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Eis­op­tro­pho­bia

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Ich betrete den Kor­ri­dor: links die Kinos 2 und 3, rechts das Kino 5 und dahin­ter die Toi­let­ten. Ich halte mich genau an die Anwei­sun­gen. Sonn­tag­nachts gibt es hier immer einen Musik­film im Pro­gramm. Ich habe ein Ticket für Oli­ver Stones The Doors gekauft. Der läuft zwar schon seit ein paar Minu­ten, aber das soll so sein. Ich gehe am Kino vor­bei. Auch an den Toi­let­ten gehe ich vor­bei. Es ist nie­mand außer mir im Kor­ri­dor. Gut so. Ich öffne am hin­te­ren Ende die Stahl­tür, über der das Not­aus­gangs­sym­bol leuch­tet. Dahin­ter liegt ein dunk­les Trep­pen­haus. Die Tür fällt hin­ter mir ins Schloss. Mir geht der Arsch auf Grund­eis. Ich halte mich an die Anwei­sun­gen und steige die Treppe hin­un­ter. Die schmale Tür ein Stock­werk tie­fer ist ver­schlos­sen, aber tat­säch­lich fin­det sich der Schlüs­sel unter der Fuß­matte. Ich schließe auf. Zuerst glaube ich, hier falsch zu sein. Es ist düs­ter in dem fens­ter­lo­sen Raum. Hüft­hohe Müll­ei­mer mit dem typi­schen Plas­tik­wip­pen­ver­schluss ver­sper­ren mir den Weg, und ein paar alte Film­auf­stel­ler mit lebens­gro­ßen Stars. Aber dann erkenne ich im Däm­mer­licht, dass es tat­säch­lich ein klei­nes Kino ist. Die Bestuh­lung, ganze vier Rei­hen, ist aus abge­nutz­tem rotem Samt. Auf der ers­ten Sitz­reihe liegt Weih­nachts­deko. Der mitt­lere Sitz in der zwei­ten Reihe, den ich mir her­un­ter­klappe, ist total durch­ge­ses­sen. Ich nehme den dane­ben.

Von irgend­wo­her kom­men dumpfe Geräu­sche. The Doors ver­mut­lich, aus dem Kino drü­ber. Es war Wahn­sinn, hier­her­zu­kom­men. Ich hätte es nicht tun sol­len.

Ver­mut­lich ist es eine rie­sen Ver­ar­schung. Aber irgend­was muss Trobi pas­siert sein. Er ist nur noch ein Schat­ten sei­ner selbst. Und dabei kann den nichts scho­cken. Der sieht sich die här­tes­ten Strei­fen an, bal­lert sich durch die bru­tals­ten Games und hat sich bei der Mai-Demo auch schon mit ech­ten Poli­zis­ten ange­legt. Eines Mor­gens schlich er dann in die Klasse und wirkte wie sein eige­ner Geist. »Na, schlech­ten Trip gehabt?«, fragte ich ihn, und er packte mich an der Schul­ter, drückte mich an die Wand und erzählte es mir.

Du musst dir Sonn­tag­nacht ein Kino­ti­cket kau­fen, sagte er mir, und gehst durch den Not­aus­gang run­ter, schließt dir mit dem Schlüs­sel unter der Matte einen ver­ges­se­nen alten Kino­saal auf, setzt sich da rein und siehst dir die Vor­stel­lung an. Ich garan­tier dir: Wenn du da raus­kommst, wirst du nie wie­der der Alte sein.

Hu-huh! Da will mir einer Angst machen, was? Aber Trobi war es ernst. Er sagte, er erzählt’s mir nur, weil ich der Klas­sen­phi­lo­soph bin und immer so abge­klärt tue, seit mein klei­ner Bru­der im Bag­ger­see ertrun­ken ist. So, als würde ich über allen Din­gen ste­hen. Viel­leicht gefällt’s dir sogar, hat Trobi ange­fügt und den Mund dabei ver­zo­gen.

Es knackt in den Laut­spre­chern und fla­ckert auf der Lein­wand. Ich kriege einen gewal­ti­gen Schreck. Scheiße. Irgend­je­mand muss den Pro­jek­tor ange­schal­tet haben. Tag Null heißt der Film. Steht jeden­falls kom­men­tar­los auf der Lein­wand. Und dann zeigt die Kamera die Dächer der Stadt, so, als ob man mit einem Bal­lon knapp drü­ber weg­schwebt. Sonst pas­siert erst mal nichts. Ich steh noch mal auf und geh nach hin­ten zum klei­nen Fens­ter für den Pro­jek­tor. Mit der Hand schirme ich sein Licht ab. Der kleine Raum ist leer. Selt­sam. Aber irgend­wie hab ich mir das schon gedacht. Ich setz mich wie­der.

