312/398
Mirrorscape
Ich betrete den Korridor, eine schulterhohe Röhre mit dem Querschnitt eines regelmäßigen – ich zähle es ab – Siebenecks. Die Wandung ist schwarz, glatt und kalt, und vor mir schließt eine helle Fläche den Korridor ab. Eine Sackgasse?
Ich weiß nicht, wer mich überfallen und gefangen hat. Es ging alles blitzschnell, und ich verlor das Bewusstsein. Mein Schwert, den Dolch und den Lederschlauch mit Wasser hatten sie mir abgenommen, und ich erwachte in einer Kammer mit Wänden, Boden und Decke wie aus schwarzem Metall. Einziger Ausgang: die siebeneckige Röhre.
Wer immer dieses Gefängnis erbaut hat: Sie verwenden Materialien, wie ich sie noch nie gesehen habe. Dies ist offenbar kein Volk, dessen Künste sich darauf beschränken, aus Holzstämmen Einbäume zu fertigen und Strohhütten zu bauen. Alles hier ist streng geometrisch, ohne die geringste Unregelmäßigkeit. Was haben sie mit mir vor? Wie passe ich in diese Welt?
Die Fläche am Ende des Korridors leuchtet und strahlt ein schwaches, kaltes Licht aus, das meine Hände grünlich aussehen lässt. Ich glaube, ein leises, beständiges Knarren zu hören, wie von einem riesigen Baum, der sich im Wind wiegt. Als ich die helle Fläche vorsichtig berühre, bietet sie mir keinen Widerstand. Meine Finger gleiten hinein, aber ich ziehe sie mit einem Schmerzlaut wieder hinaus, da es heiß in meinen Fingern brennt. Doch die Hitze lässt schnell nach. Bietet sich mir hier ein Ausweg?
Ich halte die Luft an und stecke mein Gesicht in die leuchtende Fläche. Es brennt, als hätte ich meinen Kopf in eine Flammenwand gesteckt, und ich ziehe ihn gleich wieder zurück. Ich habe eine Landschaft und einen Himmel gesehen, einen seltsamen, türkisen Himmel – immer noch besser als dieses schwarze, kalte Gefängnis. Ich ziehe den Kopf ein und mache einen schnellen Schritt durch das siebeneckige Portal. Die Hitze dringt durch meine Haut in meinen Körper, aber verfliegt auch sofort wieder.
Die Sonne steht in dem cyanfarbenen Himmel am Zenit. Ich stehe auf einer Ebene, die sich endlos weit in alle Richtungen erstreckt, von blassrotem, flaumartigem Gras bewachsen. Der Horizont schimmert. Hinter mir: ein siebeneckiger Spiegel, der mit einer Ecke im Boden steckt. Aus dieser Spiegelfläche bin ich offenbar gerade hinausgetreten. Das Seltsame aber ist: Sie spiegelt mich nicht.
Bevor ich sie näher untersuchen kann, streift mich ein Schatten. Es fällt etwas Großes von oben herab, ein lautes Knirschen und Bersten um mich her, instinktiv ducke ich mich.
Als ich aufblicke, bin ich von einer schwarzen, doppelt mannshohen, siebeneckigen Mauer umgeben – und wieder gefangen, zusammen mit der siebeneckigen Spiegelfläche. Ich spüre einen Windhauch an den Beinen, und erstaunt beobachte ich, wie der blassrote Flaum um mich herum binnen eines Wimpernschlags welkt und zu Staub wird. Der Boden darunter ist unregelmäßig und rindenartig. Er wirkt wie die Oberfläche eines gigantischen Astes – in den länglichen, schlangenförmig verlaufenden Vertiefungen dieser Riesenborke könnte ich mir glatt einen Fuß brechen. Der Spiegel steckt fest im Holz, und auch die Mauer hat sich tief und unverrückbar in die Rindenwülste gebohrt. An einer Stelle hinter dem Spiegel streckt der hölzerne Boden an der Mauer wie aus Protest einige Späne hoch. Ich reiße einen davon ab. Keine Waffe zwar, aber etwas in der Hand zu haben, gibt mir das Gefühl, der Situation nicht gänzlich hilflos ausgeliefert zu sein.
Ist dies ein fremder Planet? Oder eine Ära weit in der Vergangenheit oder der Zukunft?
