuhause im Garten?«
Ich nicke. »Ihr habe ich in einem Dorf eines Landes auf dem Ast ein Haus gebaut. Dieses Haus hier. In dem dann eure Mutter geboren wurde.«
»Aber das ist doch Quatsch, Opa. Wir leben doch nicht auf einem Baum!«
»Vielleicht ja doch. Ich muss es wissen. Schließlich bin ich ihn hinaufgeklettert.«
»Aber Opa, wir leben auf einem Planeten, nicht auf einem Ast. Guck doch einfach mal bei Google Earth. Wenn man da ganz rauszoomt, sieht man die Erde.«
»Wer sagt denn, dass das stimmen muss? Im Mittelalter hat Google Earth die Erde als Scheibe gezeigt, von deren Rand man, wenn man nicht aufpasste, runterfallen konnte.«
»Opa!«
»In Wirklichkeit aber sind unsere Länder und Kontinente nichts anderes als die Borke eines kolossalen, alten, knorrigen Baumes. Wenn die Nächte ganz still sind, könnt ihr das Holz leise im Wind knarren hören.«
»Ach, Opa, das sind doch Märchen.« – »Und deine Märchen sind gar keine richtigen Märchen, sonst gäb es da Heldinnen und Prinzen …« – »… und Pferde und Eichhörnchen und Zwerge.« – »Keine Korridore.« – »Genau. Auf keinen Fall Korridore.«
»Auch nicht die im Märchenschloss? Wisst ihr was, ihr zwei Heldinnen? Das mit den Korridoren ist jetzt eh vorbei. Gleich morgen früh breche ich auf und steige wieder hinunter.«
»Hinunter?« Vier Kinderaugen sehen mich groß und fragend an.
»Ja. Wieder von dem Baum herunter, der im Garten meiner Kindheit steht. Wisst ihr, mein Vater hatte nämlich eine Schaukel an einen der unteren Äste gehängt, und das war, wenn ich mich recht erinnere, der schönste Platz der ganzen Welt.«
»Du gehst weg?!«
»Na ja, wir reden dann noch mal beim Frühstück darüber. Ob ihr mir das mit dem Baum glaubt oder doch lieber Google Earth vertraut.«
»Wir glauben dir das mit dem Baum, Opa!« – »Google Earth will uns was vormachen!« – »Mit Photoshop kann man ganz leicht aus einem Ast einen Planeten machen.« – »Geh nicht weg, Opa!«
»Nein, meine Engel, keine Sorge. Ich glaube auch gar nicht, dass die Schaukel noch hängt. Und jetzt macht schön die Augen zu und lasst euch vom Wind, der Nacht für Nacht durchs Geäst der Welt weht, in den Schlaf wiegen.«
Ich betrete den Korridor, der sich nach einem Erdbeben in der Höhle von Psychro geöffnet hat. Ich bin mit einem starken Scheinwerfer bewaffnet und fühle mich wie Carter, als er 1922 in Tutanchamuns Grab stieg, oder wie Woolley, als er die Grabkammer der Nin Puabi entdeckte. Die Chance, eine Stätte zu betreten, die jahrhunderte- oder jahrtausendelang kein menschliches Auge mehr erblickt hat, bietet sich einem Archäologen nur selten.
Diese Höhle auf Kreta ist legendär – und gilt als gründlich erforscht. Doch das Erdbeben hat einen neuen Zugang freigelegt. Wohin mag er führen? Zum Geburtsort von Zeus, wie die Legende sagt, oder zu einer weiteren Kultstätte der Minoer, wie Kollegen sie hier bereits freigelegt haben?
Ein alter Mann kommt mir aus der tiefen Höhle entgegen und blinzelt ins Licht meines Scheinwerfers. Ich bin so verblüfft, dass ich ihn untätig vorbeigehen lasse, während ich ihn mit offenem Mund anstarre.
Als ich mich gefasst habe, folge ich ihm aus der Höhle heraus. Er schlingt in unserem Zelt ein gewaltiges Frühstück herunter und erklärt uns ungläubigen Forschern mit vollem Mund in Altgriechisch, er habe wohl recht lange geschlafen. Sein Name sei – Epimenides.
Inzwischen wird der Mann im Krankenhaus von Heraklion untersucht. Ein Teil meiner Kollegen hält ihn für einen Betrüger, ein anderer für einen Irren. Ich bin mir da nicht so sicher. Klar, Epimenides, der legendäre Erfinder des Pflugs, soll irgendwann zwischen dem siebten und fünften Jahrhundert vor Christus hier gelebt haben und wird in der Bibel zitiert – mit dem Epigramm, dass alle Kreter Lügner sind. Und man kann nicht einfach ein paar Jahrtausende schlafen, um dann nach Herzenslust zu frühstücken, oder? Andererseits gibt es da diese seltsame Geschichte aus der Siebenschläferhöhle über den angeblichen achten Schläfer, der erst kürzlich ans Tageslicht trat.