Über Trobi hab ich lange nach­ge­dacht. Der zog sich immer mehr in sich zurück und redete schließ­lich nach zwei, drei Tagen quasi mit kei­nem mehr. Irgend­was muss mit ihm pas­siert sein. Aber das mit dem ver­ges­se­nen Kino und dem Film – das muss er sich doch aus­ge­dacht haben. Ich meine, man macht doch auch nicht irgend­eine Müll­tonne auf und guckt plötz­lich tief run­ter in die Hölle – mit Flam­men und Teu­feln und allem drum und dran. So was gibt’s nur im Kino.

Die Kamera taucht jetzt run­ter und in ein Fens­ter von einem der gro­ßen Bun­ker mit Miet­woh­nun­gen rein. Es liegt jemand im Bett, obwohl schon hel­ler Tag ist. Er stöhnt und rich­tet sich auf. Er hat mein Gesicht, älter zwar und mit Bart­stop­peln, aber es ist unver­kenn­bar meins. Das bin ich. Scheiße. Ich wusste es. Trobi hat mir die Wahr­heit gesagt.

Die Kamera folgt dem Typen, der ich bin, nur älter, ins Bad.

Da läuft ein Film von dei­nem letz­ten Tag, hat Trobi gesagt, und ich hab sein hei­se­res Flüs­tern noch im Ohr. Und am Ende siehst du, wie du stirbst.

Ich hab ungläu­big gelacht, aber Trobi ver­zog keine Miene. Du musst mir nicht glau­ben, hat er gesagt, sieh’s dir selbst an. Wenn du dich traust.

Auf der Lein­wand schalt ich im Wohn­zim­mer die Glotze ein und schmier mir in der Küche auf dem ver­keim­ten Tisch ein Brot dick mit Nutella zum Früh­stück. Dabei kann ich das süße Zeug nicht aus­ste­hen. Und was soll das mit dem Fern­se­her? Brauch ich das, weil ich sonst die Stille nicht ertra­gen würde? Es ist ekel­haft, wie ich das Zeug in mich rein­stopfe. Wie alt mag ich sein? Paar­und­zwan­zig. Du siehst scheiße aus!, würde ich mir am liebs­ten zuru­fen, aber es ist ja nur ein Film. Nur ein Film?

Ich werde ster­ben. Irgend­wann an die­sem ver­ratz­ten Tag in mei­ner nicht allzu fer­nen Zukunft werde ich den Löf­fel abge­ben. Will ich das sehen? Nein, ganz sicher nicht! Aber irgend­was nagelt mich fest, und ich komm nicht vom Sitz hoch, fas­zi­niert von die­sen ganz all­täg­li­chen Auf­nah­men, die mich zei­gen, wie ich mich noch nie gese­hen habe. Die Kata­stro­phe rückt näher, und ich bin wie gelähmt und kann nichts unter­neh­men.

Der Typ im Film tele­fo­niert mit einer Katja. Kenn ich nicht. Gibt in der Par­al­lel­klasse eine, aber die wird’s nicht sein, das ist ’ne arro­gante Möch­te­gern-Tusse, die zuhause bestimmt noch mit Lil­li­fee spielt. Die Tür­klin­gel geht. Erst bleibe ich sit­zen, dann stehe ich doch auf und öffne die Ein­gangs­tür. Trobi steht da, Den­nis Trob­bert, unver­kenn­bar. Auch er älter, auch er nicht gerade auf der Höhe sei­ner Zeit. »Heut ist der Tag«, sagt er. Ich nicke. Trobi geht rein, sieht das Chaos auf dem Küchen­tisch, blät­tert kurz in einem zer­fled­der­ten Death-Metal-Maga­zin und schmiert sich dann auch eine Nutel­las­tulle.

Ich stelle fest, dass ich nicht atme. Hab vor Schreck auf­ge­hört zu atmen. Jetzt ver­schlu­cke ich mich und muss hus­ten. Trä­nen stei­gen mir in die Augen. Dabei will ich doch unbe­dingt mit­krie­gen, was die bei­den reden.

»… wohl gerade dabei«, sagt Trobi mit vol­lem Mund. Ich stehe am Herd. »Und?«, frage ich. »Nichts«, sagt Trobi. Dann schwei­gen beide, bis Trobi zu Ende geges­sen hat. Er fragt schließ­lich, ohne mich dabei anzu­se­hen: »Und, hast du’s getan?« Als ich nicke, sagt er: »Scheiße.«

Was immer mich auf mei­nem Sitz fest­ge­hal­ten hat: Einen Moment lang lässt die Kraft kurz nach. Ich springe auf und ramme mir dabei unbe­ab­sich­tig­ter­weise meine Weich­teile in einen Christ­baum­stän­der oder so was, der zwi­schen den Stüh­len raus­ragt. Keu­chend gehe ich zu Boden.