Die Rückseite des Spiegels reflektiert weder mich noch das Stück Holz, nur die Mauer. Er scheint extrem dünn zu sein. Ich drücke den Span an die Kante, und er wird ohne Schwierigkeiten durchtrennt. Noch nie habe ich etwas derartig Scharfes gesehen. Ein Schatten, der über mich hinwegzuckt, lässt mich aufblicken.
Es zischt, und unmittelbar neben mir bohrt sich eine weitere Spiegelfläche senkrecht in den Boden. Ich schlucke und trete – etwas zu spät, falls das Ding auf mich gezielt war – zur Seite. Es kam aus Richtung der Sonne. Mehr kann ich auch mit zusammengekniffenen Augen nicht erkennen.
Wieder ein blitzartiger Schattenwurf, wieder zischt es, und jetzt steckt ein dritter Spiegel ein paar Schritte entfernt in den Rindenwülsten. Die Geschosse sind so schnell, dass ein Ausweichen unmöglich ist. Und es kommen mehr davon. Jedes Mal zucke ich zusammen. Sie verteilen sich unregelmäßig und spiegeln den Untergrund, die Mauer und den Himmel – aber nicht mich und die anderen Spiegel!
Aus den Augenwinkeln bemerke ich eine weitere Bewegung. Ich traue meinen Augen nicht: Aus einem der Spiegel, der sich eher mittig in der Umfriedung befindet, schwimmt jetzt ein Fisch heraus. Er sieht aus wie ein Hai, ist vielleicht zwei, drei Meter lang und schwebt etwa auf Höhe meines Bauchnabels in der Luft.
Irgendwie glaube ich nicht, dass es sich um eines der Wesen handelt, die mich gefangen haben und Spiegel auf mich werfen. Dies alles hier sieht mir nach einer Arena aus, in der ich als Gladiator gegen diesen Hai antreten soll. Er peitscht jetzt mit seiner Schwanzflosse und mustert offenbar die Umgebung. Ein silbrig schimmerndes Gerät ist um seinen Hals geschnallt. Das Wesen entdeckt mich und öffnet sein zähnestarrendes Maul. Mir stellen sich die Nackenhaare auf. Dann zischen weitere Spiegel aus dem Himmel und bohren sich mit trockenen Tonks zwischen uns in den Untergrund. Als es dreißig oder vierzig sind, hört der Beschuss unvermittelt auf.
Die Arena steht jetzt voller Spiegel.
Nicht in ihnen reflektiert zu werden, erzeugt ein merkwürdiges Gefühl bei mir – als sei ich gar nicht wirklich hier. Und nicht nur ich scheine nicht anwesend zu sein, sondern auch alle anderen Spiegel. Denn keiner von ihnen zeigt die anderen – bis auf jeweils einen. Zum Nachdenken bleibt mir jedoch keine Zeit, denn jetzt schwebt der Hai aus einer nahen Spiegelfläche heraus, dreht sich mit einem Schlag seiner Schwanzflosse in meine Richtung und spuckt etwas aus. Geistesgegenwärtig ducke ich mich und springe hinter einen Spiegel. Etwas sirrt an mir vorbei. Ich stürze auf die unnachgiebige Rinde und prelle mir das Schienbein.
Als ich aufblicke, ist der Hai schon hinter mir hergeschwommen. Ohne lang nachzudenken rolle ich mich durch den Spiegel, vor dem ich liege – in der Hoffnung, dass sie alle Portale darstellen, die mich an einen anderen Ort bringen. Tatsächlich: Wieder zieht mir brennende Hitze durch den Leib, und ich falle an einer anderen Stelle der Arena aus einem der Spiegel, richte mich keuchend auf, humple um den Spiegel herum und springe von der anderen Seite hindurch, als ich den Hai hinter mir herkommen sehe.
Es sind Portale! Von beiden Seiten! Nur dumm, dass ich die Orientierung verloren habe und nicht mehr weiß, durch welches dieser Portale ich hierhergekommen bin.
In einiger Entfernung sehe ich meinen Gegner kurz vor einem Spiegel schweben, bevor er in ihm verschwindet, als werde er von einer senkrecht stehenden Quecksilberpfütze verschluckt. Auch er spiegelt sich nicht.
Eine Zeitlang, traue ich mir zu, kann ich mit dem Hai Versteck spielen. Allerdings graust mir bei dem Gedanken, bei einem eiligen Durchgang durch einen der rahmenlosen Spiegel dessen Fläche nicht genau zu treffen. Vermutlich würde es mir dann wie dem Holzspan ergehen: Es könnte sein, dass ich dann einen Arm oder ein halbes Bein zurücklasse – und noch unangenehmer ist natürlich die Vorstellung, bei einem Spiegelsprung in meiner Hast eine Kopflänge zu hoch zu geraten.
