Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Fantasy

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Hor­ri­doh

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Ich betrete den Kor­ri­dor, den die auf Pfähle gespieß­ten Häup­ter mei­ner unglück­li­chen Vor­gän­ger auf dem Weg zum Schloss bil­den. Will ich die Hand der Königs­toch­ter errin­gen, so muss ich mich vor ihr ver­ste­cken kön­nen, ohne dass sie mich auf­spürt. Doch ihr Zau­ber­spie­gel ent­deckt jeden noch so ent­le­ge­nen Unter­schlupf.

Eine Chance habe ich. Mein Freund der Fuchs gräbt mir heim­lich einen unter­ir­di­schen Gang bis direkt unter ihren Thron. Hier hocke ich und höre sie bald dar­auf böse flu­chen, denn dies­mal kann ihr Zau­ber­spie­gel mein Ver­steck nicht zei­gen. Zeternd zer­schlägt sie ihn.

Nun könnte ich tri­um­phie­rend her­vor­kom­men und mei­nen Lohn ein­for­dern, das Mäd­chen hei­ra­ten und an ihrer Seite über das Land herr­schen. Mein Freund der Fuchs sieht mich trau­rig an. Und da wird mir klar, dass ich Bes­se­res zu tun habe als mein Leben mit einer ebenso her­ri­schen wie selbst­ver­lieb­ten Prin­zes­sin zu ver­brin­gen, die immer gleich alles kurz und klein schlägt, was ihr nicht zu Wil­len ist.

Und so wurde ich am Ende zum Wan­de­rer zwi­schen den Wel­ten, dem die Men­schen und ihre Lau­nen suspekt sind und der sich ver­läss­li­che Freunde lie­ber unter den Tie­ren sucht.

 

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Hell­is­lí­king

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»Ich betrete den Kor­ri­dor«, rief der Wald­mäu­se­rich, was in unkun­di­gen Ohren wie eine Reihe kur­zer Pfiffe geklun­gen hätte, »und: nichts.«

Die Wald­mäu­sin brummte unwirsch, und als ihr aus dem Kor­ri­dor ent­ge­gen­schallte »Ich komme dann jetzt zurück«, pfiff sie erregt: »Sieh gefäl­ligst noch drau­ßen vor der Tür nach. Ich bin sicher, etwas gehört zu haben.«

Der Mäu­se­rich schlich unschlüs­sig im Kor­ri­dor ihrer Wohn­höhle umher. »Es riecht ein wenig nach Fuchs«, rief er sei­ner Frau zu, die dar­auf aber nicht ant­wor­tete. Schließ­lich meinte er mit mög­lichst ent­schlos­se­ner Stimme: »Ich glaube, du hast geträumt, und wir soll­ten ein­fach wei­ter­schla­fen!« Prompt pfiff seine Gat­tin: »Ich habe Ein­bre­cher gehört, und es ist deine Auf­gabe und Pflicht, sie zu stel­len und zu ver­trei­ben. Denk nur an unsere kost­ba­ren Win­ter­vor­räte!«

»Ich bin jetzt im Ein­gangs­be­reich«, rief der Mäu­se­rich, »und: nichts. Hier ist nichts.« Das ließ die Mäu­sin nicht gel­ten: »Ich habe aber etwas gehört!«

Der Mäu­se­rich ließ die Schul­tern hän­gen und suchte wei­ter. »Ich bin jetzt drau­ßen vor der Tür«, rief er. Und: nichts.

Nach einer Weile fragte die Mäu­sin nach, doch ihr Gatte ließ nichts mehr von sich hören. Schließ­lich betrat die Wald­maus­frau höchst­selbst den Kor­ri­dor, in dem aber auch sie nichts Unge­wöhn­li­ches ent­de­cken konnte. »Muss man denn alles sel­ber machen?«, brummte sie und trat vor die Wohn­höhle, wo es ihr erging wie ihrem Gat­ten.

 

Wer war­ten kann, dem – so die Moral die­ser Fabel – springt der Fraß von selbst auf die Gabel.