»Brin­gen wir’s hin­ter uns«, sagt Trobi. »Und wir kön­nen nichts tun?«, fragt mein ande­res, tod­ge­weih­tes Ich. Trobi schüt­telt den Kopf. Die bei­den ver­las­sen die Woh­nung.

Mir ist spei­übel von den höl­li­schen Schmer­zen im Unter­leib. Gekrümmt taste ich mich durch die Stuhl­reihe, schmeiße schep­pernd meh­rere Müll­ei­mer und einen Bruce Wil­lis aus Pappe um. Bloß raus hier!

Ich stehe im Trep­pen­haus, und die Tür zum ver­ges­se­nen Kino­saal fällt hin­ter mir ins Schloss. Ich ver­su­che, zu Atem zu kom­men und irgend­wie wie­der einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen. Aber alles, was mir in den Sinn kommt, sind die Anwei­sun­gen: wie­der abschlie­ßen und den Schlüs­sel unter die Matte ste­cken. So, wie sie Trobi auch bekom­men hatte. Ich schließe ab, zwei­mal, hätte auch drei­mal abge­schlos­sen, wenn sich der Schlüs­sel noch wei­ter­ge­dreht hätte. Aber ich ste­cke ihn nicht wie­der unter die Matte. Ich nehme ihn mit.

Der Typ an der Theke sieht mich schräg an. Wahr­schein­lich sehe ich jetzt wie Trobi aus am Tag danach: wie mein eige­ner Geist. Das Ende kenn ich schon, sag ich ihm, und natür­lich glaubt er, ich meine The Doors.

Drau­ßen regnet’s. Es schüt­tet aus allen Löchern. Und ich bin froh drü­ber, lasse das Was­ser in mein Gesicht plat­schen, bis ich das Gefühl habe, das alles ist ein böser Traum gewe­sen. Aber ich weiß natür­lich, was ich gese­hen habe.

Nächs­ten Sonn­tag werde ich wie­der­kom­men. Ich werde wie­der ein Ticket lösen, den Not­aus­gang neh­men, die Treppe run­ter­stei­gen und mich in die­ses Hor­ror­kino set­zen. Ich muss wis­sen, ob der­selbe Film läuft oder ein ganz ande­rer. Ist der Tag Null unaus­weich­lich fest­ge­legt, oder ändert sich jetzt meine Zukunft, weil ich einen Blick drauf wer­fen konnte? Mann, Scheiße, ich bin doch keine Mario­nette! Ich kann selbst bestim­men, was ich tu. Und was ich lasse – wie Nutel­laes­sen bei­spiels­weise. Und ich will’s auf kei­nen Fall vor­her wis­sen.

Eigent­lich will ich auch gar nicht wis­sen, ob ein ande­rer Film läuft. Oder der­selbe Tag Null. Ich werde ein­fach den Schlüs­sel jetzt schon in den Fluss wer­fen.

Soll ich?

Ja. Muss sein. Mit Schwung.

Weg ist er, irgendwo tief unten bei den Fischen!

Trobi werde ich erzäh­len, dass ich einen uralten Mann gese­hen hab, der auf einer Ter­rasse an einer Steil­küste auf einem Deck­stuhl saß, so, wie man auf einem Kreuz­fahrt­schiff sitzt, in eine Decke ein­ge­wi­ckelt und mit einem damp­fen­den Tee neben sich. Und dass ich ein Tele­fon in der Hand hatte und eine Num­mer wählte: »He, Trobi, altes Haus. Hab ich’s nicht gesagt? Weil wir das Ende kann­ten, konn­ten wir’s bes­ser machen!«

Und dann sagte der alte Mann im Film noch: »Ja. Heute ist wohl der Tag. Ich mag’s, wenn’s drau­ßen auf dem Meer Schaum­kro­nen gibt.« Und als Ant­wort wohl auf ein »Mach’s gut« von Trobi sagte er grin­send »Mach’s bes­ser!«, bevor er auf­legte.

Dann flog die Kamera von ihm weg, von der Ter­rasse weg und von der Steil­küste weg, immer wei­ter weg, bis die Erde nur noch ein win­zi­ger Punkt zwi­schen den Ster­nen war.

Das habe ich gese­hen. So war das, mein Tag Null. Kann man mit leben, oder?

Und Nutella rühr ich mei­nen Leb­tag nicht an, ich schwör’s!