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The Gist of the Tryst

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Ich betrete den Kor­ri­dor. End­lich ist es soweit: Es riecht betö­rend nach Laven­del. Meine heim­li­che Geliebte hat mir eine Duftuhr zukom­men las­sen, ein Rauch­werk, das ich bei Son­nen­un­ter­gang anzün­den sollte und das dann lang­sam her­un­ter­brannte, zu jedem Stun­den­wech­sel einen ande­ren Geruch ver­strö­mend. Unge­dul­dig war­tete ich. Zuerst roch es nach Vanille, dann durch­zug das Aroma von Ros­ma­rin mein ein­sa­mes Gemach. Ich muss kurz ein­ge­nickt sein. Der Duft von Laven­del weckte mich, und sogleich begab ich mich in den Kor­ri­dor, in dem wir uns heim­lich tref­fen wol­len.

Nur ein wenig silb­ri­ges Mond­licht beleuch­tet den Gang. Sehe ich dort hin­ten sie, meine Geliebte? Ein Schat­ten nur, eine Sil­hou­ette. Ich eile hin, die Arme aus­ge­streckt, und sie wen­det sich mir zu, brei­tet eben­falls die Arme aus. Wir eilen auf ein­ein­an­der zu, doch plötz­lich sto­cken wir im Schritt und hal­ten inne. Es ist Jur­gen, der groß­ge­wach­sene, bär­tige Rit­ter. »Was tust du hier, Koch?«, fragt er her­ab­las­send, als sei dies sein Tur­nier­platz – und nicht der Flü­gel des Palas­tes, in dem die Prin­zes­sin wohnt mit ihren Kam­mer­zo­fen und Dienst­mäg­den. Trotz­dem stot­tere ich, senke unwill­kür­lich mein Haupt, trete einen Schritt zurück. »Laven­del«, dringt aus mei­nem Mund.

Jur­gen bricht in Lachen aus. »Hat dich eine Magd her­be­stellt, Koch? Dann bist du schlecht bera­ten, denn die Rauch­uhr steht erst bei Ama­ryl­lis­duft.« Ich murmle etwas, das der Rit­ter als Wider­spruch auf­nimmt. Er belehrt mich: »Ama­ryl­lis, nicht Laven­del. Ich werde doch wohl wis­sen, wie Ama­ryl­lis riecht!«

Er blickt sich um: »Oder siehst du hier irgendwo deine Magd?«

»Und deine …?« Ich spre­che es nicht aus. Wie­der blickt sich Jur­gen um: »Sie hat Ama­ryl­lis gesagt, und ich habe Ama­ryl­lis gero­chen.« Doch der Gang ist – bis auf uns beide natür­lich – leer. Keine Tür öff­net sich, keine Gestalt schleicht herum.

»Hm«, sagt der Rit­ter und reibt sich den Bart. Dann packt er mich am Kra­gen und schleift mich mit sich, den Kor­ri­dor ent­lang, die Treppe hinab, durch die dunkle Halle in den Schirr­hof, an den Pfer­de­stäl­len und am Häus­chen der Schild­wa­che vor­bei bis in das Gebäude mit den Quar­tie­ren für die Rit­ter.

Wir ste­hen in einem Raum mit einer Prit­sche, den nur die Glut eines her­un­ter­ge­brann­ten Kamin­feu­ers erhellt. Das Rauch­werk steht auf einem klei­nen Tisch­chen unter der Fens­ter­ni­sche und glimmt. Es riecht nach Laven­del. »Ama­ryl­lis, riechst du’s?«, fragt er. Ich wage nicht zu wider­spre­chen. Mei­nen Augen jedoch sieht er an, dass ich seine Mei­nung nicht teile.

»Laven­del?«, fragt er. Ich zögere erst und wage dann, zu nicken.

»Dann bin ich viel­leicht zu früh dran«, sagt Jur­gen. Er packt mich erneut an den Schul­tern: »Wonach hat es bis­her gero­chen? Sprich!«

»Vanille«, sage ich, »Ros­ma­rin … Laven­del.«

»Bist du ein­ge­schla­fen? Es waren mehr als drei Düfte, es ist doch schon fast Mor­gen.«

Veil­chen­duft durch­zieht jetzt das Gemach. Auch Jur­gen riecht es. Er lässt mich los. »Ama­ryl­lis?«, fragt er hoff­nungs­voll.

Ich schüttle den Kopf: »Veil­chen.« Er schnup­pert und kratzt sich den Bart: »Dann muss Ama­ryl­lis danach kom­men.« Ich nicke, und er lacht: »Na los, Koch, deine Magd war­tet sicher schon sehn­süch­tig auf dich.«

»Es ist keine Magd«, sage ich trot­zig.

»Na, dann geh zu dei­ner Zofe.«

»Es ist auch keine Zofe.«

Der Rit­ter lacht: »Na, es wird ja wohl nicht …« Er hält inne, als er mei­nen Blick bemerkt, und packt mich wie­der bei den Schul­tern. »Die Prin­zes­sin?«, fragt er, und seine Stimme ist nur ein Hauch. Ich nicke. Sehe ich da Trä­nen in sei­nen Augen? »Sie sagte, sie gehöre nur mir!«, flüs­tert er hei­ser.

»Im Häus­chen der Schild­wa­che«, sage ich, »roch es auch nach Laven­del, als wir vor­bei­gin­gen.«

Wir tre­ten beide an die schmale Fens­ter­öff­nung, durch die der im Mond­licht dalie­gende Hof zu sehen ist. Ein Schat­ten löst sich vom Häus­chen der Schild­wa­che und strebt auf die Ein­gangs­halle zu.

»Die Schild­wa­che?!«, flüs­tert Jur­gen mit erstick­ter Stimme.

»Ihm hat sie gesagt, er soll kom­men, wenn es nach Veil­chen duf­tet«, ver­mute ich.

»Ich werde, ich werde … Wo ist mein Schwert?« Rit­ter Jur­gen durch­stö­bert seine Hab­se­lig­kei­ten. »Die Schild­wa­che ist kein Geg­ner für mich, und wenn ich ihr gegen­über­stehe, werde ich, werde ich …«

»Ihr wer­det ihr nicht gegen­über­ste­hen«, sage ich. Jur­gen kniet vor sei­ner Prit­sche und will gerade dar­un­ter­krie­chen. Erstaunt blickt er zu mir auf.

»Auch wenn sie sich für jede Stunde der Nacht einen Lieb­ha­ber bestellt: Sie selbst bleibt gewiss in ihrem Gemach und schlum­mert süß. Und wenn sie kurz erwa­chen sollte, wird sie lachen bei dem Gedan­ken daran, was wohl die ganze Nacht lang im Kor­ri­dor vor sich gehen mag.«

Lang­sam erhebt Jur­gen sich wie­der. Er hat unter der Prit­sche eine Art fla­che kleine Holz­kiste gefun­den.

»Ja, so wird es sein. Ver­zo­ge­nes Gör. Eine bos­hafte kleine Per­son. Ganz der Vater.« Ich wage nicht zu nicken. »Du bist ein klu­ger Mann mit einer schnel­len Auf­fas­sungs­gabe. Spielst du Schach, Koch?«, fragt er und klopft auf die Holz­schach­tel. Ich schüttle den Kopf. »Zita­delle?« Wie­der schüttle ich den Kopf. »Dame?«, fragt er wei­ter. Ich nicke.

Wir set­zen uns an das Tisch­chen mit der Duftuhr und ver­tei­len im Licht einer Kerze, die Jur­gen ent­zün­det hat, unsere Steine auf dem Spiel­brett.

 

Duftuhr:Link