Ich bin jedenfalls in der Nacht noch zurück in die Höhle gegangen, um allein weiter in die unbekannten Bereiche vorzudringen. Der Korridor windet sich durch den Berg und endet in einem steinernen Alkoven. Ich werde plötzlich sehr, sehr müde und beschließe, mich auf dem uralten Widderfell, das dort liegt, ein wenig auszuruhen …
Ich betrete den Korridor. Die Lanzenspitzen der Wachen stechen schmerzhaft in meinen Rücken. Der Zeremonienmeister geht voraus, dahinter das Königspaar, und uns folgt das Volk, neugierig und rachedurstig: Sie haben viele Tote zu beklagen. Ich bin in einen Krieg zwischen zwei Stadtstaaten geraten und gefangen genommen worden. Vermutlich halten sie mich – wegen meiner hellen Haut und der blonden Haare – für einen Zauberer oder ein Halbwesen im Dienste der Feinde. Jedenfalls haben sie mich nicht sofort getötet, sondern wollen mir eine besondere Behandlung zukommen lassen.
Ich habe mir den Weg gemerkt, vom Bankettsaal, in den man mich nur mit einem Lendenschurz bekleidet vor das Herrscherpaar geführt hatte, durch die labyrinthisch angelegten Korridore des Lehmpalasts ins Freie, durch die Straßen der Stadt zu dem felsigen Berg, der aus der Steppe aufragt – und hinein. Ein gewundener Höhlengang öffnet sich in einen von Fackeln erhellten Raum. Hier im Inneren haben sie eine gewaltige runde Felsplatte aufgebockt.
Die Prozession stockt, Wächter werden nach vorne geholt. Von allen Seiten halten mich vorgestreckte Lanzen in Schach. Ich versuche, die Nachwirkungen meines letzten Sprungs auf die Rückseite der Zeit abzuschütteln, und betrachte die Konstruktion eingehend: Die runde behauene Steinscheibe, etwa eine Armlänge dick und gut sechs Schritte im Durchmesser, liegt in der Mitte der Höhle waagerecht auf starken, übermannshohen Holzstämmen. Sie muss ein ungeheures Gewicht haben.
Plötzlich steht der alte Zeremonienmeister hinter mir und bohrt mir einen Finger in den Anus. Ich zucke zusammen, womit ich mir Schnitte in Brust und Rücken einhandle. Der Zeremonienmeister zieht den Finger wieder heraus und ruft etwas. Das Volk, das sich, von den Wachen zurückgehalten, vor dem Zugang zum Höhlenraum zusammendrängt, antwortet mit zustimmenden Lauten. Was geschieht hier? Was wollen sie mit mir machen? Die Steinplatte! Darum dreht es sich hier. Aber was hat es mit ihr auf sich?
Über der Platte erkenne ich eine seltsame Konstruktion aus starken Tauen und Holzstämmen, zu der – über einen Haken in der Höhlenwandung laufend – ein schwarzer Strick führt, der an der Wand in Greifhöhe über dem Boden hängt.
Auf einen geknurrten Befehl des Zeremonienmeisters hin stoßen mich die Lanzen vorwärts, unter die Steinscheibe. Er hat an meinem Lendenschurz eine lange Kordel befestigt hat, die er in der Hand hält. Eigenartig. Was haben sie mit mir vor? Ich kann nun erkennen, dass die mächtige Steinplatte in der Mitte durchbohrt ist. Aus dem dünnen Loch hängt eine Schnur, an der ein kleiner Metallring befestigt ist.
Der Zeremonienmeister will mir gestisch etwas mitteilen, bildet mit Zeigefinger und Daumen einen Ring und fasst mit der anderen Hand daran. Ich folge der Aufforderung, greife nach oben und halte den kleinen Metallring fest. Eine der Wachen brüllt etwas, das wie ein Warnruf klingt. Die Königin zieht an dem schwarzen Strick. Über mir, oberhalb der Platte, knackt und poltert etwas. Auf einen Zuruf des Zeremonienmeisters hin stoßen Wachen die Stützpfeiler weg, und ich spüre am Ring jetzt einen leichten Zug nach oben – die Steinscheibe hängt jetzt freischwebend in der Luft, und ich ahne bereits, dass sie nun nur noch von der dünnen Schnur am Ring gehalten wird. Er ist ein wenig kleiner als die Öffnung im Stein: Lasse ich los, wird ein Mechanismus ausgelöst, der die Felsscheibe herunterkrachen lässt.
Plötzlich ein Ruck: Der Zeremonienmeister reißt mir mit der Kordel den Lendenschurz vom Leib. Ich stehe nackt unter dem gewaltigen Mühlstein und halte mit ausgestrecktem Arm den Ring. Das Volk lacht und ruft mir offenbar hämische Bemerkungen zu.
Ich fluche innerlich. Ich hätte den Schurz in den Ring stopfen können, so dass er nicht mehr durch die Öffnung im Stein passt. Zu spät. Jetzt weiß ich auch, was der Alte in meinem Anus gesucht hat. Bestimmt hatten frühere Delinquenten, die wussten, was sie erwartet, Hilfsmittel am oder im Körper versteckt.