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Res­cue Ope­ra­tion

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich tief in den Bauch des Schiffs führt, aber wäh­rend aller­or­ten Amseln zir­pen, Schlan­gen fau­chen, Raben meckern, Enten gurrn, bei die­sem lär­men­den Zie­gen­ge­wie­her, Spat­zen­ge­blöke, Kuh­ge­heul und Möwen­ge­bell, über­flat­tert, nie­der­ge­trap­pelt, ange­zap­pelt, von Geschlängle umzün­gelt, Getripple umzin­gelt, gewim­mel­um­rin­gelt-geschwir­re­um­ringt, solang es hier hüpft, huscht und raschelt, schlüpft, stelzt und stampft, unter Specht­zi­schen, Frosch­grun­zen, Pfer­de­m­uhn, fort­dau­ern­dem Dam­wild­sum­men und Büf­fel­fie­pen und Tiger­ge­kreisch, inmit­ten von Tau­ben­schnau­ben und Bären­ge­klopf, Hum­mel­ge­brum­mel und Mäu­se­ge­surr, wel­pen­be­schnat­tert und hun­de­be­schimpft, stän­di­gem Hah­nen­maun­zen und Hüh­ner­ge­klap­per aus­ge­lie­fert, Ele­fan­ten­ge­ze­ter und Flie­gen­ge­röhr, Wolfs­ge­kräh und Schafs­ge­krächz, von unaus­ge­setz­tem Wild­schwein­trom­pe­ten und Els­tern­ge­knurre und Zika­den­ge­zwit­scher bedrängt, ist es ein­fach unmög­lich, auch nur einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen.

Noah. Ers­ter (und ein­zi­ger) Log­buch­ein­trag.

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Bratt niður

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Ich betrete den Kor­ri­dor. (Dies ist ein Gast­bei­trag, eine anonyme Ein­sen­dung.) Er führt gera­de­wegs in die Hölle. (Ui, so was Direk­tes würde ich nie schrei­ben. Bleibt ja gar kein Raum für Mys­te­riö­ses und Ambi­gui­tä­ten.) Die Hitze nimmt stän­dig zu. Immer stei­ler abwärts. (Fehlt hier nicht ein Verb? Oder soll das zuneh­men­des Tempo aus­drü­cken?) Mein Huf auf dem nack­ten Boden erzeugt dumpfe Echos zwi­schen den Wän­den. (Okay, das ist eine hüb­sche Wen­dung …) Es ist immer wie­der schön, nach Hause zu kom­men. (… und die Pointe hat was. Vie­len Dank.)

 

344/398

Chro­no­klas­ten

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Ich betrete den Kor­ri­dor und schließe die Tür zum klei­nen Muse­ums­raum neben dem Pfarr­haus auf, in dem der Küs­ter seine klei­nen Erstaun­lich­kei­ten aus­ge­stellt hat, geheim­nis­volle, schnur­ge­trie­bene Maschin­chen ohne erkenn­ba­ren Zweck, Opfer­ga­ben der Wra­sen­jä­ger aus den Wäl­dern um das Dorf, die sie des Nachts den Göt­tern ihrer Göt­ter vor das schwere Boh­len­tor gelegt haben.

Man­che der Appa­rate bewe­gen sich plötz­lich, wenn die gro­ßen Glo­cken zum Got­tes­dienst läu­ten, und zuwei­len löst der Klang unse­rer klei­nen Toten­glo­cke bei ihnen ver­zwickte Selbst­zer­stö­rungs­me­cha­nis­men aus – ein­mal hat sich eine kom­pli­zierte Kon­struk­tion aus Tan­nen­zap­fen, Bast­schnü­ren und Mulch selbst ver­brannt. Doch am erstaun­lichs­ten finde ich, dass sich die kunst­voll gefer­tig­ten Vor­rich­tun­gen ohne das geringste Geräusch bewe­gen und ich nur, wenn ich mein Ohr ganz nah an die Feder­werke her­an­bringe, ein lei­ses Klop­fen hören kann wie das von den Lar­ven der Toten­uhr.

