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From the Flipside of Time
Ich betrete den Korridor. Einer dieser hässlichen Zwerge hat die Tür zu meiner Zelle geöffnet und faucht mich an. Er ist über und über mit schimmernden Blättern und kleinen Tierschädeln behängt und tritt nun zähnebleckend zurück, um mir den Weg freizugeben.
Sie haben mich tagelang hungern lassen, und ich habe nur ein klein wenig Regenwasser mit der hohlen Hand auffangen können, um meinen Durst zu stillen. Jetzt bin ich völlig ausgedörrt und entsprechend schwach auf den Beinen. Die grauhäutige Wache, die mir kaum bis zur Hüfte reicht, knurrt und macht Bewegungen mit den Armen, als wolle sie mich vorwärts schieben. Der aus Bohlen gefertigte Korridor ist niedrig. Ich muss den Kopf einziehen und gebückt laufen. Unter mir klingt es hohl, als laufe ich über eine rundum geschlossene Brücke. Folgsam trotte ich in die Richtung, in die der Zwerg mich gehen heißt. Vielleicht geben sie mir ja endlich etwas zu trinken.
Ich irre jetzt schon Jahre über diesen verwirrenden Kontinent. Noch nie hat es so lange gedauert, meine Aufgabe zu finden. Ich bin müde und kraftlos. Aber am schlimmsten ist die Einsamkeit. Immer wieder muss ich an Enra’daí denken.
Wohin ich gelange, wenn ich mich auf die Rückseite der Zeit begebe, kann ich mir nicht aussuchen. Es ist immer ein Ort, an dem man mich braucht – ob als Krieger, Schamane, Religionsstifter oder Friedensbringer. Auch wenn ich mein Bestes versuche und meist auch helfen kann: Oft zweifle ich daran, dass ich der Richtige bin für die Aufgabe – oder auch schon daran, ob ich die Aufgabe, die mir zugedacht ist, überhaupt richtig verstehe.
Wie haben die anderen Wanderer es geschafft, die ständige Konfrontation mit fremdartigen Völkern zu überleben – in Welten, für die Menschen nicht geschaffen zu sein scheinen? Meine einzige Hoffnung ist, dass irgendwann einer von uns Zwölfen ersetzt werden muss. Dann werden sie mich rufen, und wir kommen – nicht körperlich natürlich – zusammen, um einen neuen Wanderer zu küren. Bei dieser Gelegenheit will ich Enra’daí fragen, ob wir nicht doch gemeinsam wandern können. Ich bin älter geworden, seit wir uns trafen, zu einem Mann gereift – und nie hat eine der Frauen, die ich auf meinen Streifzügen durch die Zeiten traf, meine Sehnsucht nach Enra’daí stillen können. Auch sie wird gealtert sein. Doch der Altersunterschied würde mich nicht stören. Bevor ich sie traf, wusste ich nicht, dass mir etwas fehlt. Ich will einfach nur in ihrer Nähe sein.
Im Boden des Korridors ist ein Loch. Es ist quadratisch, reicht bis zu den Wänden und ist zu groß, um es mit einem Sprung zu überwinden. Unten sehe ich Tageslicht – und Sand. Im Sand liegt mein treues Schwert, das mich seit vielen Jahren begleitet. Ich habe es Hintertreffen getauft.
Mein zwergenhafter Aufpasser faucht, zischt und droht: Ich soll offenbar hinunterspringen. Es wäre kein Problem, ihm den Hals umzudrehen. Aber meine Mordlust war nie sehr ausgeprägt. Gewalt lässt nur neue Gewalt entstehen. Und davon gibt es in diesen Welten schon mehr als genug. Ich springe.
Der Sandboden liegt tiefer als gedacht. Ich komme mit den Füßen auf und rolle mich ab. Sogleich greife ich zu meinem Schwert. Vermutlich wollen sie, dass ich kämpfe.
Tatsächlich befinde ich mich in einer Arena. Hohe Palisadenwände umgeben mich, und darüber blicken von den Rängen Hunderte der grauhäutigen Zwergenwesen zu mir herab. Es ist heiß, und ein schwacher süßlicher Geruch von Verwesung liegt über allem.
Vor der Palisadenwand sitzt die beeindruckend lebensecht gearbeitete Steinstatue eines Raubtiers mit riesigen Fangzähnen. Hinter mir höre ich ein Knurren. Blitzschnell drehe ich mich um. Auch hier zwei Statuen solcher Tiere. Sie sind etwa ein Dutzend Schritte von mir entfernt, und ich stehe mitten zwischen ihnen. Ein Geräusch von Pfoten auf Sand lässt mich erneut herumfahren. Die Statue ist nähergekommen! Wieder drehe ich mich herum. Auch die beiden anderen Statuen sind, obwohl sie jetzt bewegungslos dastehen, näher herangerückt. Langsam beschleicht mich Panik. Was ist hier los? Die rundum verkleidete Bohlenbrücke über der Arena, von der ich herabgesprungen bin, ist zu hoch, um sie mit einem Sprung erreichen zu können.