Es ist nicht schwer, mir auszumalen, welches Schicksal sie mir zugedacht haben. Mein Arm wird müde werden, meine Finger werden zu schmerzen beginnen. Ich werde den Arm wechseln, doch ich kann nicht ewig durchhalten und werde ich mich entscheiden müssen: Führe ich das Ende bewusst herbei, oder warte ich, bis meine Kräfte endgültig nachlassen?
Kann ich mich rechtzeitig zur Seite werfen? Wohl kaum. Auf dem Boden unter der Platte entdecke ich dunkle, unförmige Flecke. Meine unglücklichen Vorgänger sind nicht weit gekommen. Vielleicht kann ich den Ring auseinanderbiegen, so dass er nicht mehr durch die Öffnung rutschen kann! Ich presse Daumen und Zeigefinger zusammen. Der Ring ist aus Metall – da müsste ich tatsächlich Zauberkräfte besitzen, um ihn verformen zu können.
Ich schließe die Augen.
Als Wanderer kann ich auf die Rückseite der Zeit springen, um von dort aus zu einem Ort zu gelangen, an dem ich gebraucht werde. Ich will hier nicht sterben! Doch als ich mich tief in meinen Geist versenke und den Kristallschädel in die Hand nehme, den Ktephaim im Mnepoketh, in meinem Tempel der flüchtigen Bilder, für mich zurückgelassen hat, wird mir klar, dass ich irgendwo hier in dieser Welt gebraucht werde und erst weiterreisen kann, wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe.
Ich öffne die Augen.
Die Königin spricht leise mit dem Zeremonienmeister. Er ruft die Wachen zusammen, um die Höhle zu verlassen. Das Königspaar folgt. Doch das Volk will den Eingang nicht freigeben. Sie murren, wollen sich an meinem Todeskampf ergötzen. Erst als der Zeremonienmeister mit lauter Stimme eine Ankündigung macht, bricht verhaltener Jubel aus. Was immer die Botschaft ist: Sie wird weitergegeben, das Volk verlässt den Berg. Der König blickt sich noch einmal nach mir um. Er sagt etwas Abfälliges und feixt. Dann bin ich allein.
Zwar spüre ich schon ein Pochen in meinem linken Unterschenkel, das mich daran erinnert, dass ich damals, ehe alles begonnen hatte, mit eingeklemmtem Bein dem Ertrinkungstod ausgeliefert war. Aber ich werde ihnen nicht den Gefallen tun, hier zu sterben!
Von draußen dringt der Klang von Trommeln und schrillen Pfeifen zu mir in die Höhle. Sie feiern ein Fest. Gehen sie davon aus, dass ich die Nacht über durchhalten werde? Dass sie sich morgen früh daran weiden können, wie mich die letzten Kräfte verlassen?
Die Zeit kriecht unmerklich langsam dahin. Einige der Fackeln sind erloschen. Wie lange halte ich diesen Ring schon fest, wie lange stehe ich schon da mit schwitzenden Fingern und einem flauen Gefühl im Magen? Einmal wurden meine Finger gefühllos, und ich dachte kurz, dass ich das alles nur geträumt habe. Als ich dann mit der freien Hand über mich tastete und die zusammengepressten Finger der anderen Hand und den Ring fühlte, durchfuhr mich ein eisiger Schreck.
Von dem Fest ist nichts mehr zu hören. Es muss tief in der Nacht sein. Jemand kommt mit einer Fackel zu mir in die Höhle – eine Frau. Sie trägt ein sackartiges Gewand und eine Maske. Die Fackel legt sie auf den Boden, wo sie flackernd weiterbrennt. Die Frau lacht, kurz und hell, und steigt aus ihrem Umhang. Darunter ist sie nackt. Eine nackte Frau mit einer Maske, die einen Löwen oder einen Dämon mit aufgerissenem Maul zeigt, steht vor mir und beginnt, sich zu streicheln.
Ich drehe mich weg. Mit einem Laut der Enttäuschung nimmt die Frau die Fackel auf und geht ein paar Schritte um die Felsscheibe herum, bis sie wieder in meinem Blickfeld steht. Wieder legt sie die Fackel ab. Sie fasst sich mit einer Hand an ihre Brust und streicht sich mit der anderen den Oberschenkel hoch zwischen ihre Beine, wobei sie wohlige Kiekser ausstößt. Trotz der Lebensgefahr, in der ich schwebe, trotz der unerträglichen Situation spüre ich, dass sich etwas in mir regt. Ich hasse die Frau dafür. Und mehr noch hasse ich mich selbst dafür.
Die Frau zeigt mir etwas. Ich erkenne einen dünnen Stock. Er ist etwa so lang wie mein Unterarm und weist, soweit sich das im Fackellicht ausmachen lässt, Verdickungen oder Dornen auf. Sie lacht wieder und legt den Stecken quer über ihre Brustwarzen. Dann tritt sie einen Schritt vor, gefährlich nah an den Rand der Platte. Ich starre den Stock an. Er würde meine Rettung bedeuten! Ich könnte ihn durch den Ring stecken und ihn so am Hochschnellen hindern.