 

360/398

Ver­sus

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Jemand ruft. Kann denn schon wie­der Zeit für das jähr­li­che Opfer sein? Aber dann erkenne ich die Stimme. Ich kenne sie gut. Es ist Däda­lus. Mein Schöp­fer, Herr und Fol­ter­meis­ter.

»Die Zeit für den Abschied ist gekom­men«, sagt er, und seine Worte schei­nen von über­all­her zu kom­men.

»Zeig dich mir!«, brülle ich. »Tritt mir gegen­über! Dass ich dir das Fleisch auf­reiße und dich zer­fetze!«

»Sei nicht wütend. Damit änderst du nichts, nichts an dei­ner Ver­gan­gen­heit und nichts an dei­ner Zukunft. Ich dachte, du wärst viel­leicht ein wenig weise gewor­den mit der Zeit.«

»Wo bist du?«, brülle ich. »Komm her­aus und stell dich mir!« Ich zit­tere am gan­zen Leib, denn all der Zorn und die Ver­zweif­lung, die sich in den vie­len, vie­len Jah­ren in mir auf­ge­staut haben, bre­chen sich nun Bahn.

»Ika­rus kommt mit mir. Wir müs­sen fort. Aber ich wollte Kreta nicht ver­las­sen, ohne mich von dir ver­ab­schie­det zu haben. In gewis­ser Weise bist du eben­falls – mein Sohn.«

Ich ver­stumme. Däda­lus bleibt wohl­weis­lich eine kör­per­lose Stimme. Er weiß, dass ich ihn töten würde, bekäme ich ihn zu fas­sen.

»Lebe wohl«, sagt er.

Ich heule auf. Ich tobe, stampfe im Sand auf, renne eine Tür ein und schleu­dere mit den Hör­nern die Holz­trüm­mer durch die Gänge. Sie lie­gen still und teil­nahms­los da. Däda­lus ist fort. Ich rut­sche an der Wand her­un­ter und weine leise in mich hin­ein. Aber irgend­wann ver­sie­gen die Trä­nen. Schließ­lich erhebe ich mich wie­der und sehe mich um. Wo bin ich hier? Ist das etwa ein Teil des Palas­tes, den ich noch nicht kenne? Es ste­hen Worte an der Wand. Das war ich. Vor lan­ger, lan­ger Zeit ein­mal. Ich erin­nere mich kaum. Ich habe wohl einen spit­zen Stein genom­men und die Buch­sta­ben in die Wand geritzt, zu einer Zeit, als ich noch ver­suchte, das Beste aus mei­nem Schick­sal zu machen und daran zu wach­sen.

»Nie­mand ist frei. Jeder lebt in einem Palast, der nur schein­bar unend­lich groß ist. Wenige bekom­men die Gele­gen­heit, das zu erken­nen.«

361/398

Coup tout-fou

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die magi­schen Worte »Sesam öffne dich« haben mir den Zugang ver­schafft. (Na gut, doch wohl eher die rich­tige Zah­len­kom­bi­na­tion für die Zugangs­si­che­rung.) Der enge Gang wei­tet sich bald, und die Schatz­höhle der 40 Räu­ber liegt vor mei­nen Füßen. (Oder bes­ser gesagt die Asser­va­ten­kam­mer der PD Olden­burg.) Ich schaffe so viel Gold, wie ich tra­gen kann, zu mei­nen drei Eseln. (In Wirk­lich­keit sind es sicher­ge­stellte Falsch­geld­bün­del, und, na ja, ich schaufle sie in die Ein­kaufs­tüte, die ich dabei habe.) Als sich meine Frau spä­ter von ihrem Schre­cken und Erstau­nen erholt hat, will sie die Gold­stü­cke zäh­len. (Schön wärs, aber mein Mann hält mir eine Moral­pre­digt, die sich gewa­schen hat, macht mich zur Schne­cke und lässt mich die Blü­ten noch in der glei­chen Nacht wie­der zurück­brin­gen. Ich soll ihm keine Mär­chen erzäh­len und mein Geld auf ehr­li­che Weise ver­die­nen. Also doch wie­der in die Poli­zei­di­rek­tion put­zen gehen …)
 