Habe ich eine Chance? Der Fisch ist bewaffnet – ich nicht. Er ist um einiges gewandter als ich und wird nicht durch den welligen Untergrund behindert, der sich für Spurts nicht gerade eignet. Könnte es mir gelingen, ihm auf den Rücken zu springen? Oder kann ich entkommen, indem ich die Mauer erklettere? Doch die ist makellos glatt.
Nur einen Wimpernschlag lang habe ich in meiner Aufmerksamkeit nachgelassen, da schwimmt der Hai aus einem nahen Spiegel. Wieder sirrt etwas aus seinem Maul. Ich ducke mich unter dem Geschoss weg und springe durch eine der Spiegelflächen. Ich renne, soweit sich das bei der Bodenbeschaffenheit bewerkstelligen lässt, schlage einen Haken und und benutze ein weiteres Portal. Den Hai habe ich aus den Augen verloren – genauso wie er hoffentlich auch mich.
Es ist ein ungleiches Duell. »Was wollt ihr von mir?«, rufe ich wütend in den Himmel – dahin, von wo die Mauer der Arena und all die Spiegel auf die Ebene herabfielen. »Was habe ich euch getan?« Es macht mich wütend, dass sich diejenigen, die mich in diese Arena gesteckt haben, nicht zeigen. Es gibt Hunderte von kleinen Öffnungen unterhalb des Mauerrands: Sind das ihre Augen? Weiden sie sich – irgendwo von ferne, vielleicht ja sogar von einem anderen Planeten aus – an dem Kampf?
Aber Zorn hilft mir nicht weiter. Ich versuche, einen Überblick über das Spiegellabyrinth zu gewinnen. Nur sind es leider zu viele Spiegel, als dass ich mir eine innere Landkarte von ihren Verbindungen untereinander zeichnen könnte. Ich erhasche einen Blick auf den Fisch, der vor einem Spiegel hin- und herschwimmt, als würde er Maß nehmen.
Er wendet sich einem anderen Spiegel zu, so dass ich nur noch seine Schwanzflosse sehe. Plötzlich kommt eines seiner Geschosse aus einem Spiegel geschossen, sirrt haarscharf an meiner Hüfte vorbei und kracht gegen die schwarze Metallwandung. Ich hebe es auf. Der Hai ist seinem Geschoss gefolgt – ich springe durch den nächstbesten Spiegel, dann durch einen weiteren.
Der Hai ist nirgends mehr zu sehen. Selbst wenn er den Weg seiner Geschosse durch mehrere Spiegel hindurch vorhersehen kann: Er muss mich sehen, um auf mich schießen zu können. Ich setze mich mit dem Rücken vor die Wand der Arena und untersuche den Pfeil. Es ist ein spitz zulaufender Bolzen, eine schlanke, siebeneckige Pyramide aus einem leichten, festen Metall, vollkommen schwarz.
Eine Bewegung in meinen Augenwinkeln lässt mich herumfahren: Der Hai schiebt sich aus einem nahen Spiegel, und ich sitze für ihn wie auf dem Präsentierteller. Mit einem Angstschrei schleudere ich den Bolzen, den ich in der Hand habe, in seine Richtung und robbe weg. Sein Schuss verfehlt mich. Ich haste durch mehrere Spiegel, stehe plötzlich eine Armlänge von ihm entfernt, stolpere zurück und gerate in Panik.
Schließlich bleibe ich stehen, wo ich gerade bin, um wieder zu Atem zu kommen. Ein schwarzer Bolzen durchmisst in einiger Entfernung die Strecke zwischen zwei Spiegeln. Ich ducke mich. Er bleibt einen Atemzug lang verschwunden und prallt dann mit voller Wucht auf ein knorpliges Rindenstück in meiner Nähe. Ich ziehe den Bolzen heraus und verschwinde vor den Augen des Fischs, der seinem Geschoss wieder folgt, in einer Spiegelfläche. Zerschneidet ihre Kante auch den Metallpfeil des Hais? Ich presse ihn dagegen. So scharf die Kante auch sein mag: Der Bolzen bietet ihr Widerstand. Ich warte.
Schweiß rinnt mir beißend in die Augen, und ich spüre ein dumpfes Pochen in meinem Schienbein, aber erst muss ich dieses Fischwesen ausschalten, bevor ich an mich und meine Blessuren denken kann.