Aber ich habe den Stecken nicht. Die Frau benutzt ihn, um ihre Brustwarzen zu massieren. Sie stöhnt auf, scheint den Schmerz allerdings gleichzeitig zu genießen. Ich kann meine Augen nicht abwenden, was es noch demütigender für mich macht.
Der Stecken fällt herab. Die Frau bückt sich danach und dreht sich, so dass ich sehen kann, wie sie den Stock längs zwischen ihre Hinterbacken steckt und langsam bewegt. Sie schaut mich dabei zwischen ihren Beinen hindurch interessiert an, und ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ein bestimmter Körperteil von mir inzwischen Paarungsbereitschaft signalisiert. Die Frau zeigt mir, was sie von mir erwartet: Sie schließt ihre Rechte um einen imaginären Phallus und bewegt sie auf und nieder.
Ich werde von widersprüchlichen Gefühlen überschwemmt. Um ein Haar gleitet mir der Ring aus den Fingern, und der Schreck ernüchtert mich wieder. Die Frau hat versucht, sich den Stecken einzuführen, aber das tat wohl zu weh, denn jetzt nimmt sie die Finger, wankt dabei, setzt sich neben die flackernde Fackel, stöhnt vor Lust – hält dann jedoch plötzlich inne, um mich noch einmal intensiv zu betrachten. Dann beugt sie ihren Oberkörper zurück, stützt sich mit der freien Hand auf und stößt einen langen, gutturalen Schrei aus.
Es ist die Königin! Plötzlich bin ich mir sicher. Der Blick, mit dem sie mich im Bankettsaal gemustert hatte – und jetzt weidet sie sich an meiner aussichtslosen Lage. Wo ist der Stock? Ich kann ihn nirgendwo mehr sehen. Wird sie ihn mir zuwerfen? Oder … nur für die verlangte Gegenleistung? Doch die Erregung hat nachgelassen, und ich kann sie nicht wieder wecken, obwohl ich mit meiner freien Hand versuche, zu retten, was zu retten ist.
Die Frau richtet sich langsam wieder auf. Sie lacht, als sie meine verzweifelten Bemühungen bemerkt. Offensichtlich ist sie nun nicht mehr an mir interessiert. Sie zieht sich ihren Umhang wieder über, nimmt ihre Fackel auf und verlässt die Höhle.
Ich hebe die Hand, die ich zwischen meinen Beinen habe, um die andere über mir abzulösen. Ein Schamhaar steckt unter einem meiner Fingernägel.
Und plötzlich weiß ich, was zu tun ist.
Ich beginne, mir Haare auszureißen, reiße mir am Hinterkopf jeweils ein Dutzend meiner strähnigen blonden Haare aus und sammle sie in meinem Mund – eine langwierige und ekelerregende Arbeit. Bald habe ich so viele Haare zwischen den Lippen, dass sie herunterzufallen beginnen, wenn ich neue dazustecke. Ich nehme das Büschel in die freie Hand, lecke die Spitzen nass und drücke das Bündel noch einmal mit den Lippen zusammen, bevor ich es langsam und vorsichtig durch den Ring stecke, den ich mit den Fingern der anderen Hand am äußersten Rand halte.
Die meisten Haare gehen daneben, doch einige drücken sich durch den Ring hindurch und hängen nun an beiden Seiten herunter. Ich lasse den Ring vorsichtig und mit angehaltenem Atem nach oben rutschen, bis die Haare im Ring gegen das kleine Loch in der Steinplatte gedrückt werden. Sie werden durch den Zug an der Schnur zusammengepresst, aber vielleicht …
Ich öffne die Finger, spurte los, rutsche dabei fast aus, werfe mich nach vorn, und in dem Moment, in dem ich auf dem Boden aufkomme, ertönt ein trockener, harter Knall, und der Fels bebt. Das folgende Donnern ist lauter als alles, was ich je im Leben gehört habe, den Untergang von Atlantis eingeschlossen.
Ich richte mich auf. Meine Knie schmerzen, ich bin genau auf den Stecken der Königin gefallen, und die Dornen haben sich mir in die Haut gegraben.
Ich höre Schritte. Schnell drücke ich mich an die Felswand. Eine Wache tritt in das Gewölbe und betrachtet die Steinplatte. Im Licht der Fackel sehe ich nun die gewaltigen Seile, die sie in der Luft gehalten hatten. Die Wache spuckt aus und verlässt die Höhle. Ich lasse einige Zeit vergehen und folge ihr dann vorsichtig.
Die Lehmstadt liegt friedlich im Sternenlicht. Vor der Höhle schlafen die Feiernden ihren Rausch aus. Es gab ein Festmahl – ich genehmige mir ein paar Bissen von den Resten.