373/398

Rét­tum tíma – rét­tum stað

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Ich betrete den Kor­ri­dor, den der Mit­tel­strei­fen zwi­schen den Autos bil­det, und laufe ihn schwer­fäl­lig ent­lang. Hin­ter mir hupen ein paar Fahr­zeuge. Viel­leicht, weil sie sehen, dass sonst nie­mand in mei­nem Auto sitzt und der Alte ein­fach die Tür hin­ter sich zuschlägt, ohne sich noch ein­mal umzu­bli­cken. Viel­leicht auch ein­fach aus Ver­zweif­lung. Nichts geht mehr. Ein Tru­cker ist auf sein Lkw-Fah­rer­haus geklet­tert und ver­sucht mit der Hand über den Augen zu erken­nen, was wei­ter vorne los ist. Schließ­lich lässt er den Arm kraft­los sin­ken. Die Blech­la­wine ist zum Still­stand gekom­men. Ich gebe mein Auto auf, will nicht län­ger hin­ter dem Steuer auf ein Wei­ter­kom­men war­ten, das nie mehr statt­fin­den wird. Und ich will mich auch nicht seit­lich auf die Leit­planke set­zen, pick­ni­cken und mit den ande­ren Fah­rern wort­reich über den Stau lamen­tie­ren. Ich will nach Hause, auch wenn mir das Gehen schwer­fällt und ich schon nach ein paar Metern ins Keu­chen gerate.

Die Sonne knallt erbar­mungs­los auf den Asphalt. Mir wird heiß. Man­che las­sen den Motor lau­fen. Viel­leicht ja, weil sie glau­ben, wenn sie den Motor aus­stel­len, geben sie damit gleich­zei­tig alle Hoff­nung auf. Oder sie brau­chen den Motor für ihre Kli­ma­an­lage. Wie auch immer, die Abgase und das viel­stim­mige Tuckern des Leer­laufs gehen mir auf die Ner­ven. Ich klet­tere müh­sam über den Rand­strei­fen und halte auf den Wald zu, durch den die Auto­bahn ver­läuft.

Zwi­schen den Bäu­men ist es kühl. Es gibt nur wenig Unter­holz, was mir das Vor­an­kom­men erleich­tert. Wie soll ich mich hier ori­en­tie­ren? Mit dem Navi, das mir meine Kin­der zum Sieb­zigs­ten geschenkt haben, bin ich nie zurecht­ge­kom­men. Mir fällt ein, dass ich auch das Geld und meine Aus­weise im Wagen lie­gen­ge­las­sen habe. Ich sollte umkeh­ren. Doch ich gehe wei­ter, und hier auf dem federn­den Wald­bo­den fällt mir das Vor­an­kom­men auch nicht mehr so schwer.

Aber hört man nicht immer wie­der von Räu­bern und wil­den Tie­ren? Inzwi­schen folge ich einem Wald­weg. Lau­ern nicht gerade hier die Gefah­ren? Meine Sinne sind geschärft, und wann immer es mög­lich ist, laufe ich laut­los über die Moos­pols­ter am Weges­rand. Ich könnte auch auf Wach­pos­ten der Römer sto­ßen. Nicht jedoch im Wald: Sie haben für ihre Grenz­be­fes­ti­gun­gen zum Bar­ba­ren­land breite Schnei­sen gero­det. Meine Schritte sind kräf­tig und raum­grei­fend, und die wür­zige Luft des Wal­des füllt tief meine Lun­gen.