Etwas Schwarzes sirrt aus dem Spiegel, neben dessen Kante ich warte. Ich verfolge den Weg des Pfeils nicht weiter, sondern benutze den Bolzen jetzt als Hebel. Der Spiegel sitzt höllisch fest, zweimal gleiten meine schweißfeuchten Finger ab und wären um ein Haar von der Spiegelfläche abgetrennt worden – dann endlich ruckt der Spiegel aus dem Holz. Wie erwartet folgt der Hai seinem Geschoss. Seine Nase schiebt aus der umfallenden Spiegelfläche, die jetzt wie erhofft seinen Körper in zwei Hälften schneidet. Die vordere schwebt über dem umgefallenen Spiegel weiterhin in der Luft. Der Hai quiekt, oder zumindest glaube ich ein Quieken zu hören, und die Bolzenschleuder in seinem Inneren spuckt noch ein halbes Dutzend Mal. Sein Hinterteil dürfte vor dem Spiegel geblieben sein, den er nur halb durchschwimmen konnte.
Ich warte, bis mehrere satte Tonks anzeigen, dass seine Bolzen ihre Flugbahn beendet haben – es wäre eine böse Ironie des Schicksals, jetzt noch von einem Querschläger erwischt zu werden.
Innen ist der Hai mechanisch: kein lebendes Wesen, sondern eine Maschine, eine Kampfmaschine. Ihre Hülle enthält neben der Bolzenkanone ein rotes, zapfenförmiges Etwas. Als ich es herausziehe, fällt alles andere zu Boden. Der feuerfarbene Metallzapfen hat die Länge meines Unterarms und schwebt weiterhin in der Luft. Dieses Ding hat ihn durch die Luft schwimmen lassen! Ein flacher, schmaler Ring verläuft um den Zapfen. Ich drehe vorsichtig daran, und der Zapfen sinkt ein Stück.
Schmatzende Geräusche lassen mich herumfahren. Die Spiegel verschwinden jetzt, einer nach dem anderen: Spiffzspiffzspiffz, und die Arena ist leer bis auf mich, die am Boden liegenden Hälften des Maschinenhais, den roten Zapfen und einen einzigen letzten Spiegel.
Ich blicke hoch zu den Öffnungen in der Mauer. Vermutlich wartet auf jenseits des übriggebliebenen Spiegels das Publikum, aber mir können Ruhm und Ehre oder nach unten weisende Daumen (oder Flossen, wer weiß?) gestohlen bleiben. Irgendwo in dieser Zeit und an diesem Ort wartete eine Aufgabe auf mich, und sie hatte gewiss nichts mit diesen perversen Wesen zu tun, die mich gefangengenommen haben, um mich gegen ihren Kampffisch antreten zu lassen.
Ich fühle keine Freude. So kenne ich es schon. Obwohl dem Tod mit knapper Not entkommen, bleibt zuerst einmal nur Leere zurück, vielleicht weil ich zu ausgelaugt bin, um das neuerrungene Leben wirklich schätzen zu können.
Ich fühle mich wund vom ständigen feuerheißen Spiegeldurchschreiten. Auch habe ich mir mein Schienbein geprellt und irgendwann mein linkes Handgelenk verstaucht. Aber ich lebe und besitze noch alle Gliedmaßen. Tausend Augen starren von der Arenaumfriedung zu mir herab – zumindest glaube ich das zu spüren – und erwarten, dass ich zum letzten Spiegel humple und hindurchgehe. Doch da habe ich eine bessere Idee. Mit ein wenig Glück befinden sich die Zuschauer des Kampfes wirklich weit entfernt von diesem Ort und können hier nichts weiter ausrichten.
Ich hänge mich bäuchlings über den Zapfen. Er trägt mich ohne Schwierigkeiten. Es ist nicht ganz einfach, den Steuerungsring zu bewegen, aber es gelingt mir: Langsam lasse ich uns höhersteigen. Ich schlenkere mit den Beinen und rucke so etwas unelegant durch die Luft und über die Mauer hinweg. Auf der anderen Seite lasse ich mich hinunter sinken und lande auf dem blassroten Flaum. Niemand hält mich auf. Ich beginne, den schwebenden roten Zapfen vor mir herschiebend, in Richtung des Glitzerns am Horizont zu wandern, das ich für das Meer halte.
Soll die Siegesfeier ohne mich stattfinden!