Gut, dass ich mir den Weg gemerkt habe. Unbemerkt schleiche ich an den Wachen vorbei in den niedrigen, aus Lehm erbauten Palast, gehe einem Schnarchen nach und entdecke den Zeremonienmeister. Der Alte hat eine hübsche junge Frau im Arm und liegt nackt auf Palmblättern. Meine Kleidung finde ich in einem Schilfkorb. Doch mein Schwert ist nicht hier. Ich entdecke es in den Gemächern von König und Königin – auch sie im tiefen Schlaf. Eine Stimme in mir schreit nach Vergeltung, aber gleichzeitig ist mir klar, dass sie in mir, dem Fremden, den idealen Sündenbock sahen. Ich war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.
Die Befriedigung meiner Rachegelüste würde mich nur erneut in Gefahr bringen und weitere Gewalt heraufbeschwören.
Beim Hinausgehen entdecke ich die Maske der Königin, mit der sie mich – sicherlich ohne Wissen des Königs – besucht hat. Ich setze meine Klinge nahe der Spitze an und zerschneide sie mit einer lautlosen gleitenden Bewegung in zwei Hälften.
Im Licht der Sterne wandere ich auf das ferne, schneebedeckte Gebirge zu, marschiere ohne Pause, bis mich meine Kräfte verlassen, weg von den beiden verfeindeten Stadtstaaten, weg von der gewaltigen Felsenplatte, die jetzt darauf wartet, wieder hochgewuchtet zu werden von schweißglänzenden Männern, um neuen Gefangenen einer fürchterlichen Nervenfolter auszusetzen und unweigerlich den Tod zu bringen, weg vom König, der erstaunt sein wird, dass sich unter der Steinscheibe keine blutige, breiige Masse findet, und weg natürlich von der Königin, die einen gewaltigen Schreck bekommen wird, wenn sie ihre zerschnittene Maske entdeckt. Den Dornenstock habe ich dazugelegt. Vielleicht leistet er ihr noch einmal gute Dienste.
Ich betrete den Korridor. Kleine Tafeln hängen neben den Zimmertüren. Krishna lese ich dort, und Thor, Osiris, Gwydyon, Zeus, Hathor, Hlapac, Der Große Manitu, Jahwe, Ometeotl … Lange wandere ich an den Zimmern entlang. Unzählige Götter, Namen, die mir gänzlich unbekannt sind, ja, die ich nicht einmal aussprechen kann. Schließlich, ganz hinten im Korridor, gegenüber von »Gott 9.0«, lese ich zu meinem Erstaunen: »Gott der Atheisten«. Der Widerspruch gefällt mir! Ich klopfe an. Keine Antwort. Auch das gefällt mir. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.
Auf dem sonst leeren Schreibtisch liegt ein Buch mit gelbem Umschlag und dem Titel Schöpfung für Dummies. Ich schlage es auf. Es beginnt mit dem Kapitel »Wie man einen Urknall so richtig krachen lässt«. Interessiert beginne ich zu lesen, als wie von einem heftigen Windstoß die Tür hinter mir zuschlägt. Von innen, stelle ich fest, gibt es keine Klinke.
Ich betrete den Korridor in der festen Überzeugung, hier endlich zum Ausgang zu gelangen, doch es zweigen nur weitere Katakomben ab. Ich habe mich in dieser unterirdischen Totenstadt verirrt, und langsam beschleicht mich Panik, denn meine Taschenlampe wird schwächer. Nicht, dass ich mich am Ende zu den vielen Verstorbenen geselle, die hier in Ephesos bestattet wurden!
Ich irre weiter umher. Schließlich verlischt meine Taschenlampe gänzlich und lässt sich auch durch Schütteln und gezielte Schläge nicht wieder zum Leuchten bewegen. Da bemerke ich in einiger Entfernung einen Lichtschein. Er scheint sich von mir wegzubewegen. Ich folge ihm und komme einer großen, schlanken Gestalt näher, die aus sich selbst heraus zu strahlen scheint. Sie beugt sich über einen leblos daliegenden Körper und wendet ihn auf die andere Seite, um dann einfach in den Fels hineinzuschweben und darin zu verschwinden. Undurchdringliche Dunkelheit bleibt zurück.
Ich betaste den Körper, über den sich die Gestalt gebeugt hat. Er ist warm. Ich schüttle ihn. Der Mann wacht auf, murmelt verschlafen etwas, aus dem ich so etwas wie »somnus longus« heraushöre. Mein Schullatein ist mehr als eingerostet, und so ist unsere Verständigung schwierig, zumal wir sie im Dunkeln nicht mit Gesten unterstützen können.
Er fragt, wie lange er geschlafen hat. Wo seine sieben Freunde – ubi septem amici? – sind. Ich glaube an einen Scherz oder die Versteckte Kamera, die allerdings in der Dunkelheit nichts aufzeichnen würde. Das ausgedehnte Höhlensystem, in dem ich mich verlaufen habe, verdankt seinen Namen einer Legende, nach der hier sieben Jünglinge die religiöse Verfolgung überstanden, indem Gott sie mehrere hundert Jahre sicher schlafen ließ.