Eine Horde Wild­schweine kreuzt mei­nen Weg. Sie haben mich nicht bemerkt, und ich halte inne, denn es sind Frisch­linge dabei, und ich will mich nicht mit den Bachen anle­gen. Dabei stelle ich fest, dass ich irgendwo meine Brille ver­lo­ren haben muss. Soll ich umdre­hen und nach ihr suchen? Ich beschließe, dass ich auch so gut zurecht­komme. Ich fühle mich jung und taten­durs­tig, freue mich auf die Aben­teuer, denen ich ent­ge­gen­wan­dere. Ein Speer oder ein Wurf­stock wäre nütz­lich. Ich mus­tere die umste­hen­den Bäume: nicht das rich­tige Holz dafür. Dafür ent­de­cke ich Wald­bee­ren, so viele, dass ich einen Vor­rat davon mit­neh­men kann.

Gestärkt ver­falle ich in einen kraft­scho­nen­den, lang­sa­men Trab. Plötz­lich stehe ich vor einem bär­ti­gen alten Mann in einem boden­la­gen Gewand. Der Korb, den er bei sich trägt, ist vol­ler Kräu­ter. Ein Druide. Er scheint nicht erstaunt dar­über, im Wald auf einen frem­den Halb­wüch­si­gen zu tref­fen. Ich sinke in die Knie, neige den Kopf und erbitte so den Segen des Wei­sen Man­nes. Er mur­melt ein paar freund­li­che Worte, die ich nicht ver­stehe. Der Klang von Luren sagt mir, dass sich in der Nähe eine Sied­lung befin­den muss. Ich folge dem Alten in ehr­erbie­ti­gem Abstand. Sicher­lich ist auch er auf dem Weg nach Hause.

 

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Into Chal­len­ging Cir­cum­s­tances

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Wohin hat mich die Reise auf die Rück­seite der Zeit und zurück dies­mal geführt? Ich bin erschöpft und fühle mich leer und kraft­los. »Wir sind Wan­de­rer«, hatte Kte­phaim gesagt, als er mich in ihre Rei­hen auf­nahm. Aber irgend­wann braucht auch der kräf­tigste Wan­de­rer eine Rast.

Ich bin in einem Innen­raum mit Fens­tern. Von drau­ßen dringt ein bestän­di­ges Brau­sen und Rau­schen zu mir, und es huschen Lich­ter durch den Raum: Sie rasen zu bei­den Sei­ten an mir vor­bei, weiß auf der einen, rot auf der ande­ren Seite – ein Heer rasen­der Maschi­nen, hin­ter dem ich auf einer Seite im letz­ten Schein der unter­ge­gan­ge­nen Sonne Bäume erken­nen kann.

Obwohl mir der Lärm, die Lich­ter und die unzäh­li­gen an mir vor­beib­rau­sen­den Maschi­nen sehr fremd­ar­tig und furcht­ein­flö­ßend vor­kom­men, weiß ich auf eine selt­same Weise, dass das alles keine unmit­tel­bare Gefahr für mich dar­stellt. Begriffe kom­men mir in den Sinn, die mir die bizarre Sze­ne­rie erklä­ren, auch wenn ich nicht sagen könnte, woher: Die lär­men­den Maschi­nen sind Fahr­zeuge, zum Trans­port von Men­schen und Las­ten gedacht, und in genau so einer Maschine befinde ich mich hier, auch wenn diese hier still dasteht. Durch das größte der Fens­ter auf der Schmal­seite des Fahr­zeugs sehe ich wei­tere große Maschi­nen, Bau­ma­schi­nen – und Gestal­ten, die leuch­tende Klei­dung tra­gen und im Schein gro­ßer Lich­ter, die auf Stel­zen ste­hen, geheim­nis­vol­len Tätig­kei­ten nach­ge­hen.

Auf den Sit­zen vorne ent­de­cke ich eine zusam­men­ge­krümmte Gestalt, und noch bevor ich sie erkenne, durch­strömt mich ein Glücks­ge­fühl: Enra-daí! Sie blickt auf, als ich ihren Namen flüs­tere, wirkt ver­stört und ver­ängs­tigt, erkennt mich dann aller­dings.