Immer wieder drehe ich mich um, wende den Kopf, und wenn ich eine der Statuen wieder in meinen Blick nehme, hat sie sich ein Stück vorwärtsbewegt. Einmal glaube ich aus dem Augenwinkel zu sehen, wie sich die Raubkatze nach einem Sprung in Stein verwandelt und noch ein kleines Stückchen weiter rutscht. Ich kann immer nur zwei von den drei Bestien gleichzeitig in mein Blickfeld nehmen. Die dritte wird offenbar solange lebendig und macht Jagd auf mich. Schon bald wird mir eine von ihnen ihre Krallen und Zähne in den Rücken schlagen.
Das Volk der Kleinwüchsigen schaut mir gebannt zu – aber nicht, weil sie meinen Tod erwarten. Die Spannung, die in der Luft liegt, ist eine andere. Als würden sie sich wünschen, dass ich den Kampf überlebe. Doch meine Chancen stehen schlecht, da ich nicht alle drei Katzen gleichzeitig im Blick behalten kann. Oder vielleicht doch? Ich hebe mein Schwert in Augenhöhe. Unterhalb der Klinge habe ich eine der Statuen im Blick, und in dem polierten Metall spiegeln sich die beiden anderen. Alle drei stehen reglos im Sand. Ein Raunen geht durch die Menge. Die Zuschauer haben meinen Trick durchschaut.
Das Schwert vor mich haltend gehe ich auf die Statue vor mir zu, ein prächtiges Tier, dem zwei furchteinflößende Reißzähne aus dem Maul ragen. Als ich die Katze mit der freien Hand am Kopf berühre, höre ich wieder ein Raunen. Ich streiche ihr im Vorbeigehen über den steinernen Rücken. Sobald ich hinter der Statue stehe, drehe ich mich um und habe jetzt alle drei Tiere im Blick. Das Schwert lasse ich sinken. Nie hätte ich gedacht, dass Hintertreffen mir einmal auf diese Weise nützlich sein würde.
Ich könnte die Tiere töten, mein Schwert über ihren Rücken heben und es ihnen – kurz die Augen schließend, damit sich der kühle Marmor in warmes Fleisch verwandelt – ins Herz jagen, eines nach dem anderen. Aber es sind wunderschöne Katzen, und es ist ihr Instinkt, der sie angreifen lässt – keine Feindschaft.
»Wasser!«, rufe ich in die schweigende Menge. Dann noch einmal in der Sprache des Sumpfvolks, bei dem ich lange gelebt habe. Das scheinen sie zu verstehen. Mir wird ein Seil zugeworfen. Ich klettere daran hoch – was mir fast zum Verhängnis wird, denn indem ich meinen Blick abwende, erwachen die drei Statuen zum Leben und jagen in großen Sprüngen auf mich zu. Ich entkomme ihnen knapp und schwinge mich über die Palisadenwand. Einer der Kleinwüchsigen reicht mir ein Horn, gefüllt mit Wasser. Gierig trinke ich es leer.
Dann blicke ich hinunter in die Arena. Der Zauber, der die Raubkatzen durch meinen Blick versteinern ließ, wirkt von hier oben nicht. Unruhig und hungrig knurrend streichen sie durch den Sand. Ihr Fell glänzt in der Sonne. Eine springt an die Palisaden unterhalb von mir, versucht, sich dort festzukrallen, rutscht aber wieder ab.
»Wer hat hier das Sagen?«, frage ich in der Sprache des Sumpfvolks. Hunderte Augenpaare starren mich wortlos an. Dann drängt sich eine Zwergin zu mir durch.
»Wir vom Volk der Zauberer«, sagt sie, »haben Dämonen gerufen, derer wir nicht mehr Herr werden.«
»Diese … Tiere?«, frage ich mit Blick in die Arena.
Die kleine Frau schüttelt den Kopf: »Die haben wir im Bergland gefunden, als Katzenjunge. Die Mutter wurde durch eine Lawine getötet. Die Ahnen haben zu mir gesprochen und gesagt, ein mächtiger Krieger würde kommen und uns helfen.«
»Und deshalb werft ihr mich euren Hauskatzen zum Fraß vor?«
»Damit hast du bewiesen, dass du würdig bist.« Sie fasst meine Hand. »Die Dämonen – sie kommen des Nachts. Kannst du uns helfen, unser Volk zu retten? Wirst du es tun?«
Endlich weiß ich, welche Aufgabe mich in diese Welt und Zeit geführt hat. Als ich mit der Oberzauberin durch die Menge schreite, schlagen viele ihrer Untertanen zwei der kleinen Tierschädel, mit denen sie sich schmücken, gegeneinander, ein hundertfaches Klacken, Pochen und Tocken, mit dem sie mir ihren Respekt erweisen.