Der Mann will nicht länger auf meine gestotterten Antworten warten. Er scheint sich gut auszukennen, denn ich höre ihn zielsicher fortgehen. Ich folge ihm mit ausgestreckten Armen durch die Dunkelheit, stoße immer wieder an die Felswände. Doch die Schürfwunden zahlen sich aus. Hinter einer Windung des Ganges wird es hell, und ich klettere hinter dem Schläfer durch einen halb eingestürzten Höhlenausgang geblendet ins Tageslicht. Uns umgibt eine felsige Ödnis, und ich habe keine Ahnung, wo ich mich befinde. Aber das Touristenbüdchen sollte nicht allzu weit sein.
Sofort zücke ich mein Handy, um meine Mutter anzurufen, mit der ich hier das »Haus der Maria« besuche und die sich bestimmt schon fürchterliche Sorgen um mich macht. Der Mann, der eine zerschlissene Toga trägt und sich offenbar lange nicht rasiert hat, starrt auf mein Handy, murmelt erschreckt etwas von »opus diabolicum«, macht ein Kreuzzeichen vor der Brust und rennt davon.
Ich schlage mir vor die Stirn. Mit dem Handydisplay hätte ich mir ein wenig Licht machen können! Dass ich mir einen Knöchel verknackst, mir Hände und Schultern aufgeschürft und böse den Kopf angeschlagen habe – nichts als meine eigene Blödheit.
Ich betrete den Korridor. Der Faszination des verschlossenen, verbotenen Zimmers kann ich mich einfach nicht entziehen. Mein Gemahl ist verreist und hat mir den Bund mit Schlüsseln hinterlassen, den Schlüsseln, die mir Zutritt zu allen Sälen, Zimmern, Kemenaten und Kammern im Schloss gewähren. Nur dieses eine Zimmer soll ich meiden, sonst ziehe ich mir, hat er mir angedroht, seinen Zorn zu. Aber die Neugier ist übermächtig.
Die Tür ist klein, ihr Holz dunkel. Warum sollte ich nicht hineindürfen? Ich bin doch die Frau Baronin, die Schlossherrin. Dies alles hier gehört jetzt auch mir! Eine Stimme meldet sich in meinem Kopf, als ich ausprobiere, ob der Schlüssel überhaupt passt: Was ist mit den Frauen vor mir passiert, auch sie Schlossherrinnen, auch sie möglicherweise allein im Schloss, als der Baron auf Reisen war? Sie sind verschwunden. Wohin?
Der Schlüssel passt. Die Tür knarrt leise. Ich blicke mich um. Steht mein Gemahl, der Baron, in einer der Nischen und beobachtet mich? Nein. Der Korridor ist leer. Ich bin allein.
Jetzt ist die Tür aufgesperrt. Ich lege meine Hand auf die Klinke. »… sonst wird mein Zorn über dich kommen!«, hat er gedroht, er, mein Gemahl, der doch sonst so überaus sanft und zuvorkommend ist. Er wird mir doch wohl kein Leid zufügen, nur weil ich auch diesen Raum in meinem neuen Heim inspiziert habe. Vielleicht erwartet er sogar genau das von mir? Die Klinke ist kühl. Ich drücke sie herunter.
Er hatte mich gefragt, ob ich neugierig bin. Das war, als er mich mit Geschenken überhäufte, um mich davon zu überzeugen, dass er der Richtige ist – wenn auch schon ein wenig alt und unansehnlich. Und trotz der Dinge, die man sich über ihn und seine Ehefrauen erzählt, eroberte er schließlich mein Herz, und ich sagte Ja. Das hatte ich damals auch auf seine Frage nach der Neugier geantwortet. Er hatte genickt und »Gut, gut« gemurmelt.
Die Tür steht schon einen Spalt weit offen. Gleich werde ich wissen, was sich hinter ihr verbirgt. Obwohl ich eigentlich versprochen habe, sie nicht zu öffnen. Aber er wird es ja nicht erfahren! Dennoch: Will ich von nun an mit dem Wissen leben, ihn betrogen und belogen zu haben, unsere noch so junge Ehe damit belasten, ihn zu hintergehen? Ich ziehe die Tür wieder zu, lasse das Schloss einrasten, drehe den Schlüssel herum und ziehe ihn heraus.
Es soll keine Lügen und Heimlichkeiten zwischen uns geben. Ich werde ihn einfach nach dem Zimmer fragen, wenn er wieder heimkommt. Er wird mir sagen, was hinter der Tür ist und warum ich sie nicht öffnen sollte, und dies wird eines der Märchen werden, die glücklich ausgehen: »Und wenn sie nicht gestorben sind …«
Ich betrete den Korridor, der mich in den Südtrakt führt. Bereits jetzt hat die »Akademie der Projekteure« in Lagado alle meine Erwartungen übertroffen:
Da war der Wissenschaftler, der Sonnenschein aus Gurken extrahieren will (und der meinte, ohne Zweifel werde er binnen acht Jahren imstande sein, damit auf wettbewerbsfähige Herstellungskosten zu kommen).