»Criph? Du bist mir gefolgt. Aber wie kann das sein?«

Sie ist um kei­nen Tag geal­tert, seit wir uns das letzte Mal gese­hen haben. Ich bli­cke ihr in die Augen, die wil­den Augen, deren Blick mich in mei­ner Erin­ne­rung all die Jahre lang nie los­ge­las­sen hat.

»Wir sind gefan­gen«, erklärt sie mir, und ich sehe, dass sie geweint hat. »Man kann hin­durch­se­hen, aber es ist ein Gefäng­nis. Und da drau­ßen …« Sie umklam­mert meine Hand.

»Das ist Glas«, sage ich, »es schützt gegen Wind.«

Im Blick Enra-daís spie­gelt sich Unver­ständ­nis, als ich die Hand hebe und gegen eine der Schei­ben klopfe. »Dies ist ein Fahr­zeug, das Arbei­ter trans­por­tiert.«

Aber letzt­lich bin ich es, den sie ungläu­big anstarrt. »Was ist mit dir? Du bist älter, viel älter gewor­den. Du bist jetzt … kein Kind mehr!«

Ich nicke. »Seit wir uns das letzte Mal gese­hen haben, habe ich viele und weite Rei­sen unter­nom­men.«

Sie streicht mir sanft über die lange Narbe am Hals. »Muss­test du kämp­fen?« Enra-daí sieht mich vol­ler Mit­ge­fühl an. »Warst du oft auf der Rück­seite der Zeit?«, fragt sie. Meine Ant­wort, »etwa ein Dut­zend Mal«, macht sie einen Augen­blick lang sprach­los. Sie bemerkt, dass sie immer noch meine Hand umklam­mert, und lässt los. »Ich weiß von kei­nem Wan­de­rer, der so oft gereist wäre. Ich selbst bin sechs­mal gereist. Kämp­fen musste ich nie. Meist brauch­ten sie da eine Hei­le­rin. Jetzt aller­dings, glaube ich, hat mich die Kraft für die Rei­sen ver­las­sen – und das gerade hier im Hete­mit.«

»Hete­mit?«

»Glaubst du nicht, dass es das Reich von Ammit, der Toten­fres­se­rin, ist?«

Ich schüttle den Kopf: »Das hier ist eine« – mei­ner Zunge fällt die Aus­spra­che schwer – »Auto­bahn­bau­stelle. Und wir soll­ten hier ver­schwin­den, bevor wir ent­deckt wer­den.«

Genauso, wie mir auf rät­sel­hafte Weise Begriffe und Zusam­men­hänge ins Bewusst­sein kom­men, »erin­nere« ich mich auch daran, wie ich mit den Din­gen umge­hen kann: Ich öffne die Schie­be­tür des Klein­bus­ses. Enra-daí schreit auf und kau­ert sich zit­ternd zusam­men: Das Brau­sen der vor­über­ra­sen­den Autos erreicht uns jetzt unge­dämpft.

»Keine Angst. Sie blei­ben in ihrer Spur.« Ich fasse Enra-daí an der Hand und ziehe sie bis zur Bau­stel­len­ab­sper­rung, warte eine Lücke im Strom der Fahr­zeuge ab, und renne mit ihr zur ande­ren Seite. Ein Tank­last­zug don­nert auf uns zu und hupt. Doch wir sind schnel­ler.

Nach weni­gen Metern über­win­den wir einen Wild­zaun und tau­chen in den dunk­len Wald. Bald sind die Geräu­sche der Auto­bahn nur noch ein fer­nes Rau­schen. Enra-daí beru­higt sich. Auf einer Lich­tung blei­ben wir ste­hen. Im silb­ri­gen Licht der Sterne und der schma­len Mond­si­chel sieht sie wun­der­schön aus. Sie bemerkt mei­nen Blick.

»Eben warst du noch ein Junge, und jetzt …«

Ich packe sie an den Schul­tern und ziehe sie sanft zu mir hin. Wir küs­sen uns, inein­an­der ver­schlun­gen mit unse­ren Mün­dern, unse­ren Lei­bern, See­len und Leben. Ich bin heim­ge­kom­men.

»Criph …«, sagt sie schließ­lich und schmiegt sich an mich. Wie beglü­ckend es ist, sie im Arm hal­ten zu kön­nen!

»Wie … hast du mich gefun­den?«

Ich bli­cke ihr in die Augen. »Nicht ich. Das Schick­sal. Die Sehn­sucht. Hast du dich nie gefragt, wer oder was uns zu unse­ren Auf­ga­ben schickt?«

»Die Göt­ter«, meint sie mit erns­tem Blick.

Ich muss lächeln. »Viel­leicht sind wir es selbst, mit unse­rer Sehn­sucht.« Enra-daí ver­sucht, mein Lächeln zu erwi­dern, ver­steht aber offen­sicht­lich nicht, wovon ich rede. »Die Völ­ker, zu denen mich meine Reise geführt haben, sehn­ten sich nach etwas. Nach Ret­tung viel­leicht, oder nach Hei­lung, man­che nach Frei­heit oder Erkennt­nis.«

»Oder Glück.«

Ich nicke. »Und mehr als nach allem ande­ren sehnte ich mich nach dir.«

Ihr tre­ten die Trä­nen in die Augen. »Ich hatte noch gar nicht die Zeit, mich nach dir zu seh­nen.«

Ich muss wie­der lächeln, und mein Herz hüpft vor Freude, dass sie das sagt.

Wenig spä­ter lau­fen wir einen Wald­weg ent­lang, der durch gelbe Kreuze auf den Bäu­men gekenn­zeich­net ist. Enra-daí hält meine Hand, als ob sie mich nie mehr los­las­sen wollte.

»Was ist das für eine Welt? Du warst schon ein­mal hier?«

»Nein. Aber es ist, als würde ich mich an alles erin­nern, als würde ich das alles schon ken­nen. Es ist eigen­ar­tig.«

»Ich finde es beängs­ti­gend. Wer sol­che Maschi­nen baut, muss unge­heure Macht besit­zen – wie dein Volk, Criph, das so sei­nen Unter­gang her­auf­be­schwo­ren hat. Meinst du, die­ses Volk hier hat Sehn­sucht nach uns?«

Der Weg vor uns teilt sich. Ich folge dem mit den gel­ben Kreu­zen.

»Meinst du«, fragt sie wei­ter, »sie seh­nen sich nach Ret­tung oder Hei­lung? Und da haben die Göt­ter uns beide hier­her­ge­schickt?«

»Ich weiß es nicht. Viel­leicht hast du recht. Viel­leicht erwar­tet uns hier eine Auf­gabe, die wir nur gemein­sam bewäl­ti­gen kön­nen, eine Auf­gabe, die Kampf­geist und Für­sorge erfor­dert.«

Eine Weile gehen wir schwei­gend neben­ein­an­der her.

»Kampf­geist und Für­sorge«, wie­der­holt sie flüs­ternd.

»Die Wan­de­run­gen«, sage ich, »haben uns immer an den rich­ti­gen Ort gebracht. Auch wenn wir manch­mal nicht gleich wuss­ten, wel­che Auf­gabe uns erwar­tet.«

Sie nickt: »Weißt du es dies­mal?« Sie sieht ver­lo­ren aus, wäh­rend sie das sagt, und gleich­zei­tig unend­lich glück­lich.

»Zumin­dest«, sage ich, »weiß ich dies.« Und küsse sie.

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Piece of Mind–Piece of Heart

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Ich betrete den Kor­ri­dor, weil mich eine Ahnung hier­her­treibt. Seit dem Auf­wa­chen kann ich mich des Gefühls nicht erweh­ren, dass heute etwas anders ist. Ruhe­los wan­dere ich umher, von einem Flü­gel des Palas­tes in den nächs­ten, auf der Suche nach etwas, von dem ich nicht weiß, was es sein könnte.