Da war der Forscher, der Eis zu Schießpulver kalzinieren wollte (also durch Erhitzen entwässern und umwandeln – er zeigte mir darüber hinaus eine Abhandlung über die Schmiedbarkeit des Feuers, die er bald veröffentlichen will).
Da war das Genie, das die Architektur revolutionieren will, indem man beim Bau mit dem Dach anfängt (und der mich mit Verweisen auf die erstaunlichen architektonischen Leistungen der Bienen und Spinnen zu überzeugen suchte).
Da war wiederum ein Gelehrter, der Spinnen züchtete und aus ihren Spinnweben die haltbarere und bessere Seide gewinnen will (und mir mir eine Menge schön gefärbter Fliegen zeigte, mit denen er seine Spinnen füttert, damit der Webfaden gleich die gewünschte Farbe annimmt).
Und ich traf einen wahrhaften Künstler, dessen zwei Laboratorien mit wunderbaren Seltenheiten gefüllt sind – und fünfzig Helfern. Einige verdicken die Luft zu einer trockenen, festen Substanz, indem sie den Stickstoff ausscheiden und die flüssigen Bestandteile verdunsten lassen; andere erweichen Marmor zu Kissen (er habe, versicherte er mir, seit bereits dreißig Jahren ausschließlich die Verbesserung des menschlichen Lebens vor Augen).
Ich besuchte noch Hunderte anderer Zimmer, werde aber den Leser mit allen von mir beobachteten Merkwürdigkeiten nicht langweilen, sondern mich der Kürze befleißigen.
Durch den Korridor erreiche ich die andere Seite der Akademie, wo sich die hier ansässigen Projektoren, anders als es im Nordtrakt bei den anwendungsnahen Vorhaben der Fall ist, in spekulativen Wissenschaften ergehen sollen.
Der erste Professor, den ich sehe, befindet sich in einem großen Zimmer und ist von vierzig Schülern umgeben. Nach der Begrüßung bemerkt er, dass ich interessiert einen Rahmen betrachte, der den größten Teil des Zimmers in Länge und Breite ausfüllt. Er meint zu mir, ein jeder wisse doch, wie viel Mühe für gewöhnlich das Erlernen der Künste und Wissenschaften bei den Menschen erfordere – er sei überzeugt, durch seine Erfindung werde noch die ungebildetste Person bei mäßigen Kosten und bei geringer körperlicher Anstrengung Bücher über Philosophie, Poesie, Mathematik und Quantenphysik schreiben können.
Er führt mich zu dem großen Holzgeviert, an dem alle seine Schüler in Reihen aufgestellt sind. Die Oberfläche besteht aus einzelnen würfelförmigen Holzstücken, sämtlich durch Drähte miteinander verbunden und an jeder Fläche mit Papier überklebt, auf dem alle Worte der Landessprache in Konjugationen und Deklinationen, jedoch ohne alle Ordnung aufgeschrieben sind.
Der Professor bittet mich achtzugeben, da er seine Maschine in Bewegung setzen will: Jeder Zögling nimmt auf seinen Befehl einen der vierzig eisernen Griffe zur Hand, die am Rande des Holzgevierts befestigt sind. Durch Drehen der Griffe wird die ganze Anordnung verändert. Dann befiehlt er sechzehn Knaben, die verschiedenen Würfelreihen wie Zeilen eines Buches zu lesen, und wenn sie drei oder vier Wörter gefunden haben, die einen sinnvollen Satz bilden, werden sie sogleich niedergeschrieben.
Sechs Stunden müssen die Schüler täglich bei dieser Arbeit zubringen, erklärt mir der Professor und versichert mir, er habe seinen Rahmen so eingerichtet, dass er den ganzen Sprachreichtum umfasse. Zu diesem Behufe habe er sogar das allgemeine Verhältnis berechnet, nach dem in Büchern Partikel, Haupt- und Zeitwörter und andere Redeteile vorkommen. Stolz zeigt er mir mehrere Folianten mit den Niederschriften. Aus diesem reichen Material werde er einen vollständigen Inbegriff aller Wissenschaften und Künste bilden; ein Verfahren, das er jedoch verbessern und schneller beendigen könne, wenn man das nötige Kapital aufbrächte, um in Lagado auf einen Streich ganze fünfhundert solcher Rahmen aufzustellen.
Ich betrete den Korridor gleich hinter dem Direktor. Er will mich in die Sprachschule seiner »Akademie der Projektoren« auf der Insel Balnibarbi führen, in der drei miteinander konkurrierende Professoren an der zweckmäßigsten Methode forschen, die Landessprache zu verbessern.