Und dann der Geruch. Er ist fremd­ar­tig, hat etwas Erdi­ges, Hol­zi­ges, Bit­te­res. Zuerst denke ich, es ist irgendwo ein Feuer aus­ge­bro­chen. Doch dafür wie­derum ist der Geruch zu süß­lich. Ich folge ihm und trete vom Kor­ri­dor aus durch einen schma­len Durch­lass in einen Raum, in dem eine Frau steht.

Mein Herz stockt.

Es ist keine von den vor Angst zit­tern­den Jung­frauen, die sie mir jedes Jahr vor­wer­fen. Sie steht hier, als würde sie das schon immer tun, han­tiert an einem lang­ge­streck­ten Tisch mit eigen­ar­ti­gen Gerä­ten und streicht sich gele­gent­lich ver­son­nen durchs Haar. Nach­dem ich sie eine Zeit­lang ange­starrt habe, wird mir klar, dass sie blind ist. Des­halb sieht sie mich nicht, des­halb schreckt sie nicht zurück, schreit, ver­kriecht sich in die hin­terste Ecke, presst die Augen zusam­men, als könne sie so ihrem Schick­sal ent­ge­hen.

Ich trete näher und räus­pere mich.

»Oh«, sagt sie, »ein Gast. Was darf ich Ihnen anbie­ten? Cap­puc­cino?« Ich weiß nicht, was sie meint. Aber ich nicke. Das kann sie nicht sehen, also sage ich mit beleg­ter Stimme: »Ja, gerne.«

»Sofort«, sagt sie. »Und dazu ein Brow­nie? Frisch geba­cken.« Unter dem schma­len Tisch zwi­schen uns lie­gen auf Regal­bret­tern, durch die man hin­durch­se­hen kann wie durch kla­res Was­ser, dun­kel­braune Gebäck­stü­cke. Sie weist dar­auf. »Ja, gerne«, sage ich.

»Set­zen Sie sich, ich bringe es Ihnen.«

Im Raum ste­hen Tische und Stühle. Ich wähle mir einen aus, ziehe ihn zurück, wobei ich ihn über den Boden schar­ren und ein Geräusch ver­ur­sa­chen lasse. So weiß sie, wo sie mich fin­det.

Die glän­zende Vor­rich­tung auf ihrer Theke macht ein zischen­des und blub­bern­des Geräusch. Sie scheint jedoch nicht gefähr­lich zu sein, denn die junge Frau hand­habt sie ganz selbst­ver­ständ­lich. Dies alles wirkt über­haupt nicht so, als könne Däda­lus der Urhe­ber sein. Aber Däda­lus ist ja auch schon lange fort und viel­leicht längst tot.

Neben mir an der Wand hängt ein selt­sa­mes Bün­del Per­ga­mente, zusam­men­ge­hal­ten von einem läng­li­chen Holz. Ich nehme es mir, denn ich habe Schrift­zei­chen auf den Per­ga­men­ten ent­deckt. Bald schon bin ich in die klei­nen Geschich­ten und Bil­der ver­tieft, die sie bede­cken und von dem erzäh­len, was alles außer­halb mei­nes Palas­tes geschieht.

Ich schre­cke auf, als plötz­lich die Frau neben mir steht und mir vor­sich­tig eine Tasse reicht und einen Tel­ler mit dem Gebäck­stück.

»Bit­te­s­ehr«, sagt sie lächelnd, »las­sen Sie es sich schme­cken.«

»Danke«, sage ich hei­ser. Das Getränk ist heiß, sehe ich: Es dampft. Und es ver­strömt die­sen süß-bit­te­ren Geruch, den unwi­der­steh­li­chen Duft, der mich hier­her­ge­lockt hat.

»Kom­men Sie jetzt jeden Tag her?«, fragt die Frau. Und nach einer win­zi­gen Pause fügt sie noch an: »Das wäre schön.«

Eigent­lich möchte ich jubeln und über die Tische tan­zen, aber ich will sie nicht erschre­cken. »Ja, gerne«, sage ich leise, und als sie dar­auf­hin lächelt, bevor sie sich umdreht und zu ihren selt­sa­men Gerät­schaf­ten zurück­geht, macht mein Herz einen Sprung.