Das Projekt des Ersten besteht darin, die Rede dadurch abzukürzen, dass man vielsilbige Worte in einsilbige verwandelt und dazu noch alle Verben und Partizipien auslasse, denn in Wirklichkeit seien alle vorstellbaren Dinge doch allein Hauptwörter. Offenbar scheint er mir meinen nicht unerheblichen Zweifel an seinen Theorien anzumerken, denn er folgt mir auf dem Weg zum zweiten Raum der Sprachschule in den Korridor, was er mir mit der blumigen Beschreibung »Ich Korr! Wir Korr Sie?« und der eindrücklichen Beschwörung »Dirr Ansst Plan Welt Glück, Mensch Verstnd Tolnz Är Frschritt!« einsilbig vor Augen führen möchte. Ich nicke und lächle, was ihn zufriedenzustellen scheint.
Das Projekt des zweiten Professors bezweckt in seiner Radikalität die komplette Abschaffung aller Wörter, was die Gesundheit verbessern und unser Leben verlängern soll. Denn es sollte klar sein, dass jedes von uns gesprochene Wort unsere Lungen beansprucht und abnutzt und folglich die Verkürzung unseres Lebens bedeutet. Es sei, um dem abzuhelfen, so der Professor, dringend anzuraten, dass wir alles, was wir über uns und unsere Angelegenheiten zu sagen haben, in Form genau der Gegenstände mit uns herumtrügen, über die wir sonst unsere Worte verlören.
Der Pöbel und das weibliche Geschlecht hätten jedoch, so der Professor weiter, mit einer Rebellion gedroht, um die Freiheit ihrer Zungen zu verteidigen, nicht eingedenk der Tatsache, dass es doch gerade diese sei, die ihr vorzeitiges Ableben befördere. Doch der Pöbel sei ja ohnehin der unversöhnliche Feind jeder Wissenschaft.
Die Klügsten und Weisesten jedoch befleißigen sich bereits der neuen Methode, sich durch die Dinge selbst statt nur der Begriffe dafür auszudrücken; die einzige Unbequemlichkeit, die sich daraus ergibt, besteht nur darin, dass jemand mit Angelegenheiten umfangreicher Natur ein ganz stattliches Bündel auf seinem Rücken herumtragen muss.
Kürzlich wurde ich bereits Zeuge einer solchen wortlosen und lungenschonenden Unterredung – allerdings noch ohne zu ahnen, wessen ich da eigentlich angesichtig wurde. Zwei Balnibarbier begegneten sich auf der Straße, legten ihre Last nieder, öffneten ihre Säcke und beschäftigten sich stundenlang mit Gegenständen, die sie sich gegenseitig schweigend vorlegten; alsdann füllten sie ihre Behälter aufs Neue, halfen einander dabei, sich ihre Last wieder auf den Rücken zu laden, und empfahlen sich mit einer angelegentlichen Geste. Meinen Eindruck, die körperliche Anstrengung einer solchen Konversation übersteige den des üblichen Zungenschlags um ein Mehrfaches, behalte ich gegenüber dem von aufrichtigem Pflichtgefühl erfüllten Professor wohlweislich für mich.
Ein weiterer Projektor der Anstalt beschäftigt sich mit der Ausarbeitung der Metasprache und will mir dies auch gleich lang und breit erklären: »Optimel 1 im n‑Kobereich zum n‑t-Synklusdebel«. So jedenfalls lautet, erfahre ich von dem stolzen Wissenschaftler, seine mindestens einstündige Ausführung in der gebräuchlichen Sprache, überführt man sie in die Metasprache 1. Er arbeite jedoch schon an der Metasprache 2, welche wiederum mehrstündige Ausführungen in Metasprache 1 zu kurzen Bonmots zusammenfasse. Ich frage ihn, wie man denn metasprachlich »Vielen Dank, frohes Schaffen noch und auf Wiedersehen« sagt, woraufhin er sich begeistert in seine Aufzeichnungen vergräbt, bis ich und der Direktor nach einer Weile höflichen Wartens das Studierzimmer verlassen.
Als Glanzpunkt seiner Führung hat sich der Direktor eine neue Lehrmethode der mathematischen Schule aufgehoben, die mir von ihrem Erfinder anschaulich erklärt wird: Satz und Beweis werden mit einer organischen Tinktur, die den Gehirnen der auf Balnibarbi als schlau geltenden Ratten entnommen ist, auf einer dünnen Oblate aufgezeichnet. Diese muss der Schüler schnell hinunterschlucken, um anschließend drei Tage lang nichts als Brot und Wasser zu sich zu nehmen. Ist die Oblate schließlich verdaut, so steigt die Tinktur ins Hirn und prägt dort den entsprechenden mathematischen Satz ein.
Bisher allerdings hat sich der Erfolg noch nicht erwiesen, ein Umstand, der teilweise aus einem Fehler in der Quantität oder Komposition der Arznei herrühren mag, teilweise aber auch aus der Störrigkeit der Knaben, denen diese Medizin so ekelhaft ist, dass sie sich gewöhnlich fortstehlen und sich des Lernstoffes durch Herauswürgen entledigen, bevor er seine Wirkung entfalten kann.
aus den Aufzeichnungen des Stanisław Lemuel Gulliver